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Nr. 188 Erstes Blatt (l.)

177. Jahrgang

Samstag, 13. August 1927

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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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Gietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

Das Wettrüsten beginnt.

Dor wenigen Tagen haben sich der eng­lische Thronerbe und der brittsche Premier­minister D a l d w i n von der einen Seite, Dize- präsident Dawes und Staatssekretär Kellogg von der anderen Seite auf die eben fertig- gestellte neue Drücke zwischen den Vereinigten Staaten und dem britischen Dominion Kanada begeben und in der Mitte feierliche Ansprachen ausgetauscht. Das imposante Bauwerk erhielt den schönen Damen Friedensbrücke. Die Blät­ter beider Länder, ebenso wie die bei jeder Gelegenheit gehaltenen offiziellen und inoffiziellen Reden. fliehen über von Beteuerungen, daß von einein ernsten Zwist zwischen England und den Bereinigten Staaten nie, nie, nie die Rede sein könne. Unb unmittelbar vorher haben sich wochenlang die Marinesachverständigen der bei­den Länder, zusammen mit denen Japans, heiß und heftig darüber gestritten, wie viele Kreuzer von 6000 oder 10 000 Tonnen mit sechs- oder achtzölligen Geschützen in den beiden Ländern ge­baut werden sollen und dürfenl Nachdem der Streit unfruchtbar verlaufen und eine Einigung nicht erzielt worden ist, verkündet die amerika­nische Regierung zwei Tage nach der Einwei­hung der Friedensbrücke, dah sie mit größter Beschleunigung acht neue, bereits vom Kongreh bewilligte Kreuzer bauen und in der nächsten Session der amerikanischen Dolksvertretung den Bau von zwölf großen Kreuzern Vorschlägen werde. So sieht die Friedfertigkeit aus, die von beiden Seiten dauernd beteuert wird.

Es geht mit den Beziehungen zwischen zwei Ländern nach alter Erfahrung so, wie mit dem Ruf eines jungen Mädchens: wenn man garnicht oder wenig davon spricht, ist beides ausgezeichnet. Ze mehr davon gesprochen wird, um so schlechter steht es. Menn jetzt auf beiden Seiten des Ozeans und der kanadischen Grenze unaufhörlich und in den höchsten Tönen von den ausgezeichneten, herzlichen und friedlichen Beziehungen der beiden Länder gesprochen wird, so müssen dem gewöhn­lichen Sterblichen mit gesundem Menschenverstand doch recht erhebliche Bedenken aufsteigen, wie es in Wahrheit bestellt sein mag. Alle Beschöni­gungen können die übrige Welt nicht darüber Hinwegtäuschen, daß jetzt in der Tat ein ge­waltiges Wettrüsten zwischen Ame­rika und England begonnen hat. Wer die leicht entzündbare Grundstimmung der Ameri­kaner, wer ihre Fähigkeit für sehr schnellest Umstellen, wer ihren starken Imperialismus und Militarismus, der nur von einem Mäntelchen christlicher Friedfertigkeit schüchtern umhüllt ist, wirklich kennt, der wird nicht darüber ver­wundert fein, wenn der Kongreß im nächsten Jahr noch über die vom Marineministerium vorgebrachten Wünsche hinausgeht und eine grö­ßere Anzahl von Kreuzern und Hilfsschiffen bewilligt.

Bis zum Kriege war in der gtrugen Welt die überragende Stellung Englands in bezug auf die Seerüstung anerkannt. Die amerikanische Flotte war in schnellem Aufsteigen begriffen, konnte sich aber an Zahl der Schiffe in den einzelnen Schiffsklassen noch nicht mit der eng­lischen messen. Bekanntlich chatte T i r p i h wäh­rend der langwierigen Verhandlungen mit Eng­land über die Flottenstärken einmal ein Zahlen- verchältnis von 5:3 für die englische und die deutsche gleite v»rgeschl?-»en, und dieses Zahlen­verhältnis wurde auch bei der Seeabrüstungs­konferenz von Washington 1920 Z21 für Japan gegenüber England und Amerika in bezug auf die Großkampfschiffe festgelegt. Aber damals chon hatte Amerika durchgefetzt, dah seine Flotte für die Großkampffchiffe der englischen an Stärke gleich fein solle uftb dürfe. Die Verhältnisziffern waren und sind noch heute für Gvoßkampfschiffe 5:5:3. Man ist damals über die Festsetzung dieses Verhälttrilfrs hinweggeglitten, ohne sich recht über die eigentliche innere Bedeutung des Ereignisses klar zu werden. Es bedeutete aber nicht mehr und nicht weniger als den Verzicht Englands auf seine bis dahin unbestrittene Ober­herrschaft auf den Meeren. Inzwischen ist auch den Engländern ein Licht darüber aufgegangen, Das sie in drr ersten Zeit nach dem Kriege in dem eifrigen Bestreben, die neue Freundschaft mit Amerika im Gegensatz zu dem früheren Ver­bündeten Japan zu fördern, aufgegeben haben. Nun suchen sie die verlorene Position wenig- ftens in bezug auf die Kreuzerflotte wieder iurudgugewinnen. Das ist der wirkliche Kern der langen Verhandlungen in Genf und der Auseinandersetzung mit Amerika. Es handelt !ich ganz klar unb eindeutig für England um die Beibehaltung oder Wiedergewinnung seiner überragenden Stellung zur See, für Amerika um die Sicherung der gewonnenen Gleichheit iiit England. Daß jeder Engländer, der bis 2um Kriege an das Dogma glaubte, wonach die «englische Floate mindestens ebenso stark fein müsse wie bte von zwei möglichen ©egnem, durch die Wendung der Dinge höchst unangenehm berührt ist, erscheint verständlich. Daß England ebenso eifrig wenigstens einen-kleinen Teil seines früheren Ansehens zur See wieder zurückerobern möchte, ist ebenso verständlich iXm so bestimmter ist das Verlangen Amerikas, keine Ungleichheit mehr aufkommen zu lassen. Binnen zwei bis drei Jahren wird die amerikanische Kreuzerflotte der heutigen englischen ungefähr ebenbürtig sein. Wenn die in Aussicht genommenen Neubauten im nächsten Winter bewilligt werden, so wird bei ihrer sofortigen Herstellung in drei Jahren die amerikanische Kreuzerflotte der heutigen eng­lischen ungefähr um das Doppelte überlegen lein. Es entsteht also für England die Frage,

Guter Verlauf der Pariser Verhandlungen.

Berlin, 13. Aug. Die beteiligten Ressort­minister, also in erster Linie Auswärtiges, Wirt­schaft und Finanzen, sind gestern zu einer Be­sprechung über das Handelsprovisorium mit Frankreich zusammengetreten. Es sind dabei die noch vorhandenen Schwierigkeiten zur Sprache gekommen, die den französischen Handels­minister Bokanowski veranlaßt haben, den Antritt einer auf den 10. August angesehtenl Amerikareife' zu verschieben. Die Bemühungen sind in erster Linie darauf gerichtet, in diesem Provisorium bereits die Grundlage für ein späteres, langfristiges Handelsabkommen zu schaffen, älnd in diesem Sinne bildet besonders die Frage der Dauer des Provisoriums selbst den Gegenstand von Besprechungen, wie sie gestern in Berlin innerhalb der beteiligten Stellen stattfinden. LautTägl. Rundschau" stimmten die Minister den Vorschlägen der deutschen Dele­gation in den Punkten, über die bisher keine Einigung erzielt werden konnte, zu. Hauptsächlich handelt es sich hiep um die Dauer des Provi­soriums und die Kündigungsfrist. Das Blatt nimmt an, daß die Verhandlungen in den nächsten Tagen abgeschlossen werden.

Pariser Mitteilungen.

Paris, 12. Aug. (WB.) Die Agentur Ha- vas verbreitet eine Mitteilung über den Stand der deutsch-französischen Handels­vertragsverhandlungen, worin es zum Schluß heißt: Beide Länder werden vor Ablauf dieses Vertrages unter Aufhebung der letzten Maßnahmen differenzieller Art ins Auge fas­sen, sich gegenseitig die Meistbegün­stigung im Rahmen ihrer Gesetzgebung zuzu- gestehen. Man kann es also verstehen, daß die­ses Abkommen, das nicht auf irgendeine einzige Tarifart begrenzt ist, eine besonders erschöpfende sorgfältige Ausarbeitung erheischt, sowohl an­gesichts der Interessen, um die es sich handelt, als angesichts der Gesetzgebung beider Länder. Die Unterhändler nehmen an, dah sie in kur­zer Frist zum Ziele gelangen, aber Mei­nungsverschiedenheiten bestehen noch, die, wenn sie auch, was man hoffen muh, nicht unüber­windlich sind, dennoch das gewünschte Ergebnis gefährden könnten.

An gut unterrichteten Stellen verlautet, dah mit der Möglichkeit des Abschlusses der Ver­handlungen binnen weniger Tage gerechnet wer­den kann, wenn auch eine Reihe von Fragen noch der Klärung bedürfen. Das zur Erörterung stehende Abkommen wird nach dem, was bekannt geworden ist, die Gesamtheit der Export- interefsen der beiden Länder umfassen. Die ihm nicht unterliegenden Ausnahmen beziehen sich auf wenige Punkte.

Das Abkommen erstreckt sich auf die Erzeug­nisse der großen deutschen E^portindustrien, wie die des Maschinenbaues, der Elektrizität und der chemischen Industrie; ferner aber auch auf fast alle mittleren und kleineren Exportindustrien und die Landwirtschaft. Die französischen Interessen werden dadurch berücksichtigt, daß die französi­schen Erzeugnisse landwirtschaftlicher und indu­strieller Art einbezogen werden, wobei besonders die Textilindustrie in Betracht kommt. Der lei­tende Gesichtspunkt bei den Verhandlungen war die Erlangung der beiderseitigen Meist­begünstigung für den gegenseitigen Wirt­schaftsverkehr. Demgemäß wird Deutschland durch die vorgesehene Zolltarifnovelle in den Genuß des Minimaltarifs treten. Für einige wenige Produkte ist vorübergehend noch eine unterschiedliche Behandlung vorgesehen; doch soll während der Geltung des Abkommens die Meistbegünstigung auch hier Platz greifen. Was die Laufzeit anlangt, so gilt als Ziel, grundsätzlich den beiderseitigen Wirtschaften ein dauerdes Abkommen sicherzustellen. Es handelt sich also nach alledem um eine Alebereirifunft, die nicht den Charakter eines provisori­schen Abkommens, sondern eines Handels­vertrages hat.

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Vie Hrage der Befatzungsvermindermgen.

Eigener Drahtbericht des ..Gleßener Anzeigers".

Berlin, 13. Aug. In der ausländischen, be­sonders der französischen Presse werden im Anschluß an den Pariser Kabinettsrat vorn 9. d. M. Mel­dungen und Artikel über angeblich beschlossene Ver­minderung der Besatzungstruppen im Rheinland verbreitet. Sie sind, auch soweit darin Zahlen genannt werden, bisher von französischen Amtsstellen unwidersprochen gelassen wor­den. Deutschen amtlichen Stellen ist, soweit sich heute festftellen läßt, nichts darüber mitge­teilt worden, obwohl es durchaus nahe liegt, von französischer Seite die Atmosphäre für die bevor­stehende Genfer Völkerbundstagung aus in erster Linie frynzösischen Bedürfnissen heraus durch eine Truppenreduktion günstiger zu gestalten. Die Frage der Höhe dieser Abschlagsleistung auf die von der Botschafterkonferenz am 14. November 1925 gemachte Zusage ist aber vermutlich bisher noch nicht geklärt, und die Angaben der inspirierten Presse haben deshalb zunächst wohl den Zweck, die öffentliche Meinung bei uns und anderwärts dar­aufhin abzutasten, welches Mindestmaß von Konzessionen geeignet scheint, die französische Po­litik als eine versöhnliche und entgegenkommende erscheinen zu lassen.

Die Entwicklung des Arbettsmarktss.

Eigene Drahtmeldung desGießener Anzeiger?".

Berlin, 13. Aug. Die jüngsten Veröffent­lichungen über den neuerlichen Rückgang der Erw erbslosenzahl sind geeignet, wenig­stens für den Augenblick die Besorgnisse über dieses trübe Nachkriegskapitel nicht un­wesentlich zu mildern. Damit wird von neuem bestätigt, dah die Besserung des Arbeitsmarktes, die fast ununterbrochen seit Anfang des Jahres anhält, eine stabile und 'nicht bloß eine Saison­erscheinung ist.

Im Dezember 1926, der nach der vorüber­gehenden Besserung des Herbstes wieder einen Gipfelpunkt der Erwerbslosigkeit bezeichnet, wa­ren nach einer Statistik der Arbeiterfachverbände je 16,7 v. H. ihrer Mitglieder vollkommen er­werbslos und je 7,3 v. H. Kurzarbeiter. Im März d. 3. lauten die entsprechenden Ziffern nur noch 11,5 bzw. 4,4 v. H. Im Juni nahmen diese Zahlen weiter ab, und zwar auf 6,3 bzw. 2,7 vom Hundert. Auch nach der Statistik der Er­werbslosenfürsorge zeigt sich die gleiche Ver­minderung. Ende Dezember war mit 1,75 Mil­lionen beinahe der Höchststand der Jnflations- krise, unter dem die Zweimillionen -Grenze über­schritten worden war, wieder erreicht. Ende März gab es noch 1,12 Millionen, dagegen am 15. Juli nur noch 493 000 und am 1. August nur noch 453 000. Bei der Krisenfürsorge, die unlängst zunächst bis 30. September d. I. verlängert wor­den ist, war allerdings in der Zwischenzeit eine Steigerung eingetreten: Don 138 000 im Januar, 283 000 im März, 203 000 im Juni wird die Kurve gezeichnet, deren Höhepunkt mit 226 000 am 15. Mai überschritten wurde. Auch die Zahl der Zuschlagsempfänger hat sich dem­entsprechend ständig verringert. Während sie z.B. am 15. Juni noch 663000, am 1. Juli 597 000, am 15. Juli 544 000 betrug, ist sie bis Ende Juli auf 503 000 zurückgegangen.

Bei der Betrachtung dieser Zahlen darf trotz ihrer Stetigkeit der Saisoneinfluß nicht außer acht gelassen werden. Landwirtschaft und Baugewerbe haben selbstverständlich und regel­mäßig einen größeren Bedarf an Arbeitskräften in der warmen Jahreszeit als in den Winter- monaten. Und auch insoweit sie nicht selber Ar­beitskräfte aufnehmen können, wirkt ihre ver­mehrte Ak.ivität auf eine ganze Reihe anderer Derufsgruppen zurück, die davon profitieren.

Aber darüber hinaus bleibt doch noch ein sehr starkes Kontingent an wiederaufgenvmmenen Ar­beitskräften, die von der allgemein leb­hafteren Wirtschaflskonjunktur p o- fitieren, wie sie sich auch in den Berichten der Reichspost, der Reichsbahn unb der Finanzinsti­tute übereinstimmend mit dem Bilde der Be- schäftigungsstatistik spiegelt. Eine übertriebene Zuversicht darf jedoch auch an diese erfreuliche Entwicklung nicht geknüpft werdet denn erstens sind wir gegen Konjunkturrückschläge keineswegs gesichert, und zweitens wirkt sich gerade der Umstand, der als Antrieb für die ganze oben geschilderte Entwicklung gedient hat, also vor allem die Ankurbelung der Bautätigkeit, als­bald wieder in umgekehrter Richtung aus, toenn ein vorzeitiger strenger Winter die Bauperivde unterbrechen würde. 3m Interesse der Hundert­taufende, die wieder Aufnahme in das Getriebe der Wirtschaftsmaschine gesunden haben, und der andern Hunderttausende, die durch die großen Umschichtungen der Kriegs- und Nachkriegszeit noch immer aus diesem Getriebe cmsgeschaltet sind, bleibt uns nur die Hoffnung, daß keiner von den beiden Umständen eintreten möge, die eine nun schon im achten Monat stetig anhaltende günsttge Entwicklung gefährden formte.

Nach dem VersasfMMtag.

Das alte Lied aus Frankreich.

Paris, 12. Aug. (WTB.) DerT e m p s" polemisiert in seinem Leitartikel in schärfster Weise gegen die gestrige Rede des Abgeordneten v. K a r d o r f f. aus der er vor allem hervor­hebt, daß der Versailler Vertrag Schmach über Schmach auf das deutsche Volk gehäuft habe. Das Blatt erklärt, Herr v. Kardorff vergesse, dah die einzige Schmach, die auf Deutschland laste, diejenige sei, die ihm der Krieg eingetragen habe, den es unter Verletzung der Verträge vor­bereitet und entfesselt und über vier Jahre lang mit den barbarischsten Mitteln geführt habe. Er vergesse, daß die einzige Verletzung der deut­schen Ehre die Haltung der Führer der kaiser­lichen Armee gewesen sei, die mit leichtem Herzen die Verantwortung für die abscheulichste Ver­letzung des Völkerrechts übernommen hätten. Trotz Genf, trotz Locarno und trotz aller Zuge­ständnisse und Erleichterungen im besetzten Gebiet bestehe für zu viele Deutsche die Politik lediglich in einem grimmigen Haßgesang gegen die Ratio­nen, die die Opfer des Angriffs von 1914 ge­worden seien. Das sei ein Geisteszustand, gegen den die Vernunft machtlos fei und der auf die Dauer den ehrlichsten Willen zu ermüden drohe. Daß eine Rede wie diese in einer feierlichen Reichstagssihung anläßlich des re publikani - scheu Verfassungstages von einer Per­sönlichkeit gehalten werden konnte, die sich nicht einmal mehr zum unbedingten Nationalismus bekennt, und die grundsätzlich die Politik der Entspannung und der Verständigung pflege, sei nicht dazu angetan, die schwere Ausgabe Strese- manns zu erleichtern und gebe zu beöenfen, daß noch viel zu tun übrig bleibe, ehe die moralische Abrüstung jenseits des Rheins eine Wirklichkeit werde, auf der man eine solide Friedenspolitik aufbauen tonne.

DasJournal des D 6 b a t s" glaubt drei Hintergedanken in der Rede Kardorsfs ent­decken zu können, und zwar an der Stelle, da er seine äleberzeugung zum Ausdruck bringt, dah keine Macht stark genug sein würde, um die Vereinigung Oesterreichs mit Deutschland zu verhindern, ferner: da er betont, der Dawesplan gehe über die Mög­lichkeiten Deutschlands hinaus, und endlich: da er von den Deutschen oder angeblichen Deutschen sprach, die dem Vaterland entrissen wor­den feien, mit dem sie aber ein viel zu enges Banv vereine, als dah es durch Grenzpsähle zerrissen werden könne. Das bedeute, so erklärt dasJournal des Debets", die Politik von Locariw für den Wortführer einer der haupt-

ob es den von Amerika hingeworfenen Handschuh au^nehmen und den Vorsprung, ben es heute besitzt, aufrechterhalten will. Das ist eine poli- tisch^, militärische und nicht zuletzt finanzielle Frage, vor bereu Entscheidung England steht. Wie wird die Antwort lauten?

Hindenburg in Bayern.

München, 12. Aug. Reichspräsident o. Hin­denburg traf heute vormittag von Berlin in München ein. Ein offizieller Empfang soll auf Wunsch des Reichspräsidenten nicht stattfinden. Zur Begrüßung waren erschienen Reichsbahnoberrat Münz, Vertreter der Polizeidirektion München und Oberbahnamlmann Rubenbauer. Vor dem Bahnhof hatten sich Hunderte eingefunden, die dem Reichspräsidenten lebhafte Huldigungen bereiteten. Mit einem Kraftwagen der Landespolizei fetzte der Reichspräsident, begleitet von feinem Schn, die Fahrt nach D i e t r a m s z e l l fort. Bei der Abfahrt jubelte die Menge ihm lebhaft zu.

Fuldaer Bischofskonferenz und Konkordatsverhandlungen

Berlin, 12. Aug. Die Fuldaer Bischofs- konferenz hat zu den Konkordatsver­handlungen eine von Fürstbischof Bertram.-

Breslau unterzeichnete Erklärung beschlossen, die derGermania" zusolge folgenden Wortlaut hat:

Die Kunde von Verhandlungen, die zwischen dem Vertreter des Heiligen Stuhles und der Staatsregie­rung über Neuordnung von Verhältnissen der katho­lischen Kirche in Preußen eingeleitet find, hat Anlaß gegeben zu einer Bewegung in nicht katholischen Kreisen, die den Episkopat mit Sorge erfüllt. Die in der Fuldaer Bischofskonferenz vereinigten Oberhirten haben daher beschlossen, die nachstehende Erklärung der Oeffentlichkeit zu übergeben: Die von gewisser Seite ausgestellte Forderung, der Staat solle die ein« fchlägigen Angelegenheiten selbständig durch Staats­gesetz regeln, beruht auf einer irrigen Voraussetzung. Die von Christus dem Herrn gegründete Kirche leitet ihre Befugnisse unmittelbar von Christus und nicht von der Autorität des Staates ab. Staatliche und kirchliche Autorität sind jede auf ihrem Gebiete felbftändig. Daraus folgt von selbst, daß in Angelegenheiten, die gemeinsamer Natur sind und die Rechts- und Aufgabengebiete beider Autoritäten berühren, die Verhältnisse durch Vereinbarung beider geordnet werden müssen. Solche Neuord­nung ist nach der tiefgreifenden Umacftaltung von Verhältnissen des öfsentlichen Lebens, die im letzten Jahrzehnt eingetreten ist, notwendig gewor­den. Für die katholische Kirche ist zur Neuordnung nicht der einzelne Bischof, auch nicht die Bischofs- konserenz zuständig, sondern der Apostolische

Stuhl, da nach katholischer Glaubenslehre der Jurisdiktionsprimat des Römischen Papstes als Nachfolger Petri, auf Christi Einsetzung beruhend, die Leitung der Gesamtkirck-e umfaßt, während dem einzelnen Bischof nur die Hirtengewalt in der einzel­nen Diözese übertragen ist, um in ihr nach des Apostels Wortdie Kirche Gottes zu regieren" in Unterordnung unter die höchste kirchliche Autorität. Daher hat das ganze katholische Volk ein Anrecht daraus, daß die Neuordnung der Verhältnisse der keineswegs ein Uebergriff in das Gebiet der staatlichen Zuständigkeit zu befürchten ist, durch Verhandlungen mit dem Heiligen Stuhle er­folge. Diese Verhandlung unmöglich zu machen, würde ein Eingriff in die Rechte der kirchlichen Auto­rität und des katholischen Volkes sein, das nie und nimmer auf die Forderung verzichten wird, daß die Neuordnung der einschlägigen Verhältnisse auf dem Wege erfolge, der ebenso den unveräußerlichen Rech­ten der katholischen Kirche, wie der Stellung des Staates entspricht. Es würde nicht zum Frieden dienen, wenn solche Neuordnung in einer Weise an­gestrebt würde, die auf die Grundrechte der katho­lischen Kirche nicht geziemende Rücksicht nähme. Einzig zur Behebung von Irrtümern über die Natur und Notwendigkeit der schwebenden Verhandlungen und damit zur Wahrung des öffentlichen Friedens möge diese unsere Erklärung dienen.