Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesfen)
Donnerstag 15. Januar 1927
Nr. 10 Drittes Blatt
Landesversammlung des hessischen Landbundes.
(Don unserer Darmstädter Redaktion.)
e Darmstadt. 11. Ian.
3m Zusammenhang mit der Hessischen Landwirtschaftlichen Woche halten auch landwirtschaftlich« Organisationen ihre Tagungen in Darmstadt ab. Als erste begann heute nachmittag der Hessische Landbund mit einer ß a n b c 6 d cr- sammlyng im städtischen Saalbau. die von über 1000 Personen besucht war.
Der Vorsitzende' des Hessischen Landbundes, Dr. von Helmolt, begrünte die Anwesenden und erstattete dann den Geschäftsbericht, wobei er der im Lause deS Jahres Verstorbenen gedachte.
Landtaysabgeordneter Dr. Leuchtgens erstattete hieraus Bericht über die hessische Politik: er gab darin einen Rückblick über das letzte Jahr und eine Vorschau in die kommende Zeit Cr führte etwa aus: Der Landbund ist im Landtag, der 70 Abgeordnete zählt, nur mit 9 Mitgliedern vertreten: das entspricht nicht der Bedeutung der Landbevölkerung. Der Landbund ist in schärfste Opposition zur Regierung getreten, die im wesentlichen eine Vertretung der Großstadt ist. Die Opposition des Land- bundes ist nicht in der Absicht geschehen, der Regierung Schwierigkeiten zu bereiten, sondern wir stimmten auch Maßnahmen der Regierung zu, wenn tpir sie für gut fanden. Gegenüber der Großstadtregierung der Sozialdemokraten und Demokraten muh man sich fragen: Wie steht es mit der Beteiligung der Landwirte an der Regierung? Der Bauernstand hat dasselbe Recht wie die Arbeiterschaft: wir müssen fordern, daß wir in der Regierung mittaten und mitraten. Warum soll nicht einmal eine Regierung möglich fein, die die Sache von der anderen Seite anpackt, die Sparsamkeit übt? Es wird dann besser werden in Hessen, zwar nicht von heute aus morgen, aber es wird besser. Wir müssen nur versuchen, unsere Ideen durchzusetzen. Der Glaube und die Zuversicht an unsere Sache wird uns weiterhelfen. Der Redner schloh mit den Worten des Dichters Eäsar Fleischlein, in denen Ausdauer. Glaube und Zuversicht gepriesen werden.
Landtagsabgeordneter Oekonvmierat D r ü - gel - Dürnberg, Direktor des Bayer. Landbundes sprach über die wirtschaftspolitische Lage in Deutschland. Er entbot Grüße der bayerischen Landwirte, wies auf das Landauer Urteil hin und auf die gegenwärtige Regierungskrise im Reich, die er in längeren Ausführungen erörterte. Gr bemerkte u. a., es wäre besser gewesen. wenn die Deutschnationale Partei in der Regierung geblieben wäre (vielfache Zustimmung). Im Anschluh an diese Bemerkung ging der Redner näher auf die Versuche zur Deutz ildung der Reichsregierung ein. Er schloh feine Darlegungen mit einem Hoch auf das deutfche Volk. Die Versammlung fang im Anschluß hieran das Deutschlandlied.
Es folgten Ansprachen des Landwirtes F u n k - Harreshausen, des Vorsitzenden des Hessischen Iunglandbundes, und des Landwirtes Schmidt- Steinheim, des Vorsitzenden des LaTtdjugendbundes Oberhessen. Landtagsabgeordneter Glaser sprach für einen Zusammenschluß der Landwirte und forderte auch für das Reich reine Landlisten für die Wahlen. Reichstagsabgeordneter Dorsch schilderte den Verlauf der Reichstagssitzung, die zum Sturz Der Regierung führte: er widmete dann eingehende Betrachtungen den gesetzgeberischen Aufgaben. Am Schluß der Versammlung wurde nachstehende Entschließung einstimmig angenommen:
Die Dotlage der deutschen Landwirtschaft besteht nahezu unvermindert fort, trotz scheinbarer Besserung der Marktlage. Die Preissteigerung aus manchen Gebieten des landwirtschaftlichen Marktes ist mehr als aufgehoben worden durch die schlechte Ernte des verflossenen Jahres. Die E^istenzfähigkeit der deutschen Landwirtschaft muh sicher fundiert werden. Gleichmäßige, mittlere Preise als Mittel hierfür siird das wirtschaftliche Ziel der Landwirtschaft. Die Produktionskosten des landwirtschaftlichen Betriebs und seine steuerliche und soziale Be
lastung haben sich im abgelaufenen Jahr nicht vermindert. Die alte Steuernot, insbesondere auch die Hebet belastung der Landwirtschaft mit Lande-- und Gemeindesteuern ist gleich geblieben. Dabei müssen Haupteinnahmeprodukte gerade der kleinen Landwirte, wie z. B. die Milch, nach wie vor unter den Selbstkosten verkauft werden: andere Produkte des Kleinbetriebs: Gärtncreierzeugniffe. Obst und Wein find in den Handelsoerlragsverhandlungen den Illusionen des Ausfuhrhandels geopfert worden. Don der Landwirtschaft lebt — mittelbar und unmittelbar — ein Drittel des deutschen Volkes: die Landwirtschaft ist immer noch die größte deutfche Industrie. S i e lebensfähig zu erhalten und zu wirtschaftlichen Höchstleistungen zu fördern, muh die Hauptsorge der deutschen Wirtschafts- Steuer-, Finanz- und Staatspolitik sein. Wir fordern zu diesem Behuse auf den genannten Gebieten folgende dringlichen Maßnahmen:
1. Lückenloser Zollschutz für die landwirtschaftliche Produktion, vor allem auch für Milch und Molkereiprodukte, Gärtnereierzeugnifse, Obst,
Wein und Kartoffel: dazu Anpassung der bestehenden Zollsätze an die gesteigerten Industrie- zolle.
2. Wesentliche Herabsetzung der steuerlichen und sozialen Lasten.
3. Vereinfachung des Steuersystems
4. Senkung des Zinsfußes für Hypochekar- kredite.
5. Vereinfachung des DerwaUungsapparats des Reiches, der Länder und der Gemeinden: Senkung der Staatsausgaben auf ein der allgemeinen Verarmung entsprechendes Maß.
6. Heranziehung der Landwirtschaft entsprechend ihrer Stärke und völkischen Bedeutung zur Äsung der Aufgaben des Staates.
Der größte Teil unserer Forderungen wird schon seit Jahren erhoben, ohne daß Regierungen und Parlamente sie zu hören scheinen. Wir warnen die verantwortlichen Stellen, auf diesem Wege der Dichtachtung landwirtschaftlicher Wünsche weiter zu gehen. Auch die Geduld der Bauern hat ein Ende: Es darf nicht gegen die Bauern regiert werden!
Die Entlassung Bismarcks.
Uneröffentlichtes von Bismarcks Rechtsanwalt.
Das neue Sonderheft ..Katechismus deutscher Politik" der Süddeutschen Monatshefte bringt unleV den erstmals dort veröffentlichten Erinnerungen von Bismarcks langjährigem Rechtsbeistand, dem verstorbenen Justizrat Philipp, die Darstellung der Entlafsung des großen Kanzlers, aus deren immer wieder erschütterndem Gang wir folgendes anführen können:
... And nun begann der Fürst in langer Auseinandersetzung mir die Geschichte seiner Entlassung zu erzählen und dabei seine volle Verbitterung ohne jeden Rückhalt auszuschütten. Es kam mir vor, als ob ich vielleicht der erste ganz Unbeteiligte war, vor dem er endlich das gemütliche 'Bedürfnis, rückhaltlos sich auszuspre- chen, befriedigen konnte. Es dauerte lange: kaum war eine Zwischenbemerkung zu machen. Ich fühlte mich so gepackt, daß es schwer war. den Zusammenhang festzuhalten, zumal der Fürst in der Erregung von diesem auf jenes absprang, Persönliches und Sachliches in bunter Reihe mischte.
„D e r junge Herr (Wilhelm II.) ist von Schmeichlern umgeben; er ist ganz in dem Gedanken, ein großer Mann zu fein. Er traut sich zu, alles allein zu können; ein Friedrich der Große soll er sein; ja au$ an Alexander und Eäsar mag gedacht sein. Friedrich der Drohe Hai ohne Reichskanzler und Minister regiert; soll er nicht dasselbe können? Dur noch Diener, die seine Befehle ausführen, will er haben." Das sei die Auffassung, die schon längst den Entschluß zur Reise gebracht habe, den Fürsten zu beseitigen. „Aber man ist nicht ehrlich mit mir vorgegangen; Heuchelei und Unwahrheit ist angewandt. Wäre man offen mit mir verfahren, so hätte ich mir das gefallen lassen müssen; aber es wäre doch anders gewesen."
Jetzt wisse der Fürst, daß die Sache schon spiele, feit er nach Berlin gekommen sei, und daß der junge Herr seitdem immer weiter hineingehetzt sei. „Wie kann man mir zutrauen, so gern ich auch in meinem hohen Alter zur Ruhe habe kommen wollen, daß ich freiwillig mein Werk im Stich lasse, daß ich unter so schwieri- §en Umständen die Flinte ins Korn werfe. Ich in völlig bereit gewesen, auch diesem Reichstag gegenüber den parlamentarischen Kampf zu übernehmen; ich habe mir das vollständig zugetraut , ich bin gesünder als je, — und mit meinem Ansehen hätte ich wohl noch das Dotwendige durchgelämpst."
Zuerst habe es sich nur darum gehandelt, daß der Fürst seine preußischen Aemter aufgebe. Als er es aber beschlafen habe, da habe er doch die ruhige Ueberlegung wiedergefunden und die große Verantwortung gegenüber dem ganzen Werk und der Dynastie empfunden. Er habe sich llargemacht, zu welchen unmöglichen Konsequenzen solche Teilung der Aemter führe. Dann habe er dem Kaiser
das ausführlich auseinandergefeht; anscheinend habe dieser es einge'ehen und ausdrücklich erklärt: „Dann bleibt also alles beim alten.“ So wenig habe der Kaiser anscheinend daran gedacht, ihn aufzugeben, daß alles Dötige für den Reichstag, der etwa am 10. April habe zusammen- treten sollen, namentlich über d:e Militärvorlage, genau festgesetzt und die ganze Kampagne sorgfältig verabredet fei. Schließlich habe der Fürst noch gesagt: „Sollte ich wider Erwarten mit dem Reichstag scheitern, so würde es Zeit für mich sein, zurückzutreten."
Die Intrigen seien dann weitergegangen. Auf Grund völlig falscher Berichte, die der Fürst sofort durchschaut habe, wollte der Kaiser au der russischen Grenze Militär zusammenzie'en und Oesterreich alarmieren. Mit Mühe habe der Fürst es verhindert. Dachher sei ihm vorgeworfen worden, er habe dem Kaiser nicht alles vor- gelegt. Das fei eine Lüge; aber auch wenn er falsche Berichte für sich behalten hätte, so sei er als der allein verantwortliche Leiter des auswärtigen Dienstes dazu auch berechtigt und unter Umständen verpflichtet gewesen. „Ober soll ich mit den mir untergeordneten Kräften vor dem Kaiser kämpfen? Wie hätte ich wohl mit Arnim und Goltz so fertig werden sollen?"
Dann habe der Kaiser sich auch in seine häuslichen Angelegenheiten, in seinen Verkehr mit Abgeordneten gemischt. Wie könne es wohl dem verantwortlichen Leiter der Politik abgeschnitten werden, mit Abgeordneten in Verkehr zu treten und sich zu unterhalten? Immer stärker hätten sich die Einflüsse bet Schmeichler und Einbläser geltend gemacht; der Kaiser könne es nicht mehr ertragen, pflichtmäßigen Widerstand zu finden. — Daß der Fürst sich auf die Kabinettsorder von 1852 zurückgezogen habe, sei ja nur etwas Formales gewesen; was materiell darin gelegen, habe er in seinem Ent- lassungsaesuch ausgeführt; es habe sich darum gehandell, ob materiell überhaupt noch eine verantwortliche Leitung der Politik möglich fein sollte. Da habe er den Auftrag bekommen, die Aufhebung der Kabinettsorder ins Werl zu sehen, und als er dies ablehnte, seine Entlassung zu nehmen. Zwölf Stunden nachher habe her Kaiser ihm schon den Chef des Militärkabinctts und bann auch den des Zivilkabinetts geschickt, warum das En11 a s s ungsgesuch noch nicht fertig fei.. Zwölf Stunden feien dem Kaiser zu viel gewesen, um ihm, dem alten Mann, der vierzig Jahre der Dynastie gedient habe, Zeit zu lassen, das umfangreiche Schriftstück aufzusehen, das er mir zur Durchsicht gegeben habe. „Unh bann ist schließlich alles verbeckt. als ob man mich zu halten versucht hat. Dann bin ich mit Ehren überschüttet, dann sind mir Ehren- kompagnien gestellt, während man b i e Stunden nicht abtoarten konnte, mich zu beseitigen. Ich alter Mann könnte mich ja freuen,
Oer Frosch mit derMaske
Nomon von Edgar Wallace.
89 Fortsetzung. Nachdruck verboten
„3a, doch. Er fragte mich, ob ich feine Freundin fein wollte. Wenn es jemand anderer als Herr Maitland gemejen wäre, so hätte ich mich geängstigt, aber er kam so rührend, so alt, jo flehend zu nur, tr sagte fortwährend: „Froilein, ich werd Sie was faani Aber so oft er zu sprechen begann, saj> er tndjroefen um sich. Er bat mich, in jein Auto zu steigen, natürlich lehnte ich ab, bis ich entdeckte, daß der Chauffeur eine Frau fei. Eine sehr alte Frau, seine Schwester. Es war ein höchst merkwürdiges Erlebnis. Ich glaube, sie muß beinahe siebzig Jahre alt sein. Und sie trug den Rock eines Chauffeurs. Etwas Lächerlicheres konnte man sich nicht Vorsteven. Ich fuhr mit ihm zum Walde und fragte ihn: „Kommen Sie wegen Ray?* Aber er war gar nicht wegen Ray gekommen. Er sprach so unzusammenhängend, so sonderbar, daß ich wirklich nervös wurde. Und als er bann erst ongefangei: halte, sich ein wenig zu fassen und ein paar zusammenhängende Bemerkungen zu machen, kamr Ihr im Auto heran. Er war sehr erschrocken unb bebte am ganzen Körper. Er bat mich, fortzugehen unb fiel beinahe auf die firne, um mich zu bitten, haß ich nur ja nichts darüber sagen sollte, das ich ihn je gesehen hätte." .
Was?" sagte John Bennett unb stieß feinen Stuhl zurück. „Und du hast gar nichts erfahren?" Eie schüttelte den Kopf. 2
„Ich konnte die Hälfte von dem. was er sagte, nicht verstehen. Er sprach halblaut, und «ch habe dir ja gesagt, wie rauh seine «stimme ist.
Bennett saß einen Augenblick mit niederge Mäzenen Augen da, während er über das Gehörte vachbachte. . . .
„Wenn er das nächste Mal kommen sollte, so wäre es besser, du ließest mich mit ihm sprechen , tagte er. „ ,.
„Das glaube ich nicht, Papa", sagte sie ruhig. ,Lch habe das Gefühl, daß er mich um Hilfe bitten Wollte."
„Ein Millionär, der dich um Hilfe bittet, Ella? Dos klingt doch wohl verwunderlich!
„Es ist auch verwunderlich," sagte sie, „er schien mir nicht halb so schrecklich, als bas erste Mal. Es ist etwas tragisches um ihn, etwas sehr Trauriges. Und heute nacht wird er wieder kommen, ich habe es ihm versprochen, mit ihm zu reden. Erlaubst du es?"
Der Dater überlegte.
.Ja, du kannst mit ihm sprechen. Aber du darfst nicht aus dem Garten hinausgehen. Ich verspreche dir, baß ich mich nicht zeigen werde, aber ich werde in der Nähe bleiben. Und du glaubst nicht, daß es sich um Ray handelt?"
„Das glaube ich nicht, Papa Mailland ist Ray und was mit ihm geschehen soll, ganz gleichgültig. Ich möchte nur gern wissen, ob ich überhaupt jemandem davon erzählen soll?"
„Kapitän Gordon?" riet der Baker trocken, und das Mädchen errötete. „Magst du den jungen Mann gern leiden, Ella?"
„3a", sagte sie nach einer Pause. .Ich habe ihn sehr gern."
„Aber hoffentlich nicht zu gern, Liebling , sagte John Bennett, unb ihre Augen trafen sich.
„Warum nicht?" Es kostete sie Ueberrombung. zu fragen. . w
Well cs nicht wünschenswert ist", antwortete Bennett. „Ich mochte nicht. Saß du Kummer haben sollst. Unb ich sage dir die?, weil ich weiß, daß ich die Ursache sein werde, falls du Kummer haben solltest!" Ella wurde blaß unb sagte:
„Unb was wünschest du, daß ich tun soll?"
Er erhob sich langsam, ging auf sie zu und legte ben Arm um sie. „Was immer bu auch tun wirft, Ella, ich mutz für meine Sünden leiden. Vielleicht wirb er es nie erfahren. Aber ich habe aufgehört, auf Wunder zu bauen."
„Was meinst du, Vater?" fragte sie angstvoll.
„Vielleicht." Er überlegte eine Weile. „Vielleicht erreiche ich boch etwas durch den Film, den ich gestern ausgenommen habe. Ich habe das zwar nun schon oft gesagt unb von vielen Dingen geglaubt. Die ich unternommen habe. Der Mann, der die Bilder kauft — er hat ein Geschäft in der Wardour- strahe — sagte mir, daß die Qualität meiner Filme sich bei jeder neuen Aufnahme bessere. Ich nahm eine Entenmutter in ihrem Nest auf, gerade als die Jungen auskrochen. Ich weiß noch nicht, wie dis Bilder sich beim Entwickeln ausnehmen werden.
denn ich war vielleicht ein bißchen zu weit vom Nest entfernt---"
Ella setzte das Gespräch von vorhin nicht weiter fort. Am Nachmittag sah sie einen fremden Mann auf der Straße dem Haustor gegenüber stehen, der sich Maytree Haus ansah. Es war ein gutangezogener Herr, den sie wegen seiner runden Brillengläser für einen Amerikaner hielt. Und als er sie ansprach, ließ ihr auch sein neuenglischer Akzent keinen Zweifel darüber.
„Irre ich mich, wenn ich Sie für Fräulein Bennett halte?" fragte er. Und als sie nickte, stellte er sich vor. „Mein Name ist Broad, ich habe mich gerade in der Gegend hier ein wenig umgesehen, und es kam mir in Erinnerung, daß Sie irgendwo in der Nachbarschaft wohnen sollten. Ihr Bruder hat mir das gesagt."
„Sind Eie ein Freund von Ray?" fragte Ella.
„Das wohl nicht", sagte Broad mit einem Lächeln.
„Ich bin, was man eine Klubbekanntschaft nennt."
Er machte keinen Versuch, näher zu kommen. Und anscheinend erwartete er auch nicht, infolge seiner Bekanntschaft mit Ray ins Haus eingelaben zu werden. Im Gegenteil, nach einer Bemerkung über bas Wetter, aus deren Anwendung hervorging, daß er sich die englischen Bräuche schon völlig zu eigen gemacht habe, entfernte er sich nach der Waldstraße hin. Es war dies ein Lieblingsstand- play der Autoausflügler, und es überraschte Ella nicht allzusehr, als sie Broad einige Augenblicke später im Auto oorbeifahren sah. Herr Broad lüftete den Hut, während er oorüberfuhr und grüßte jemanden, ben sie nicht sah. Ihre Neugierde ward aufgestachelt, sic öffnete die Türe unb trat auf die Straße hinaus. Auf einem Baumstumpf saß ein Mann, der die Zeitung las und aus einer großen Pfeife rauchte.
Eine Stunde später, als sic wieder hinaustrat, war er noch immer da. Aber diesmal war er auf- gestanden.
Es war ein großer Mann, der wie ein Soldat aussah und der den Kopf zur Seite drehte, als sie in seine Richtung blickte. Aus irgendeinem Grunde schien Maytree Haus unter Beobachtung zu stehen.
Zuerst hatte Ella Angst, aber dann bekam sie fast Lust, ms Dorf hinabzugehen, um Elk zu telc-
xur Ruhe zu kommen, wenn nicht alle« so unberechenbar ernst läge.
Alles glaubt her Kaiser allein zu können und er will nur noch Minister ohne jede Selbständigkeit, nur zur Ausführung feiner Befehle. Das ist ja selbst in her absoluten Monarchie nicht möglich; aber wie soll cs bei uns möglich fein? äs ist bart, nach dem was ich geschaffen und mit äußerster Anstrengung und Vorsicht gehalten habe, so hinausgedrängi zu werden: einmal kann ich das vor der Geschichte nicht verantworten, daß man mir die Feigheit zutraue, freiwillig, solange mir noch ein Atemzug in meinem Alter bleibt, davongelaufen zu sein. Dann aber sehe ich sehr schwarz in die Zukunft. — Dach all meiner Menschenerfahrung ist her Kaiser nichts von dem, wofür er sich hält. In Wirllichkeit jagen sich bei ihm die Gedanken, und er hat nichts gelernt, ilnb dann um ihn nur noch eine Umgebung, die nicht einmal von her Technik des hidiomatischen Dienstes etwas kennt, die auch in gar nichts mehr selbständig sein soll. — Als Reichskanzler ein General. her nur dem Kriegsherrn als Solhat zu Dienst ist, wie er selbst erklärt, und als Staatssekretär des Auswärtigen Marschall, her nicht einmal her Sprache genügend mächtig ist, unh höchstens zeigen kann, wie von her staatsanwait- lichen Karriere aus sich auswärtige Politik betreiben läßt. — Die Umftänhe sind s o schwierig wie möglich: nur mit meinem persönlichen Ansehen unb dem Vertrauen, das man mir schenkt, ist seit Jahren alles so gehalten. Von Frankreich brauche ich nicht zu sprechen: aber als ich den russischen Kaiser zuletzt sprach, hat er mir gesagt: .Kann ich mich denn auch daraus verlassen, daß Sie im Dienst bleiben?* Ich habe ehrlich erwidert, ich glaubte das volle Vertrauen meines Herrn zu haben, und ehe er meine Entlassung nicht aus dem Reicksanzeiger erfahre, brauche er nicht daran zu denken. .Und Ihr Sohn Herbert steht ganz in Ihren Auffassungen unh wird auch danach arbeiten?" Dgrauf können Majestät sich verlassen. .Und WalLersee?' fragte er weiter. .Ist nur un courtisan, Majestät!"
hessische Landwirtschaftliche wache.
(Bon unserer Darmstädter Redaktion.) Darmstadt. 12. Januar.
Am heutigen Mittwoch waren die Vorträge der Hessischen Landwirtschaftlichen Woche wieder sehr start besucht. Len ersten Vortrag hielt Landwirtschaftsrat Buß, Direktor der Saatzuchtanstalt der Badischen Landwirtschastskamme, in Rastatt, über
„Neuzeitliche Fragen aus dem Gebiete de» Acker- und Pflanzenbaues".
Der Redner betonte den außerordentlichen Wert bei bäuerlichen Wirtsck-astsberatung, damit die Er rungenschaften der Wissenschaft den fileinbauern zu geführt werden. Notwendig ist eine Produktions verbillgung. In den Kleinbetrieben lassen sich ma schinelle Vorrichtungen nicht in dem Matze benutzen wie in großen, darum ist bei ihrer Anschaf sung Vorsicht geboten. Auch die beste Sorte Kar löffeln ober Getreide hat keinen Wert, wenn die Bodenbearbeitung im Argen liegt. Notwendig ist ein Pflügen vor Winter, auch etwas tiefer als üblich (Tiefe bis 35 Zentimeter, Bodenwendung etwa 15 Zentimeter). Nicht vernachlässigt werden darf die Arbeit mit der Ackerschleppe. Wenige Tage naa) der Saat ist der Acker abzueggen. Die Egge spielt überhaupt bei der Steigerung der Produktion eine große Rolle. Wenn es uns nicht gelingt, billiger zu produzieren, werden wir auch keine besseren Zeiten erleben. Die Hederichbekämpfung hat nur bann Werl, wenn sie in einer Gemarkung gemeinschaftlich durchgeführt wird. Die Prüfung der Einzelkornmaschinen hat in Baden ergeben, daß es nicht möglich war, eine richtige Verteilung der Körner auf dem Boden zu erreichen; die Saat war meistens zu dünn. Nicht Dünnsaat oder Dicksaot Ist dos richtige, sondern die No?malsaat. Bei der Saat ist möglichst im Frühjahr mit dem Hafer zu beginnen, Gerste kann etwas später gesät werden. Wo der Futterbau eine Rolle spielt, ist das Walzen unbedingt notwendig; am besten werden Walzen auf genossenschaftlichem Wege beschafft. Nachdem der
phonieren und eine Erklärung zu verlangen. Sie ging zeitig zu Bett und stellte den Wecker auf drei Uhr.
Sie erwachte, noch bevor die Glocke Alarm geschlagen hatte, zog sich rasch an und ging hinunter, um ein wenig Kaffee zu kochen. Als sie an der Türe ihres Vaters vorbeiging, rief er sie an: „Ich bin auf, falls du mich brauchen solltest, Ella."
„Vielen Dank, Papa", sagte sie herzlich. Sie war froh darüber, ihn in ihrer Nähe zu wißen.
Das erste Licht zeigte sich am Himmel, als Herrn Maitlands Silhouette sich gegen die Dämmerung abhob. Ella vernahm das leise Knacken des Türschlosses, da er die Gartentüre öffnete.
Diesmal hatte er feinen Wagen eine kleine •streite vom Haufe entfernt warten lassen. Er schien sehr nervös und vermochte im Augenblick kein Wort hervorzubringen. Sein schwerer, abgetragener Ueberrock war bis zum Halse zugeknöpft und eine große Kappe bedeckte seinen kahlen Kops.
„Sin Sie es, Frollein?" fragte er in rauhem Flüstertöne.
„Jo, Herr Maitland."
„Wolin Sie nich mit mir spazieren gehn? Ich muß Sie etwas sagn, etwas jebr Wichtiges."
„Wir wollen im Garten, spazieren gehen", sagte sie, die Stimme senkend. Er hielt sie zurück.
„Wenn man uns aber sehn wird, was? Schöne .Geschichte für mich! Grad nur ein Stücksken die Straße rauf, Froilein", bat er.
„Es wird uns niemand hören", tröstete Ella sanft.
„Wir können ja auf den Rasenplatz gehen, es stehen einige Stühle dort."
„schläft allens? Alle Dienstmächens?"
„Wir haben keine Mädchen", lächelte sie.
Er schüttelte den Kops. „Schad is nich drum. Ich Lann sie nich ausstehn. Sechs fierte in Uniform hab ich bei mir zu Haus, machn mir .immer eine Moros bange."
Sie führte ihn über den Rasenplatz, legte ein Kissen in seinen Sessel und wartete.
Der Anfang auch der vorigen Unterredung hatte ziemlich aussichtsreich geschienen, aber nach einer Weile hatte Herr Maitland sich in Abgründe des Gespräches verirrt, so daß Ella nicht mehr nachzii- folgen vermochte.
(Fortsetzung folgt.)


