Nr. 60 Zweites Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger |ür Gberhegen,
sumslag, 12. tttarz (927
Königin Viktoria von England in ihren Briefen.
Das lebhafte Interesse, das wie bei uns so auch in England der Geschichte unserer Lage entgegengebracht wird, Hal auch drüben eine Flut von Biographien, Memoiren und Briessamm- lungen verursacht. Kaum einer der Staatsmänner des Weltkrieges, der nicht über seine Tätigkeit im Dienst der englischen Krone einen mehrbändigen Rechenschaftsbericht abgelegt hat. Die Schatzkanzler Lloyd George und Churchill, der Staatssekretär Edward Grey, der Botschafter Buchanan. Asguith, der Premier beS Weltkrieges. sie alle haben zur Zeitgeschichte wertvolle Memoirenwerle beigesteuert. Doch der Wille noch Erkenntnis greift auch drüben in England weiter zurück auf die viktorianisch« Aera, die große Epoche des britischen Imperialismus, die Epoche der Sättigung und Konsolidierung des britischen Weltreichs. Heber sechzig Jahve lang, von 1837 bis 1901, hat Viktoria die Krone England« getragen. Schon ein Mythos war sie den jüngeren Generationen ihrer Untertanen gegen die Jahrhundertwende geworden. Aber bis In die lebten Tage ihres GreisenatterS ist sie einer der bestimmendsten Faktoren in der britischen Politik geblieben. Wir neigen Heute leicht dazu, die De- deutuna dieser Frau für die inner- und außenpolitische Entwicklung England- und damit für den Gang der Weltgeschichte überhaupt zu unter- schätzen, weil uns di« enge verfassungsmäßig« Begrenztheit der Macht des englischen Königtums vor allen Dingen in die Augen springt. Einer großen Persönlichkeit, mag sie Mann oder Frau, Jude oder Christ. Staatsmann oder König sein, läßt die Verfassung den weitesten Spielraum zur Auswirkung ihrer Kräfte im Dienste des britischen Reiches. Die Regierung der Königin Viktoria und ihres Sohnes König Eduards VII. bietet hierfür das beste Beispiel. Und der ausgedehnte Briefwechsel Viktorias aus den sechzig Iabren ihrer Regierung, der auf Veranlassung ihre- Enkels. König Georgs V„ soeben veröffentlicht ist und im Verlag von Karl Siegismund. Berlin auch in sorgfältiger deutscher Uebersehung vorliegt, bietet eine Fundgrube des interessantesten Dcweismaterials für den außerordentlichen Einfluß, den die Königin wohl au allen Zeiten ihres langen Lebens auf die Leiter der britischen Staatsgeschäfte gehabt Hal, mögen sie liberal oder konservativ gewesen fein, mochten sie die Ramen Melbourne oder Peel. Palmerston, Gladstone oder Disrae'i tragen. Doch neben den politischen Dingen, die in diesen umfangreichen Driessammlungen. die — man darf es wohl ruhig aussprechen — seit Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen" das großartigste Memoirenwerk darstelken, das uns eine große Persönlichkeit hinterlassen hat, naturgemäß die Hauptrolle spielen, sehen wir auch Briefstücke, die auf den Men-chen Viktoria ein Helles Licht werfen.
Bleibe im Lande!
So tritt unS die Königin in dem folgenden Bries cm ihren Sohn Eduard, den damaligen Prinzen von Wales, als sorgende Mutter, aber auch als sehr nüchterne, rechnende und geschäftlich denkende Hausfrau und Verwalterin c>es Staatsvermögens hervor. Im Rovember 1869 spielten Heiratspläne zwischen ihrer dritten Tochter. der Prinzessin Louise, die später den Duke vs Argyll auS dem alten britischen Geschlecht der Campbell geheiratet hat. mit einem preußischen Prinzen. Die Königin schreibt darüber:
.... Ich banke Dir für Deinen Bries vom Sonntag. Mir liegt nichts mehr am Herzen, als daß Du und ich in einer so wichtigen Angelegenheit wie dieser, die Louisens Zukunft betrifft, zusammenhalten. Ich bin unwiderruflich gegen die preußische Heiratsverbindung und habe allen Grund anzuneymen, daß Du derselben Ansicht bist wie ich.
Wogegen Du Bedenken erhebst, daS wird, davon bin ich überzeugt, Louisens Glück und dem Frieden und der Ruhe der Familie dienlich sein.
'Die Zeiten haben sich geändert. Große Heiratsverbindungen mit dem Ausland werden als
Ursachen von Unruhen und Sorgen angesehen und führen zu nicht- Gutem. Was hätte wohl peinlicher sein können als die Situation, in die unsere Familie In dem Krieg mit Dänemark und dem zwischen Preußen und Oesterreich verseht worden ist? Jedes Familiengefühl wurde zerrissen und wir waren machtlos. Selbst wenn Louise die preußische Heirat wünschte und den Priruen liebte (sie hat ihn seil Kinderzeiten überhaupt nicht gesehen), würde diese Verbindung nicht- als Verdruß und Aerger und Unglück verursachen, und ich würde sie niemals zu- lassen. Richts ist hier unbeliebter und für mich und alle anderen unbequemer, als die langen Besuche unserer im Ausland verheirateten Töchter in meinem Hause, mit den vielen Fremden, die sie mitbringen, und dem fremden Standpunkt, von dem auS fie alle Dinge beurteilen. Zu Lebzeiten unseres geliebten Papa war das ganz ander-, und außerdem hatte Preußen noch nicht alles verschluckt. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie mißfällig man die Heiraten von Prinzessinnen der königlichen Familie mit kleinen deutschen Prinzen ansah (deutschen Bettelleuten, wie fie höchst schimpflich genannt wurden), und wie abfällig in früheren Zeiten viele unserer Staatsmänner, so Mr. Fox, Lord Melbourne und Lord Holland, übet diese Heiraten sprachen, und wie sie davon redeten, wie falsch es fei, daß Heiraten mit Aristokraten von hohem Rang und Vermögen, die früher immer stattfanden und die durchaus legal find, vom Herrscher nicht mehr zuge- lassen wurden. Wir können heutzutage, wo die königliche Familie so zahlreich ist (Du hast bereits fünf Kinder, und wieviel werden es fein, toenn Deine Brüder heiraten?), diesen exklusiven Standpunkt nicht beibehalten. Oder willst Du vom Parlament verlangen, daß es all den Prin- zessinnen Geld gibt, um es im Ausland auszugeben, wo sie doch sehr gut bei uns heiraten könnten und die Kinder genau fo gut fortfämen, als toenn sie die Kinder eines Prinzen oder einer Prinzessin wären. Was ihre äußere Stellung betrifft, fo sehe ich da keinerlei Schwierigkeiten. Louise bleibt, was sie ist, und ihr Mann behält seinen Rang (wie die Mensdorsss und Victor) und wird nur in der Familie als Verwandter behandelt, toenn toir zusammen sind.
Cs wäre mir lieb, wenn Du mit dem Dekan und Lord Granville darüber sprechen würdest. Du würdest bann sehen, wie sehr die Frage nach allen Seiten abgewogen worden ist, und wie triftig die Gründe für eine solch« Heirat sind. Dte Stellung der königlichen Familie würde dadurch eine festere werden, außerdem würde dieser dadurch frisches und gesundes Blut zugeführt werden. Die ausländischen Prinzen sind dagegen alle miteinander verwandt. Ich könnte ja die ausländischen Heiratsverbindungen mit verschiedenen Angehörigen der Familie fortsetzen, bin jedoch fest davon überzeugt, daß frisches Blut sowohl den Thron moralisch wie physisch kräftigen wird. Bei Mary wäre es schwieriger gewesen, da sie aus vielen Gründen schwerlich imstande gewesen wäre, ihren Rang zu behaupten, wie meine Tochter cs könnte."
Bismarck
Für uns Deutsche besonders cessant ist die Stellung der Königin zu Deutichland und den deutschen Verhältnissen. Viktoria, die bekanntlich schon kurz nach ihrer Thronbesteigung ihren Detter, den Prinzen Albert von Sachsen- Koburg geheiratet hatte, hatte in ihrer Jugendzeit starke Reigungen für Deutschland. Politisch bekundeten diese sich auch noch nach dem Sode des Prinzgemahls im deutsch-dänischen Kriege von 1864, in dem ihr es doch wohl vor allem zu verdanken ist, daß keine britische Intervention Preußen und Oesterreich vorzeitig in den Arm fiel. Die Königin änderte ihre Gesinnung unter dem Eindruck der Jahr« 1866 und 70. Trotz bei engen verwandtschaftlichen Beziehungen zum preußischen Königshause und trotz der freundschaftlichen Zuneigung, die sie mit der Königin
Augusta verband, zeigte sie doch stark ausgeprägte Antipathie vor allem gegen die Politik Bismarcks. Ihr überschäumendes Temperament verleitete die Königin leicht zu so ungerechten Urteilen. daß sogar ihre Tochter, die preußische Kronprinzessin Viktoria — sonst gewiß die allerletzte. von der Bismarck Gutes für sich erwarten konnte — zur Verteidigung des großen deutschen Staatsmannes sich genötigt sah. In folgenden Briesen sehen toir diesen fraulichen Kamps um DiSmarck:
Königin Viktoria an die deutsche Kronprinzessin. (Auszug.) *
Schloß Balmoral, 1. Oktober 1873.
.... Mir ist er (König Viktor Emanuel von Italien) nie als ein Gleichstehender erschienen, denn er untergrub die Königsherrschaft feines eigenen OnkelS und nahm fie, toie auch die von anderen Leuten, naher Verwandter von ihm: es pflegte mein Stolz und der deS lieben Papa zu fein, daß wir sagen konnten. Dein vortrefflicher Schwiegervater werde sich nie zum Werkzeug von Bismarcks Ehrgeiz machen lassen, wie der König von Italien das Werkzeug Cavours gewesen ist. Achl ich kann dies nicht länger sagen, und 1866 vernichtete diesen schönen Mnterfcbieb. Dies »oll nicht heißen, daß die Einheit Deutschlands nicht recht ist oder von mir und dem lieben Papa nicht gewünscht wurde. Wir beide wünschen sie dringend, ein Oberhaupt, ein Heer und eine Diplomatie, nicht aber die Thronentfetzung anderer Fürsten und die Wegnahme ihres Privatvermögens und ihrer PalaiS: nein, daS war und ist ein schwerer Fehler. 11 nb ich könnte nie In ihren Palästen wohnen, wenn ich ber Kaiser ober Du wäre. Stets Deine liebende Mama
D.R.
Die deutsch« Sronprinzesfin an Königin Viktoria. ReueS PalaiS, 4. Oktober 1873.
Meine geliebte Marnal Dielen innigen Dank für Ihren Kurierbrief, bett ich gestern erhielt. Was Sie über ben König von Italien sagen, ist ganz wahr, aber Ihre Bemerkung über ben Kaiser unb bi« Wegnahme der PalaiS ufto. ist nicht ganz gerecht.
Sie wissen, tvas ich über BiSmarckS Art, etwas zu erreichen, denke, wie sehr ich alles Gewissenlose, Gewaltsame, Unehrenhafte, Unanständige ufto. hasse, unb ich bete weder den Erfolg an, noch halte ich militärische Lorbeeren für bas Erstrebenswerteste auf Erben, aber hier läßt sich viel für beide Seiten sagen. Palais nahm mein Schwiegervater nie; er zahlt« für fie, unb sie sind sein gesetzliches Eigentum, unb diejenigen, welche sie verkauften, kamen bei dem Handel weitaus am besten weg! Wir würden einen Besitz, über ben auch nur der geringste Zweifel beftanb, nie betreten haben. Sie PalaiS zu bewohnen, In denen wir gewesen sind, waren toir ebenso gut berechtigt, als Sie berechtigt sinb, ben Kohinoor zu tragen ober bie indischen Waffen inS Arsenal von Winbsor bringen zu lassen!
Sie „Entwicklung" Deutschlanbs hat sich nicht so gestaltet, toie ich hoffte, und viele der getroffenen Maßnahmen kann ich nicht bewundern ober billigen, aber ich glaube, bah das, was geschehen ist, zum Besten Deutschlands und EurvvaS geschehen ist. und ich glaube auch, daß bie Einigung Italiens etwas Gutes unb Gesundes ist! Annexionen sind grausam und schmerzlich, und es ist höchst traurig, wenn Derwandte bie Waffen gegeneinander erheben müssen! Das Recht der Eroberung ist hart.
Gott weiß, ich gehöre nicht zu seinen De- tounberem, aber es ist oft sehr nützlich gewesen. Englanbs Herrschaft über ben Osten ist bafür das beste Beispiel, unb sogar bort haben sich bie Gnglänber nicht immer so gewissenhaft, menschlich, gesittet und erleuchtet gezeigt, wie sie es hätten tun sollen. So glaube ich wirklich nicht, daß wir mehr Dorwürfe verdienen, obgleich Sie mir erwidern werden, daß Orientalen nicht Europäer sind unb nicht toie biefe behanbell werden können!
Ich bin ber Sache der Freiheit unb deS Fortschritts mehr als irgendeiner anderen ergeben. unb ich glaube wirklich, baß bie Ereignisse von 66 und 70 71 einen Schritt In dieser Richtung bedeuten, trotz derer, die fie zuwege brachten.
2ch werde jetzt von Angell auS Wien gemalt, der heute der erste Porträtmaler Deutschlands ist. ber einzige außer Richter, der Winterhalter ersetzen kann. Ich beule, das Bild wird sehr gut werden; «s soll ein Hochzeitsgeschenk süo Afsie fein....
Leben Sie wohl, hebfte Mama. Gott segne Sie. Ich küsse Ihre liebe Hand und bleibe usw.
Victoria
©Israeli.
Seit den fernen Tagen, in der die achtzehnjährige Königin für ihren liebenswürdige« alten Premier Lord Melbourne schwärmte, hat Wohl kein britischer Staatsmann so viel persönlichen Einfluß auf Viktoria gehabt, als D Israeli. der spätere Lord Beaconsfield. Er allein hatte es vermocht, Viktoria, die nach dem Tode bes Prinzgemahls, als trauernde Witwe viel« Jahre hindurch von allem öffentlichen Geben zurückgezogen, ihrem Volke entfremdet, in Windsor ober Dalrnoral, ben GebachlniSstätten für Albert, gelebt hatte, tolebcr in ben Kreis den menschlichen Gesellschaft zurückzuführen. Sie blieb ihm stets dankbar dafür, unb innige Freundschaft; verband bie beiben bis zum Tobe bes Premiers. Für ihr engeS persönliches Verhältnis sinb kenn- zeichnenb bie folgcnbcn Briefe DeaconSfielbs an bie Königin, deren erster aus ben Tagen stammt, in denen bie Königin stünblich ben Tod bet Lady Augusta Stanley erwartete, einer ihr sehr nahestehenden Freundin, während ber zweite zeigt, wie Königin unb Premier auch ihre Ferien- erlcbniffe unb Stimmungen getreulich in ihren Briefen austauschen.
Disrali an Königin Viktoria.
Hughenben Manor, 18.Mai 1875.
Mr. DIsraeli in ehrfurchtsvoller Ergebenheit an Euere Majestät: Er bankt Euerer Majestät für ben anäbtgen Brief vom 15. und alle Ihr« Freundlichkeit. Ec beglückwünsche Euere Majestät zu Euerer Majestät glücklicher unb schneller Reise". Schnelligkeit ist ohne Zweifel eine Art von Glück, wenigstens dachte Sr. Johnson so, als er mit ber Postkutsche zehn Meilen bie Stunde Aurüdlegte, er sagte zu Boswell: .Mein Herr, bas Leben bietet wenige Freuden wie diese!" WaS würbe ber große Weise sagen, toenn er zu einer Zeit gelebt hätte, in welcher sein Herrscher in 48 Stunben jenes Hochland erreichen konnte, wohin zu gelangen er viel« Wochen brauchte?
Mr. DiSraelt ist glücklich, bah Euere Majestät Schottlanb zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich schön findet, unb er hofft zuversichtlich, baß bie Brise des See bi« Gesundheit Euerer Majestät wieder völlig Herstellen wirb.
Es war sehr gütig von Euerer Majestät, zu hoffen, daß auch er etwas Lanbluft genießt. Er fand zu Hause Zuflucht, wo er ganz allein ist, aber genügend Beschäftigung hat. Einen so romantischen Rundblick toie Euere Majestät hat er nicht. Statt des schäumenden See sieht er einen sehr bescheidenen Forellenbach unb statt Fichten- toaldungen Buckengehölz. Aber bie Landschaft ist schön, wie bei solchem Wetter und zu dieser Zeit ein jeder Ort. AleberaÜ Blütenschimmer, auS jedem Busch ruft der Kuckuck, und die Holztauben antworten im Rundgesanq.
In ehrfurchtsvoller Ergebenheit: er vergaß immer zu berichten, daß dem Wunsche Euerer Majestät gemäß eine Vorlage zum Schuhe junger Robben, die neuerdings in so greulicher Weise nicdergemetjelt werden, zu Beginn der Session eingebracht worben ist; soviel Mr. Disraeli weiß, ist sie jetzt von beiden Häusern angenommen.
Disrali an Königin Viktoria.
Weston, Shi f na l. 11. Januar 1876.
Mr. Sisraeli In eh * .votier Ergebenheit an Euere Majestät: C3 betrübt ihn von dem
Hiob, bas biblische Buch vom Sinn bes Leibens.
Don D. Hans Schmidt, o. Professor bet Theologie an ber Universität Gießen.
Der Engländer 6. Whitman erzählt von einem Besuch bei Bismarck am 11. Oktober 1891: ..Mein Blick fiel aus ben Schreibtisch des Fürsten. ■ Eine Bibel lag offen vor seinem Sitz. ES war Kapitel 29 des Buches Hiob aufgeschlagen." Es ist die erschütternde Klage, die mit den Worten beginnt:
..Wär's doch mit mir, wie es vor Monden war, Wie in den Tagen, ba mich Gott behütet!"
Ser Prolog im Himmel in Goethes Faust. ist ben ersten beiden Kapiteln bes Buckes Hiob nachgedichtet. ES bedarf nur dieser beiden Ro- tizen, um ins Bewußtsein zu rufen, baß „bas biblisch« Buck vom Sinn bcS Leibens", bas morgen, am TolkStrauer ag, in einer Abenbfeier in ber Stablkirche zum Bortrag kommen soll, eine eindrucksvolle Dicktung. e.nS der großen Menschheitswerke ist, bie unvergänglich über ben Jahrtausenden stehen.
Mit Goethes Faust läßt sich das Buch Hiob auch sonst vergleichen, sowohl io dem, was es eigentlich will, als in feiner literarischen Form unb ber Art f inet Entstehung In beiden Fällen hat ein großer Dichter ei:;« alt« DolkSerzähiung zur Hanb genommen unb hat fie zum Gefäß seines eigenen RingenS mit tiefsten Fragen ber Menschheit erhoben.
Es gab im alten Israel eine vermutlich uralte Erzählung von einem frommen Mann« namens Hcob. ber eben um seiner großen Frömmigkeit to:['.cn von Gott gesegnet war mit allem Glück, bas man sich nur avibenLn kann D.e'er Mann verliert dura,' ein furchtbares (3c! ick mit eifern Scklage a'.its was er hat Die schwerste unter den ..Hicosposten". iie. sich über stützend, tn Irin Haus kommen, ist die. daß al.e feine blühenden Kinder, feine Söhne unb seine Töchter, an einem Tage den Tod gefunden haben. Danach wird er selbst vorn Aussatz befallen. Auf dem Afckenhaufen keines Hv es hockt der alte, arm gewordene, einfame Mann. Er
hat dort eine Scherbe aufgelesen, um damit seine juckenden Wunden zu kratzen. Sein eigenes Weib höhnt über dieses Bild und rät ihm, sich durch einen Fluch auf Gott ben Tob zu erzwingen. „Bei dem allen hat Hiob kein Wort über seine Lippen gebracht, mit bem er sich versündigt hätte." Ser Ausllang ber Erzählung war fo; Gott, durch eine so unbeirrbare Frömmigkeit überwunden, gibt bem Leidenden ben Reichtum doppelt wieder, den er oer.oren hat. Auch bas Glück in seiner Familie erblüht noch einmal. „Unb hiernach lebte Hiob noch einhundertundvierzig Jahre, unb er sah feine Kinder unb bie Kinder feiner Kinder b s in das o.erte Geschlecht. Und Hiob starb alt und lebenssatt."
Diese alte Erzäh ung. in ihrer Art ganz ähnlich denen, toie sie noch heute in Pa'ä stina von Mund zu Mund gehen, will eine Qlntrort geben auf bie Frage nach dem Sinn des Leibes Eie sagt: Sem Frommen geht es gut au‘ Erden Siehst bu id einmal anders, er ebst du es anders, so laß dich nicht be.rrcn Das ist bann eine Probe, auf die bu gestellt wirst , W rd's aber sich befinden, daß bu ihm treu verbleibst", so wendet sich endlich alles zum Guten. Erwarte nur bie Zeit. Halte aus, laß dich nicht beirren I
Diese Geschichte ist nun einem Manne in bie Hände gekommen — wir wissen weder feinen Ramen, noch bie Zeit, in ber er gelebt hat — ber ein großer Dichter war. ilnb dieser Mann toar krank. Es ging ihm toie bem Helden ber Erzählung, auch er war vom Aussatz befallen. Den hat die Erzählung im Innersten erregt. Ganz unb gar n icht gestimmt, wie ber wortlos leibende Hiob, findet er d e Antwort, bie bie Erzählung auf bie Frag: nach bem Sinn beS LeiberS gibt, unerträglich ja, er findet, baß es eine Lüge wäre, wollte man fo bas Leiben in ber W'tt erlären Und nun gre ft er zum öc teibftift und bring- ju Pav r, was ihn bewegt Er dichtet nicht, wie es Goe he mit der Drllserzäh ung von Faust gc.ari ha:, die Oe- 1 statt der alten Sage in feinem S.nne um D el- mehr, er fügt in bie Erzählung die e: in zwei- Teile ausci ander egt unb als Rahmen bestehen läßt, feine Dicktung ein: ein ©e präch Hiobs mit dreien feiner Freunde. 3n die em Gespräch vertreten bie Freunde den Standpunkt ber al
ten Erzählung, ober vielmehr ben Stanbpunkt des Dogmas, wie eS bamals war, baß auf Schuld immer Leib folgt, baß man also aus einem besonders schweren Leib (wenn es bauert) auf eine besonders schwere Schuld schließen muß. Dagegen geht der Hiob ber Gespräche mit Lei- denfe ast an. Ihn — unb bas heißt ben Dichter — quält viel mehr als feine Krankheit, baß ihm zuerst leise unb anbeutenb, bann grob unb geradezu gesagt wird: Besinne dich: irgend etwas ganz Böses mußt bu getan haben, sonst würde dich dieses schreckliche Geschick nicht treffen! Sa- bei treten bie andern immer mehr zurück unb der, mit dem er eigentlich spricht, dem er seine Klage sägt, ja. feine Ank age, seine Empörung ins Gesicht schleudert, ist Gott. R e wieder hat bas „Warum?" aus gequältem Herzen einen so leibenfu a t ichen, so erschü.ie.n^en, so ti anen- hatt aufrichtigen und doch zugleich so von Lebe: shunger und Todestigrauen burchklungenen Ausdruck gefunden.
Und die Antwort? Sie Lösung des Problems ? C3 hat bem Siebter offenbar nid)’ geringe Mühe gemacht, ben Schluß, in ten er sagen will, was nun er im Gegensatz zu der allgemeinen Meinung von Gott unb dem Leiden empfindet. zu schreiben. Am Ende erscheint Gott unb löst bas Gespräch. Aber ich meine zu sehen, bah eigentlich brei Fassungen dieses Schlusses unvermittelt nebeneinander stehen. Ihr Sinn ist jedesmal: Es gibt für uns Menschen keine Antwort! »Ich lege meine Hand auf meinen Mund!" So verklingt bes Dichters Klage schließlich im Schweigen. Dieses Schweigen vor Gott, bas ihn nicht meistem will, daS seine gewa.tige Wirklichkeit verehrt. auch wo man ihn nicht versteht, ist Religion im ernsten Sinne biecs Wortes.
3nbcficn: zwischen ben Zeilen der ergreifenden Klage bes Hiob kann man noch «ine andere QL’. ort aus die Frage nach ben Ginn des Leibes hören. Ich greife ein S.ück heraus auS einer 'einer Red n
-Erde, decke nid) zu mein D'ut!
Komm nicht zur Ruhe, m.in ichmerzvol er S 're.' Doch nein, schon jetzt — im Himmel ist mein
Zeuge, Und in ber Höhe ist. ber für mich bürg ' Da meine Freunde mich fo grau am heb: en. Erhebt mein Auge tränend sich zu Gottl
Er schaffe Recht bem Manne wider Gott!
Dem Menschen gegen ben. ber ihm baö Böse tut I"
Mitten in ber höchsten Qual des LeideS spürt der Klagende plötzlich Gott an seiner Seite. Das zuletzt Unerklärliche, daß gerade die. aus denen des Lebens Leid am schwersten liegt, der Güte Gottes inne werden, ist auch in diesem Buch ber Bibel, ja. hier so unmittelbar unb aus bem Erlebten wie kaum in einem andern zu «rlenncn.
Damit ist nicht erschöpft, was diese große Dichtung in sich trägt. Sie ist etwas ganz Eigenes für sich: nicht Lyrik, nicht Epos, nicht Drama, aber von allem etwas. Wir stehen hier an der Schwelle des Werdens einer neuen großen Form der Kunst. Eine ungewöhnliche Kraft der Gestaltung, unvergeßliche Bilder, eine hinreißende, bald mäd tig stürmende, bald wie Geigenklang klingende Sprache reden zu unfern Herzen. Dor allem aber überrascht unb berührt unS trotz aller ehrwürdigen Attertamttchleit die er Dichtung ihre „moderne“ Seele: ba$ Grüblerische, Individualistische, das Dringen auf Ausricht g- feit im Innersten.
Das Buch Hiob ist nicht ganz leicht zugänglich. Wer cs in Luthers Heber!cljung durchzulesen Derfud: mag leicht ermüden. Das liegt einmal dara daß diese llebersehung die Form der Dichtunz nicht toiebergibt: Hiob muß. wenn er zur Wirkung kommen sott, in gebunbener Rebe Übertrag n werben. Es liegt aber auch barm, baß bas Werk in sich selbst ungleich ist Es hat Längen unb W.ederhclungen. Es hat auch breite Einsätze von frember Hanb kz. B. die Reden des Elihu Kap. 32—37). — Schon bie Kürze einer Abendstunde gebietet, von bem Werk nur bie mächtigsten Stücke vorzutragen. In der Form, in der wir es in der Stabtlircye hören werben, find biefe Stücke derart zusammengestellt, daß gleich- wohl ber Einbruck eines in sich geschlossenen Kunstwerkes bewahrt wird
Die Frage nach bem Sinn des Leides farm r.iir- _Iä lebendiger ein als am Dolkstrauer- t a o. wo in fo vielen Häusern ein zwar nie ver- ge, lenes, aber fönst Do n lauten L rn des Tage- über ontes Leid wieder vernehmlich zu denen redet, deren Leben es zerbrochen hat. Ihnen allen wirb Hiob mit seiner Klage aus bem Herzen reben. vielleicht, bah er ihnen hilft, vor Gott stlll« zu werben.


