Nr. 36 Zweiter Matt
Sie irren sich, Herr Amery!
Von Wilhelm Mickausch, Vorstandsmitglied der- Bundes der Kolonialfreunde.
In den letzten Tagen des vergangenen Jahres hatte der Londoner Vertreter einer großen Berliner Leitung Gelegtnh.it. den englischen Kolonialmini, ster Amery „über die gegenwärtige englische Kolo- nialpolitik und ihre Rückwirkungen aus Deutsch- land' zu befragen. Was da aus dem Munde des englischen Kolonialministers zu erfahren war, grenzt, soweit Deutschland und seine Kolonien behandelt werden, an eine f)erau£|orbcrung ärgsten Stils. Wenn die Aeußerungen nicht von vieler Persönlichkeit gefallen wären, fo konnte man zu der An- nähme gelangen, daß der deutsche Befrager das Opfer einer vorzeitigen Siloesterjcherzes geworden sei, stellte doch der englische Kolonialminister unter anderem die Behauptung aus, daß Deutschland für ferne wirtschaftliche Betätigung Kolonien nicht benötige. Da der 53jährige in Gorakhpur (Indien) geborene Herr Amery in kolonialen Dingen aber größte Erfahrung und maßgebenden Einfluß besitzt, sollten seine Worte für jeden Deutschen ein drohender Warnungsruf sein. Man fragt fich erstaunt, ob nach den Konferenzen in Locarno und Gens und nachdem Deutschland seit dem 8. September 1926 ab den übrigen Nationen gleichberechtigt im Völkerbünde sitzt, eine solche Erklärung von dem offiziellen Vertreter der Nation erwartet werden konnte, die mit Kolonialaebieten und Dominions aeradezu übersättigt ist. Herr Amery scheint mit seinen Aeußerungen eine Politik zu befolgen, die Herr Chamberlain nach der Locarno-Konferenz vom Herbst 1925 bereits begonnen hat.
Es wird den Lesern noch erinnerlich sein, dah dieser britische Außenminister seinerzeit erklärte, dah Deutschland, sobald es dem Völkerbund beitritt, auch einen Anspruch auf Kolonialmandale habe. - dah ober augenblicklich ein koloniales Mandat nicht vergeben fei'" Was damals Herr Chamberlain in zynischer Weise ondeutete. kleidet jetzt Herr Amery in gröbere, aber auch klarere Worte. Er fuhrt u. o. aus, dah Deutschland keine Kolonien benötige (wohl aber England!), da Kolonien für Deutschland nicht von wirtschaftlichem Vorteil seien und verweist dabei insbesondere auf die geringen Mengen von Roh- stossen, die Deutschland vor dem Kriege aus seinen Kolonien herausgeholt habe. Böswillig verschweigt er. daß Deutschland die jüngste Kolonialmacht der Welt war, und dah deshalb selbst im Jahre 1914 die Gewinnung von Rohstoffen, gemessen an den anderen Ländern, die schon seit Jahrhunderten Kolonien besitzen, verhältnismäßig klein sein muhte. Dah aber die Wirtschastskuroe unserer Schutzgebiete, namentlich in den legten 10 Jahren vor dem Kriege, dauernd eine überraschend st e i g e n d e Ten- denz aufwies, wird von Herrn Amery gleichfalls libergangen. Es bedarf daher eines sachlichen Ein- gehens auf die Frage: „Braucht Deutschland aus wirtschaftlichen Gründen wirklich keine Kolonien?" Dazu einige kurze Erläuterungen.
Wir führten aus unseren Kolonien vor dem Kriege Baumwolle, Kakao, Reis. Fette, Oele, Kopra, Kaffee, Kautschuk, Hanf, Diamanten, Kupfer, Marmor, Phosphate ufw. bei uns ein. Diese Rohstoffe sind wir jetzt gezwungen, in fremden Ländern einzukaufen. Deutschland muhte hierfür allein im Jahre 1925 die ungeheure Summe von ca. 41 Milliarden Goldmark aufwenden. In diesem Jahre werde es vielleicht 5 Milliarden oder noch mehr sein! Besähe Deutschland noch seine Kolonien, dann könnte es nach dem jetzigen Stande ihrer Leistungsfähigkeit seinen Bedarf an Kautschuk zu dressierte!, an Speisefetten zur Hälfte und an Fa- serstoffen völlig aus ihnen decken. Auch der Bedarf der deutschen Landwirtschaft an künstlichen Düngemitteln würde durch die reichlich vorhandenen Phosphate unserer Südseebesitzungen gänzlich be- friedigt werden können. Es dürste aber interessant sein, darauf hinzuweisen, dah anher dem Verlust der kolonialen Rohstoffe Deutschland durch das Versailler Diktat noch
26 Proz.
75 Proz.
68 Proz.
16 Vroz.
19 Proz.
einer Steinkohlenerzeugung.
einer Eisenerze,
einer Zinkerze,
einer Weizen- und Roggenerzeugung, einer Kartoffeln
verlor. Don diesem nahezu seiner gesamten Roh- stosse beraubten Lande behauptet ein englischer Kolonialminister, dah es Kolonien aus wirtschaftlichen Gründen nicht bedürfe.
Ein berühmter Liebesroman.
Die Briefe der Adrienne Lccouvreur.
Zu den berühmtesten Liebesromanen der Weltgeschichte gehört die Beziehung der großen französischen Schauspielerin Adrienne Lecouvreur zu Moritz von Lachsen, dem genialen Sohne Äugust des Starken und der Aurora von Königsmark. Seitdem Ecribe diese Liebe in einem viel gespielten Stück dramatisiert hat, ist die tragische Leidenschaft der Tragödin immer wieder von ihren größten Aachsolgerinnen auf der Bühne .heraufbeschworen worden. Man wußte aber von dieser Liebe bisher nicht sehr viel, denn tue wichtigsten Zeugnisse, die persönlichen Geständnisse der beiden Liebenden, fehlten, und noch vor zwei Jahren beklagte der letzte Biograph der Schauspielerin den Berlust ihrer Briese an Moritz von Sachsen, in denen sich ihr grobes und heißes Herz wohl am reichsten offenbart habe. Diese Liebesbriefe Adriennes sind jetzt von -dem Besitzer, dem Marquis d'Argenlon. aus lange sorgsam behüteter Berborgenheit befreit und in den letzten Hummern der .Revue des Deux Mendes“ veröffentlicht worden. Hoch einmal spricht zu uns die E.i.nme der großen Künstlerin der Bühne und der Liebe, die Ber- ehrer und Publikum zur höchsten Begeisterung hinreißcn konnte. Die Zeit vor 200 Jahren steigt vor uns auf, so ganz andersartig in ihren Moralanschauungen und doch ewig gleich in der Tiefe der Gefühle. Hur die Schauspielerin redet, die »Königin der Comedie Fran- (aise", die den Glanz der klas ischen französischen Dramatik zu höchstem Leben erweckte und ebenso durch die Größe ihres Spiels wie durch ihre Schönheit allgemeine Bewunderung erregte. Der eigentliche Held dieses Bomans aber, der selbst stumm bleibt auf den aber alles Licht in tausend strahlenden Reflexen füllt, ist Moritz von Sachsen, ter schöne, die Welt bezaubernde Sohn eines starken und leidenschaftlichen Vaters, von dem er die unbändige Lebenskraft. die Gier nach Abenteuern und Genuß geerbt halte. Dieser kühne Krieasheld und aeistvolle Ealonlöwe. der Unzählige Schlachten und Festungen, unzählige
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhessen)
Samstag, 12 Februar 192Z
Doch damit nicht genug, Herr Amery bringt uns i und Assoziierten verzichtet habe. Gewiß, noch weitere „Reuig eiten*, so unter anderem den Deutschland hat durch icine Unterschrift auf dem bekannten Einwand, daß Deutschland ja bei Kriegs- Versailler Diktat unter dem Druck der Verhälmiste schloß auf feine Kolonien zugunsten der Alliierten | auf feine Kolonien verzichten müßen, aber nicht in
Preisausschreiben der Scholle.
Das (Ergebnis.
Verschiedene Anfragen au» unserem Leserkreise liehen erkennen, daß die Bearbeiter unserer im Preisausschreiben der „Scholle* gestellten Fragen mit Spannung dem Ergebnis der Prüfung durch die Preisrichter entgegensehen. Da eine lehr rege Beteiligung an dem Preisausschreiben zu oer- zeichnen war, erforderte die Prüfung der Ant- warten durch die Sachverständigen, die natürlich auch beruflich stark in Anspruch genommen sind, mehrere Wochen Zeit.
Am vorigen Montag traten die Mitglieder der Dewertungsausschüsse au ihrer Schluß-Sitzung und zur Ermittelung der Preisträger zusammen. Dabei wurde eine ganxe Reihe sehr wertvoller Arbeiten festgestellt, so daß es nicht nur möglich war, samt- liehe vorgesehenen Preise zu verteilen, sondern bar über hinaus, aus Anregung der Herren Preisrichter und im Einverständnis mit uns, noch eine Anzahl lobende Anerkennungen auszusprechen, die als bleibende Erinnerung in Gestalt von belehrenden Büchern aus dem Bcarbeitungsgebiet der Einsender sortwirken sollen. Auf einstimmige Empfehlung der Herren Preisrichter haben wir uns entschlossen, aus Zweckmäßigkeitsgründen anstatt der ausgeschriebenen Sachpreise entsprechende Geldpreise zu verteilen.
Die ermittelten guten Arbeiten sollen ihre Anerkennung aber nicht nur in den zuerkannten Preisen finden, sondern auch durch Derössentlichung in der „Scholle* der Allgemeinheit fruchtbar gemacht werden. Der Abdruck wird nach lieberprüfung des Materials durch die Sachverständigen im Lause der kommenden Monate erfolgen. Auch aus den übrigen Arbeiten sollen wertvolle Gedanken von den Sachverständigen ju besonderen Artikeln für die „Scholle* verarbeitet werden.
Die Zahl und die Güte der eingegangenen Antworten legen Zeugnis dafür ab, daß unsere Anre- Rung Kräfte und Gedanken aus der Praxis für die Praxis nutzbar gemocht hat. Das kam auch in den anerkennenden Worten zum Ausdruck, die unseren Preisausschreiben u. a. von maßgebender Sette der oberhessischen Landwirtschafts - Vertretung zuteil wurden. Mit gleicher Liebe und Begeisterung ist die Idee von den Herren Sachverständigen der Bewer- tungsausschüsse aufgenommen und in hingebender Arbeit gefördert^ worden. Dafür sei diesen Herren auch an dieser Stelle nochmals unser verbindlichster Dank ausgesprochen.
_ Nachstehend lassen wir die Namen der Preis- träger, nach den einzelnen Gruppen geordnet, folgen.
Gruppe 1 (Grotzviehzuchl)
1. Preis (40 Mk.): Wilhelm Lmnestruth, Treis an der Lumda, Hauptstraße 70
2. Preis (30 Mk.): Wilhelm Lenz I., Hornsheim
3. Preis (20 Mk.): Karl Faber jun., Leihgestern, Kreuzgasse 5
4. Preis (10 Mk): Landwirt Karl Gerhard, Bersrod (Kreis Gießen)
Lobende Anerkennungen: Emil Obnacker, Rieder-Ohmen; Berthold Rausch, Hos Graß bei Hungen,- Landwirt Klink-Calbach, Bleichenbach: Karl Wagenbach, Alten-Duseck, Daubringer Straße 8; Otto Lenz, Hof Haina bei Rodheim an der Bieber,- Heinrich Zimmer, Rieder-Dessingen bei Lich.
Gruppe II (Feld- und Wiesenbau)
l. Preis (50 Mk.): Berthold Rausch, Hof Graß bei Hungen
2 Preis (30 Mk ): Karl Faber jun., Leihgestern, Kreuzgasse 5
3. Preis (20 Mk.): Ernst Zimmer, Bingmuhle bei Lauter
Lobende Anerkennungen: Landwirt Karl Gerhard, Bersrod (Kreis Gießen); Wilhelm Kahl jun., Alten-Bufeck; Friedrich Karl Rinn, Heuchelheim, Gießener Straße 42.
Gruppe III (Kleintierzucht)
l Preis (40 Mk.): Mühlenbesitzer H. Brauer, Ober-Ofleiden
2. Preis (30 Mk.): Franz Funk, Gießen, Bergwerk
3. Preis (20 Mk.): Otto Etzel, Klein-Linden
4. Preis (10 Mk.): Wilhelm Ullrich, Gießen, Am Kugelberg 55
Lobende Anerkennungen: Eugen Scheel, Gießen, Mäusburg 17; Karl Müller, Lollar, Hauptstraße 91; Landwirt Karl Gerhard, Bersrod (Kreis Gießens- Ernst Zimmer, Dingmühle bei Lauter.
Gruppe IV (Obst- und Gartenbau)
l. Preis (30 Mk.): Heinrich Hahn, Gießen, Wolkengasse 27
2. Preis (25 Mk ): Lehrer Hofmann, Lang-Göns
3. Preis (20 Mk.): Friedrich Wittich, Werkmeister a. D., Mücke
4 Preis (15 Mk): Wilhelm Linnestruth, Treis an der Lumda
5. Preis (10 Mk.): Waller Mengel, Nidda, Hotel zur Traube
Lobende Anerkennungen: Heinrich Binz, Leihgestern; Lehrer Keller, Lollar, Gießener Straße 23: Landwirt Karl Gerhard, Bersrod, (Kreis Gießen)- Lehrer K. Beppler, Steinheim b. Hungen; Wilh. Wiehl, Lollar, Hauptstr. 108'
Die Preise werden den Preisträgern durch die Post zugestellt werden.
Verlag und Redaktion des Siebener Anzeigers.
der Form, daß es sie an die Ententestaaten abtrat, sondern nur mit der Mahsa, e, daß die Entente- ftaaten als Treuhänder bis auf weitete» ihre einstweilige Verwaltung übergeben, das heißt cl(o, sie als Treuhänder für Deutschland verwalten (oUten. Diese Wegnahme erfolgte unter der von un- Irren G.gnem langst fallen gelaßenen folonia • len S d) u I b I ü g e. Wenn aber Herr Amery heute das Versailler Diktat nach Englands derzeitigem Kolonialinteresse aufgelegt wissen will, dann mutz doch jeder rechtlich denkende Mensch die Frage aufwerfen: Ist die» nach dem Versailler Diktat zuläst.g" Diese Frage muh ohne weiteres verneint wer den, denn das '^rjailler Diktat spricht nur von „M a n d a t e n*. nicht von Annexionen.
Daß es aber überhaupt zur Wegnahme der deut- chcn Kolonien und ihrer Umwandlung in Man- latgeblete kommen tonnte, haben oit dem Um tande zu verdanken, daß die Entente ihre Sortierungen gegen Deutschland auf dessen ..Allein- schuld* am Weltkriege stutzte. Wie es aber mit der „Alleinschuld* steht, darüber hat der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses de» Senats der Vereinigten Staaten von Amerika. Senator William E. Borah. in diesen Tagen einer ange scheuen Berliner Zeitung u. a. wörtlich folgende» geschrieben: ..Ich möchte die „Alleinschuld*.Iäii- ichung ein für allemal zurückgewiesen sehen. Es gereicht niemandem zum Vorteil, eine falsche Behauptung ausrechlzuerdalten und das Vertrauen und das gute Einvernehmen zu verzögern, die wir in jeder Weise zu fördern und ausrecht zu erhalten suchen svllton. Eine „Alleinschuld* am Weltkrieg hat es nicht gegeben.* Es hieße die Bedeutung dieses ehrlichen Bekenntnisses eines Mannes wie Borah nur herabsetzen, wollte man diese mutigen Worte noch ergänzen. Herrn Amery aber muß an dieser Stelle deutlich gesagt werden, daß er mit seiner willkürlichen Auslegung des Versailler Dik totes weder sich, noch seiner Ration, noch der ge samten Welt einen guten Dienst erwiesen hat Deutschlands koloniale Sehnsucht hat weder mit Imperialismus, noch mit Militarismus etwas zu tun, vielmehr ist die Wiedereingliederung Deutsch, lands in die kolonialen Mächte der Welt für uns eine Angelegenheit der deutschen Ehre, des deutschen Rechtes, der kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Gleichberechtigung.
Geradezu abfuft wirken die Schlußworte des englifchen Kolonialministers, mit denen er als Fortschritt die „Verständigung* unter den Nationen Europas anpreist. Also nach dem Raub der deut- schen Kolonien: Verständigung unter den Rationen Europas! Raub . . . Verständigung ... ein klaffender Zwiespalt, der noch überbrückt werden muß. Herr Amery muß sich darüber im klaren (ein, daß eine dauernde Verständigung unter den zivilisierten und kultivierten Volkern Europas und der Welt nur möglich ist, wenn ihr gegenseitiges Verhältnis auf völkerrechtlichem Rechtsempfinden aufgebaut ist, baY zu gehört aber, daß auch Deutschland seine Kolo nien zurückerhält. Nachdem Deutschland als gleich berechtigte Nation in den Völkerbund eingetreten ist und — um mit unseren Kolonialgegnern zu spre chen — jetzt wieder zu den „fortgeschrittenen Na- tionen* gehört, hat es keinen Anlaß mehr, seine Kolonien durch fremde Nationen als Mandatare treuhänderttch verwalten zu lassen, vielmehr muß es schon auf Grund seiner kulturellen Leistungen ver- langen, das Schicksal seiner Kolonien wieder in die eigenen Hönde zu nehmen.
Außenpolitische Umschau.
Von Prof. Dr. Otto Hoetzsch, M.d.R.
Der deutsche Außenminister hat eine auf mehrere Wochen berechnete Erholungsreife angetreten. Vor- aussichtlich wird im Reichstag selbst erst nach der Völkerbundsratssitzung, die in Genf am 7. März beginnt, und an der natürlich Dr. Stresemann teib nimmt, eine größere außenpolitische Aussprache stattfinden. Das bedeutet, daß für die nächste Zeit aus größere Entscheidungen in der Außenpolitik nicht gerechnet wird. Stoff zu gründlicher Beratung im Auswärtigen Ausschuß liegt allerdings zur Genüge vor, und nicht nur laufendes, sondern vor allem die Einzelheiten des Entwaffnungskompro- Misses und vor allem Immer und immer wieder unser Verhältnis zu Polen, das in den letzten Tagen abermals von polnischer Seite mit Ausweisung Reichsdeutscher aus Polnisch-Oberschle' sienangespannt worden ist.
weibliche Herzen gewann, dieser »Turenne des Zeitalters Ludwigs XV.“, wie ihn Friedrich der Große genannt hatte, tarn 1723 nach Paris und wurde vom Regenten sofort zum „Feldmarschall" gemacht, nachdem er so manchen Sieg schon für die französischen Fahnen errungen. Dem schönen, stattlichen, feurigen Manne fiel ganz von selbst die schönste Frau von Paris zu, Adrienne Lecouvreur, und kein Mensch wunderte fich, daß die beiden in der Liebe Erfahrenen sich sanden: um so größer war das Staunen, daß die „beiden Turteltauben" zusammenblieben.
Freilich ist dieses Liebesverhältnis, das bis zu dem frühen Tode Adriennes dauerte, von schweren Stürmen erschüttert worden, und der Rachhall dieser Herzensängste und Eifersuchtsqualen einer leidenschaftlichen Frau tont noch heute zu uns ergreifend aus den vergilbten Blättern. Adrienne selbst ist Moritz treu geblieben: sie, die vorher so viele Liebhaber hatte, darunter auch Doltaire, gehörte nun dem einen allein, und die hingebende un) aufopfernde Liebe d'Argentals lehnte sie ab. Der Kriegsheld und Abenteurer aber, in viele kriegerische und politische Händel verstrickt, wird immer wieder von anderen Frauen angezogen. Jetzt ist er in Dresden, um von dem .väterlichen alten Sünder" die Ermächtigung zu der Reise nach Kurland zu erhalten, wo er sich die Herzogskrone erobern wollte. Er ist gleich bereit, nachdem er sich eben von seiner Gemahlin geschieden hat, die kinderlose junge Witwe des Herzogs. Anna Iwanowna, zu heiraten, muß aber von feinem ganzen Plan abstehen, weil Rußland und Polen dagegen sind, und kehrt nach Paris zu Adrienne zurück. In diesem Zeitpunkt beginnen di: Liebesbriefe der Schauspielerin. Es find nichts als Liebesbriefe. Ihre Kunst, die Umwelt ii.ib für diese leidenschaftlich: Frau nicht vorhanden. Sie lebte nur in dem Geliebten. Beide iid furchtbar eifersüchtig, und Adrienne jedrn'a ls hat al.en Grund dazu. Sie weiß, dal; sie älter wird und dah sie die .schönen Tage', die ihr bleiben, r.uncn muß. .Mißbrauche nicht mein Bertrauen und meine Geduld", fleht sie ihn an. .Denke daran, wie kostbar die Zeit ist und für mich hundertmal mehr als für Dich. Laß uns nicht
vergeuden, was mir von meinen schönen Tagen bleibt. Komm' zurück, wenn Du kannst, aber schädige nicht Dein Schicksal dadurch, denn ich würde mir das niemals vergeben." Er ist unter- dessen nach Moskau gegangen, und sie schreibt ihm täglich lange, lange Briefe. »Küsse diesen Brief, mein teurer Graf. Diese Blätter sind uns beiden gemeinsam. Ich lese immer wieder Deine letzten beiden Briefe und liebe nur Dich." Moritz bemühte sich unterbeifen um die Hand der Tochter PeterS des Großen, der reizenden Elisabeth, aber Adrienne ist darüber nicht beunruhigt: sie weiß, dah es sich dabei um eine Staatsaffäre handelt. Hm fo unglücklicher ist sie über andere Liebesabenteuer, bei denen sie die Beteiligung feines Herzens ahnt. Sie droht ihn, dah auch sie Rerehrer habe: sie brauche bloß zuzugreifen: sie denkt daran, ins Kloster zu gehen. Als er wiederkehrt, ahnt sie, daß sie ihn verloren hak. ,Fast drei Jahre der Ab- Wesenheit haben mir n.cht vier oder fünf Tage ruhigen Glücks bei Deiner Rückkehr gebracht." Sie fühlt, daß er „nur sich selbst liebt", und so stirbt sie am 15. März 1733. An ihrem Totenbett stehen Moritz und Boltaire. Da sie ihren Stand nicht abgeschworen hat. kann sie kein christliches Begräbnis erhalten und wird bei Rächt und Rebel in ein unbekanntes Grab geworfen.
Kinderberuf.
Don Max 3ungnideL
Es ist Wohl kühn, von einem „Kinderberuf" zu reden. Meist bilden sich die Kinder diesen Beruf cm, und fühlen sich groß unö mächtig darin. Mögen sie nun Zeitungen bestellen oder Milch custragen: — — aber ich will ja mein flemcJ Erlebnis hins^reiben.
Da habe ich zu Hause ein kleines Mädchen von sechs Jahren. Dieses kleine, flinke D ng bildet sich ein: einen 'Beruf zu haben. älnD jedesmal, wenn ich sie nach der Art dieses Be- ruses frag:, lächelt sie r .t eiha't und hüllt sich in ein richtiges, kicherndes Kinderschwe'gen Manchmal fonurt sie ganz verstohlen und ftecit mir eine Apfelsine in d.e Tasche. Wenn ich
sie dann frage, wo sie die Apfelsine her hat, dann anttoortet sie mit hochroter Wichtigkeit: - Die habe ich mir verdient". 11 nö wenn sie daS sagt, dann wird sie noch einmal so groß, wie sie ist. — — Rebenbei bemerkt, verbraucht sie alle Tage zwei Taschentücher. Und das ist reichlio).
Als die Sache so eine Woche mit dem Berus gegangen ist, nehme ich mir vor. doch einmal dahmter zu kommen. Ich schleiche ihr nach und postiere mich in einem Hausflur. Da rennt sie hm, direkt zu dem Mann, der an der Ecke feinen Apselsinenstand aufgeschlagen hat. Sie knixt vor dreiem grauen Mann, reißt augenblidlidj ihr Taschentuch heraus, langt frisch und munter in den Apfelsinenkorb und wischt und reibt mit iJjtem Taschentuch Apfelsine für Apfelsine blank. Der Alte zieht eine Kiste vor und legt die blankgeputzten Früchte schön nebeneinander. — ilnb die Kleine arbeitet, daß ich ihre roten Backen bis auf meinen Posten fühle. — — 3a, nun steigen sie wohl auch hübsch im Preis die spiegelblanken Apfelsinen! Und die Kleine putzt und reibt, vergißt ganz die Straße und das Winteriicht. — — Ein wunderschöner Anblick: der Alte und das kleine Mädchen. Wunderschön. wie sie beide die Apfelsinen teurer machen — — Herrgott was es alles für Berufe auf dieser Welt gut!
Quanz' letzte Gedanken.
2Ns Der große Flötist Quanz 1777 starb, hotte er von feinem 330. Flötenkonzert gerade das erste Allegro und daS Adagio nolUmbet. Sern erlauchte: Schüler Fr.edri ) der Große ließ 'ich die (5d)reibta,eln bring :n, auf Denen Liucnz fein letz es W rk enttootf;n hatte, und schuf ganz im Gci,.e se.ncs Lehrers das letzte Allegro. Auch in den Adagio füllte er noch ein ge Lücken aus u. d war tief ergriffen von Der einfac en und rüh.enden Meiod e dies s tearen^ e anre3. Ola. De n er ta.n i ad vol ende e Werk mir seiren t-ammerm-f.fern gespielt hat e sagt: er nach- de.'klich zu te.n Ko/.zertm i'.er Benda: „Man sieht: Quanz ist mit sehr guten ©eDan.en auä Der Welt gegangen!“


