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Nr. 8 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWen)

Der falsche hohenzollernprinz.

Harry DomelaS Köpenickiade in Thüringen.

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atifzutretcn. Er begibt sich in Erfurt in das Datei Kossenhaschen, wo er sich als Freiherr ». Korfs vorstellt. AlS ihm der Portier ein Zimmer im vierten Stockwerk anweist, zeigte er sich äußerst entruftet und beschwerte sich bei dem tzo cldire.'tor. Dieser enlschuidigte sich und wies ihm zwei Zimmer mit Bad in der ersten Etage an. Rcbenbei lieh Domela durchblicken, daß er eine hochgestellte Persönlichkeit sei, aber sein inkognito wahren wolle. Er fingierte ein Tele- phongespräch mit dem Prinzen Louis Ferdinand oon Preußen in Potsdam. Aach kurzer -Zeit weih die ganze Stadt, daß der Prinz Wilhelm von Preußen angckommen sei. Zahlreiche Persönlich­keiten lassen sich im Hotel anmelden und bitten um Autogramme. Der Prinz trägt sich in das Goldene Buch des Hotels ein.

Rachdem ihm ein Arzt mit einem größeren Geldbetrag ausgeholfen hatte, begibt er sich nach Berlin. Er wohnt als Prinz Wilhelm von

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Stimmen der Völker.

Man konnte im Verlaufe der gestrigen Ver­anstaltung in der Reuen Aula, die wir der Vor­trags-Vereinigung zu verdanken haben, des öfte­ren und eigentlich immer wieder an den alten Johann Gottfried Herder denken und an seine berühmte VolksliedersammluttgStimmen der Völker in Liedern": das hätte er sich ganz gewiß nicht träumen lassen, daß es einmal möglich wer­den würde, diese unzähligen Stimmen der Völker auf der Erde, in sorgfältigen Texten gesammelt, aber tot, ohne Leben, Charakirr, Tonfall, Klang­farbe und Melodie, starre und krause Buchstaben­reihen nur für das Auge all diese zahllosen Stimmen zu hören, so llar, so rein, so nah und deutlich. wie wenn die Sprecher oder Sänger nicht cwf der Filmleinwand, sondern leibhaftig mitten unter uns im Saale säßen.

Wer zählt die Völker, kennt die Rameu? Ks hat etwas Bezwingendes, so mit dem kleinen Zauberkasten am Vortragstisch gleichsam eine ein­gebildete Weltreise durch alle Erdteile zu machen, »u den fernsten und wunderlichsten Menschen zu ;Dringen, und das schorfgezeichnete Lichtbild ihrer Sprecher. Vorsänger. Musikanten und Chöre eben 'wirklich so ganz nahe kommen und laut und lebendig werden zu lassen.

Bunt, vielfältig, verwirrend fast wie dazumal beim Turmbau zu Babel, vereinigten sich die Stimmen aus aller Herren Ländern zum gran­diosen Chor: ein südfranzösisches Schäferlied auS Lourdes, ein wundervoller schweizerischer Kuh­reigen aus dem Kanton Fribourg, englischer Dipperary-Scng und schottische Dudelsackpfeifen, der langgezogene Gebttsruf des tatarischen Muezzin, der die Gläubigen vom Minaret zur Andacht mahnt, die primitiven, rhythmischen Takte eines RuderNedes vom Kongo (prachtvolle 311 u» strativn zu Büchers berühmter Theorie), von bchlagtrommcln begleiteter, wilder Kriegsgesang eines Baule-Regers. Madagassenchor und Ko­reanische Frauenklage, Liebeslieder aus Litauen und Karelien (auch wenn der Text nicht geschrie­ben unb verdeutscht hätte vernommen werden können man hat das Gefühl: im Liebeslied fingen alle Völker der Welt eine vertraute Weife, dir man ohne Worte zu verstehen meint, nur aus der Melodie), die weichen, schwermütigen

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5 V Still ie>e

Der unter verschiedenen Pseudonymen alS Prinz Wilhelm von Preußen in Thüringen auf- getretene Schwindler Harry Domela ist, wie schon kurz gemeldet, in Euskirchen verhaftet in dem Augenblick, als er als Angeworbener der Fremdenlegion die Reichsgrenze überschreiten tollte. Bei der Vernehmung auf der Kölner Polizei ergab sich, daß die Lebensgeschichte Do- rrclas ein Aden teurer roman ist, der an gro­teskem Humor alles bisher Dagewesene über­trifft.

Rach den Aussagen Domelas ist dieser am 12. August 1904 in Grusche (Kreis Sanischki) tn Lettland geboren; sein Vater war russischer Legalionsrat in Petersburg und später Guts­besitzer. Seine Mu ter war eine geborene Char­lotte v. Kayserlingl. Bis zur Okkupation durch Sie deutschen Truppen wurde er durch einen Hauslehrer erzogen und besuchte von 1915 bis 3918 das Gymnasium in Sauft. Rach der Er­mordung seiner Eltern durch die Bolschewisten flüchtete er^zu den deutschen Truppen nach Li- fcou, wo er, kaum fünfzehnjährig, zusammen mit seinen zwei Brüdern in die baltische Land­wehr eintrat. Später diente er bei dem Frei­korps des Majors v. Brandes. Rach Auslösung dieser Truppe diente er bei einem Reichswehr­regiment und beteiligte sich an der Hnterbrüdung des Aufstandes im Ruhrgebiet. Sm Sahre 1920 wurde er. da er kaum siebzehn Sahre zahlte, wegen seiner Sugend aus der Reichswehr ent» taffen. Seit dieser Zeit trieb sich Domela va­gabundierend in Rorddeutschland herum. Er be­mühte sich. Arbeit zu finden. Dreimal wird er in Berlin" wegen Diebstahls bestraft. Durch ti? Gn.tbehrunge.i gänzlich heruntergekom­men, landet er schließlich in einem Flüchtlings- heim in Berlin. Er durchwandert dann die Mark Brandenburg und gelangt schließlich über Hamburg nach Frankfurt a. M., wo er gehofft patte, eine Stellung zu finden. Auch hier er­lebte er eine Enttäuschung. Er war gezwungen, seine letzten Sachen zu veräußern. Sn dieser verzweifelten Situation ko.nmt ihm der Einfall, ich den Ramon eines Prinzen beizulegen, und in auf diese Weise Geld zu verschaffen. Er öyrt nach Heidelberg und kommt zu einem Korps, von dem er weiß, daß es sich aus Adligen zu- iommenseht. Er stellt sich dem ersten Char- chierten als Prinz von Liven und Reichs- weyrkavalle irofsizier vor. Dieser hatte nicht den geringsten Zweisel. obgleich Domela in seiner äußeren Erscheinung volllommen verwahrlost war anb einen zerrissenen und geflickten Anzug trug. Gr wird von den Saxo-Borussen, die ihn täg­lich zum Fechtboden aohvlten, mitDurchlaucht" angerebet.

Einalter Herr" wird schließlich mißtrauisch und warnt die Aktiven. Der .Prinz" macht sich am nächsten Tag. da ihm der Boden zu heiß geworden ist. aus dem Staube. Er reist nach Tcfurt. Er hat inzwischen Geschmack an seiner Prinzenlaufbahn gesunden und beschließt, sie wei­ter zu spielen. Da er auS Zeitschriften festgestellt hat, daß er eine ausfallende Ähnlichkeit mit dem ältesten Sohn des Kronprinzen besitzt, beschloß

Vereine

?3 teuften im Hotel Habsburger Hof am Askani- chen Platz. Bei keiner Rückkehr nach Erfurt wird er vop einem (Erfurter Kommerzienrat auf dessen Schloß eingeladen. Er begibt sich mit seinem Gastgeber nach Gotha. Bei seinem Eintreffen wurde ihm im Vestibül des Schlosses von Mit­gliedern deS früheren Hofes ein feierlicher Emp­fang bereitet. Domela wird darauf zu einer großen Sagd eingeladen. Der Oberbürgermeister von Gotha begrüßt ihn und fragt, ob er nicht die städtischen Museen beücfttigen wolle. Er be­nachrichtigte sofort sämtliche Dezernenten, damit sie ihm behilflich sein sollten.

Sn Dessau ließ Domela sich dem Theater­intendanten vorstellen, der ihn fragte, ob er sich nicht das Theater ansehen wolle. Rachdem Domela versichert hatte, daß er sehr für Musik schwärme, erwiderte der Intendant: .Das paßt ja herrlich. Heute abend geben wir den .Alten Dessauer", in dem ja auch Shr Ahne, der Alte Fritz, auftritt. Der .Prinz" sagte zu

und wurde am Abend feierlich empfangen und in die Hofloge geleitet. Als der Baron v. Berg (nicht zu verwechseln mit dem Vermögens Verwal­ter des ehemaligen ftaifetS) sein Kommen tele­graphisch ankündigt, fühlt er sich nicht mehr sicher und zieht vor, zu verschwinden. Er borgt sich von dem Hoteldirektor einige hundert Mark. Vorher fährt er mit dem Automobil, das ihm bereit­willig zur Verfügung gestellt wird, zu dem Gar­nisonältesten der Reichswehr in Erfurt und bittet ihn, doch auf die Presse einzuwirken, daß sie seinen Besuch nicht weiter kommentiere, da er in­kognito reife, was ihm auch versprochen wird. Er begibt sich nach Weimar, wo er den Kommandeur des dortigen Reichswehrregiments aufsucht. Auch hier bittet er, doch auf die Presse einzuwirken, daft sie von seiner Anwesenheit keine weitere Rotiz nehmen solle. Am nächsten Morgen begab er sich, da die Polizei auf seiner Spur war, über Dortmund ins Rheinland, wo ihn fein Schicksal ereilte.

Eine moderne Völkerwanderung.

Die Überfremdung Frankreichs.

Don unserem Dr. Me.-Seridjterftatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Paris, Januar 1927.

Zögernd, sehr zögernd beginnt jetzt die fran­zösische Presse ganz langsam mit einem Problem sich zu beschäftigen, das eigentlich schon seit Jahr und Tag brennend war, dessen Beitehen allein aber schon den französischen Nationalstolz derart verletzte, daß es lieber totgeschwiegen wurde: die Gefahr der Ueberfremdung Frankreichs ist nachgerade so mit Händen zu greifen, daß sie nicht mchr vertuscht werden kann. Nicht etwa in Paris und seinen Vergnügungsoierteln, wo der Ausländer so domi­niert, daß der Franzose kaum noch geduldet ist; das war eine Jnflationserscheinung, wie wir sie in Deutschland ja auch erlebt haben. An sie hat man sich an der Seine auch schon längst gewöhnt, denn die Fremden, um die es sich hier handelt, bringen Geld ins Land, sind kaufkräftig und amüsiertoll, sie geben der Hauptstadt jenen nach außen so bestech­lichen Talmiglanz, den sie durch die Verarmung der eigenen Bevölkerung verloren hat. Das ist es also nicht, nein, die Dinge liegen viel tiefer. Die Zehn­tausende. um die es sich vielleicht in Paris handeln mag, spielen gegenüber der Gesamtheit keine Rolle, aber die Millionen, die draußen im Lande sitzen, die eine neue wirtschaftlich orientierte Völker­wanderung eingeleitet haben, bedeuten eine Sorge, die nicht den französischen Bürgern allein Alp­drücken verursacht. Welchen Umfang diese Einwan. derung in den letzten Jahren angenommen hat, dar- über hat sich wohl zunächst niemand eine klare Dor- stellung gemacht. Sie war bequem, weil sie Arbeits­hände für die mit Hochdruck geschaffene Industrie zur Verfügung stellte, sie war zum Teil wohl auch notwendig, um die Löcher zu stopfen, die der Krieg gerissen hatte.

Denn Frankreich war, und ist es heute mehr als je, ein menschenleeres Land. Obwohl es nach dem Frieden oon Versailles mehr als 80 000 Quadrat­kilometer größer ist als Deutschland, steht seine Be­völkerung um rund 20 Millionen hinter unserer zurück. Der Geburtenrückgang hat ja schon im Frieden, damals allerdings meist aus Gründen der Landesverteidigung gegenüber dem fruchtbaren Deutschland Xu allen möglichen gesetzgeberischen Ex­perimenten Veranlassung gegeben, die aber in ihrer Gesamtheit nichts daran ändern konnien, daß der Zustand der gleiche geblieben ist; das um Elsaß- Lothringen vergrößerte Frankreich hat heute kaum mehr Einwohner, ab das Frankreich oop 1914. Ob es unbedingt richtig ist, aus diesem Zuruckschrauben der natürlichen Fruchtbarkeit auf Degenerations­merkmale zu schließen, darüber kann man Zweifel- haft sein. Geschichtliche Parallelen mit Rom liegen nahe. Auf der anderen Seile aber ist nicht zu ver­geßen, daß der französische Stamm drüben in Ka­na d a, der nun doch schon seit mehr als hundert Jahre von den Engländern überwuchert wird und gar keine Verbindung mit dem Mutterlande mehr hat, sich mit bewundernswerter Zähigkeit hält und mit einem Kinderreichtum aufwarten kann, der ein

langsames aber sicheres Fortschrciten der französi­schen Zone in Kanada ermöglicht.

Es können also für Frankreich auch andere Gründe einer mehr bequemen Lebenshaltung, einer gewissen trägen Saturiertheit maßgebend sein, die für den Bestand der Rasse nichts zu bedeuten hat. Das Defizit ist jedenfalls da, es wirkt sich um so stärker aus, als auch Frankreich den Folgen der Industrialisierung nicht entgangen ist und in den letzten Jahrzehnten eine st a r k e Verschiebung der Bevölkerung vom Lande in die Stadt aufzuweifen hat. Das Land ist also leerer geworden, noch leerer, feit fast 700 000 Bauern im Kriege fielen, deren Besitz zum Teil verkauft wurde, xum Teil verfiel. Und in diese Situation stieß nun oie Jnflationskonjunktur hinein, die der Industrie einen gewaltigen Aufschwung brachte. Menschen im eigenen Lande, die hier hätten einspringen können, waren nicht da, sie mußten also von außen her herbeigeschafft werden. Die Deutschen tarnen dafür nicht in Frage, sie wurden sogar abgelehnt, die Romanen und Slawen aber waren dankbar aufgenommene Gäste, zumal da fast gleichzeitig die Einwanderungssperre der Vereinig­ten Staaten einsetzte und nun die übervölkerten Länder die Möglichkeit hatten, ihren Ueberfchuß nach Frankreich abzugeben, das in den letzten Jahren das größte Einwanderungsland gewesen ist. Nur ein paar Zahlen: Um die Jahrhundertwende betrug die Zahl der Ausländer in Frankreich etwa eine Mil­lion, heute wird sie wahrscheinlich an v i e r Mil­li o n e n heranretchen. Die amtlid)e Statistik gibt's nicht zu, aber man darf deren Richtigkeit stark be­zweifeln, da sie nur die Ausländer zählt, die gewiße Anmeldungsformalitäten erfüllt haben. Von jener Zahl machen allein die Italiener eine Million aus, eine halbe Million stellen die S p a n i e r , eben­so viel die Belgier und nicht viel weniger die P o l e n. Sie sind zum großen Teil in der Industrie beschäftigt, und zwar so, daß im Kohlenbergbau fast ein Drittel der Arbeiter Ausländer sind.

2lud) aus bevölkerungspolitischen Gründen war den Franzosen dieser Zuwachs zunächst willkommen. Sie glaubten, alle fremden Elemente verdauen zu können und so eine Dlutzufuhr oder auch Blutouf- srischung zu erreichen, ohne ihre Nationalität irgend­wie zu gefährden. Zu dem Zweck haben sie ein neues Staatsangehörigkeitsgesetz beschlossen, das eigentlich fast jedes in Frankreich geborene Kind für den fron» zösifchen Staat reklamiert, ja sogar die Naturalisa- tion nach drei Jahren ermöglicht, diese Frist selbst auf ein Jahr abkürzt bei Ausländem, die Frankreich wertvolle Dienste geleistet haben. Diesen frisch ge­backenen Franzosen kann allerdings das Bürgerrecht durch Gerichtsurteil innerhalb von zehn Jahren wie­der entzogen werden, wenn sie etwa die Pflichten gegen ihr Vaterland vernachlässigen. Aber der Ge­danke dabei war, alle solchen Elemente a u f z u s a u- g e n , ihrem eigenen Volkstum zu entfremden und zu Muß-Franzosen zu machen, die bann in der zweiten oder dritten Generation Dollblutfranzosen wurden.

russischen Klänge im Chor und im Dalalaika- orchestcr.

Wir haben längst nicht bas aanzc Programm abgeschrieben mit dieser Aufzählung, und dieses ganze Programm wiederum ist nur ein winziger Leit des deutschen Cautmufeumd. Man konnte aus dem Vortrag von Pros. Dr. Wilhelm D o e g e n. dem Direktor der Lautabteilung an der Preußi­schen Staatsbibliothek in Berlin, zugleich dem Schöpfer dieses schlechthin genialen Snstitutes, nur ahnungswcise sich ein Bild machen von der fabelhaften wissenschaftlichen Arbeit, d'te hier ge­leistet. von der riesigen Materialfülle, die hier in wenigen Sahren mühselig aus allen Teilen der Welt zusammengetragen wurde. Das Mu­seum sammelt und verbreitet Lautplatten von Sprache und Musik aller Völker der Erde. Bisher hat man 250 Völler auf 3000 Originalplatten vereinigt. Seder Ton ist in dreierlei Gestalt fest- gehalten (Schriftsprache, Uebersehung. phonetische Transkription, d. h. lautgetreue Wi^>eegabe); die Lebensdauer der Platten schätzt Prof. D o e g e n auf 10 000 Sahre welche Ausfichten für kom­mende Zeiten, späteste Geschlechter!

Es wird von Snterefse sein und sei kurz bemerkt, daß eine Menge Material für das Lautmuseum in Gießen gesammelt worden ist aus dem Völkergemisch des Gefangenenlagers im Kriege. Bisher vor Doegens Schöpfung besaß man Buch, Handschrift, Rote; heute kann man 250 Sprachen (es werden immer mehr) le­bendig machen, gesprochen und gesungen auS nächster Räbe hören. Bild unb Schrift naturwahr und plastisch ergänzen.

Das Museum dient allen Lebenszwecken. Viel­leicht kann man feine Möglichkeiten und Aus­wirkungen zur Zeit noch gar nicht überschauen. Rur einzelnes kann flüchtig gestreift werden: der Kriminalist der Zukunft z. 2. wird außer dem Fingerabdruck imLaulabdruck", im Etimm- porträt ein ausgezeichnetes Hilfsmittel besitzen, der Mediziner braucht das Museum (Vererbungs­lehre), wie der Zoologe (Sietfiimmen) und vor allem der Dollskundler und der Sprachforscher, dem hier ganz neue Wege erschlossen werden, älnschahbare Dienste gerade im Unterricht leistet (wie viele Versuche erwiesen) die Lautplatte und der von Prof. D o e g e n erfundene sog. Laut- Halter, der die Stimme gewissermaßen seziert:

jeder einzelne, kleinste Ton kann beliebig off wiederholt werden. Die Platten sind gerade da­durch natürlich auch für den Musiker, um ein anderes Beispiel zu nennen, von besonderem Wert.

Es geht nicht an, auf die Fülle von Einzel- eindrücken, die der ganz ungewöhnliche Vortrag hinterließ, an dieser Stelle näher einzugehen. Rur dies noch: zum Schluß vernahm man drei Sprechstimmen; eine Reichstagsrede Bethmann- Hollwegs von 1917, die Weimarer Verfassungs- teöe von Friedrich Ebert, und die Schlußworte Tagores aus feinem Dortrage in der Berliner Aula 1921.

Der Wert dessen, waS uns hier gezeigt wurde, erschöpft sich aber bei weitem nicht etwa in der Vorstellung, wie die Menschen, die nach uns kommen (in 50, in 100, in 500 Sahren) die Weltgeschichte der Vergangenheit, also des sozu­sagen mittelalterlichen 20. Sahrhunderts, unserer Gegenwart, erleben werden: ein paar Äurbel* drehungen, und aus dem kleinen Apparat hallt eine mächtige Stimme... Hindenburgs Ansprache an feine Truppen nach der Schlacht bei Tannen­berg. Sn allen Schulen des künftigen Staates wird man das deutsche Schicksal oon 1914 mit leiblichen Ohren hören, als sei man dabei gewesen, ilnö das ist gewiß nicht einmal das Wichtigste an dem Wunderwert deS Lautmuseums.

Eine neue Darstellung von Mirabeaus Tod.

. Sebem Leser von Carlvles berühmtem Werk über die französische Revolution sind die Seiten unvergeftlich, in denen der grohe Schriftsteller das tragische Ende des DoUstribunen Mirabeau mit glühenden Farben malt. Das ergreifende Ende des Titanen auf der Höhe seiner Macht, umwogt von den Stürmen der Volksgärung, die er allein zu bezwingen vermochte, ist ein ge­schichtlicher Vorgang von seltener Dramatik. Des­halb verdient eine neue Schilderung dieses Tode- besondere Beachtung, die in einem soeben er­schienenen Werk ,11m Mirabeau" von Dauphien Meunier veröffentlicht wird. Der Verfasser hat Einblick erhalten in die Erinnerungen, dir der Kammerdiener des Grafen. L.'grain, hinterlassen hat. Dieser Legrain war Mirabeaus ftet?r Be­gleiter seit dem Sahre 1781, in dem er das Ge-

Dienstag, U- Ianuar 1927

In der Prari» Ist das inbefien ganz anders gegangen. Die Italiener und Spanier denken nickst daran, sich zu neutralisieren, im Gegenteil, sie be­trachten sich als Vorposten ihres eigenen Volkstums, als Pioniere, die ihrem Staat neues Land gewinnen sollen. Mussolinis Worte über die Ausgaben der italienischen Bevölkerungspolitik müßen hier tief erschrecken. So schiebt sich denn von Italien und von Spanien aus jetzt ein breiter Keil nach Frankreich hinein, in dem die Fremden nach ihren eigenen Gesetzen zu leben be­ginnen. Im Süden sind Spanier unb Italiener auch nicht lediglich Arbeiter, sie hoben sich als Dauern und in den Städten ansässig gemacht. Sie haben ihre eigenen Kirchen und ihre eigenen Schulen. Was man in den Dergbezirlen von Dricy unb Longwy vor bem Kriege spöttisch alsla oi-tite Iialicnnc" bezeichnete, beginnt jetzt furchtbare Wahr- heit zu werden, zumal da die beteiligten Regierun­gen von sich aus ihre Landsleute in jeder Beziehung unterstützen und dafür sorgen, daß sie dauernd eng mit der Heimat verbunden bleiben.

Immerhin, diese unbequemen Nebenerscheinun- gen, die, ohne daß es jemand eingesteht, wesentlich zur Zuspitzung der Beziehungen zu Italien beige­tragen haben, ließen sich noch vertuschen. In der Industrie dagegen gibt es jetzt kein Hatten mehr. Herr Poincars hat den Franken wieder stark in die Höhe getrieben, so daß er jetzt mehr als das Dop­pelte aus der Zeit seines tiefften Tiefstandes mert »ft. Die Industrie hat dafür die Kosten zu zahlen, sie hängt mit ihren Preisen in der Luft: das Aus- lanbgefchäft hat sehr stark nachgelassen, die Be­stellungen find ausgeblieben, Betriebseinschränkun­gen und Arbeiterentlassungen find unvermeidlich. Da kommen nun aber die französischen Arbeiter unb verlangen, daß zunächst die fremden Hilfskräfte in den Fabriken n n bie Lust gesetzt werben, da die französische Industrie doch schließlich in erster Linie für die französischen Arbeiter sorgen müßte.

Aber was soll mit all diesen Hunberttausenben geschehen? Der Gebanke, sie in bie Heimat abzu­schieben was bei den Polen schon ernstlich er­wogen wirb läßt sich kaum burchführen, sie auch als Arbeitslose im Cante zu behalten, ist ebenso schwierig. Frankreich sitzt also da in einer Zwick­mühle, aus der es vorläufig noch keinen Ausweg findet. Und im Augenblick sieht es so aus, ab meim diese Ueberfremdung zu einem ter schwierigsten Ka­pitel der inneren Politik werden sollte: wenn nicht vorher Herrn PoincarL bei seiner Stützungsaktion Jür seinen Franken der Atem ausgeht unb bie fran­zösische Valuta wieder zu sinken beginnt. Das würbe bas Neueinsetzen des Auslanbgcschcifte- bedeuten, würde aber doch auch nur eine Verzögerung be­deuten, denn einpial kommt der Moment, wo bie innere unb äußere Valuta sich ausbalancieren, wo bie Jnbuftrie also keine Differenzgeschäfte mehr machen kann unb sich auf einen normalen Bestanb an Aufträgen einrichten muß. Dann sind die Frem­den zum großen Teil überflüssig, unb dann kommt Frankreich nicht mehr um die Losung des Problems herum, was es mit diesen Menschen anfangen will, bie früher ober später doch einmal ab Fremd­körper am französischen Nationalstaat wirken müssen.

(Eröffnung der Beamten- Hochschulkurse in Darmstadt.

Am SamStag wurden in Darmstadt die vor kurzem inS Leben gerufenen Deamtenhoch- s ch u l k u r s e mit einer Feier in der Otto* Berndt-Halle eröffnet. An den Kursen neh­men 440 Beamte teil, darunter sind viele von auswärts. Unter den Ehrengästen bei der Er­öffnungsfeier waren Staatspräsident Ulrich, der Präsident der Oberpostdirektion Len- Hardt und der Präsident der Landesversiche- rungsanstalt Reumann. Die Feier wurde er­öffnet und geschlossen durch Mufikvorträge des Schnurrbusch-Ouartetts. Der Vorsitzende des Landeskartells Hessen des Deutschen Beamten­bundes, Rektor Dr. C l a ß . hielt eine Begrü­ßungsansprache, in der er darlegte, wie schnell sich heutzutage alle Entwickelungen vollziehen. Die Beamtenschaft dürfe da nicht zurückstehen und müsse an ihrer Fortbildung arbeiten, ihr Wissen vertiefen und ihr Können erweitern. Well der Staat, dem eigentlich diese Ausgabe obliege, sie nicht durchführen könne, so habe die Selbst-

fängnifl von Vincennes verließ. Er sorgte auch für die Geldverhältnisse seines genialen Herrn, der ein großer Verschwender war, hing an ihm mit leidenschaftlicher Liebe und opferte sich für ihn auf. Er lebte mit feinem Herrn in großer Vertraulichkeit, und wenn Mirabeau gut gelaunt war, duzte er feinen Kammerdiener, während er ihn im Zorn mit dem formellen .Sir" anredete. Die Heberlieferung berichtet, daß der Tribun auf feinem Totenbette au ihm das stolze Wort ge­sprochen haben soll:Halte diesen Kopf, den stärksten von Frankreich^' 3n sein n ©rinne ungen, die Legrain um 1815 aufzeichnete, erzählt er die letzten Augenblicke des Staatsmannes folgender­maßen: .Am Morgen beobachtet er das junge Grün der Bäume im Garten und sagt:Stellt mein Bett näher anS Fenster, bainit ich daS Grün sehe, bevor ich sterbe," und der Ratur nähergerückt sagt er: .SchöneS Grün, du er­scheinst in dem Augenblick, da ich gehe... Einige Zeit spricht er ganz leise vor sich hin: er kann keine Worte mehr finden Bei vollem Bewußtsein bis zum letzten Seufzer, macht er ein Zeichen, daß man ihm eine Feder gebe und sagt jedem, der im Zimmer ist, Lebewohl für immer, und allen Fran­zosen, macht ein Zeichen seiner Krankenwärterin, Die ihn stützte, sie möge sich abwenten, damit sie ihn nicht scheiden sähe. ES war eine stolze Erregung auf der Straße. Aber im Zimmer war alles-im tiefsten Schweigen seit drei Tagen..."

Der überfahrene Löwe.

Sn der Rahe von Raola, oberhalb der Viktoria-Fälle, hatte kürzlich ein Eisenbahnzug unerwarteten Aufenthalt. Die Reisenden verliehen neugierig den Zug, um den Grund des Haltens festzustellen, und erfuhren, daß die Lokonwtive einen großen Löwen überfahren hatte. al5 er über öte Schienen lief. Während man das im wahrsten Sinne .zur Strecke gebrachte" Raubtier getrachtete, hörte man plötzlich im nahen ilt- wald einen zweiten Löwen brüllen und bestieg schleunigst den Zug. da man an der Bekannt­schaft mit einem König der Tiere genug hatte. Löwen haben in letzter Zeit in diesem Gebiet die Eingeborenen in großen Schrecken verseht und eine Frau aufgefreffen. Sie belagerten auch ganze Rächte. hindurch die Häuser der weißen Ansiedler.