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Nr. 8 Erster Blatt

177. Jahrgang

Dienstag, 11 Januar 1927

Erscheint lügttch,außer Sonntag» und Feiertag».

Beilagen:

Gießener Famtliendlätter Heimat >m Bild Di» Scholle

monat»»FejBßSprdi:

2 Reichsmark und 20 Retchspsenntg für Trüge» lohn, auch bei Richter« scheinen einzelnerRummen» Infolge höherer Gewalt. Fernfprechanf chlüsse: 51, 54 und 112.

Anschrift für Drahtnach­richten: Hnielger Siebe«, povschcakonts:

jranffitrlam Hlal.i 11686.

®iefjencr2liyeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

vrvck und Verlag: VrLhl'sche UniverfitStr-Vuch- und Zlelndrmlerei R. Lange in Gießen. Schristlettung und Seschäftrftelle: Zchnlstraße 7.

rtiutahme von Unzeige« für di« lagttnnmmtr bi» zum Nachmittag vorher.

Preis für \ rem höhe für Anzeigen oo.i 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig- für Ne« lrlameanzeigen von 70 mm Breite 35 Ne.chspfennig, Platzvorschrift 20" , mehr.

Chefredakteur.

Dr Friede Wilh Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr Wilh Lange, für Feuilleton Dr h Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumscheinj für den An­zeigenteil i. Dertr. h. Deck, sämtlich in Gießen.

Reidfsminiftei Dr. durtius mit der Regierungsbildung beauftragt.

Auf dem Wege zu einem Kabinett der bürgerlichen Parteien.

Prvgrcnnmäßig hat der Reichspräsident am 10. Januar die kurz nach der Vertagung des Reichstags und dem Sturz der Reichsregierung unterbrochenen Verhandlungen mit den Partei- sührem wieder ausgenommen. Ratürlich ent­zieht es sich der Kenntnis, welchen Rat jeder einzelne dem Reichspräsidenten erteilt hat. Mitt­lerweile jedoch haben sich die Dinge einiger­maßen geklärt, so dah man imstande ist, die Lage und die weitere Entwicklung zu über­sehen. Ruch die längere Pause hat leider nicht die gewünschte Dickung gehabt, die vorhandenen Parteigegensähe zu mildem und die Möglichkeit einer Regierungsbildung mit sicherer Mehrheit ( Drunillage herbeizufuhren. Es ist im Gegen- teil t>k Ungewißheit über die nächste Zu- fim.t Deutschlands größer, den je zuvor.

Rur so viel steht fest, da.ß noch in einer Ansicht das in Aussicht genommene Programm eingefallen wird, dah nämlich ReichSwirtschafts- Minister Dr. E u r t i u s zu der Ausgabe berufen ist, eine Regierungsbildung zu versuchen. Zu­nächst geht diese Ausgabe dahin. Deutsch­nationale und Zentrum einander näher zu bringen und sie zu gemeinsamer Beteiligung an einer Regierung zu bewegen. Dadurch würde die erforderliche Mehrheitsgrundlage für eine stabile Regierung geschaffen werden. Dah daS unter den heutigen Ümftänben d le allein mögliche Grundlage für eine stab i l e Regierung ist. wird wohl auch in den Kreisen des Zentrums, die nicht ganz im sozialdemokra­tischen Fahrwasser schwimmen, nicht bestritten werden. Ebenso wenig kann jedoch bestritten wer­den, dah leider im Zentrum die Zahl derienigen, die nach linlS tendieren, sehr groß ist. Freilich würden auch sie mindestens zu einem erheblichen Seil ihre Auffassung revidieren, sobald sie vor die Rotwendigkeit praktischer Zusammen­arbeit mit den Sozialdemokraten gestellt werden.

Selbst wenn man annehmen wollte. dah eine Einigung zwilchen ihnen und den Sozialdemo- tralcn über die A r b e i t S z e i t f r a g e mog- l ch wäre. waS auS den verschiedensten Gründen ausgeschlossen erscdeiuen muh, wäre auch das Zentrum schwerlich gesonnen, den Sozialdemo­kraten die Reichswehr auszuliefern. Für die ganze Fraktion sowohl wie für die ganze Partei muh die Erklärung, die R:ichskanzler Dr. Marx im Einverständnis mit dem Reichspräsidenten un­mittelbar vor dem Sturz seines Kabinetts im Reichstag abgegeben hat. als Richtlinie für ihre Reichswehrpolitik maßgebend sein. Die darin angekündigten Mahnahmen s'uid bereits in der Ausführung begriffen oder stehen unmittelbar bevor. Sie stellen aber bic äußerste Grenze dessen dar, was auch das Zentrum zugestehen . kann. An diesem Punkt muh jeder praktische Versuch des Zusammengehens von Zentrum und Sozialdemokraten in die Brüche gehen.

Die Deutschnationalen sind natür­lich zur bürgerlichen Koalition bereit, die Ent­scheidung liegt beim Zentrum, das sich jebod) in seiner Presse zu sehr feit gelegt hat, um sofort nachgcben zu können. Sollte dieser Versuch zur Bildung einer stabilen Mehrheitsregierung über­haupt scheitern, wird Dr., Eurtius vermutlich i n zweiter Linie beauftragt, ein Kabinett der . Mitte nach Art des Kabinetts Marx zu bilden.

Diederum liegt es in der Ratur der geschil­derten Verhältnisse, dah ein Kabinett der Mitte, gleichgültig wer an der Spitze steht, Anleh­nung nach rechts oder links suchen muh, wenn eS nicht das Schicksal seines Vorgängers clSbald teilen soll. Wiederum liegt es in der Ratur bet geschilderten Verhältnisse, dah min­destens ein Kabinett Eurtius seine Anlehnung nicht nach links, sondern nur nach rechts suchen fann, und wiederum liegt die Entscheidung beim Zentrum, dann aber auch bei den Deutsch- nationalen selbst. Wenn bei diesen die mannig­fachen Einwirkungen, die in den letzten Wochen erfolgt sind, ihre Wirkung ausgeübt haben, dann zeigen sie genügend Verständnis für die wirk­liche Sachlage und für die Erfordernisse des Augenblicks. um es der Mehrheit des Zentrums zu ermöglichen, mit der Deutschen und der Baycri- ; schon Vollspartei, mit oder ohne Demokraten, eine eine Regierung bet Witte zu dulden.

Natürlich wird es zunächst sehr viel mehr Par- teitattif als sachliche Arbeit geben. Deutfchnatioimle und Zentrum werden sich gegenseitig die Verant­wortung für ein Zustandekommen oder ein Schei­tern der Regierungsbildung zuzuschieoen und jode . wird die andere zur Aufstellung eines Programms zu veranlassen suchen. Die Aufgabe des mit der Re­gierungsbildung betrauten Persönlichkeit, vorläufig 'also Dr. Eurtius, muh dahin gehen, zwischen beiden zu vermitteln und eine Verständi­gung herbeizusührcn. Wir verhehlen uns keines­wegs, daß eine solche Aufgabe beinahe der Qua- brutur des Zirkels gleichkommt. Zentrum und Deutschnationale haben sich in der letzten Zeit immer mehr auseinander geredet und es ist schwer^an eine Verständigung zu glauben. Auf der anderen Seite hat aber bei uns. wie in aller Welt, die Politik schon . häufig merkwürdige Ueberraschungen zutage geför- bert, und in diesem besonderen Falle darf man sich auch vie'leicht noch der Hoffnung bingeben, daß die beiberfeirige Parteipresse unmittelbar vor der Ent­scheidung sich noch möglichst rabiat und radikal ge­bärdet, um von der Gegenseite jedes denkbare Ent­gegenkommen herauszuschkagen. Man wird daher

gut tun, nicht allzu großen Wert auf schroffe Aeuße- rangen zu legen, sondern die weitere Entwicklung mit Ruhe abzuwarten. Vielleicht erweist sich das im Hintergrund immer drohender aufragende Gespenst der R c i ch s t a g s a u f l ö s u n g als der Knüppel, der doch noch schließlich der Vernunft mit einigem Nachdruck zum Siege verhilft.

Der Auftrag des Reichspräsidenten. Berlin, 10. Jan. (I1L) Der Herr Reichs­präsident v. Hindenburg empfing heute vormittag zunächst den Reichstagspräsidenten Lobe, mit dem er sich des längeren über die Möglichkeiten der Regierungsneubildung unterhielt, ferner emp­fing der Reichspräsident die Führer derjenigen Par­teien, die in der ersten Besprechung am 18. Dezem­ber noch nicht beim Reichspräsidenten, waren und zwar in Vertretung des dienstlich abwesenden Abge­ordneten Drewitz von der Wirtschaftspartei, Pros. Bredt, für die Bayerische Volkspartei Domkapitu­lar Leicht. Am Nachmittag erfolgten Empfänge des Grafen ID e ff a r p für die Deutschnationalen und von (Buerarb für das Zentrum.

In den Abendstunden empstng dann der Herr Reichspräsident, wie amtlich mitgeteiit wird, den Reichswirtscha.tsminister Dr. Eurtius und er­teilte ihm den Auftrag zur Tleubilbung ber Reichsregierung. Dr. Eurtius nahm den Auftrag entgegen, behielt sich aber seine enbgüllige Entschließung über bie Uebemahme der Kabinetts­bildung vor, bi» sich das Ergebnis der sofort ein­zuleitenden Verhandlungen mit den Fraktionen des Reichstages Übersehen läßt.

Rcichswirtschastsminister Dr. Eurtius veröffent­lichte in der Rationalliberalen Korrespondenz nach seiner Betrauung mit der Reubildung der Regie­rung folgende Erklärung»Der Plan der Gro­ßen Koalition, der vor dem Stur; des Ka­binetts Marx die parlamentarische £ag-z beherrschte, ist durch die bekannten Ereignisse zerschlagen wor­den. Die Stetigkeit der beutfd)en Politik setzt aber nach wie vor die Bildung einer Mehr- heilsregierung voraus. Infolgedessen müssen Brücken nach recht» geschlagen werden. Gras ID e |1 a r p hat vor der Abstimmung über das sozialdemokratische Mißtrauensvotum erklärt, daß cs sich bei der Stellungnahme der Deutschnationalen Volkspartei nicht um die Regierungspolitik handle, sondern lediglich um die Klärung der parla­mentarischen Mehrheitsoerhältnisse. Ls gilt auf den Grundlagen der bisherigen Politik der Milte Gemeinschaftsarbeit mit der Deutschnationalen Volkspartei zu er­möglichen. Die Presseoeröffentlichungen der letzten Zeit dürfen von diesem Plan nicht abschrecken. Die Lösung der Krise erfordert Verhandlungen der oer- antworllichen Instanzen der Parteien. Solche Ver­handlungen von der Mitte nach rechts zu führen, bin ich von dem Herrn Reichs­präsidenten beauftragt. Denn sie gelin­gen, werden sie nicht zu einemBesihbürgervlock" führen. Auch eine Regierung mit den Deutschnatio­nalen wird das Gemeinwohl und soziale Rotwendigkeiten schützen wie die bis­herige Regierung der Mitte.

Einem Vertreter der ,-Iägl. Rundschau" erklärte Dr. Eurtius ferner: Seit meiner ersten Besprechung bei dem Herrn Reichspräsidenten habe ich an dem Plan seslgehalten, eine Regierung von den Demokraten bis zu den Deutschnatio­nalen zu ermöglichen. Ich habe keinerlei verhand- lunc-en nach links eingeleiiet oder geführt. Ab­weichende G.rüchte, die darüber sogar unter Nen­nung einer angeblichen Ministerliste in die Presse gelangt sind, entbehren der Grundlage. Ebenso un­begründet sind die Mutmaßungen und Aeuherunaen über angebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen mir und dem ^Fraklionsoorstand der Deutschen Volks­partei, in dessen gestriger Sitzung, an der Reichs- außenminister Dr. Stresemann und ich teil- nahmen, wurde eine einmütige Ausfassung der Lage festgestellt. D.r Fraktionevorstand hak alle bisherigen Schritte, die fein Vorsitzender und ich unternommen haben, einmütig gebilligt.

Verhandlungen mitdenDeutschnationalen.

Die Entscheidung liegt beim Zentrum.

Berlin. 10. 3an. (SH.) 3m Reichstage trat um 11 üijr vormittags der Fraknonsvov- vorstand der Deutschen Volkspartei einer Sitzung zusammen, an der auch der Zraktions- sührer, Recchsaußenministcr Dr. Stresemann, reilnahm. Rach Beendigung dieser Sitzung um 2 älhr nachmittags hatten die Führer der Deut­schen Voltspartci, Dr. Scholz und Dr. Cur- tius, eine Besprechung mit den Führern der deutschnationalen Reichstagsfraktion. G r a f e n Westarp und von Lindeiner-Wildau, über die AuLsichten einer Kabinettsbildung durch Dr. Curttus. Die Dcutschnationale DoUspartei nahm zur Beauttragung von Dr. Eurtius in folgender Erklärung Stellung:

Der vorn Herrn Reichspräsidenten erteilte und vom Herrn Minister Eurtius angenom­mene Austrag durch Verhandlungen mit der Deutschnationa en Volkspartei eine feste Re­gierungsgemeinschaft zu bilden, weist den einzigen Weg, auf dem die Lösung der

Regierungskrise möglich ist. Beim Zen­trum liegt also nunmehr die Entscheidung, ob es diesen Weg beschreiten oder eine Reg ierungskrise von unabseh­barer Dauer und eine Verwirrung aller Verhältnisse herbeiführen will.

lieber die Haltung des Zentrums gibt die Germania" keinen Aufschluß, sondern weist darauf hin, daß, wie angekündigt, der Frak­tionsvorstand des Zentrums heute zu dem Ver­suche des Reichswirtschaftsministers Dr. Curttus Stellung nehmen toerbe. DieTägliche Rund­schau" teilt übrigens noch mit, daß es sich bei der gestrigen angeblichen Besprechung zwischen Dr. Scholz und Dr. Eurtius auf der einen und dein Grafen Westarp und dem Abg. LiNdeiner- Wildau auf der andern Seite nur um eine zufällige Begegnung gehandelt habe, bet der Verhandlungen irgendwelcher Art über die Regierungsbildung nicht geführt worden seien.

Die Bereitschaft

der Sozialdemokraten

Berlin, 10. 3an. (WTB.) Der Partei­ausschuß der Sozialdemokratischen Partei faßte, wie das VDZ.-Bureau erfährt, nach dem Bericht des Reichstagspräsidenten Lobe und nach län­gerer Aussprache folgende Entschließung:Der Parteiausschuh billigt die Haltung der sozial­demokratischen Reichstagsfraktion, die bereit war, mit dem auf dem Boden der republikanischen Verfassung stehenden Parteien in die Reichs» reg ierung einzutret en. Der ParteiauS- schuß hält auch heute an dieser Bereitschaft fest. Gr wird dabei zunächst geleitet von der Erwä­gung, daß die Politik von Genf und Thoiry fort- geführt werden muß mit dem nächsten Ziele der Befreiung der Rheinlande. Er be­tont des weiteren die Rotwendigkeit gerade im 3ntercsse der Reichswehr selbst, ihre Ent­politisierung insbesondere durch vollstän-

Erste Fühlungnahme der

Paris, 10. 3an. (TU.) General von Pawels und Legattonsrat Forster haben die Verhandlungen mit der Dotschafter!o.'.°e.enz ausgenommen. 3m Lause des Montags land die erste Besprechung mit Generalsekretär Mas­st g l i e statt. Für die erste Zeit sind nur pri­vate Unterhaltungen geplant, bei denen man sich bemühen wird, die gegensätzlichen An­schauungen so weit als möglich einander an­zugleichen, um dadurch die spätere Bera­tung durch die Botschafterlonferenz zu er­leichtern. Um sieben Uhr statteten die deut­schen Unterhändler dem Präsidenten der CBot- fchafterkonserenz, 3ules Eambon, einen Be­such ab. Es handelt sich hier um eine erste Fühlungnahme. Man ist in unterrichteten Krei­sen der Anschauung, daß dieser noch eine Reche privater Besprechungen folgen werden. Der starke Pesiimismus, der sich in den letzten Tagen gel­tend machte, ist einer etwas optimistischeren Stimmung gewichen, so daß man auf französischer Seite hofft, einen Appell an den Haager Schi.'dsgecichtshos vermeiden zu können. D.e 3n- ftrultionen von General von Pawels werden streng geheim gehalten. Man scheint dieses mal die Lessentlichkeit vom Gange der Verhandlun­gen nicht unterrichten zu wollen, doch wäre es bedauerlich, nenn die Diskretion, wie so oft in ähnlichen Fällen, nur von deutscher Seite gewahrt werden würde. Die Vorschläge der Reichsregierung, die General Pawels und Dr. konserenz dem Versaitter Mili.ärkomitee über­wiesen werden, das sie nach ihrer Prüsunlg an die Drtschafterlon.erenz zurückvcrweist. Eine Sitzung der Botschafterlonferenz ist zur Zeit iwch nicht angesagt.

Neue gwrschensälle im desetzien (Bebiel.

Mainz, 11. Ian. (WTB.-Drahlbericht.) In bet Rächt zum Sonntag wurden aus der Oberen Fahl- bachet Straße deutsche F i o i l i sl e n , de sich auf dem Rachhauseweg befanden, in mehreren Fällen von Angehörigen der Besatzungs­armee tätlich belästigt. Ls handelt sich hier­bei um zwei sranzösische Soldaten, die anscheinend in angetrunkenem Zustande fystematisch die Passanten angriffen und ihnen zum Teil schwere Schlagverlehungen zusügten. Die das DTB. erfährt, hat die Stadt P r o t e ft gegen dieses neue Vorkommnis bei der Befahungsarmee erhoben.

Briands Bericht

über die auswärtige Lage.

Paris. 11. 3an. (WTB.) C©le Havas be­richtet, wird Briand heute im Ministcrrat über die auswärttge Lage Bericht erstatten. Es sei wahrscheinlich, dah die Frage aufgeworfen wer­den wird, ob es angebracht fei. eine P a r l a mentsdebatte über bie auswärt ige PoNtik zuzulassen. Eine derartige Aussprache müßte nottoenbigertoeife auch bie deutsch-

bige Unterbindung aller Zusammenhänge mit den vaterländischen und Wehrverbänden durchzu­führen, und sie unter Verzicht auf jede selbstän­dige Politik auf ihre militärischen Ausgaben zu beschränken. Der Parteiausschuß weist auf die dringende Rotwendigkeit hin. die Sozial­politik fortzus.ihren und insbesondere durch schleunige Verabschiedung des Arbeitszeitnot- gesehes den Achtstundentag zu sichern.

Berliner Pressestimmen.

Berlin, 11. 3an. (TU.) Die Morgenblätter beurteilen im allgemeinen einen Erfolg der Be­mühungen des Reichswirtschastsministers Eurtius um die Bildung einer bürgerlichen Regierung sehr skeptisch und weisen daraus hin, daß die Entscheidung allein beim Zentrum liegt. DieSägt Rundschau" weist daraus hin, daß dem Zentrum die volle Veranworlung über- lassen werden müsse, ob es die einzige über­haupt bestehende Möglichkeit einer Mchrheilsbil- dung retten ober zerschlagen wolle. Ebenso äußert sich der ,Lok. Anz.", der daraus hin- weist, die Tatsache, daß Curttus den Auftrag angenommen habe, beweise, daß noch nicht alle Hoffnungen geschwunden seien. Die .Ger­mania" meint, Eurtius habe nicht, wie er­wartet, auf die Annahme deS Auftrages ver­zichtet. Trotzdem habe sie gar keine Veranlassung, chre Ansicht von der unvermeidlichen Bindung eines Kabinetts Curttus nach rechts und damit von der Aussichtslosigkeit seiner Be­mühungen irgendwie zu revidieren. Die .Voss. Z t g. sagt, daS Hin und Her der Verhandlungen werde voraussichtlich mehrere Tage in Anspruch nehmen, aber ihr Ergebnis lasse sich leicht Voraussagen: es sei kaum denk­bar, daß Deutschnattonale und Zentrum sich programmatisch auf einer Linie zusammensän- den. Aehnlich äußern sich .Berliner Tage­blatt" und /B o r f e n I u r i e l .

deutschen Unterhändler.

französischen Beziehungen berühren, was gegenwärtig ziemlich unangebracht wäre, da einerseits bie deutsche Miicksterkrise noch nicht gelöst sei, und andererseits die Verhand­lungen des Generals Pawels mit der Dotschaster- konferenz bevorständen. Havas vermutet, daß der Ministerrat nicht sofort eine Aussprache über die auswärttge Politik annehmen werbe.

Deutschland und Polen.

Eine neue Ncde Zaleskis gegen die Revision der Äersailler (^ren^ielsung.

Warschau, 10. Jan. (TU.) 3m 3nftitut für internationale Forschung hielt Außenminister Z a l e s k i gestern abend eine Rede, die allein an bie Abresse Deutschlands gerichtet ist und wegen ihrer großen Schärfe wie eine Bombe gewirkt hat. Der Minister wies vor allem ent- schieden zurück, daß Polen sich mehrere Grenz­verletzungen habe zuschulden kommen lassen und erklärte, daß D ^u t s ch 1 a n d der Teil sei, der die Grenzbestimmungen bzw. die Unverletz­barkeit fremder Grenzen nicht eingehalten habe. Zaleski sagte bann wörtlich: 3ch nehme das Recht für mich in Anspruch, im Ramen Der ganzen polnischen Volkes zu erklären, dah wir gute Beziehungen au unseren westlichen Rachbarn aufrichtig wünschen. Die deutschen Politiker sind aber im großen Irrtum, wenn sie annehmen, daß Polen für die Aufrechterhaltung dieser guten Beziehungen den Preis zahlen wird, den Deutschland sich im stillen wünscht. Polen wird nie und um keinen Preis auf eine Revision seiner Grenzen e i n g e h e n. Das polnische Volk wird a u f keinen Fuß Breite seines Bodeils verzichten. Polen wird nicht mehr den Fehler begehen, den es vor 3ahrze.)nten gemacht hat. Es wird sich ein solches Unrecht, wie es ihm einmal geschehen ist, nicht mehr gefallen lassen. Diktatur im Memettat d. Ter litauische Kricgskommandant verbietet daS Zusammentreten deS Landtags.

Memel, 11.3an. (TU.) Die auf gestern nachmittag 6 Uhr anberaumte Sitzung des memelländischen Landtages wurde durch den Kriegskommandonten verboten. 3n der Sitzung sollte u. a. dem illegal zustande- gekommenen Landesoirektormm S ch w e 1 n u s das Mißtrauen ausgesprochen werden. Der 1 i - lau ische Gouverneur des Memelgebiets hat gestern Mitgliedern des Landtages erklärt, daß e r das Verbot der Sitzung veranlaßt habe. Die vom Gouverneur zur Begründung des Ver­botes angezogene Bestimmung des Art. 12 des Memelstatuts kann keine Anwendung finden, da es sich nicht um eine außerordentliche Sitzung, die nach diesem Arttkel Dom Gouverneur cinzu- berufen wäre, und auch nicht um bie Eröffnung einer neuen Session handelt. Den Landtags-

Die neuen ttonttollverhandlungen.