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Nr. 185 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Mittwoch, 10. August 1922

Indische Städte.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Don unserem Dr. A. ^.-Sonderkorrespondenten.

Im Begriff, Indien zu verlassen, wird mir die Kürze des Aufenthalts schmerzlich bewußt. Ein Land, zehnmal größer als Deutschland, mannigfaltig wie Europa, bevölkert mit 320 Millionen Menschen, die in Sprache, Rasse und Religion, größere Unter­schiede aufweisen, als Europas Nationen ein solches Land kennen zu lernen, reichen Jahre nicht aus. So muß der Eindruck häufig am Aeuherlichen haften bleiben. Man kann sich nur bemühen, aus der Form auf den Inhalt zu schließen, ohne je die Relativität dieses Schlusses aus den Augen verlieren zu dürfen.

Die Jndienbücher aber, die ich vor meiner Aus­reise las, kommen mir nun ein wenig lächerlich vor. Sind fie doch mit der großen Geste des Kenners ge­schrieben, über einen Gegenstand, von dem kaum jemand in Europa behaupten kann, Kenner zu sein.

Am schlimmsten sind die enthusiastischen Bücher, besonders wenn sicMein Indien" oderIndien und ich" oder garDas Märchenland Indien" sich nennen. Das müssen sehr oberflächliche Beobachter sein (man kann jahrelang in einem Lande wohnen und doch nur oberflächlicher Beobachter bleiben), die in diesem Lande nur Romantik sehen, in dem doch, wie kaum wo anders in der Welt, das Elend des Daseins deutlich wird.

Ich habe Indien von Süden nach Norden und von Osten nach Westen durchreist. Da ich mich aber mit zwei Ausnahmen nur auf die großen Städte beschränkte, gewann ich eine lebendige Anschauung nur von ihnen. Nur zweimal gelangte ich wirklich ins L<md; das erste Mal bei meinem Aufenthalt im Himalajagebirgc und das zweite Mal durch eine lange Bootsfahrt durch die Lagunen der Malabar­küste.

So sind es denn hauptsächlich die indischen Städte, deren Bild deutlich vor meinen Augen steht, wenn ich mich in diesem Augenblick der Ab­reise auf das Gesehene besinne.

Madras.

Diese erste große indische Stadt, die ich sah, ist als die häßlichste in Erinnerung geblieben. Die Natur hat sie nicht begünstigt. Hier ist der einzige große Hafen an der Ostküste Vorderindiens, aber der Hasen ist nicht natürlich, sondern künstlich. Un­geheure Betondämme sind von der gleichmäßig fla­chen und geraden Küste aus ins offene Meer hinaus gebaut, um als Wellenbrecher die ankernden Schiffe vor den Stürmen zu schützen. Aber das nützt nicht immer; alle paar Jahrzehnte richten Monsumftürrne im Hafen gewaltige Verheerungen an. Liegt doch Madras in einer Sturmzone des Indischen Ozeans.

Auch ist die Stadt ungesund. Die Menschen muß­ten sich hier ansiedeln, und die Engländer mußten aus Madras eine ihrer indischen Metropolen machen. Von Madras aus wurde die Herrschaft der vstindischen Compagnie Großbritanniens über In­dien ausgebreitet. Aber nicht nur historische Gründe rechtfertigen die Bevorzugung dieses Platzes, Ma­dras ist Hauptstadt der Präsidentschaft Madras, einer Provinz, so groß wie Japan mit nicht weni­ger als 42 Millionen Einwohnern. Die anderen Häfen dieser Provinz sind noch ungünstiger. Aller­dings beabsichtigen die Engländer, aus C o ch i n einen modernen Hafen zu machen, so daß wenig­stens die Malabarküste von Madras unabhängig würde.

Die Stadt selbst ist weitläufig gebaut. Die Ent­fernungen sind enorm. Man braucht mit dem Au­tomobil noch geraume Zeit, um von den Hotels zum Hafen zu gelangen. Auf dem halben Wege liegt das Schloß des Generalgouverneurs (der aber nur im Winter hier residiert) mit gewaltigem Park, nicht weit davon, nach dem Meere zu/ das historische Fort, von dem aus Lord Clive im 18. Jahr­hundert seine ersten genialen Kriegszüge unternahm. Der Meeresstrand, soweit er nicht vom Hafen ein­genommen wird, imponiert einzig durch die unge­heure Länge der Kaistraße. Die beste Attraktion von Madras liegt hier, ein hübsches Aquarium, das ein­zige seiner Art in Indien.

Eigentlich besteht Madras aus sechs bis sieden Orten, die durch unbebaute Landflächen voneinan­der getrennt sind. Die Eingeborenenviertel sind mit die schmutzigsten und häßlichsten ganz Indiens. Der interessanteste Stadtteil mag St? Thome sein, mit einer unscheinbaren katholischen Kirche, die den Titel Kathedrale führt und in der, der Legende nach, der Apostel Thomas beigesetzt sein soll. Die Legende er­zählt, der Apostel habe in der Nähe von Madras den Märtyrertod erlitten.

Kalkutta.

Kalkutta ist fast dreimal so groß wie Madras und nach London die größte Stadt des britischen Imperiums überhaupt. Bis 1911 war es die Haupt­stadt Indiens. Wirtschaftlich blieb es der Mittel- punkt. Der Verkehr ist gewaltig und der Hafen sehr

Gießener Stadttheater.

Ludwig Fulda:Der Lebensschüler".

Fulda hat immerhin schon Besseres ge­leistet, als dieses Stück, das die Rauheimer als Erstaufführung in Gießen herausbrachten; dieses dünnblütige Lustspiel, das so erstaunlich schwer­fällig, schleppend und unbeholfen in Gang ge­bracht wird; mit einem ersten Akt, dessen Dialog gleichsam auf Stelzen geht, bis die erlösende Szene da ist, die endlich die Fabel des Ganzen anschneidet.

Drei weitere Akte sind um das Problem der Lebensschülerschaft herum geschrieben, und wenn der letzte Vorhang gefallen ist, steht man zwischen zwei einander widersprechenden Gefühlen: der iFreude darüber, daß das Ganze gegen den Schluß zwar ansteigt in Aufbau und Linien­führung (während bei den meisten Lustspielen im dritten oder gar vierten Akt der Höhepunkt längst überschritten ist) und der unabweisbaren Ver­stimmung darüber, daß das Problem ungelöst bleibt, daß der Autor ausweicht, keinen Abgang findet und sich um eine klare Entscheidung herurn- Drückt, die in der Sache im allgemeinen und im Stück im besonderen zu fordern ist. Denn damit, daß man die Fäden aus der Hand gibt, die eigentlich letzte Szene ungespielt läßt, hinter den Vorhang verlegt und der wankelmütigen Phan­tasie des Zuschauers anheimstellt, wird aus einem (übrigens an vielen Stellen arg an der Oberfläche treibenden) Lustspiel noch keine Komödie.

Die Frau im Mittelpunkt mag Fulda in einem der zahllosen Berliner Salons, in einer der vielzuvielenGesellschaften" leibhaftig begegnet fern; eine nicht mehr ganz junge Dame von

gut, da er, wie der Hamburgs, Bremens, Londons und anderer europäischer Küstenstädte, nicht unmittel­bar am Meer, sondern in der Flußmündung liegt. Im Gegensatz zu Bombays Schiffsverkehr, das durch die Konkurrenz Karachis verliert, gewinnt Kalkutta in dem Maße, als die Handelsverbindungen Indiens mit dem fernen Osten, vor allem mit Japan, zu- nehmen. Auf einer Fahrt durch den Hafen sieht inan tatsächlich ebensoviel japanische wie englische Schisse. Der Einfluß des Ostens macht sich auch in einem zahlenmäßig bedeutenden chinesischen Beoölkerungs- teil Kalkuttas bemerkbar.

Dom Hauptbahnhof, der in einem der häßlichsten Quartiere liegt, gelangt man über die große Hoogly- Brücke durch die eigentliche Stadt in das Europäer­viertel, das fast so repräsentativ wie das Bombays ist. Hier stehen die Bankpaläste, die großen Han­delshäuser und 'die vielen Verwaltungsgebäude der

riger sind die modernen Fabrikvorstädte mit ihrem in den Jutefabriken beschäftigten Proletariat.

Delhi.

1911 wurde die indische Hauptstadt von Kalkutta hierher verlegt. Wie überall in Indien, ist sie nur im Winter hier, im Sommer zieht der Vizekönig samt den Ministerien und dem Parlament hinauf in die Berge nach Simla. Die vorläufige Unterkunft der britisch-indischen Verwaltung in Delhi ist recht küm­merlich. Das Cantonment (so heißt in Indien überall der europäische, mit britischer Garnison be­legte Stadtbezirk) liegt im Norden des eigentlichen Delhi und besteht, abgesehen von den Hotels, mehr aus Baracken als aus Gebäuden. Dafür wird nun freilich im Süden des alten Delhi die neue Haupt­stadt, das Imperial Delhi, gebaut. Ein Teil der Ministerien und das Parlament arbeitet schon

Mahnung zur Hindenburgspende

Dr.Iarrcs, Reichsrniirister a. D., Oberbürgermeister von Duisburg: Mir der Hindenburgspende ehrt fld) das deutsche Volk selbst, denn Hindenburg ist der größte und beste unter den lebenden Deutschen. Eine Sammlung in seinem Sinr.e bedeutet Be­kenntnis zu seiner, d. h. einigender deutscher Art.

D. Dr. A. Rardiual Bertram, Fürstbischof von Breslau:

Da die erhabene Person des Reichspräsidenten von Hinden­burg durch Charaktergröße und unvergeßliche Verdienste um Volk und Vaterland die tiefste Verehrung des gesamten deutschen Volkes sich erworben hat und sein Bild den Herzen aller in Tagen schlimmster Vlct überaus teuer geworden ist, nehmen alle kreise des Volkes an der Feier seines 80. Ge­burtstages innigen Anteil. Spenden zu diesem Tage, die namentlich für Rriegsverletzte und deren Hinterbliebene und andere durch die Rriegsfolgen in wirtschaftliches Elend Geratene bestimmt sind, sind als würdiger Ausdruck der Dankbarkeit zu begrüßen.

Arno Holz:

Mit zu dem wertvollsten Gut unseres Sprachschatzes zählt dasMortpaar: Verantwortungsgefühl und Pflichterfüllung. Der unbedingte Respekt vor ihm wurzelt rief" in uns allen. Ist der schon hochzupreisen, auf dessen Leben diese beiden Morre im Rlcinen zutresfen, um wieviel höher der, dem sie Leitsterne gewesen sind und noch sind für ein Leben, das durch entscheidende Schicksalsstunden in den Dienst eines Volkes gestellt wurde. In diesem Sinne wird der VTcme Hindenburg für alle Zeiten jedem Deutschen unvergessen bleiben.

Gaben für die Hindcnburgspende werden angenommen in der Ge- schafrssteUc desGießener Anzeigers", Gießen, Gchulstraße VZr. 7.

britisch-indischen Regierung. Zwischen der Haupt­straße mit den großen Hotels, dem Theater und den Museen und dem Flusse erstreckt sich der vielge­rühmte Park Kalkuttas, der Maidan. Der Name Park aber ist zweiffelos eine Uebertreibung. Es han­delt sich in der Hauptsache um ausgedorrte Wiesen­flächen, auf denen einige Bäume stehen. An der einen Seite dieses sehr umfangreichen Maidans haben die Engländer eine geschmacklose Nachahmung der Tadsch-Mahal gebaut, das dem Andenken der Königin Viktoria gewidmet ist. Die Engländer soll­ten, so kann man nur wünschen, dieses Gebäude bald wieder abreißen, denn ein solch augenfälliger Vergleich zwischen abendländischer und indischer Baukunst ist peinlich.

An den Maidan schließt sich die Villenstadt Kal­kuttas, in der auch das deutsche Generalkonsulat liegt. Die Eingeborenenstadtteile sind schöner, bunter und malerischer als die in Madras, aber desto schau­

zweifelhafter Vergangenheit, die ein verlogenes und halbes Gegenwartsdasein führt uird ihr biß­chen Zukunft längst hinter sich hat. Sie soll der Prüfstein und das Rechenexempel sein für den jungen tumben Toren und Lebensschüler, der reinen Herzens ist, voll rosenroter Ideale und voller Ehrfurcht vor dem Heiligtum und dem Wunder der Frau.

Ein älterer Freund führt chn in die Schule des Lebens ein, zeigt dem 3ungen, daß das, was er sich wie einen Kirchenraum dachte, bei Licht besehen oft nur eine von ordinärer Mensch­lichkeit erfüllte stickige Stube ist, und verliert, gutmütig und wohlmeinend, zuletzt den Zögling aus der Hand.

Was als abschreckendes Beispiel gemeint war, wird peinlicher Ernst, als der Junge sich in die große Dame verliebt und ihr ganz verfällt, die ihr abgleitendes, schon fast unhaltbares Dasein an seine Seite retten und an ihm wieder auf­richten will.

Als der Freund erscheint, um mit einer er­barmungslosen Entschleierung den Schüler zurück- zureitzen und die unglückliche Verbindung der beiden zu trennen, ist es zu spät. Jetzt wäre es hohe Zeit, den Lauf des Stückes in eine klare und aufrichtige Entscheidung münden zu lassen; sie bleibt aus. Der hier geschickt redigierte Dialog verliert die Schlagkraft, wenn man sieht, wie die grausam demaskierte Sphinx dennoch zum Schluß über den plötzlich völlig haltlosen Parsifal triumphiert, der sich- zuvor von einer sympathischen Entschlossenheit und Hartköpfig­keit gezeigt hatte

Die psychologischen Bruchstellen des Ganzen werden sichtbar: die hilflose Waffenstreckung des

hier. Aber die Wohnhäuser sind noch kaum be­gonnen. 60 000 Menschen werden hier Platz finden.

Das eigentliche Delhi ist eine farbenprächtige, echt orientalische Stadt. An der Flußseite erhebt sich dasFort" genannte alte Großmogulenschloß. Hier liegen die wundervollen Marmorpaläste, neben denen Agras die schönsten der Welt. Die Inder nennen es wegen der gewaltigen Umfassungsmauer aus roten ZiegelsteinenDie rote Burg". Die große Funkstation mit ihren sechs Eisentürmen steht in pitoresfem Gegensatz zu dem alten Marmorschloß.

Delhi ist noch ganz von einer Stadtmauer um­geben, und wenn man von Cantonment oder von Imperial Delhi sich der Stadt nähert, glaubt man, eher in eine arabische oder persische Stadt zu treten als in eine indische; Kuppeln und Minaretts der Moscheen beherrschen das Stadtbild. Abgesehen von der Hauptstraße sind alle Gassen unglaublich eng. Trotzdem zwängt sich die elektrische Bahn hin-

jungen Mannes, den die sehr deutlichen Gegen­beweise gegen sein vermeintliches Idealbild nicht ernüchtern, und die trotz allem obfiegenbe Weib­lichkeit der großen Dame, die mit jählings ent­fesselten Weibsteufelgebärden ihr Opfer hinter sich her zieht und nicht mehr freiläßt. Daß die beiden so abgehen, ist eine Laune des Verfassers, die innerlich schwer zu begründen ist. Was wird aus ihnen? Was ist eigentlich das Fazit des Epempels? Man sieht sich nach einem rettenden fünften Akt um es kommt keiner mehr. Es bleibt dabei: die Frau, deren Stellung schon zu Anfang aussichtslos war und zuletzt ver­zweifelt ist, soll Sieger sein. Der Schüler soll das erste und einzige Gefecht seines 2eben£ un­rühmlich verloren haben. Auf dem Theater ist alles möglich; aber wenn man, wie Fulda, eine Komödie schreiben will, bann meint man es sehr ernst und muß überzeugen können, nicht überreden wollen. Und bas Herz bes Zuhörers muß Ja und Amen dazu sagen.

Wenn man statt dessen mit vielen Zweifeln und unbeantworteten Fragen das Theater ver­lieh, so war die Aufführung (unter Dolck) nicht schuld daran; die Regie holte wenigstens an äuße­rer Wirkung aus den vier Akten das Möglichste heraus.

Das schillernde, halbechte, oberflächliche We­sen, die raffiniert-überlegene Geschmeidigkeit der Salonheldin kam in einer interessanten und schau­spielerisch vielseitigen Gestaltung von Maryela Baumann zu stellenweise verblüffender Büh­nenwirksamkeit; schwerer hatte es Tannert, der den bedauernswerten Schüler gab; seine Rolle ist in den ersten drei Akten nicht gerade dank­bar, und im vierten, wo sie rein darstellerisch

durch. Oben auf den Hausgesimsen aber klettern luftig die Affen.

Bombay.

Bombay ist die europäische Stadt Indiens. Wer im Hafen landet, im Automobil zum Tadsch Mahal- Hotel fährt, wird kaum den Eindruck haben, in In­dien zu fein, zumal dieses Hotel, das berühmteste Indiens, ebenfalls europäischen Charakter trägt. Und vom Hotel aus zu Fuß in die Stadt kann man eine halbe Stunde gehen und immer zwischen europäi­schen Gebäuden, zwischen Museen, Universitätsge­bäuden, Bankhäusern, Versicherungspalästen bleiben. Erst weit landeinwärts beginnt der Bazar, wie man in Bombay, wie überall in Indien, das Einge­borenen-Geschäftsviertel nennt. Aber auch hier ist das Leben europäisiert, mehr als in irgendeiner anderen indischen Stadt.

Bombay ist schön. Der Fremde pflegt abends mit dem Wagen in die prachtvollen Anlagen auf den Malabarhill zu fahren. Die Abhänge nehmen die Villen der reichen Parsen mit ihren luxuriösen Gärten ein. Auf der äußersten Spitze der ins Meer ragenden Landzunge steht der Palast des englischen Gouverneurs. Mehr landeinwärts, inmitten großer Gärten, doch völlig versteckt von uralten Bäumen, flattern die Geier um die berühmten Türme des Schweigens, den Totenplatz der Parsen.

Vor allem der Hafen Bombays ist schön: eine natürliche Meeresbucht, von kleinen Inseln und fel­sigen Landzungen umschlossen. Eine davon ist Elephanta die Insel mit dem berühmten Höllen- Tempel.

Die Fabrikoorstädte, welche die Textilindustrie Bombays hat erstehen lassen, sind freilich ebenso häßlich wie die Kalkuttas. Die moderne Industrie schafft überall die gleichen öden und eintönigen Sied­lungen, sei es an der Ruhr, sei es in Lancshire, sei es in Indien.

Oberhessen.

Ein Polizeiwachlmeister erschossen. Selbstmord des Täters

II Bübingen, 9. Aug. Eine fchwereBlut- l a t ereignete sich heule vormittag in unserer Stadl. Der 28 Jahre alte Gelegenheitsarbeiter Heinrich Weidling erschoß gegen 9.30 Uhr in seiner in der Erbsengasse gelegenen Wohnung den Polizei­wachtmeister Kaltenschnee, der im Begriffe stand, den Weidling auf Grund eines gegen ihn wegen verschiedener Delikte erlassenen Haftbefehls festzunehmen. Zu der Tat erfahren wir folgende Einzelheiten: Der Beamte hatte sich mit einer Hilfs­person in die Wohnung des Weidling begeben, den er im Bette liegend antraf und ordnungsgemäß für verhaftet erklärte. Als Weidling aufgeffan- den war und sich anzog, gab er plötzlich aus einem Revolver zwei Schüsse aus den Beamten ab, von denen einer die Halsschlagader traf und eine Ver­blutung herbeiführte, ehe ärztliche Hilfe zur Stelle war. Rach der Tat flüchtete der Täter in eine benachbarte Scheune und tötete sich dort selbst durch zwei Schüsse. Der plötzliche Tod des tüchtigen Beamten, der kur; vor seiner zweiten Verheiratung sland, begegnet in unserer Stadt allgemeiner Teil­nahme.

Landkreis Gießen.

£ Wieseck, 10. Aug. Gestern nachmittag wurde der Rektor i. R. Döll z u Grabe ge­tragen, der von den 39 Jahren, die er in Wieseck verlebte, 34 Jahre an der hiesigen Schule wirkte. Während dieser langen Zeit war er säst einer ganzen Generation Lehrer und Berater. Seine vorbildliche Tätigkeit in und außerhalb der Schule sicherte ihm in allen Kreisen der Bevölkerung größte Wert­schätzung, die in einem harmonischen Verbundensein zwischen Lehrer und Einwohnerschaft ihren beson­deren Ausdruck sand. Mit immer gleichbleibender Freundlichkeit und Bereitwilligkeit diente er gar vielen Ratsuchenden aus dem reichen Schatze seiner Erfahrungen und tiefgründigen Lebensweisheit, so daß er an seinem Lebensabend aufs innigste mit unserem Gemeinwesen verwachsen war. Er war ein Mensch, der in strengster Pflichterfüllung seinen Platz, auf den er gestellt war, ausfüllte, und in lau­terer Treue zu seiner Gemeinde und seinem nicht immer leichten Berufe stand. Untrennbar ist sein Name verbunden mit der Einrichtung und pein­lichsten Verwaltung der früheren Pfennig-Sparkasse, die der Verstorbene in Anlehnung an die Bezirks­sparkaffe Gießen an der hiesigen Schule ins Leben rief und zu einer hohen Blüte brachte. Neben dieser Tätigkeit versah er noch mit den Organistendienst, war Mitglied des Kirchenvorstandes und in führen­den Stellungen des Lehrervereins Gießen-Land und des Oberhessischen Bienenzüchtervereins tätig. Wie

Steigerungen bietet, blieb ihm, durch die Schuld des Dichters, Echo und Anteilnahme im Zu­schauer versagt. Die gut gezeichnete Figur des Freundes wurde von G e f f e r s mit sparsamen Mitteln abgerundet umrissen. Zwei größere Char­gen toaren mit Susanne Heyin und Paul Gehre geschickt besetzt.

Die Aufnahme war freundlich. Dr. Th.

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Wilhelm Rein, der bekannte Ordinarius der Pädagogik an der Universität Jena feiert am 10. August seinen 80. Geburts­tag. Gebürtig aus Eisenach, studierte Rein in Jena, Heidelberg und Leipzig Theologie, wandte sitz dann aber unter dem Einflüsse der Päda­gogen Volkmar Stoh und Ziller ganz der Er­ziehung und ihrer Wissenschaft zu. 1886 über­nahm er als ord. Honorarprofessor den Lehr­stuhl der Pädagogik in Jena als Rachfolger Stohs. Später wurde Rein ein neubegründet cs persönliches Ordinariat für Pädagogik übertragen. Der Gelehrte ist langjähriger Herausgeber der Zeitschrift für Philosophie und Pädagogik". Dem Privatdozenten für deutsche Philologie an der Göttinger Universität Dr. Ludwig Wolff ist ein Lehrauftrag für niederdeutsche Sprache und Literatur sowie für deutsche Volks­kunde erteilt worden. Der Privatdozent für Physik an der Universität Marburg Dr. Karl S t u ch t e y ist zum nichtbeamteten außerordent­lichen Professor ebenda ernannt worden. Dr. Stuchteh, der dem Lehrkörper der Marburger philosophischen Fakultät angehört, ist mit der Vertretung der Radioaktivität und Elektronik be' auftragt