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Samstag, 9. juit (927

177. Jahrgang

Nr. 158 Erster Blatt

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Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriol; für den Übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An­zeigenteil Kurt Hillmann, sämtlich in Gießen.

Erscheint täglich,außer -«<< Ä

Sonntags und feiertags. mBkbKbv WZ

M Gretzener Anzeiger

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ZREk General-Anzeiger für Oberheffen

richten: Anzeiger Gießen. v ^7 f * 3

4,attt^mmafl°ii68c. Vrvck lind Verlag- SrLHI'iche UniverfitStL-vuch- und Steindniüerei «. Lang« in Stehen. Schristleitung und SeschSstrftelle: Schulftrahe r.

Liberaler Wahlsieg in Rumänien

Bayerische lehnt jede einen Eingriff

Trauertag am L*. ------ -

Unterzeichnung des Versailler Vertrages, dre

Wichtiger als diese Frage der künftigen Ge­staltung unserer Zollpolitik ist die aktuelle Frage, was der Reichsrat tun wird, wenn die Schie- lesche Zollvorlage im Reichstag angenommen wird, woran, wie schm gesagt, nicht zu zweifeln ift Wird er auf seinem Einspruch beharren und den Reichstag zwingen, die Vorlage mit Zwei­drittelmehrheit anzunehmen oder wird er sich dem Beschluß des Reichstags fugen. Em Weg dazu wäre eine neue Instruktion für den sächsi­schen Reichsratsbevollmächtigten, der mit feinen vier Stimmen den Ausschlag für die Annahme I der Zollvorlage geben könnte. Da bei der Um*

Volks Partei schließlich reichsgesehliche Regelung als -in die Kompetenzen der Länder kategorisch" ab. Soviel Sinne, soviel Meinun­gen. Dazu noch als Hilfsaktion der preußischen Regierung ein Initiativantrag des Reichs-- rats, der sich den sozialdemokratischen Antrag auf Erhebung des 11. Augrist zum Rational­feiertag zu eigen macht. Die ganze Art, wie die Debatte um einen Rationalfeiertag von der Linken inszeniert wurde, kennzeichnet am besten,

daß dabei ausschließlich das Bedürfnis aus­schlaggebend war, der Regierungskoalition vor den Sommerferien noch einige unangenehme Tage zu machen. Wir wüßten kein« Frage von ge­ringerer aktueller Bedeutung, als die eines Nationalfeiertags. Die republikanische Staatsfvrm wird von der großen Mehrheit des deutschen Volkes geachtet und anerkannt, weil sie heute die einzige Möglichkeit bietet, di« Einheit des Reiches zu erhalten. Die törichte Phrase von der Republik, die in Gefahr ist, spukt nur ge­legentlich noch in den Hirnen von Männern, die keine andere Aufgabe kennen, als das deutsche Volk gegeneinander zu hetzen. Ernst­haft glaubt kein Mensch mehr daran. Aber daß die Republik, die sich vernunflmähig durch- geseht hat, sich auch die Liebe des deutschen Volkes erobert hat, das geht nicht von heut auf morgen. Die Liebe zur Republik, die ge­fühlsmäßige innere Einstellung zur neuen Staats­form ift aber doch die selbstverständliche Vor­aussetzung für einen nationalen Feiertag, der die Verfassung als die Gründungsakte der Re­publik in den Mittelpunkt stellt. Liebe aber läßt sich nicht erzwingen, wie es der sozialdemo­kratische Antrag in Verkennung der psychologi­schen Lage des deutschen Volkes will. Liebe will wachsen und werden zu tief innerem Verbunden­sein zwischen Volk und Staat, wie es em Parta­in entsbeschluh niemals von oben herab dekretieren kann Gerne wollen wir auch weiter, wie in den vergangenen sieben Jahren, der Verfassung un­sere Achtung erweisen, aber einen Rationalseier- tag sich zu schaffen, das sollte man dem Volle überlassen, das in dem gesunden Gefühl für po­litischen Takt gewiß selbst am treffendsten An­laß und Art seines Rationalfeiertags be­stimmen wird. Für einen Kuhhandel der Par­teien ift der Rationalfeiertag sicherlich ein herz­lich schlecht gewählter Gegenstand, das wird man sich hoffentlich im Reichstag sagen und die ganze Angelegenheit bis zu einem geeigneteren Zeit­punkt vertagen. Sollen doch auch weit wichtigere Dinge vertagt werden, wie das Liquida- tions sch ädengesetz, das endlich unseren schwer betroffenen Ausländsdeutschen für ihre großen Verluste einen nur allzu mageren Aus­gleich bieten soll, und das R e i ch s s chu l g e s e tz, über dessen Fassung offenbar innerhalb der Koa­lition mxh keine Einigkeit besteht, weshalb man seine Beratung auch wohl trotz des Drängens der Zentrumsfraktion für die Herbsttagung des Reichstags verschoben hat. Wenn der Reichstag nun also heute sich für einige Wochen beurlaiwr. so kann er das tun im Bewußtsein, eine Reihe wichtiger gesetzgeberischer Arbeiten teils erledigt, teils stark gefördert zu haben, aber auch rm Be­wußtsein, bei seinem Wiederzusammentritt im Herbst eine Fülle bedeutungsvoller Aufgaben vorzufinden, die einer dringenden Lösung harren.

bildung der sächsischen Regierung im neuen Dresdener Kabinett, das bekanntlich alle Parteien von den Deutschnationalen bis zu den Altsozia­listen umschließt, der Deutschnationale Krug von Nidda das Wirtschaftsministerium ver­waltet, ist dieser letztere Weg der wahrscheinlichere.

Rach der Zollvorlage hat auch noch die Frage eines Nationalfeiertags zu einem Konflikt zwischen Reichsrat und Reichsregierung geführt. Die Initiative liegt auch hier, wie in der Zollfrage bei der preußischen Regierung, die als Kabinett der Weimarer Koalition sich ver­pflichtet fühlt, der Reichsregierung Schwierig­keiten zu machen, wo sie nur kann. Sie befindet sich bei diesen Bemühungen in trautem tete-ä-tete mit den Anksparteien im Reichstag, di« di« Zeit vorgerückter Ferienstimmung besonders ge­eignet hielten, mit dem Nationalfeiertag Herrn Marx noch schnell einen dicken Knüppel zwischen die Beine zu feuern. Von Marr hört man aller­dings nicht allzuviel, er scheint den zuständigen Ressortminister, den deutschnationalen Herrn von Keudell die Suppe auslöffeln lassen zu wollen, die des Kanzlers Parteifreunde vom Zentrum so emsig haben mit anrühren helfen. Der gewiegte Taktiker Marx ist auch darin schlauer als der j)em parlamentarischen Betriebe stets innerlich fremd gÄbliebene Dr. Luther, der seinerzeit über die Flaggenfrage stolperte, weil er als Kabinettschef auch für eine Ungeschicklichkeit des Auswärtigen Amts eintreten zu müssen glaubte. Aber wie gesagt, Marx ist vorsichtiger und überläßt Herrn von Keudell und den Parteien vorerst das Feld. Und da sieht es verworren genug aus. Der sozialdemokratische Antrag, den 11. August als den Verfassungstag_ von Reichs wegen zum Nationalfeiertag zu erklären, hat eine Flut von Ergänzungs- und Gegenanträ­gen hervorgerufen. Die Demokraten unter­stützen den sozialistischen Antrag, das Zentrum verbrämt seine Zustimmung mit dem Wunsch, auch die christlichen Feiertage reichsgesetzlich zu schützen, im Interesse seiner ländlichen Wähler möchte es auch lieber den Sonntag nach dem 11. August, die Deutsche Volkspartei. schlägt den 18. Januar als Reichsgründungstag vor, bi« Deutschnationalen wollen einen 24. Juni, als dem Tage der

Brcttianus Aussichten.

Eine Vorschau.

Don unserem rumänischen Mitarbeiter.

Bukarest, 6. Juki 1927.

Die rumänischen Parlamentswahlen greifen tief in das Staatsleben ein. Nicht in dem Sinn«, daß etwa der Kleinbürger oder Bauer nach den bisherigen 5 Wahlenttäuschungen noch Hoffnung auf grundlegende Besserung hätte, aber alles, was durch Amt, Partei oder Wirtschaft mit dem Staatsleben auf Gedeih und Verderb verknüpft ist, weiß, daß es ein Krippenkampf erster Ord­nung wird. Im Mai 1926 war die Gruppe des Generals Averescu in niemals vermuteter Stärk« aus den allgemeinen Landeswahlen hervorgegan­gen, beseelt von den besten Absichten für auf­bauende Arbeit. Allein die Führung konnte sich weder eine festgefügte Anhängerschaft sichern, noch die notwendige Geldreserve in der Partei­kasse noch eine verbreitete und zugkräftige Presse; es fehlten ihrAüe technischen Mittel zur Erzielung durchgreifender Erfolge in der Innen- und Außenpolitik des Landes.

Rumäniens Lage ist nämlich immer noch labil, sein ungeheurer GÄietszuwachs durch die Frie­densbestimmungen keineswegs gesichert. Bul­garien grollt um die Dobrudscha. Ungarn verlangt lauter denn je die Wiederaufrollung der Grenzfragcn und hat dafür selbst Männer vorn Range eines Viscount Rotherrnere, des Bruders Rorthcliffs, sowie t> Wohlwollen des Italiens Mussolinis gewonnen, während um Bessarabien fast offener Kriegszustand mit Rußland be- steht. An mindestens drei Seiten seiner ausge­dehnten Grenzen verspürt Rumänien kalte Ab­weisung und unverhohlenen Haß. Auf der ande­ren Sette ist sein Bündnis mit Polen wertlos, dasjenige mit Südslawien durch viele Mei­nungsverschiedenheiten belastet und die terri­toriale Verbindung mit dem überwiegend nicht­tschechischen Tschechen st aal nur auf dem Wege über die tschechenfeindlichen Slowaken und Karpathen-Ukrainer benutzbar. Averescus Vorgänger, die mindestens damals blind fran­zosenfreundlichen Liberalen, haben diese Verein­samung Rumäniens nicht ändern wollen, Ave­rescu hat sie nicht ändern können. Seine Versuche, mit dem Deutschen Reich zu einem gerechten Aus­gleich zu kommen, konnte er nicht mehr abschließen, die italienische Anerkennung der Erwerbung Bessarabiens war platonisch und ist durch eine neu« Schwenkung Mussolinis zugunsten Ungarns ohne Gegenwartswert.

mentieren pflegen, daß die Zollerböhungen nichts weiter seien, als em Geschenk an den Großgrund­besitz der östlichen Provinzen. Man vergißt dabei gern, daß der bäuerlichen Siedlung an der deutschen Grenzmark rm Osten, deren staatliche För­derung doch gerade die Linke immer wieder fordert, mit der Ablehnung eines genügenden Schutzes gegen die Ueberschwennnung mit billigen polnischen Agrar- Produkten ein schlechter Dienst erwiesen wird. Dabei darf auf der anderen Seite nicht außer acht gelassen werden, daß gerade die Kartoffel für die breiten Schichten der Bevölkerung ein Hauvtnahrungsmittel darstellt, dessen Verteuerung unabsehbare Wirkung auf die Lebenshaltung haben mußte. Pflicht der Reichsregierung war es also, zwischen den Forde­rungen der Landwirtschaft und den Interessen der Konsumenten einen Ausgleich zu suchen, den sie mit ihrer Vorlage, die hinter den Forderungen des Landbundes um eine Mark für den Doppelzentner Kartoffeln zurückbleibt, getroffen zu haben glaubt.

Im Verlauf der Zolldebatte hat man Mei­nungsverschiedenheiten innerhalb des Rnchskabi- uetts beobachten wollen, und der Reichsernah- rungsrninister hat diese auch bis zu einem ge­wissen Grade zugegeben, als er davon sprach, daß man von den Ministern keine Uniformität der Ansichten verlangen könne. Das mag richtig sein, verlangen muß man jedoch eine einheit­liche Linie in der Zo llpolitik, auf den sich schließlich doch, unbeschadet der verschiedenem Ansichten in Einzelfragen, die drei zuständigen! Ressorts Finanz-, Wirtschafts- und Ernährungs­ministerium zusammen finden müssen. Das allen aemeinsam vorschwebende Ziel ist das Verschwin­den der Ungleichheit zwischen Industrie- und Aararzöllen, die ihre praktische Auswirkung ge­sunden hat in der Tatsache, daß seit Jahren der Landwirt für seine eigenen Produkte einen re­lativ weit geringeren Preis erlöst, als er für die Anschaffung von Betriebsmitteln industrieller Art wie Maschinen und Düngemittel anlegem muh Herr Schiele sucht den Weg zu diesem Ziel in einer Erhöhung der Agrarzölle, wesentlicher erscheint uns, daß dazu kommt eine Senkung ber Jndustriezölle im Sinne der Ham­burger Rede des Reichswirtschaftsministers

Auch im Innern konnte Averescu nicht durch- greifen. Di« besonders im Hinblick auf den Ge­sundheitszustand des Königs von wetten Kreisen gewünschte Versöhnung mit dem früheren Kron­prinzen Karol blieb stecken, die durch das Wahl­abkommen von Eiucea den Minderheiten verspro­chene Gleichberechtigung entsprechend dem zwi­schenstaatlichen Minderhettens chutzvertrage ver­sumpfte auf halbem Wege, und was noch an Wiedergutmachung zugunsten der Deutschen ange­ordnet wurde, wußten meist die unteren Verwal­tungsbehörden zu sabotieren. Die alte Macht der Liberalen bremste und brachte schließlich Ave­rescu selbst zum Scheitern. Sie gewann den kran­ken König, erzwang den Sturz des Ministerprä­sidenten und wußte auf dem Umweg über die Zwischenregierung des Prinzen Stirbeh den Weg zu den Neuwahlen zuebnen".

Nun wollen die Liberalen auf Grund einer Sanktionierung" durch di« Wähler die Zügel wieder so straff wie nur je in die Hand nehmen. Prophezeien ist undankbar, und doppelt in Fra­gen des Balkans, wo immer noch die verschiedenen Gruppen oft wörtlich aufeinander schlagen. Immerhin sind die Aussichten für die Liberalen außerordentlich günstig, und gelingt ihnen die Durchpeitschung ihrer Bewerber, so dürfte Ru­mäniens Politik auf lange Zett hinaus festgelegt sein. Daß auch in einem solchen Falle die Wieder­annäherung des deutschen und rumänischen Vol­kes geradlinig fortschrette, wird schon hn Hinblick auf den Wiederaufbau Europas zu wünschen sein.

Die nationalen Minderheiten Rumäniens ha­ben sich in dem rumänischen Parteikampf für neu­tral erklärt und einen Minderhettenblock gebildet, der vor allem die Deutschen und Magyaren um­faßt. Die deutsche Taktik läßt sich auch bei diesen Wahlen von dem Wunsche letten, nicht di« Leiden­schaften einer Stunde auszunutzen, in der durch aufhetzende Reden oder lockende Versprechungen den Wählern die Köpfe verwirrt werden; sie wen­det sich vielmehr an di« ruhige U«Verlegung des Geistes, an die auch im Südosten bewährte deutsche Gründlichkeit und Sachlichkeit. Sie gibt trotz aller Verärgerungen und Verletzungen nach wie vor und rückhaltslos dem Staate, was des Staates ist, und will nur freie, sprachliche, geistige und wirtschaftliche Entwicklung im Sinne der zwischenstaatlichen Minderheitenschutzverträge. Ein weitblickendes Rumänentum sollte diese Politik der Sachlichkeit durch Taten anerkennen

Das Ergebnis.

Wien, 8. Juli. (priv.-Xd.) Bei den Kammer­wahlen haben Braflanu und die Liberale Partei, wie

Reichstagsausklang.

Der Reichstag will in die Sommerferien gehen. Das Bedürfnis danach ist begreiflicherweise oerschie- Dm stark. Die Opposition kramt fast täglich neue Dinge aus, die sie noch vor der Vertagung erledigt jehen möchte. Regierung und Regierungsparteien jcijen schon in den vorliegenden Gesetzentwürfen ge- iigend Konfliktsstoff, dessen ausgiebige Bearbeitung hn internen Kreise des Kabinetts und der Fraktionen ijnen eine länaere Pause in den Parlamentsver- Ijanbtungen wünschenswert und ratsam erscheinen läßt. Die Regierungskoalition kann auch darauf bin- eisen, daß eine Reihe wichtiger Vorlaaen in der kurzen Tagung seit Pfingsten ihre Erledigung ge­funden hat. Wir nennen aus allerletzter Zeit nur das Arbeitslosenoersicherungsgesetz und das Kriegsgeräte-

ju erwarten war, einen überragenden Wahlsieg ba- vongelragen. Soweit sich bis zur Stunde übersehen läßt entfielen im allen Königreich auf die Liberale Partei 70 bis 80 Prozent, in Bessarabien 60 bis 70 Prozent, in der Bukowina 50 bis 55 Prozent, in Siebenbürgen 30 bis 40 Prozent aller abgegebe­nen Stimmen. Durchschnittlich erhielt die Liberale Partei lm ganzen Lande 60 bis 75 Prozent der ab­gegebenen Stimmen, die Rationale Bauernpartei 20 bis 25 Prozent. Demnach wird die Liberale Partei im Parlament etwa 290 Sitze, die Rationale Bau­ernpartei 60 bis 70 Sitze erhalten. Die übrigen Sitze werden an die Minderheitsparteien verteilt werden, die in einzelnen Bezirken die absolute Mehrheit erhalten haben.

Die ersten Folgen.

Wien, 8. Juli. (Priv.-Tel.) Die Regierung Bratianu hat, wie aus Bukarest gemeldet wirb, verfügt, bah die vom früheren Ministerprä- fibenten Averescu ben ungarischen und beut- schen Minderheiten gewährten Anterstützun- gen von 45 Millionen Lei nicht zur Aus­zahlung gelangen sollen. Dadurch würben na­mentlich bte deutschen Schulen in ihrem Wetterbestanbe bedroht, ba bte beutsche Minder­heit bei ber herrschenden Wirtschaftskrise und den hohen Staatssteuern nicht mehr in ber Lag« ist, ihr Schulwesen ausschließlich aus eigenen Mit­teln zu erhalten.

Schlechte Aussichten in Gens.

Die Seeabrüsturigskonferenz auf einem toten Punkt.

Genf, 8. Juli. (WB.) Der Vollzugsaus­schuß der Marinekonferenz hielt Freitagvormit­tag unter dem Vorsitz des amerikanischen Bot­schafters Gibson eine mehrstündige Beratung ab und befaßte sich in erster Linie mit den Er­gebnissen der bisherigen Arbeiten des technischen Komitees. Diese Arbeiten bezogen sich bekannt­lich auf di« Festsetzung der Vergleichsmerkmale und Methoden für die Beschränkungen der Kreu­zer, Torpedoboote und Unterseeboot« der drei Kriegsflotten. Dann fand ein Gedankenaustausch Über bte gegenwärtige Lage statt, wobei neuer­dings die Tatsache in Erscheinung trat, daß die Auffassungen ber drei Delegationen in grund­sätzlichen Fragen weit auseinandergin- gen. Der Führer ber britischen Delegation, ber Erste Lorb ber Admiralität Bribgeman, empfing heute nachmittag bi« Vertreter ber internemonalen Presse und führte u. a. aus,

Die Arbeitslosenversicherung war schon im Winter in den Ausschüssen behandelt wor° Dm. Sie bezweckt, den Ländern und Gemeinden die Lasten der Erwerbslosenfürsorge abzunehmen, Ar- beitgeber und Arbeitnehmer werden Träger der neuen Versicherung. Der Unterstützungsgedcmke, der in der bisherigen Erwerbslosenfürsorge steckte, soll Durch das Rechtsprinzip, wie es alle unsere sozialen Versicherungen beherrscht, ersetzt werden. Es entbehrt nicht der Komik zu sehen, wie eine der einschneidend­sten Reformen, die uns die letzten Jahre auf sozial­politischem Gebiet gebracht haben, von einer Regie- rungskoalition durchgeführt wird, die bei lieber» ahme ber Regierungsgeschäfte als arbeiterfeindlich Asbrandmarkt und gerade sozialpolitisch der finster­sten reaktionären Gesinnung bezichtigt wurde. Es war für die Parteien derBürgerblockregierung" eine Genugtuung eigener Art, als ihre Vorlage am Donnerstag im Reichstag mit den Stimmen der So­zialdemokraten angenommen wurde.

Achnlich liegen die Dinge beim Krieas- gerätegefefj. Eine gesetzliche Regelung der Her­stellung und Ausfuhr von Heeresaerat aller Art war als eine der berüchtigten fünf Restpunkte bei der Durchführung unserer Entwaffnung unterblieben, oon deren Erfüllung die Botschafterkonferenz die Aufhebung der Militärkontrolle abhängig gemacht hatte. Wir litten dann uns in Genf den Locarno­mächten gegenüber verpflichtet, sobald wie irgend möglich in den gesetzgebenden Körperschaften einen Gesetzentwurf zur Annahme $u bringen, der die ge­forderten Verbote der Herstellung und Ausfuhr oon Nriegsgerät festlegte. Daraufhin wurde die Inter- cillrierte Militärkontrollkommission zurückgezogen. 2)er Gesetzentwurf, der unserer Industrie, die ohne­hin in schwerem Ringen um Absatzmärkte im Aus­lände steht, neue schwere Beschränkungen au erlegt, hat ebenfalls die Zustimmung fast des ge amten Reichstags gefunden, sogar die für Versa sungs- □nberungen notwendige Zweidrittelmehrheit wurde erreicht. Die Linke, die gehofft hatte, daß di« Deutsch- nationalen aus der Koalitionsfront ausbrechen wur- bm, sehen sich bitter enttäuscht: Abgesehen von einigen Stirnrnenthattungen, die für das Ergebnis her Abstimmung ohne Belang waren, hielt die brutschnationale Fraktion Disziplin. Das ist um so Erfreulicher, als darin ein neuer Beweis liegt für tbie Eittfchlossenheit der Deutschnationalen, aus ihrer Zustimmung zu der durch die Stichworte Locarno Rind Gens in ihrer großen Linie bestimmten Außen­politik Stresemcmns auch die praktischen Folgevun- pen zu ziehen. Und das auch in einem Falle, in dem Lies, wie bei der Annahme des Kriegsgerätegesetzes, won dem weitaus größten Teil des deutschen Volkes Lis besonders bitter und niederdrückend empfunden wird. Wenn nun auch die Besichtigung der zerstören Dstbesesttgunaen, die soeben unter Leitung des Ge rerals von Pawelß begonnen hat, die lächerliche Furcht Polens vor einem deutschen Uebersall ad absurdum führt, entfallen für die Ententemächte die ätzten Vorwände, uns unser Recht auf Räumung >s besetzten Gebiets noch länger streitig zu machen.

Hat ]o der Reichstag noch in der letzten Woche letnes voraussichtlichen Beisammekelns zwei bedeu- tungsDoU« Gesetze unter Dach unV'Fach gebracht, )o hat es den Anschein, als ob ihm das mit zwei an- heven Dingen nicht mehr so lückenlos gelingen sollte. Das eine ist die Zollvorlage des Reichskabi- iietts, die zwar im Reichstag auf eine figjere ^ebr* heil rechnen kann, die aber, soweit sie die Erhöhung Des Zucker- und Kartoffelzolls betrifft, v o m Äeid)srat abgelefjnt wurde. Die Zollvorlage unfaßt, abgesehen von dem Mehlzoll, per hier unerörtert bleiben kann, drei Punkte, Die nicht ohne weiteres als ein Ganzes be­urteilt werden können, wenn es sich auch bet itlen dreien um Agrarzölle handelt, deren Er­höhung vorn Reichsernährungsministerium mit der, auch von der Genfer Weltwirtschaftskonferenz an­erkannten Disparitat der Agrar- und Jndustriezölle begründet wird. Da ist einmal der Zuckerzoll, Der von 10 auf 15 Mark erhöht werden soll. Die Zollerhöhung soll in ihrer Wirkung auf die Preis­gestaltung auf dem Jnlandmarkt dadurch paralysiert werden, daß die Zuckersteuer auf die Hälfte herab­gesetzt wird. Die Blüte der deutschen Zuckerindustrie beruhte vor dem Kriege zum guten Teil auf dem starken Zuckerexport, der nun durcb die beträchtlich höheren Zuckerzölle der zuckeraufnahmefähigen Län­der in Frage gestellt ist. Die Berechtigung zu einem uhöhten Zollschutz wird man also unserer Zucker- inbuftrie nicht absprechen können, zumal die gleich- -eitige SenkungderZuckersteuer nachteilige Wirkungen der Zollechöhung auf den deutschen Kon- : lumenten verhindert. .

Nicht so eindeutig liegt di« Lxiche bet dem Kar­iös felz oll, dessen Erhöhung von 0^0 auf 1 Mk. beantragt wird, und bei dem Zoll auf Schweine­fleisch, der statt bislang 21 Mark nun 32 Mark betragen soll. Beide hängen insofern eng zusammen, als trie Kartoffel in hohem Maße Futtermittel für die Schweinemast darstellt. Beide wenden sich auch in der Hauptsache gegen di« Einfuhr aus Polen, weshalb Gegner der Schislefchen Zollpolitik zu argu-