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Nr. 52 Zweites Blatt

Ieitungsschau.

Hebet bit Dorgeschichte deS zu einem .Fall Äeubell" auffrifierten Vorstöße» bet Sozial- bemofraten und Kommunisten gegen den neuen deutschnationalen Gnnenminifiet schreibt bie .Deutsche Tageszeitung":

.Niemals hat eS auch im Deutschen Reichs- tage eine viderwättigere und verlogener» Ko­mödie gegeben als bie Beschuldigungen gegen ben Reichsinnenminister von Keudell wegen feiner Haltung in den Tagen beÄ Kapp-VutscheS. Herr von Keudell hat damals al» Landrat nur ein einzige» Destreben gehabt, bie Ruhe und Ord­nung in dem ihm anvertrauten Kreise zu sichern. Gr hat die ihm unterstellte Gendarmerie, ver­stärkt durch zwei beamtete Zivilisten, ausgeboten, um den KreiS nach Möglichkeit gegen kommu­nistische Banden zu sichern. Bei Dem Fehlen jeder Verbindung mit Berlin gab eS nur eine Autorität, die neben dem Landrat und seiner Handvoll Polizisten wirksam für bie Aufrecht­erhaltung der Ordnung eingesetzt werden konnte: ben MiUtärbesehlSbaer. Der Landrat von Keu- dell aber hat ausdrücklich erst bei der vorgesetzten Behörde, dem Regierungspräsidenten in Frank­furt a. d. O. angeftagt, ob er dem Verlangen de» Militärbefehlshabers nach Veröffentlichung seiner Erlasse nachzukommen habe: er ist in seiner Kor­rektheit soweit gegangen, dah er, als auch hiev die normale Verbindung versagte, einen beson­deren Boten in Bewegung setzte, um den Willen der vorgesetzten Behörde festzustellen: und erst auf deren ausdrückliche Weisung hat er sich ent­schlossen, bie Erlasse des MUitarbefechlShaberS in der bann selbstverständlich gegebenen Weise zur Veröffentlichung mi bringen. Wenn der Re­gierungspräsident persönlich diese Weisung nicht erteilt hat, so war daS für den Landrat von Keudell natürlich völlig gleichgültig: es zeigt nur, bah bieser sozialdemokratische RegierungS- präsibent in ben kritischen Stunden nicht auf feinem Posten gewesen sein kann. Die Behaup­tung allo, dah Herr von Keudell. der sich trotz des 9. November entschlossen hatte, dem Staate auch weiterhin, zu dienen, den Kapp-Putsch .un­terstützt" habe, tst ein ungewöhnlich dreister und törichter Humbug.

Dah das Zentrum diesen klaren Sachverhalt nicht sofort übersehen und den Schwindel durch­schaut hätte, ist ni$t gut anzunehmen: um so weniger, alS ben Führern bei Zentrumsfraktion nicht unbekannt sein konnte, dah die Denun­ziation gegen Herrn von Keudell von preusti- schen Regierungsstellen auSging. Insbesondere fällt noch ins Gewicht, dah Herr v. Keudell da­mals ausdrücklich ein Difzipluiarverfahren gegen sich beantragt hatte, die preuhische Regierung aber auf feinen Antrag nicht eingina. Gewiß hatte die Regierung gute Gründe dafür: denn jedes Disziplinargericht, daS eben nach richter­lichem Wissen und Gewissen entscheiden muhte, hätte selbstverständlich nur zu dem Spruch kom­men können, dah der Landrat v. Keudell durch­aus korrekt seine Pslicht getan habe. Daraus er­gibt sich aber, dah bie Entfernung deS Can brat» v. Keudell vom Amt ein einfacher politischer Akt war, und dah auch die damalige preuhische Regierung sich nicht in der Lage sah, eine Ver­fehlung deS Herrn v. Keudell, bie Anlaß zur förmlichen Disziplinierung gegeben hätte, auch nur zu konstruieren. Der Versuch, sieben Jahre, später, nachdem selbst die Urheber deS damaligen Putsche» längst amnestiert sind, dem Reichsinnen­minister au» jenem Vorgänge einen Strick zu drehen, ist nach allem geradezu grotesk: man braucht nur etwa daran au denken, wie da» Zentrum sich zu einem solchen Versuch stellen würde, wenn er beispielsweise gegen drn da­maligen sozialdemokratischen Oberpräfibenten Winnig unternommen würde, der für die gleiche Haltung in keiner Weise die Deckung einer ver­fassungsmäßigen vorgesetzten Behörde für sich gehabt hat! Der Reichskanzler Dr. Marx hat offenbar deshalb den Innenminister v. Keudell nicht sofort restlos gedeckt, weil auch er auf den linken Flügel seiner Fraktion Rücksicht nehmen wollte. Ganz unverständlich aber ist, dah der Kanzler von einem .Disziplinarverfahren" spre­chen konnte. Dah der Reichsinnenminister sich einem solchen Verfahren feiten» Preußen» unter­werfen könnte, ist selbstverständllch ausgeschlossen: und e» bleibt deshalb nur die Annahme übrig, dah Herr Dr. Marx sich dabei im Wort ver- ariffen hat. Jedenfalls muh erwartet werden, daß mit dieser Komödie Schluß gemacht wird."

Gießener Konzertverein.

Liederabend Helge LindbergS.

3c öfter man Helge Lindberg hört, um so klarer erweist sich seine Begabung für dramatische Gestaltung. Ts gibt kaum einen Gänger der Jetztzeit, mit dem er sich darin vergleichen ließe, denn über dem Sänger steht bei ihm der Ge­stalter. Da» Konzertpodium wird für ihn zur Szene, und mit bewundernswerter Treffsicherheit weiß er sich von Lied zu Lied urnzustellen. Ost möchte e» erscheinen, als welle et nicht selbst vortragen, sondern bad Werk habe derart in ihm Raum gewonnen, daß er gewissermaßen nur als Werkzeug des Werke» dastände und sich ihm willig füge.

öin starker Teil dieses mystischen Einfüh­lungsvermögen» ist sicherlich nordische Rassen­begabung. der er freie Auswirkung zukommen läßt. Die in ihm wohnende Naturkraft zündet und steigert sich bis zum Dämonischem Hnb so oirgt seine Vortragsart etwas Elementares, Gewaltiges in sich. Mit seinem Einleben tn das Kunstwerk bringt er bis auf die letzten, zugrunde- liegenden, realen Handlungen und Situationen rot, und diese sind der Quell, an dem sich sein Gestatten bereichert, das Werk wird so stets zum realen Geschehen in engste Beziehung gebracht. Ja, er geht so wett, daß der reale Grund in ihm mächtiger sich auswirkt, als die Fassung, die der Komponist ihm gegeben hatte. So mochte es zeitweilig kommen, dah seine Vortragsart nicht mit der traditionellen in Einklang stand, und konnte man ihm nicht immer znstimmen. so mußte man ihn doch bewundern. Denn Helge Lindberg ist kein nur auf das Aesthetifche ge­richteter Künstler, sondern ein Erlebnis-Künder.

Damit, ist ihm auch sein SBirfungsfcR) gefenn- zeichet. Es ist ein Künstler des Erhabenen und (3c» wattigen, mithin des großen Stiles. Mag es nun im Religiösen wurzeln oder im menschlichen Schick­sal, stets wird er die Hörer fesseln. Dagegen wird ihm niemals das auf das Weiche, Intime Einge­stellte sonderlich liegen, und von dem Gesichtspunkte

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger stir Gberheffen)

vienstaa, 8. $ebniar 1927

In Deutschlands größtem Stickstoffwerk. Ein Streifzug um Leuna, eine Industriestadt, die man nicht betreten darf.

von Harrs SotoneL

Ter Ärbeiterzug schnauft und rattert durch die Morgenfrühe. Vorbei an mürrischen Vorstadt-Gast- hauSgärtcn mit umgetippten, regennassen Tischen. Alles hat ein graues herbstliches Wcrktagsgesicht, als würden Sonntags nie die weihen Kleider luftig durchs Grün geweht haben. Bei solchem Regenwctter fährt man wohlgemuter zur Arbeit als bei strahlendem Sonnenschein. Tic Menschen im Leunaer arbeitet- zug, den der LolkSmund trabionell benBolsche­wisten erpreß" nennt, sind daher auch guter Tinge. Man merkt hier weder vom etwas LolschewiSmus noch vom Erpreß. Man sckerzt und plaudert über allcS, nut nicht über Politik. Zumal wo Mädchen sind, geht eS laut und lustig zu. Zn ihren Hüsten ist schon am frühen Morgen bet Tanz, ben sie am Abend tanzen werden. Alle Wagentüten fliegen auf, schwatz quillt es hervor und wird sogleich vom Werkeingang verschlungen. Tort stehen die seht gut uniformierten Wächter bet Badischen Anilin- und Sodafabnk und visttieten die Pässe der Arbeiter. Ja, es gibt Leuna- Pässe, und eher kommt man zum Talai Lama in die verbotene Stadt Lhasa als in das Ammoniakwerk Leuna. Diese Vorsicht, die wegenSpionagegefahr" keinen Besuchet zuläßt, scheint unS übertrieben und verfehlt. Tie Ententekommissionen sind durch das Werk gegangen, haben daS Fabrikationsverfahren ftubiert, und bie Gewinnung von Stickstoff aus der Luft wird bereits auch im Ausland geübt. Und glaubt man denn in Leuna, daß man einen Ptessebesuch in da» Fabtikgeheimnis einweihen muß und daß er Fachmann genug wäre, um ein hochkomvliziertes chemisches Verfahren zu kapieren? ....

Ein unvergleichliches Bild: von allen Seiten saugt dieses ungeheure Werk Menschen, Material, Stosse und Energien in sich, die in dem Ricsentransformator von Leuna in neue Energien umgewandelt werden. Schwarze Menschenschlangen winden sich auf den Zu- gangSwegen entlang. Ununterbrochen fauchen Koh- lenzügc mit seltsamen Sippwagen heran. AuS dem Harz holen besondere Gipszüge diesen Stoff; ein Gipsberg, irgendwo in der Nordhauser Gegend, wird allein von dem Ammoniakwerk in Leuna ab­gebaut; er wird wohl eines TageS verschwunden sein, umgewandelt in Dämpfe und Säuren.

DaS Leunawetl, daS m den KriegSjahren zu ame­rikanischen Dimensionen gewachsen ist, hat sich gerade in die mitteldeutschen Btaunkohlengruben hinein­gepflanzt, die »um Zeil Eigentum des Werkes ge­worden sind. Eigene Bcrbindungsbahen holen bie Kohle heran, die aber bei weitem für die zahllosen Kessel nicht genügt. Gleich am Bahnhof Leuna er­heben sich Riesenberge von englischem KokS, gleich­sam Tagbauten in verkleinertem Maßstabe, bie von den geheimnisvoll birigierten Maschinerien abge­baut werden. Eiserne Tatzen wühlen sich mit ihren Gigantischen Finaern tief in die schwarzen Schätze, eben sie hoch, schütten sie in die Kipploren, die von den seuerlosen Dampflokomotiven innerhalb deS Wer­kes weitertranSpottiert werden. Im Werke selbst werden nur diese feuerlosen Heißluftlokomotiven ver­wendet, weil der Funkenflug der gewöhnlichen Loko­motiven auf diesem Gelände, zwischen den gewaltigen Türmen unb Behältern mit explosiven Gasen, ein Gefahrenrisiko bedeutet. Wenn auch hier nicht jene hochexplosiven Gase Vorkommen, die tn dem badischen Schwesterwerk in Opvau zu der entsetzlichen Ex- plononSkatastrophe geführt haben, so bilden sich doch auf dem komplizierten Wege der Stickstofferzeugung au5 bet Lust, der Ueberführung beS Stickstoffs in Ammoniak unb seine Salze, allerlei Gase u. a. das geruchlose und hochexplosive Wassergas, die die größte Vorsicht notwendig machen.

RingS um Leuna. Ein ftunbcnlanaer Spazier­gang in einer Landschaft von heroischer Nüchternheit. Neun Schlote, an 120 Meter hock, recken ihre Türme in die durchschwelte Luft. Blickt man vorn Dorfe Leuna in bie Längsrichtung des Werkes, sehen diese scheinbar aneinanbergerüdten Essen wie Riesenorgel­pfeifen auS. Riesenorgelpfeifen sind eS in der, Tat auf denen die Arbeit ihr lautloses Lied spielt. Eisen- konstruktionen von der Schönheit eineS Spitzen­gewebes, gewaltige Ueberführungen, schwebend in der Luft. Seilbahnen, auf denen sich etwas bewegt unb nirgenbS, nirgends ein Mensch zu sehen. Irgend­wo dirigiert ein mächtiger unsichtbarer Geist diesen dampfenden Körper. Pyramidenförmige Türme, wie llcineDullane, strömen unablässig gelbeSchwaden auS. Wie erratische Blöcke liegen die Gasometer da.

Tie Landschaft, zerrissen unb zerklüftet durch bie Erweiterungsbauten, Ausschachtungen, burch bie Ablagerungen ber ungeheuren aidicnmengcn, ist durchaus verwandelt. Das Werk selbst hat fid), wie ein umwühlendes (Hementarcrcigni», seine eigene neue Landschaft geschaffen.

Solch ein Betrieb hat, wie jeder Organismus, Exkremente, deren Beiseiteschasfung ein Problem ist. Tic Asche, aus den Neuerungen auSgeworsen, würbe wahre Berge in die Landschaft setzen, der Abtransport durch eigene Züge Unsummen verschlingen. So kam man auf den AuSweg, die Aschenmengen zu durch- schlemmen und abzusühren mit der Wirkung, daß in der Umgebung Leunas ganze Morastfeldcr ent­standen sind. Ueberbiefl sickern bie Wasser in die Tiefe, bringen in ben Aeckcrn roieber empor, und die Land­wirtschaft (die dem Leunawcrk, dieser Kunstdünger- zentrale, so viel zu danken hat), schlägt Krach. Manche Aecker haben, als dieser Riesenkörper sich auSdehnte, daran glauben müssen, dafür ist das weite, stickstosf- gedüngte Land ringsum um so fruchtbarer. Eine Industrie von solchem AuSmaß ist wie ein Natur­ereignis und landschaftSbildend, sie ist ein Welt­untergang im kleinen, aber eine noch größere Neu­schöpfung.

Tort, wo daS Werk am Dorfrande Leuna endet, steht ein alte», efeuumsponncnes WirtshausZur schönen Aussicht". Tie schöne Aussicht von einst, in freies grünes Land, ist durch die Lrgel ber Schlote, durch Schwaden unb Dampf unb Förberbahnen unb Gasometer grünblich verbaut. Aber eine andere schöne Aussicht in biese neue heroische Landschaft hat sich aufgetan. Wie Ironie neben Pathos, wie ein Idyll neben einem Drama steht dieses alte WirtshausZur schönen Aussicht" am Rande deS Leunawerkes . . .

Richt nur von Leipzig, dessen Völkerschlachtdenk- mal bei klarem Wetter herüberwinkt, vonMerseburg, dessen Dom von Leuna auS sichtbar ist, von Halle unb von den umliegenden Dörfern, die zum Zweckver- banb Leuna zusammengcschlossen sind, strömen täg­lich Tausende, Arbeiter unb Angestellte, in daS Am­moniakwerk: eine neue Stabt, eine Leuna-Stadt ist, unmittelbar am imposanten Haupteingang mit dem säulengetragcnen DircktionSgebäude von^heut' auf morgen emporgewachsen.Es i ft eine fcltfameStabt, in der man tagSüocr keine Männer sieht: mit ihren kleinen einheitlichen Doppelhäusern, mit Fensterläden unb Mullgardinen und den breiten Straßen wirkt sie einerseits traulich ber Charakter der Kolonie hebt aber andererseits diesen traulichen Eindruck wieder auf. Alles Neue, daS noch von den Spuren angesessenen LedcnS unberührt ist, hat etwas Un- chnlichcS. Dazu kommt, daß auf den Straßen und Plätzen die Glühbirnen unb Bogenlampen mitten in den hellichten Tag fahl hineinleuchten. Man hat so­viel Strom in Leuna, daß die Verschwendung keine Rolle spielt. In dieser Kolonistenstadt Neurössen wohnen lauter Menschen, die zu'ammengehören, wie eine große Familie. Und so will der bunte Eindruck Stadt" nicht recht entstehen, wiewohl c8 hier Schu­len, Kirchen, Apotheke, Damenfrisierialon unb sogar eine Leichenfrau nebst Hebamme gibt unb bie Stra­ßenbahn LeunaDürrenbergMerseburg hindurch- Hingelt. Allerdings fehlt das Kino, und welche Stadt wäre eine Stadt ohne Kino?

Wenn ber gefürchtete Leipziger Wind weht, kommt nebst einem leichten Ammoniakgeruch cm feiner Aschenregen gezogen, der sonst durch den ungeheuren Luftzug der Riesenschlote in die Höhe geht: die Ncu- rössener Hausfrauen in ber Nernst- und Bunsen- siraße, auf dem Sachsen- unb Bayernplatz bringen ihre zum Trocknen aufgehängte Wäsche schleunigst in Sicherheit unb schließen Fenster und Türen.

Kunst und Wissenschaft.

Richard-Strauß-Festspiele In Jranffurf a. 211.

2n Verbindung mit der Internationalen Aus­stellungMusik im Leden derDölker" (Juni bis August 1927) veranstaltet bas Frankfurter Opernhaus unter dem Intendanten Professor Cle­mens Krauß in der Zeit vom 20. bis 28. August Richard-Sttauß-Festspiele. Richard Strauß hat nun­mehr endgültig seine M i tw i r k u n g an der Auf­führung der sechs großen OpernFrau ohne Schot- ten",Ariadne ,Salome",Elektra",Intermezzo" undRosenkavalier", die im Rahmen der Festspiele zur Wiedergabe kommen, zugesagt.

aus war Schumanns duftigeMondnacht" für ihn vielleicht keine glückliche Wahl.

Erweist er sich so als ein Künstler des Tragi­schen, dem er sich völlig ergibt, so vermag er sich auch über die Situation zu erheben und nun von hoher Watte aus die Unvollkommenheiten, die sich da zeigen, zu belächeln. Und das ist die Ouelle feines Humors. Hier zeigt sich denn seine Fähigkeit als bewußter Gestalter. Davon zeugte seine Auf- faffung der Repistcrene des Leporello aus Mo­zartsDon Juan . Dieses Ueberlegene, fein Poin­tierte seines Vortrags konnte mehr Ergötzen wecken, als die Leistung unserer Größten im Bühnen- rahmen. Dieser feine Humor vermag sich bei ihm auch zeitweilig zu ironischer Schärfe auszuwachsen, dafür fand er seinen stärksten Ausdruck in Hugo Wolss: «Herz, verzage nicht geschwind, weil die Weiber Weiber sind."

Seiner fast unermeßlichen Gestaltungskraft ge­horcht fein stimmliches Vermögen bis zum Ickten. Schier endlos erscheint fein Atem, wenn er feine Kantikene in prächtig glänzendem Bogen spannt wie imGrazie, Signor", von Händel, ober im Rollen der Koloraturen, das in seinem Auf und Ab einer mächtigen Affektwoge gleicht. Tön« der Verklär- rung in dem Dachschen Choral:Komm, süßer Tod", der erklang wie ein Requiem. Markige dekla­matorische Akzente prägten sich im Rezitativ zu Bachs Atte: J)err, so du willst", aus.

Eine über'chäumende Fülle an Lebenskraft unb Lebenswillen gab er in dem oft gehörten .Wanderlied" von Schumann: Resignation flang durch das Sieb .In der Fremde". Schumanns .Grenadiere" wurden zu einem realistischen Drama. Durch feine vom Hergebrachten abwei­chende Ruffassung gewannen sie neue Wirkunas- feiten. SituationsmaßigcS Gestalten offenbarte sich am stärksten bei Hugo Wolf. Tiefe Zerknirschung in .Tief im Herzen trag ich Pein". Koketterie bei der ewigen Frage nach dem ,3a" unb .Nein" in .Auf dem grünen Balkon". Einen feinsinnigen Humor erschloß er in Hugo Dolfs .Tambour".

Eine so starke schöpferische Potenz mußte jubelnde Begeisterung wecken, und daß ihm das Geben ein Dcdürfni» war, bewies die große Zahl

seiner Zugaben, älnermüdlich. stets frisch, stimm­lich unb in ber Auffassung, lieh er den Nummern des Programms noch eine weitere Reihe folgen: Hugo Wolf, zwei Händel-Arien, ein finnisches Volkslied und ein Lied von Dr. Temesvary als besondere .Lleberraschung": ,Sängerspruch", mit starken schöpferischen Akzenten.

Wenn man Gelegenhett hatte, Helge Lind­berg mit verschiedenen Begleit.m zu hören, so vermag man erst voll und ganz zu ermessen, welchen starken Anteil an seinem restlosen Sich- Auswirlen Paul Meyer- Frankfurt hatte. Hier standen zwei Gleiche zueinander, die in ihrem Schaffen völlig zur organischen Einheit ver­schmolzen. Mochte e» eine Händel-Arie sein, ein stimmungsvolles Schumannsches Lied oder Hugo Woll. stets stand er mit dem ersten Ton mitten im musikalischen Geschehen. Die Töne des Tasteninstrumentes wurden zum weihevollen Ge­sang in der Einleitung zu dem Dachschen Choral, und erst auf diesem Stimmungsuntergrund konnte sich die Kantttene des Sängers voll erschließen.

-in-

§ritz von Unruh:Bonaparte".

Erstaufführung am Frankfurter Schauspielhaus.

Sehr früh schon schlingt sich das Rankenwerk der Anekdote um die Gestalt Bonaparte-, hebt die Legende seine irdische Dafeinsform ins My­thische empor; sehr früh auch spiegett sich das menschliche Lebermaß des Korsen im Dichterischen wieder. Zu Lebzeiten bereits beschattet sein unkörperliches Bild, sichtbar für alle, die sehen konnten, bei Kleist die erregte Szenerie zwischen Rom und Germanien in der .Hermatmschlacht". Dann immer wieder taucht der Name auf, bis in die nahe unb nächste Gegenwart hinein. In unseren Sagen erlebt der Napo'-^nstoff, zugleich mit der Historiendramatik übe^upt, eine selt­same Renaissance. Immer aufs neue erscheint die korsische Gestalt, versucht sich einer an ihrem Ausmaß. Zuletzt dieser hier, äl n r u h, in dem

Oderhessen.

Landkreis Hieben.

± Lang-Göns. 7. Fcbr. Nächsten Sonn­tag. 13. Februar, findet hier bie Büraer- meister-Stichwahl statt. Al» Äanb.oaicn stehen zur Dahl: ber seitherige Bürgerme.ster Wilhelm Müller 5., sowie der Beigeordnete Wilhelm R o m p s. In unserem Dorfe konnte man vor Iahresittst etwa zehn Runbfunk- a n s ch l ü s s e zahlen: heute ist lyren Zahl auf mehr al» das Doppelte, nämlich 25. gestiegen. Im vergangenen Jahre, wie auch in den Jahren vorder hat bie Bautätigkeit in unserem Dorfe einen recht erfreulichen Ausschwung genommen. Ist doch jenseits ber MamWefer- Sifenbahn ein ganz neuer Dorsteil. die sog. .Fauerbach , entstanden, die nun insgesamt au« etwa 20 Hofraiten besteht. Die meisten Bau­lustigen bevorzugen gerade die Holzhe.mer Straße deshalb, weil ihre Wohnungen in ber >e be« BahnhosS zu liegen kommen und da die In­haber der neuen Wohnungen durchweg Arbeiter sind, brauchen sie au ben Zügen nur eine kurze, also bequeme Tbegftredc zurückzulegen.

: Beuern, 7. Febr. Bei der Brenn- holzversteigeruna im hiesigen ©cincinbe» waid wurden recht ansehnliche Preise erzielt. Es wurden für Buchenschetter 14 bis 16 Mk., Buchen- Knüppel 10 bis 12 M?., Buchen-Slock 6 bis 7,50 Mark pro Raummeter bezahlt. Buchen-Reisig kam pro Raummeter auf 2,50 bis 3,50 Mk. Begun- ftigt durch bas feucht« Wetter der letzten Zeit tritt in unserem Dorfe die G r i p p e recht stark aus. Doch verlausen die einzelnen Fälle bis jetzt gutartig.

b». Obbornhofen. 7. Febr. Die Boh­rungen, bie wie berichtet schon seit ver­gangenen Nachsommer am hiesigenObborn" von der Staatsverwaltung vorgenommen werden, ha­ben jetzt rasch ihren Abschluß gesunden. Während der Bohrarbeit mit einer cleltr.sch be­triebenen Bohrmaschine nahm ber QSaffcrauttourf der Quelle plötzlich derart zu. daß die Wasser- massen sprudelartig in Höhe von 20 Zentimeter über das Bohrloch auollen und täglich rund 2000 Kubikmeter Wasser lieferten. Ölkit zunehmender Wasserergiebigseit deS abgeteuften Brunnen» ließ die Quelle dcS VersuchSlvcheS nach, aber auch die Brunnen des Ober­dorfes versiegten, so bah die hochgelege­nen Ort6teile Dölltg trockengelegt sind. Sofort wurde auf Beschluß des GememderatS seitens deS Ministeriums für Arbeit und Wirtschaft daS Dohren eingestellt unb gleichzeitig beantragt, eine Notwasserleitung zu erbauen. Ge­genwärtig werben die Rohre vomObborn Öen Dörnberg hinauf zum Heinen Wasserbehälter gelegt, der unterhalb der Felsenkettec angelegt wird. Ein Elektromotor pumpt daS Wasser hinauf. Jede in Wassernot befindliche Familie -bekommt eine Zapfstelle in ben Hof frei an­gelegt Weiterhin faßte der Gemeinderat ben Beschluß, sofort daS Kulturbauamt Gießen mit der Ausarbeitung der Pläne und deS Voran- schlage» zum Bau einer Wasserleitung zu beauf­tragen. Wan hofft, nach der Frühjahrsbestellung mtt den Arbeiten beginnen zu können, und sie so zu beschleunigen, dah sie bi» Eintritt de» Herostfuhrverkehrs beendet sind.

r.Hungen.7. Febr. Gestern nachmittagver- sammeften sich int »Solmsar Hof" die Lehre« und Lehrerinnen deS Bezirks Hun­gen unter dem Vorsitze des LehverS Weltern Nonnenroth, um dem Vottrage deS Dioektcr» S ch i f f m a n n zu lauschen, D ein einem längeren Vortrage die geologische Entwicklung unserer engeren Heimat, im besonderen der Wetterau, den Erschienenen vor Augen führte. Direktov Schiff mann verstand eS durch feine interessan­ten und tiefgründigen, auf vorzüglicher Kenntnis der geologischen Verhältnisse unserer Gegend beruhenden Ausführungen die Aufmerksamkeit sämtlicher Zuhörer zu fesseln. Lehrer B e p p l e r« Steinheim verteilte dann Werbematerial deS V. D. A. unb betonte, baß bieser Verein wert fei, ihn mehr zu unterstützen, alS bie» bis jetzt ge­schehen. Lehrer Jockel- Hungen wurde ein* stimmig al» Vertrauensmann des V. D. A. ge­wählt. Geschäftliche Mitteilungen des Obmann» und bie Beratung einzelner Anträge für die Hauptversammlung deS LandeSlehrervereinS zu Offenbach nahmen noch längere Zeit in Anspruch und lösten eine lebhafte Aussprache au».

eine jenem Kleist verwandte Latte toe.tetge» spönnen unb weiterzuklingen scheint. (In den ersten Dramen war bie» ganz bittlich vernehm­bar: vom ,Homburg" her laufen geheime gäben zum .Louis gerbinanb", zu ben .Offizieren".)

Run ber .Bonaparte": viel Licht unb viel Schatten ist in diesem Schauspiel. Dennoch man hat Freude daran. Ist es schon ungleich- wertig. ist es doch allenthalben mterefianl. Gleich in den ersten Szenen erweist sich Nar ein gort* schritt, die Entwicklung über Früheres hinaus: Unruh blieb »sicht stehen. Sein Stil vor allem ist reifer geworden. Noch ist seine Sprache ge­drängt Vie früher: aber viel klarer. Verständlich. Man braucht keine Sprünge mehr mitzumachen beim Hören unb Lesen. Er denkt und schreibt nicht mesir wie Altenberg es einmal ähnlich ausgedruckt hat .in siebenten Sätzen". Man versteht ihn. Geben toir ruhig zu, daß auch lluge Leute ihn früher nicht immer unb überall ver­standen haben: unb daß bie Schuld vielleicht nicht immer nur auf Seiten bieser Leute war. Hier mit diesem neuen Schausviel wenn man die Begriffe nicht pressen will ist ein Schritt nach vorwärts getan... von ekpressionistisch-ekstatischer Ballung zur klaren Nüchternheit, zu neuer Sach­lichkeit.

Dah solche Nüchtembett (natürlich ist daS Wort vorsichtig unb vergleichsweise zu verstehen) auch die stofslicye Behandlung betr.fit. anS Innere unb Eigentliche heranreicht, scheint kein Mangel, knüpft an Früheres an und kommt zugleich einem neuen Zeitstil wofern man von so etwaS schon sprechen kann durchaus entgegen. Dem unbestreitbaren Allgemeininteresfe der Gegen­wartsdramatik an ber Historie: man bemüht sich heute, wie viele Beispiele erwei'en, um eine neue gorm. geschichtliche Dinge auf dem Theater zu gestalten. Daß eine große Vorliebe dabei auf Aapoleon fiel, ist eine Sache für sich. Man will über die klassische Staatsakt on hinaus und kommt zur Ehronik. Von der Stilisierung und patheti­schen Rhetottk des Heldentums zur D?re:nfachung und Vermenschlichung. (Möglicherwe.'e eine Re­aktionserscheinung gegen das Erlebnis des Krie-