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Nr. 51 Zweites Blaff Gießener Anzeiger lGeneral-Anzelger für Dderheffen)Montag. 7. Februar 1927

Aus der Welt des Films.

Berliner Filmpremiören.

3ebe bessere Filmgesellschaft muh »um min­desten einmal einen Zirkussilm gedreht haben. Die Nordist brachte den .Tanzenden Toren", die Marim-Filmgesellschaft bearbe.lete Karl Ros- nerS Nomon .Der Herr deS Todes", mit Harry U-iel ist was los im ZirkuS Becly und so zirkust fid) bas lustig weiter biS zum .ZirkuSteu» f e [ der Metro-Goldwyn-Mayer. Da hatte man wieder alles beisammen, was zu einem Zirkus gehört: einen abscheulich-brutalen Löwenbändi­ger. der junge unschuldige Mädchen verführt, die eigentlich nicht in den ZirkuS gehören, aber um dcS bihchen täglichen Brote- tollten, usto. Eine sehr schöne, aber sehr eifersüchtige Löwen­bändigersgattin. die in rasender Mut daS junge unschuldige Mädchen vom Trapez in der Zirkus­kuppel abstürzen läht und eine sehr liebe und nette Garderobenfrau, die xum Schluß alS retten­der Engel auftritt. GS gibt da auch noch einen jungen Monn, der auf abfällige Dahn ge­raten ist, dieweil er sich seinen Unterhalt auS den Taschen seiner lieben Mitmenschen stibitzt. Er gehört nur Indirekt zum ZirkuS, da er dos junge unschuldige Mädchen liebt, daS von feinem zweifelhaften Handwerk keine Ahnung hat. Um ihretwillen gelobt er fich »ein besserer Mensch" Ju werden. AlS ob das so leicht wärel Und es ft auch wirklich nicht leicht, denn der junge Mann wird rückfällig natürlich ouS edlen Motiven, weil er sich ganz fix die Mittel be­schaffen will, sein Mädchen zu heiraten, um bann relativ ein besserer Mensch zu werden. Aber eS klappt nicht. Er wird ertappt, muh InS Gefängnis. Sein Mädchen verzeiht ihm und will auf ihn Wärtern Inzwischen verunglückt sie und muh nun ihren Unterhalt durch Verkauf von Hampelmännern beftreiten. Ausgere^net am Weihnachtsabend begegnet ihr die ehemalige Garderobenfrau, nimmt sie mit in ihr Heim un7> eS trifft sich herrlich im selben Hause wohnt der Freund, der wirklich ein ehrlicher Mensch und Schuster geworden ist und sie finden sich Wundervoll kitschig das alles und gor nicht langweilig. Die beiden Haupt­darsteller Norma S h a e r e r und Charles Em­mett M a ck spielen mit ruhiger Zurückhaltung. ES ist auch viel Feine- und Stilles in diesem Film, dem man trotz allem die künstlerische Hand des NegisseurS Benjamin Christensen anmerkt.

Um die Stilechtheit deS Universal Pictures Corporation-FllmS »Die Tänzerin deS Zaren" beurteilen zu können, muh man in Rußland gelebt haben. Die hauptstädtische Presse hat ihn zum größten Teil verrissen. Und daran lat sie unrecht. Der Nüsse Dimitri Bucho­we h k i. der die Regie führte, hat russische Ver­hältnisse bi- ins kleinste getreu toiederzugeben vermocht. Er Zeichnet die Welt, die vergangen ist, die nicht mehr Wiedererstehen wird, die Welt de- zaristischen Ruhland- mit all ihrem Glanz und Elend. Um dieser Illustrierung wegen ist der Film wertvoll, die Handlung taugt wenig. Sie geht über da- übliche nicht hinaus, denn dah eine schöne Tänzerin von einem Grohfürsten begehrt, von einem unangenehmen Finanzmann umworben wird, aber einen jungen Ossizier liebt, der den Drohfürsten tätlich beleidigt, zum Tode verurteilt und im letzten Moment, so selbst­verständlich wie zwei und zwei vier ist, gerettet wird, da- kennt man nun schon zum Überdruß. Auch Nihilistenverschwörungen sind nichts Neues. ober, wie gesagt, Regie und Spiel sind so vorzüglich, doh man viel zu verzeihen geneigt ist. Besonder- angenehm fiel der junge Offizier Raymond Keane- auf. Vorzüglich war auch George S l e g m a n. den man kürzlich in dem feit langem besten Film »Hotel Stadt Lemberg" olS einen der hervorragendsten Schauspieler be­wundern konnte. Laura la Planta, die Tän- ferin. hatte einzelne sehr gute Momente, konnte edoch nicht ganz befriedigen. Aber nun folgt:

»Eine Dubarry von heute". Regie Alexander C o r d a. Hauptdarstellerin Maria C o r d a. Lieber, guter Ufa-Palast wie konntest du! In diesen sonst so kunstgewohnten Hallen läßt du einen Vorstadtfilm lausen, der nicht ein­mal spannend ist. Ich habe mich gelangweilt wer noch? Zu Anfang ging cs noch in der Mitte stockte eS. stockte so. doh es selbst dem DorsührungSapparat zuviel wurde. er streikte. Filmrih ein paar Minuten lang. Zum Schluß gab cs dann wieder etwas lebhafteres Tempo. Man sagt der Regie Cordas allerlei Lobens­werte-, und da- verdient sie auch Manche Szenen zeigen im Ausbau und in der Einstellung eigene L ......_ _______

Die versunkene Flotte."

Gießener Lichtspielhaus.

Sie sechs Akte, die der Registeur Manfred Noa und die Textdearbciter Willi Rath und Marga- rcche Maria Langen nach dem bekannten Roman des ehemaligen Kapitänleutnants Helmut L o renz geschaffen haben, stellen eine selten erreichte, glückliche Verbindung von Spielfilm und historischer Bildersolge dar. Das Werk kann selbstverständlich den Roman weder ersetzen, noch ihn aucschöpfen: innerlich nicht (mir halxn neulich in anderem Zu­sammenhang die Gründe für die Aussichts­losigkeit solchen Beginnens angedeutet) und auch äußerlich nicht: es ist eine Erfahrungstatsache, daß ein Film, besten Vorführung-zeit eine ziemlich fenau festzulegende Zeitdauer überschreitet, an Wir- ung verliert. An Bildkraft und sinnfälliger Ein- dringlichkeit aber ist der Kurbelstreifen dem Buch überlegen.

Wesentlicher, als der Spielfilm, die gesellschaft­lich-romanhafte Einkleidung des Themas bleibt die Geschichtschronik, die in diesen Bildern mit großer Treue bewahrt wird. Der Film könnte dreimal, viermal so lang sein, wie er jetzt ist, er würde für das Publikum dadurch ungeeignet werden, er würde aber als Dokument nur an Bedeutung und Schwergewicht gewinnen. Diele Bilder einer deut­sch Marinechronik aus den Jahren 1914 bis 1918 in könnte sie unter das Motto des alten War- t n Hause Seefahrt stellen:navigare necesse - vere non est neersse" diese Bilder gehen in Hrunde jeden Deutschen etwas an. dem das Schicksal und die Zukunft seines Volkes und Va­terlandes am Herzen liegt. Das braucht mit politi­scher Gesinnung nichts zu tun zu haben; der Film

Auffassung und sicheren Blick für da- Wirkungs­volle. Aber man hat doch keinen zufammen- hängenden Eindruck gewinnen können. eS wurde zuviel einzelnes gezeigt. WaS man an den Toi­letten Maria CordaS verschwendet hat. wurde an der Szenerie gespart. Künstliche Landschaften aufzubauen siehe Pappselsen und Papicr- palmen am Hafen einer angeblich südlichen Stadt daS heiht dem Publikum etwa- zuviel zu­muten. Maria C o r d a hatte viel Anmut und spielte die Rolle des jungen Pariser Ladcn- mädelS. da- einen königlichen Geliebten findet und ihn nach mehreren Hindernissen, durch die der Monarch des Heinen Staates um seine Krone kommt, heiratet, sehr frisch und bezaubernd. Daß man auch Friedrich Kayhlcr wieder einmal auf der Leinwand zu sehen bekam, war eine besondere Freude. Die 2iollc d:s königlichen Freundes spielte der noch unbekannte, aber sehr sympathische Jean Bradl n.

Eine Sensation unter den Berliner Film- premiören der letzten Zeit war der neue Berg- ner-Film »Cie 6c", über den wir in einem besonderen Aussatz berichten. A.

Der neue Bergner-Fllm.

Die Berliner Uraufführung.

Es war hübsch zu sehen, wie das Berliner Publikum, schwer verliebt, feine Elisabeth Bergner feierte. Man hatte GefcllschaftS- Heibung angelegt, obwohl eine Kinopre niere ohne Paule jede Gelegenheit zur Schaustellung vcr- fagt. Man faß vis ein Uhr nachts im Capi­tol, um Mrs. Cheneys Ende und ihre Ankunft abzuwarten. Man überhäufte die kleine, zö­gernd vortretende Gestalt im Silberkleide mit Huldigungen. Alles aus dem Gefühl heraus: wir danken dir, daß du auf die Welt ge­kommen bist.

Auf die Kinowelt sollte sie nach zwei pro­blematischen Versuchen nun endgültig kommen. In einem neuen, von Paul (Spinner geschrie­benen und inszenierten FilmLiebe". Ort: Paris, Zeit: Krinoline. Eine Geschichte nach Balzacscher Erfindung von einer kleinen koketten Herzogin. Eie sucht einen Marquis in Offi­ziersuniform aus, um mit seinem Herzen zu spielen, alles zu verheißen, nichts $u gewähren. Als er sie nachts fordernd überfällt, wird er schnöde abgewiesen. Aber nun, da ihr Ge'ühl erwacht, verzinst er ihr die De^ü igung grausam. Er stellt seine Besuche ein, er läßt sie von einem Balltest in sein Haus versteppen, nur, um sie fortzujagen, er beantwortet ihre Briefe nicht. Je kälter er scheint, desto mehr erhitzt sich ifjre Liebe. Sie kompromittiert fich mit Ab- slcht, sie schleicht verkleidet zu ihm, findet den Stapel ihrer uncröffneten Schreiben, stellt ihm ein Ultimatum: wenn er zu einer bestimmten Stunde nicht kommt, wird er sie nie Wiedersehen. Die Stunde naht. Drinnen im Hause dcS Mar­quis dreht ein Freund auS Neckerei seinen Uhr­zeiger rückwärts, draußen auf der Straße war­tet die Herzogin. Weil die Stunde schlägt, ohne ihn herbeizuführen, nimmt sie den Schleier. Der Marquis sucht sie jahrelang, entdeckt sie end­lich im Kloster, will sie entführen und findet sie nur noch im Sarge.

Ohne Beschönigung:Liebe" ist ein mißglück­ter Film. So recht ein Gegenbeispiel zu den natürlichen Forderungen des Kinos. Denn der Zuschauer sieht illustrierte Romankapitel, f'.eht eine Erzählung mit abgekürztem Text, aber lei­nen Film. Aus dem Wort, nicht aus dem Bild hat Paul Czinner sein Buch entwickelt. Er malt aus. Das bedeutet schon im Theater (TschechowsDrei Echweslern" haben es jüngst bewiesen) eine Gefahr, im Film den Unter­gang. Er malt obendrein auS, was nicht ge­schieht, wie der MarquieS nicht kommt, nicht schreibt. Solche Negationen sind auf der Bühne, an deren Bedingungen Czinner ängstlich ha,tet, möglich. Auf der Leinwand nicht. Hier muß Uebcrrafchung regieren, hier muß der Reichtum der Einbildungskraft das Einfache abwandeln, hier muß das Gefühl ins Sinnfällige, das Wort In6 Bild überseht werden.

In diesem Sinne filmisch geformt ist nur jene Szene, da die Herzogin draußen auf der Straße steht, während drmnen im Zimmer der Mar­quis mit dem Uhrzeiger betrogen wird. Czinner muß dahinkommen, ein ganzes Buch und nicht bloß eine Szene auf solcye Wirkungen zu stel­len. Dazu fei ihm ein einfaches Rezept ver­schrieben: Phantasie. Sie wird Erfindungen wie die vom Klatsch umzingelte Stadt von den Dor­

hat keine Tendenz, die auf solchem Felde zu suchen wäre. Es bandelt sich darum, daß es vielleicht doch heilsam und förderlich für uns wäre, wenigstens den Versuch zu einer Widerlegung jenes hoffnungslosen Erfahrungssatzes zu machen, daß wir aus der Ge­schichte, aus der Vergangenheit, aus der Chronik des Volkes seither nichts gelernt haben und niemals etwas lernen werden. Was einer daraus für Er- fenntniffe, Einsichten und Lehren entnimmt, muß jedem überlasten bleiben. Daß man heute überhaupt dergleichen in objektiver Form natürlich! an- sieht, sich mit dcm Gewesenen vorwärts- blickend beschäftigt, scheint uns not zu tun und uns wichtig zu fein. Hierin muß der Wert und die Bedeutung des neuen Werkes in erster Linie zu suchen sein.

In starken, oft ans Herz greifenden Bildern baut sich ein deutsches Schicksal vor uns aus, Glück und Ende unserer Kriegsmarine, auf die wir einmal stolz gewesen sind, und um die uns eine Welt beneidet hat Noch einmal reißt uns dieser Film zurück und hinein in die vier eisernen Jahre, wo wir um eine seit Jahrhunderten ersehnte Seegeltung unseres Volkes gekämpst haben. Die Höhepunkte der sechs Akte: die gigantische Schiffsschlacht am Skagerrak und das traurige Ende 1918 erzwungen aus Re­volution, verlorenem Krieg und feindlichem Di'tat. Wir erleben die in ein paar zufammengeballten, furchtbaren Stunden entschiedene Schlacht an den Drennpunlten mit, im Geschützturm, auf der Kom­mandobrücke, in der Hölle des Heizraumes. Wir fchen noch einmal, ganz zuletzt, den alten guten Geist der Flotte erwachen in der U Boot-Besatzung, die in spanischen Gewässern ihr havariertes «chitf versenkt und die Waffenchre rettet.

Eine Reihe namhafter Schauspieler sind am Wer' und tragen die geschickt komponierte, echt und glaubhaft gestaltete Begleithandlung, die vor dem

bildern abheben, sie wird Banalitäten wie die Klosterbilder vom Kino in den Kintopp ver­weilen.

Dor allem würde Phantasie, in einem wirk­lichen Filmregisseur verkörpert, endlich da-Got­tesgeschenk verwerten, mit ElifabethBcrg- n e r arbeiten zu bür.en. Heber die .Nju" hin­aus, mit der Paul Czinner die Künstlerin fo ungeschickt in« Zilmland einsührte, bedeutet die neue Rolle einen gewaltigen Fortschritt. Ihre Persönlichkeit ist stark genug, das Le. re zu fül­len. Selbst die eintönigen Bilder deS WartcnS macht ihr Umherflattern im Salon, von Kiffen zu Kiffen, eine Weile erträglich. Aber im Kamps gegen diese Häufung des passiven, kinosrcmden Elements reibt sich selbst ihre Ra'.ur auf. Richt einmal auS der Erscheinung der Bergner weiß ihr Regisseur Gewinn zu z ehen. Sine Frisur, die ihre Stirn seltsam verlängert, macht fte fast unkenntlich. Man glaubt zuwe len, ein? ver­jüngte Irene Tricsch zu sehen. Auch bei ihrem Partner versagt der Blick deS Regisseurs. Gr sieht nicht, wie das Bild b.e langen Beine HanS Rehmanns, eines jungen Talents der Dolksbühne, zu Stelzen macht, wie starr die Befangenheit des Neulings seine Züge wer­den läßt.

So bleibt von Elisabeth Bergners Leistung nur ein Bild. Freilich ein unvergeßliches: die Wartende auf der Straße. Don einem schwar­zen Kapuzenmantel umhüllt, steht sie an der Mauer, den Kopf an die Steinwand gelehnt, alS wolle der Schmerz ihn abmähen. Eine Säule mehr a S ein Mensch, eine Abgeschiedene in der letzten Sehnsucht, wieder zum Leben erweckt zu werden. Auf den Uhrturm blickt die Erwar­tung, auf den Portier, der auS der Haustür tritt, die Enttäuschung alles zu einer Stille, zu einer Lautlosigkeit des Wehs abgedämpft, die unendlich rührt, die keiner Steigerung fähig scheint. Aber es gibt eine Steigerung: d.e War­tende nimmt Abschied von dem Geliebten, in­dem sie auf die kalte Mauer feincS Hauses einen Kuß drückt, bevor sie davon geht, mit zit­terndem Schritt, in der Hilflosigkeit des ver­irrten Kindes. Um dieses Bildes willen lohnt es sich, die unvergleichliche Kunst Elisabeth Dcrg- ners im Film zu bewundern. M. J.

Die Sensation im Film.

Don Dr. Ian Brinkner.

Ohne Zweifel: jeder von unS ^at in einem Winkel seines HcrzenS eine gewisse Sympathie für das, was von der simplen Richtung des Selbstverständlichen und Alltäglichen abzuweichen scheint.

Indessen: das Leben gebt mit solchen aben­teuerlichen Dingen ein wenig sparsam um. Ge­wöhnlich sind gerade wir meistens nicht dabei, wenn eine Höllenmaschine explodiert, oder wenn ein guter Mensch sich vor seinen Dertelgem durch einen Sprung aus dem dritten S ockwcrk rettet.

Diesem peinlichen Mangel hat der Film abge­hoben, als er die Sensation schuf. Wenn zwei Lokomotiven mit rasendem Anprall inelnanoer- sahren. wenn ein führerloser Wagen wild und hemmungslos dem nächsten nicht unter zwei­hundert Meter tiefen Abgrund zuiagt: wir dürfen dabei fein.

Wir dürfen sogar dabei sein, oh.te und in die Gefahr zu begeb n. Denn dar. ro.Jlk'-e Leben nimmt manchmal taktloserwcise nur toe. ig Rück­sicht darauf, ob jemand lediglich als Zuschauer folchen Ereignissen beizutoohncn gedenkt.

Jedenfalls ist das Kino ungefährlicher als das Leben.

Daß abstürzcnde Flugzeuge, cinstürzende Häuser und dergleichen an sich nicht allzuviel mit der Kunst zu tun haben, dahinter sind wir unter­dessen allmählich schon gekommen. Und well wir ein paar Jahre lang häufig genug mit erschrecken­den Brandunsällen, UebcrfchwemmungSunglücken und zerschellten Automobilen g?füttert worden sind, sind wir nicht alQju neugierg mehr darauf, wie nun wobl andere Flugzeuge ab flut;,en. andere Feuersbrünste entstehet und andere U^berfchwcm» mungSkatastrophen eintreten.

Wir find höchsten- noch darauf neugierig, wie und unter welchen Umständen solche Begeb­nisse stattfinden. Wenn man als sogenannte nervenspannende Einlage für unS ein paar Dampfer oder meinetwegen sogar eine ganze Stadt in die Luft sprengte, wir würden kaum mit der Wimper zucken. Denn wir haben schon

zum mindesten eine Sensation gesehen, bei der cS noch weit aufrcgcnb.r und aus peitschender zuging. Wir sind verwöhnte Leute g worden, denen so leicht nicht- mehr imponieren kann.

Alle Dinge dieser Art ertragen wir nur noch, wenn sie da- Schlußglieb einer Onttoid- lungskette oder die letzte Steigerung eines straft und unbeirrt dorthin geführten Geschehen- sind. Wenn die innere Bewegtheit eine# handelnden Menschen sich gctoiflcnnaßen den Dingen seiner Umgebung mitteilt und sie In den Bereich seiner Katastropyen mit e.nbezieht. Schlagende Wetter eines Bergwerks an sich sind im Film gar nichts AIS das gleichnishafte Bild eine- fce.ischen Aus­bruches können sic alle- fein.

Wer indessen die Entwicklung der letzten Jahre gesehen hat. bemerkt, dah die Spannungen, ohne die der F I n gewiß nicht l den kann, immer mehr auf die sogenannten Sen'a ionen ver­zichten. Selbst da, wo sie nicht al- bloße Reiz­mittel gedacht sind, sondern alS geschickt verfloch­tene Teile eine- GesamterlebnisfeS. da- hier feinen Gipfel und Höhepunkt finden foll

Die besten und einfallsreichen Regisseure haben eine andere Form der Spannungen eit- dcckt. Sie entdeckten, daß die knappe, beherrschte Gebärde eines W?rncr Kra- eine viel tiefere und erregendere Spannung in sich trug. alS sie je ein Prunk- und Prachtstück der Filmtechnik au-lösen könnte. Daß ein Kopsneig'n ein Höhe­punkt fein kann. Und eine Handvcwegung ein Gipfel.

Aus dem Reich des Königs der Könige.

Ter Abcfsinicnfiim her Cmcika.

Don Dr. Wilhelm Ruland.

Abessinien, das christliche afrikanische Reich zwischen item Quellengebiet dcS RilS und der Eomaliküste. ist noch heute ein wenig erforschtes Land. ES war daher zu begrüben, daß di« Münchener Lichlspielkunst-A.-G. zu Anfang ver­gangenen Jahres eine Zilmerpedit.on auSrüstcte, die bezweckte, von der unberührten Natur dieses Landes und der materiellen Kultur seiner Be­wohner erd- und völkerkundliches AnschauungS- gut zu heben. WaS während fünf Monaten in den verschiedensten Teilen des a es,mischen Hoch­landes, sowie auf der Heimreise in Aegypten öiS hinab zum Nildelta u1 ter erheblichen Schwie­rigkeiten gedreht wurde, liegt nunmehr in einem abendfüllenden Film vor.

Der Film beginnt bei der Eingangspforte zu Abessinien, der französischen Hafenstadt Dji- butl Abessinien ist ein absolute- Kaiserreich mit mehreren Teillönigreichen und Provinzen.

DaS Christentum ist seit dem 5. Jahrhundert Staatsreligion, jedoch zu leeren Formen erstarrt. Der Film zeigt den Regenten RaS Taffari in 1 einem Familienleben, den Patriarchen (Abuna d. i.Unser Dater") bei einem kirchlichen Aus­zug. fern r uralte liturgische Gebräuche, u. a. Priestertänze die daS Wesen deS abessinischen Christentums scharf beleuchten. Daneben nimmt da- Orakel eines heidnischen Dorsgottes sich recht wunderlich auS.

Ebenso scharf ist der Gegensatz -wischen den jämmerlichen Straßen und Häusern der Haupt­stadt und ihrer tadellosen Rennbahn, an deren Pferderennen, wie im Film zu leben, die Mit­glieder der europäischen Gesandtlcha.t.ni persön­lich teilnehmen, während die Tochter Meneliks goldene Pokale al- Preise auSsetzt.

Don der Hauptstadt AdiS-Abeba brach di« Emelka-Efpedition mit 25 Maultieren und ein­geborenen Kolonnenträgern nach dem wenig- bekannten Süden deS Landes auf. Sie folgte dem Omosluß, der bei fünf Grad nördlicher Breite in den Rudolffee mündet, und gelangte in be­wohnte Derggelände von 2700 Mct.r Höhe. Wertvolle Aufnahmen für Länder- und Völker­kunde wurden insbesondere in der Provinz Kaffa gemacht. Diele Siedelungen auf den rauhen Hochebenen hatten früher durch Hungersnöte zu leiden. Heute gewinnen die Eingeborenen an­dern Mark einer einheimischen Palmenart ein Pflanzenbrot. Gin Stamm am T elekisce. die WoatoS. verlegt sich daneben auf die Nilpferd­jagd. obgleich ihm der Genuß deS Nilpferd- fleisches die Dcrachtung der anderen Stämme einträgt. Die Hauptstadt Kaffas, Dcherada, hat sich zu einem Handelszentrum des Landes auS- gebilttet. Auf Den dortigen Wochenmärlten fin­den sich bis 20 000 Eingeborene zum Handel

großen, geschichtlichen Hintergründe packende Einzel- schickjale entwickelt. Eine Reihe scharf umrissener L>f fiziersgestaltcn: Goetzke, Stuart, A st her, Pit tschau und Mierendorff: ein Terzett schöner Frauen: Agnes E st e r h a z y, Dary Holm, Käte Haack. Die große, blutvolle Kunst Heinrich Georges (Obermaat Röwer) schafft tiefe Ein- drücke: Hans Albers führt temperamentvoll das Gegenspiel als revolutionärer Oberheizer Tim Kreuger.

9m ganzen: ein starker und wertvoller Film, der mehr als Tagesinteresse beanspruchen darf, den man gesehen haben sollte.r

Musikalisches ausMetropolis".

In letzter Zeit bürgert es sich immer mehr ein. dem Grohfilm eine besondere musikalische Untermalung zu geben an Stelle deS aneinander- gereihten Nv'.konzerts von öden Schlagern. So ist eng verknüpft mit dem FilmMetropolis" die von Got.fried Huppertz komponierte Be­gleitmusik, denn dieses großangelegte technische Märchen unserer Zeit bedarf unbedingt einer melodischen Ergänzung, soll eS unter Auge nicht ermüden. Sehr geschickt hat d r Komponist, der als ehemaliger Kammerünger seine Melodien stets .sanglich" empfindet, den Mangel an lyrisch n Stimmungen im Fil'-bilde durch reiche melodische Lyrik ausgeglichen. Selbst das Anfangemotiv der Stadt Mct.opoli- strömt mit feinen wuchtigen acht Acht.In trotz des unverkennbar n Arbeits­rhythmus eine QTtoif e Lebensfreude aus. Ge­radezu b.törnd fuße W i'ei findet der Komponist bei der Schilderung der .Ewig-n Gär.en", dem Eden der reichen Söhne von Metropalis. Hier nimmt uns besonders ein wiegendes, lockendes

Walzermotiv von feiner harmonischer Prägung gefangen, welches daS zärtliche Sirren der Frauen fast plastisch untermalt.

Don faszinierender Schlichtheit klingt das Motiv der Maria, daS in ferner ruhigen Steige­rung von strahlender Zuversicht und fast sieg­haftem Jubel beseelt ist. Ganz ähnliche da« LiebeSmo.io Freder-Maria. w IcheS Sefahlsiiefe und hingebende Sehnsucht auf hing en laßt.

3m bewußten, aber keineswegs unmelodischen Gegensatz zu diesen rein menschlichen Melodien läßt Huppertz die stampfenden und hämmernden Rhythmen der Aiesenmaichinen und der monoton trottenden Arbe ter m.t markiger Wucht erdröh­nen. Auch das Motiv deS Herren von Me ropoiiS atmet einen nervösen, fast maschinellen Arbeits­rhythmus, der bei dem Motiv dcS bösen Er­finders Rotwang nur in den Düften dröhnt, toäbrenb daS Thema auS lauernden Akkorden gebildet wird. Don schauerlich-unheimlicher Wir­kung ist das Flötenlied des Sensenmannes, dessen knöcherner TotenrhythmuS durch daS kalte Piccicato der Pikloloslöten charakteristisch ge­troffen wird.

Auch die Melodien deS .Künstlichen Men- fchen" fallen durch eine gewisse seelenlose, hohle Rhythmik ins Ohr. welche vollkommen den Ein­druck eines Automaten geben. Don hinreißendem Schwung ist aber noch der Fortrott, der die Szene illustriert, in der die befrackten Herren den Maschinenmenschen in Gestalt der schönen Maria im Freudentaumel durch die S.adt tr g n. Mit einem Motiv deS .Maschinenm nschen" be­ginnt übrigens auch der grandiose Revolutions­marsch, der eine kurze disharmonische Abwand­lung aufblitzen läßt. Mit zwingender Wucht peitscht er förmlich die empörten Arbeiter vor sich her. W. L.