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zreltag, 7. Januar 1927
177. Jahrgang
Nr. 5 Erster Blatt
GichenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Chefredakteur
Dr 5riebt Will) Lange Derantwortlich sur Politik Dr. Fr Wilh Lange, für Feuilleton Dr H Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An« geigentetl i.Bertr. H Deck, sämtlich in (Dießen.
und die Räumung der Rheinlande.
Frankreich
Don unserem Pariser ^.^.-Berichterstatter.
Pari-, 6. Januar.
Daß Die Desreiung der Rhcinlande von der Besatzung in der nächsten Zeit das Hauptthema der deulsch-frairzösischen politischen Derhand- lungen bilden dürfte, darüber besteht in der deutschen und französischen Auffassung keinerlei Unterschieb. Leider weicht aber der französische Standpunkt von dem deutschen beträchtlich ab, sobald die Frage aufgeworfen werden muh, in welcher Weise das Rheinproblem behandelt und gelöst Verden soll.
3n Deutschland ist man sich ohne Unter- schied der Partei darüber einig, dah das Jahr 1927 endlich die Desreiung des noch von fremden Truppen besetzten Gebietes bringen muh. Bildet schon -u Kriegszejten die Frage der Besatzung ein äußerst schwieriges Kapitel, so bedeutet nach Einstellung der Feindseligkeiten die Anwesenheit fremder Truppen im eigenen Lande aus die Dauer eine Unmöglichkeit. Die dauernden Zwischenfälle zwischen Besatzung und den Einwohnern, die in letzter Zeit so häufig zu verzeichnen sind, der Landauer Prozeß usw. beweisen zur Genüge, dah es h ö ch st e Z e i t ist, mit der Besatzung aufzuräumen.
Sobald General v. PawelS und Geh. Le- gationsrat Dr. Forster wieder in Paris ein- getrossen sind, dürsten die Verhandlungen über die beiden letzten noch strittigen Punkte der deutschen Entwaffnungs-Frage, die Ostbe- sestigungen und die Ausfuhr von metallurgischen Halberzeugnissen, die sich für Kriegsmaterial eignen, beginnen und. auf dem Wege über die Dotschafterkonferenz oder den DöllerbundSrat. wahrscheinlich auch zu einem Ergebnis führen. Aach einer Regelung dieser Punkte ist der Rechtsanspruch Deutschlands auf eine sofortige Räumung der Rheinlande gemäß Artikel 431 des Dersailler Der- trage» unzweifelhaft. Die wirtschaftlichen, territorialen und militärischen Abschnitte, in die der Dersailler Vertrag zerfällt, sind dann nicht nur rest 1 oS erfüllt, sondern durch die Der- träge von L o e a r n v hat Deutschland nach dem Westen hin Opfer gebracht, wie sie kaum jemals in der Geschichte von einem Dolle verlangt worden sind. ZedeS weiteve Derbleibrn der Besatzung würde einen flagranten Rechtsbruch bedeuten, wie man ihn leider in Deutschland nach dem Kriege allzu häusig (Oberschlesien. Ruhreinbruch usw ) erlebt hat.
In Frankreich verfchließt man sich der Bedeutung des Art. 431 ebenfalls nicht, sucht aber nach allen möglichen Ausflüchten, um die klare Rechtslage zu verwirren. Sobald das Thema „Räumung der Rheinlande" berührt wird, erschallt der Ruf nach Sicherheiten und weiteren Garan- tien, wobei absichtlich nicht klar und deutlich gesagt wird, welche Sicherungen nach Locarno und der deutschen Entwaffnung denn noch gefordert werden. In dieser unklaren Begriffsbestimmung liegt sowohl ein Manöver als auch eine Gefahr. Wie in der „moralischen Abrüstung", so will man auch in dem Sicherheitsgedanken einen unklaren und unbestimmten Begriff,schaffen, der es ermöglicht, deutsche Vorschläge stets als unzu- reichendabzulehnen.
Eine weitere Verwirrungsmöglichkeit bietet für die französische Presse das Gespräch von Thoiry. Die finanziellen Vorschläge der deutschen Regierung — Mobilisierung der Eiscnb.hnobligationen — sollen plötzlich, nachdem man zuerst gar nichts von ihnen wissen wollte, als Voraussetzung für die Rheinlandverhandlungen dienen. Auch hier ist bas Ziel durchsichtig. Falls aus irgendwelchen Beweggründen, z. B. wegen des Versagens des amerikanischen Marktes, eine Mobilisierung der Obligationen sich als unmöglich erweist, so will man dies als Vorwand benutzen, um die gesamten Verhandlungen scheitern zu lassen.
Eine dritte uno die in Frankreich vielleicht aussichtsreichste Möglichkeit, die Räumung der Rheinlande zu verhindern ober zum mindesten auf die lange Bank zu schieben, bildet der Appell an die ^öffentliche Meinung", an Vie „Mütter Frankreichs", die niemals ein Ausgeben der französischen Stellung am Rhein dulden würden. Ein solcher Feldzug hat bereits in der französischen Presse begonnen. Die nationalistische Zeitung »Echo de Paris' hat mit einer Umfrage an alle großen Politiker und sonstigen Persönlichkeiten Frankreichs angefangen, — allerdings bei der ersten Persönlichkeit. an die sich das Blatt wandte, um ihre Stellungnahme zu der Rheinlandräumung zu ermitteln, hat sie kein großes Glück gehabt. Elemenceau hat in kurzen Worten mit Hinweis aus sein hohes Alter es abgclebnt, seine Ansicht zu äußern, trotzdem glaubt »Echo de Paris" zwischen den Zeilen seinen Lesern sagen zu können, daß der alte Staatsmann »stark beunruhigt sei".
Die besonders chauvinistische Abendzeitung „3ntranfigcant‘‘ fordert offen zu einer Mobi l» madjung der öffentlichen Meinung auf und verspricht sich davon einen besonders guten Erfolg. Genau so wie im Juni des vergangenen Jahres die französische Regierung unter dem Sturm der »öffentlichen Meinung" auf die Ratifizierung des Washingtoner Schuldenabkommens verzichtete und bis heute diese Rati- • fizierung auch noch nicht erfolgt sei, genau so müsse man es in der Frage der Rheinlandräumung machen. Dem Druck der „öffentlichen Meinung" werde sich die Regierung sicher nicht ver
schließen können, und dann bleibe Frankreich noch, wie die Zeitung zuversichtlich hofft, zehn Jahre am Rhein.
So klar und völlig berechtigt der deutsche Anspruch auf die alsbaldige Räumung der besetzten Gebiete auch ist, so wird man sich doch bei den kommenden Verhandlungen der Schwierigkeiten bewußt bleiben müssen, die von Frankreich aus zu erwarten sind. Hebertrie&ener Optimismus erscheint auf jeden Fak unangebracht, wenn auch, wie wir hoffen, letzten Endes das Recht über alle Jntriguen und Hetzereien den Sieg davontragen wird.
„Wir bleiben am Rhein". Millcrand unb Marsal gegen die Rhein- landräumung.
Paris, 6. Jan. (Wolff.) Das .Echo de Paris" veröffentlicht heute die Antworten Millerands und des früheren Ministerpräsidenten und rechtsstehenden Senators Francois Marsal zur Frage der vorzeitigen Räumung der Rheinlande.
Millerand erklärt, er fei für die Ratifizierung der Abkommen von Locarno eingetreten, aber im gleichen Augenblick habe er auf den ungeheuren Irrtum aufmerksam gemacht, der begangen worden sei, als am 9. Februar 1925 die französische Regierung sich bereit erklärt habe, Verhandlungen mit Deutschland aufzunehmen, die nur aus die West grenze Deutschlands abzielten. Seiner Ansicht nach hätte man alle Verhandlungen ablehnen müssen, wenn sie nicht die gesamten deutschen Grenzen beträfen. Warum? Weil Frankreichs Sicherheit ein Teil der Sicherheit seiner Alliierten sei. Millerand weist in seinen weiteren Ausführungen auf die polnische Grenze hin und erklärt, Deutschland habe bisher nicht derartige Beweise für seine moralische Abrüstung gebracht, dah man weder vom Standpunkt Frankreichs, noch von dem seiner Alliierten aus recht habe, sich in eine Diskussion über eine vorzeitige Räumung der Rheinlande einzulassen. Er seinerseits habe Gelegenheit gehabt, dies dem französischen Außenminister eines Tages zu erklären, als er vor dem auswärtigen Ausschuß des Senats erschienen sei, und er habe die Genugtuung gehabt, die Versicherung zu erhalten, daß keine Verhandlungen dieser Art ausgenommen worden seien. Die Sorge um das französische Interesse gestatte nicht einmal die Hypothese einer derartigen Verhandlung ins Auge zu fassen.
Francois Marsal erklärt, so lange Frankreich am Rhein fein werde, werde der Augenblick hinausgezögert, an dem Frankreichs Kinder ihrerseits den Sturm aufsteigen sehen würden, den man selbst erlebt habe. Es genüge nicht, zu sagen, daß man biere oder jene Zone entmilitarisiere. Man müsse eine Hebertoa-
chung ausüben und sich vergewissern, dah die Mittel für eine Konzentration der Truppen nicht in Frage gestellt seien. Wenn man nicht die Schranke, die der Rhein errichte, bewache, wie könne man da sicher sein, daß er nicht überschritten werde? Man wünsche seinem Rachbar den Frieden, man möge Verhandlungen ausnehmen, man möge sich bemühen, die beiden Standpunkte auszugleichen und die Reibungen zu vermindern — eine Verständigung, dagegen werde niemand etwas einwenden. Man möge an alle guten Absichten glauben, aber man dürfe d ie Fenster nicht zu weit öffnen. Wir wollen im Vertrauen, so schließt Marsal. mit unserem Rachbar verhandeln, aber bleiben wir am Rhein!"
Poinearö gegen jede Diskussion. Paris, 6. Jan. (Wolfs.) Das „Echo de Paris" hat angesichts der nicht zur Ruhe kommenden Gerüchte über ^Uneinigkeiten im Ministerium Poincare und besonders über einen Konflikt zwischen Poincare undDri- a n d wegen der Frage der Politik von Locarno es für angebracht gehalten, sich an zuständiger Stelle über diese Gerüchte zu informieren. Der Mitarbeiter des Blattes, Hut in, der gute Beziehungen zu Poincare unterhält, erklärt zunächst, Poincare habe gestern die Gerüchte über angebliche Uneinigkeiten in seinem Kabinett an der Börse dementieren lassen. Er erklärt dann weiter:
„Was die Absicht betrifft, sofort nach Wieder« zusammentritt des Parlaments eine Interpellation über die Außenpolitik, besonders die Politik der An» Näherung zwischen Deutschland und Frankreich und die Frage der vorzeitigen Räumung des linken Rheinufers, heroorzurufen, so bin ich in der Lage anzukündigen, daß Poincars sich persönlich der Diskussion dieser Interpellation wider« setzt und nötigenfalls die Gründe bekanntgeben wird, derentwegen es ihm, trotzdem er durchaus Anhänger der Politik der Beschwichtigung und des Friedens ist, unmöglich ist, bei der gegenwärtigen Lage die Frage der Räumung der Rheinlandzone, die mir besetzt halten, aufroerfen zu lassen, solange Deutschland nicht alle Garantien gegeben habe, sowohl für unsere Sicherheit, als auch für die Durchführung des Dawesplanes.
Brhnb hat übrigens im Ministerrat erklärt, daß diese Frage bei seiner Besprechung mit Strefemann nicht erörtert worden fei. Sie wird auch unter den gegenwärtigen Umständen nicht weiter behandelt werden. Es erscheint mir, daß auf diesem Gebiete wie auf anderen poincare sicher ist, wenn er die Vertagung beantragt, die
Zustimmung der großen Mehrheit der Kammer zu erhalten.
Um unsere Finanzlage zu bessern, darf nicht die geringste ministerielle Komplikation eintreten. Es ist augenscheinlich, dah die Regierung Wert daraus legt, den Kurs des Franken auf seinem gegenwärtigen Stand zu erhalten, um eine Sta- oisisierung herbeizuführen, bevor die legale Stabilisierung erfolgt unter der Bedingung, daß jedes Manöver auf politischem Gebiet unterbleibt. Ich kann übrigens nicht glauben, dah es in der Absicht eines Mitgliedes deö Kabinetts liegt, durch seine Haltung eine Ministerkrise heraufzubeschwören, weil es sonnenklar ist, daß derjenige, der die Rachfolgeschaft Poincarss übernehmen wird, eine finanzielle Katastrophe provozieren würde.
Erwähnt sei im Anschluß hieran, daß das „Petit Journal" es für unmöglich hält, daß die Erklärungen Briands dem „Journal" und „Ma- tin“ gegenüber ohne die Zustimmung Poincares erfolgt fein könnten. Das Blatt schreibt, man habe den Außenminister gegen den Ministerpräsidenten stellen wollen. Aber wer die Loyalität Poincarös und feinen Patriotismus kennt, glaubt, dah er einen Konflilt dieser Art, falls er es riskieren sollte, hätte verheimlichen können, anstatt eine loyale und öffentliche Crilärung hervorzurufen? Wir sind davonn überzeugt, daß die Erklärungen Briands und Berlyelots i n vollem Einverständnis mit dem Regierungschef gemacht worden sind und daß sie gerade zu der Stunde, in der fie notwendig waren, gekommen sind.
Kein Waffenverbot für Besatzungsangehörige.
Berlin, 6. Jan. (Eigener Drahtbericht.) Die seitens des Reichskommifsars für die besetzten Gebiete Freiherrn Langwerth von Simmern bei der interalliierten Rheinlandkommission in Koblenz wegen deS Falles R o u- zier am 31.Dezember erhobenen Vorstellungen hatten, wie wir feinerzeit berichteten, den Zweck, die strikte Durchführung deS Waffenverbotes für Besatzungsangehörige in Zivil zu erreichen, das zwar seit langem bestand, jedoch so gut wie gar nicht beobachtet wurde. Rur deshalb konnten die Zwischensäkle im besetzten Gebiet, so insbesondere der Septembervorfall in Germersheun, zu so schweren Folgen führen, wie es leider geschehen ist. Die Bemühungen des Reichslommissars haben nun äber, wie wir hören, leider nicht den gewünschten Erfolg gehabt, dah Desatzungsangehörige in Zivil unbewaffnet sein müssen. Das einzige, was erreicht werden konnte, ist, dah die Mitglieder der Besahungstrupven von nun an stets Uniform tragen müssen, zu der die Bewaffnung selbstverständlich gehört. Zivilkleidung ist nur in ganz besonderen Aus- nahmcfällen zulässig. In Zukunft wird man also die fremden Machthaber am Rhein wenigstens schon von weitern erkennen und Zusammenstößen mit ihnen leichter aus dem Wege gehen können. Danach scheint es nunmehr festzustehen, dah Rou- zier nicht einmal mehr wegen verbotenen Waffentragens disziplinarisch bestraft wird. Tie Germersheimer Bluttat bleibt also nach wie vor ungesühnt.
Der Keichshaushaltrvoranfcdlag
Berlin, 6. Jan. (WB.) Der Reichshaushaltsplan sür das Rechnungsjahr 1927 wurde gestern dem Reichstag unterbreitet. Er schließt ab mit 8 526 479 185 Reichsmark für die allgemeine Reichsverwaltung unb mit 1 976 903 207 Reichsmark für die K r i e g s l a st e n , zusammen also mit 10 503 382 322 Reichsmark in Einnahmen und Ausgaben. Davon entfallen auf den ordentlichen Haushalt der Reichsverwaltung 7 990 019 685 Reichsmark und auf den auherordenilichen Haushalt 536 459 500 Reichsmark. Zur Bestreitung dieser einmaligen außerordentlichen Ausgaben soll eine Summe von 523 318 300 Reichsmark aus Anleihen flüssig gemacht werden. Die Summe der fortdauernden Ausgaben beläuft sich auf 7 520 635 215 Reichsmark oder 317 145 183 Reichsmark mehr als im Vorjahre. Der Etat für die Kriegslasten erfordert für das Jahr 1927 an Ausgaben insgesamt 486 460 102 Reichsmark mehr als im Vorjahre. Aus der Cinnahmeseite wird aus den fortdauernden Steuern insgesamt eine Mehrein- nahme von 534 Millionen Reichsmark erwartet. Der Mehrertrag der Zolle ist auf 310 Millionen Reichsmark veranschlagt.
Ein Kuriosum des Reichsetats ist die Tatsache, dah Reichsregierung und R e i ch s r a t in der Festfehung einzelner Etatspositionen nicht zu einer Einigung gelangt sind, was, schon in der äußeren Form des im Druck vorliegenden Haushaltsplans zum Ausdruck komme. Den Voranschlägen verschiedener Ressorts sind einige Blätter beigefügt worden, auf denen die abweichenden Beschlüsse des Reichsrats und die Einwände der Reichsregierung dagegen verzeichnet sind. Der Reichsrat hat sich als die Vertretung der Länder zugunsten dieser als sehr g e b e f r eu b i g erwiesen. Alm 128,1 Millionen Mark hat er bie Ausgabenseite erhöht. Davon entfallen 112 Millionen auf bie lieber- Weisung an bie Cänber aus ber Einkommensteuer, ber Körperschaftssteuer unb der Umsatzsteuer.
Ernste Lage in Hankau
London, 7. 3an. (MDB. Funkspruch.) Eine Agenturmeldung aus Schanghai besagt, die Lage in hankau werde immer schlimmer. So gut wie die ganze Bevölkerung ohne Unterschied der -Klassen befände sich im Ausruhr gegen die Engländer und es würden die übertriebensten Forderungen erhoben. Der amerikanische Generalkonsul in hankau soll seiner Regierung telegraphiert haben, dah die Räumung durch die Engländer in allernächster Zeit wahrscheinlich sei. Ihr Leben sei i n tatsächlicher Gefahr. Rach Reutermeldungen begannen gestern abend im Einvernehmen mit den chinesischen Behörden die britischen Freiwilligen die Stadt ’,u räumen, von Schuhwachen begleitete Laslautomobilc brachten die Freiwilligen bis zum Landungsplatz der englischen Kriegsschiffe. Die Räumung, die bis gegen 2 Uhr früh dauerte, wurde ohne Zwischenfall beendet. Die Ordnung in der Stadt wird zur Zeit durch chinesisches, Militär ausrecht- erhalicn. An Mauern und Gebäuden sind Plakate angeschlogen, worin zur Vernichtung des englischen Imperialismus au'gefordert wird.
Rach einer Meldung der „Central Rews" finden in hankau schwere S t r a ß e n k ä m p s e statt. Mehrere Dampfer mit Flüchtlingen sollen die Stadt in größter Bestürzung verlassen haben. Heber 300 Frauen und Kinder befinden sich an Bord zweier Dampfer auf dem Wege nach Schanghai. Die Männer sollen an Bort der Kriegsschiffe Zuflucht gesucht haben. Die Chinesen fordern in einem Ultimatum von den britischen Konsulaten Genugtuung und Schadenersatz wegen der Erschießung chinesischer Soldaten, weiter wird verlangt eine Entschuldigung der britischen Regierung, die Zurückziehung der englischen Kriegsschiffe und die Ausübung des Polizei- dienstes innerhalb der britischen Konzession durch Chinesen. „Eoening Rews" will wissen, daß die Admiralität endgültig beschlossen hat, die 8. 3er- ftörerflottille, bestehend aus neun Fahrzeugen, nach China zu senden.
Ein neuer Zwischenfall.
London, 6. Jan. (Reuter.) In Schanghai herrscht vollkommene Ordnung, jedoch wird von den Rationalisten eine gewisse Erregung geschürt. Diese ver uchen den Ausbruch eines Generalstreiks Anfang Februar nach dem chinesischen' Reujahr herbeizuführen. QHaÄ kann
unter den Chinesen einen gewissen Widerstand gegen diese politischen Ausstände bemerken. Gestern veranstalteten in Hankau Soldaten und Studenten unter Dorantragen von Fahnen singend und lärmend Umzüge durch die britische Konzession. Die chinesischen Redner benützten als Tribüne das Denkmal zur Erinnerung an den Großen Krieg, das mit Fahnen und werbenden Aufschriften der Rationalisten bedeckt war. Wie der Amtliche Englische Funkdienst meldet, hat der M i n i st e r des Aeußern der Kantonregierung, der sich in Hankau aufhält, dem britischen Generalkonsul im Ramen seiner Regierung und im eigenen Ramen das tiefste Bedauern für d i e Beschädigung des britifchen Kriegsdenkmals ausgesprochen. Minister Schen habe erklärt, der Schaden werde sicher g u t g e m a ch t werden. Schen habe fernerhin zum Ausdruck gebracht, dah die Räumung des britischen Konzessionsgebiets durch die Frauen und Kinder unmöglich gewesen fei. Er selbst sei in der Lage, die Sicherheit gegenüber jeder Gefahr oder jeder Ruhestörung zu übernehmen. 3m übrigen drückte Schen die Hoffnung aus, dah die Ordnung bald wiederhergestellt und das Geschäftsleben bald wieder in Gang kommen werde.
Die Lage der Deutschen.
Berlin, 6. Jan. (Wolff.) Lieber die Verletzung eines Deutschen in Hankau erfahren die Blätter von zuverlässiger Gele, dah der deutsche Staatsangehörige B u r m e i st e r am Montagabend, als er von einer Motorradfahrt heimkehrte, auf englischem Gebiet in eine demonstrierende Volksmenge geriet, ohne von der Demonstration etwas gewuht zu haben. Durch Messerstiche erhielt er zahlreiche Wunden. Der Außenminister der Kantonrcg'erung hat dem deutschen Konsul sofort sein Bedauern über den Zwischenfall ausgesprochen und erklärt, dah die Regierung die Verantwortung für die Sicherheit der Deutschen übernehme und zu voller Genugtuung bereit fei. Die chinesischen Behörden in Hankau haben angeregt, dah die Deutschen besondere Armbinden mit den Rationalfarben anlegen, um sie vor weiteren ^Überfällen zu schützen.


