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Nr. 285 Zweites Blatt

Aießener Anzeiqer (General-Anzeiger für Vderheffen)

Vienrtag, b. Dezember 1927

Die Mutter der partamente.

Don unterem Londoner IHitarbeiler

London Dezember 1927.

Vas malt'4k Pariamcni welche» sich tne ISuiitr der Parlamente nenn*, tet leine Bera- tungen wieder auf genommen. Damit ist der politische Kampf wieder mit 1 einem normalen Hecht do den verletzen aul dem Ttegtenmg»- Parteien und Oppvfuwn die Klingen freuten '6nucn Die £auplDorUg< Mer Sitzung ih

Arbeitslosenverslcherungsge- ' c » Dazu treten eine Leihe fieintrer 2k> i lagen, dte den Deuilchei-. nicht londerlich intetvflietm. ranuiier del Inder sich ein Filmge > ctz. Man tzolll, dadurch die Liebe des englilchen Pu­blikum» zu englischen Fümkunfterzeugnisscn bei­gem zu tonnen. Die englische Rcgi.ru ng gehr, wie man sletzt, den einmal beschrittenen Weg ,v» Schutzes der heimischen Ptobuk - 11 o n unbeirrt Weiler

Tal Schwergewicht der parlamentarischen tätigtet! in England liegt jedoch nicht so sehr in den groben Debatten über dielen oder Jenen Gcfetzcniwuri und den dabei gehaltenen Gar- dmenprediglen der Minister und der Oppo- Uionifübrer. als in den den fiel nen An­fragen gewidmeten 6hnOen. Das englische Parlament hat fünf Sitzungstage in der Woche, die in ihrem Der lause durch einen seften Rah­men parlamentarischer Ueberlicserung beftimmt 'ind. Montag, Dienstag. Mittwoch und Don­nerstag versammelt sich die Dolksvertretung um 3 Ufer und berät bis 11 Ubr abends Um II Uhr abends ist Schlich. Aber es kann der Sitzungsbeschlub bei bestimmten Gelegenheiten auf erhoben werden, und bann entstehen die Aachtsitzunaen. Sie haben, wie man sieht, nicht» Auherordentliches an sich. Wer bi» els Uhr wachgeblieben ist. ist bei genügend inter­essanten Äerhandlungsstvsfen erbötig. auch noch länger aufzubleiben. Doch hat der Brobachler englischer Dinge den unbestimmten Sinbrurf, hast diese Rachtsitzungen im Frühling und im Som­mer. wo man (SMcarnfKU hat. morgens früh bei Tage der Bevölkerung Londons bas Bild des schwergeprüften Politikers vvrzusühTen. häu­figer sind als im Winter, wo ein echter Lon­doner Hebet auch den ältesten Londoner den Weg nach Hause verlehlen lassen kann

MV Ausnahme der Freitagssitzungen ist die erste Stunde de» Tage» im parlamentarischen Sinne, nämlich die Zeit von 3 bi» 4 Ubr, den kleinen Anträgen gewidmet. Diese »er- lallen In zwei Kategorien, die mündlich und 'christlich »u beantwortende. Sine strenge Rege­lung der dufteren Form ermöglicht es den Kabi- nettsministern. In dieser einen Stunde n.cht we­niger als 6 bis 10 Dutzend kleiner Anfragen AU erledigen und die parlamentarische Difzipl n ist so groft. bab trotz dieser scheinbar uiizuiäng- iichen Frist noch Gelegenheit zu Reinen ©bcjial- bebaiten gesunden wird, die M. Ps ober Mit­glieder des Parlaments (member of Parlament) dürfen nämlich im Anschluft an eine gestellte Frage Zusatzfragen stellen, aus die der Minister ZufatzantwoNen geben muß.

Das Kunststück wird folgenhermaben fertig- gebracht Die zur mündlichen Beantwortung be­stimmten Sraaen müssen 24 Stunden vor Sit- .ungsbeglnn in den Händen des verantwort- ichen Ministers sein. Es kann auch eine kürzere ^rt6 grient werden, aber nur mit Zustimmung des Ministers. Die eingeiaufenen Fragen werden dann aus einem besonderen Blatt der Tagesord­nung chronologisch gedruckt und numeriert. Je­de» Mitglied des Hauses hat das Blatt in den Händen, und so entstehen die lakonischen Ant­worten. die Antwort auf die Frage des Dot- rchncre ist negativ, ober die Antwort lautet, nein, ober die Antwort lautet ja. Alle anderen Fragen, welche eine längere Antwort not­wendig machen, werden s christlich beantwor­tet. und diele Antworten lind dem schon am nächsten Tage erscheinenden stenographischen Be­richte übet Den Sitzung »verlauf bei gegeben. Die­

ser stenographische Bericht erschein' in Gestalt eine» sauber gedruckten blauen Hefte» da» 50 Pfennige kostet und da» jedermann abonnieren kann. Dieser amtliche Sitzungsbericht Han'ard genannt, stellt eine H-ch'ti^istung parlamentari­scher Organisation bar.

Die kleinen Anfragen müssen von den Mi­nistern persönlich beantwortet werden. Rur in dringenden Fällen vertritt ihn der pariamen- tari'che Untetftaae'eftetär Sie bezicheu 'ich auf jeden nur erdenklichen Umftar . auf jeden mir vorstellbaren Gegenstand bet öffentlichen Leben» Das schlechte Benehmen eines Post­beamten oder ein übler Geruch in ber Rähe einer Landstrafte kurzum da» Schicksal eine» jeden Bürgers kann und wird regelmäßig zum Gegenstand einer Anfrage gemach: auf die hvch- möäende Minister in eigener Perlon antworten müssen, weil sie dafür verantwortlich sind. Durch das Mittel der dularf ragen ergibt sich auch gleichzeitig die Mögt,chic.i den Minister auf leine parlamentarische Eignung tu prüfen Weh: ihm. trenn er in seinen Zufayani Worten den Rachwei» liefert, daß er von leinen Minister.ei­len Geschähe nichts versteht Aut die Zufatzant- Worten tomen ihn seine Räte nicht vorbereiten. 3n gleicher Weise wie die (u.nUcn 5ragen, die Rcben'ächlich.'citcn de» politischen Letzens eines Dolles auf diese Weise zur Sprache ge­bracht werden, lommcn natürlich auch die hoh.-n Probleme der Politik zur Behandlung. Die kleine Anfraae wird selbstverständlich Darum mit befonhercr Liebe von ber Obbohlion gepflegt. E» gibt lein sichereres Symptom für die Un- sahigkeit ber gegen tour igen Opposition, baft s e die Reine Anfrage im Unterbaute nicht mit bem Geschick und bet Zielsicherheit handhaben, wie es die Konservativen taten, als sie in der Oppo­sition waren

Es braucht nicht besonder» hervor gehoben zu werden, daß die kleine Anfrage da» Rück- g r o t des englischen Parlamentarismus bar­

stellt. Darauf beruht die Möglichkeit Parla­ment a r i' 4) c r Kontrolle der Leistung der Behörden durch die Oef sentlichkeit und wieder­um kann hch der partanteniarifdx Minister über da» Funktionieren de» von ihm vertreten-, Apparate» bis in die letzten Glied«, b's herab zum nein hm Funktionär perionlich überzeugen Der engli'che Parlamentarismus ist lomit etwa» gänzlich andere» als bcifoidiircdc d,e deutsche Reichs: agsherrichati Un» fehlt die Kontrolle ber Aureaufratu durch das Parlament.

Eine sehr wesentliche So(gr dieser Etnrich- hing ist die Rotwendtgkeu für die Minister, fünfmal in der Woche geschlo'fen vor den Ab­geordneten zu erscheinen, ist Der Zwang. sich fünfmal in der Woche vor der Ocstentlrchleit des Landes und der Well in Freiheit brrihert produzieren zu müssen Sin weitere» drgebni» liegt in b« Aufrechterhaltung De» 3ni er­eile» im Parlament Da» getarnte öffentliche Leben 'picgeU sich in den Reine« Anfragen, ur.b zwar in einer kurzen, prägnanten und häufig amüsanten Form. Die Kunst ber -IVßerr'cbung ber parlamentarischen Methoden die witzige Frage und d:e Rüge Antwort gibt immer wie­der Gelegenheit, selbst bi: Pennv-Prrife mit

das Parlament, bann gibt e» Reinere und grö­ßere Sensationen. Riemal» fehlt da» dramatische Intere'fe an ber Politik, und weil ba» Parla­ment in England leibst beute, wo eine zer- splUterte. uneinige Opposition da» 3u|tanbe- kommen eines politischen Wortgefecht» nicht immer verbürgt, den an sich fpröben politischen Stofs in eine populäre und verständliche Form zu bringen weist übertreiben wir nicht, wenn mir sagen, daß Der Wiederzu'ammentritt be» englischen Parlament» wie üblich ein politi­sche» Ereignis barstellt, da» in feiner Besonder- beit zu behandeln auch für einen Deutschen burchaus lohnt

Glückliches Giam.

Don unterem L -Berichterstatter

sRachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Bangkok. Rovember 1927

3n mächtigem Delta ergießt sich Der Wenam in Den siamesischen Golf, wo seine Fluten weirerströmen, bis sie sich, vereint mit Denen seines großen Brubero bc» Mekon g. in Den liefen des Sudchine ischen Meeres oct- lieren. ..Schön find Die De lade des JratoaDi, gigantisch Der Mündungsbereich Des Mekong, doch lieblich Die Ufer de» Menam, an Denen Die Stadt der großen weißen lingel liegt." - So singt der siamesische Silagerjunge. Der sich in seiner Dschunke an den bizarren Xempelbauten, Palästen und Pagoden Bangkoks Darüber- treiben läßt. UnD wer au» dem Durcheinanber der Eingeborenenhäuset dieser Stadt herau»- flnDel, über Den breiten Platz des Könrgspalastes und seiner italienischen Renaissancebauten hin- wegschreitet. Die Docks und 5)a| en bauten, den Bahnhof und Den Flugplatz passiert, an Kranken­häusern, Schulen und Universität oorbeilommt und schließlich in Die moderne Industrieanlagen gerät. Der ist von Diesen unbeschreiblichen, un­geheuren. Zeil und Raum verneinenden Kon­trasten betäubt, fast erschlagen. Dort, wo blind europäische Kulturtünche ungeschickt geschmacklos aufgetragen warb, vermag der Blick nicht lange zu verweilen Das ist nur unrühmliche Aus­nahme D i e 6 f o 11 f herrscht vor. zer­malmt mit ihrer Wucht liliputanifche Kopie des Abend lande» stößt (ich aber durchaus nicht an Den rein technischen Äußerungen unt rer Zivili­sation. Siam bat es gleich Japan verstanden, eigene Vergangenheit und fremde Gegenwart glücklich zu kombinieren. Darin liegt fein Erfolg damit hat es seine Sri- stenzberecht igung erwiesen.

Mit den Waffen europäischer und amenfa- ci chnik ist es Aucrft Der RatU r. Den Ur- Wäldern und Dschungeln zu Leibe gegangen. Der Kampf tobt noch, mächtig ist der Feind, mächtiger aber noch Siam» Ingenieure, Arbeiter und Soldaten Weit hinaus vom patanischen Süden bis zu Den Lao» im äußersten Horben zieht sich der Schienenstrang und unaufhaltsam Dringt er über Ajuthia nach Osten zur anna- mitischen Grenze vor. Dieses Land kann heute schon 80 Millionen ernähren und seine Be­völkerung beträgt kaum hundert mal Hundert- tau'enh Aber Siam ist ein Agrarftaat. Das Risiko Der Ernte ist zu groß, zu starke Dorsicht ist trotz aller Uebcrschüsse beim Budget nötig. Darum will man hier die gewaltigen Hoben- schätze erschließen. Die Zinnerze und Das Zinn, die bereit» heute auf Der Auefubrlifte an zweiter Stelle stehen. Der Schlüssel hierzu ist Die Eisen­bahn, daher ist für den siamesischen Volkswirt die nationalökonomische Frage seines Landes ein VerkehrSproblem.

Hierüber vergißt man natürlich keineswegs die Landwirtschaft. Rördlich ber Haupt- fta?: ist seil Jahr und Xag ein Heer von Tech­nikern und Ingenieuren mit Der Entwässerung Des Landes beschäftigt, so baß ble Erträgnisse des Reisbaues sich schon bald verdoppeln dürften. Der ungeheure Dtldbestand der Urtoälber und Dschungeln sichert vorläufig Die Ernährung her Pioniere und Jäger, die, von Abenteuerlust ge­trieben, sich bis in Die entlegensten Distrikte des gebirgigen Rordens vorwagen. Der Staat küm­mert sich nur um Die Erhaltung Der Olefan- ten. Deren Tötung mit ungefähr 6000 Mk Gelb- ftrafe geahndet wird, und von Denen 900 zahme Eremplare in Der siamesischen Landwirtschaft tä­

tig find. Immer mehr Wagen der Staatsbahnen hebt man in letz er Zeit mit Tcakholzladungc« im Guterbahnhv' r?n Bangkok ein rollen, und die von Jahr zu Jahr steigende Zahl der Forst- einen Deutet auf eine kommende rationelle Be» wirifchas.una der Wälder

Der Ei/.fuhr-Bedarf ist ttn Dergle.ch mit Den Aulifuhrmdglichleiten S am» vcihä.iniAinastig an fomr men. die nach W cDeraufnahme der diplomati­schen Bezieh', n .n rafch h erber zurückgekehn find, durchaus auf ihre Kosten D e Ein'ubrzölle sind zwar erst vor kurzem wieder erhöht wo »den «von 3 auf 5 Pro», t »d ulortn) aber es be­steht keinerlei Aushcht. daß man b rr fantonc- fi'che Effperimente versuchen wird Rur lang­sam e t c i aul Er nD ter vor Hanl < ei Kohl ro­ll nd 2i enerzlageislät.e i eine Industrie. An Maschinen Baumvollsabrllaten und Fettig- waren aller Art vom Dlotor bi» zum Koch­geschirr besteht fast unbeschränkter dauernder Bedarf.

iS» ist ein glückliches Doll und cm glückliches Land, über das König Prajadhipok regiert. Hier kennt man im wahrsten S.nne be» Wortes feine Parteien, oder boch nur eine, bic Königs­partei Bor einigen Moi.a.en erpedierie man hier ein paar taulenb Kull» zu Schiff in ihre chinefifche Heimat zurück, weil sie kommimistische Propaganda, ersuche anftcLten. Sonst herrscht hier eitel Ruhe und Stieben. Aus Einwanbe- rung legt man allerdings keinen großen Den Unb ber Itarne ische Mensch ist kein Re­volutionär. Der Bubdhismu» trägt hier nicht ben Eharakter. den er im Süden Ehina» an­genommen hat und ist auch nicht brahmanisch verzerrt wie in Indien. Die Lehre hat hier im Gegensatz zu ihrer künstlerischen. Ausdrucks- weisc in geistiger Hinsicht die Reinheit der For­men ihrer kandhschen Inselhcimat (Sri)Ion) be­wahrt So nimmt der Siamele gottergeben die himmlischen Wohltaten entgegen, die Buddha seinem Vaterland in seltener Freigebigkeit zuteil werden läßt.

Bor dem Kömgsplav zieht inzwischen die Wache auf. martialische Gestalten elegante Offi­ziere. altpicußisscher Drill S c Anne.- ist Flein, aber gut Sie hat einen beneidenswerten Geist. Gewehre neuesten Modells, Geschütze schwersten Kaliber», Maschinengewehre in jeder Kompagnie, Tanks und Flugzeuge, die in eigenen Fabriken erzeugt werden. Wozu das? Run, man ver­gesse nicht, Siam liegt im Wetterwinkel Ott­as i e n ». 3m Westen und Süden sitzen die B r i- t e n, im Osten die Franzosen und im Rorde» droht da» sich vorläusig noch im Bürgerkrieg zerfleischende E h i n a 0» gärt auf den Sunda- infcln, es rumort auf den Philippinen, während im fernen Südosten bas Problem bes fünften Erbteil» feiner Lösung Harri. Siam hat in Annam, Birma unb auf Malakka eine riesige Irredenta, unb es weiß, baß es hier einmal eine fürchterliche politische Erschütterung geben wirb Da heißt e» gewappnet zu sein für alle Fälle. Roch ist es ja lange nicht fo weit, noch garantieren d e Langrohrgeschütze von Singopore ben Frieden im Malaischen Archipel

poincaräs Kampf gegen Die Auionomisten.

Straßburg im Dezember 1927

Auf rin stimmig en De'chluß bes La ndeskomi- tees berElsässischen Dolkspartei" (Zentrum) war am 30. Rovember bet Parielpräsidcnt veltz bei Poincats wegen ber Unterbrückung ber autonornifttschen Presse vorstellig geworben. Er hatte barauf aufmerksam gemacht Daß es ben französischen Beriprechro auf Schutz ber elfäsfischen Ucberlieferungen unb auch Den letztjährigen Zusagen Poincarös wiberspreche. wenn man Die bcuttchs Pracht gen Blätter in Elsaß- fiot^ringen als ,1 n fremder Sprache" cr- schemenD bchanDlc. Auf Diese Weife stehe Die elsaß-lothringische Bevölkerung, Denen Mutter-

Ein Gießener Musiksonntag.

I.

Wie m icDen Jahr so hatte auch Diesmal Die Schul« für höheres Klav terf Piel und Theorie Der Musik von Minna Körnet löte Hörer in eigenen Räumen ver­lamme! t. um mit Den Darbietungen Der vet- ichiedensten Gruppen von Schülern Zeugnis von Der in Der letzten Zeit geleisteten Arbeit abzu­legen - Schülerlristungen sollen unD Dürfen nie­mals r.a» lonit u Dl ichen strengen krttilchen Grundsätzen beurteilt werden, da fte noch keine absolute Leistung darstellen können und auch nicht sollen, noch dazu wo gerade ba» musikalische Gestatten im Iugenhaltet wi« auch in ben Ent- tDitfiungejabrcn durch Umstände sehr äußerlicher Art ost beeinflußt ist. Andrerseits aber führt ein Produzieren vor einem größeren Kreise zu größerer Stchethcit im Auftreten und im Sich-zu- fanwiennehmci. im geeigneten Auaenblid. EinS erwiefen alle die Leistungen taubere technische Durcharbeitung, sowohl hinsichtlich be» Anschläge» als auch bet Klarheit und Durchsichtigkeit bes Spiels. Für Die Zukunft wäre cs ratfamer, noch mehr Gewicht auf Die selbst tätige musikalische Erfassung seitens ber Schüler zu legen unD sie ziz noch stärkerem, aktivem Gestalten zu erziehens denn erst dann kommt bic ber Musik brionbcrc Dcsenseigentümlichseit zur vollen Geltung. Sbento wäre daraus zu achten, in ber Wahl ber Musik­stücke ben augenblicklichen Stanb in Der Ent­wicklung des Gestaltungsvermögen» nicht durch zu hohe Anfvrbcnmqcn zu üoer'chretteip Die Leistungen von Schülern wird man stets als olchc wetten. Wenn fid) aber Erwachsene mit ihrem Können in ben Aaßmen ber Ausführung stellen, fo müssen fte auch einem strengeren Mast- stade Genüge leisten. Frau Konicrtiängcnn Ella Geffers nimmt re bc^ug aus ihre Lonblldung einen Standpunkt ein. von dem sch bic neuere Stttnindlldungskunst glücklicherweise bewußt ab- gewendet hat. Ihr Organ erklang eng und ohne Ausnützung der fonftüutfontLer Gegebenheiten. Otto Gabel (Wiesbaden» als fangeäfreuhigcr Dilettant hatte sich, wie schon m früheren Jah­ren. fo cn«b diesmal wieder zur Verfügung ge­stellt unD bereicherte bas Programm mu Drei vchmnannüedern. Ebenso war Paul Köhler mit seinen geigerischen Fähigkeiten rn diesem Kreirc fein Unbekannter mehr, allerdings hätte man nach Den Leistungen, die er vor zwei Iahten bot. einen stärkeren Fortschritt in feinem Können erwarten Dürfen

II.

Sur den gleichen wohltätigen Zweck, nämlich zum Besten ber beiden hiesigen Schwesternhäuser, warb ein Mozart-Abend von (Ilaire Schlesicr-Altmann. Das geschickt zusam- mcngcftcllte Programm konnte vor bem statt­lichen Hörer kreis seine Wirkung mch« verfehlen. Denn bic Konzcrigcberin verfügt über eine sehr fvlibc. arünDlich burchgeblldete Technik und weist Da.» tewniiche Können erfolgrrich ihrer starken musikalischen Potenz unterzuorDnen Dafür spricht bcfonDcre. ihre Fähigle.t im Begleiten, einmal Des Gesanges und Dann im kämmermuftRichcn Zusam- menfoid Ebenso zeugte Mozarts s-Dur-Sonate von sorgsättiger Durchardciiun-. und entschiede­nem musikalischen Dcfchmack Vielleicht wäre es ratsam gewesen. Den Flügel einer gründlichen Durchstimmung unD Intonation zu unterziehen. Die Motzartfonate zu vier Händen am Schluß De« Programme» zeigte wie fflairv Schlesier-Alt­mann großzügig aufzubaucn vermag. Alles Fähigkeiten. Die ihr sicher in ihrer unter­richtlichen Tätigkeit zu grünDlichen Erfolgen verhelfen werden Zur Bereicherung der Doe- ttagsfolge hatte fte aufstrebende junge Kräfte Hera »gezogen einmal Hedwig Moefcr , Die ihr :n Der Durchführung ber tner- händigen Mozartsonate erfolgreich aflifhcrle. dann Lore Sander (Gelang' unb Mufiklehrer Franz Dauer junior (Bioline). Lore Sander besitzt ein ausgesprochenes Bvttragstaleni. das sich besonder» in dem schlichten .Veilchen' Mo- zerrt» wie in der Arie der Susanne geltend machte. Dazu geiellen sich lehr beachtliche stimmliche Mittel, die leider durch die Art ber bisher gen Ausbildung noch nicht zur Entfattung gekommen find. E» ist ihr dringend zu wünschen, daß s« den Lehrer finden möchte, der imstande wäre, dieses Organ zu erichließen. bann wird fic auch einmal Die Arie Der Königin ber Rächt m.l nach- haltendem Eriolg durchzuführen txrmögcn. Don Franz Dauer konnte ich infolge anderweitiger Verpflichtungen, nur Die Q-Dur-Sonatc hören. Semem Ton tft mehr Wärme und größere TEoDu- lationSfähigkcit zu wünschens techm'ch musizierte er sauber und einwandfrei, und zeigte eine gute musikalische DestaltunaSfähigkcit Was ihm fehlt, konnte ihm ein Derglrich mit der Dur-a-führung Der gleichen Sonate Durch Die Frankfurter Meister Dee KammernrufinpieU am sÄen Abend zeigen.

III.

Der mulckalische Volkskunstabend der Volkshochschule Gießen wurde zu einen

musikalischen Ereignis ersten Ranges. Hier waren zwei ausgereific musikalische Persönlichkeiten am Werke, die nach älcberwindung be» Gärens jüngerer Jahre nun abgeklärte vergeistigte Kunst offenbarten. Dr. Ludwig R o 11 e n o e r g ist ein Klavierspieler, wie man ihn sich immer für Kammermusik wünscht und ihn nur sehr feilen antrifft. Hebernu» Rar und plastisch vermag er zu gestalten, feinfarbig ließ er jede Stimme, jede Thematik friftaHRar hervor leucht en. ohne bei aller Differenzierung in zu Objektiven AkademIs­mus zu verfallen, berm ein starker inneriichrr Impuls leitet ihn bei feinem mufikal.fchen Er­leben unb läßt manches, was durch allzu häu­figes Hören vielleicht schon verblassen möchte, wieder in jugendlicher, leben-warmer Schone erstrahlen. Mag auch sein Haupt schon gebleicht sein durch bic Reihe her Jahve, innerlich ist er noch ein Junger mit frisch pulsierenben Kräften. Ebenbürtig ihm zur Seite stand Adolf Red­ner als Hüter der Tradition fammer- musiklichen Dwlinspiels Als geistiger Füh­rer de» nach ihm genannten Quartett» hat er stets eine besondere Feinheit in her Erfassung des Musikalischen bewiesen und seinem Instru­ment bie subtilsten inneren Erregungen abzu- gewinnen gewußt. Sv entlockte er auch diesmal wieder seiner Geige Tön« von überraschender Weichheit und zartem Wohllaut, ohne jedoch ins Sentimentale zu verfallen. Anderseits zeigte sich auch wieder die große Steigerung»- und Modulaifonsfähigkeit seines Tones. Und die'« beiden, bi sich ge'chiollenen und fest fundierten musikalischen ^Persönlichkeiten gingen ineinander auf. al» wären fte gleichen Wriens. vom glei­chen musikalischen Wollen bdeclt Da wurde jede Der wer Sonaten m ihrer Eigenheit er­schlossen und neugestaltet. Rar unD faßlich Dar- geboten m ursprünglicher Ratüriichfeit ohne jeg­lichen Manierismus. Ss wäre ungerecht gegen Dte Konzertgeber und noch mehr eine fachliche Unmögllchkeu, irgend eins von den gebotenen Werken besonder» hervorheben zu wollen. Denn das würde nur dte Weihe des großen Erlebens m der Abendstunde zerstören Einem, jeden aber vermochten fte das zu geben, was als letztes Ziel Der Musik immer ttneDer gelten muß: innere Erhebung und Erbauung. Der schönste Lohn «dien, wahren Künstlertums Damit aber hat Dte Boltohochtchule Gießen auch chr Ziel vollkom­men erreicht, untere großen Kulturgüter weitesten Kreisen zu erschlteßen, unD Dafür fei ihr ge­dankt. Dr. H.

Frankfurter Theater.

Gerhart Hauptmann» Schauspiel.Doro­thea Anger mann hat nun auch ben Weg an Dte Frankfurter Schaufpielbühnc gesunden. Dtefe Tragödie der Pastorentochter Dorothea Angermann .st für jeden, der Gerhart Haupt­mann dahinter sucht, gelinde getagt, eine Ent­täuschung. berat bem Schauspiel feplt die große bramati'che Ballung. Die e» in schwingende Foroi pressen müßte. Im Grunde genommen Ist dte ..Dorothea Angermann ein Durch'chnittsfchau- spiel mit Durchichn n»kvnfb 11en dte sich zu einem Gewi tiersturm über dem Haupte Dorothea» zu- sammenziehcn, dessen unheilvolle Folgen in Form eines wahren Hagelwetter» von Schuklalsfchlägen sie vernichten. Uns kommt cs vor. al» seien bic Vorgänge, baß ein Vater feine Tochnt zwingi. thren Berführer zu heiraten, saft alltäglich, doch 5)cuinr.arm 'ah einen außergewöhnlich seelischen Mord in diesem Vorgang, dessen weitere Folgen den Hörer ein wenig kinodramatifch anmuten. Die Aufführung im Frankfurter Schauspielhaus nahm sich mit größter künstlerischer Sorgfalt dieses geistigen Cf.efltnbe» an Die Reg e Fritz Peter D u ch s tat ihr Möglichstes, um irgend­welche Entglei'ungcn in» L.ücheri.che zu verhüten und den Abend zum Erfolg »u Hißten Der Regi'seur unb sämtliche Darßelkt waren be­müht. lebensvolle Men'chen auf Die Dühn< zu stellen, allerdings geriet Alberti« Koch um einige Ruancen ux gutmütig unb harmlo». auch Ulrich Arie» Dr Herbert Pfann'chmidt hätte trotz aller Zurückhaltung kraftvoller augefaftt werden können: sehr geschmackvoll behandelte Hercha Schwarz bic tunt Rolle der Frau Pastor, unb eine künktleri'ch geschlossene Lei­stung bot Alcfatibtt Engclsal» Pastor Anget- mann. ben er sicher zu charakterisieren verstand. Das gleiche güt von Toni Impekoven, ber 'tch mit feinfühlender Warmherzigkeit bet Ge­stalt des Hubert Pfannfchmibt prächtig annahm: neben ihm voll sthlichiet Einfachheit Lola We- b i u S als feine Stau. Bleibt noch Ellen D a u b , dte Darstellerin bet Titelrolle. Sie erschöpfte Dte Gestatt bet Dorothea restlos unb wuchs in fünft* leri'chet Intensität noch weit übet bie Figur bes Dichters hinaus. So wurde ber Abenb, durch Dte barstellen ch gehaltvolle Aufführung zur Ein- bringlichkeit gertogen, ein Erfolg für ben Re- giffeur unb feinen Künstlerstab, bem Werk selbst faß ba» Publikum ziemlich verlegen unb ftun» mungslos gegenüber, ber Beifall wurde zur Ver­neigung vor bem großen Hamen. L. W.