Rr. 208 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 6. September (927
Herbstmanöver und Reichswehr.
Don Major a. D. Drees.
Wie alljährlich, so steht auch in diesem Jahre der September im Zeichen der Herbstmanöver, und dem aufmerksamen Beobachter wird anläß- ich dieser Tatsache die Erkenntnis kommen, dah in den Auslandstaaten jetzt in der Nachkriegszeit oielsach die Abhaltung der Armeemanöver in weit gröberem Nahmen und unter weit lebhafterer Anteilnahme der Bevölkerung vor sich geht wie früher. Ich erinnere nur an England und Amerika. In beiden Ländern spielten ehemals die Herbstübungen der Armee eine völlig belanglose Nolle. Interesse wurde lediglich den großen Flottenmanövern, besonders im Frühjahr, geschenkt. Heute, wo wir im Zeitalter der Abrüstung leben und der Pazifismus als Allerweltsheil- mittel uns Deutschen ständig angepriesen wird und bei uns vielfach auf günstigen Nährboden fällt, herrte ist das anders geworden. 3m Zeitalter der Abrüstung haben sich auch England und Amerika achtunggebietende Heere zugelegt, ganz zu schweigen von den Riesenrüstungen unserer westlichen und östlichen Nachbarn. Alle, aber auch alle Militärstaaten von irgendwelcher Bedeutung entfalten im Herbst ganz wesentliche Streitkräfte zur Abhaltung der Geländeübungen, und mehr denn je starrt besonders Europa heute in Waffen Als 3nsel in diesem wogenden Meer steht einsam und schutzlos unser entrechtetes Deutschland da, allen Zugriffen beutegieriger Nachbarn ausgeliefert: denn Recht gibt es nur für den Mächtigen, nicht für den Schwachen, das haben wir ja schon oft genug seit unserer Wehr- losmachung zu spüren bekommen. Und wehrlos sind wir zur Zeit, darüber müssen wir uns immer klar werden. Wir haben aber auch alle Ursache. diese Tatsache andauernd der weiten Oeffentlichkeit vorzuführen, denn wir wissen ja, daß trotz dieser Umstände, trotz unserer hilflosen außenpolitischen Lage andauernd weitere Borstöße erfolgen, um uns auch die bescheidenen Reste unserer Wehrkraft, die nur notdürftig zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung ausreicht, noch weiter zu beschneiden, sie wenigstens in ihrer gedeihlichen Fortentwicklung zu behindern.
Trotz aller dieser Hemmnisse von außen, aber auch nicht minder trotz der vielfachen inneren Schwierigkeiten, mit denen der Aufbau unserer kleinen Wehrmacht zu rechnen hatte, ist inzwischen im Rahmen des möglichem recht erfreuliches geleistet worden. und unsere Reichswehr ist nunmehr so weit gefördert, daß auch sie wieder in der Lage ist, seit einigen 3ahren im Herbst zur Abhaltung größerer Geländeübungen auszurücken. Damit ist der Faden auch hier wieder mit der Vergangenheit unser esalten, stolzen Heeres angcknüpft. War es bei diesem doch eine Selbstverständlichkeit, dah 3ahr für Jahr zum Abschluß des LIebungsjahres die Herbstmanöver als Prüfstein des Erlernten stattfanden. Den Höhepunkt derselben bildeten dann die groh- anaelegten Kaiser-Manöver, die die Blicke der gesamten Welt auf sich zogen. War es doch die anerkannt erste Armee, die hier ihr Können zeigte, deren Anschauungen über Truppenführung und Gefechtsleitung zutage traten.
Heute bei den veränderten Verhältnissen ist das alles anders geworden. Eine Wehrmacht wie die unsrige, der all und jedes neuzeitliche wichtige Waftengerät, wie schwere Geschütze, Tanks und Flugzeuge ermangelt, kann keineswegs mehr als Muster für die Fortentwicklung moderner Kriegskunst dienen: dazu fehlen eben alle erforderlichen Vorbedingungen. Sofern wir uns also heute bei der Abhaltung der kleineren Manöver überhaupt einer gewissen Beachtung der Ententestaaten zu erfreuen haben, so geschieht es lediglich aus dem Grunde, uin Vorwände zu weiteren Drangsalierungen zu finden bzw. solche mit Gewalt zu konstruieren, um unserer Regierung und der Reichswehr Schwierigkeiten zu bereiten. So ändern sich die Zeiten, oder auch „sic transit gloria mundi“.
Doch immerhin, wir haben trotz allem auch Grund, mit gewisser Befriedigung anläßlich der Manöverzeit der jetzigen Verhältnisse zu gedenken, und zwar unter dem Gesichtswinkel, wie es noch vor wenigen Jahren gewesen. Natürlich dürfen wir nicht den Maßstab an die glanzvolle Vergangenheit legen, denn dann wird das Bild ein recht trübes: doch wenn wir heute und gestern in den Kreis der Betrachtungen ziehen, so ist es schon etwas wesentlich anderes. Wir
„Luise von Coburg".
Palast-Lichtspiele Gictzen.
Zwischen den höfischen Tragödien, die, heute fast vergessen, vor Jahren die europäische Oeffenttichkett in Atem hielten — und die etwa durch die Namen der Marie Vetfera und des Kronprinzen Rudolf oder der unglücklichen Charlotte von Mexiko bezeichnet werden — steht die Tragikomödie der belgischen Königstochter Luise von Coburg und des k. u. k. Oberleutnants von Mattachich: ältere Generationen mögen sich noch der nicht uninteressanten Einzelheiten dieser Borkriegsepisode erinnern, die als ein unmöglich zu verbergender Skandal seinerzeit ein erhebliches Aufsehen heroorgerufen hat.
Wir können nicht sagen, und es erscheint auch kaum von Belang, wieweit der Film den historisch erweisbaren Tatsachen gefolgt ist, wo er abweicht, was er etwa hinzugefügt oder unterdrückt hat — in großen Linien ziehen jedenfalls diese Bilder die Umrisse jener abenteuerlichen Begebenheiten nach, die am Wiener Hofe ihren Ausgang nehmen und in Wiesbaden kurz vor dem Weltkriege ein trauriges, klangloses Ende nehmen mit dem Tode der alt, arm, einsam und unglücklich gewordenen Prinzessin.
Luise, Tochter des Königs Leopold von Belgien, wird von ihrem Vater mit dem Prinzen Ferdinand von Coburg verheiratet — gegen ihren Willen und gegen ihr Gefühl: sie hat ihn nie geliebt, er brutalisiert sie und macht ihr die erzwungene Gemeinschaft verhaßt. Fast romanhaft romantisch ist Luisens zufällige erste Beaegnung mit dem kleinen und vordenz völlig namenlosen Oberleutnant, der ihr Retter, ihr Entführer, ihr Freund und Geliebter wird, der mit ihr ins Elend geht und sein Dasein fortwirft, als sie, vom Leben abgewürgt, ihn endlich auf das immer wiederholte Drängen ihrer Schwester Stephanie verläßt. Glanz und Not, Glück und Ende, abenteuerliche Liebesfahrt einer fürstlichen Dame, von der man kaum zu sagen vermag, wodurch sie mehr ausgezeichnet war — durch ihre rassige Schönheit oder durch ihre unsinnige Verschwendungssucht und bemitleidenswerte Lobensuntüchtigkeit.
haben alle Ursache, uns der Leistung unserer Reichswehr zu erfreuen, denn was geleistet werden kann, das geschieht hier in vollem Maße. Unter der sachverständigen Leitung seiner Führer ist das kleine Heer inzwischen zum beachtenswerten Faktor in unserem neuen Staatskörper herangereift und bildet wieder den Unterbau für ein m geordneten Bahnen wandelndes Staatswesen. Erfreulicherweise bringen jetzt wieder weiteste Volkslreise dem Heere Interesse entgegen, und das ist natürlich Vorbedingung zur gedeihlichen Weiterentwicklung. Ein Heer, das im Gegensatz zur Bevölkerung lebt, ist ein wurzelloses, schwaches Gebilde. Heer und Volk müssen eins sein, ein gewisses Verwachsen beider ist Vorbedingung für gedeihliches Staalsleben.
Unter den obwaltenden Umständen ist den Geländeübungen der Reichswehr, abgesehen von ihrer unerläßlichen militärischen Notwendigkeit, deshalb so besondere Bedeutung beizumessen, weil sie die Truppe in enge Fühlungnahme mit der Bevölkerung treten lassen. Märsche mit Ortsunterkunft sind hierfür das beste Mittel. 3n engem Zusammenleben mit dem Quartierwirt unter dessen gastlichem Dach schwindet bald etwa in manchen Schichten noch vorhandenes gegenseitiges Mißtrauen, und das für unser Volk so wesentliche gute Einvernehmen zwischen Zivil und Militär wird, falls vorübergehend geschwunden, in weitem Ausmaß wieder hergestellt. Daß dem so ist, haben bereits die letzten Jahre zur Genüge gezeigt. Di« gastliche Aufnahme, die unsere Truppen allenthalben durchweg gefunden, ließen wirklich nichts zu wünschen übrig, weder auf dem Lande, noch aber, das verdient hervorgehoben zu werden, in den Städten. Besonders letztere, sofern sie früher Garnison gehabt und womöglich ihre Traditions-Truppenteile erhielten, wußten sich häufig kaum des Guten genug zu tun. Es bewahrheitet sich somit wieder einmal die Tatsache, daß diejenigen Einrichtungen die vollkommensten und besten sind, deren Bedeutung erst dann zutage tritt, wenn sie nstht mehr vorhanden, bzw. sind, wenn ihre reibungslose Tätigkeit unterbunden ist. Boll und ganz hat sich das zum Schaden unseres Staatskörpers beim Zerschlagen der alten Wehrmacht ausgewirkt.
Faustballspiele
des T. V. 1846 Gießen.
Bei den Pokalspielen errang in der Meisterklasse die Faustballmannschaft Griesheim- Elektron den Pokal gegen den Verteidiger Turnverein Herborn. 3n der A-Klasse war die 2. Mannschaft des Turnvereins 1846 Gießen Sieger über ihre -beiden Gegner unö errang somit den ausgeschriebenen Kranz nebst Diplom.
Handball D. T.
Männerturnverein II. Mannschaft — Turnverein Dillenburg I. Mannschaft 3:3.
3m fälligen Rückspiel standen sich beide Mannschaften am Sonntag zu einem Freundschaftsspiel in Dillenburg gegenüber. Das Vorspiel, das von den ersten Mannschaften der beiden Vereine bestritten wurde, konnte der M T. D. mit 7:1 gewinnen. Das Resultat des letzten Spieles ist um so beachtenswerter, als die zweite Mannschaft in Dillenburgs Erster einen Gegner hatte, der in letzter Zeit recht viel hinzugelernt hat und in den kommenden Derbands- spielen in seiner Klasse ein ernstliches Wort mitsprechen wird. Das Zusammenspiel in der M. T. D.-Mannschaft war manchmal nicht so, wie es sein soll, und durch das eigennützige Spiel wurde manche Torchance ausgellrssen. Dis kurz vor Schluß stand das Spiel noch 3:1 für Dillenburg, im Endkampf jedoch fiel die Marmschaft dem Tempo der Gießener zum Opfer und muhte sich ein Unentschieden gefallen lassen.
Leichtathletische Dereinsmeister- schaften der Sp. Vg. 1900.
ö. Am Sonntag hielten die 1900er ihre diesjährigen Vereinsmeisterschaften ab, die teilweise guten Sport brachten. Gutes Wetter begünstigte die Veranstaltung, die von den Zuschauern mit regem Interesse verfolgt wurde. An der Organisation war
Weil das aber der Fall war, so ist es erklärlich, daß den wiedererstarkenden militärischen Einrichtungen von seilen des Volkes Interesse entgcgenge- bracht wird und werden muß, sollen Heer und Flotte die Stelle einnehmen, die ihnen im Rahmen des Bolksganzen gebührt.
lieber die Manöverbilder selbst wäre noch zu sagen, daß auch sie den Wandel der Zeiten mitgemacht haben: auch hier ist vieles der Vergangenheit gegenüber prosaischer geworden. Die bunten Uniformen, die das Gefechtsbild belebten, haben dem eintönigen Feldgrau Platz gemacht. Das Manöoer- fchlachtfeld selbst ist erheblich weniger belebt als früher. Die „Leere des Schlachtfeldes", im Burenfeldzug geboren, hat sich im Verlauf des großen Krieges als dauernde Erscheinung gezeigt, sie färbt somit natürlich auch auf das Manöoer'bild ab.
Zum Schluß noch ein Hinweis auf die Abhaltung der diesjährigen Herbstübungen in Deutschland. Die Manöver finden wie folgt statt:
1. Division vom 5. vis 7. September in der Gegend Friedland — Bartenstein — Heilsberg — Pr.-Eylau.
2. Division: Die Manöver wurden in den letzten Tagen wegen der großen Ernteschäden und -schwie- rigkeiten von der Heeresleitung abgesagt.
3. Division kleinere Manöver Mitte September in fünftägigem Umfang in Oberschlesien und östlich Frankfurt a. O.
4. Division vom 13. bis 20. September im Raume Lützen — Mücheln — Bibra — Eckartsberga — Dornburg — Zeitz.
5. Division vom 15. bis 17. September auf Truppenübungsplatz Münsingen. (Zu dieser Division gehört auch unsere Gießener Garnison. D. Red.)
6. Division voraufgehend den am 26. bis 28. September ftattfindendem Manöver des Gruppenkommandos 2.
7. Division vom 12. bis 14. September auf Truppenübungsplatz Grafenwöhr.
Gruppenkommando 2 vom 26. bis 28. September großes Manöver der verstärkten 6. Division und 3. Kavallerie-Division im Gelände Paderborn — Brakel — Trendelburg — Grebenstein — Volkmarsen — Niedermarsberg — Salzkotten.
lediglich die etwas schleppende Abwicklung der Wettbewerbe zu bemängeln. Die Kämpfe der Senioren hielten nicht ganz das, was man sich versprochen hatte, da die Mehrzahl der Teilnehmer teils durch Krankheit, teils durch Abwesenheit am Starten verhindert mar. Die besten Leistungen waren der 400-Meter-Lauf der ^-Jugendlichen Völker und Maus in 55,1 bzw. 55,4, Seipps Speerwurf von 44,10 und der 12,45 Meter Kugel- stoß des 16jährigen Müller. Die Ergebnisse: Senioren: 10 0 Meter. 1. Geist, 11,7; 2. Guyot, 11,8; 3. Seipp, Brustbreite zurück. Scharfer Kampf, den Geist erst in den letzten Minuten entscheidet.
200 Meter: 1. Geist, 24,2; 2. Guyot, 1 Meter; 3. Fleck. Guyot rückt zum Schluß stark auf.
1 500 Meter: 1. Peters 4:31,8; 2. Deck (100 Meter Vorgabe): 3. W. Guyot (60 Meter Vorgabe) leicht gewonnen.
Speerwerfen: 1. Guyot 38,85 ; 2. Seipp 38,60; 3. Müller 38,50. Außer Konkurrenz kommt Seipp auf 44,10.
Diskuswerfen: 1. Seipp 31,65; 2. Depperling 28,85 ; 3. Spengler 28,30.
Fünfkampf: 1. Seipp 241 Punkte; 2. Guyot; 3. Birkenstock; 4. Hopfenmüller. Seipp gewinnt hier überlegen 3m Rahmen des Mehrkampfes kamen Seipp und Guyot im Speerwerfen auf 41 05 bzw 4260, der erste e und Dirke n st o ck im Kugelstoßen glatt über die 10 Meter. Hopfen müller war durch eine Zer- rung stark behindert.
Jugendklasse A. 4 0 0 Meter: 1. Völker 55,1; 2. Maus 55,4 (beide vom Mal); 3. Glagow (20 Meter Vorgabe).
Jugendklasse B. 100 Meter: 1. Müller 13,0; 2. Dalser 13,1; 3. Schlarb 13,2. Müller behält das bessere Ende knapp für sich.
600 Meter. 1. Balser 1:44,0; 2. Schlarb 1:44,2; 3. Gerstl. Wiederum eine knappe Entscheidung.
60 Meter Hürden. 1. Roll 9,9; 2. Dalser 10,3; 3. Knorr 10,4. Noll ist seinen Mitbewerbern klar überlegen.
Dreikampf. 1. Müller 244 Punkte; 2. Dalser; 3. Noll; 4. Scheyer; 5. Rübsamen; 6. Grünebaum.
Jugendklasse C. 100 Meter. 1. Gutt- Hardt 13,3; 2. Gräf 13,5; 3. Drescher 13,8. 50 Meter Hürden. 1. 3oh 10,0; 2. Otter 10,4. Speerwerfen. 1. Gräf 34,431 2. Brückmann; 3. Drescher. Standweit. 1. Gräf 2,351 2. Gutthardt 2,34; 3. Drescher 2,15.
3ugendklasse D. 50 Meter Hürden. 1. Schmidt 10,3; 2. Enders. E., 1 Meter zurück. Ballweitwurf. 1. Grün 37,40; 2. Schneider; 3. Massengeil.
3ugendklassc E. 3n den hier ausgetragenen Gymkhanawettbewerben erwiesen sich als die Geschicktesten: Grünebaum, W. Enders. Grün, Haupt, Wolf, Schmitz.
Die zum Schluß ausgetragene Riesenstaffel mit Läufern, Reitern, Radfahrern, Motorradfahrern und Autos brachte über die ganze Strecke einen hartnäckigen Kampf zweier gleichwertiger Mannschaften bei stetig wechselnder Führung. Am besten gefielen der Zweikampf der Reiter und das schneidige Fahren der Motorradfahrer. Den Beschluß bildeten wieder Läufer, die eine Schwedenstaffel zu laufen hatten. Auch hier sah man noch ein gutes Rennen, und knapp hintereinander passierten die beiden Schlußleute das Ziel. — Die Staffel verlief ohne bemerkenswerte Zwischenfälle, und eine Wiederholung wird sicher beifällig ausgenommen werden.
D. f. D.
v. f. 2. verliert gegen Germania Marburg mit 2:5.
Daß dieses Spiel gegen „Germania" Marburg nicht schon vorher als gewonnen zu betrachten war, mußte jedem, der die obwaltenden Verhältnisse kennt, klar sein, und war auch in I der Freitagvorschau mit einem Hinweis auf die I Tücke des Marburger Platzes gesagt worden. Daß i aber, selbst unter Berücksichtigung aller Um- I stände, V. f. B. mit einer solchen Tordifferenz verlieren würde, hatte wohl niemand, auch die Germanen nicht, gedacht. Dabei muß eingestanden werden, daß das „Wie" weit beschämender ist als die Höhe der Niederlage. Das Spiel war für die außerordentlich zahlreichen Dereinsanhänger, die die Mannschaft nach Marburg begleiteten, eine einzige Enttäuschung. Was sich da ein Teil der Elf, besonders aber der Mittelläufer, an 3n- disziplin in Form von fortgesetztem Kritisieren seiner Mitspieler leistete, übersteigt alles bisher Dagewesene und ist die eigentliche Ursache zum Spiel- und Punktverlust. Die Folge der gegenseitigen Nörgelei war natürlich das gänzliche Auseinanderfallen der Mannschaft, die sich während des ganzen Spiels zu keiner einheitlichen Aktion aufraffen konnte. Fehlte es schon an jeglichem Zusammenspiel, so stand auch das Niveau der Cinzelleistungen weit unter dem der bisher gezeigten. Gewiß muh bei der Erwähnung der schlechten spielerischen Leistungen auch die Unzu- länglichkeit des Platzes in Betracht gezogen werden, sie kann jedoch nicht als Entschuldigungsgrund für eine so blamable Niederlage gelten. Schon nach acht Minuten lagen die Germanen mit zwei Toren in Führung, ohne eigentlich überlegen zu sein. Gießen konnte sich auf dem viel zu schmalen und kurzen Platz nicht finden Kurze und wette Vorlagen gingen sämtlich fehl, letztere endeten meist in den angrenzenden Gärten oder im Zuschauerraum Nach viertelstündigem planlosen Hin und Her beiderseits verwandelte Flachskamp eine Steil- vorlage direkt und verbesserte auf 1: 2. Bei diesem Stand des Spiels hätte V. f. B. bei einiger Energieentfaltung und vor allem etwas Selbstbeherrschung der Nörgler das Resultat umdrehen können, zumal Marburg wirklich nicht überzeugen konnte. Statt dessen fiel 'die Mannschaft immer mehr auseinander. Vor Halbzeit erhöhte Marburg durch Elfmeter auf 3:1. Nach der Pause versuchte Gießen aufzuholen und schnürte Marburg für längere Zeit in seine Hälfte ein Während V. f. B. drückte, verteidigte Germania mit der Mehrzahl seiner Spieler. Die Angriffe Gießens waren jedoch zu planlos, als daß sie zu Erfolgen führen konnten. Dagegen erhöhte der Gegner, zeitweise wieder das Kommando übernehmend, das Resultat durch zwei weitere Tore, denen V. f. B. wenige Minuten vor Schluß nur noch eins durch Elfmeter entgegensetzen tonnte. Germania hat das Spiel und die wertvollen Punkte verdient gewonnen. Wenn die D.'f. B- Mannschaft in der Form des Dorsonntags ge-
Turnen, Sport und Spiet.
Menschlich näher kommt einem das Schicksal des jungen Offiziers, den eine große Leidenschaft bedingungslos mit Leib und Leben an die fürstliche Abenteurerin bindet.
Doppelte Flucht, zwiefache Entführung, kurze Sonnentage und langer Leidensweg in aller Herren Ländern bis zum elenden Ende. Wien, Paris, Brüssel, Lugano, Coswig und Agram, Frankfurt, München, Bad Elster und Wiesbaden sind die Schauplätze und flüchtig wechselnden Stationen der Reise nach dem Glück.
Der Regisseur und Bearbeiter R a f f 6 hat aus den vergessenen Begebenheiten einen guten und wirksamen Histvrienfilm gebaut, an dem man nur zweierlei auszusetzen hat: daß er, einmal, textlich etwas zu sehr belastet ist, was ja freilich, da die ge- schichllichen Grundlagen dem Beschauer von 1927 kaum noch geläufig sein dürften, schwer zu umgehen war; zum andern ftört eine gewisse Unausgeglichenheit des Tempos, das im Anfang manches überstürzt, gegen Ende ein wenig verschleppt wird.
Im Mittelpunkt der Bilderfolge steht die eigenartige Schönheit der Erna M o r e n a , deren elegante und bis zuletzt vornehme Erscheinung dem geschichtlichen Urbild eine angemessene Verkörperung ist. Neben ihr Rudolf Basil, die sehr ritterliche und sympathische Gestalt des Leutnants Mattachich, und Eugen N e u f e l b , der es mit Erfolg übernommen hat, die fatale Rolle des hoffnungslos degenerierten Coburgers zu geben. —
Im ganzen: ein interessantes Filmschauspiel, das den Besuch lohnt. —r—
Unbekannte Erinnerungen an die Karlsschule.
Der Maler und Kupferstecher Karl D a r t h, der von 1787 bis 1853 lebte, hat Lebenserinnerungen hinterlassen, die in dichterisch anschaulicher Weise eine vergangene Kulturepoche malen und in ihrer warmherzigen, anmutigen Schil- derungsweise an Ludwig Richters Memoiren und an die des „Alten Mannes" gemahnen. Barch hat die Kupferstecherei auf der alten Karlsschule erlernt und gibt in seinen „ Federzeichmmgen
nach dem Leben" nach alter Ueberlieferung Züge aus dem Leben der Karlsschüler und besonders Schillers wieder, die bisher von der Schillerforschung noch nicht beachtet worden sind. Er schildert den furchtbaren Zwang, unter dem die Zöglinge standen und erzählt dabei u. a.: „Schiller half sich, von seinem Freunde Gaus, einem von der Natur herrlich ausgestatteten Schauspieler unterstützt, dadurch, daß er sich eine kleine Blendlaterne und Wachslichterstumpen verschaffte, und wenn alles im Saale im tiefsten Schlafe lag, leise aufstand, Licht anmachte und so die Nächte schreibend und dichtend in stiller Seligkeit verbrachte, dagegen fteilich am Tage in den Lehrstunden oft schläfrig und verdrossen erschien. So entstanden in stiller Heimlichkeit, bei steter Gefahr, ertappt und bestraft zu werden, viele der exzentrischsten seiner Gedichte der ersten Epoche und das Trauerspiel „Die Räuber". Die Rollen des Karl Moor und der Amalia, waren, mit Berücksichtigung aller persönlichen Eigenschaften, eigens für Freund Gaus und dessen Freundin gedichtet. Daher weckte Schiller, sobald ihm eine solche Szene besonders gelungen schien, seinen Freund und las solche gleich in der ersten Schöpferfreude, mit leiser Stimme, aber den heftigsten Gesttkulafionen vor. Auf diese Weise blieben auch hier List und gewalfiger Naturdrang Sieger gegen Zwang und alle Vorsicht. Und wie gemäß göttlicher Weltordnung jedes Schlimme oder Verkehrte außer dem Verderblichen auch noch gute Folgen hat, so brachte hier der tyrannische Zwang die Herzen ähnlich gefilmter Jünglinge sich näher; felsenfeste, das ganze Leben hindurch ungetrübt andauernde Freundschaften schlossen sich."
Barth gibt eine genaue Darstellung der Einrichtungen auf der Karlsschule, die im wesentlichen mit den bekannten Tatsachen übereinstim- men. Unbekannt aber ist auch eine Geschichte, die er aus dem Leben des Malers Anton 3oseph Koch berichtet, der seine erste Ausbildung unter dem damals berühmten Künstler G u i b a I auf der Karlsschule erhielt. Der Tiroler Bauernknabe, der von Kindheit an an die Freiheit gewöhnt war, konnte sich besonders schwer in den
drückenden Zwang finden. Einst machte sich ein adliger Kadett, der schon das Leutnantspatent hatte, spottend über seine bäurischen Manieren luftig, worauf Koch wütend in die Worte ausbrach: „Waas toitt denn due, adligr Bub? Bischt due eppet besser wie miet? 3 getrau miet aus eine jede Zaunstecke en Leutnant z'schnizze. wie due einer bischt!" Diese Beleidigung wurde dem Herzog gemeldet, und dieser beschloß, ein strenges Exempel zu statuieren, weil es beständig zwischen den adligen und bürgerlichen Zöglingen zu Reibereien kam. Er ließ also im großen Fest- |aal der Akademie alle Lehrer und Schüler zur Untersuchung des Falles zusammenkommen, und nachdem der Uebeltäter seine gewagte Aeußerung eingestanden hatte, kam auf einen Wink des Herzogs ein Aufseher herbei, dem er etwas leise ins Ohr flüsterte; dieser entfernte sich feierlichen Schritts, kehrte aber bald ebenso feierlich zurück, einen neuen langen Rebenpfahl und ein Messet tragend, und reichte beides zeremoniös dem Koch, während der Herzog langsam, mit starker Stimme ganz ernsthaft die Worte sprach: „Run schnitze einen Leutnant, so Dir Gott und ich gnädig fein soll!" Während der Verhandlung herrschte im ganzen Kreise die tieffte Stille, der Ausdruck der gespanntesten Erwartung lag auf den Gesichtern aller Anwesenden, aber alle, und der Herzog selbst, hatten die höchste Anstrengung notig, um ernsthaft zu bleiben. 3n feiner tödlichen Verlegenheit fing der Tiroler bewußtlos wirklich am Pfahl zu schnitzen an. Kein Laut hörbar, alles hielt den Atem an, jede Fliege hörte man summen. Da tönte unerwartet aus der Peripherie des Kreises die tiefe volle Baßstimme eines jungen Kupferstechers, der laut zu denken die üble Gewohnheit hatte:„3 mießt recht lache, wenn er vin' rausbrächt'", und unermeßliches, allgemeines Gelächter, zu welchem der Herzog selbst mit_ hingerissen wurde, machte mit einemmal die Wände des Saales erbeben und die Fenster zittern. Der Herzog entfernte sich, den Unterleib mit den Händen haltend, ohne die Untersuchung zu enden. Koch war diesmal gerettet. Bald danach aber mußte er, wie später Schiller, durch heimllche Flucht sich retten.


