Nr. 182 Drittes Blatt
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Gießener Anzeiger (General-Anzeigrr für Gberheffen) Samstag, 6. August 1927
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Wandern und Reifen Bäder und Sommerfrischen
Dis Burgen an der Saale.
Don Willy Norbert.
Dald nachdem der V-Zug Berlin—München ' die alte Hussitenstadt Naumburg verlassen hat und mm durch Thüringens Berge südwärts eilt, wachsen die grünen Ufer der Saale zur Lrnken immer steiler aus. Der silberne Tonschiefer und das leuchtende Porphyr werden zu schroffen Wan- 1 den. Da plötzlich taucht auf einem der höchsten Serge die malerische Gestalt einer zerfallenen Burg auf. Heber zerbrochenen Mauern wächst ein mächtiger Turm empor, von einer Schar rastloser Dohlen umflattert — die Rudelsburg. Roch hängt der Blick an dem entschwindenden i Bild, das wie eine Bision sich für Minuten im . Rahmen der breiten Fenster des hastenden Wagens genialt hat, da taucht die Gestalt einer ! zweiten Burgruine auf: zwei schlanke, verfallene Türme huschen vorüber, versinken gedankenschnell A der Ferne — Daaleck ...
Unauslöschlich verblieben die beiden Bilder iin Herzen. Sn stillen Stunden, da man von Reisen und blauen Fernen träumt, entsteigen die Ge- ; stalten der alten Burgen dem Schah der Erinnerungen. ilnö eines Tages gibt man der Sehnsucht Raum, fährt die paar Stunden von Berlin nach dem alten Naumburg und wandert von hier zu den beiden damals erschauten Burgen. Der Weg folgt immer den Windungen der Saale, duvch Walder und Wiesen, an Schulpforta vorbei, das in dem kunstvollen Rahmen seiner ehrwürdigen Bauten Geist und Wissen vonIahr- I Hunderten lebendig erhält. Don Bad Kösen steigt R der Weg stärker bergan durch dichten Buchenwald. Hier ist altes deutsches Schicksalsland, hier die Bühne großer Geschichte. Eine Lichtung im Walde, von der ein weiter Blick das Thüringer Land enthüllt bis hinüber zu den Bergen der Franken, heißt noch heute „Der Vogelherd", Hn- js verändert scheint die Szenerie jener fernen Zeit Heinrichs des Voglers, von der das Lied singt: „Herr Heinrich sah am Vogelherd ..." Immer näher kommen die Rudelsburg und Saaleck, dichter wird der Buchenwald. Nun ist die Höhe 8 gewonnen, schon steht man dicht vor dem tiefen Burggraben der alten Veste, da leuchtet zur Linken ockergelb eine mächtige Felswand auf. Ein riesiger ruhender Löwe steht da, wuchtig aus dem Felsen gemeißelt, — das eindrucksvolle Crinnerungsmal der deutschen Studercken. Dann betritt man die alte Brücke, steht im Schlohhof, sieht durch verfallene Fenster mit edlen romani- ; schen Dogen hinab auf die Saale, folgt mit dem Äuge ihren Krümmungen, bis ihr silbernes Band irgendwo zwischen den Bergen der Ferne sich | verliert.
Ringsum die Stille des Vergessens. 2lus dem tiefen Tale ganz schwach nur vernehmbar der Pfiff des Zuges, der winzig klein dort ? unten durch die Landschaft enteilt. Hm den Turm flattern Hunderte von Dohlen. In das dumpfe Rauschen ihrer schwarzen Schwingen »lischt sich ihr heißerer, klagender Schrei. Die zerbröckelnden, efeuumsponnenen Zinnen und
Bei Nieren-, Blasen- und Frauenleiden, Harnsäure, Eiweiß,
Zucker
1926: 16300 Badegäste.
Mauern, aus deren stumpfem Grau frisch das Grün von Dusch und Daum sprießt, lassen die ewige Jugend der Natur noch strahlender leuchten. Man fühlt, wie überall der Lebenssaft der Pflanzen mit der gleichen Kraft strömt, wie sie die Steine der Mauer zerbricht. Ein Bild voll ergreifender Schwermut und lachenden Lebens zugleich. *
Hnd drinnen unter dem hohen Gewölbe der einstigen Raubburg — im 16. Jahrhundert wurde sie von den Bürgern Naumburgs zerstört wie die Veste Saaleck — fitzen beim Saalewein die Menschen von heute, gedenken der Menschen jener Zeit, da die schöne Hta die erste Schloßherrin der „Ruteleibisburg" gewesen ist. Ihr Bild, in Stein gemeißelt, steht noch heute zu Naumburg im hohen Dom: es gilt in der Kunstgeschichte als eines der hervorragenden Bildwerke der Gotik. Die Minnesänger kamen einst von der Wartburg hierher und priesen die QIn» mut der Rudelsburger Herrin in allen Landen.
„Doch die Mauern sind verfallen und' der Wind streicht durch die Hallen..Stärker noch der Verfall von Burg Sa al eck, zu der ein gewundener Pfad von der Rudelsburg hinab- führt. Nur die alten romanischen Türme stehen noch, wuchtig der Macht der Zeiten trotzend wie einst vor 600 Jahren der Kraft von Naumburgs Bürgern. Don der Höhe der Türme sieht man weit in die „Güldene Aue" Thüringens. Wie die Wogen eines weiten Meeres folgen einander Berg auf Berg. An den Derglchnen ziehen sich Wälder von Obstbäumen empor, an den Südhängen dehnen sich weite Weinberge. Rudelsburg und Saaleck sind längst ein begehrtes Wanderziel. Weniger bekannt aber sind noch die anderen Burgen, die man von chnen aus erblickt — die Schönburg, Schloß Z s ch e i p l i h oder Goseck. Hnö doch sind sie ebenso bequem zu erreichen und wie sie voll romantischer Schönheit. Man wandert von Naumburg zu ihnen über Roßbach an der Saale entlang.
Zscheiplih ist im Vergleich zu Rudelsburg uni) Saaleck noch wohlerhalten. Noch besitzt es seinen in alten Liedern besungenen feudalen Dankettsaal. Daneben ist das „Louisenzimmer", bewahrt im gleichen Zustande, wie Königin Louise es bewohnte nach Jena und Auerstädt 1806. Zscheiplih war, wie die „Chronique scandaleuse" der alten Burgen weiß, einst t>er Wohnsitz der schönen Pfalzgräfin Adelheid. Ihr Galan, Ludwig der Springer, hauste auf der „Schönburg", die Zscheiplih gerade gegenüber liegt. Ging der Herr Pfalzgraf auf Reisen, gab Adelheid ihrem Verehrer dies durch ein Zeichen kund von ihrem Fenster. Ihre Liebesmacht über Ludwig war so stark, daß sie ihn aum Gattenmord trieb, den er hinter den dicken Mauern einer anderen Saaleburg, dem trotzigen Giebichenstein büßen sollte. Ludwig aber sprang kühn aus der Höhe seines Verließes in die Saale — was ihm den Beinamen eintrug. Aber bitter ward ihm die Freiheit. Reue zernagte sein Herz, er beendete sein Leben als bußfertiger Mönch Noch steht
seine „schöne Burg", spiegelt sich uni) ihren hohen Beifried wie einst vor 900 Jahren in den Fluten der Saale.
Der Weg zu ihr von Naumburg führt durch den „Dlütengrund" unterhalb der Naumburger Weinberge. Einer von ihnen war einst der Sommersih eines großen deutschen Mcistcrs: Max Klingers. Hier, wo er unvergängliche Werke geschaffen, ruht für immer, was vergänglich an ihm gewesen. Heber seinem Grabe, das inmitten dichter Obstanlagen liegt, wuchtet das von ihm selbst geschaffene Grabmal, weithin sichtbar: ein überlebensgroßer Athlet.
Hntoeit dieser geweihten Stätte liegt auch die älteste aller Saaleburgen, Schloß Goseck, ein typischer, groß angelegter Durqsitz des frühm Mittelalters, in dem einst die Pfalzgrafen residierten. Ein weiter Schloßpark umgibt es. Das altersgraue Gebäude selbst schwimmt wie auf einer Flut von Flieder, und Naumburgs Bürger besuchen es gern, wenn er blüht. Mitten durch diese gesegnete Landschaft windet sich die Saale in weiten Bogen, den Weg zeigend, den Viktor von Scheffel einst gewandert, als er von hier „ins Land der Franken gefahren" — hinüber nach . Lichtenfels zum Heilgen Veit von Staffelstein...
Wanderfahrien.
Ins Lahntal!
Ich habe mich gefreut, daß ich in der Nr. 201 vom Jahre 1926 des Gießener Anzeigers den Aufsatz fand: Zu Rad durch das Lahntal, daß damit einmal auf ein Stückchen Deutschland hingewiesen wird, das zu den schönsten in unserem Vaterland zählt.
Aber gar viele machen sich nichts aus einer anstrengenden Radtour. Sie gehen lieber zu Fuß und können so unbelästigt und bequem in voller Muße alle Schönheiten genießen.
Auch ich war vor einiger Zeit wieder einmal im Lahntal und — war von neuem entzückt. Ganz kurz möchte ich nur die Punkte erwähnen, die in dem genannten Aufsatz nicht gestreift wurden.
Hnzweifelhaft ist der Teil von Diez bis Nassau der schönste im ganzen Lahntal, rein landschaftlich betrachtet. Wenn man dem Limburger Dom seinen Besuch abgestattet hat, dann tritt man kurz hinter Diez in das enge, romantische Fluh- tal. Hier häufen sich die Schönheiten. Schloß Schaumburg, von Diez in einer Stunde zu erreichen, wurde erwähnt. Man versäume nicht beim Abstieg über den Talhos (von den Franzosen besetzt) etwa 300 m weiter südlich zu gehen, um von da noch einmal ein ganz eigenartige^ Dild der Schaumburg, die hier ganz der Wartburg ähnlich sieht, in sich aufzunehmen. Wer Dalduinstein, ganz herrlich gelegen, kennt, besucht von der Schaumburg aus den Gabelstein, mit prächtiger Aussicht. Heber 100 Meter fallen hier die Felsen senkrecht ins Lahntal ab. Das ganze Gebiet um den Gabelstein steht unter Naturschutz. Wir finden hier noch den Wanderfalken und sehr seltene Pflanzen (Schriftfarn u. a.).
Wer sich vor einer Klettertour nicht fürchtet.
kann von hier aus absteizen. Rings rieseln zahlreiche Wasserlein über die Felsen, überall dichtes, wildes Gestrüpp. Wenn man Glück hat, kann man die ©lattnctter sehen, den Fischadler und die Rohrdommel beobachten. Auch die Geologen kommen voll und ganz auf ihre Rechnung. —
Ganz wunderbar liegt Kloster Ainst ein. Wer da einmal im Abendsonnenschein gestanden, und die Landschaft, wie in flüssiges Gold getaucht, angestaunt hat, der vergißt diese Minn en nie wieder. Am schönsten ist jedenfalls der Dlick von der Kanzel (25 Minuten weiter), einem Felsvorsprung gegenüber Schloß Langenau.
Kloster Arnstein aber liegt am Eingang e nes Tales, das man ruhig die Perle der Seitentäler nennen kann. Das ist das Jammertal. Es ist unvergleichlich und reicht in seiner eigenartigen Schönheit an viele Täler im Harz, im Schwarzwild und Thüringen heran. Man geht unter schattigen Bäumen auf gutem Wege über eineinhalb Stunden, ohne ein Dorf zu berühren. Nur hier und da eine einsame Mühle. Felsenwand schiebt sich vor Felsenwand. Jetzt glaubt man am Ende zu sein, da öffnet sich von neuem ein wunderbares Panorama Senkrecht emporsteigende Felsen, teils mit prächtigem Waldbestand. Einsam und still ist es Überall. Nur das leise Glucksen des Dörrbaches unterbricht die Stille. Einmal links, einmal rechts springt ein Wässerlein aus einem Seitentälchen hervor.
Da. wo die letzten Mühlen liegen und man die Straße nach Attenhausen kreuzt, beginnt ein kleines. fast unbekanntes Seitentälchen. das Hasen- bachtal. Gerade dieses Tälchen möchte ich besonders hervorheben. Es ist ganz reizend und erinnert lebhaft an das Ilsetal im Harz. Den Rückweg nahm ich wieder durch das Jammertal, weil es eben so schön ist. daß man es von beiden Seiten durchwandern sollte. Von Obernhof aus kann man dann Nassau und Bad Ems besuchen.
Ph. Hoffmann.
Anspach—Feldberg—Homburg v. d. h.
Der bequemste Aufstieg zum höchsten Gipfel des Taunus, dem Großen Feldberg, dürfte wohl der folgende fein: Wir fahren mit dem Frühzug über Wetzlar und Ufingen nach dem anmutig gelegenen Taunusstädtchen Anspach. Hier folgen wir grünen Strichen, die uns in mäßiger, aber steter Steigerung, hübsche Rückblicke gewährend, alsbald in schönen Wald leiten. Nach einer guten Stunde erreichen wir die Kanonenstraße, auf der wir bis zum Sandplacken mit guter Wirtschaft weiterwandern. Don hier folgen wir ein großes Stück dem Pfahlgraben, den das Zeichen später wieder verläßt, um uns auf das Plateau des Feldbergs (880 Meter) zu führen. Heberaus umfassend ist die Aussicht von dem 25 Meter hohen Turm und erstreckt sich bis in die Eifel, das Siebengebirge, die Kasseler Gegend, den Thüringer Wald, Röhn, Spessart, Vogesen uni) Hunds rück. Auch der Dlick vom nahegelegenen Drunhildisfelsen in das Weiltal und auf die übrigen Taunusberge und -Dörfchen ist sehr schön. In den Feldberghäusern ist sehr gute Hnterfunft Zum Abstieg wählen wir bis
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