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Versicherten spätestens noch einer bestimmten Zahl von Jahren (25 bis 30) fällig wird, immer mehr in den Vordergrund, weil sie mehr als die lebens­längliche den praktischen Bedürfnissen entspringt. Sie ist im Laufe des Jahrhunderts der vorherr­schende Typ geworden. Die Erlebensfall- verficherung hat nie eine große Rolle gespielt. Wohl hat es immer Aus st euer Versicherungen gegeben, seit 1876 rennen wir die M i l i r d i e n st Ver­sicherung, die erst mit Kriegsende, mit dem Aushören der allgemeinen Wehrpflicht ihr Ende genommen hat, aber das Geschäft ist gegenüber dem der großen Lebensversicherungen klein geblieben, ebenso wie die Renten Versicherungen ganz im Gegensatz zu dem rentenlustigen Frankreich. War die Lebensversiche­rung jahrzehntelang die Versicherung des Mittelstan­des und der oberen Schichten, so dringt sie nach 1895 in der Form der Volksoersicherung auch in die breiten Massen der Arbeiter ein, ohne freilich hier jemals den Umfang zu erreichen, den sie in den Vereinigten Staaten und in England erreicht hat. Das liegt darin begründet, daß die im Jahre 1883 beginnende Sozialversicherung Deutschlands die meisten Aufgaben auf diesem Gebiet bereits löste,

In den Versicherungsbedingungen entwickelt sich langsam der Fortschritt. Sind die ersten Bedingungen noch streng und eng, so zwingt Wettbewerb und Verkehr zu immer weiteren Zu­geständnissen, Berufswechsel, Reisen ins Ausland bedingen keine Veränderung des Versicherungs­vertrages mehr. Der Gedanke der Unverfallbar­keit und Unanfechtbarkeit der Lebensversicherung seht sich um 1900 vollkommen durch. Selbst bei Selbstmord zahlen die Versicherungs-Gesellschaf­ten, wenn eine kurze Karenzzeit von 13 Jahren verstrichen ist, die Versicherungssumme aus. Auch der Kreis der Aufnahmefähigen wird mit dem Fortschritte der Versicherungsmedizin immer wei­ter gezogen, aber das Problem der Versiche­rung minderwertiger Leben, für deren Versicherung man vorübergehend gemeinsam eine besondere Gesellschaft gründet, ist noch heute un­gelöst.

Bis 1911 war die Lebensversicherung, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, in der Hand der privaten Versicherungs-Gesellschaf­ten. Auf Anregung des damaligen Generalland­schafts-Direktors Kapp wird um diese Zeit die erste öffentliche Lebensverficherungsan- stalt in Ostpreußen begründet, der in den nächsten Zähren ähnliche Gründungen in den anderen preußischen Provinzen und den übrigen Bundesstaaten folgen. Sie wenden sich ganz besonders, wenn auch nicht allein, an die Land­wirtschaft. Gerade der Gedanke einer land­wirtschaftlichen Hypothekar - Lebensversicherung und der Anlegung der großen Fonds der Ver­sicherungs-Gesellschaften in landwirtschaftlichen Werten war für Kapp der Hauptanlaß für seine Gründung.

Der Weltkrieg traf ein in höchster Blüte stehendes deutsches Lebensversicherungswesen, das so stark war, daß es auch die schweren Gr- schütterungen d -? Krieges Überstand und den gewaltig gestc ten Anforderungen, die die Kriegssterblichle^ an die deutsche Lebensversiche­rung stellte, gewachsen war. Erst die Rach­kriegszeit, die Inflation, traf die deutsche Lebensversicherung ins Mark. Die über fünf- Milliarden betragenden Prämienreserven waren in mündelsicheren Werten angelegt, davon über 80 v. H. in Hypotheken. Run verfielen alle diese 'Werte. Auslandverpflichtungen, die einzelne Ge­sellschaften hatten, drohten angesehene und große Gesellschaften in den Konkurs zu stürzen. Wurde auch diese Gefahr vermieden, so gingen die alten Versicherungen verloren. Die durch die dritte Steuernotverordnung und das Aufwertungsgeseh vorgesehene Aufwertung form nur einen bescheidenen Teil des Verlorenen wiederbringen. Aber als die Schleier der Inflation gefallen waren, als man auf dem Trümmerfeld deutscher Lebensversicherung stand, legte man nicht mut­los die Hände in den Schoß, man begann wie­der aufzubauen. Bereits 1925 zählten 44 private Gesellschaften einen Bestand von über 5 Milliar­den Versicherungssummen, d. h. annähernd ein Drittel des früheren Bestandes. Dazu kommen noch über 550 Millionen Versicherungssummen der öffentlichen Versicherungsanstalten. Aber nur sehr langsam bilden sich die neuen Kapitalien. 1925 betrugen die neuen Prämien­reserven erst 177 Millionen gegenüber 5 Mil­liarden zu Anfang des Krieges. Erst langsam, sehr langsam, wächst so die Lebensversicherung in eine ihrer anderen Aufgaben hinein, Geld­geber für den Realkredit zu sein. Aber der Geist, der die alte deutsche Lebensversicherung beherrschte, ist geblieben. Er gibt uns die Hoff­nung, daß mit dem langsamen Wiederanstieg Deutschlands auch die Lebensversicherung glei­chen Schritt hält und der erstarkenden deutschen Wirtschaft dieselben wertvollen Dienste leistet wie es im vergangenen Jahrhundert der Fall gewesen ist.

Eine weitere Mieterhöhung?

Berlin, 6. Juli. (Priv.-Tel.) DieVoss. Ztg." weiß mitzuteilen, daß die Reichsregierung oder als federführende Stelle das Reichsarbeits­ministerium soeben eine umfangreiche Denk­schrift fertiggestellt habe, die bisher nur den Mitgliedern des Wohnungsausschusses des Reichstages zugeleitet worden sei. Die Schrift be­handelt u. a. Fragen des Wohnungsbaus, insbesondere der Reubauwohnungen und die zu­künftige Mietgestaltung in den Altbauten. Ausgehend von der zu Anfang dieses Jahres beschlossenen Erhöhung der Altmieten auf zu­nächst 110 v. H. und ab 1. Oktober auf 120 v. H. der Friedensmiete wird in der Denkschrift ge­sagt, daß man gezwungen sein werde, im Laufe der Zeit entsprechend der wirtschaftlichen Ent­wicklung eine Stabilisierung der Alt- mietenauf 130 bis 160 v. H. vorzunehmen.

Das Liquidalionsschädengesetz.

Eigener Drahtbericht des ..Gießener Anzeigers".

Berlin, 6. Juni. Das Gesetz über die endgültige Abgeltung der Liquidationsschäden, das dem Reichskabinett zugegangen ist, wird das Kabinett am Donnerstag beschäftigen. Die den Liquidationsgeschädigten in dem Gesetzentwurf gebotene Entschädigung beträgt etwas über 900 Millionen Mark, während die Arbeitsgemein­schaft der Auslanddeutschen rund 2,9 Milliarden, der Ringverband sogar rund 3,7 Milliarden gefordert haben. Der tatsächliche Scha­den, der den Auslanddeutschen durch die Liqui­dationen entstanden ist, wird auf 12 Milliarden Mark geschätzt, und die Weimarer Rational­versammlung hatte als Entschädigungssumme einen Betrag von 9 Milliarden in Aussicht ge­

nommen, also das Zehnfache dessen was jetzt das Reichssinanzministerium bietet. Es konnnt also zu der von den Verbänden der Ge­schädigten heftig bekämpften Verzögerung der Verabschiedung des Gesetzes, noch seine Un­zulänglichkeit hinzu, die bei den Geschädig­ten gleichfalls schärfste Krittk Hervorrufen wird. Es wäre im Interesse der Auslanddeutschen, die ihr Hab und Gut außerhalb der deutschen Grenzen durch den Krieg verloren haben und zum großen Teil völlig verarmt sind, nur zu wünschen, daß dtzr Gesetzentwurf recht bald seine Erledigung durch Reichskabinett und Parla­ment findet, allerdings mit erheblichen Ver­besserungen.

Die Schweriner Regierungskrise vertagt.

Schwerin, 5. Juli. (Wolff.) Der Antrag der Rechtsparteien auf Abberufung des Ministeriums, das auch nach den Reu- wahlen noch im Amte verblieben ist. wurde heute im Landtag mit Stimmengleichheit, 23 gegen 23 Stimmen, abgelehnt. Für die Ab­berufung stimmten die Deutschnationalen, Völ­kischen, Dolkspartei und Wirtschaftspartei, da­gegen die Regierungsparteien (Sozialdemokra­ten und Arbeitsgemeinschaft). Entscheidend war die Stimmenthaltung der drei Kom­munisten. Sie hatten sich gegen den Antrag der Rechten auf Abberufung erklärt. Sie brach­ten aber zugleich ein Mißtrauensvotum gegen die Regierung ein. Rach Erledigung der Tagesordnung wurde dann auf Vorschlag des Ael- testenrates der Landtag bis zum 16. August vertagt. Die Kommunisten hatten gefordert, daß über ihr Mißtrauensvotum gegen die Re­gierung innerhalb dreier Tage abgestimmt würde. Dies wurde von der Mehrheit abgelehnt.

Neichstagung des Arbeits­ausschusses deutscher Verbände.

Goslar, 5. Juli. (WB.) Heute wurde hier die Reichstagung des Arbeitsausschusses deutscher Verbände unter außerordentlich zahlreicher Be­teiligung aus dem ganzen Reiche eröffnet. Das geschäftsführende Vorstandsmitglied des Arbeits­ausschusses, Draever, sprach über die deutsche Revisionsbewegung, ihre Entwicklung und künf­tigen Ziele. Er legte das Wort des bekannten deutschen Rechtslehrers Ihe ri n g zugrunde: Kein Volk hat das Recht, auf sein Recht zu verzichten." Er betonte die Wichtigkeit, mit dem Auslande in eine Diskussion über die Kriegsschuldfrage einzutreten, da es gar nichts nütze, wenn wir uns gegenseitig unsere Unschuld bekennen. Dr. Kriegk sprach über die deutsche Außenpolitik seit dem Diktat von Ver­sailles.

Deutschland

in der Mandatskommission.

London, 5. Juli. (Wolff.) DieWest­minster-Gazett^' schreibt: Es ist mehr als kurz­sichtig von der französischen Kvlvnial- gesell schäft, gegen die Erteilung eines Sitzes in der Mandatskommission des Völker­bundes an Deutschland zu protestieren und Sir Eric Drummo-nd handelt vollkommen richtig, wenn er es ablehnt, die Verantwortlichkeit für diesen Schritt zu übernehmen. Abgesehen von Leuten, die grundsätzlich gegen Deutschlands An­wesenheit im Völkerbund sind, kann niemand sich einbilden, dcch es möglich ist, Deutschland in der Frage der Kolonialmandate dauernd in einer niederen Stellung zu halten. Es kann kaum daran gezweifelt werden, daß die guten Dienste Deutschlands bei der Regelung der südslawischen Streitigkeiten von hervorragendem Werte waren. Und selbst wenn es sich nicht um einen solchen Fall handelt, liegt es doch auf der Hand, daß, je mehr Deutschland mit den anderen Mächten an der Arbeit des Völkerbundes fie­let li gt ist, desto mehr Aussichten für einen dauerhaften Frieden in Europa bestehen.

Französische Kongogreuel.

Berlin, 6. Juli. (Tel.-Ll.) Wenige Tage, nachdem der französische Kolonialminister beim Generalsekretär des Völkerbundes Einspruch dagegen erhoben hat. daß Deutschland einen Sitz in der Mandatskommission des Völkerbundes erhält, veröffentlicht der Führer der französischen Sozialisten, Löon Blum, imPopulaire" einen Artikel über Grausamkeiten an Einge­borenen im französischen Kongoge- 6 i et. Blum erzählt u. a. von einer Strafexpedi­tion gegen ein Eingeborenendorf, das nicht ge­nügend Arbeitskräfte für eine Plantagengesell­schaft gestellt hatte. Von dieser Strafexpedition! seien 32 Eingeborene, Männer, Frauen und Kin­der, unter unmenschlichen Grausamkeiten nieder- gemehelt worden.

Sozialdemokratie und Anschluß.

Die Wiener Presse zu einem Aufsatz Dtto Bauers.

Wien, 5. Juli. (Wolff.) Die österreichische Presse befaßt sich in zunehmendem Maße mit einem Aussatz des sozialdemokratischen Führers Otto Bauer. Besonders werden aus dem Ar- ttkel die Sätze hervorgehoben, in denen Dr. Bauer erklärt, daß der Anschluß erst erwogen werden könnte in einer Zeit, in welcher aus der revolutionären Umwälzung ein anderes D e u t s ch l a n d hervorgegangen sei. Auch müsse die französische Bourgeoisie zuerst gestürzt und der italienische Faszis- mus durch die Demokratte niedergerungen werden. Rachdem gestern dieReue (freie Presse" in ihrem Abendblatt diese Stellungnahme Bauers scharf kritisiert hatte, schreibt dieReichs- Post": Oesterreichs sozialdemokratischer Führer erkennt an, daß für absehbare Zeit das heu­tige Deutschland für ihre eigenen Machteroberungsziele kein günsti­ger Boden ist. Die grohdeutschenWiener Reuesten Rachrichten" schreiben: Da in der sozia­listischen Presse vor einigen Tagen erst di e Un­wahrscheinlichkeit einer sozialen Revolution in Europa und in der Welt auseinandergesetzt wurde, so kann man sich Vör­stetten. daß Bauers angebliche Hoffnung auf Anschluß im Verlaufe der revolutionären Phase nichts anderes ist. als die Massierung der Tat­sache. daß die sozialdemokratischen Führer der Sozialdemokratie gegen den Anschluß an ein Deutsches Reich sind, in welchem die Sozial­demokratie augenblicklich nicht die

politische Herrschaft ausüfit. Bauers Wendung gegen den Anschluß wird in Paris beruhigend wirken.

Schwierigkeiten auf der Dreimächtekonferenz.

Gens, 5. Juli. (Schweizerische Depeschen-Agen- tur.) Die Konferenz der Seemächte ist in ein kri­tisches Stadium eingetreten. Es ist Tatsache, daß die bereits am ersten Tag aufgetretenen weit­gehenden Meinungsverschiedenheiten über die Art der Beschränkung der Marinerüstungen sich im ver­lause der Besprechungen nur in wenigen Punkten geändert haben. Der amerikanische Admiral Jones hat heute bei einem Presse­empfang zugegeben, daß es bisher nicht gelungen sei, in der Frage der Unterseeboote zu einer Einigung zu gelangen. Auch in der Frage der Kreuzer ist es bis zur Stunde zu keiner Einigung gekommen. In Anbettacht dieser 2Nei- nungsverschiedenheiten herrsche in den Kreisen der Konferenz eine pessimistische Stimmung. Ls wäre jedoch verfehlt, daraus schließen zu wollen, daß die ganze INarmeabrüstungskonseren; zum Scheitern verurteilt sei. Ulan erwartet im Gegenteil, daß es dem guten Dillen und der Geschicklichkeit der Unter­händler gelingen wird, eine Annäherung der ver­schiedenen Standpunkte herbeizufühcen.

Die Zwischenfälle am MontLems

Paris, 5. Juli. (TA.) Wie aus Cham­bery gemeldet wird, hat die Untersuchung des letzten Zwischenfalles am Mont Cenis ergeben, daß die beiden Arbeiter, bevor der ita­lienische Grenzsoldat auf sie schoß, versucht hatten, die italienische Grenze zu über­schreiten. Auf die Aufforderung des Grenz­soldaten, ihre Ausweispapiere vorzuzeigen, flüchteten sic. Der Grenzsoldat handelte dar­auf entsprechend seiner Order. Er war der An­sicht, daß sich die beiden Arbeiter noch auf italienischem Gebiet befänden. In französischen Regierungskreisen betont man den unpolitischen Charakter der letzten Zwischenfälle und bemüht sich, beruhigend einzuwirken. Die Rechte ist mit diesem Vorgehen einverstanden, nur die Linke möchte, wie sich dieLiberty" ausdrückt, um das faschistische Regime in Italien zu stürzen, selbst vor einem Krieg gegen Italien nicht zu­rückschrecken.

Lebhafte Kritik hatten in der französischen Presse auch noch die Schießübungen gefun­den, die italienische Truppen in der Gegend des Mont Cenis, also dicht an der französischen Grenze, abgehalten hatten. Die römische Agenzia Stefani schreibt dazu: Die Schießübungen haben durchaus keinen außergewöhn­lichen Charakter, sondern sind fite gewöhn­lichen Hebungen, die sich jedes Jahr in derselben Gegend auf italienischem Gebiet wie­derholen. Diese Gegend wurde gewählt, weil dieses Gebiet fast nicht bewohnt und nicht bebaut ift Grundstückseigentümer, die sowohl Franzosen wie Italiener sind, wurden bet et­waigem Schaden zu ihrer vollen Zufriedenheit entschädigt. Infolgedessen ist die Aufregung der fraWvsischeit Blätter völlig unbegrün­det.

Die Währungsstabilifierung in Italien.

R om, 5. Juli. (Agencia Stefani) Heute früh empfing Mussolini den FinanzministerGraf Vvlpi, der ihm über die wirtschaftliche und finanzielle Lage des Landes eingehend berichtete. Die Erklärung Volpis in seinem Interview mit einem Vertreter desPopolo d' Italia", daß der Kurs der Lira auf 90 für ein Pfund Sterling stabilisiert werde, habe die mo­ralischen Hemmnisse beseitigt, die den Gang der Wirtschaft beeinträchttgten. Man dürfe also vor­aussehen, daß die gesunden produktiven Kräfte die unvermeidlichen Schwierigkeiten überwinden werden, die die Stabilisierung nach sich bringen! werde. Vvlpi unterrichtete dann den Ministerprä­sidenten über die vom Finanzministerium gelei­steten Vorarbeiten zum Zweck der Verminderung der Steuerlasten, die der Ministerrat grundsätzlich beschloß. Der Steuerdruck werde stark er­leichtert. Er toe: e zwischen Landwirtschaft, Handel, Grundbesitz, Transportwesen, Eisenbah­nen, beweglichem Vermögen und den Gehältern der Staatsbeamten im richtigen Verhältnis ver­teilt.

Erschießung russischer Attentäter.

Moskau, 5. Juli. (Telegraphen-Agentur der Sowjet-Anion.) Die staatlich politische Ver­waltung veröffentlicht eine Mitteilung über die Verfolgung dreier Spione und Terroristen, die in der Rocht zum 3. Juni ein Haus neben dem Gebäude der staatlichen politischen Verwaltung zu sprengen versuchten. An der Spitze der Attentäter stand die Monar- chistin Sachartschenko. Ihre Mithelfer waren ein ehemaliger Anhänger der Sawinkow-Gruppe namens O b e r p u t, der von Finland aus den terrorifttschen Spionagedienst leitete, und ein ge­wisser Wosnessenski. Rachdem das Attentat mißglückt war, flohen die Verschwörer in das Gouvernement Smolensk, wurden aber ge­stellt und im Kampfe mit ihren Verfolgern im Kreuzfeuer erschossen. Bei dem Kampfe wur­den ein Arbeiter, ein Bauer und einr Milizsoldat schwer verletzt. Ein Chauffeur wurde getötet und fein Gehilfe schwer verwundet, weil sie sich ge­weigert hatten, die Flucht der Verschwörer zu unterstützen.

Kunst und Wissenschaft

Der verband deutscher Hochschulen zu den Ausland­fragen.

Der Verband deutscher Hochschu- l e n gründete in Darmstadt, wie von dort gemeldet wird, in einer Sitzung in der Technischen Hochschule eine Arbeitsgemeinschaft für Auslandfragen. Insbesondere soll sich die Arbeitsgemeinschaft mit dem Ausland studi um deutscher Hochschüler befassen. Die Arbetts- gemeinschaf t wählte in ihren Ausschuß u. a. Pro­fessor Schlick- Darmstadt.

Professor Dr. kosscl f.

Aus Heidelberg wird gemeldet: Hier starb am Dienstag gegen Mittag im Alter von 73 Jahren Geheimrat Prof. Dr. Albrecht K o s -

s e l, ein bekannter Forscher auf dem Gebiete bet physiologischen Chemie und Hygiene, der beson­ders auf dem Gebiete der Eiweißforschung zahl­reiche wichtige Entdeckungen machte. Er leitete hier bis zuletzt das Institut für Eiweißforschung. Prof. Dr. Kossel, der im Jahre 1910 den Robei­preis für Medizin erhielt, war Mitglied zahlreicher in- und ausländischer wissenschaftlicher Gesellschaften, Ehrenvorsitzender der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und Ehrendoktor mehrerer Universitäten, darunter einiger eng­lischer.

Aus aller Wett.

Lusthochzeil, die große Mode.

Das Standesamt scheint langsam ausgedient zu haben. Die Ehen müssen im Himmel ge­schlossen werden, um von Bestand zu sein. Dieser letzten Auffassung kommt dgs. Flug­zeug weitgehendst entgegen. Es trägt die Braut­paare bis an den Rand des Himmels und nimmt sogar noch den Standesbeamten mit, damit auch er zu seinem Recht kommt. Den Anfang mit der Himmelshochzeit machte vor einigen Monaten der Pressechef der Lufthansa. Dienstag morgen trug das Flugzeug vom Tempelhofer Feld wie­derum ein glückliches Brautpaar in die Lüfte, das dort den Bund fürs Leben schließen wollte. Senkrecht über der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis- kirche vollzog der Pfarrer die Trauung und über dem Standesamt trat der Standesbeamte in Funi- tton. Dann ging es hinauf zum Himmelsrand und schließlich wieder hinab zur Erde, wo dem Paare sieben Himmel locken.

Eine deutsche Fliegerin in Paris.

Die deutsche Fliegerin Thea Rasche, die Dienstag mittag 12.15 Ühr in Essen aufgestiegen und übm: Köln nach Brüssel geflogen war, ist abends um 7.48 Uhr in Le Bouraet. gelandet. Auf ihrer Fahrt von Brüssel nach Paris mußte sie um 5.20 Ähr in Valenciennes wegen Benzinmangels eine Zwischenlandung vor­nehmen. Die Fahrt wurde durch heftige (Segen* winde verzögert. Als Passagier begleitete sie der Monteur v. Krüdeler. Zum Empfang hatten sich auf dem Flugplatz für die deutsche Botschaft Gesandtschaftsrat Dr. Rieher und einige deutsche Journalisten eingefunden. Die Fliegerin wurde von dem Kommandanten des Flugplatzes freund­lich begrüßt.

Aus 30 Meter höhe abgestürzt.

In Ausführung einer Wette um einen Kasten Flaschenbier erkletterte der Maurer Mos Weber aus Kirchheim bei Mannheim den 30 Meter hohen Kamin der Milchzentrale, ftürgte aber beim Abstieg am Blitzableiter ab. Er erlitt so schwere Verletzungen, daß er noch im Laufe des Rachmittags im Krankenhaus verstarb. Weber war 54 Jahre alt und hinterläßt eine Witwe mit neun unmündigen Kin­dern.

Lin Meineidsfabrikant.

Ein furchtbares Bild moralischer Verkommenheit und Skrupellosigkeit ergab ein Meineidsprozeß, der Zehn Tage das Kofiurger Schwurgericht beschäftigt hat. Angeklagt waren der Möbelhändler Eckardt aus Oeslau bei Koburg, dessen Ehefrau, seine Nichte und fleben ehemalige Lehrlinge. Seit 1909 betrieb Eckardt die Verleitung seiner Ange Höri- gen und der Lehrlinge zum Falscheid. Um gefügige Werkzeuge für seine Verbrechen zu be­kommen, stellte er fast ausschließlich Lehrlinge ein, die keine Eltern mehr hatten. So kam eg> daß Eckardt jedesmal seine Prozeße gewann. Eckardt erhielt zwölf Jahre Zuchthaus und zehn Jahre Ehrverlust, seine Frau sechs und seine Nichte viereinhalb Monate Gefängnis. Zwei der Lehrlinge wurden mit einem Jahr Zuchthaus bestraft, wäh. rend die übrigen freigesprochen wurden.

Heber 1000 Briefe unterschlagen.

Ein feit 32 Jahren bei der Reichspost be­schäftigter Postassistent hatte in Erfurt seit Herbst 1925 bis zu seiner Verhaftung am 25. Mai 1927 fortgesetzt Briefe unterschlagen, beraubt und ver­nichtet. Obgleich er auf diese Weise mindestens tausend Briefe beseitigte, erbeutete er im gan­zen nur etwa 300 Mark. Das Große Schöffen­gericht verurteilte ihn zu einem Jahr sechs Monaten Zuchthaus und 300 Mark Geldstrafe oder weiteren zehn Tagen Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust, sowie dauernder Unfähig­keit zur Bekleidung öffentlicher Aemter.

Durch eine Luftbüchse tödlich verletzt.

In Rheinhausen wurde eine zehnjährige Schülerin, die mit mehrereren Knaben spielte, durch einen Schuß aus einer Luftbüchse, die sich selbst ent­laden hatte, getötet.

Schwere Bluttat eines Geisteskranken.

In dem spanischen Dorfe Faramontos er- stach in seinem chaus ein junger Mann in einem Anfall von Geistesstörung seine Mutter, seine Braut u n b einen Nachbarn. Auf der Sttaße tötete er dann einen Passanten und verletzte sechs andere schwer, darunter ein kleines Mädchen. Der Mörder wurde erst nach langem Widerstand überwältigt.

Fünf Anführer einer Raubmörderbande zum Tode verurteilt.

In Artemowfk im Donezrevier wurden fünf Anfühceer der Raubmör der band eSchwarze Mask" zum Tode und zehn Raubmörder zu Ge­fängnisstrafen verurteilt.

Fernheizung auch für Privathüuser.

Das Städtef ernheizwerk Charlotten- burg baut von Jahr zu Jahr seinen Betrieb weiter aus und erweitert auch in diesem Jahre sein Heiznetz wesentlich. Das ganze westliche Berlin soll in diesem Jahre dem Fernheizwerk angeschlofsen werden, so daß in allen Straßen, durch die die Heizungsröhren gelegt werden, die Häuser mit Zentralheizung nunmehr ohne weiteres angeschlossen werden können, während bis­her zum größten Teil nur öffentliche Gebäude geheizt wurden. Die Arbeiten sollen so gefördert werden, daß bereits am 1. Oktober der Betrieb ausgenommen werden Fann.

Wettervoraussage.

Vielfach aufheiternd, warm und meist trocken.

Gestrige Tagestemperaturen: Maximum 29,8. Minimum 13,2 Grad Celsius. Heutige Morgen- temperatur: 20,7 Grad Celsius. Sonnensck^in- dauer: 13r'_> Stunden.

Witterungsaussichten für Frei­tag: Zeitweise wolkig, Temperaturen wenig ver­ändert, vorwiegend trocken.