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Mittwoch, 5. (Dftober 1927

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefsen)

yr. 235 Drittes Blatt

alters Angelpunkt bet

der

-ng-

kunft beibehält.

von

ihm erschienen ist.

man alS .neue

gewöhnt hat

Herausgeber in der Einleitung ehrfürchtig Er­wähnung tut, klingt in den einzelnen Untersu­chungen immer wie. er an, und in seinem Geiste ist auch sofort die Reih« eröffnet mit Groet- »uhsens Aufsatz überDie bürge siche Welt­anschauung".Der Mensch ernennt sich nur in der Geschichte nie durch Introspe.tion" hat uns Dilthey gelehrt, und ein Blick in d e Dergangen- )eit leitet uns selbst an. uns alsBürger" zu erkennen unb zu re.ste'e.t. De. Bürger ist lein allgemein menschlicher, sondern ein geschichtlich bedingter Typus der Neuzeit. Als solcher hat er fein« spezifische Weltanschauung, wobei wir aber unter dieser nicht ein bestimmtes philo­sophisches System zu verstehen haben, sondern eine eigentümliche Einstellung zur Welt, die allen bewussten kulturellen Aeusserunzen vorausgeht und diese erst ermöglicht. Diese Einstellung zur Welt wird andeutungsweise so gekennzeichnet: Der Bürger ist diesseitig, er lebt in einer Welt

Entwicklungsgesetzen zu gelangen.

Der QZame Di11heys, dessen schon

Für den Vüchertisch.

Probleme der Veltanschauungrlehre

Aus der Geschichte.

Das Zaristisch« Russland im Leit kriegt '.'Leu- Dohimcnk au» den Nuss: ichen Staaterchec-en über den Eintritt der Türkei. Bulgaricn», Rumänien», und Italien» in den Welt­krieg chcruu»gegeben von der Zentralstelle für Er­forschung der striegsursachen. Berlins Deutsche Vcr- lag»geseUschäft für Politik und Geschichte m. b.H. Preis in Pbd. Btt. 20. In den hier publizierten Dokumenten interessiert besonder» die Haltung En­ver Paschers, der im Äugust 1914 dem russischen Militäranachs an Bündnis aiwol, unter der ®e- dingimg. bah die Türkei Westchranen und die ägäi­schen Inseln zurückerhalten sollte, nu» panslawischen Prestigegründen legte Russland ferner den grössten Wert auf den Eintritt Bulgarien» in den Weltkrieg an Seiten der Alliierten. Diese» Ziel war ober nur um

von einer Menschwerdung mitten im Kriege, dicht an der Front, in erregender Nachbarschaft von Tod und Zerstörung... und von eii«m Bauern, der auSzog. um da draussen fein Kind zu suchen und heimzuholen ins Heimatdorf im Taunus; diese zwei Erzählungen erscheinen uns wie die schwingenden Orgelpunkte des Ganzen, llnb das Ganze wird, glauben wir, viel ent­scheidender sein für die Bewertung von Zuck- maycrs Wesen und Können, als alles übrige, was, abgesehen von den Gedichten, früher von

Neue Romane und Novellen.

Dass die Deutsche Buch-emeinschast auch Wilhelm Naabe. dessen Bedeutung als Sr- zähler In den letzten Zähren über die uftprung- Uch nur kleine .Laabe^Seme nde weit hinaus- nettoflen ist. mit seinen Hauptwerken in den Kreis ihrer DerlagStätiakert gezogen hat. ist durchaus zu begrüben. S» ist nut bedauerlich, hab fle dabei auf die drucktechnisch mässige Ori­ginalausgabe der Berlagsanstalt Hermann Elemm A.-G. angewielen war. die unter dem Schutze des dreissigjährigen Autorenrechtes den Bücher­markt soweit er die lange Le hc der Naabe- schen Werke betrifft, restlos beherrscht, lieber .Abu Telsan" und den .H u nger pa st or", die uns beide in schmucken Halbsranzbänden

Zwei Bände

»Hessische Biographien".

Gleich bei ihrer Begründung betrachtete es die Darmstädter Historische Kommission als eine ihrer Hauptaufgaben, eine Sammlung von Le­bensbildern der vor Ende deS 19. Jahrhunderts verstorbenen hessischen Männer und Frauen, die dem Grossherzogtum seit seinem Bestehen (1806) kürzere oder längere Zeit angehvrl und in Kunst. Wissenschaft, Industrie, im Staatsdienst, im öffentlichen Leben oder sonst wie sich hervor­getan haben, in Angriff zu nehmen. Diese sollten sich auf alles erreichbare, gedruckte und unge­druckte Quellenmaterial stützen und in streng wissenschaftlicher, aber allgemein verständlicher Darstellung ein wichtige- und durchaus zuver­lässiges HilsSmittel für die gesamte politische. Geistes- und Wirtschaftsgeschichte. aber auch für die Familienforschung bilden. Ausführliche Der- zeichnisse der Werke der einzelnen sowohl, wie der benutzten Quellen sollten es jedermann er­möglichen, sich weiter in den Stoss zu vertiefen. AlS Bearbeiter sollten nur spezielle Sachkenner herangezogen werden.

Rüstig wurde sofort an daS Werk gegangen, und trotz der gewaltigen Hemmungen, die bald der Krieg und die ihm folgende schwere Zeit brachten, hat doch die Achrit an diesem für unser Hessenland so bedeutsamen Werke nie ge­ruht, und so liegen heute nach AuSgabe der 9. Lieserung zwei stattliche Bände von je über 500 Seiten der .Hessischen Biographien" vor uns. WaS für eine aewaltige Wenge von 6taff in diesen der Forschung zugänglich gemacht wird, aber auch zu behaglicher Lektüre einlädt, geht schon daraus hervor, dass 128 Mitarbeiter 343 Lebensläufe, die in ihrer Verschiedenheit em abwechslungsreiches buntes Bild bieten, bei­gesteuert haben Sie, selbst in Auswahl, hier vorzuführen, würde zu weit führen. Wer in die beiden Bände hineinschaut, wird erstaunt fein, welch eine Menge von klangvollen Namen auf den verschiedensten Gebieten menschlichen Denkens und Schaffens eine Zierde des immerhin kleinen Hessenlandes bilden, ganz gleich ob es sich um Wissenschaft und Kunst oder um praktische Tätig- feit, wie Politik ober Technik handelt. Und der Leser wird gar manchen Wink für sein eigenes Wirken und Schaffen den Schilderungen entneh­men können. Und mächtig muss es den Syeimatfinn anspornen, von soviel Kraft und Tüchtigkeit

den Einleitungsworten des Herausgebers soll der Almanach mit dem neuen Jahrgang in ein neues Entwlcklungsstadium tre.en. Er soll künf­tig die Ausgabe eines philosophischen Jahr­buchs erfüllen und in die'em Sinn eine Leihe von philosophischen Arbci.cn, die im allgemeinen um ein bestimmte- Thema gruppiert sein sollen, vereinigen. Der vorliegende Band istPro­blemen der WeltanschauungSlehre" gewidmet. Das Interesse der Autoren geht überwiegend dahin, mit der Tatsache der Mannigsaltigke t ge­gebener Weltanschauungen, teren jede doch einen eigentümlichen Geltungsanspruch erhebt, se.tig zu werden, diese Tatsache auS dem Wesen der Welt­anschauung heraus zu begreifen und zu recht- serligen, weiter aber auch unter Eindringen in das We'en einzelner bestimmter Weltanschauun­gen gemeinsame Züge mit anieren Weltanschau- ungen zu erkenne., und so zur Ausstellung von stets toteberlejtenfcen Typen, ja womöglich von

ihrer Gedanken, fast alle unlyrisch, unmusikalisch, häufig noch mit einem Nachklang vom Srpreif.o- nismus zwischen den Zeilen und am wohltuend­sten, am reinsten im künstlerischen Eind-nick da. wo sie. halb unwillig, halb sehnsüchtig, ab rtfl vom Motorenrhythmus und der Be.riebsamtrit der Citv. von einer grünen stillen Wiese ober einem Sternhimmel erzählen; es sinb leiber di< wenigsten, aber vielleicht g er ab 2 bie, von denen aus der Uelxrgangsstil übertoimben und eine neue Kunstweise und ein neues Weltgtfübl ge­sunden werben kann. Die, welche wir meinen unb welche für uns ben Wert der ganzen Sammlung bestimmen, heissen etwaNach der Arbeit",Wiesengesang" unb .Sommergedicht".

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Heimatkunde und heimatkunst.

Wanderungen durch Hessen vor hundert Jahren. Skizzen von F.M.Hesse- mer. N. G. Elwertsche Ber.agsbuchHandlung. G. Braun, Marburg 1927. Das Büchlein enthält, nächst einer orientierenben Einführung von Dr. Carl Hestemer, in sauberer Reproduktion 32 Skiz­zenblätter mit sehr seinen Bleistiftzeichnungen des Darmstädter Architekten unb Professors der Baukunst Fritz Max Hessemer (geb. 1800), der von 1826 an als .Daukondukteuc" in Giessen lebte und bei seinen Reisen ins Dberfürftcntum bie zahlreichen landschaftlichen und baukünst­lerischen Schönheiten des Landes in seinem Slizz enbuche feftgehaltcn und gesammelt bat Zartumrissene Stäotebilder mit Mauern. Tor und Türmen, mit Kirchen unb Ruinen vereinigt das Bändchen; bie Schmuckstücke unserer nahen unb ferneren Umgebung, wie Marburg, Hatzfeld, Biedenkopf, Wetzlar, Müiuenberg. Butzbach, Friedberg, Büdingen und Gelnhaulen hat Hesse- mers weiche Hand in Silberstiftkonturen ver­ewigt; alles mit dem Auge des Künstlers ge­lebten. mit dem sicheren Blick für malerische Wirkung, für den Rhythmus der Linienführung unb den Zusammenklang von Bauwerk und Land­schaft. Auch dem Beschauer von 1927 wird daS hundertjährige Skizzenbuch, das vom Derlag ge­schmackvoll auSgestattet ist, Freude bereiten, An­regung geben unb ein guter Reisebegleiter sein. 407

Aus Büdingens verklungenen Zeiten. Zwölf Federzeichnungen von Albrecht Liedesel Freiherrn zu Eilenbach. L. G. Elwert­sche Derlagsbuchhandlung. G. Braun. Marburg. Das Heft enthält in tadelloser Wiedergabe ein Dutzend Federzeichnungen von der Hand deS Freiberrn zu Eisenach, in denen die schönst«, und malerichsten Partien aus dem an Schmuck­stücken unb Malerwinkeln überreichen hessischen Landstädtchen: Schloss und Park. Kirche und Stadtmauer. Brunnen am Markt. Altes Gym­nasium, Steinernes Haus und Jerusalemer Tor. Die Architekturstücke zeigen eine seine unb sichere Federstrichtechnik und gelegentliche Erinnerungen an den früh verstorben en hessischen Altmeister Otto Ubbelohde. Die neue Veröffentlichung deS rührigen Marburger Verlags dürste Kunstfreun­den. Heimat» unb Altertumskennern gleicher­massen willkommen sein. ^458

Marburger Land. Nach Bildern von Karl Lenz. Herausgegeben vom Kreis­lehrerverein. N. G. Gintert, Verlag. Warburg. Preis brosch. 4 Mk. Das sehr stattlich und solid ausgestattete Heft enthält auf 42 Blättern Zeichnungen unb Malereien deS hessischen Künst­lers Karl Lenz, der hier in Giessen insbesondere durch mehrfache Ausstellungen im Kunstverein gut bekannt sein dürfte; bas Werk ist ein lleineS kulturgeschichtliches Bilderbuch deS Marburger Landes: Städtebilder und Landschaften. Bild­nisse unb Trachten. Brunnen unb Kirchen und Fachwerkhäuser geben in buntem Wechsel einen charakteristischen Eindruck von Land unb Leuten. Auch rein künstlerisch steht die Publikation aus einer erfreulichen, gleichmässigen Höhe und zeigt die syTNpachilche, heimatliche Eigenart LenzenS im besten Lichte. 406

bracht werden soll.

HanS Pichler legt eine ..Trilogie der Welt- ansck-auung" fest, damit bewährten Mustern fol­gend: ..Eine 'Weltanschauung stellt entweder den Geist übet d.e Natur, ober die Natur über den Geist, ober eS sind ihr Natur und Gkift ein Ganzes, der Geist natürlich, bie Natur geistig." Besonders eingehend spürt Paul Hofmann der ..E-rukturgrundlage" der Weltanschauungen und den Gesetzen ihrer geschichtlichen Entwicklung nach. Ohne Eingehen auf historische Besonder- beiten kämpft mit dem Problem desAnspruchs ebtoluter Geltung von Weltanschauung" Kurt Riezler. Friedrich Äainx liefert einen fünft- philo'ophi'chen Beitrag und befasst sich dem all­gemeinen Thema entsprechend mit ben weltan­schaulichen Grundlagen des künstlerischen Schas­sens. itarl Löwith handelt überNietzsche im Lichte der Philosophie von L. Klages". An- hangw i'e unterrichten über den Stand auslän­discher Philosophie die beiden Beiträge von Harry Slochower:Die Philosophie in ben Bereinigten Staaten, unter besonderer Berück­sichtigung der Gegenwart", unb Henry 3 ou r - ban: ..Französi cher Brief". DaS Jahrbuch hält sich durchweg auf erfreulicher Höhe. Wir möch­ten wünschen. dass es diesen Stand für die Zu-

vorlie«n, braucht kein Wort verloren zu wer­den Sie gehören, wie auch der .Schüdderump" und .Die Chronik der Sperlingsgalse" zu ben Kostbarkeiten deutschen Literaturgutes. Bekannt­lich werden diese Bände nur an d e Mitglieder der Deutschen Buchgemeinschaft Berlin SW 51 ausgegeben; die Mitgl edschast kann jedoch jeder­zeit gegen einen vierteljährlichen Beitrag von 3.90 Mark, wofür ein Halbleberband nach freier Wahl geliefert wirb, erworben werben 491 92

Surt Wesse Die Himmels- Ti er«. Vorgeschichte e.nos Bilbhauers. Roman 215 Seiten 8'. Deutsche Buch^Serncinschast G. m. b. H. Berlin Dies ist ein ausserordentlich merkwürdige- Buch Der Name deS Verfassers, brr übrigens srüher schon etliches veröffentlicht hat. wurde weiteren Kreisen vor kurzem dadurch bifannt, dass er enet hochdot erien beftimmu gS- gemäss unteilbaren Preis für Lyrik erhielt, den ein Berliner Bankier auSgevorsen hatte, unb durch welchen Wesse unter 2000 Bewerbern wenn wir uns recht erinnern ausgezeichnet wurde Wichtiger und bedeutsamer alS die ver­streuten Gedichte, dir man nach diesem Ergebnis da und dort zu lesen bekam, erscheint unS dieser früher er'chienene Roman mit dem sonderbaren Titel .Die HimrnriS-Tiere"; er behandelt das Problem deS schassenden Menschen da- viel­gestaltige und vielgelpaitene Problem des Künst­ler» ... da- ist nichts Neues. Er behandelt es aber so. we eS unseres Wissens zuvor noch nie­mand gc'cben unb zu gestalten versucht bat. au» der Perspektive, aus Umwelt unb Seelen­haltung bei KirrieS heraus. ®ie» ist daS Inter­essante und Reue, das Wertvolle unb zugleich unenblich Schwierige und Gefährliche in der Konzeption de» Romans; Dorgeschichte eines BilkhauerS Wesse versucht -- unb es muss an­erkannt Verben, dass bet Versuch zum mindesten einer glücklichen Lösung imponierend nahe kommt. den Werdegang die innere Sntlvick- lung und Formung des künstlerilchen Mensckcm au- frühester Unbecvussrheit de» KindseinS bis zur entscheidenden Wandlung unb ersten Offen­barung de» grossen un> zwingenden Geheim­nisse- (woraus alle künstlerische Formung fliesst) darzu stellen. d. h. alS notwendig erkennen und nachemp'inden zu lassen. In einer Reihe sehr geschlafener, in sich verbundener und g.'stufter Kapitel wird mit einem oft erstaunlich feinen Gefühl ertastet, wie fich Baustein an Baustein fügt, wie au» Erlebnis und Gedanken, Phantasie und Willen eines Her anwach'enden (von dem man zuvor mir sicht unb sühlt, wie er unge­wöhnlich etwa» Besonderes. ander» alS alle übrigen ist) endlich da» Wunder eines Menschen bildet, der ein Kunstwerk aus sich herauslöst. Wo dieS erreicht ist, bricht der Roman ab; gerade darin aber, dass er nicht ^Geschichte" ist, sondern Vorgeschichte, dass er sich an die Bewältigung dessen wagt, was viele andere, ähnliche Bücher stillschweigend voraussetzen, ist seine Eigenart unb sein Wert zu erkennen. Es braucht dabei nicht überleben und verschwiegen zu werden, dass der Roman Schwächen hat; sie liegen vor­nehmlich am Ansang, im Stil vor allem unb sind au» der Sonderart unb ben unendlich:n Schwie­rigkeiten de» Motivs sehr wohl begreislich; jeden­falls sollte sich niemand dadurch, abschrecken lassen, dieses Buch zu. lesen, denn eS ist ein ernsthafte- und mit Liebe geschriebenes Buch. 385

Carl Zuckmayer: Sin Dauer aus dem TaunuS (unb anbere Geschichten). 160 Seiten 8J. Propyläen-Verlag, Berlin. Es ist für den Referenten eine ungetrübte Freude, dies neue .und vielen wohl überraschend kommende) Bwch des rheinhefsifchen Dichter» anzuzeigen; denn es erfüllt alle Erwartungen, zu denen bie vor­hergehenden Arbeiten Zuckmayers ermutigen tonnten. Wir halten bie in bem (übrigens sehr gediegen aus gestattet en) Bande vereinigten neun Erzäbsilngen für da» weitaus Reifste abgesehen von der früher von unS besprochenen Gedicht- fammhmg .Der Baum", wa» der Dichter bis­her gegeben hat. War es schon überraschend, von ihm. ben man zuvor nur als Dramatiker kannte, einen so starken und gewichtigen Band Lyrik ausgehen zu sehen, so ist fast überraschen- der noch, zu erleben, mit welch gelassener Sicher­heit und klarer Reife er hier fein erzählerisches Können erweist. Das Erstaunlichste aber an diesem Bande ist wohl die abermals sestzu- stellende Entwicklungsspanne, die diese neue Ar- beit von Früherem trennt; künstlerisch toicgen diese Erzählungen z. B. ungleich schwerer, als jenes kecke Stück, daS der märchenhafteste Büh­nenerfolg feit Jahren war (unb wohl noch bleiben wirb), das Zuckmayer berühmt gemacht hat .Der fröhliche Weinberg". Neun Er­zählungen, unterschiedlich im Stoss wie im äusse­ren Ausmass, aber alle gleich an blühender, strotzender Fülle tiefen Erlebnisses, an Kraft der Gestaltung, einer beherrschenden Meister­schaft des StilS und litcraturfernen Eigenart sprachlicher Formung. Nichts findet man hier mehr von der modischen Blässe unb expressio­nistischen Wirrheit der (gewiss talentvoll geschrie­benen) frühen Dramen, nichts mehr von ben mannigfachen Unausgeglichenheiten des . Fröh­lichen Weinbergs" hier gibt sich schlicht, ein­fach, ergreifend ein blutwarmes LedenSgefühl im beseelten Wort zu erkennen. Vieles erinnert in der innigen und als inneres Gesetz empfundenen Naturverbunbenheit an die Gedichte im .Baum"; so die .Geschichte vorn Tümpel", das .Leben der Schwärmer" ober die überaus feine kleine Skizze von denWeinbergen bei Nackenheim", bie wie eine ernsthafte Vorstudie zum Öuftfbicl klingt. Gleiches Lebensgesichl bestimmt auch die aus wesentlich anderen seelischrn imö landschaftlichen

e Bon Martin Kessel, einem noch jungen unb aiS vor kurzem in ber literarischen Oeffentlichieit unbekannten Dichter, sinb im 2r:s- Derlage. Frankfurt a. M , zwei Bücher erschienen: .Betriebsamkeit" (Vier Novellen aus Berlin, 173 Seiten 8°) und .Gebändigte Kurven" (Gedichte, 75 Seiten 8°); Kessel, dem bei der jüngsten Kleistpreisverteilung eine sehr ehrende, lobende Anerkennung zuteil wurde, gibt mit diesen beiden Bänden, unserem Empfinden nach, ein literarisches Gegenstück zur bisher jüngsten Richtung in der bildenden Kunst, die Sachsichkeit" zu bezeichnen sich w______ in jedem Fall Ausstrahlungen

unb Formversuche eines Uebergangsstils. Der Mensch, her diese Novellen und Verse geschrie­ben hat, steht mit beiden Deinen fest in der Gegenwart -- modern sei der Poet vom Scheitel bis zur Sohlel, an den Brennpunkten tätigen Lebens, sozusagen mit Füllfederhalter und Notizbuch am Verkehrs türm auf dem Pots­damer Platz; er ist leidenschaftlich bemüht, mit dem stürmischen Tempo, dem Fortschritt unserer Zeit literarisch Fühlung zu behalten; ist in jedem Sah unromantisch, fachlich, sarkastisch, zu­weilen grotesk und immer von der Idee be­sessen. sich mit bem .Geist der Zeit", demDllde der Gegenwart, ihren äusseren Formen unb ihrer inneren Signatur auseinanderzusetzen. Was .Gegenwart" heisst, scheint sich für Kessel am unmittelbarsten in der nüchternen Betrieb­samkeit der grossen Stabt zu sammeln und wieberzusviegeln. Erlebnis der Metropole, der City Berlin, ihrer Gestallenfülle und ihrer rast­losen motorischen Schwingungen ist ihm Gegen­stand, Mittripunkt unb Ziel aller Gestaltung, gleichviel, ob er seine Eindrücke als Prosa ober Vers im Buch verdichtet. Die Erzählungen .Betriebsamkeit", sehr literarisch in ihrer geisti­gen Gebärde, im Stil stellenweise wohl von Thomas Marrn her beeinflusst, von bemerkens­werter, oft fast naturalistischer Schärfe der Be­obachtung. bemühen sich mit bet psychologischen Analyse menschlich nicht unintercssan ec Svndcr- fälle um Beiträge zur menschlichen Komödie; für die bebeutenbüen halten wir den »Spritzm- rotor" unb »Eine Frau ohne Herz". Die Ge­dichte finb entschieden eigenwillig oft eigen­sinnig. manchmal sehr wenig gebändigt in bet Kurve ihres Rhythmus unb in der Prägung

ohne Wunder, in einer gesetzmässig geordneten Welt, die ihm VorauSbest immkmg der Zukunft und Handeln aus Grund dieser Vorau-bestim- mung gestattet Nicht» bezeichnender hierfür, alS die Einstellung zur Frage nach dem Fort­leben nach dem Tode. Der Bürger versteht eS nämlich, zu leben, ohne über diese Frage mit sich ins reine gelommen zu sein, während diese Frage gerade für ben Menschen de» Mittel­er gesamten Well- und . Absichtlich find die Ge

Bezirken wachsenden Erzählungen, die .Gin paar Brocken Erde" und .Die Gechichle von ein.-r Entenjagd" benannt sind; die zuletzt erwähnte, eine Novell« von ungemeiner Zartheit dos Emp- sindenS und erzählerischer Geschlossenheit, klingt übrigens im Atmosphärischen der nordischen Sze- neric an manche Stücke der lyrischen Sammlung wieder an. Räumlich und stoss sich noch ferner als jene steht wohl bem deutschen fieber die .Ge- schichte vom Lappenvogt Baal", eine skandina­visch-heidnische Vollssage von düsterer Eindring- lichkeit. Die stärksten unb man darf ^pohl sagen: ergreifenden Eindrücke gehen endlich von der ersten unb der letzten Erzählung des Buches au8; sie sind beide geboren au» dem Erlebnis des grossen Krieges, und wir müssen gestehen, nur weniges im zeitgenössischen Schrift­tum zu kennen, wo derartiges Erlebnis, daS unS ja wohl alle irgendwie erfasst ober doch gestveift hat. mit ähnlicher Unmitielbarkeit, Not- wendigkeit und seelischer Gewalt ausgesprochen worben wäre. Die beiben Geschichten berichten

ben Preis Mazedonien» zu erreichen unb scheiterte an dein Einspruch Serbiens, l&ir der Erfolg der divlomatischen Bearbeitung Bulgarien» und der Türkei von vornherein sehr zweifelhaft, so lagen die Dinge bei Rumänien unb Italien vorn psycho­logischen Standpunkt au» ganz anbfr». Die Entente konnte hier mit einem gewissen Willen, gegen bie Mittelmächte lo»zuschlagen, rechnen. E» handelte sich nur darum, den für bie Entente günstigsten Zeit­punkt zu bestimmen, zu bem bie beiden Staaten zur Beteiligung am Kriegezugelassen" werben sollten, fowie barum. ben für bie WassenhUs« geforderten Preis möglichst zu drücken. Die Berhanblungen be­stehen in einem würdelosen Feilschen um grosse, kleine unb kleinste Gebietsteile und Inselchen zwi­schen der Entente unb ben betreffenden Staaten einerseits und zwischen den Ententemächten unter- einander andererseits. Die Interessengegensätze zwi­schen den Westmächten und Russland treten beson­der» schroff bei ben Verhandlungen mit Italien zu­tage. dessen Ansprüche auf bie Adriagestade von England und Frankreich begünstigt, von Russland mit Rücksicht auf die werben bekämpft werden. Durch unverhüllte Drohungen haben die West­mächte es verstanden, Russland zum Rachgedcn. sowohl Rumänieu wie Iwlien gegenüber zu brin­gen. Bei der gegenwärtig neu auflebenben Kriegsschulddebatte wird man bie vorliegende Pu­blikation nicht oergesten dürfen. 4b2

.Der Prozess Louzier". Etne An­klageschrift gegen da» Unrecht der Besetzung, be­arbeitet auf Grund der Prozessakten. Otto Stoll- berg. Verlag für Politik unb Wirtschaft. 03:r- lin SW. 68. Das Urteil des französischen M li- tärgerichtS in Landau, da» den sranzösischen Ossizier freisprach der drei wehrlose Deutsch- mitten im Frieden ohne jeden Grund meuchlings nebcrfnallte, ist ein so schwerwiegendes Argu­ment gepen das System der französischen KriegS- gerichtSbarkeit wie gegen daS Unrecht derBe­legung überhaupt, dass e» im Kampf um Deutsch- l'nds Freiheit nicht äusser acht gelassen toerbvn sollte. Die vorliegende Broscbnve gibt ein« ein­

wandfreie Darstellung des Verhandlungsgange» auf Grund der Proz ess all en und bet Derharrd- lungsprotokolle. 481

Ki , ky Wilhelm: Der Nam« de» vormaligen preussischen Königs­hauses. (1. Ausl.) Berlin: Deutsche Berlage- gesellschaft für Politik unb Geschichte m. b. f). 1927. Preis steif kart. Mk. 3.25. Die Untersuchung Kisky» über die Namenführung bei den Mitglicbern des brandenburgisch-vreussischon Königshauses und seinen Vorfahren crgivt. dass bei der fränkischen Linie

2 " ' Nürnberg un^ Mark­

grafen von Branbenöurg. der Name Hohenzollern unbekannt war, und dass als Familienname feit der Annahme der Königswürde nur Prinz und Prin- zeffin von Preussen in Bettacht kommt. Auf Grund der Reichsoerfaffung unb der preussischen Gesetz­gebung ist daher der gesetzliche Name der Mittlieder des ehemaligen königlichen Hauses kein anderer als: Prinz oder Prinzessin von Preussen, unb zwc bei Voranstellung des Vornamens. Also z. B. Wilhelm, Prinz von Preußen, Eecilie, Prinzessin von Preussen. <27

Reichls philosophischer Alma­nach. herauSgegebe, von Erich Aothacker. Band 4 Probleme der Wellanschauungslehre. Darmstadt 1927. 517 Seiten. 12 Mk. Nach

LebcnSanschauung war.

banlengänge die es ersten Aussätze» etwa» au»' sührlicher wicde.se zcben, um erkennen zu lassen, mit welcher Art philosophischer Betrachtung wir c» zu tun haben. Die übrige Untersuchung gilt es etwaS kürzer zu lennzeichnen. womit im übrigen keine geringere Wertschätzung zum Ausdruck ge-