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Nr. 207 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Montag, 5. September 1927

Weltwirtschaft und deutsche produfticm.

Don Reichswirtschaftsminister Dr. C u r t i u s*).

Nachdem Deutschland durch Ueberwindung der alle Verhältnisse umwerfenden Inflation und durch Ablauf des Zwanges zu einseitiger Meistbegünsti­gung und zur Goldwährung zollsreier Kontingente seine handelspolitische Freiheit wieder­gewonnen hatte, hat es sich in der Richtung ein­gestellt, die nunmehr durch die Weltwirtschafts­konferenz allgemeine Billigung gefunden hat. Es hat in der letzten Inflationszeit, nach der Stabilisierung und in den ersten Handelsverträgen mit Belgien, England und Italien das System der Ein- und Aus­fuhrverbote bis auf wenige, im wesentlichen durch die entgegengesetzte Wirtschaftspolitik anderer Staa­ten bedingte' Ausnahmen beseitigt und sich auf Grund der in der Zolltarifnovelle den vergröberten handelspolitischen Sitten angepaßten Derhandlungs- zölle bemüht, zu Meistbegünstigungsver- t rügen auf breiter Tarisbasts zu gelangen. Dies ist gegenüber vielen Ländern auch gelungen. Deutsch­land hat sich dabei nicht durch den sehr bedenklichen Umstand schrecken lassen, daß die Währungen ein­zelner dieser Länder noch nicht stabil waren und der Abschluß solcher Verträge deshalb ein nicht un­gefährliches Wagnis bedeutete. Es ist nicht Deutschlands Schuld, daß es nicht gelang, mit allen für Deutschland wichtigen Ländern zu Handelsverträgen zu gelangen, daß infolgedessen ein erheblicher Teil der zu Derhandlungszwecken ein* geführten Zollsätze in ihrer autonomen Höhe längere Zeit in Geltung blieb und damit die deutschen Zoll­mauern an einzelnen Stellen über das bei Ver­abschiedung der Zolltarifnovelle als dauernd ge­dachte Maßnahme bestehen blieb.

Inzwischen ist es gelungen, durch den Abschluß des deutsch-französischen Handelsver­trages wieder einen Schritt in der Richtung ver­ständiger europäischer Handelspolitik zu tun. Der Inhalt des Vertrages ist gewiß nicht in allen seinen Teilen voll befriedigend, weder für uns, noch auch für Frankreich. Aber man darf feststellen, daß auf beiden Seiten die Genugtuung über die nach dreijährigen schweren und wechselvollen Derhand- iungen erzielte Verständigung das Mißbehagen über nicht voll erfüllte Hoffnungen weit überwiegt. Für mehr als diese mit ein bißchen Resignation gemischte, wenn auch vorbehaltlose Zustimmung fehlen zwischen den beiden Völkern, wenn man die sonstigen noch offenen Fragen in Betracht zieht, noch wesentliche psychologische Voraus­setzungen. Auf dem Wege zu einer gesunden europäischen Wirtschaftspolitik ist der abgeschlossene Vertrag aber zweifellos ein Fortschritt. Von den drei Anforderungen, welche an gesunde Han­delsverträge gestellt werden müssen und die in dieser Weise von der Weltwirtschaftskonferenz gestellt wur­den, sind zwei erfüllt: Die allgemeine und bedin­gungslose Meistbegünstigung wird wechsel­seitig zugesagt: die dieser Meistbegünstigug noch anhaftenden Schönheitsfehler werden nach einigen Monaten automatisch verschwinden. Ferner werden beiderseits auf breiter Front vertragsmäßig gebun­dene Herabsetzungen der bislang im wechsel-^ seitigen Verkehr erhobenen Zölle emgeräumt. Was die Dauer des Vertrages anlangt, so liegt ein wesentlicher Fortschritt darin, daß mit ihnen die Periode auf wenige Monate beschränkter Prom- sorien überwunden ist. Der Vertrag ist zwar juristisch nicht langfristig, sondern auf unbestimmte Zeit geschlossen. Die vorbehaltenen Kündigungs­möglichkeiten entsprechen aber im wesentlichen dem, was bei europäischen Tarifverträgen üblich ist. Die von der Weltwirtsck-aftskonserenz empfohlene Lang­fristigkeit der Handelsverträge wird das schließliche Ergebnis, nicht der Beginn handelspolitischer Kon­solidierung Europas sein.

Mit dem Abschluß dieses Vertrages haben sich die deutsche und die französische Regierung gemein- am auf den Boden der Beschlüsse der Weltwirt- chastskonferenz gestellt und für die Kon- olidierung der europäischen Wirtschaftspolitik alles getan, was durch einen auf zwei Länder befchränk-

*) Aus der Rede des Ministers auf der Tagung des Reichsoerbandes der deutschen Industrie in Frankfurt a.M. D. Red.

Bei der Sibylle in Lumä.

Don Gustav W. Eberlern (Rom).

Dor einiger Zeit drang die Kunde nach Rom, daß man endlich das Geheimstübchen der großen «Seherin entdeckt hatte, die Retorte, in der die klassische Geschichte Roms gebraut wurde, das Amtszimmer der sibyllinischen Bücher. Ich machte mich auf den Weg, der ehrwürdigen Dmne einen Besuch abzust alten, um mir auf diesem nicht mehr ungewöhnlichem Wege die Zukunft weis­sagen zu lassen, das berühmteste der berühmten Orakel zu hören, den Ausgang des nächsten Krieges zu vernehmen, kurz, um sie zu interviewen.

Meerwärts drehn sie die Schnäbel der Schisse, mit fassendem Zahne beißt der Anker den Grund, ich schwing mich mit freudigem Eifer an den hesperischen Strand . .

Dank dir, Vergil, für dieses Vademecum. So weiß man doch, wie man sich zu verhalten hat. Heilige Höhen" müssen da fein, ., ausgehauen zur Höhle das Herz des euböischen Felsens: hundert geräumige Gänge und Mündungen lei­ten zum Innern, hundersach durchrollt sie Getön Orakel Sibhllas."

Das konnte nicht schwer zu finden sein. Ich steckte den Dadeker ein und verlieh mich ganz auf die Fähigkeiten des guten Professors Maiuri, des trefflichen Mamres, der Pom­peji ausgegraben, bei Herkulanum eben ange- fangen und die Grotte der Sibylle entdeckt oder vielmehr aufgedeckt hat. Das war nun ungefähr so wie bei dem Mausoleum Jubas in Algerien oder bei einem verschütteten Stollen des Welt­krieges: man stand davor, fand aber den Zugang nicht. Steil, gelb wie Sonne, hoch oben von Grün überwuchert, Wandhaft steht der euböische Fels vor dem unheimlich satten Blau ringsum, das kein anderes zu sein scheint als das Blau zu Füßen, das Blau des Sagengolfes von Reapel. Trümmer auf den heiligen Höhen, Trümmer der Arx, der Götterburg, des Apollotempels. Seit Jahrhunderten wuseln die Eidechsen darauf her­um, schauen den Fremdling ohne Angst unver­kennbar neugierig im, Marmorgötter bemühen sich t>ergcbli<f'»-.ivn etwas mehr Zurückhaltung und Würde 'sühloär nah ist man dem Olymp und auf alle Fragen antwortet dasselbe feier­liche Schweigen. Wo aber ist das Herz? Das

ten Handelsvertrag geschehen kann. Wenn die klare Entschlossenheit, mit der die Reichsregierung sich hinter die Konferenz gestellt hat, hier und da als unbedachte Voreiligkeit getadelt worden ist: Soviel steht wohl schon jetzt fest, daß die von vielen Seiten befürchtete Isolierung Deutschlands in dieser Politik nicht eingetreten ist. Nun wird es an den anderen Ländern Europas fein, sich der Be­wegung anzuschließen, die an innerem Gewicht durch den zwischen Deutschland und Frankreich erzielten zollpolitischen Ausgleich mehr gewonnen hat, als durch die .zunächst akademischen Empfehlungen der Weltwirtschaftskonferenz. Das Handelsver­tragssystem Europas ist noch nicht ab­geschlossen, denn der deutsch-französische Ver­trag bedeutet auf dem Wege zum Ziele nur eine bedeutsame Etappe. Es werden, daran ist nicht zu zweifeln, weitere Verhandlungen Frankreichs mit dritten Ländern folgen, und auch für Deutschland bleibt noch vieles zu tun. Erst das Gesamtergebnis wird über Erfolg oder Mißerfolg der von der Welt­wirtschaftskonferenz geförderten Bestrebungen zur Wittschaftssolidarität Europas entscheiden.

Für Deutschlands Anteil an der Weiterentwick­lung eröffnen der abgeschlossene Vertrag mit I u g o- s la wien sowie die in gutem Zuge befindlichen Verhandlungen mit der Tschechoslowakei durchaus erfreuliche Aspekte. Auf die Regelung un­serer wirtschaftspolitischen Beziehungen zu der Tschechoslowakei kommt für die künftige Entwick­lung der europäischen Jndustriewirt- schäft außerordentlich viel an. Nach der Haltung, welche die tschechoslowakischen Wirtschaftskreise gegenüber den Genfer Empfehlungen einnehmen, und nach dem bisherigen Verlauf der amtlichen Ver­handlungen haben wir begründete Hoffnung, daß wir zu einem Vertrage gelangen, der eine weitere bedeutsame Etappe zu dem uns vorschwebenden Ziele dar stellt. Es würde der erste große Tarifver­trag zwischen diesen benachbarten, stark auseinander angewiesenen Wirtschaftsgebieten fein, die bisher im reinen Meistbegünstigungsverhältnis zueinander ge­standen haben. Die Bedeutung der Aufgabe liegt auf der Hand.

Eröffnet somit die jüngste Vergangenheit und die nächste Zukunft günstige Aussichten auf die weitere wirtschaftspolitische Entwicklung Europas, so dürfen wir doch nicht verkennen, daß auch Mo­mente zutage treten, die weniger günstig sind und dartun, daß die in Genf empfohlenen Richtlinien noch nicht in allen Ländern zu einer klaren Orien­tierung der Wirtschaftspolitik geführt haben. Wir werden uns nicht durch freudige Gefühle über er­reichte Fortschritte in Sicherheit wiegen lassen. Wir werden die Augen nach allen Seiten offenhalten und entgegengesetzte Tendenzen, die hier und da wirksam sind, mit größter Aufmerksamkeit ver­folgen und abzuwehren versuchen. Wir werden uns bei Fortführung unserer Politik stets der Gefahren­punkte bewußt bleiben, die den uns vorschwebenden Erfolg beeinträchtigen könnten. Daß sie uns nicht unbekannt bleiben, dafür sorgt mich schon die uns stets fürsorglich umgebende Kritik der Wirtschafts- führer. Sie werden mich für eine sachliche Kritik unserer Regierungshandlungen stets zugänglich fin­den. Aber etwas von dem, was Sie für sich im Be­reiche Ihrer Ausgaben in Anspruch nehmen, darf ich auch für uns von Ihnen erbitten: Etwas Vertrauen in die Produktivität verantwortungsbewußten Un­ternehmermuts.

Der fortschreitende Ausbau unseres Handelsoer- tragsfnjtems wird dem Deutschen im Ausland und dorn Ausländer in Deutschland die Möglichkeiten friedlichen Wettbewerbs in gesteigertem Umfange erschließen. Es wird auf diese Weise das Wirt­schaftsgebiet, auf dessen Bedarf sich der ein­zelne Wirtschafter bei seiner Gütererzeugung ein­stellen darf, erroeitert. Beim Fortschreiten der ver­traglichen Beziehungen werden damit auch für Eu­ropa Produktionsweisen nutzbar, wie sie bisher nur in dem großen einheitlichen Wirtschaftsgebiet jen­seits des Atlantffchen Ozeans mit Erfolg verwendet werden konnten. Andererseits stellt die Möglichkeit gesteigerten Wettbewerbs auch an den einzelnen betrieb und an die nationalen Wirtschaften im

Herz des euböischen Fessens? Schlägt es noch? Antworte, Sibylle!

Genug, der Tag kam, wo einer das Sesam- wort fand. Durch einen Zufall stieß man vor zwei Jahren auf einen Zugangsstollen und gleich auf den richtigen. Schritt um Schritt wich vor den fiebernden Händen der Eindringlinge das Geheimnis zurück, das zeitgewalttge. Das Herz des Felsens lag gerade unter dem ApoUotempel, die kluge Sibylle stand in direkter Derbindung mit dem Gott. And damit, Gott fei's geklagt, mit der Regierung. Aeneas hat das nicht wissen können. Im Zeitalter der Ozeanflüge braucht man aber nicht mehr so zimperlich zu sein, nennen wir die Dinge ruhig beim Aamen.

Ein frommer Schwindel, nehmt alles nur in allem Ich vermute, daß die Römer in ihrer Liberstadt die Sache einfach nachgemacht haben, wie alles Griechische. Cumae, die älteste Grie- chensiedelung in Italien, wurde zum Ausgangs­punkt des römischen Reiches, Vergil in Cumae zum Lateiner, die Sibyllen in Rom zu den Vestalinnen. Wie die Grotte, von der wir spre­chen, mit dem Apollotempel, so stand der Desta­tempel mit der Regia, dem königlichen Hause, in Derbindung. Die Weisheit des Herrschers wurde mit der der sibyllinischen Bücher, die bei allen großen Gelegenheiten befragt werden muß­ten, auf ganz ähnliche Weise in Einklang gebracht, wie der Orakelspruch der Seherin mit dem Willen des Volkes. Wenn der Cäsar im Kolosseum den Daumen nach abwärts drehte, so war das durchaus nicht ein Ausfluß persönlicher Grau­samkeit, sondern eine wohlüberlegte Regierungs­handlung, mit der er zeigte, wie gut er immer den Geschmack seines Volkes zu treffen wußte. Der Kaiserloge gegenüber lag nämlich die Loge der Vestalinnen und diese konnten infolgedessen auch das sehen, was hinter dem Rücken des Herrschers vorging, gedacht und gewünscht wurde. Im entscheidenden Augenblick ließ der Cäsar den fragenden Blick zur Vestalinnenloge gleiten, die Damen dort sahen sich um, ob die Mehrheit der Zuschauer den Daumen auf- oder abwärts richtete und je nachdem gaben sie das Zeichen, das dann von dem erhabenen Herrn über Leben und Tod nachgemacht wurde: autokratisch ver­kleidetes Mehrheitssystem.

Der cumäischen Sibylle ist es seltsam ergangen, immerhin war der Mann, der wir ihren .Fall"

ganzen höhere Anforderungen. Ein abgeschlossener Markt führt das haben wir während der In­flation zur Genüge erfahren leicht zu einer Ver­schlechterung des Produkts und zu einer Verwilde­rung der Handelsfitten. Keinem Volke, das sei es freiwillig, fei es durch die Umstände vom Welt­märkte abgeschnitten worden ist, ist diese Erfahrung erspart geblieben. Auf die Dauer können aber die Wirtschaften Europas nur dann ihre alte Höhe be­halten, wenn sie sich auf die Erzeugung hochwertiger Qualitätswaren einstellen, denn es haben wie verschiedentlich dargelegt worden sst und wie die Außenhandelsziffern deutlich erneut beweisen diejenigen Völker, die früher Europas Massenartikel abnahmen, schon vor dem Kriege, aber in höherem Maße während der Kriegszeit, selbst gelernt, diese Waren, vielleicht noch in einer geringeren Qualität, herzustellen. Das, worin die Ueberlegenheit der gro­ßen europäischen Industrieländer weiterhin beruht, sind gerade die für die Herstellung der Qualitäts­waren erforberlidjcn Eigenschaften und Erfahrungen ihrer Bevölkerung, die sich trotz aller fortschreitenden Mechanisierung nicht innerhalb kurzer Zeiträume einholen lassen. Es ist dieses erfinderische Begabung, eine technisch-wissenschaftlich geschulte Mittelschicht und eine in Generationen entwickelte hochstehende Facharbeiterschaft. Diesen Vorsprung europäischer Wirtschaften zu erhalten, ist eine gemeinsame Auf­gabe aller an diesen Wirtschaften beteiligten Länder.

Aber nicht nur in der Wirtschaft selbst müssen die Voraussetzungen gegeben sein, um ein Höchst­produkt deutscher Leistungsfähigkeit zu erzielen. Auch die großen, dem Reiche gehörenden Verkehrs­anstalten der Bahn und der Post müssen das ihrige beitragen, um den Absatz dieses Produktes zu erleichtern. Und schließlich muß auch in her Ver­waltung des Reichs, der Länder und der Ge­meinden, die sämtlich mit der Wirtschaft in enaftcr Fühlung arbeiten, der Qualitätsgrundsatz verwirklicht werden. Er wird der kommenden Ver­waltungsreform zugrunde liegen, die von dem Gedanken getragen sein muß, nicht viel, aber erftt (affige Äegierungsarbeit zu leisten. Der einheitliche Wille aller Teile der Be­völkerung zur Verwirklichung dieses Ideals wird auch die ungeheuren Schwierigkeiten überwinden helfen, die sich aus historisch gewordenen Verhält­nissen und menschlich verständlichen Empfindungen ihr heute noch entgegenstellen. Es kommt darauf an, alle diese für das gesamte Staatsleben wichtigen Reformen so zu gestalten, daß die materielle Last, die sie der Wirtschaft auferlegen, auf ein Mindestmaß zurückgeführt wird. Es mutz er­strebt werden, die heute erschwerte und noch stark zersplitterte Kapitalbildung in Deutschland wiederum zu erleichtern und zu vereinheit­lichen. Gelingt es, der heute zum großen Teil auf Leihkapital auf gebauten Wirtschaft wiederum eine starke Grundlage von Eigenkapital zu verschaffen, so wird es ihr ermöglicht, an

Aufgaben heranzugehen, die sie heute, mit fremdem Gelbe arbeitend, als zu riskant ablehnt, und sie wird gleichzeitig widerstandsfähiger gegen die Fol­gen van Konjunkturrückschlägen, die dann, wenn auch seltener, immer noch austreten werden. Ver­flechtung in die Weltwirtschaft und Bildung eigenen Kapitals sind die beiden großen Aufgaben, die die deutsche Wirtschaftspolitik der nächsten Zukunft lösen muß.

Aus dem Hessischen Landtag.

Abg. Dr. Leuchtgens und die Fraktion des Bauernbundes haben im Hess. Landtag die fol­gende Anfrage eingebracht: In der 125. Sitzung des Hessischen Landtags 1924/27 am Donnerstag, den 2. Juni 1927, hat der Vertreter des Justizmini­sters bei der Erörterung des Falles P u f ch erklärt, daß der Amtsrichter Dr. Karl Pusch wegen Rechtsbeugung", dieobjektiv einwandfrei" vom Landgericht Gießen und Darmstadt feftgestellt wurde, zur Mindeststrafe von einem Jahr Zuchthaus verurteilt worden fei und daß die Revisionsinstanz dieses Urteil bestätigt habe. Nachdem sich aber zwei psychiatrische Stellen" gegen dieZurech­nungsfähigkeit des Herrn Pusch" ausgesprochen hät­ten, sei Herr Puschwegen strafrechtlicher Unzurech­nungsfähigkeit" freigesprochen worden. Herr Dr. Karl Pusch veröffentlicht-nun imBüdinger All­gemeinen Anzeiger" (Nr. 96 vom 18. August l. I.) folgende Anzeige:Aus Zellenstrafanstalt und Irrenhaus mit reichen Erfahrungen wohlbehalten zurück, habe ich mit behördlicher Zulassung wieder mein Rechts- und Wirtschaftsbureau eigenen Na­mens eröffnet, und bitte, das mir früher geschenkte Vertrauen auch weiterhin entgegenzubringen. Ge­mäß Abkommen der Rechtsbeistände darf ich in Rechtssachen nur halbe Anwaltsgebühren berech­nen. Ortenberg (Hessen) Dr. Karl Pusch." W i r fragen an: ,Lst es richtig, daß eine Behörde einem strafrechtlich Unzurechnungsfähigendie Zu­lassung" zur Errichtung eines Rechts- und Wirt- schaftsbureaus gegeben hat, und bejahendenfalls, welche Behörde?"

Abg. Wolf (Bbd.) hat im Hess. Landtag in einer Anfrage darauf hingewiesen, daß in Bo- benhausen (Kreis Büdingen) der Gemeinderat beschlossen habe, die diesjährige Kirchweih nur in einer Wirtschaft zu feiern, und zwar bei einem Wirt, der seit Jahren die Feier.nicht abgehalten habe. Das Kreisamt fei dem Beschlüsse beigetreten. Ein anderer Wirt, der erklärt habe, einen guten Freund im Ministerium zu haben, hätte in der Tat vom Innenministerium ebenfalls die Er­laubnis zur Kirchweihfeier erhalten. Abg. Wolf fragt an:Was gedenkt die Regierung zu tun, 1., um solche verwaltungsrechtliche Mißstände zu beseitigen: 2. um die Autorität der Lokalbehörden gegenüber Uebergriffen des Ministeriums zu schützen?"

Turnen, Sport und Spiel.

Städte-Achter-Wettkampf Metzen - Wetzlar.

Vom Wetter begünstigt wurde gestern 'nach­mittag auf der Lahn bei Gießen der Städte- Achter-Wettkarnpf GießenWetzlar um den Im vorigen Jahre von den Städten Gießen und Wetzlar gegebenen Achter-Wan- derpreis ausgetragen. Um den Preis war im vorigen Jahre zum erstenmal gerungen wov- den: damals trug die Achtermannschaft der Gießener Ruder-Gesellschaft 1877 den Sieg da­von, die ihn gestern zu verteidigen hatte.

Bei dem gestrigen Ruder-Wettkampf befand sich die Gießener Ruder-Gesellschaft 1 87 7 von vornherein insofern in einet ungün- stigen Position, als zwei der trainierten Ruderer am Samstag infolge Erkrankung aus der Karnpf- mannschaft ausscheiden und durch zwei untrai­nierte Leute erseht werden mußten, ferner noch ein Mann mit einer am Samstag erlittenen Handverlehung zu tun hatte. Trotzdem hielt sich die Mannschaft sehr wacker, konnte aber diesmal den Sieg nicht erringen. Am Start beim Felsen

erschienen zu dem Remren über die etwa 2000 Meter lange Strecke: Verein Rudersvort Gießen 1913, Wetzlarer Ruderklub 1880, Gießener Ruder-Gesellschaft 1 8 7 7. Dom Start weg lag die Wetzlarer Mann- schäft bereite in Führung, die sie allmählich auf etwa eine Länge ausdDnen konnte. Bei 1000 Meter lagen die beiden Gießener Vereine auf gleicher Höhe eine Länge hinter Wetzlar. Dann ging das Rennen um den Sieg immer mehr zwischen den Wetzlarern und der Gießener Ru­der gesell schast, während der Verein Rudersport weiter zurückblieb. Kurz vor dem Ziel beim Bootshaus der Gießener Rudergesellfchaft er­reichte der Kampf seinen Höhepunkt, jedoch konn­ten hierbei die Wetzlarer ihren Vorsprung noch etwas vergrößern, so daß sie mit einer guten Länge vor der Gießener Rudergesellschaft als erste durchs Ziel passierten, echeblich Hintes der Rudergesellschaft zurück kam der Rudersport als dritter durchs Ziel.

Ergebnis: 1. Wetzlarer Ruderklub 1880: 6,39; 2. Gießener Rudergesellschaft 1877: 6,43.4; 3. Verein Ruderport Gießen 1913: 6,57.

zu danken haben, fein Rero, sondern ein wirk­licher Gott, Apollo selber. Lange widerstand sie feinen stürmischen Werbungen in ihrer griechi­schen Heimat Erythrae, endlich gab sie nach unter Der Bedingung, daß er ihr so viele Jahre Leben gewähre, als sie Sandkörner in einer Hand hal­ten könne. Apollo lachte und sagte Ja. Er hatte sich natürlich, wie immer in so scheinbar einfachen mathematischen Fällen, gründlich ver­rechnet beim Rachzählen ergab sich, daß seine Geliebte steinatt werden würde, so alt, daß ihr der undankbare Galan auferlegte, nun aber un­verzüglich abzureisen und sich nie mehr in Ery­thrae blicken zu lassen. So kam die SibhUe nach Italia und Cumae. Dori zog sie sich in die nachher so berühmt gewordene Grotte zurück, schrumpfte mit jedem Sandkorn ein bischen ein und schließlich blieb gar nichts mehr von ihr übrig als die Stimme, jene Stimme aber, mit der sie die ganze Welt in Atem hielt. Rach einer anderen Lesart sollen ihr einmal die Gott weih warum erbosten Erythräer einen mit einem Kreidesiegel versehenen Brief übersandt haben, bei dessen Anblick sie tot umfiel. Diese Auf­fassung kann ich jedoch nicht gelten lassen, weil ich sonst mein Interview nicht zustande brächte.

Dort, wo der erste Meerflieger, wie jeder Pennäler weiß, eine Rotlandung vornahm, dort, woüber der chalcischen Burg stand endlich der schwebende Künstler", dort ist jetzt eine das Ereignis verkündende Marmortafel in den Fels eingelassen worden, und dort steigt man nun hinunter in das Heiligtum, in derschaudernden Wohnung Geklüft". Ich muß sagen, die sandalte ,2lhnerin kommender Dinge" hätte sich keine geeigneteren Arbeitsräume aussuchen können. Dunkel jeder Sorte, mystisches, weihevolles, furchterweckendes, Halbdunkel, Rembrandtdmckel. Höhlen für jeden Geschmack, tiefe, hohe, grund- und endlose, hallende, klingende, lautlose, Schächte und Stollen. Man konnte unmöglich wissen, wo­her die Stimme kam, die kein irdischer Mund mehr gebar. Es ist auch gut möglich, daß alle zugleich, alle hundert Gänge und Mündungen das Getön des Orakels durchrollte. Jedenfalls haben wir merkwürdige Verbindunasröhren und sonderbare Schalltrichter gesunden, eine Art Laut­sprecher. Technisch betrachtet, verkündete die Si­bylle also das Wort wie heute der Pontifex in der Peterskirche.

Wie der Geist in die Seherin drang, der Gott von ihr Besitz ergriff, daß sie redete, nicht in geordneten Locken das Haar, nein, keuchend der Busen, heftig in Wut aufschwellend das Herz", wie betBändiger der Empörten das Herz zwang", den jungfräulichen Mund, das haben die Lichtschächte ans Licht gebracht. Durch unvollkonnnen gedrehte oder durch Erd­beben erweiterte stürzten nämlich die Statuen des Apollotempels herunter in die Orakelhöhle und da liegen sie nun, schändliche Verräter eines Staatsgeheimnisses, Hochverräter. Cs gibt über­haupt so manche dunlle Punkte und Widersprüche im Leben der Sibylle. Doch das sollen die Ge­lehrten unter sich ausmachen, Hauptsache, die Sibylle war da! Ich erfaraite sie sofort an ihrem Peplos, dem malerisch um die Schulter geworfe­nen Wollgewand, wenn sie auch etwas anders aussah als auf Dem Porträt, das Michelangelo von ihr für die Sixtina gemalt hat. Sie stand aufrecht, stark und rundhüstig Da, ein geradezu vorbilDliches Zwielicht fiel auf ihre Gelassenheit, Den Kopf hatte sie, ich weih nicht wie, verloren. Das schadete aber nichts, mich interessierte ja nur Die berühmte, mundlose Stimme. Jetzt war die Mündung erreicht:

Fordert das Schicksal!" So rief sie aus. (Aeneide, 6. Gesang.)

Ich war, wie es sich für den gewaltigen Ort und Augenblick geziemte, etwas verwirrt, mur­meltelibri sybillini, libri fatales und erging mich, als ich die Fassung wieder gefunden, in metrisch nicht immer einwandfreien, akrostichisch abgefaßten Versanfragen. Da erkannte sie, daß ich einer vom Bau war unb antwortete ebenso. Wir unterhielten uns ausgezeichnet. Ich wagte es schließlich, durchblicken zu lassen, daß man einen gewissen Zusammenhang zwischen ihren Sprüchen, Dem Apollotempel Droben und Der Regierung herausgefunden habe, worauf sie schnippisch zurückgab. ob es bei uns viel anders sei. Ich werde das in Die Zeitung schreibe^ sagte ich. Das könne ich tun, meinte sie, aber ob es sich lohne? Zeitungsblätter!

Rur nicht Blättern vertraue Deine Artikel, Daß nicht, WinDen ein Raub, sie verwirrt Durcheinander zerfliegen!"

Ach. liebe Sibylle, Das ist nun einmal das Los aller Zeitungsartikel. Auch diesem geht es nicht anders.