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Nr. 3 Zweites Blatt
Die Wenden.
Der nachfolgende Aufsatz ist von beson- derein Interesse im Zusammenhang mit unserer kürzlichen Meldung von einer Propa- gandaoersammlung für die Wenden in Belgrad. D. Red.
Kürzlich erschien ein recht bemerkenswerter Aufsatz über die Wendensrage unter dem Titel „Ein Volk, das bestimmt ist, unterzugehen: die Sorben" aus der Feder von P. de S L o a u x in der in Paris erscheinenden katholischen Tageszeitung „ßa Croix". Sevaux ist Sprachwissenschaftler, der sein Interesse aber auch internationalen Fragen zuwen- det; er kämpfte stets für die religiöse und kulturelle Freiheit der Minderheiten. Angeregt durch die Bücher „Un peuple martyr" von Bierset und „Die Wenden" von Schmidt unternahm SLvaux eingehende Untersuchungen in den wendischen Gebieten Preußens und Sachfens, die in der internationalen Welt so viel mehr genannt werden als in der deutschen Presse. Er sagt:
„Um unter allen Umständen objektiv zu bleiben, fragte ich Personen in jeglicher Stellung. Ich lietz mir manchmal vollkommen entgegengesetzte Gedankengänge oortragen und sprach mit Priestern, Lehrern, Beamten, Bauern, Handwerkern usw. ohne Unterschied der Religion oder der politischen Einstellung."
Ssvaux verzichtet auf geschichtliche Untersuchungen und beschränkt sich auf die Schilderüng der Heu- tigen Lage. Er glaubt in Vergangenheit und Gegenwart scharf zwischen den Wenden der Oberlnusitz und der Rioderlausitz unterscheiden zu müssen, welche durch ein rein deutsches Jnduslriereoier getrennt seien. In der sächsischen Obcrlausitz glaubt er „ein noch lebhastes nationales Gefühl" zu bemerken, besonders im katholischen Volksteile, der etwa ein Drittel ausmache, während in der preußischen Niederlausitz, in der protestantischen wendischen Bevölkerung dieses Gefühl fast völlig erloschen sei. Wörtlich führt er aus:
„Die in jeder Hinsicht wohlwollende sächsische Regierung trägt den Wünschen der Wenden (Sävaux sagt ßnmer Sorben) bezüglich ihrer Sprache und ihrer Gebrauche voll Rechnung. So vor allem in den zweisprachigen Schulen (die Elternausschüsse, welche den Charakter der Schule bestimmen, ziehen freilich in steigendem Maße rein deutschen Unterricht vor), in denen das Wendische in den unteren Klas- ien vorherrscht, mindestens aber drei Stunden in er Woche einnimmt. In Preußen verhalten sich die Behörden weniger aktiv, ohne daß man freilich im mindesten von Unterdrückung, ja selbst nur von Nichtbcgünsiigung (döfaveur) sprechen könnte. Der große Unterschied gegen Sachsen liegt darin, daß die drei Wochenstunden, die dem Wendischen gewidmet sind, außerhalb des gewöhnlichen Klassenunterrichts erteilt werden uno nicht obligatorisch sind. Es kommt noch hinzu, daß nur ganz obesonders eifrige Wenden (les Sorbes ardents) ihre Kinder hinemschicken. Gläubige Protestanten in der Nieder- lausitz wünschen, daß wendische Kinder in rein deutschen Schulen wenigstens die Bibel aus wendisch lesen lernen. Im übrigen bemühen sich mehrere ye- wiisenhafte Pastoren oft deutschen Ursprungs, hier Abhilfe zu schaffen, indem sie Katechismusunterricht in wendischer Sprache erteilen."
SLvaux fährt fort:
„Ueberoll geht das Wendische bedenklicherweise zurück, besonders wenn es zu einer Industrieentwicklung kommt, welche Tausende von Deutschen oder Fremden heranzieht. Der Wende, ein ausgezeichneter Landwirt, hat wenig Neigung zur höheren Bildung: daher ist auch der Wunsch nach einer wendischen Mittelschule in Bautzen, dem geistigen Mittelpunkte der Oberlausitz, praktisch undurchführbar, angesichts der geringen Zahl junger Leute, die sie besuchen könnten. (In Deutschland differenzieren sich die verschiedenen Typen mittlerer Schulen schon in den untersten Klassen.) Die wendischen Lehrer, schon an sich zu gering an Zahl, zieht es nach der Stadt, sei cs.Mpcil das Leben dort angenehmer ist, sei es, wen sie dort sich leichter fort- bilden und ihre Kenntnisse vermehren können. Der Ausfall an wendischen Pastoren, welche häufig deutsche Frauen heiraten, ist noch größer. Manchmal gibt es nicht einmal genügend Anwärter (can- didate«) für verfügbare Freistellen wie an der Universität Leipzig. Ueberall, selbst in der Oberlausitz, wo das Nationalgefühl noch lebhaft ist, fühlen sich die Wenden in großer Mehrheit als Bürger S 11 ■............
Deutschlands Uohlenschötze.
Don Dr. Heinrich Krüger.
Der Kamps, der in den letzten Jahren zwischen den Weltmächten um die Petroleumquellen der Erde geführt wird und die Tatsache, daß ein tzroher Teil der Wclthandels'lotte mit Oel- feucrung versehen worden ist, hat viele zu der Auffassung verleitet, daß die Herrschaft der Kohle sich ihrem Ende zuneigt. Diese Auffassung ist schon deswegen falsch, well die Del- borlommen viel rascher versiegt sein werden, als mancher glaubt, ohne daß bei dem ständig steigenden Oelbedarf besondere Aussichten bestehen, neue ergiebige Quellen zu erbohrew Andererseits ober sind die Kohlenlager unserer Erde so gewaltig, daß sie noch für Hunderte von Jahren ausreichen und viele Generationen von der Sorge des Kohlenmangels befreien.
Die deutschen Kohlenschähe (die in Europa mit von denen Englands übertroffen werden) werden auf etwa 2 6 4 Milliarden Tonnen berechnet, von denen allein in Rheinland-Westfalen 210 Milliarden Tonnen noch des Abbaues harren, während der Kohlenvvrrat des Saargebiets auf etwa 8 Milliarden, der von Westoberschlesien aus rund 30 Milliarden Tonnen geschätzt wird. Der gesamte Draunlohlenvorrat Deutschlands ist auf 18 Milliarden Tonnen berechnet worden, die jedoch bei gleichbleibendem Abbau in etwa hundert (Zähren aufgezchrt sein werden.
Die Förderung von Steinkohlen in Deutschland betrug vor 1914 jährlich rund 160 Millionen Tonnen und ist im Jahr 1925 auf 170 Millionen Tonnen gestiegen, von denen im Inland 130 Millionen Tonnen beansprucht wurden, so daß 40 Millionen Tonnen für den Export zur Verfügung standen. Trotz der zunehmenden Industzriealisierung ist jedoch der Bedarf an Kohle nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Landern in ständigem Rückgang begriffen. In Deutschland hat dies feinen Grund nicht nur in der systematischen Ausschließung der Wasserkräfte, sondern vor allem in der Ausdehnung der verbesserten Wärmewirtschaft. d. h. in der besseren Ausnützung
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Ita ien und Deutschland.
Don unserem römischen ll.-Korrespondenten.
Rom, Januar 1927.
Während daS mißliche Verhältnis zwischen den lateinischen Schwestern allgcm.in bekannt, zu einem schon landläusigen politischen Witz geworden ist, liegt über den Beziehungen zwischen Deutschland und Italien noch ein geheimnisvolles Dunkel. Was Rom von Frankreich will, das weiß man, was aber will Mussolini von seinem nördlichen Rachbarn? Das Rätselraten hat eingesetzt und doch scheint die Lösung so nahe, das eine bedingt das andere, ja, man braucht nur das primitive Wetterhäuschen am Palazzo Chigi zu betrachten: scheint über Paris die Sonne, so regnets über Berlin, und umgekehrt. Diploma- tifd) ausgedcutet: Entweder mit d i r oder mit dem andern — die Herren belieben sich danach zu richten!
In Paris hatte man frühzeitig verstanden und bemühte sich redlich, den italienischen Sonnenschein von Berlin abzuwenden, aber jenes Schicksal. das die Völker mit einer unerforschten Gewalt gegeneinander schleudert od r vorübergehend verbindet, erwies sich als stärker. Mühsam nur noch schleppt sich das Spiel der Wettermacher weiter, schon klirrt es an der Grenze verdächtig nach Waffen, und immer mehr und immer schnellere Sendboten finden den Weg über die nördlichen Alpen. Das abgelausene Jahr ist gekennzeichnet durch einen Umschwung in dem Verhältnis zwischen Rom und Berlin, wie ihn historische Entwicklungen nur vereinzelt so schnell und bestimmt aufweisen.
Drohte ein Mussolini nicht noch vor einem Jahre, die Trikolore über den Brenner hinauszutragen? Wurden nicht ein paar Dutzend südtiroler Dauernburschen vom harmlosen Biertisch weggerissen und ins Gefängnis geworfen unter der Anklage, einen Tiroler Ausstand angezettelt zu haben? Schäumte nicht die gesamte italienische Presse gegen die „Barbaren, die den heiligen Boden der Basiliken entweihen" ? 11 n b heute: Die römischen Zeitungen versichern nicht nur, was ja nicht abzustreiten ist. es gebe kein Hindernis auf dem gemeinsamen Wege der beiden Völker, sie reden sogar der deutschen „Besrei- ungspolitik" das Wort, indem sie die deutsche Bezeichnung gebrauchen. In Verona wurden die Südtiroler aus freien Fuß gesetzt, die Brennerfanfare wurde mit SchiedS- und Freundschaftsvertrag überseht und Stresemann werden schon Blumen auf den Weg gestreut, noch bevor er seine Romfahrt angetreten hat.
Hält man nach äußeren Kennzeichen des neuen Kurses Ausschau, so steht am Beginne des Versöhnungsjahres 1926 der Handelsvertrag. der nach ungemein zähem Ringen schließlich durch persönliches Eingreifen Mussolinis unter Dach gebracht wurde. Die Meinungsverschiedenheiten, die sich bei der Ausführung ergaben. führten überraschend schnell zu einem Zusatzabkommen. Dann räumte der zielstrebige Wllle des Duce die südtiroler Eigentumsfrage aus der Welt. Die deutschen Besitzer erhielten ihre beschlagnahmten Güter entweder zurück oder sie wurden, fast durchwegs im Einklang mit ihren Forderungen, entschädigt. Leider gelang es nicht. d'Annunzio zum Verlassen ^seiner" Villa zu bewegen. Am Ende des IahreS steht, mit ungewöhnlichem Eifer aufgerichtet, der Freundschaftsvertrag, der höher gedacht ist als die trennende Brennerwand.
Das alles Ringt so friedlich, so brüderlich, so altruistisch, daß es — kindlich wäre, an ne innere Wandlung des einstigen Bundesgenossen zu glauben. Hm der schönen Augen des deutschen Michels willen seht sich in Rom gewiß kein älnterstaatssekretär an die Schreibmaschine, härter als je regiert, wie überall seit Versailles, der sacro egoismo. Wo Rom die Hand ausstreckt zum Gruße, da will'es etwas haben, und von Deutschland will es sogar recht viel haben, nicht mehr und nicht weniger als die Hnter- stühung in seinem kommenden Zweifrontenkrieg um die Herrschaft in der Adria und im Mittelmeer. Das weih man natürlich auch in Paris und deshalb und aus keinem anderen Grunde kommt man unter Unterdrückung des Rationalhasses Deutschland entgegen, in Locarno und Thoiry, scheinbar oder ehrlich. In Rom sieht man um-
des Heizwerts der Kohle, wodurch ein Minderverbrauch von 10 bis 15 Prozent erzielt wird. Ferner hat man durch neue Rostkonstruktionen in den Kesselanlagen und durch Einführung von Kohlenstaubfeuerung die Möglichkeit geschaffen, auch minderwertige Brennstoffe mit gutem Heizeffekt zu verfeuern. Richt zuleht aber werden auch durch die Verwertung der Abwärme noch bedeutende Ersparnille erzielt.
Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Kohle auch weiterhin stets eine der Hauptgrundlagen unserer Wirtschaft bleiben wird. Aber ebenso ist gewiß, daß die weitere Entwicklung dahin drängt, immer mehr die Verbrennung der Kohle durch Vergasung zu ersehen, um die so außerordentlich wertvollen Rebenprodukte in erhöhtem Maße für industrielle und chemische Zwecke nutzbar zu machen und so durch eine möglichst restlose Zerlegung der Kohle die verborgenen Schätze dieses kostbaren Raturproduktes auszuwerten.
Wenn wir daran denken, daß die gewaltige deutsche chemische und Farbenindustrie sich in der Hauptsache aufbaut auf der Verwertung der Rebenprodukte der Kohle, so ergibt sich wohl von selbst die Forderung, die deutschen Kohlenschähe nach sinnvollen Methoden auszu- nützen und jeden Raubbau zu vermeiden. Es sind in diesem Jahr genau hundert Jahre, daß es einem deutschen Forscher gelang, aus Teer Anilin herzustellen, eine Entdeckung, die in den nachfolgenden Jahrzehnten durch gründliche wissenschaftliche Forschungen immer mehr ausgebaut wurde und Deutschland bis vor dem Krieg zum alleinigen Weltve rsorger mit Ani- linerzeugnissen gemacht hat. Aus Nem Teer gewinnt man jedoch nicht allein Anilinfarben (und zwar Hunderte der verschiedensten Art), sondern auch eine unendliche Zahl von Heilmitteln, z. D. Aspirin. Antipyrin, Salizyl. Pyramidon usw.. die wertvolle Ausfuhrartikel geworden sind. Ferner darf bei dieser Gelegenheit erwähnt werden, daß das bei der Gas- bereitung gewonnene Ammoniakwasfer zur Herstellung der Ammoniakfalze dient, von denen wiederum das schwefelsaure Ammoniak ein sehr wertvolles Stick st offdüngemittel darstellt.
Deutschlands. Ganz gewißlich denken sie nicht an eine Verbindung mit einem der Grenzländer. Sie wissen, daß die Lausitz nur als Teil Deutschlands zu leben vermag. So wollen sie auch nichts, als in Frieden arbeiten zu können. Es ist wohl richtig, daß eine beträchtliche Anzahl von Wenden unter dem Eindruck des Zusammenbruches 1918 gewissen Volksfreunden (amis de peuple) folgten, welche ihnen alles möglichen Vorteile versprachen. Aber bald begriff die große Masse mit ihrem gesunden Menschenverstand, daß diese Herren, mit Ausnahme einiger ernsthaft zu nehmender Ideologen, nur ein Sprungbrett gesucht hatten, um eigennützige Ziele zu erreichen. Diese selbst lehnen heule den Namen ..Radikale" ab; im Bewußtsein, falsch gesetzt zu haben: alle erklären mit Energie, sie hätten auch im 2al)re 1918 im Schoße des Deutschen Reiches bleiben wollen. Alles würde ruhig fein, wenn nicht die bekannte Zeitung „Serbske Nowiny", welche planmäßig Spaltungspolitik betreibt, alles, was die beiden Völker gegeneinander einnehme,t könnte, unterstreiche und das, was sie einander annähern könnte, verschwiege. Selbst überzeugte Wenden stellen melancholisch fest, daß das Wendische, beson- ders in der Niederlausitz, zu verschwinden verurteilt ist. Die Industrieentwicklung, die Mischehen, das Aufgeben von Bauerngütern und die Gleichmacherei des modernen Lebens sind die Hauptgründe einer langsamen aber sicheren Assimilierung. Sogar die wendische Sprache, welck)e überall arm ist, wo es sich nicht nur um landwirtschaftliche Ausdrücke handelt, ist stark mit deutschen Ausdrücken gemengt. Wendische Intellektuelle schöpfen daher, um sie zu bereichern, aus dem Polnischen, andere aus dem Tschechischen."
Aus alledem schließt SSoaux, daß sich die Masse der Wenden keineswegs tyrannisiert oder unterdrückt fühle, daß sie nicht daran denke, einen autonomen Staat zu bilden und noch viel weniger, sich an einen der Nachbarstaaten anzuschließen: „Die Zeit, als man daran denken konnte, daß die Lausitz sich aufstacheln und zu bedauerlichen Ausschreitungen hinreißen lassen würde, ist längst vorüber. Es gibt leine wendische Nation, es gibt nur eine große Zahl von Sprachinseln, benagt vom Deutschen, welche auf die Dauer unter der steigenden Flut verschwinden- werden. Der Gelehrte, der Freund alter Sitten und Trachten, fühlt hierbei ein stechendes Bedauern: die grausame Wahrheit ist es aber, daß der endgültige Zusammenbruch unucrmeiblid) ist."
Wir haben dieser Schilderung fast nichts hin- zuzufügcn. Sie ist wahrheitsgetreu, indem sie ausspricht, daß weder die Reichsregierung noch die sächsische oder die preußische die Wenden auch nur im geringsten unterdrückt. Niemand, kein Deutscher tut den Wenden etwas zu leide. Die wendische Sprache wird sogar — über die Wünsche der wendischen Bevölkerung hinaus — in öffentlichen Schulen Preußens und Sachfens gepflegt. An der Erhaltung derselben und an der Pflege wendischer Trachten und Volksbräuche arbeiten seit vielen Jahrzehnten deutsche Lehrer, Pastoren und Forscher; sie taten vielleicht zuviel des Guten und baten so polnischen und vor allem tschechischen Wühlern die Werkzeuge, welche sie nutzten, um spaltend einzugreifen und einen Keil zwischen das deutsche und das wendische Volk zu treiben, freilich, wie wir sehen, im großen und ganzen vergeblich.
Nur an einer Stelle teilen wir Ssvauxs Auffassung nicht, wenn er nämlich sagt, nur in der Ober- lausitz gäbe es noch ein wendisches Nationalgefühl, in der Niederlausitz aber nicht mehr. Die geschicht- liche Reihenfolge ist umgekehrt. Es hat noch vor wenigen Jahrzehnten überhaupt fein wendisches Nationalgefühl im Sinne des modernen Nationa- lismus gegeben, weder in der Ober- noch in der Niederlausitz. Dazu fehlen ja auch alle Voraussetzungen in der Vergangenheit. Was Sävaux in der Oderlausitz als „den Rest eines alten Nationalgefühls" ansieht, das ist in Wirklichkeit etwas ganz Junges, künstlich von außen,, vor allem durch die Tschechen Hineingetragenes, Ergebnisse panslawi- scher Versuche, die Wenden gegen das beutffy? Volk einzunehmen und ihnen mit Hilfe einer tschechisch orientierten Hetzpresse allslawischer lunwereine, wirtschaftlicher und anderer Propagandamaßnahmen ein tschechischbetontes, deutschfeindliches, nagelneues Nationalgefühl einzuimpfen. Die sog. „wendische Bewegung" ist also im Grund nichts als ein fehlgeschlagener Versuch der indirekten Tschechisierung der Wenden, der in der Niederlausitz völlig mißglückte und in der Oberlausitz nur sehr bescheidene Teilerfolge hatte. '
Richt zuletzt aber muß an die geniale Erfindung erinnert werden, durch die es neuerdings möglich ist, auf dem Wege der Verschwelung aus den Rebenprodukten der Kohle O e l e zum Schmieren von Maschinen, sowie Treiböl und Benzol zu gewinnen. Welche wirtschaftliche Bedeutung diesem Veredelungsverfahren beizu- messen ist. beweist die Tatsache, daß zur Zeit jährlich 400 COO Tonnen Benzin (im Wert von 200 Millionen Goldmark) in Deutschland eingeführt werden, während der Verbrauch an Benzol sich auf jährlich 150 000 Tonnen stellt. Sobald die für die Verölung der Kohle notwendige industrielle Balis geschaffen ist, wird Deutschland von ausländischer Oelein- fuhr unabhängig sein und damit eine erhebliche Entlastung unserer Handelsbilanz ein- tteten. Was das bedeutet, wird erkennbar, wenn wir an den durch den rapiden Ausbau des Automobilwesens bedingten ständig steigenden Bedarf an Mineralölen denken. Die Entwicklung des Kraftverkehrs ist in Deutschland (infolge der Kriegsauswirkungen) gegenüber an* deren Ländern um ein volles Jahrzehnt zurückgeblieben. Während der Verbrauch an Mineralöl in den Vereinigten Staaten im Jahre 1923 pro Kopf der Bevölkerung 860 Liter betrug, stellte er sich in England auf 100 Liter, in Frankreich auf 60 Liter, in Deutschland dagegen nur aus 11 Liter. Wenn diese Ziffer sich für Deutschland in den letzten Jahren erheblich erhöht haben dürfte, so bedeutet, was wir nicht übersehen dürfen, die erhöhte Einfuhr von Dc- triebsstofsen eine Belastung unserer Handelsbilanz. d.e wir auf andere Weise wieder auszugleichen suchen müssen. Da aber die deutsche Erd- ölprvduktion aus eigenen Quellen nur 0,04 Pro;, der Weltprvduktion ausmacht, also ganz unerheblich ist, so bietet die Verölung der Kohle, wie sie nunmehr in Angriff genommen werden soll, ein Mittel, den Bedarf an Mineralölen aus eigener Produktion zu decken.
So ist d:e Verflüssigung der Kohle ein Problem, dem nicht nur eine w ssenschaftliche, sondern auch eine eminent wirtschaftliche Bedeutung zu- kommt. Während im Jahre 1900 die Weltproduktion an flüssigen Brennstoffen aus Erdöl 19,5 Millionen Tonnen betrug, erreichte sie im Jahre
Mittwoch, 5. Zanuar 1927
gekehrt Deutschland schon In den Armen Mariannen- liegen und fühlt sich daher gedrängt, hart gedrängt, es auS dieser gefährlichen Umllammc- rung zu befreien, zum Wohle Italiens Vielleicht ist man in Berlin sogar so aufgeweckt, die beneidenswerte Lage des von zw i Seiten Umschwärmten zu erkennen und sie auszunützen. Jedenfalls zeichnet sich über dem Grabe der Entente eine Umgruppierung der europäischen Kräfte ao. die unsere Autoren kriegerischer Zukunftsromane besser beobacht n sollten.
Man fängt an, Deutschland zu brauchen — damit ist das Fundament der nächsten Entwicklung umschrieben. Am dringendste braucht das in trostloser Rohstofsknechtschast schmachtende Italien den vor zwölf Jahren so... egoistisch behandelten großen Bruder. Kommt im kritischen Augenblick nicht der englische Freund zu Hil e, und das ist bei dem kühlen Monokel Chamberlains nicht zu entscheiden, so wird auch die heldenhafteste Tapferkeit des königlichen Heeres und der schwarzen Legionen Italien nicht vor dem Schicksal bewahren können, im ersten Anlauf von den übermächtigen Heeren der Republik erdrückt zu werden. Das mindeste, was von Deutschland erbeten, gefordert, erreicht werden muß, ist eine Neutralität, wenn möglich eine „wo' 1 vollende". Lind dies beizeiten, lieber h.mte als morgen. Bevor Stresemann sich in einem dritten Stelldichein Briand verpflichtet. Deshalb und aus keinem anderen Grunde läuft Italien drin Teutonen entgegen, tm gleichen Maße, wie sich die Beziehungen zu Frankreich trüben, müssen die zu Deutschland sich klären. Die Reutralktäl Deutschlands muß um jeden Preis erzielt, der Rachbar muß gebunden werden — durch einen Schiedsvertrog. Wie seinerz it die Schweiz. Run erst darf man in Rom aufatmen: im Ror- den und Rordwesten stehen ^toei sich.re Schildwachen, der Bewegungsfreihett beraubt. Gewehr bei Fuß. ja. aber den Vertrag um die Handgelenke gebunden. Wer möchte noch Mussolini das Zeugnis verweigern, ein geschickter Diplomat zu fein?
Günstige Winde fallen dem klugen Steuermann ins Segel. Im Gegensatz zu Frankreich besitzt Deutschland keinen Fußbre t italienische Bodens, es beherbergt nicht den H:rd der anti- faszistischen Bewegung, es nennt keinen gefährlichen Angrenzer der Alpeninenhalbinsel sein Mündel. In Berlin hat man sich nicht wie in Paris törichterweise über den Vertrag mit Albanien aufgeregt. Törichterweise: denn wahrlich. Frankreich, das Montenegro ins vorderste Treffen hetzte, und Serbien, daö es zum Dank dafür mit Haut und Haaren auffraß, haben keinen RechtS- titel für ihre Entrüstung, wenn sich Italien, als der natürliche Rachbar. die Vorhand in Albanien sichert. Wenn es die Skipetaren lieber mit einer Großmacht, als mit nicht minder appetitreichen, aber unzuverlässigeren Dalkanstaaten halten, wer möchte es ihnen verdenken? Für Deutschland ist es ein Glück, daß eS die romantischen Dynastieträume eines Prinzen von Wied ausgeträumt hat, und sür Europa ein Vorteil, wenn Italien, mit Zustimmung Englands, dem serbisch-griechischen Liebäugeln mit Albanien ein Ende macht.
Somit bleiben nur noch zwei Reibungsflächen zwischen Rord und Süd, Brenner und Anschlußfrage. Aber diese Fragen brauchen nicht tragischer genommen zu werden, als sie sind — sie werden sich automatisch regeln, sowie eS zum Kampfe ums Mittelmeer kommt. Als reife Frucht fällt dann Deutschland In den Schoß, was eS so lange vergeblich anstrebte, denn gewichtiger als Verträge sind Kompensallonsobjekte. Daher und aus keinem anderen Grunde will Italien jetzt noch nichts von Anschluß und Südtirol hören — sollten die Bande des Schiedsvertrages reißen, und man hat ja Beispiele aus der Geschichte für die mangelhafte Haltbarkeit sogar von Bündnisverträgen, dann steht Rom doch nicht ganz mittellos da.
Es ist Realpolitik, die Mussolini treibt, und daher wird ihr der Erfolg kaum versagt bleiben.
Svrc^ftnnden der Redaktion.
12 big 1 Uhr mittags, 5 bis 7 Uhr nachmittags. Samstag nachmittag geschlossen.
$ür unverlangt eingesandte Manuskripte ohne beigefügtes Rückporto wird keine Gewahr übernommen.
1924 rund 135 Millionen Tonnrn. älnd jedes Jahr bringt ein weiteres Anwachsen des Dr- darfs, an dem auch wir in erheblichem Maße mitbeteiligt sind.
Gerade im Hinblick auf den wachsenden Oelbedarf der Welt ergibt sich die Rotwendigkeit, der nutzbringenden Verwertung unfrnvr Kohle (wie dies u. a. bere'ts durch das Kaiscr-Wil- helm-Institut zur Erforschung der Kohle in Mülheim-Ruhr geschieht) erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Fortführung der Drrede- lungsversahren ist eine der größten, freilich auch der schwierigsten Ausgaben. Aber von der Lösung dieser Ausgabe hängt für Deutschlands wirtschaftliche Wellstellung so viel ab. daß mit dem Einsatz aller Kräfte und Mittel die Cö.ung dieses Problems erstrebt werden muß.
Konzertverein Lich.
Wit einem Programm, das ein durchaus klassisches Gepräge trug, trat der Konzertverein Lich in seinem 6. Konzert vor eine erlesene, beifallsfreudige Hörerschaft: Trio für Flöte Geige und Klavler. von Philipp Emanuel Dach. Solo Sonate A-moll von demselben Komponisten, Trio in G-dur für Flöte, Geige und Klavier, von Ioh. Sebastian Dach, drei Soli für Geige und Klavier (Max Reger. K. v. Dittersdorf, Kreisler), Trio in G-dur für Geige, Flöte und Cembalo. Fräulein Alice Graes aus Gießen, die jugendliche Diolinvirtuosin, beherrscht ihr Instrument mit wahrer Meisterschaft. Sie haucht den Tönen ein höheres Leben ein. Musik wird ihr in unendlicher Steigerung zur Sprache der Seele. Fräulein Mag'.'alene Merck aus Darmstadt, die Flötenlünstlerin, überraschte durch ihren lebendigen Vortrag und die Fazilität, mit der sie schwierige Passagen überwand. In ihrer Tonfülle wußte die Flöte sich der Geige gegenüber giänzend zu behaupten. Mit einem Menuett von Haydn, das Fräulein Alice G r a e f zugab. schloß der wahrhaft festliche Abend. Den Klavierpart hatte Dr. Roller aus Gießen übernommen. S.ine 'Begleitung war diskret und voller Sicherheit. D e vortreffliche Akustik im Konzertsaal des Schlosses bewährte sich aufs neue. B.


