Nr. 1 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 3. Januar 1921
Zur Frage der Ronfumfinanzierung.
-Saruung der hessischen Industrie- und HandflotammerH
Der Hessische Industrie- und Han- Dclöf ammertng Hot zu der zur Zeit im öffentlichen Meinungsstreit stehenden Frage der KynsumfinanLierung folgende E n t • schließnng gefaßt:
»Die hessischen Industrie« und Handelskammern können auf Grund eingehender Beratungen in einer praktischen Durchführung des die Oeffentlichkeit in letzter Zeit stark beschäftigenden Gedankens der sog. Stonfumfinan« Gierung weder für den Einzelhandel, noch für die Derbraucherschaft in Wahrheit Vorteile erblicken.
Die Einführung zum Teil sehr verwickelter und entsprechend kostspieliger Konsumfinanzie- rungß- und Äundenkreditsysteme bringt auf Seiten des Einzelhandels infolge des Risikos eine neue 11 n I o ft e n b c I a Tt u n g. auf Seiten der Verbraucherschaft aber eine erhebliche Warenverteuerung und rasche 51eber schuldung mit sich. Eine nachhaltige Vermehrung des Verbrauchs wird auf der anderen Seite nicht «zielt
Die hessischen Indust ne- und Handelskammern warnen daher vor der Einführung wie auch immer gearteter Konsumsmanzie- rungs- und Kunbenkreditsysterne in Hessen Dre Kammern behalten sich hierbei indessen ausdrücklich vor, die Frage weiter zu verfolgen, ob und wie der hessische Einzelhandel der Verbraucherschaft durch Gewährung von Z a h - lungser leichter ungen ohne Aufbürdung außerordentlicher Dedingungen noch weiter als bisher entgegenkommen kann."
Die Industrie- und Handelskam- m e r G i e h e n knüpft an diese Erklärung noch folgende Vetrachtungen erläuternder und ergänzender Art. die zugleich auch eine Mahnun p imb Warnung sein sollen'
SS find bisher vier Systeme der Konsum- finanzierung in Deutschland bekannt geworden, die aber nur teilweise zur praktischen Verwirk- kichung gelangt sind. ES läßt sich infolgedessen eine lückenlose Darstellung über die Einzelheiten ihres Aufbaues nur schwer und ein abschließen - des, auf lange Erfahrungen gestütztes Urteil überhaupt nicht abgeben. Nur soviel läßt sich lagen, daß allen diesen Systemen ein und derselbe Gedankengang zugrunde liegt. Der Käufer, welcher zur Darzahlung nicht in der Lage ist. braucht sich nicht mehr wie bisher an den Einzelhändler zu wenden, sondern erhält von einem besonders geschaffenen Kreditinstitut nach Prüfung seiner Einkommens- und Vermögensverhältnisse einen Kreditschein, lautend auf eine angemessene Geldsumme. Auf diesen Kreditschein lann er dann bei allen Geschäften kaufen, welche der Organisation angeschlossen lind. Während der Käufer alsdann seine Schuld ratenweise mit einem gewissen Aufgeld an die kreditgebende stelle zahlt, kann der Einzelhändler den Kredit- fchein sofort in Geld umsehen, verfügt also trotz des Kreditkaufs sofort über Barmittel
Der Konsumfinanzicrung liegt zweifellos ein an s i ch gesunder Gedanke zugrunde. Man glaubt in ihr eines der Mittel zu sehen, nm die stark gesunkene Kaufkraft der Devölkerung. insbesondere des Mittelstandes, zu heben, die ihrerseits zu der so dringend notwendigen 'Belebung der gesamten Produktion der deutschen Volkswirtschaft beitragen soll Der Gedanke selbst ,st amerikanischen Ursprungs: seine praktische Durchführung in Deutschland muß aber daran scheitern, daß er auf rein amerik mische Verhältnisse zugeschnitten ist und deshalb in seiner Form nicht ohne weiteres auf deutsche Verhältnisse übertragen werden kann. Dazu liegen die Verhältnisse in beiden Ländern doch gar zu verschieden. Dort eine von Gesundheit und Kraft strotzende Volkswirtschaft. hier ein verarmtes Volk in Sorge und Not. Erhebt sich das Einkommen des Amerikaners durchschnittlich 20 bis 25 Prozent über das Existenzminimum, so ist andererseits der Deutsche heute so gestellt, daß er oft genug nur unter Entbehrungen und Zurückstellung Verton- sicher Bedürfnisse seine Familie standesgemäß erhalten kann. Kann der amerikanische Angestellte und Arbeiter mit ziemlicher Sicherheit auf eine Steigerung seines Einkommens rechnen und infolgedessen m-bcdenklich in den Grenzen dieses Einkommens durch Inanspruchnahme von Kredit schon über künftiges Einkommen verfügen, so muß andererseits der 'Deutsche angesichts der allgemeinen Notlage der deutschen Wirtschaft mit dem Verlust seiner Stellung rechnen
Der Gedanke der Konsumfinanzierung ist bei nur oberflächlicher Betrachtung gewiß verlockend, besonders für den deutschen Käufer, der nun glaubt, seine Lebenshaltung dadurch bessern zu rönnen, wenn er von diesem Kreditsystem Gebrauch macht. Einer ernsten Prüfung hält aber die Frage der Konsumfinanzicrung nicht stand; sie birgt viele und schwere Gefahren in sich, von denen einige besonders her- vorg hoben zu werden bcriiinen. S.e wird zunächst dem Käufer beständig zur Anschaffung von nicht unbedingt notwendigen Gebrauchs- und Luxus- gegenständen Anreiz geben, worunter naturgemäß Vie Beschaffung des täglichen Lebensbedarfs not« leiden muß An die Stelle einer bisher sorgfältigen Einteilung der Bedürfnisbefriedigung tritt alsdann ein planloses und unüberlegtes Einkäufen von Gegenständen, die gewiß den Lebensgenuß erhöhen, aber zur Last werden, wenn unvorhergesehene Fälle, wie Verlust der Stellung. Krankheit oder gar Lod in der Familie eintreten. Dauernde Verschuldung drückend st er Art und vielleicht Verelendung werden dann die unausbleibliche Folge sein. Aber nicht nur den Käufer sondern auch den Verkäufer erwarten anstatt der erhofften Vorteile Nachteile .nancherlei Art. Da er von dem Dertausspreise feiner Waren einen gewissen Prozentsatz an die kreditgebende Stelle abführen muß. kann er diese Unkosten nur durch einen Preisaufschlag 1 wieder einbringen. Ein finanzieller Vorteil erwächst ihm also aus dieser Kundenwerbung ganz tzewiß nicht. Dabei schwebt er immer i ' Gefahr, -loch die bar zahlenden Kunden zu verlieren, die Natürlich gegenüber dem Kunden, der auf Kredit sauft eine besondere Vergütung, etwa in Form
Turnen, Sport und Spiel.
Die Deutsche Turnerfchast an der Jahreswende.
Dos Jahr 1926 Hot in der Entwicklung der Deutschen Turner ichafi manche ein|d)neh dende Veränderungen gebracht. Es fei nur an die Beschlüsse des Deutschen Turntages in Bremen erinnert, Die neue Richtlinien für die Gestaltung der Berdandspolitik gebracht und unter anderem eine engere Zusammenarbeit in Form einer Arbeitsgemeinschaft mit dem Deutschen Rcichsausschuß im Gefolge gehabt haben. Auch sonst ist manche Neue rung durchgefuhrt worden, und tast auf allen Gebieten. die zum Betätigungsbereich der Turnerschaft gehören, konnten erfreuliche Fortschritte festgestellt werden. So z. B. auf dem Gebiete des Frauenturnens, das dank der Tätigkeit der turnerischen Musterschulen mit neuzeitlichem Geist belebt morden ist. Zahlreiche Lehrgänge trugen dazu bei, der neuzeitlichen Richtung Eingana zu verschaffen. Erhebliche Fortschritte sind auch hinsichtlich der L e i ft u n gen gemacht morden. Das beweisen zahlreiche neue Höchstleistungen im Aokksturnen und auch im Schwimmen, dos sich immer machtvoller entwickelt und einen ganz gewaltigen Aufschwung genommen hm, so daß seine Auswärisbe- megung noch gar nicht abzusehen ist. Auch die Turnspiele sind weiter ausgestaltot worden, und die Zahl der Mannschaften rn den Verband spielen hat sich überall, zum Teil ganz erheblich. gesteigert.' stfeben den eomnieripiclfH hat auch das H a n d b a 11 s o i e l einen weiteren Ausstieg zu verzeichnen und nicht zuletzt das Fuß- ballspiel, dos unter der eigenen Verwaltung der D. T. immer weitere Kreise zieht und immer mehr Anhänger gewinnt. So kann man ganz allgemein von einer stetigen erfreulichen Auf- ro ä r t ß e n t n) i d I u ii g der D. T. und ihres ted) nischen Betriebes sprechen. Das ist eine bciriebi- gende Rückschau, die >nn so wertvoller erscheint, als die Zeiten wirtschaftlicher Röte eher einen Abstieg als einen Aufstieg vermuten lassen.
Ob die zahlenmäßige Entwicklung mit Der inneren gleichen Schritt hält, wird die Bestandcr Hebung lehren, die am 1. Januar oufgenammen und von asten über 12 000 Vereinen Der D. I. ausgestellt wird. Ob aud) hier ein Fortschritt festgestellt wer. den kann, wird abzuwarten sein, da die roidfdjafh lichen Verhältnisse in den Mitgliederzahleu ihren Niederschlag finden. Das trifft übrigens nicht nur auf die Deutsche Turnerichaft allein zu. sondern ganz allgemein auf alle Verbände, die der Leibcspllegc dienen.
Was wird nun das Jahr 1927 der Deutschen Turncrschaft bringen? Ganz bestimmt eine Klärung der Frage, ob eine Tuxnschule der D. T. ins Leben gerufen wird, ferner tno und in welchem Umfange? Vielleicht ist es sogar schon möglich, im Herbst des neuen Wahres die Turnschule ihrer Bestimmung zu übergeben und die ccstcn Ausbildungslehrgänge für Vereinsführer, Turnlehrer. Turnwarte und Vorturner für Die verschiedenen Zweige des deutschen Turnens abzuhalten. Das Jahr 1927 wird also für die erzieherische Tätigkeit der D. T. von ausschlaggebender Bedeutung werden. Das Vereinsleben wird voraussichtlich fast überall im Zeichen der Vorbereitung auf das Deutsche Turnfest in Köln stehen, das im Jahre 1928 abgehalten wird. Schon heute sind in den Vereinen fast durchgängig Reisesparkossen für das Seutfdfe Turnfest eingerichtet worden, fdjon heute wird in Den Vereinen begonnen, planmäßig für das Deutsche Turnfest zu üben, und in dcn Krci fen, (Sotten und Vereinen bereitet man sich aus die Vorführungen und Wettkämpfe des Deutsch- n Turnfestes vor. Daß in diesem Zeichen auch di? bisher bestehenden Höchstleistungen zum Teil ihr Leben lassen und neueren, besseren den Platz räumen müf sen, ist wahrscheinlich.
Wetter wird das Jahr 1927 im Zeichen erhöhter Tätigkeit für die innere Ausgestaltung des Turngedankens stehen. Der Gesichtspunkt Der Gemein Ichaflsarbeit. der Stärkung des Zufammengehürig- keitsgefühls. endlich der Verinnerlichung unb Vertiefung wird dazu beitragen, weitere wertvolle Fortschritte zu erzielen und das Turnen Do mit innerlich miszugeftalten und zu erweitern.
Wie bei allen Einrichtungen unserer Zeit wird selbstverständlich eine der schwierigsten Aufgaben für das Jahr 1927 die Beschaffung der nötigen Mittel fein, die allein die Durchführung her gewaltigen Arbeiten zu gewährleisten imstande sind. Das meiste bringt die D. T. aus eigener Straft aus ihren eigenen Reihen auf der ncrbanhßpolftifd) so überaus wertvollen Grundlage derKopfsteuer auf. Aber diese vermag nicht alles zu fdjaffen, zumal in einer Zeit der Arbeitslosigkeit und des Dorniedcrlicgens zahlreicher Wirtschaftsgebiete. So muß denn in besonderem Müße die Hoffnung ans öffentliche Mittel gesetzt werden, um einen Ausgleich zu schaffen, wo eigene Straft nichts weiter jjti schossen vermag, und Staat und Gemeinden piüffen helfen, wenn nicht wichtige volkseizieherische Aufgaben hintanstehen oder gar völlig aufgegeben werden sollen. Es ist da
her zu hoffen und zu wünschen, daß die staatlichen und städtischen Behörden nach wie oor in Anbetracht der hohen Bedeutung des Turnens für Volkskraft und Volksgesundheit, feeli'che und sittliche Ertüchtigung des Volksganzen alles tun, was im Bereich ihrer Macht liegt, um zu helfen und zu fördern nach besten Straf ten. Audi das Reich möge sich erinnern, daß die Deutsche Turnerschaft als ältester und stärkster Ver- band für Leibesübungen in Deutschland, der größten Segen gewirkt unb geschaffen hat. endlich aus- reichende geldliche Unterstützungen zur Dlirchsüh- rung ihrer Aufgaben erhält! Andere weit kleinere unb jüngere Verbände haben Derartige Beihilfen oft in beträchtlichem Umfange erhalten. Das fei ihnen nidjt mißgönnt, aber erhofft wirb, baß gleiches auch der Deutschen Turnersdiasl zuteil werbe und daß ihre volkserzieherische Arbeit gewürdigt werde, die, weil sie unpolitisch ist, gerade in einer Zeit der inneren Zerristenheit unseres Volkes besonders wertvoll ist. da sie tue einzige neutrale Plattform barstellt, auf her sich bie Angehörigen oller Parteien treffen können.
Hoffen wir, baß das Jahr 1927 der D. T. bie ihr zustehenöe Anerkeiinnng auch in dieser Hinsicht bringt! fpw-
Kreisvertreter Pfeiffer an feine Mittekrheiner!
Der bekannte Führer des Turngaues Hessen. Fabrikant Arthur Pfeiffer (Weh* lat), der kürzlich als Nachfolger von Schulrat Schmuck zum Kreisvertrctet des Mi t t el rhci n kreise s gewählt worden ist. hat sich an feine Mittelrheiner in der „Kreislurnzettung" mit einem gedankentiesen Neujahrsaufrut gewandt. Einleitend gedenkt er der verdienten Männer, die im iki- slossenen Jahre durch den unerbittlichen Tod ab* gerufen worben find, oor ollem des Krcisvertre- tcre Schulrat S ch m u d uni) des Kreisspielworts Bär. um bann weiter in echten Turnerworten zu pflichtgelrcuer Turnerorbeit im neuen Jahre zu mahnen. Form unb Inhalt des Aufrufs zeigen Pfeiffer als den rechten Führer, der Die großen Gedanken der beulschen Turnerfchast biß in ihre tiefsten Wurzeln verfolgt.
Auch die Weihnachtsbetrachtungen, die der neue Kreisoerlreter als Turner anstelllc, finb reich an großen Gedanken und verdienen allenthalben Beherzigung, befonberß die Stelle, die sich darüber ausspricht, wie die Turnvereine ihre Weihnachtsfeiern aiisgestalten sollen.
Die Fuhballergebnisse Dom Sonntag.
Hessen-Hannover.
Bez,rks-Gruppe Nord T,ura Kassel — Sport Kassel 1:10.
Sp. Vg Göttingen — Kassel 03 1:4.
Gruppe Süd Hessen 09 — Kurhessen Kasse! 3:5.
rNainbezirk
Not-Weiß Eintracht Frankfurt 2:3.
F. C. Hanau 93 -Fuhbcrllsportv. Frankfurt 3:3. Germania Frankfurt Union Niederrad 0:3.
V.s.L. Neu-Isenburg Viktoria-Aschaffenburg 7:0. Offenbacher Kickers Viktoria 94 Hanau 2:2.
Bagern.
Bayern München -Schwaben-Augsburg 4:0.
J FE- Nürnberg -V.f.N Fürth 3.1.
Wacker München - Svielvgg. Fürth 5:2.
F C Fürth A.E.V. Nürnberg 11 (abgebrochen). TDürtfembcrg-Bobeo.
Stuttgarter S. E. - Äportfr. Ötullgart 2:0 i. F. C- Freiburg - Stuttgarter Kickers 0:3 V. f. B. Stuttgart - Union Böckingen 4:0.
V. s. N. Heilbxonn - Phönix Karlsruhe 3:1 Karlsruher F. V. E. E. Freiburg 5:1
Rheinbczirt.
1903 Ludwigshafen - Phönix Ludwigshafen 0:2. V. f. N. Mannheim — Phönix Mannheim 8: 0.
F. D. Speyer Mannheim-Waldhos 3:4.
S. V. Darmstadt — Spielv. Sandhosen 4:2 V. s L. Neckarau F. E. Pirmasens 3:0
Rheinhessen-Soor.
Wormatia Worms — l.F-C- Idar 4:1.
F- D. Saarbrücken — Hafsia Bingen 4:2. Borussia Neunkirchen — 2ile:nanniü Worms 4 1. S. D. Wiesbaden — Soor 05 Saarbrücken 2:1.
Hamburg — Paris.
Der Hamburger Sportverein schlug in Poris die Fußballmannschaft Red Star Olym piqne mit 7:5.
Neuer deutscher Rekord im Rückenschwimmen
Am Donnerstag stellte Erich Gunther- Göppingen im Di: Söurger Siadtbad mit 2. 48,9 einen neuen deutschen Rekord im Rückenschwimmen über 200 Meter auf
eines Sonderrabatts, beanspruchen. Es wird aber damit nur die unerwünschte Gelegenheit geschaffen, das so stark bekämpfte Rabatt* Unwesen von neuem und in verstärktem Maße wieder ausleben zu lassen zum Schaden des Einzelhandels- Es muß ferner allen Ernstes befurchtet werden, daß auch ein ungesunder Wettbewerb zwischen den Kreditgebern selbst einfeyen wird, denn jedes her Kreditinstitute wird zwecks Erzielung der höchsten Kundenzahl seine Bedingungen so günstig wie nur möglich stellen.
Alles in allem genommen wird die Konium- sinanzierung letzten Endes zu einer Heber- spannung des Konkurrenzkampfes und zu einer Verwirrung auf dem Warenmärkte führen, die geeignet ist, der gc- femten deutschen Volkswirtschaft durch Schwächung der Produktions- und Äohfumtinnelraft schweren Schaden zuzufügen Der Einzelhandel tut also sehr recht daran, wenn er die Konsumfinanzierung als völlig verfehlte Art der Kundenwerbung auf das entschiedenste ablehnt. Er leistet sich selbst und der Allgemeinheit einen weit besseren Dienst, wenn er im Bewußtsein feiner hohen volkswirtschaftlichen Ausgabe an dem bewährten Grundsatz festhält, durch Anpassung der Preise an Die jeweiligen Einkommen- unb Vermögeitsverhält- nisse der gesamten Bevölkerung feinen Warenumsatz zu vergrößern.
gur Förderung des Lanvesih a ers.
' Darmstadt, 31Dezembc.. In Darmstadt besteht feit einigen Jabren ein Verein der Freunde des Hessischen Lonbestbeo- teiß Eingetragener Verein. Er ist etwa Den Mu- seumsoerclnen ober Den Hochschul Gesellschaften zn vergleichen, die sich die Aufgabe gestellt haben, gewisse Institutionen zu fördern, oor allem Geld- mittel jür sie aufzubringcn. Der Darmstäbter Verein ist der erste seiner An in Deutschland; feine Mitgliederschaft fegt sich hauptsächlich aus Industrielle!: i-nb Kaufleuten zusammen. Dieser Tage erhob her Verein wieher in her Presse seine war n e n D e Stimme und suchte der !Bürgerfd)<ifr var- zusteilen, was Darmstabl alles verlieren würbe, wenn bas Lanbcstheolcr nicht mehr in Der bestehenden Form, sondern etwa als Geichäftstheoier wcitergefühn würde. „Ein Geichönsthectter iduD weder .Zphigeme" noch „Macbeth", weher „Teil" noch „Maria Stuart", nieder Den „Ring" noch „Fidelio" auffuhren. Es wirb jedes Wagnis meiben. es wird tun dichterischen Suchen Der Gegenwart nicht ttjlnehmen. Es wirb Darmstadt mit einem Schlage in eine Provinzitadl verwandeln, d. h. die Stabt wirb mit dem Verlust ihres K u l t u r t h e a ter s aufhören, in nennenswerter Wette kulturell probuktio zu fein." Die Mittel, die her Verein der Freunde des Hessischen Lonbeslheatero nufbringen kann, reichen Zwar nicht entfernt aus, um nennens
wert bas Budget bes Theaters zv entlasten, hoch hat er für manche Aufführungen bie Dekoro t i o n e n gestiftet: auch ist bie moralisch v Hilfe des Vereins für bas Theater nicht gering einzufchätzen. Unter Dem Einfluß her wirtfchaft- lidicn Verhältnisse ist seine Mitalieberzoyl SUrüdgv gangen; um sie zu heben und Pre paganba für den Verein unb bas Theater zu machen, würbe dieser Tage im großen Hause des Landestheaters eine gesellschaftliche Der a n ft a 11 u n g abgehallen, der her Staatßprä- f i b c n t sowie bie Minister v v n Brentano unb H c n r i d), ferner der Oberbürgermeister her Stab: Darmstabl unb bie Bürgermeister beiwohnten. Det 2tbenb stand unter bem Programm „Weihnachten in Dichtung unb Musik'; es wurden Rezitationen, Steher- unb Jnstrumentalvorlräge in großer Z^ihl gc holen, um möglidfft vielen Mitgliedern Gclcgenhett -,u geben, ihre Kunst dem Publikum zu geigen, dos ihnen starken Beifall spendete. Generalintendant Legal sprach im Verlaufe des Abends über b i c Aufgaben des Lonbestheaters, unb worb für bie Idee bcß Kulturthcaters foroic für den Vereiu der Freunde hce Hessischen Lsnbr. theatcrs.
Wirtschaft.
Bilanz der Weltwirtschaft.
Von Professor Dr. Hermann Levy. Berlin.
Man kann nicht erwarten, daß Die nunmehr leider schon chronisch gewordene Weltwi.rtschofts- krisis sich von einem Iahrc zum andern in eine Zeit des Wohlstandes verwandele. Vielmehr wird der Besserungsprozeß nur langsam unb gradweise vor sich gehen können, und man wird schon befriedigt fein muffen, wenn eine solche Entwicklung überhaupt an einzelnen weltwirtschaftlichen Symptomen verfpürbar ist. Anzweiselhasl hat das Jahr 1926 solche Symptome gebracht. Währenb die Gesamtlage der Weltwirt^chast im allgemeinen keine großen Veränderungen zeigt, während in den meisten Ländern die Wirtschaft noch immer tu einem Zustand der Erschlaffung sich befindet, das weltwirtschaftliche Preisniveau als Ganzes auch im Jahre 1926 keine nennenswerte Senkung gebracht hat. die Arbeitsloscnziffcrn keine Abnahme zeigen, die valutarische Zerrüttung in Europa — ein Krebsschaden Der heutigen internationalen Wirtschaftssüucttion - noch zunahm haben zwei wichtige Gebiete eine unbedingt er sreulichcre Entwicklung als im Vorjahre zu verzeichnen. nämlich die Vereinigten Staaten von Amerita und das Deutsche Reich
Ein amerikanischer „boom", vergleichbar denen Der Vortriegszeil und der großen Grünherjahr- während des Krieges, ist freilich in den 11. S. 2. auch im Jahre 1926 nicht cingetrelen. Aber unzweifelhaft hat Die amerikanische Wirtschaft quf vielen Gebieten eine B e - lcbung erfahren vergleicht man den Oktober 1926 mit demselben Monat des Vorjahres, nad) Den Angaben von Moodys amerikanischen Finanzblatt, so sieht man. daß Die Kohlenerzeugung um fast 3 Millionen Dons größer war, hie Waggon- Jahiinflen um 374 000 zugcnommen hoben. Die Eisen- und Stahlerzeugung sich gehoben hat, während im allgemeinen die Geuuntlage als zufriedenstellend geschildert wird. Daß es gerade heute, wo Amerika das reichste Land der Welt geworden ist. selbst unter Berücksichtigung der Zollmauern, durch die es sich von Der übrigen Welt gbsondert. von größter Wichtigkeit für alle europäischen Exportländer ist. daß sich öiefer große „Kunde' und Kreditgeber wohl fühlt, brauch! kaum gesag! zu werden.
Erstaunlicher freilich als' dieser Wohlstand eines Landes, welches als der einzige große Kriegsgewinnler aus dem Weltringen hervor- giug. ist die Tatsache, daß sich in Deutschland eine langsame Besserung der Wirtschaft. zwar in erster Linie Der Industrie- wrrtschast. zu vollziehen scheint. Es läßt sid) natürlich ein abscküießendes stallstisches Bild hierfür noch nicht geben, aber es steht fest, daß bis zunk Schluß des Jahres die Konjunllurkurve in leicht ansteigender Richtung verlaufen ist, wenn man einen sehr vorsichtigen und nicht übertrieben optimistischen Ausdruck wählt. Es ist bezcichnend. daß die arbeitstägliche Förderung im Rvhrqebie' von 345 000 Tonnen int Januar 1925 auf 403OT Tonnen im Oktober steigen konnte, daß die Roh- eisenerzcuguvg sich von 689 000 Tonnen auf 935 000 steigerte, die Wagen st ellung der Reichs eisenbahn von 2 5-*6 000 Wagen zu Beginn De* Jahres 1926 auf 3 637 000 im September herauf- gehen lonnfc. Ein recht deutlicher Spiegel für die Tendenzen der wirtschaftlichen Lage scheint im allgemeinen und heute besonders Die Börse zu sein, nicht nur weil das Kursnivcau Der Aktien durch die Ausfchi'ttung von Reingewinnen in Dividendensorm nritbeftimmt wird, sondern weil dasselbe auch der Ausdruck größeren oder geringeren Vertrauens seitens des In- und Auslandes zu sein pflegt, und gerade dieses Moment ist dem zerrütteten Deutschland gegenüber in den letzten Jahren von besonderer Vedrutung gewesen. Somit erscheint es als ein höchst beochtltchrs Symptom des Wirtschaftsbarometers Deutschlands, daß sich daS Kursniveau der Aktien wesentlich heben konnte, ein Moment, das an Wichligkett weit über die deutschen Grenzen hinausgreist, da sich im abgelaufenen Jahre auch das kapitalträflige Ausland wieder zürn ersten Male feit der Inflationszeit stark an der deutschen Börsenentwicklung interessiert hat. Der Aktienindex sämtlicher an der Berliner Börse gehandelten Aktien, die für diesen Derechnungs- zweck für das Ende des Jahres 1925 gleich 100 gesetzt wird, betrug im März 1926 erst 144. dagegen im Oktober 1925 nicht weniger als 228,1' Wahrend im Vorjahre noch die große Mehrzahl aller Aktien unter Pari notierte, wird heute die Zahl dex auf oder über Pari notierenden Werie mit über 50 Proz. aller Attien angegeben, während viele Aktien über 150 Prvz und darüber notieren.
Fraglos hat die Entwicklung der deutschen Großindustrie im Jahre 1926 durch das Aus- brechen des größten aller bisherigen Kohlenstreiks, des engllschen, der im Mcn begann, eine gewisse Ankurbelung erfahren Dieser Streik, welcher England vom größtei' Kohleuausfuhrland der Welt vorübergehend zum Kohlenimportland machte, der ferner den Frachtraumbedarf steigerte und fom;t der SchisfahrtSintx Lessen vieler Länder förderlich war. der die englische Eisenindustrie schädigte und damit mittelbar diejenige anderer Länder begünsttgte, hat sicherlich


