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Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 2. September 1927.

Der Drachen.

Er ist der große, bunte Vogel des Vach­mittags. Steif und torkelnd fliegt er auf, und dann hängt er sich unbewegt und etwas dumm in den Wind. Spätsommertage gebären ihn. Die Ferien liegen weit in der Erinnerung, unwirk­lich- und der Himmel legt sein Blau, das bislang makellos bis zur Leidenschaft sein konn'e, ganz leise hinweg in diesen Stunden, da der Drachen seinen Flug beginnt. Wundersames Perlmutter oder ein sanftes Grau mit farbenv-erwischien Wolken, stufig geschich'et in den Rändern, emp­fängt ihn. die kleine unbewußte Sehnsucht des Knaben, in buntem Papier auf weißes Holzkreuz geheftet.

Langsam rollt die Sonne zum Horizonte hin. Die Schularbeiten sind beendet, und der Kaffee hat gemundet. Draußen, wo die Stadt enbet, und nur in schmalen Fühlern links und rechts weiter hinausgreift, Wiesen und Kleingärten umsäu- mend, liegen und stehen im zweiten Grase die Knaben in Hemd und Hose, blohkopfig, die nackten Füße in Sandalen. Sie halten die lange, dünne Schnur, die sich in die sinkende Bläue hinein­schwingt, bewußt in ihrer Keltenlinie, wenn der Wind nachläßt, angestrammt und stark, wenn Widerstand sie aufhält. Am Ende aber hoch oder niedriger, je nachdem das Geld und die Kordel reichten, torkelt das dreieckige Papier oder schwebt ruhig, überlegen im Blau. Eins, zwei, drei sechs, acht und mehr noch, hingestreut hängen sie im Winde, bewegt gewordene Sehnsucht, sichtbare Spannung, gesunde Sensation, Spiel und kleine Arbeit,» die in Geduld und Liebe getan wird. Mit Liebe vor allem in jenen Knaben­herzen, gestillt und eingeschlossen in ihren schmalen Händen, die stundenlang den Drachen halten, Treue zum Spiel, daS hier überwunden wird, Treue in diesen Augen, die lange auf jenen bunten Fleck starren, der stolz und unbewegt, ein lebendiges, heiter grinsendes Mal, dort oben ruht, angetrieben und gemeistert, mühsam oft, überwacht von seinen Schöpfern. Ist dies der Retz, um dessentwillen Stunden rinnen, blanke, rote Herzen in ihr Geriesel bindend? Kleine Grau­samkeit: das Ding beherrschen unö von ihm ge­meistert werden zu gleicher Zeit, stählendes, ge­duldig wachsendes Treiben, das Ernst in kleine junge Leiber zwingt.

Gesichter, unheimlich tn ihrer Ruhe, unheim­lich, wie sie ihre Gefühle verbergen, schauen sie von dort oben herab. Könnten es nicht sichtbare, ergreifende Gebete sein, sprechende, bittende Opfer, dem sterbenden Tag, der sinkenden Sonne entgegengehängt schauen sie nicht hinab ins zweite Rund, das bald auf auchen wird, schwarz und rauschend als die Rächt?

Knabenhände hallen die Schnur, welche an- gestrammt ist, und der Drachen in der Höhe zeigt seine Kraft. Windrädchen w:rden geschnitten und saufen, Botschaft tragend, hinaus in wirbelnder Fahrt, dünn, ganz dünn schwingt leicht und edel der Schwanz zwischen Fabrikschornsteinen oder hoch über den Pappeln, die drüben am Flußufer ziehen. Herzen sind es, die der Sommer an den Himmel hängt für wenige Stunden am Tage, junge, unverzagte, unberühr e Herzen. And dann sind es wieder kalte, höhnische Vögel, die ihr Leben aus irgendwelchen Gründen geheimnis­voll verbergen, die sich steif und für tot hinaus­tragen ließen aus der Stadt, die aufflogen, um starr, spöttisch, aller Herrlichkllt Wiederbeginn und Ende zu ertragen und dann niedergeholt werden. Jagdfalken, welche die Rächt einholen, und die der Mond, wenn er Farbe und Macht gewinnt, verscheucht...

Die Jugend der Stadt hängt ihre Sehnsucht dem Abend entgegen. Hoch steht das Gras zum zweiten Schnitt, noch singt die Sense. Trieb der Rhythmus, der hier metallen schlägt, die Sehn­sucht früher auf?

Der Bauernjunge schenkt sein Spiel den späteren Tagen, da die Felder in Stoppeln stehen, und die Kartoffelfeuer brennen: er gibt es schwerer, zögernder. Es zuckt mächtiger im Wind, da ist Kampf, Erde und Himmel/und er bleibt Sieger im dicken Schädel, indes in unseren Straßen die Jugend die Marmeln schon rollt.

And der alte Dorflehrer kündet den Sieg, wenn er sein jugendliches Herz in einer weichen Rächt in ein Laternchen steckt und es hinauf schickt zu den Sternen nur er versteht es und zuletzt die Schnur zerschneidet, lächelnd und abschließend in Ergebung... E. H.

Bornotizen.

Tageskalender f ü r Freitag. Palast-Lichtspiele:Die Weber". Astoria Licht spiele:Die Liebe der Fürstin Dimitri".

7 Staatliche W ohnungsbauzu- schüsse. Die hessische Staatsregierung

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hat den kommunalen Verwaltrmgsbehörden in Stadt und Land mitgeteilt, daß alle nach dem 1. Juli 1927 eingereichten Ge­suche um staatliche Wohnungsbau­zuschüsse für das Baujahr 1927 nicht mehr Bewilligung finden können, well die im Staats­voranschlag 1927 für diesen Zweck vorgesehenen Mittel durch die Bewilligung der vor dem 1. Juli 1927 eingelaufenen Gesuche erschöpft werden.

Stadttheaterabonnement. Zur Richtigstellung der Mitteilung in der Bekannt­machung der Stadtverwaltung über die Einladung zum Sladtthcaterabonnement für die Spielzeit 1927 28 sei daraus hingewiesen, daß die Vor­stellungen nicht, wie in der Bekanntmachung an­gegeben, um 7.15 Ufjr, sondern um 7.30 Ahr beginnen werden.

** 3 n den Pala st-Lichtspielen läuft seil gestern ein deutscher Großfilm, der bei der Araufführung in Berlin seinerzeit z emliches Auf­sehen erregte und eine außerordentlich geteilte Beurteilung in der Tages- und Fachpresse ge­funden hat:5) i e Weber", nach dem be­rühmtenSchauspiel aus den 40er Jahren" von Gerhart Haupt m a nn; die Inszenierung ist ein Werk ^»on Friedrich Zelnik: es würde an dieser Stelle zu weit führen, in eine kritische Be­trachtung des Films einzutreten, wir behalten uns jedoch vor, noch ausführlicher darauf zu­rückzukommen.

** 1 8 0 0 0 0 Kilometer Land st raßen in Deutschland. Auf der Strahenbautagung in Leipzig, die vom Leipziger Messeamt und dem Straßenbauverein Leipzig anläßlich der Tech­nischen Messe veranstaltet wird und am Mitt­woch ihren Anfang nahm, wurden auch inter­essante Angaben über den Umfang des deutschen Landstraßennehes gemacht. In seinem Vortrage überWirtschaftliche und steuerliche Rotwendig­keiten für die Zukunft der Straße" teilte Kom­merzienrat Dr.-Ing. e.h. Deidesheimer mit, daß Deutschland gegenwärtig 180 000 Kilometer befestigte Landstrasten besitze. Die Straßenher- stellungen im ganzen Reiche würden nach seinen Berechnungen einen Betrag von Wer 2V2 Mil­liarden Mark erfordern. Auf zehn Jahre vertellt, sind also jährlich rund 250 Millionen Mark auf­zubringen. Am dies zu. ermöglichen, müsse die Automobilsteuer geändert werden. Der Vortra­gende forderte di« Einführung einer Gewichts­und Dereifungssteuer als gerechteste Lösung. Diese Steuer würde einen jährlichen Ertrag von etwa 155 Millionen Mark bringen, wozu 120 Mil­

lionen Mark aus allgemeinen Haushaltsmittel, kommen mühten. Weitere Vorträge behandelten wissenschaftliche Prüfungsmethoden der für den Straßenbau verwendeten Gesteine, die Material­prüfung der Asphalte und Teere und andere Straßenbau- und Automobilfragen.

Briefe an die Redaktion. Am unliebsame Verzögerungen zu vermeiden, bitten wir, alle für die Redaktion bestimmten Briefe nicht mit namentlicher Anschrift eines der Re­dakteure zu versehen, sondern allgemeinan die Redaktion" zu richten. Rur dann kann eine schnelle Erledigung gewährleistet werden.

Berliner Börse.

Berlin, 2.Sevt. (W.T.D. Funkspruch) Im heutigen Fruhverkrhr liegen keine Anregungen vor, die die Tendenz beeinflussen könnten. Die allgemeine Zurückhaltung der Spekulation, ganz abaesehen vom Publikum, das überhaupt sich vollkommen der Börse fern hält, dauert fort. Geschäfte sind bis jetzt noch nicht getätigt worden. Man hört lediglich einen Farbenkurs von zirka 291. Am Devisenmarkt hört man London-Kabel 4,8605, Mailand 89,50, Madrid 28 70.

Kirchliche Nachrichten.

3fr. Religionsgemeinde. Gottesdienst in der Synagoge (Südanlage). Samstag, denZ.Septbr. 1927 Bora, end 6 45, morgens 8.30, abds. 7.15 u. 7.55.

Gottesdienst der ift. Religionsgesellschaft.

Sabbatfeier, den 3.Scptbr. 1927. Freitag abd. 6.40, Samstag norm. 8.00. nachm. 4.30, Sabbatauegang 7.55. Wochengottesdienst: morg.6.15, abds. 6.30.

Sprechstunden der Redaktion.

12 bis 1 Uhr mittags, 5 bis 7 Uhr nachmittag». Samstag nachmittag geschlossen.

Verantwortlich sär Politik: i. V. Ernst Blumschein.

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Gießen, den 29. August 1927.

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