einzogen, ist in Dorpat Vas Panier des Deutschtums hvchgehallen worden, immer in Abwehrhaltung gegen fremdstämmigen Einfluß. Das Deutschsein der Balten ist deshalb nicht nur ein natürliches Empfinden, sondern fast eine Religion, und die alte Universität von Dorpat war ein Tempel, in dem diesem Kultus gehuldigt wurde. Er mag in vielen Dingen kurzsichtig gewesen sein und dem Zeitgeist nicht Rechnung getragen haben, aber er war ehrlich und gläubig und deshalb auch heilig. — Die Wogen des Hasses, die der Weltkrieg aufgewirbelt, die politische Emanzipierung des Cstenvolkes und seine Attacken gegen die örtlichen Deutschen, verlieren im Laufe der Fahre ihre Schärfe. Die Universität von Dorpat — heute Tartu —befiehl weiter. 3n vielen Dingen beginnen sich Deutsche und Esten schon die Hand der Freundschaft zu erreichen, so darf denn erwartet werden, daß der Einfluß der deutschen Wissenschaft auf die Alma Mater Dorpatensis sich wieder erneuern wird!
ott führen und beinahe Verrat. Es ist auch kaum jemals vorgekommen, daß eine Estin in eine alt eingesessene deutsche Familie geheiratet hätte. Man blieb deutsch und herrschte aus natürlichem, nie bezweifelten Recht inmitten einer fremdstämmigen Uebung, der man seine Kultur pflichttreu einzuimpfen verstanden hatte, um deren Liebe man aber aus Rassenstolz nicht warb. Die Vorgänge im großen russischen Reiche, zu dem man politisch gehörte, fanden nur ein schwaches Echo, auch dem geistigen russischen Einfluß stand man ablehnend ge-erniber. In den Buchhandlungen von Karow und Krüger war selten ein russisches Buch in der Auslage zu finden. Tolstoi und Dostojewsky haben jedenfalls im deutschen Reiche mehr Bewunderer als im Balienlande gefunden. Gut und Schlecht, Passend und Unpassend, waren streng begrenzte Begriffe, politische Gesinnung eine vorgeschriebene Tradition, die weder diskutiert, noch bezweifelt werden konnte.
Durch sieben Jahrhunderte, seit die deutschen Ritter und die Kaufherren der Hansa in Livland
Ser Wettlauf mit dem Turmbau z« öabel.
Eine amerikanische ReisebeLrachLuncs.
Von Dr. Wilhelm S p i ck e r n a g e l, M. d. L.
Sullivan nennt das Bauen einen Dolmetsch des Gedankenfluges der Völker, ein Ausströmen aus ihrem innersten Leben. 3n seiner Studie „Was ist Architektur?" ermahnt der Bahnbrecher auf dem Wege zu einer neuen Kunstauffassung unter den amerikanischen Architekten seine ScMler, niemals zu vergessen, daß alle Bauwerke der Vergangenheit und Gegenwart dastehen als körperliche Wahrzeichen des seelischen Zustandes einer Ration. Wer in ein fremdes Land geht, von dem Wunsche beseelt, etwas von dem inneren Wesen seiner Bewohner kennen zu lernen, wird auch als Laie nicht versäumen dürfen, seine Bauweise und seine Wohnungen zu studieren.
Die treibende Kraft der ungewöhnlich regen Bautätigkeit liegt in der unaufhörlichen Steigerung der Bodenwerte. Auf der .schmalen Insel Manhattan, auf der sich die Stadt Reuyork erhebt, sind sie von 25 Millionen Dollar im Jahre 1800 auf 250 Millionen im Jahre 1850 gestiegen. 1900 wurden die Boden- werte auf etwa 2,5 Milliarden geschäht, und in diesem Jahre übersteigt der Steuerwert des Grundeigentums der Stadt Reuyork nach dem soeben veröffentlichten Berichte der städtischen Behörden 15 Milliarden Dollar. Diese riesenhafte Bodenwerterhohung war eine der Hauptursachen für die Entstehung des Wolkenkratzers. der das charakteristische Wahrzeichen jeder amerikanischen Stadt — der großen wie auch der mittleren — bildet. Man hält in den Vereinigten Staaten auf Grund der in den letzten Jahren gesammelten Erfahrungen Geschäftshäuser nur dann für rentabel, wenn sie mindestens den gleichen oder einen höheren Wert haben als die Grunostücke, auf denen sie errichtet sind. Dazu kommt das Bedürfnis des amerikanischen Geschäftsmannes, durch auffällige Riesenbauten wirksame Reklameobjekte zu schaffen — und die amerikanische Rekordsucht. Sie sucht nach einem Worte unseres llassischen Geographen Friedrich Ratzel den fehlenden Sinn für das wahrhaft Monumentale durch das Streben nach dem räumlich Großen §u_ ersetzen. K. Lamprecht nennt diese Vorliebe für große Zahlen und Ausmaße das quantitative Urteil des Amerikaners. Es findet seinen Ausdruck in den beliebten Superlativen „the biggest, the largest, the most expensive in the world“ sowie in der Angewohnheit, sogleich den Geldwert anzugeben. Doch steckt in dieser Rekordsucht bei den freieren Geistenr unter den jungen Architekten Amerikas noch ein höherer Anspruch: „mit der Herrlichkeit des Perikleischen Zeitallers und der Ekstase des 13. Jahrhunderts zu ringen."
An Stelle der ehemaligen überladenen Renaissance-Paläste ist heute hauptsächlich der Turmbau getreten, dessen charakteristische Schöpfungen wir im Chicago Tribüne Building und im Woolworth-Duilding zu Reuyork vor uns sehen, das mit 55 Geschossen eine Höhe von 257 Meter erreicht. Der Blick, der sich dem Beschauer vom Wovlworth-Turm auf die Stadt und den Hafen von Reuyork darbietet, gehört zu den eindruckvollsten Erlebnissen einer Wellreise. Indessen wird die „Kathedrale des Handels", wie sie von ihren Erbauern genannt wird, ihren Rang als höchstes Gebäude der Welt schon in naher Zukunft an einen neuen Rekvrdbau abtreten müssen. Am 1. Juli d. I. hat man in der Automobilstadt Detroit mit dem Bau des Book-Turmes begonnen. Während meines Besuches in Detroit legte mir der aus Reustadt an der Hardt gebürtige leitende Architekt Louis Kämper die Pläne zu diesem neuen Weltwunder vor. Das im Stile der amerikanischen 'Reu-Gotik geplante Gebäude soll eine Höhe von 283,59 Meter erreichen und wird also den Woolwo-rth-Turm um 26 Meter überragen. Es wird 85 Stockwerke enthalten, 81 über der Erde und vier unter der Erde. Das oberste Stockwerk soll mit dem größten Scheinwerser der Welt gekrönt werden, der ein Feld von 228 Kilometer beleuchten wird. Das (Fundament wird 45 Meter in den Erdboden reichen, und allein an Stahl wird man 35 000 Tonnen, doppelt so viel als für einen modernen OzeanrkesFN, benötigen. Der Turm ist nach der Ansicht seiner Erbauer derart konstruiert, daß sie ihn als „semiPermanent" bezeichnen und von allen Gebäuden der Welt nur den ägyptischen Pyramiden eine noch längere Lebensdauer einräumen wollen. Mit einem für die amerikanische Auffassung bezeichnenden Stolz
wird hervorgehoben, daß der Book Tower die von den Historikern vermutete Höhe des Turmbaues zu Babel noch um 60 Meter überragen werde.
Reben dem Turmhausthp ist vor allem der geschlossene kubische Block verbreitet, dessen einfache, lediglich auf Zweckerfüllung eingestellte Form dem Reisenden in einer Reihe neuer Form dem Reisenden in einer Reihe neuer, zum Teil ästhetisch wirksamer Häuserbauten ent- gegentritt, so in den General Motors Building in Detroit, dem vielleicht schönsten Kontorhaus der Welt, und vor allem auch in der Park Avenue, der vornehmen Wohnstraße von Reu- York City.
Auf Grund neuerer Daupolizeiverordnungen dürfen die vorgeschriebenen Höchsthöhen der Wolkenkratzer nur dann überschritten werden, wenn die oberen Stockwerke hinter die Baufluchtlinie zurückgesetzt sind. Die Anregung zu dieser heilsamen Vorschrift geht noch auf Sullivan zurück, der schon in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts Pläne zu einem Hochhaus mit stufenweisen Verjüngungen (set backs) entworfen hat.
Wolkenkratzer und Zwergbauten der älteren Zeit sind im selben Straßenviertel durcheinander- gewürfelt. Die Wirkung der neuen Zonenver- vrdnungen wird erst in ihren Anfängen spürbar. Von solchen Bildern kolonialer Regellosigkeit abgesehen, prägt sich in der Schachbrettform der Städte mit chrer rechtwinkligen Straßenführung die Gleichförmigkeit des amerikanischen Lebens aus. Erft unter dem Druck der Verkehrs- schwierigkeiten, die durch eine sich überstürzende Entwicklung des Automobil- Verkehrs der letzten Jahre phantastische Formen angenommen haben, sind Durchbrüche entstarrden, die das monotone Straßennetz oftmals willkürlich im Winkel von 45 Grad durchschneiden. Doch ist eine starke Bewegung im Flusse, die Gestaltung des Stadtblldes fortan nicht mehr dem blinden Zufall und der Spekulation zu überlassen, sonder nach weitschauenden künstlerischen und bevölkerungspolitischen Grundsätzen zu beeinflussen. Die Oeffenllichkeit nimmt einen lebhaften Anteil an den Diskussionen, die von führenden Städtebauern und Architekten in der Presse und in Zeitschriften über dieses Problem geführt werden. Vorbildliche städtebauliche ßeiftungen sind schon heute an einzelnen Orten anzutreffen, so in Chicago, wo nach den 1909 aufgestellten Plänen von Burnham breite Umgehungsstraßen, z. T. zweigeschossig, zur Entlastung der City ausgebaut werden.
Die größten schöpferischen Leistungen der Amerikaner iegen auf dem Gebiete der Landschafts- gärtnerei, die dem Städtebau zu einer mächtigen und wohltätigen Gehllsin geworden ist. Sie hat üjren Ursprung in Reuengland genommen. In Boston, dem „amerikanischen Athen", haben die Brüder Olmstedt und Charles Eliot durch jahrzehntelange und planmäßige Arbeit ein in sich zusammenhängendes Parksh ft em von 6116 ha öffentlicher Anlagen mit Spiel- und Sportplätzen geschaffen, deren einzelne Teile die Größe des Berliner Tiergartens um ein Mehrfaches übertreffen. Der Fremde wird sich auf diesem wie auf manchem anderen Gebiete davor hüten nrüssen, Amerlla nach den Verhältnissen des übervölkerten Rew-Vork mit seinem verstaubten Zentralpark zu beurteilen. Auf eine ganz besondere Art schafft sich Chicago einen Kranz von ausgedehnten Grünanlagen. Rach den Plänen von Burnham werden dem Michigansee durch genial einfache Auswertung der städtischen Müllabfuhr meilentoeite, kilometerbreite Parkanlagen und Lagunenseen abgerungen, die in wahrhaft faustischer Weise das Leitwort der Chicagoer Städtebauer erfüllen: „Das Seeufer gehört dem Volke!" ...
Auch wer das Rekord-Turmhaus für Deutschland ablehnt und sich von sentimentaler Verhimmelung der „Wolkenkraherpoesie" freihält, wird nicht leugnen wollen, daß die amerikanischen Turmhausviertel auf den Beschauer überraschende ästhetische Wirkungen auszuüber vermögen. Felsgebirgen, von Urkräften herausgebrvchen aus dem Innern der Erde, im gewaltigsten Augenblick der Eruption erstarrt und gebändigt, hat sie Reinhard Weer in einer dichterischen Vision verglichen: „Der Pharaonen Kastelle, Belsazars Truhbau, Rebukadnezars Zwingburg, Sardanapals Schloß, alle sind hier in der Idee vereint. Den Turmbau zu Babel, Zeitgenossen, hier habt Jhrihn!"
Jahresfeier der randesnniversitA.
In der Reuen Aula des Vorlesungsgebäudes beging am gestrigen l.Iull die Landesuniversität ihr I a h r e s f e st. Die Dozenten und ihre Damen, Vertreter der Regierung, die Spitzen der Behörden, geladene Gäste, Teilnehmer aus der Bürgerschaft, Studenten und Studentinnen füllten den schönen, mit den Fahnen der Korporationen geschmückten Raum. Rektor, Exrektor und Dekane erschienen in ihren Talaren.
Beim Einzug des Lehrkörpers erklang der Krönungsmarsch aus der Oper „Die Folkimger" von Kretschmer. Dann trug der akademische Gesangverein unter Leitung des Universitäts-Musikdirektors Dr. Temesvarh den Eingangs- Chor aus dem „Magnificat" von Bach vor.
Einleitend gedachte dann
5e. Magnifizenz der Rektor Prof. Dr. Zwickr
wie alljährlich in tiefempfundener Dankbarkeit des hochgesinnten Stifters unserer Ludoviciana und des letzten rector magnificentissimus, unter dessen Huld und Fürsorge sie sich hoher Blüte erfreuen dürste. Se. Magnifizenz gedachte dann weiterhin der heutigen Rotlage des immer noch besetzten Hessenlandes und sprach für die stete Opferwilligkeit und Fürsorge der Staatsregierung den wärmsten Dank der Universität aus. Fernerdankte er der Stadtverwaltung Gießen für ihre in diesem Jahre besonders reichen Stiftungen, sodann der Rotgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, der Gießener Hochschulgesellschaft und allen privaten Spendern für ihre wertvollen Zuwendungen. Er gab zum Schlüsse der Hoffnung Ausdruck. daß die Reichsregierung der bedrängten deutschen Wissenschaft — dem letzten und teuersten uns ruxf) gebliebenen Gute — nach wie vor die, nötige Sorgfalt uni) Pflege ongedeihen lassen möge.
Einem alten Brauche an unserer Universität folgend hielt dann Ser. Magnifizenz der Rektor die Festrede über ein Thema aus seinem speziellen Arbeitsgebiet (Veterinärhygiene und Tierseuchenlehre), näinlich über
„Infektion nnü Immunität in geschichtlicher Beleuchtung".
In einleitenden Worten wies der Redner an Hcurd von einigen Beispielen darauf hin, wie innig die Wechselbeziehungen zwischen Human- und Veterinärmedizin gerade auf dem Gebiete der Infektionskrankheiten seien.
Die besondere Bedeutung der Tierseuchen liegt aber namentlich auf Volks- und landwirtschaftlichem Gebiete. Das geht schon daraus hervor, daß der Schaden, den eine einzige Tierseuche — die Aphtenseuche (Maul- und Klauenseuche) — in einem einzigen Seuchengange während der Jahre 1920 bis 1921 anrichtete, auf nicht weniger als 476 Millionen Mark berechnet wurde. Wenn man tue großen Verluste an Zucht-, Arbeits-, Fleisch- unb Milchtieren berücksichtigt, die jahraus, jahrein durch andere Seuchen, im besonderen durch die Tuberkulose in erschreckendem Umfange verursacht werden, so tritt die volkswirtschaftliche Bedeutung der Tierseuchen und der Wert ihrer BeWmpfirng und Erforschung noch deutlicher vor Augen.
Die geschichtliche Betrachtung der Seuchen und der Seuchcnsorschung läßt eine innige Verbindung mit der Kulturgeschichte erkennen. In ihr spiegelt sich der Geist der Zeiten deutlich wieder. Abergläubisch und verschwommen waren die Vorstellungen und Begriffe sowohl über den Ursprung und das Wesen, über das Werden und Vergehen als auch über die Mittel zur Bekämpfung der Tierseuchen von den frühesten Zeiten an bis ins 18. und 19. Jahrhundert hinein. Wo damals die Vorstellung von dem krankmachenden Einfluß des Miasma und Kontagium zur Erllärung von verheerenden Seuchen ihren Dienst versagte, wurden die „Constitutio epidemica" und der „Genius epidemicus“ als noch unklarerer Inbegriff von unbekannten Krankheitsursachen klimatischer. kos- smischer und tellurischer Art an dessen Stelle gesetzt. Wenn auch in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Raren Gedankenaänae Peilen k o f e r s die miasmatischen( infektiösen, ekto- genen) Krankheiten strenger umschrieben und von den kontagiösen (enöogenen) abgetrennt wurden, so harrte poch noch die Frage, welcher Ratur das Miasma und das Kontagium sei, worauf die infektiösen und worauf die kontagiösen Krankheiten im letzten Grunde beruhen, ihrer Lösung. Sie wurde vorbereitet durch die Entdeckung verschiedener Kleinlebewesen, Hefen und Pilzen als Erreger von Hautkrankheiten bei Menschen und bei Tieren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und die dadurch immer mehr die Oberhand gewinnende Vorstellung des „Kontagium vivum , des belebten Krankheitserregers. Jenen Befunden und Anschauungen fehlte allerdings noch die Beweiskraft, und es vergingen noch mehr als 3 Jahrzehnte, bis die Henlesche Trias von Forderungen, die an ein Kleinlebewesen als Krankheitserreger zu stellen ist, in Erfüllung gehen konnte. Wegbereiter zu diesem Ziele waren die hervorragenden Beobachtungen und Wahrnehmungen über die Lebenserscheinungen und das Wachstum lleinster Lebewesen von Schröter und Cohn, sowie weitere bahnbrechende Arbeiten von Louis Pasteur, Lister, Pollender, Brauell, Delafond, Davaine u. a. Es blieb jedoch Robert Koch (1876) Vorbehalten, die aetiologis che Erforschung der Infektionskrankheiten in neue B ahnen zu lenken und ihnen eine feste Grundlage zu verschaffen. Unter dem Einfluß seiner Forschungen über den Milzbrand des Rindes, der Entdeckung und künstlichen Züchtung dessen Erregers, sowie der Erkenntnis seiner Entwicklung und des Zustandekommens der In
fektion unter natürlichen Verhältnissen mußten die naturphilosophischen Spekulationen über das Wesen der Krankheitsursachen der exakten oetio* logischen Forschung das Feld räumen. Es war nicht nur das Verdienst Robert Kochs, Methoden zur Sichtbarmachung der Kleinlebewesen (Bakterien) angegeben, die festen Rährböden zur künstlichen Gewinnung von Bakterienreinkulturen und den Tierversuch in den Dienst der Forschung gestellt zu haben' das wichtigste seiner Entdeckung war vielmehr der Rachweis der Derschiedeicheit der pathogenen Bakterien, ihrer Unabänderlichkeit und ihrer spezifischen Bedeutung für bestimmte Krankheiten.
Kochs Entdeckung hat reiche Früchte getragen, von denen hier nur die Entdeckung des Tuberkelbazillus als denkwürdige Großtat* (1882) hervorgehoben werden soll. Weim es auch trotz dem Ausbau der bakteriologischen Technik nicht möglich war, «die Aetiologie bestimmter Infektionskrankheiten. besonders der durch filtrierbare, ultravisible Keime hervorgerufenen restlos zu klären, so hat wohl keine Entdeckung in der Medizin das gesamte ärztliche und tierärztliche Denken und Handeln so nachhaltig beeinflußt, wie die durch Koch eingeleitcte bakteriologische Aera. Im besonderen ist aber unter ihrem Einflüsse das Verständnis eröffnet und vertieft worden für die Ratur und das Zustandekommen, die Ausbreitung und den Verlauf der menschlichen und tierischen Seuchen, ihre zuverlässige Erkennung und gegenseitige Abgrenzung und für ihre spezielle Prophylaxe und Therapie.
Die Erfahrungen über die Bedingungen für das Zustandekommen der natürlichen Infektion, die zahlreichen Beobachtungen über Fälle von natürlicher Widerstandskraft (Immunität) im Verlaufe von Seuchengängen bei Menschen unb Tieren (Virulenz und Disposition), nicht zuletzt der Rachweis von Bazillenträgern und Bazillenausscheidern nach Lieberstehen von Infektions- kranHeiten, führten in der Folgezeit zu weiteren wichttgen Erkenntnistatsachen hinsichtlich der Entstehung und Ausbreitung von Seuchen. Im besonderen waren es aber die Beobachtungen, daß das äleberstehen einer natürlichen Infektion bei einer Reche von Infektionskrankheiten des Menschen und der Tiere Schutz von verschieden langer Dauer gegen Reuansteckung veÄecht, die den Fingerzeig t?afür gaben, eine solche Seuchenfestigkeit künstlich durch Impfung zu erzeugen. Von solchen Versuchen zur künst- lichen Immunisierung, die bei verschiedenen menschlichen und tierrschen Seuchen mit gutem Erfolge ausgeführt wurden, ist vor allem die Einführung der Schutzimpfung gegen die Pocken des Menschen durch Jenner (1796) zu nennen, weil sie zu einem Markstein für diese Art von künstlicher Immunisierung geworden ist. In ihr — bei der bekanntlich die Kuhpockenlymphe in die Haut des Menschen eingeimpst, und so eine lokale Impfkrankheit erzeugt wird, die ausreicht, um den Menschen für längere Ztzit zu schützen — sehen wir das Grundbeispiel der sogenannten aktiven Immunität. Sie beruht auf der aktiven Bildung von Immunkörpern oder Antikörpern des Organismus gegenüber einem erneuten Eindringen von mckroparasitären Lebewesen. 2m Gegensatz zu einer so erlangten aktiven Immunität, die sich auf {ärmere Dauer, ja sogar bei manchen Infektionskrankheiten auf das ganze Leben erstrecken kann, steht die weniger wertvolle passive Immunität, die mit dem Blutserum aktiv immunisierter Tiere übertragen werden kann und von verhältnismäßig kurzer Dauer ist. Ihr Vorteil besteht jedoch darin, daß der geliehene Schuh sofort in Wirkung tritt, während dies bei der aktiven erst nach einiger Zeit der Fall ist.
Unter dem Einfluß dieser Erfahrungen hat nun Pasteur — in Analogie mit der Pockenimpfung — auf bestimmte Weise abgeschwächte Erreger zur Ausführung von Schutzimpfungen bei verschiedenen Tierseuchen eingeführt, die zum Teil heute noch in Verwendung sind. Das Suchen nach Erkenntnis Wer das Wesen' und die biologischen Vorgänge bei einer so erworbenen Immunität hat zahlreiche geistvolle Forscher wie Metschni- kvff, Behring. Ehrlich, Pfeiffer, Buchner, Wright, Bordet, Wassermann u. a. in den Bann gezogen und hat in kurzer Zeit eine neue Wissenschaft, „die 2 m- rnubiologie", entstehen lassen. Auch in dieser Wissenschaft ragt wiederum ein Mann — Paul Ehrlich — besonders hervor. Ihm gebührt daS große Verdienst, den komplizierten Mechanismus der Immunität auf eine einheitliche, äußerst geistreiche Formel gebracht zu haben, die — wenn auch stark angefeindet — dort ein wertvolles Werkzeug für die wissenschaftliche Forschung und praktische Auswertinrg auf diesem Gebiete geliefert hat.
Gerade in praktischer Hins icht sind die Auswirkungen dieser immun- biologischen Forschungen sowohl bei menschlichen als auch bei tierischen Infeltions- krankheiten außerordentlich segensreich in die Erscheinung getreten durch die Einführung von Schuhinrpfverfahren, die der aktiven und passiven Immunisierung und selbst Heilzwecken bienen. Reben einer Reihe von Impfverfahren, die bei den verschiedenen Tierseuchen im Gebrauch find, ist als eine besonders wirksame die von dem früheren hessischen Landestterarzt Geheimrat Lorenz eingeführte Impfung gegen den Rotlauf der Schweine hervorzuheben. Sie stellt eine sogenannte Simultanimpfung, eine gleichzeitig aktive und passive Immunisierung dar und hat solche glänzenden Erfolge erzielt, daß der Schweinerotlauf aufgehört hat, eine gefährliche Seuche zu sein.
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ie meistgerauchte deutsche ZIGARETTE***


