Nr. 204 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, L September 1927
Vie Ergebnisse des europäischen Nationalitätenkongresses.
Don Dr. Theodor v. Rentelitz Leiter des Kongreh-Sekretariats.
Der diesjährige Genfer Kongreß der Vertreter der „Minderheiten" in Europa ist auf dem Wege zur Klärung der Rationalitätenfragen und zur Festsetzung der Ziele der nationalen Gruppen ein gutes Stück vorwärts gekommen. Diese Klärung hat auch die praktische Inangriffnahme einer gemeinsamen Arbeit gefördert.
Dom politischen Standpunkt ist der Appell, den der Kongreß an den Dölkerbund gerichtet hat, von besonderer Bedeutung. In den entsprechenden Resolutionen heißt es:
„Der Kongreß stellt fest, daß im letzten Jahre nicht nur keine Verbesserung, sondern eine Der- schlechterung der Lage der nationalen Minderheiten eingetreten ist.
Wie früher, ist auch heute darüber Klage zu führen, daß nationale Lebensrechte vergewaltigt und die gemäß der Resolution des Völterbund- rates vom September 1922 für alle Mitgliedstaaten verbindlichen Grundsätze der Minoritätenschuhverträge tatsächlich verletzt werden, ohne daß dagegen eingeschritten wurde. Runmehr aber sind auch diese Grundsätze selbst und ihre sittliche und rechtliche Bedeutung von Mitgliedern des Dölkerbundes in Frage gestellt worden. Dadurch erscheint die Grundlage der Friedensarbeit des Dölkerbun des ernsthaft erschüttert und di« Aufrechterhaltung des europäischen Friedens aufs schwer st e bedroht. Es ist unsere Ueberzeugung, daß der Dölkerbund als einzige für die Behandlung aller den Frieden Europas gefährdenden Fragen kompetente Organisation verpflichtet ist, ernsthaft an die Behandlung des Rativnalitätenproblems heranzutreten und dafür Sorge zu tragen, daß die heiligen Rechte des Volkstums geschützt werden
Angesichts dessen, daß der heutige Stand des Minderheitenschuhverfahrens beim Völkerbund völlig ungenügend ist, hält es der Kongreß für notwendig, beim Völkerbünde und seinen Kommissionen vorstellig zu werden, die Verwirklichung der von den Minderheitsverträgen deklarierten Rechte herbeizuführen."
Es ist klar, daß der Dölkerbund an diesen Forderungen der verantwortlichen Vertreter von 40 Millionen Menschen nicht vorübergehen wird, wenn er nicht in der entscheidenden Aufgabe, die ihm durch seine Schöpfer zugewiesen wurde, versagen will. Die Anschauung, daß ein weitgehender rechtlicher Schuh der nationalen Gruppen mit der Souveränität der Staaten unvereinbar wäre, ist irrig. Das beweist die Durchführung der Kulturautonomie in Estland.
Die Ziele der nationalen Gruppen sollen und können nicht die Staatsoberhoheit schmälern, das wurde vom Kongreß mit folgenden Worten unzweideutig ausgesprochen:
„Der dritte Kongreß der Rationalitäten konstatiert, daß der Ausbau der Minderheitenrechte, bzw. die öffentliche Anerkennung der nationalen Selbstverwaltung in den organischen Gesehen und die Klagbarmachung dieser Rechte sich im vollen Einklang mit dem heutigen Wesen der im Völkerbunde vereinigten souveränen Staaten befindet: somit ist die positive Lösung der gesamten Minderheitenfrage innerhalb der einzelnen Staaten, sowie auf völkerrechtlichem Wege ermöglicht."
Derrn darum handelt es sich vor allem: um eine positive Lösung. Die Kräfte der 40 Millionen sollen fruchtbringend gestaltet werden und sich nicht in der Abwehr nationaler Unter» drückungstendenzen erschöpfen. Je mehr nationale „Minderheiten" ein Staat beherbergt, um so mehr muh ihm gerade an ihrer positiven Mitarbeit gelegen sein.
Diese Beschlüsse sind von allen Teilnehmern der Konferenz einmütig angenommen wvrden. Erst später kam es zu einem bedauerlichen Zwischenfall. Schon bdn vornherein sah sich der
Moderne Makerei in Mainz.
Seit der Mainzer Iahrtausendausstellung von 1925 kennt man die Fülle alter Kunstschähe aus Privatbesih. Schon damals war man überrascht, und doch knüpfte diese Ausstellung an die jahrhundertealte Tradition an, die sich im wohlhabenden Patriziat fortgeerbt hatte. Daß aber auch neue und neueste, traditionslose Kunst in weiten Kreisen der Mainzer Bürgerschaft verständnisvolle Pflege erfahren hat und noch erfährt, beweist die „Ausstellung moderner Malerei aus F a m i l i e n b e s i tz", die der rührige „Verein für Kunst und Literatur" in den Sommermonaten in den neueröffneten Sälen der Stadthalle veranstaltet«.
Der tüchtige und umsichtige Leiter der Ausstellung. Dr. Busch, gliederte die Auswahl der 500 eingchandten Bilder, von denen nur 300 aufgehängt werden konnten, nach vier Hauptgefichts- punkten: Maler der alten Schule, deutscher und französischer Impressionismus, deutscher und ausländischer Expressionismus und „Reue Sachlichkeit".
Von den Meistern des Impressionismus sind gute, wenn auch nicht hervorragende Werke zu sehen, so von Liebermann vier Bilder, von denen die frühe „Kartoffelernte" (1895) in der Palette noch völlig dunkel ist, während das „Kohlfeld" von 1923 trotz seines immer noch gänzlich impressionistischen Grundcharakters in den aufgeregten Farben daran erinnert, daß Liebermanns Schaffen zum Teil in eine Zeit fällt, wo Ausdruckskünstler der jungen Generation wie Marc u. a. wirkten. Das „Selbstporträt" Liebermanns zeigt etwas von fragender Zcrquält- heit, ohne letzte geistige Tiefen auszuschöpfen. Von bfcn übrigen deutschen Impressionisten sind leider weniger charakteristische Werke vorhanden. So von T r ü b n e r eine trotz ihxes intensiven Blaus matt« „Starnberger See-Landschaft", von Albert Weihgerber das „Porträt eines jungen Mädchens" von einer eigenartigen, mürrischen Versonnenheit. Außer S l e v o g t und Hans v. Bartels seien von weniger bekannten Künstlern genannt: Der Mainzer Paul Strecker, mit einigen hübschen französischen Landschaften, Julius S e h l e r mit dem „Cre- vetteufang", der in der Farbdcktion an Lieber- marmsche Seestücke gemahnt, oder Theo v. Brock- Husens farbfroher „Weiher". Don den Prominenten vermißt man Leibl am meisten.
Kongreß einer außerordentlich schwierigen Frage gegenüber: der Aufnahme neuer nationaler Gruppe. die sich in großer Anzahl zum Kongreß gemeldet hatten. Da eine befriedig-mde Definition darüber, wer als nationale Gruppe zu gelten habe, infolge der Kürze der Zeit nicht gefunden werden konnte, und auch die Rachprüfung, ob die eine oder die andere Gruppe den Grundsätzen der Rationalitätenkongresse entspreche, ein sorg» fähigere£ Studium erforderte, so wurde die Frage von Reuaufnahmen einstimmig einer besonderen Statutenkommissivn überwiesen.
Am letzten Kongreßtage jedoch erklärten die „Minderheiten" Deutschlands, die Polen, Dänen und Wenden, ihren Austritt aus dem Kongreß- verbände. Ihren Schritt begründeten sie mit der Richtzulassung der Friesen in Deutschland zur Tagung. Auch glaubten sie das Obwalten bestimmter politischer Tendenzen auf dem Kongresse beobachten zu können, mit denen sie nicht einverstanden waren. Die letztere Behauptung wurde vom Präsidenten der Versammlung, dem slowenischen Abgeordneten im italienischen Parlament, Dr Wilf an, zurückgewiesen und der Austritt der Gruppen bedauert. Diesem Vorgänge schloß sich eine eindrucksvoll« Vertrauenskundgebung der teilnehmenden Gruppen für den Präsidenten an. In diesem Sinne wurden ©rHärungen abgegeben von den Kataloniern, den Juden, den Ungarn, den Deutschen, den Ukrainern aus Rumänien und den Russen aus Estland. Zur Richt- zulassung der Friesen ist zu bemerken, daß u. a. auch die Ukrainer und Weißrussen aus Polen, sowie auch die Mazedonier, also Gruppen, die Hunderttausend«, ja mehrere Millionen Angehörige aufzupeisen haben, nicht ausgenommen wurden. Der Beschluß, dah über die Zulassung sämtlicher neu angemeldeten Gruppen erst nach der Beendigung der Arbeiten durch die Statutenkommissivn entschieden werden könne, war ja schon zu Beginn des Kongresses einmütig angenommen worden.
Rach diesem Zwischenfall wandten sich die Teilnehmer dem Tagungsprogramm wieder zu. Aus diesem Programm sind vor allem noch die Beschlüsse über die innen- und zwischenstaatlich« Zusammenarbeit der nationalen Gruppen hervorzuheben. In ihnen wird die Rotwendigkeit einer Zusammenarbeit der nationalen Gruppen in den gesetzgebenden Körperschaften und in den internationalen Organisationen dargetan. Es wird Pressefreiheit gefordert. Es wird die Bildung eines Verbandes der „Minderheiten"-Iourna- lrsten angeregt und die weitere Herausgabe eines dreisprachigen Bulletins, sowie auch die Durchführung von Engueten durch das ständige Sekretariat des Kongreßausschusses beschlossen. Da- mrt hatte der dritte Rattonalitätenkongreh seine Arbeit beendet.
Rückblickend läßt sich feststellen, dah der Rationalitätenkongreh wieder um einiges ttefer in die nationalen Problem« eingedrungen ist, deren Lösung für die „Minderheiten" eine Lebensnotwendigkeit darstellt. Damit sind auch die Schwierigkeiten gewachsen. Aber es ist nicht Ausgabe dieser Zusammenkünfte, die Zustände in Europa auf nationalem Gebiet etwa zu beschönigen. Rein, ferne Aufgabe ist vielmehr, diese Mißstände, die den Keim größter Verwicklungen in sich tragen, aufzudecken und in praktischer Ar- freit zu ihrer Beseitigung beizutragen. Sind doch diese Versammlungen dadurch einzig in ihrer Art. daß ihre Teilnehmer einerseits verantwortliche Politiker und Wortführer ihrer Gruppen sind, aber andererseits nicht jenen Bindungen von oben unterliegen, wie das bei den offiziellen Vertretern der meisten anderen zwischenstaatlichen Organisationen der Fall ist. Es ist leicht einzusehen. um wieviel schwieriger, aber auch erfolgversprechender darum ihre Arbeit ist, die übrigens auch in der Zwischenzeit von einem Kongreß zum andern in Ausschüssen, Kommissionen und dem ständigen Sekretariat tatlräftig weitergeführt wird.
Spanienreifen,
Don E. o. Ungern-Sternberg.
Es gibt viele, die den Staub der Seele abschüt- teln und den Alltag vergessen möchten. Wer es kann, packt seinen Koffer und reist in die Welt hinaus, in den ewig lockenden Süden, wo die Drangen ! und Zitronen blühen, und wo das Feenschloß der Sehnsucht liegt. Dann stellt man sich die antithetische Frage: Spanien oder Italien? die aber nicht gestellt werden sollte, denn die beiden südlichen Länder sind nicht dasselbe, sie ergänzen sich. Die heilige Jugendstunde, die uns war, als wir zum ersten Male nach der Nachtfahrt in Berona erwachten, diese Stunde kommt uns weder in Toledo noch auf den Hügeln von Granada. Es gibt in Spanien kein Sorrent und kein Capri, auch nicht die Süße des neapolitanischen Gesanges. Es soll eigent- lich nur hierherkommen, wer ein ganz ernstes Herz hat und dem leisen Klingen der Geschichte nachzuhorchen versteht. Dann erfaßt man die granitene Herrlichkeit des Eskorial, den steinernen Gesang der Kathedralen von Saragosta, Toledo oder Burgos, den Zauber der Moschee Cordova und die Herrlichkeiten Sevillas.
Die große Touristenstraße nach Spanien führt über Paris und San-Sebastian nach Madrid und weiter nach den Wallfahrtsorten aller Fremden, nach Toledo, Sevilla, Granada ufw. Die Reise geht auf ausgetretenen Pfaden, jeder Besucher kennt im- voraus die Wunder, die ihn erwarten. Er findet auf feinem Weg modern, ja luxuriös ausgestattete Hotels und Pensionen, Fremdenführer, die in ihrem aus allen Sprachen entlehnten Kauderwelsch all die zu bestaunenden Herrlichkeiten erklären, und so kann denn ein fleißiger Tourist, der sein Herz nicht auf Feiertagsstimmung abstimmen will, in 14 Tagen Spanien kennenlernen. Er wird mit dem Mudajar- stil vertraut sein und sich mit den Mozarabern von Toledo befaßt haben. Das spanische Volk aber, fein
Der Impressionismus, diese schillernde Kunst der Oberfläche, hat in Frankreich ihren stärksten Ausdruck gefunden. Das konstatiert man auch hier wiederum von den hier ausgestellten Scan- zosen: Der Duft des Gemäldes von Renoir („Avignon"), in dem noch die Corotsche Subtili- tät in der Ausfassung des Atmosphärischen werterklingt, ist ebenso voll gallischer Grazie, wie „die ruhende 5rau" von Matisse oder die beiden, in zartem Pointillismus ausgeführten Landschaften von S i g n a c. Von den zwei hervorragend gemalten, im Vorwurf unendlich simplen „Stilleben" von Cezanne, hat augenscheinlich Maria Caspar-Filser in ihren Darstellungen des gleichen Stosses sehr viel gelernt. Im Vergleich zu Hodlers überraschend konstruktiver „Schweizerlandschaft", die allerdings sehr ungünstig hängt, haben van Goghs „Arbeiter auf dem Feld" eine ganz andere dynamische Wucht, obwohl es sich, der Art der Pintelsührung nach zu urteilen, um ein Frühwerk des Meisters zu handeln scheint.
Der immer erstaunlich wanblungsfähige Corinth ist mit seinem ^Bildnis des Malers Gorge" noch ganz i mpressionisttsch — auch der „Rückenakt" ist noch fein eigentlicher Fortschritt über das schon Dagewesene hinaus — während seine „Blendung des Simson" — gewiß nicht eines seiner stärksten Bilder — entwicklungsgeschichtlich betrachtet, ein gutes Stück vorwärts weist, aus dem Weg. den Corinth dann zu Ende gegangen ist, wobei er andern die Bahn bereitet hat.
Bei der Kritik der impressionistifchen Bilder muß man sich immer wieder wundem, wie erstaunlich historisch uns heute schon diese Kunst anmutet, und langsam beginnen wir auch Distanz zum Expressionismus zu gewinnen. Auch von diesem sind die führenden Ramen der europäischen Kunstwelt trotz des provinziellen Charakters der Ausstellung hier Vertretern Von Kokoschka ein wirklich ausdrucksvolles „Männliches Porträt", in der Art der Strichtechnik an van Gogh gemahnend, die Züge vergeistigt, noch ohne Verzerrung des Realen. Mächtig wirkt die Intensität der Farben auf des Künstlers „Vierwaldstätter See". Das Ganze ist Darstellung einer kosmischen Landschaft, wie sie bei Pechsteins „Schneeschmelze", einer leuchtenden Farb- shmphoine. und in Vlamincks auf peitschendem „Herbststurm" wiederkehrt. Die gleiche Kraft ist auch auf den vier anderen Landschaften des Franzosen zu finden. Der dem Durchschnittsempftnden fremde, aber packende „Iohairniskopf", Emil
Wesen, sein Herz und seine Kultur werden ihm ver- schlossen bleiben.
Es gibt nach Spanien noch einen anderen Weg, der selten benutzt wird, eine Ozeanfahrt auf den Dampfern der Hamburg—Südamerika-Linie oder auf dem Bremer Lloyd nach La Coruna oder Bigo, der der ermüdenden Eifenbahnfahrt vorzuziehcn ist. Auf hoher See weitet sich die Seele, die Nerven ruhen aus und wir landen frisch auf spanischem Boden, in 23igo.
Di 9 o bildet eine seltene Ausnahme, insofern als es keine Vergangenheit hat, keine Kathedrale, keinen Alkazar, und keine maurischen Denkmäler. Und doch ist Vigo eine sehr alte Stadt, denn hier, wo sich heute die modernen Bauten erheben, hatten einst die Phönizier eine Niederlassung gegründet, die zur Römerzeit den Namen Vicus Spacorum trug. Sie wurde von den Wickin- gern, bann non Seeräubern und Engländern restlos zerstört. Vigo ist eine Stadt, die in die Zukunft schaut. Dor 30 Jahren noch ein Fischerdorf, hat die Stadt heute ca. 75 000 Einwohner, besitzt viele gra» nitne Paläste, prächtige Promenaden und moderne Hotels.
Landschaftlich sollte man Vigo zu den schönsten Häsen der Welt zählen. Eingeschlossen von blauenden Bergen, auf denen sich bis ganz nach oben weiße Villen reihen, schaut die Stadt auf den Ozean hinaus. An die granitnen Quais spülen die Wasser der tiefen Bucht, die sich schmal und kilometerweit, wie die Fjords in Norwegen, zwischen den Hügeln verliert. Der Himmel glüht, als ob er aus orientalischem Milchglas wäre. Goldene Fensterreihen treten wie Legionen an. Die Straßen gehen steil bergan. Es gibt Nebengassen, die als enge Spalten in Stein gehauen zu sein scheinen, die in der Dunkelheit unheimlich anmuten, als ob sie
BoIdes ist ebenso frappierend wie sein „Meer", «ine Horizont- unb gestadelose Darstellung des bloßen Elements in Olivegrün. Auch die beiden ungewöhnlichen Stilleben (..Porzellanpferd mit Blume", „Glas, Flasche, Blume") sind auf den gleichen herben Ton gestimmt. Unter den vielen problembeschwerten Bildern verdienen hervorgehoben zu werden: di« spukhaft visionären Wölf« des genialen Franz Marc. Schmitt- Rot luffs starres, gelbrotes „Bildnis des Herrn S. G.", Davringhausens „Visionen des heiligen Antonius", in manchen grotesken Zügen vielleicht absichtlich an Hieronymus Bosch erinnernd, unb der völlig undiszipliniert wirkende Max Chagall mit seinem „Ewigen Wanderer" und seinen „Erinnerungen an Rußland". Ein anderer Slawe, Alexander von Iawe- l i n s k h , wandelt mit seinem „Dunkeln Buddha", — einer Symbolisierung des Mitle ds — unb seinem „Violetten Turban" auf den Bahnen des abstrakten Kubismus. A:f eine eindeutige Interpretation wird man hier, wie bei Kandinski („Stille Harmonie", „Komposition") und Paul Klee („Tempel", „Landschaft mit Dorfkirche"), verzichten müssen. Weniger forciert kindlich als Älee wirft Erich Heckel, der mit einigen guten Sachen (meist Landschaften) vertreten ist. Besonders eindringlich gestaltet sind die „Kinder am Ofen", wo in der kahlen Dürrheit des Raumes die Kinder wie verweht und hilflos in ihrer schmalen Aufgeschossenheit erscheinen, die im langgestreckten, übergroßen Ofenrohr sinnbildlich wiederkehrt. In den „Drei Lebensaltern" Hingt nicht nur hinsichtlich des Sujets eine leise Erinnerung an Marees an. Richt sehr glücklich war der Gedanke, Dülbergs in Farben und Darstellung sehr krasse „Kreuzabnahme" mit einer Holzplastik (PietH) des 14. Jahrhunderts zu kontrastieren, um ähnliche Tendenzen in beiden Werken nachzuweisen, wobei man vergaß, dah jtoei völlig verschiedene Seelenlagen die Wurzel sind. Die liebliche, farb.g-zarte Madonna des Gießener Malers Kretschmann atmet mehr mittelalterlichen Geist.
Unter den Vertretern der „Reuen Sachlichkeit" ragt Otto D i x hervor, dessen fanattsch häßlich gemaltes „Blldnis einer Schriftstellerin" in ber glänzenden Technik und im Ausdruck eines ber stärksten Bilder der Ausstellung ist. U t r i l l o mit seiner „Straße" unb dem „Montmartre" wirkt glatt, fast akademisch-klassizistisch. Vermögen weder die Camoinfchen Interieurs, noch die gutgemalten Stilleben des Mainzer Ruppert eine tiefere Wirkung zu vermitteln, so erzielt Jose
ms Innere der Felsen, ins Gnomenreich, führten. Aber immer winden sie sich wieder an das Licht empor und münden in eine der Hauptverkehrsadern, in denen elegante Autos und elektrische Straßenbahnen verkehren.
Der Reichtum Vigos liegt im Meer. Jeden Tag laufen Dzeanriefen aus Deutschland, England, Holland und Frankreich in den Hafen ein. Die Passa- giere landen hier zum letztenmal auf europäischen Boden und haben einige Stunden Zeit, Ausflüge in die Stadt und in die Umgebung zu machen.
Wenn Vigo selbst auch keine Vergangenheit hat, so liegen doch ganz in der Nähe schöne Denkmäler vergangener Jahrhunderte. Da ist an der portugiesischen Grenze die alte Bischofsstadt Tuy, die angeblich von Diomedes gegründet wurde, und in der der Gotenkönig Ditiza seinen Hof hielt. Eine großartige Steinbrücke führt von Tuy nach dem portu- giesischen Valenca hinüber, von' der zwei Pfeiler den Spaniern, und zwei den Portugiesen gehören. Wie es sich für friedliche Nachbarvölker geziemt, sind die Pfeiler mit Dynamit unterminiert, um jeder Zeit in die Luft gesprengt werden zu können.
Wer den Seeweg nach Spanien gewählt hat, findet auch die Möglichkeit, Orte in Spanien zu besuchen, die weitab von den ausgetretenen Touristenstraßen liegen, und die doch viel Sehenswertes bieten. Nicht weit von Vigo liegt z. B. das Heilig- tum Spaniens, Santiago de Compostela, mit dem Grab des Apostels Jacobus (Santiago heißt auf deutsch Jacobus), dessen Gebeine angeblich von seinen Schülern Teodoras und Atanasius nach Santiago gebracht wurden. Es war im Jahre 813, als der Mönch Pelagius in denselben Sternen, die auch heute noch über Santiago de Compostela scheinen, zu lesen verstand, daß sich gerade dort das unbekannte Grab des Apostels befände. Papst Leo erkannte die Begräbnisstätte des Apostels an, die von dem Augenblicke an zum Wallfahrtsort von Millionen von Gläubigen wurde. Im Jahre 899 wurde in Gegenwart des Königs und von 17 Prälaten die erste Kirche über dem Apostelgrabe geweiht. Santiago blühte mächtig auf, ward der Ätz von einem Erzbischof und besitzt heute eine der schönsten Kathedralen Spaniens. Aber es liegt so sehr seitab von den gewohnten Touristenstraßen, daß sich selten jemand in diese granitne Welt des Mittelalters wagen will. In den engen Gassen der Stadt träumt die Vergangenheit. Ucberaü flüftert eine geheimnisvolle Stimme: „Es war einmal!" Wenn der Mond über den Türmen der hohen Kathedrale empor» schwebt und sich schwarze Schatten über die Universität und die steinernen Winkel senken, so wird alles in Santiago Romantik und Traum. Man fährt ca. drei Stunden von Vigo über Pontevedra nach Santiago de Compostela, da aber die Verbindung der Züge zu wünschen übrig läßt, so kann der Ausflug kaum in einem Tage bewältigt werden.
Von Vigo nach Madrid geht ein täglicher Schnellzug, der, um die 880 Kilometer zurückzulegen, etwa 18 Stunden braucht. Der Fahrpreis in der ersten Klaffe beträgt 105 Pesetas (die Pesetas gleich rund 60 Pf.). Die spanischen Züge werden oft im Ausland verleumdet. Sie sind sauber und bequem und die Mitreisenden, wie alle Spanier, von großer Zuvorkommenheit. Entzückende Landschaftsbilder gleiten am Reisenden vorüber. Rechts, in einem zer- flüfteten Tale, schäumen die Wasser des Minho, links türmen sich Felsen und grüne Berge auf. Erst nach fünf Stunden Fahrt, in Manforts, findet der Digoer Zug Anschluß an andere große Bahnlinien. Die Landschaft wird wilder, der Zug fährt in das Tunnelgewirr des Felsengebirges von Leon ein, dann in den oben Guadarrama, der von Zyklopen mit ungeheuren Felsblöcken überschüttet wurde unb dessen schneebebeckte Gipfel in ber Ferne leuchten. Avila, bie Heimat ber heiligen Therese, bleibt rechts liegen, bann taucht ber Wunderbau des Eskorial nach einer Wegbiegung plötzlich auf, und nun erst verläßt der Zug die Gebirgswelt, um nach einer Stunde in den Nordbahnhof von Madrid einzufahren. Nach der feierlichen Einsamkeit ber Berge wirkt bas Tosen ber Großstabt betäubenb unb läh- menb. Erst jetzt ist man bem großen Strom ber Touristen eingefügt.
T o rgores „Student" in der Deruhigtheit von Linie und Farbe immerhin einen Eindruck. Karl Hofer sympathisiert in seiner „Stadt" noch ziemlich mit dem Expressionismus, während er sich mit der in Komposition und Ausdruck starken „Fischerbraut" (einer Art Doppelporträt) sehr der neuesten Richtung nähert, deren vorläusige Ergebnisse in dieser Ausstellung in Mainz zum erstenmal gezeigt werden.
Im graphischen Kabinett hat man einige ausgezeichnete Blätter von Barlach, Corinth, Dix, Picasso u. a. zusammengestellt, während die in den Sälen geschickt verteilte Plastik, abgesehen von der Büste der Lehmbruckschen „Knienden" trotz einiger Ramen wie Maillol, S i ntenis, Gaul usw. nichts Bedeutendes enthält, wenn auch einige hübsche Sachen darunter sind, wie die fleinen Porträtbüsten von Peter Metz.
Alles in allem bleibt als Gesamteindruck der Ausstellung eine erfreuliche Höhe dcs Riveaus zurück. Zugleich wird dokumentiert, daß man auch noch nicht anerkannten Malern, jungen Kämpfern und Wegbereitern neben den von der historischen Entwicklung bereits fanftionierten Künstlern ein wohlwollendes und forderndes Interesse «ntgegenbringt. G. E.
Das S&atfpielen wird nicht besteuert.
Den Kartenspielern, insbesondere den Skat- und Sechsundsechzigspielern, war vor kurzem ein nicht geringer Schreck eingejagt worden. Es hieß nämlich, dah im Zusammenhang mit der ministeriellen Verordnung über das Ecartespiel auch den Skatspielern zu Leibe gegangen werden sollte, •ilnö zwar insofern, als man sie einer nicht unerheblichen _ Kartensteuer unterwerfen wollte. Dieses Gerücht hat sich nun aber zur Beruhigung aller Skatspieler nur als eine Ente erwiesen, benn es beabsichtigt niemand, dieser Kategorie von Spielern ernstlich zu Leibe zu gehen. Das wäre auch sicherlich ein llnfinn gewesen, wenn man sich überlegt, daß die eingefleischten Skalier gewöhnlich^ nur um geringe Pfennigbcckräge spielen. also für die Steuer nicht sonderlich nid her- auszuschlagen gewesen wäre. Zudem wäre sicherlich der für die Kontrolle erforderliche Beamtenapparat für die Steuerbehörden kostspieliger gewesen als sie tatsächlich aus ihrer Maßnahme hätten herausschlagen können.


