Sturm in Schmalebeck
Roman von Sophie Kloerss. Copyright 1926 by Aug. Scherl G. m. b. H., Berlin. 10. Fortsetzung Nachdruck verboten
„Hm. Und wenn ihn jemand gesehen hätte? Der Klatsch schläft nicht. Und der Ruf eines Mädchens ist wie Glas. Jeder Hauch kann es trüben." „Glaubst du nicht, daß er es ernst meint?" „Rottmann zuckte die Achseln. „Der Herr B a - r o n? Armer Adel — eine sandige Heideklitsche--
aber doch immerhin alter jütischer Adel. — Daß er verliebt ist, glaube ich ihm. Daß vielleicht Ilses Vermögen den fehlenden Stammbaum ersetzt, halte ich für möglich. Soll meine Tochter nur darum in seiner Familie willkommen sein? Und heute, wo sich die Gegensätze so zuspitzen? Ich wünsche mir keinen dänischen Schwiegersohn, Hanse."
„Es geht nicht um dich, es geht um Ilse." „Glaubst du, daß es für Ilse das Rechte ist? Ich nicht?"
,7?r ist ein netter Mensch."
„Ist er. Aber sie verliert zu viel. Hanse, das bleibt nicht, das erste verliebte Glück. Und wenn sie da mit ihm auf seiner Klitsche sitzt, und alles ist stock- dänisch, und ihre Heimat soll ihr nichts mehr sein, un-d zwischen uns und ihr wird eine große Entfremdung — ist er auch der Mann, sie dann über alles sortzuheben?"
„Muß denn das sein? Das Fremdwerden? — Sie ift gar keine politische Natur. Man könnte doch das Reden über diese Dinge vermeiden."
„Wie lange noch? Es wird bald mit dem Reden vorbei sein. Und dann? — Wie lange will er noch hierbleiben?"
„So wie ich Frau von Kroa verstand, soll er ein i Jahr lang bei ihnen in der Wirtschaft tätig sein. Daß er mal in einen großen Betrieb hineinsieht."
„Dann wäre es gut, Ilse ginge für den Winter wieder nach Kiel."
Seine Frau schwieg. Was sollte man dazu sagen? Mochte sein, es war das beste, aber Ilse ließ sich nicht leicht ablenken von Dingen, die sie einmal erfaßt hatte. Hans störte. Er steckte den dunklen
Leckenkopf in die Tür und sagte. „Soll ich nu mit der Fibel kommen?"
Der Doktor seufzte innerlich, er sehnte sich na6) seinem Ohrenstuhl. wenigstens für eine halbe Stunde. Da er aber selber seinen Herrn Sohn zitiert hatte, mußte er ihn auch vornehmen.
„Also — setz' dich hierher. Wo bist du denn jetzt?"
„Beim großen L."
„Dann lies mal."
„L—e — Le—a. Lea —."
„Weiter."
„L—e Le—o. — Leo."
Pause. „Na ja, nu man weiter,'
„L—e—a. Leo."
„Warum fängst du denn dasselbe noch mal an?"
„Bei Fiete Eggers muß ich es immer zwanzigmal lesen."
„Zwanzigmal? Dem ist wohl nicht zu helfen! — Hört er denn immer zu?"
Hansels Augen glummerten. „Nee, zuhören tut er nicht. Wenn ich sag': Löwe und Lina, das merkt er gar nicht. Er fitzt immer und döst, oder er zeichnet."
„Was zeichnet er?"
„Och, man immer so Gesichter. Arn meisten zeichnet er Ilse."
„Ilse?"
„Ja. Und dann so Rosen rundum. Und wenn Aenne es sehen will, wird er fünsch. Aber ich sitz' so dicht, ich schul' immer mal rüber. Das merkt er nicht."
„So, jo." Dummer Bengel, dachte Rottmann. Wenn du so anfängst, hast du hier am längsten Unterricht gegeben. Ich werd' mal mit deiner Mutter reden.
„Na, Hans, lauf nur in den Garten, mit dem Lesen wird es wohl nicht viel. Du mußt bald in die Schule zu Tante Schulz. Die kommt dir mit dem Stöckchen, wenn du Unsinn lieft."
Hans polterte vergnügt hinaus. Rottmann sah sich nach Hanse um. Sie lehnte am Schreibtisch und hatte der kleinen Unterhaltung zwischen Vater und Sohn mit Vergnügen zugehört. „Was sagst du zu dem neuesten Verehrer unserer Tochter? — Auf den kann sie stolz sein, was?"
„Ach Gott, Detlev, laß den Jungen. Was hat der vom Leden? Hunger und Arbeit und die verdrehte Mutter, die ihn mit Gewalt zum Studium zwingen will. Vater sagt, er hält' zum Latein so wenig Talent wie der Esel zum Lautenschlagen: aber ich mag es ihr nicht sagen. Ich denk' immer, daß er hier seinen Kaffee bekommt und ein tüchtiges Abendbrot, das hält ihn noch zusammen. Er hängt ja mir in den Gräten."
„Laß man, der ist zäh. Ich kenne diese langen Schlakse. Wenn sie erst mal richtig ausgefuttert werden, werden es ganz stramme Kerle. Na, ich werd' mir Mama Eggers mal vorknöpfen." Er huschelte sich in seine Stuhlecke. Hanse lachte ihm zu und ging aus dem Zimmer. In der letzten Nacht hatte er zweimal heraus müssen, und zum Nachmittag stand eine weite Landfahrt bevor. Sie jagte die Kinder, die auf dem Flur halloten, in den Garten und ließ das Mädchen frischen Kaffee rösten. Der munterte doch ein bißchen auf vor der Fahrt.
Dann ging sie zu Ilse hinauf und fand sie auf der Fensterbank hocken, ganz in sanfte Mittagsfaulheit versunken. Und über die Baumwipfel herüber grüßte der blauweiße Wimpel von Eichtal.
*
Die Turmuhr schlug sechs. Sie ließ sich Zeit dabei. Alles in Schmcilebeck hatte Zeit, warum hätte sich die Turmuhr beeilen sollen? Man konnte zwischen zwei Schlägen immer bequem bis sechs zählen, und wenn man sich eilte, bis zehn, Brigitte behauptete, sie käme sogar bis zwölf. Aber das bestritten die Geschwister.
Endlich hatte sie ihre Pflicht getan. Ilse, die sich behaglich noch ein bißchen in den Federn dehnte, hatte mitgezählt, und wie der letzte Schlag vorüber war, lauschte sie auf.
Ein Glockenspiel setzte ein. Hell und froh schwebte die Melodie über die Dächer und Giebel und flog durch das offene Fenster in ihr weißes Zimmer. Sie fang leise mit.
„Geh' aus, mein Herz, und suche Freud' In dieser schönen Sommerzeit An deines Gottes Gaben.
Schau' an der schönen Gärten Zier Und siehe, wie sie dir und mir Sich ausgeschmücket haben."
Der Kantor war wieder da und zog fein Glockenspiel. Auf dem Dach seines winzigen, "uralten Häuschens, hart an der Kirchenmauer, hatte er es nach eigenen Angaben anbringen lassen. Die Fäden der einzelnen Glöckchen gingen hinunter in seine Schlafstube. Wenn er im Bett lag, konnte er sie, die an Tasten befestigt waren, spielen, daß droben die kleinen Hämmerchen auf die in zwei vollen Oktaven abgestimmten Glocken schlugen und alles hinaus- sangen in die Gottesluft, was ihm durch Herz und Sinn ging.
Aber daß er schon wieder hier war! — Kam man in vierzehn Tagen hin zum Rhein und wieder zu- ruck? Wohl kaum, auch wenn man Extrapost fuhr.
Gestern nachmittag, als sie bei Lisette Rosen, der kleinen, schiefen Schwester der schönen Melanie gewesen, hatte die noch kein Wort von Heimkehr der Reisenden gesagt.
Ein anderer aber brachte das Spiel nicht in Gang, ganz abgesehen davon, daß das Häuschen verschlossen war.
Wie Ilse zum Kaffee hinabkam, fragte Hanse auch schon: „Hast du es gehört? Sis-müssen wieder da sein. Vater hat sicher recht gehabt. Er sagte gleich: Das hatten die alten Leute nicht mehr aus, die weite Reise. Das ist eine Kateridee. — Ja, dann üb' nur noch, dann wird Mampert sicher heute zur Stunde kommen, es ist ja Freitag."
Um elf sah Ilse den alten Herrn auf das Haus zukommen. Groß, dick, mit dem rosigen Gesicht unter dem breiten, grauen Zylinder. Die langen weißen Haare lockten sich über dem Rockkragen, das feine Batisthemd blitzte wie Schnee, der Spazierstock mit dem goldenen Knopf schwang vergnügt hin und her.
Sie hatte schon das Klavier geöffnet und seinen Stuhl mit dem Kissen herangetragen, einen schraubbaren Klavierbock kannte man in Schrnalebeck noch nicht, und nun lief sie ihm entgegen, nahm ihm Hut und Stock ab und fragte: „Wie ist's am Rhein, Herr Kantor?"
(Sortierung folgt.)
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