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Ur. |Z7 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger tGeneral-Anzeiger für Gberheffen)
Samstag, 51. Juli 1926
Außenpolitische Umschau.
Von Pros. Dr. Otto H o e h s ch. M. d. R.
So ist nach nicht viel über Anxi Jahren Poincare an die leitende Stelle in Frankreich zurückgekehrt. Ist er derselbe oder ein anderer geworden? Jedenfalls ist das Frankreich, an dessen Spitze er tritt, ein anderes geworden. alS eS im zweiten Vierteljahr 1924 war. In der Außenpolitik ha! eS den Vertrag von Locarno geschlossen, in dem — anders als sich Poincare dos gedacht hatte — eine Lösung der Sicherheits- frage gesucht wurde Und die Innenpolitik wird von der Finanzkrise beherrscht, an der letzten Endes und ganz entscheidend schuld ist — Herr Poincare. von dessen Tatkraft und Sachkenntnis » nun Frankreich Rettung für den sinkenden Frank erhofft.
Daß Poincare Energie ha! ist von niemand bestritten. Daß er eine besondere Autorität in Finanzfragcn sei, hat noch niemand behauptet. Daß er das oder die Allheilmittel zur Stabilisierung des Franken auch nicht im Portefeuille hat, das haben schon seine ersten Schritte, die Regierungserklärung und das angekündigte Slcuerprogramm, bewiesen. Trotzdem hat' die Kammer ihm mit großer Mehrheit das Vertrauen ausgesprochen. Er versügt über eine große Mehrheit in ihr und im Senat. Sein Kabinett ist wirklich das Ministerium der „nationalen ßfhigung“, das man sorderte, das übrigens so erst Herriot. der Stürzer Caillaux', mit seinem Beitritt ermöglichte.
Aber dies Vertrauen, mit dem die Kammer — auch dos Land? — Poincare trägt, hat nur bie Bedeutung und den Wert eines Rartvtikums. Das Kabinett hat eine feste Grundlage, es hat nur e i n Ziel, nämlich den Franken zu stabili- lieren. Aber hol es dazu ein Programm? Ganz bestimmt nicht! Man will aus eigenen Kräften des Londes stabilisieren und die Aus- ilaiidkrise vermeiden, das Schuldenabkommen mit Amerika nicht annehmen. Aber das wissen wir aus eigenen Erfahrungen, daß man mit derlei Steuerbuketts, wie sie Poincare jetzt bringt, eine Währung ganz bestimmt nicht stabilisiert. Besonders wenn man dabei noch Io um den Brei heruntgeht, wie man es mit diesen nur scheinbar einschneidenden Steuermoßnahmen tut. Man tft jetzt müde, die Kammer will in die Ferien Lehen. Man bewilligt dem Mann, zu dem man ein großes, aber unklares Vertrauen hat, seine nächsten Forderungen, und hofft bis zum Herbst «ms ein Wunder, vielleicht auf ein Ciittenken Englands und Amerikas oder etwas ähnliches.
Das meinen wir mit dem Rarkotikum. Die Sage ist doch vielleicht zu verwickelt und schwierig geworden, als daß sie so wirklich gebessert werden könnte. 11 nb Frankreich ist in der Gefahr, daß das Vertrauen wieder zur Illusion wird und im Herbst die Krise nur noch größer ist als.heute.
Was bedeutet das neue Kabinett für die Außenpolitik? Schwerlich wird Poincare. so wie er ist. seine Überzeugungen in der | Außenpolitik, insonderheit über das Verhältnis f zivischeu Frankreich und Deutschland, die wir ja zur Genüge kennen, von Grund aus geändert Huden. Aber die Lage Frankreichs hat sich, eil er zuletzt an der Macht war. geändert. ' S'em hak Poincare auch selbst dadurch schon I Rechnung getragen, d»ß er im Senat für die Vatisilation des Locarno-Vertrages gestimmt hat. 'Sr soll auch mir ist der Artikel nicht zu Gesicht gekommen -- in einem spanischen Blatt für Locarno geschrieben haben. Isnd dementsprechend hat in seinem Kabinett Briand. dessen Paine ein außenpolitisches Programm ist. und &cr auch neben dem eneraUch^MPoincare seine Selbständigkeit behauPtemMMMas Außenministerium übernommen. POUcare hat alle Hände voll mit der Finanzpolitik zu tun. und er wird klug genug sein, einzusehen, daß sich Frankreich außenpolitische Eskapaden, Abenteuer irgendwelcher Art schlechterdings nicht leisten kann. Er wird wissen, daß Frankreich von der mit dem Wort Locarno bezeichneten außenpolitischen Linie, auch wenn es von ihr abbiegen möchte, nicht ob- biegen kann.
Wenn wir das so bestimmt aussprechem so muß aber nun. und im besonderen im Hinblick auf Genf und die in fünf Wochen beginnende \ Verhandlung dort über Deutschlands Eintritt, nachdrücklich gesagt werden, daß Locarno und Locarno zweierlei ist. und von vornherein auch v^ie^Cv bedeutet hat. Wenn Frankreich am Vertrag selber nicht rüttelt, weil es sonst sein Verhältnis zu England gefährden würde, so hat doch selbst Driand so gut wie nichts getan, um iiii Sinne des berühmten „Geists von Locarno" zu handeln. Es ist doch Briairds, und noch nicht Poincares Schuld, daß heute, wie der neue Reichsjustizminister festgestellt hat, noch volle 35000 Mann zuviel an Besatzung im Rheinland ': stehen, daß nichts von der versprochenen „reduc- -ition sensible“, der Rückführung der Besahungs- 1 stärken auf die „normalen Ziffern" eingetreten ist. gegen die förmlichen klaren Zusagen in ILocarno und der Botschafter-Konferenz. Von den anderen Beschwerden — Fall Germersheim — ganz zu schweigen!
Es dreht sich dabei nicht um ein feilschen über einzelne Ziffern, um Quartieranlagen und Be- ichwerden über einzelne Ausschreitungen. Auch in England hat man ein Gefühl dafür, daß es dabei im tieferliegende und sehr ernste Fragen geht: Die .Times" sprach es am 21. Juli aus: „Viel wichtiger ils die Note des Generals Walch ist die R h e Inland frage. Man hat allen Grund zu der An- tahme, daß diese Frage ein ungeheures Hindernis fir die Regelung der Präliminarien in Gen, sein lnird, wenn es nicht gelingt, vorher eine Einigung in erzielen." Das ist ganz richtig, nur daß wir die Ute des Generals Walch nicht so als „quantite a£gligeable‘‘ nehmen. Denn sie mag zehnmal nur eines von den vielen Schriftstücken sein, die in der ■ lfniwaffnungsfrage zwischen Deutschland und I Frankreich hin und her gehen, in ihr steckt dach der Mze Unfug der Mi litärkan trolle noch Irin, die es längst nicht mehr geben durfte. Und die, Die wir hinzufügen, zum Locarnovertrag und zum rKotarnoqeift absolut nicht paßt!
Militärkontrolle und Nheinlandbesatzung aur der raten Seite und Locarnovertrag mit seinem Abfluß im Völkerbund auf der anderen — das paßt tickt zueinander, das widerspricht einander, las macht eine befriedende Wirkung ber Locarno- lereinbarnngen auf die Dauer unmöglich. Dem- (egenüber ist bann gar nicht von entscheidender Seleutung, wenn diesmal in Genf die «ache glatt »hl, Deutschland in den Völkerbuiw cmtntt und
das letzte Siegel aus die ganze Aktion gedrückt wird. Das ist dann mehr Form gegenüber jenen sachlichen Punkten und Forderungen, über die in Deutschland kaum Meinungsverschiedenheit besteht, die aber die deutsche Außenpolitik nicht hat voranbringen können. Jene „Times".Aeußerung aber zeigt, daß darin berechtigt auch drüben anetfannt wird, daß Gefahr zu befürchten ist, wenn darüber keine Einigung erzielt wird. Auch die deutsche Außenpolitik hat aber bis Genf noch die Hände voll zu tun, damit hierin endlich das Nöttge erreicht wird.
Ob man nun in Frankreich nicht langsam begreift, daß man auch darin vorwärts kommen muß? In dieser Situation, wo alles nach einer schöpferischen friedlichen Europa- Politik geradezu schreit, ohne die das ohnehin schon matter werdende Nordamerika seine Hilfe nicht zur Verfügung stellen
wird! Zu solcher Politik ist Deutschland bereit. Aber es kann dazu nur bereit sein — und das gehört zum Wesen einer solchen Europa-Politik aller beteiligten «Staaten — wenn sie gemacht wird von absolut gleichberechtigten Staaten. Mit Absicht und lleberlegung haben wir diesen Begriff und dies Wort der Gleichberechtigung während der ganzen Locarnoauseinandersetzung, immer wieder aebrcrucht. Auf der anderen Seite hat es gleich im Anfang Lloyd George verwendet, als er die Forderung aufstellte, es könne sich diese Aktion nur vollziehen bei Behandlung der Beteiligten ..on equal share“. Das ist auch im Augenblick der sprin genbe und der entscheidende Punkt. Und sowohl England, das Deutschland im Völkerbund haben will, wie Frankreich, dem auch ein Poincarö die Situation von 1919—1923 nicht zurückbringt, werden dem Rechnung tragen müssen!
Die Memoiren der Generäle.
Don D. Dr. Dr. 3. D. Bredt, o. Professor der Rechte an der Universität Marburg. Mitglied des Reichstags. Sachverständiger des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses*.
Viele der Männer, die zur Lenkung von Deutschlands Geschicken berufen waren, haben nach dem Kriege ihre Erlebnisse geschildert und ihre Ausfassungen bargetan. Daß es sich dabei säst regelmäßig um eine Verteidigung der eigenen Stellung handelt, ist keineswegs ein Rachteil. Gerade deshalb, weil diese Männer ihren eigenen Standpunkt zur Geltung kommen lassen, und weil sie darlegen. was sie selbst gewollt und für richtig gehalten haben, liefern sie uns ein Quellenmaterial. das wir gar nicht entbehren können. Ob ihre Behauptungen vor der objektiven Forschung später standhalten, ist eine ganz andere Frage, aber hierauf kommt es auch nicht an. Die Hauptsache bleibt die Ursprünglichkeit der Darstellung^ daher verlieren auch die Memoiren an Wert, je später sie abgefaht sind...
Die Führung haben begreiflicherweise die Militärs, wie immer in kriegerischen Zeiten. Wir haben umfangreiche Werke von General- feldmarschalt v. Hindenburg, General Ludendorff, Großadmiral von Tirpih, General bon Stein, General Hoffmann und anderen. Es war aber kein siegreicher Krieg, sondern ein verlorener, über den sie schreiben mußten; es fragt sich daher, wie sie sich zu dieser Tatsache stellen. Die rein militärischen Geschehnisse waren nicht schwer zu beurteilen, denn die Tatsache, daß die deutschen Waffen aus allen Kriegsschau- Plätzen den feindlichen überlegen waren, kann auch fein Beschluß der Entente in Abrede stellen. Wenn nun trotzdem der Krieg verloren wurde, muh die Ursache auf anderem Gebiet gelegen haben, und diese Frage wird auch eingehend behandelt. Man findet bei den Militärs regelmäßig einen starken Gegensatz zu den Männern der Politik, und hier wird der Hebel angeseht, um den endgültigen Mißerfolg, trotz der eigenen militärischen Erfolge, zu erklären.
Das Buch des Feldmarschalls von Hindenburg hält sich auf diesem Gebiete stark zurück. Wir finden mehr die eigenen Erlebnisse dargestellt und weniger die ursächlichen Zusammenhänge beleuchtet. Am so mehr legt sein Mitarbeiter, General Ludenndorff, hierher den Schwerpunkt seiner Ausführungen. In feinen ..Kriegserinnerungen" bringt der General gewissermaßen die Verteidigung seiner Tätigkeit und zeigt, wie seine großen Erfolge auf militärischem Gebiete sich erklären. In seinem folgenden Werke aber, „Kriegführung und Politik", geht er zum Angriff über und legt dar, wodurch der von ihm erstrebte endgültige Sieg vereitelt worden sei. Das Buch ist eine einzige gewaltige Anklage gegen den Faktor, den er kurz „die Politik" nennt, und der das Verhalten aller der Männer betrifft, die in der Reichsregierung führend waren. Die Anklage läßt sich dahin zusammenfassen, daß die Politik nicht mit allen ihren Kräften hinter der Kriegführung gestanden habe. Wie schon der Titel besagt, stellt General deutsche Volk zu einem einheitlichen Siegeswillen zu entflammen, daß sie schließlich durch ihre Schwäche den Zusammenbruch mit herbeigeführt habe. Wie schon der Titel besogt, stellt General Ludendorff die Kriegführung voran und sieht in der Politik lediglich ein Mittel zur llnter- stühung der Kriegführung. Keineswegs verleugnet er ausdrücklich den Grundsatz von Clausewitz, „der Krieg ist nichts als die fortgesetzte Staatspolitik mit anderen Mitteln". Man kann sogar annehmen, daß er bereit ist. die Kriegführung einer Staatspolitik unterzuordnen — wenn diese Staatspolitik sich in ganz bestimmten Bahnen bewegt und genau die Endziele verfolgt, die dem General als die einzig möglichen erscheinen. Der Gedanke, daß mit dem Kriege etwas anderes erreicht werden solle als die endgültige ilntcrtoerfung des Feindes — der Gedanke liegt dem General offensichtlich fern. Sein ganzes Wollen und Können setzte er an die Aufgabe, den vollen Siegfrieden für Deutschland zu erringen. Er sah auch die Tatsache vor sich, daß überall der Feind geworfen wurde, wo es zum Schlagen kam. Wenn also dennoch schließlich Deutschland zusammenbrach, dann konnte nach seiner Ansicht die Ursache unmöglich gesucht werden bei der Kriegführung, sondern nur bei der Politik, bei den führenden Männern, die hier maßgebend waren. Das ist wohl der kurze Inhalt des umfangreichen Buches über Kriegführung und Politik.
Bei General v. Falke nhayn finden wir derartige Ausführungen kaum. Er stand an der Spitze der Obersten Heeresleitung zu der Zeit, als die Gegensätze noch schlummerten. Sein eigentlicher Rivale war nicht der Reichskanzler, sondern der Oberbefehlshaber-Ost, und hier ist allerdings eine innere Gegensätzlichkeit unverkennbar. Die Frage der großen Politik ist an den General noch wenig herangetreten, und soweit es der Fall war, bestand zwischen ihm und dem Reichskanzler ein genügendes Einvernehmen.
Anders lautet die Darstellung des Großadmirals v. Tirpih. Auch hier zieht sich wie
' Die Ursachen des Deutschen Zusammenbruchs im Jahre 1918 (IV. Reihe im „Werk des Untersuchungsausschusses der Verfassunggebenden Deutschen Rationalversammlung und des.Deutschen Reichstages 1919—1926"). 2 Abtei, ung: Der innere Zusammenbruch. Band 8. ®u taut en des Sachverständigen D. Dr. Dr. Bredt. M. d. R. ./Der Deutsche Reichstag im Weltkrieg". 429 Seiten. 1926. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin W. 8.
ein roter Faden durch das Buch die Anklage gegen die leitenden Stellen der Regierung. Auch hier wird der endgültige Mißerfolg auf Verschuldungen der politischen Faktoren zurückgesührt. Allerdings war der Großadmiral hier insofern in einer besonderen Lage, als zweifellos durch politische Rücksichten sein Lebenswerk vernichtet wurde. Die 'deutsche Flotte, deren Leistungsfähigkeit sich sofort in ruhmvollster Weise heraus- stellte, wurde so lange lahmgelegt, bis sie von innen heraus unterhöhlt und zermürbt war. Insofern ist seine Auffassung sehr verständlich. Es bleibt aber die Tatsache bestehen, daß er die Schuldigen am Zusammenbruch in den politischen Faktoren sucht.
Auch der Held der Skagerrakschlacht, Admiral 0 dj c e r, urteilt nicht anders. Er sagt über den LI-Bootkrieg: „Statt sich dieser Waffe mit der in unserer Lage gebotenen Entschlossenheit zu bedienen, hat unsere Diplomatie ihr die größten Schwierigkeiten bereitet und dadurch die Hauptursache für unsere Riederlage geschaffen."
Der Kriegsminister v. Stein steht im wesentlichen auf demselben Standpunkte. Auch bei ihm besteht die Anschauung, daß Deutschland den Krieg verloren habe nicht durch äußere Ereignisse, sondern durch das Verhalten der politischen Kräfte im Innern. Auch er vermißt die Unterftütjung der Kriegführung durch die Politik und sucht hier die Schuld am Zusammenbruch.
Roch bedeutend schärfer urteilt der Mitarbeiter des Kriegsministers, General v. Wris- be r g. Durch seine Stellung im Kriegsministerium kommt der General aber dazu, seine Vorwürfe nicht allgemein gegen die „Politik" zu richten, sondern gegen ganz bestimmte Stellen, die Reichsregierung, aber auch den Reichstag! Ramentlich der letztere wird verantwortlich gemacht für den „Weg zur Revolution". Seine ganze innerpolitische Betätigung wird grundsätzlich verurteilt, weil die Unterstützung der militärischen Kriegspolitik vermißt wird.
Ein weiteres Buch, das zu nennen ist, stammt vom Leiter des Rachrichtendieastes der Obersten Heeresleitung, Oberstleutnant .R i k o 1 a i. Bei diesem Mitarbeiter Ludendorffs finden wir die Ansichten des Meisters unverfälscht wieder, nur von anderen Gesichtspunkten aus. Ein unumstößlicher Glaube an die Sieghaftigkeit der deutschen Wehrkraft findet sich enttäuscht durch das Verhalten derer, die das zunichte machten, was das Heer erringen konnte.
Endlich ist noch zu nennen Oberst Bauer, der auch im wesentlichen die Gedanken Ludendorffs wiedergibt, nur nicht in der meisterhaften Ausgestaltung des Generals, sondern in derberer Darstellungsweise, die in zahlreichen Einzelheiten mit Recht angefochten wird.
Das Buch des Generals Hoffmann bewegt sich auf etwas breiterer Linie. Die „versäumten Gelegenheiten" legt er nicht nur der politischen, sondern auch der militärischen Leitung zur Last. Vom Standpunkte des östlichen Kriegsschauplatzes aus sieht er die Dinge in anderem Lichte als die Oberste Heeresleitung, und man wird über seine Ausführungen keineswegs zur Tagesordnung übergehen können. In seinem Buche findet sich auch mancher rein politische Gedanke, von dem man nur wünschen könnte, daß er sich durchgeseht hätte — am meisten bei der Obersten Heeresleitung! Im übrigen denkt der General aber nicht im entferntesten daran, etwa die Reichsleitung zu verteidigen gegen die militärische Leitung. Er teilt hier ganz das absprechende Urteil, das sich findet bei den anderen Militärs.
Roch weiter in dieser Richtung endlich liegt die kurze Schrift des Generals G r o e n e r, der sich über beide Parteien stellt und wesentlich in dem fehlenden Zusammeirwirken von Politik und Kriegführung das Unheil erblickt. Er versteht aber unter Politik nicht etwa die blinde Gefolgschaft der Kriegführung, sondern gerade den Faktor, der die Kriegführung hätte leiten und zu dem einzig denkbaren Erfolge hätte führen sollen.
Die Militärs find überzeugt, daß der Krieg nicht verloren worden ist durch militärische Fehler, und man muh ihnen insofern Re-chi geben, als ja keiner von denen, die da schreiben, eine Verantwortung trägt für die Ereignisse an der Marne. So kommen sie zu dem Ergebnis, daß die Schuld liege bei der Politik, und da halten sie sich an diejenige Stelle, die ihnen sichtbar am nächsten vor Augen liegt: die Re ich s regle - rung. Die ganze deutsche Heimat, mit ihrer wirtschaftlichen und kriegsinduftriellen Betätigung, aber auch mit ihren Wünschen und Zielen, kam an die führenden Militärs nicht unmittelbar heran. Alles lief vielmehr zusammen in der Reichsregierung, die ihrerseits wieder arbeiten sollte mit der Obersten Heeresleitung. Es berührten sich im ganzen nur die Spitzen, und so ist es Wohl erklärlich, daß sich auch die Militärs bet ihren Anklagen im wesentlichen nur an die Spitzen halten und diese verantwortlich machen für alles Geschehen, das ihnen als Ursache des Zusammenbruchs erscheint. Daß aber die Dinge sich mit dieser einfachen Beurteilung nicht abmachen lassen, liegt auf der Hand. Wenn die Reichsregierung die ganzen Schwierigkeiten im Innern tatsächlich hätte meistern können, mit etwas gutem Willen und Energie, dann könnte man heute mit vollem Rechte nach den Schuldigen des Zusammenbruches suchen. So lagen die Dinge
aber nicht, und lediglich ein Mangel an gutem Willen seitens der Reichsregierung ist bestimmt nicht die Ursache des Zusammenbruchs gewesen. Es ist nur ausfallend, daß wir ein wirkliches Gegenstück zu Ludendorffs „Kriegführung und Politik" nicht besitzen. Es bat sich noch lein Staatsmann gesunden, der in umgekehrter Weise dargelegt hätte, daß eine überlegene Staatspolitik gar nicht möglich gewesen sei, weil die Oberste Heeresleitung jeden Ansatz dazu in starrer Kraftentfaltung erstickt habe. Ob noch einmal mit solchem Werke von berufener Stelle zu rechnen ist, erscheint beute sehr fraglich. Die bisher erschienenen Schriften, die in solchem Sinne gehalten sind, bieten mehr subjektive Ansichten als objektive Ergebnisse. Wir finden aber dennoch schon eine gewisse Literatur, welche hier in Betracht fonunt, wenn auch kein Staatsmann an ihr beteiligt ist.
Derjenige, der wohl am ehesten den Gegenpol zu Ludendorff bildet, ist fein anderer als fein großer Lehrmeister, der Generalfeldmärschall Graf Schliessen. Von ihm stammte der gewaltige Plan des ganzen Feldzuges, von ihm stammten aber auch die Gedanken, mit denen gerade Ludendorff seine glänzenden Erfolge im Osten errang. Ludendorff war ein Meister- schüler des Grafen Schliessen gewesen — aber nur auf rein militärischem Gebiete. Der Feldzugsplan des Grafen Schliessen beruhte nicht nur auf militärischen, sondern vor allem aus politischen Grundgedanken. Er hatte aus dem Russisch-Japanischen Kriege die Lehre gezogen, daß der moderne Stellungskrieg im Frontalkampfe für Deutschland nicht durchführbar sei. „Der Feldzug schleppt sich hin. Solche Kriege sind aber zu einer Zelt unmöglich, wo die Existenz der Ration aus einem ununterbrochenen Fortgang des Handels und der Industrie begründet ist." Gerade aus diesem Grunde hatte Gras Schliessen die einzige Rettung gesehen in einem gewaltigen Versuche, bie französische Ar - mec mög 1 ichst schnell entscheidend zu schlagen; darum hatte er sogar vor dem Einmarsch in Belgien nicht zurückgescheut. Wenn nun dieser erste große Versuch mißlang, dann ergab sich aus den Lehren des Grafen Schlieffen mit zwingender Rotwendigkeit, daß man die vorhandenen militärischen Erfolge ausnutzen mußte für einen irgendwie erträglichen Frieden; auch das war eine Lehre des Russisch-Japanische>7 Krieges gewesen. Mit den klarsten Worten warnt .Graf Schlleffen vor einem einfachen frontalen Angriff, weil er auch im Fälle eines militärischen Sieges keinen endgültigen Erfolg für die Beendigung des Krieges bringt. Die ganzen Lehren des Grafen Schlieffen betreffen äußerlich nur dir Strategie, aber sie sind deswegen von so hoher Bedeutung für die Politik, weil der Feldherr gleichzeitig die Grenzen des militärischen Könnens aufzeigt. Sein Gegensatz zu Ludendorff besteht darin, daß er genau weiß, wann der Augenblick gekommen ist, wo mit siegreichen militärischen Schlägen nichts mehr zu erreichen ist. Er ist daher der große Lehrmeister nicht nut für die Vorbereitung, sondern auch für die Beendigung eines Krieges. Gras Schlieffen hatte 1913 seine Augen für immer geschlossen und konnte nicht mehr sehen, wie sein Erbe verwaltet wurde. Liest man aber heute im Rückblick seine Schriften, so findet man alle die Gedanken, die sich aufdrängen bei dem Lesen von Ludendorffs ..Kriegführung und Politik", die man dort aber vermißt.
Eröffnung der neuen Postautolinie Wetzlar - Rodheim - Gladenbach
ZI Rodheim a.d. B, 30.Juli. Die Eröffnung der neuen Postautolinie Wetz- lat—Rodheim und Gladenbach — Rod- b et in fand unter großer Beteiligung der Bevölkerung aller an der neuen Linie liegenden Orte statt. Rach langer Wartezeit war endlich dc»s Ereignis da. Die Bevölkerung der Hinterlandorte ist glücklich, nunmehr ebenfalls eine Verkehrslinie zu besitzen, deren weiterer Ausbgu hoffentlich nur eine Frage der Zeit ist. Die Verbindung mit der Kreisstadt Biedenkopf und dem Amtsgericht Gladenbach ist nun auf natürlichem, geradem Wege hergestellt, und manche große Umfahrt über Marburg ist hierdurch hinfällig geworden. Kein Wunder, daß, als das neue gelbblau gestrichene Postauto in Rodheim um die Mittagsstunde von Wetzlar anlam, alles auf den Deinen war. Cs brachte außer dem Vertreter der Oberpostdirektion Frankfurt noch zahlreiche Gäste aus Wetzlar und Waldgirmes mit, die in der Gastwirtschaft Bender von den hiesigen Vertretern empfangen wurden. Kurze ZÄt später kam auch der Kraftwagen von Gladenbach reich geschmückt ebenfalls mit zahlreichen Gästen an. Der von der Gemeinde Rodheim dargerelchte Imbiß wurde herzlichst quittiert, und hierbei manches gute Wort sowohl von den Gemeindevertretern als auch behördlicherseits gewechselt. Eine ganz besondere Freude wurde hierbei der Jugend zuteil, die während des Essens verschiedene Rundfahrten im Orte mit den Postautvmo- bilen unternehmen durfte. Gegen 2 Ahr ging dann die Reise mit den beiden Autos weiter in der Richtung Gladenbach, an alten Haltestellen Von der Bevölkerung auf daS freudigste begrüßt. Jede Gemeinde wollte in alter deutscher Gastfreundschaft entweder auf der Hinreise oder auf der Rückreise ihre Gäste bewirten und einige Zeit mit ihnen verbringen. HeberaH kam auch wieder die Jugend auf ihre Kosten, selbst ein Brautpaar durfte eine Reise auf der neuen Verkehrslinie ausführen. Gladenbach ließ es sich nach dem unterwegs Erlebten ebenfalls nicht nehmen, seinen Gästen mit Kaffee und Kuchen zu dienen, ein bei der inzwischen eingetretenen starken Abkühlung dankbar ausgenommenes Beginnen. Aus der Rückfahrt sehen wir dasselbe Bild, vielleicht ist die Begeisterung an manchem Orte noch gestiegen. Bei einem solch ausgiebigen Empfang und Aufenthalt an allen Orten, der vielen Beteiligten überraschend kam, ist es fein Wunder, daß die Cröffnungsfahrt, die vormittags 10 Uhr in Wetzlar und Gladenbach begann, erst spät abends ihr Ende sand. Das letzte Festessen soll in Waldgirmes nach 9 Uhr abends abgehalten worden fein. Die neue Linie, die auch für die Orte Raunheim und Waldgirmes eine begrüßenswerte Verbindung mit Wetzlar bringt, dürfte auch für den Ausflugsverkebr neue Wege öffnen.___________
Sonntagsdienst d. Aerzte «. Apotheke» am 1.8.26 Dr. Klewitz. Frau Dr. Marx- Engelapolheke.
Zahnarzt: Dr. Kockerbeck. - D


