Nr. 229 Drittes Blatt
Die Mitarbeit der Frau im Völkerbund.
Don Oberstudiendirektorin Dr. Matz, M. d. R.
Obwohl noch nicht alle Mitgliedsstaaten des Völkerbundes das Frauenwahlrecht eingeführt haben, ist die Gleichberechtigung der Frauen von vornherein in Artikel 7 der Döllerbuni satte sestgclegt worden, der bestimmt, daß alle Stellen im Völkerbund oder im Zusammenhang mit ihm einschließlich des Sekretariats gleicherweise für Männer u n d Frauen offen sein sollen. Wie berichtet wird, soll diese Fassung aus die persönliche Einwirkung bto Präsidenten Wilson zurückzusühren fein; dessen Witwe noch heute den Volterbundsver- sanunlungen als Zuhörerin beizuwohnen pflegt. Mit Recht bezeichnet Mrs. (Sorbett Ashby, die Vorsitzende des internationalen Bundes für Frauenstimmrecht, diesen Artikel 7 der Völker- bundsatte als die „Magna Charta" der Frau im Völkerbund.
Für die Mitarbeit der Frau in Betracht kommt einmal die Völkerbundsversammlung mit ihren 6 ständigen Kommissionen, sodann das Sekretariat, ferner die Sonder- I o m in H f i o n e n und endlich als Grenzgebiet das Internationale Arbeitsamt, während der Völkerbundsrat und der Internationale Gerichtshof im Haag hier naturgemäß aus- scheidcn.
Für die Völlerbunüsversammlung und die ständigen Kommissionen hatten bis zum vorigen Jahre sechs Länder Frauen als Crsatzdelegierte oder als Sachverständige in ihre Delegation ausgenommen, denen nunmehr Deutschland mit Dr. Bäumer als Delegierte gefolgt ist. Den Anfang machten schon in der ersten Versammlung des Völierbundes 1921 die skandinavischen Staaten, Schweden mit Frau W i ck s e l l, Rorwegcn mit Frau Dr. Bonnevie und Dänemark mit Fröken Forchhammer, von denen die erste und die dritte Vertreterin seither regelmäßig wiedergekehrt sind. 1921 folgte Rumänien, 1922 England und Australien. 'Die Zahl der sechs Länder ist seither gleich geblieben. Alle diese Frauen haben in den verschiedenen ständigen Kommissionen mitgearbeitet, einzelne auch gelegentlich als Berichterstatter in der Völker- bunüLversammlung gesprochen.
Das Bölkerbundssekretariat umfaßt in seinen verschiedenen Abteilungen etwa 450 Männer und Frauen, darunter Frauen in ungefähr gleicher Zahl als Männer. Wie eine kleine englische Broschüre von Rorthcroft, der unsere Angaben entnommen sind, feststellt, befinden sich diese Frauen aber meist in uirtergeordneten Stellungen. In höheren Stellen haben einzelne Frauen in der Gesundheitsabteilung und in der sozialen Abteilung gearbeitet; eine Engländerin, Rachel C r o w d Y, ist Leiterin der Sozialen Abteilung.
Die Kommissionen des Völkerbundes sind teils Unterkommissionen der sechs Hauptkommissionen, teils Sonderkommissionen, die für bestimmte Zwecke eingesetzt sind. Reben den Frauen als eigentliche Mitglieder der Delegationen sind für diese Kommissionen eine Reihe von anderen Frauen zur Mitarbeit hevangezogen worden, so für die Gefundheitskommission, die Kommission gegen Opiumhandel, die Kommission für Kinderschuh. Die Kommission zur Bekämpfung des Frauen- und Kinderhandels hat sogar die gleiche Zahl von weiblichen und männlichen Mitgliedern, darunter mit mehreren Vertreterinnen England — so die bekannte Miß Annie Daker, die Gründerin des internationalen Bureaus zur Bekämpfung des Frauen- und Mädchenhandels, dem auch das deutsche Rationalkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels seit Jahren angeschlossen ist —, die Vereinigten Staaten, Frankreich, Uruguay, Dänemark und die Schweiz. Von besonderer Bedeutung ist die Kommission für geistige Zusammenarbeit, zu der das in seiner Arbeit viel umstrittene Pariser Institut gehört. In dieser Kommission arbeiteten bisher zwei Frauen, Frau Professor Curie (Paris) und Frau Dr. Bon- nevie, Universitätsprofessor in Christiania.
Im Internationalen Arbeitsamt, an dem Deutschland schon seit Jahren beteiligt
Das große
(Martina Wllemar.)
Roman von Franz lauer Kappus.
3 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Von früh bis abends schrillte das Telephon. Die Gläubiger, die Ernst Wilemar im Bureau nicht sprechen konnten, kamen in seine Wohnung. Der Vertreter eines großen Teppichhauses erschien. Man hätttz,dies und das gehört. Echte Perserbrücken würden trotz der schlechten Zeiten immer noch gut bezahlt Und die beiden großen chinesischen Vasen: ob die nicht zufällig zu verkaufen wären? Oder die Stiche in der Diele? Sehr unfreundlich setzte Julie den Mann vor die Tür. Auf den ersten Blick hatte sie heraus, daß er nicht der Vertreter einer großen Teppichfabrik war.
Auch die ersten Wohnungsuchenden meldeten sich auf das Inserat. Zwei russische Emigranten suchten Räume für einen Geselligkeitsklub. „Wirklich ganz unpolitisch, auf Ehrenwort — ganz unpolitisch'? Julie sah nichts als die magere, hochgeäderte Hand, die der eine beteuernd an die Brust drückte. Eine Gesangslehrerin, die eine neue Methode hatte, brauchte vier Zimmer „dringend wie einen Bissen Mot". Ein angeblicher Diplomat versteifte sich auf die Garage, die er unbedingt im Hause haben müßte. Eine Mutter und Tochter zeigten nur Interesse für das fließende warme Wasser in der Wohnung. „Du weißt, wie penibel Oskar ist." Es war leicht zu erraten, welche Rolle Oskar im Leben der beiden spielte. Die meisten versprachen wieder- xufommen, doch niemand ließ sich ein zweites Mal sehen. Kaum zu ertragen -war der Rummel.
Eines Mittags war auch Hutchinson da.
Das Wiedersehen war lange nicht so peinlich, als Julie befürchtet hatte. Der Amerikaner fand es selbstverständlich, daß man sich einschränkte, wenn das Geschäft schlecht ging. Um fo kritischer musterte er die Räume.
Als er den Preis erfuhr, machte er „Uauhl" Lily lachte girrend. „Zu billig?" ,Lu teuer!" sagte Hutchinson.
„Siebenhundert Mark zu teuer? Wirklich, Sie sind immer originell, Mister Hutchinson. Verzeihen Sie: Was bezahlen Sie im Eden?"
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 50. September 1926
ist, ergibt sich bei ungefähr gleicher Zahl von männlichen und weiblichen Angestellten das be- kannte Bild der großen Zahl von Stenotypistinnen und der geringen Zahl von Frauen in höheren Stellen. Immerhin war eine Frau mehrere Jahre lang Leiterin eines Zweiges in der Abteilung für Forschung, während einzelne Frauen, darunter eine Deutsche, Dr. Mundt, in anderen verantwortlichen Stellen tätig sind. An den Verhandlungen der bisher abgehaltenen sieben Internationalen Arbeitskonserenzen haben Frauen verschiedener Länder als Sachverständige teilgenommen.
Ss wird zweifellos viele deutsche Frauen geben, die — in der Erinnerung an manche schlimme Erfahrung der letzten Jahre — rein gefühlsmäßig dem Gedanken der deutschen Mit- aroeit im Völkerbund wie überhaupt jeder internationalen Arbeit ablehnend entgegenstehen. Demgegenüber muß betont werden, daß auch die Humanitären Organisationen in Deutschland, wie baä Rote Kreuz und die Kirchen, und zwar die evangelischen wie die katholischen, den Weg internationaler Verständigung längst beschritten haben. Schließlich gehören dem Völkerbund auch
nicht nur die Feindstaaten des Krieges, sondern Deutschland wohlwollende Reutrale an, und das Wort des früheren Reichskanzlers Dr. Luther, „besser drinnen als draußen", scheint wohl berechtigt. Die deutschen Vertreter im Völkerbund werden erfahren, was jeder Teilnehmer an internationalen Kongressen erlebt: die Stärkung seines nationalen Bewußtseins; die Kenntnis des Fremden und der Austausch mit dem Auslande lehrt die heimischen Güter doppelt schätzen. Man soll selbstverständlich die Möglichkeit der deutschen Mitwirkung nicht überschätzen; aber die Geschichte der letzten Jahre hat gezeigt, daß Deutschland im Völlerbund nicht zu entbehren ist. Für die deutsche Frau gibt es hier mancherlei Ausgaben zu lösen: wir erinnern nur an die Fragen der Sozialpolitik, des Frauen- und Kinderschuhes, aber auch an andere Kultur- Probleme. etwa den Minderheitenschutz und Kolr- nialfragen. Die deutsche Frau, die in der heimischen Art wurzelt, wird auch an dieser Stelle für das deutsche Volk wirken tonnen und müssen, um zu Helsen, daß unser Anschluß an den Völkerbund unserem Baterlande zum Segen gereiche.
Die Zukunft der rveifzen Raffe.
Don Sir Leo Chiozza Money.
Der ausgezeichnete englische Statistiker, der sich besonders in den parlamentarischen Kreisen Englands als hervorragender Kenner weltwirtschaftlicher Probleme besonderer Wertschätzung erfreut, behandelt nachstehend eine der interessantesten Fragen westlicher Kulturentwicklung, nämlich die Frage der Zukunft der Weißen Rasse.
Drei Jahre nach Beendigung des Weltkrieges im Jahre 1921 nahmen die meisten europäischen Länder eine Volkszählung vor, um sich über die Auswirkungen des Weltkrieges beoölkerungs- statistifch ein llares Dild zu machen. Die Zählungen dieses Jahres geben uns daher eine ziemlich genaue Unterlage über die Verteilung der weißen Rasse in der Welt und sie ermöglichen uns, auf Grund dieser Ziffern gewisse schwerwiegende Schlüsse über die Zukunft unserer Kulturentwicklung zu ziehen.
Die Gesamtzahl der weißen De - völkerung der Welt betrug nach jenen statistischen Ermittelungen etwa 603 Millionen Seelen, wovon 453 Millionen in Europa lebten. Die weiße Rasse, bie* sich durch den Wagemut der großen Entdecker über die gesamte Welt verbreitet hatte und diese beherrscht, war also außerhalb Europas nur mit 150 Millionen Seelen vertreten. Im gleichen Jahre hatte die Welt insgesamt etwa 1852 Millionen Bewohner, so daß von der gesamten Wellbevölkerung erst annähernd jeder dritte ein Europäer oder ein Mensch europäischer Abstammung ist.
Eine genauere Untersuchung der internationalen Bevölkerungsstatistik ergibt folgende Verteilung der weißen Rasse: Insgesamt 603 Millionen, hiervon 453 Millionen in Europa, 139 Millionen in Amerika, 6,70 Millionen in der Südsee. 3,10 Millionen in Afrika und nur 0,8 Millionen in Asien.
Dor dem Weltkrieg fand jedes Jahr eine starke Auswanderung von Europa nach den unerschlossenen überseeischen Gebieten statt. Desonders die DereinigtenStaaten nahmen eine ungeheure Menge von Europäern auf, Millionen wanderten in das reichste Land der Welt, um dort die wundervollen Ratur- schätze des Landes heben zu Hellen.
In der Dekade von 1900 bis 1910 betrug die Rettoeinwanderung der Vereinigten Staaten etwa 5,60 Millionen Seelen. Dei Schluß des Weltkrieges suchte Amerika diesen Devölkerungszufluh einzudämmen, da es befürchtete, daß infolge der Verarmung Europas durch den Krieg eine Ueberschwemmung seines Gebietes mit unerwünschten Ausländern stattfinden würde. Amerika beschränkte damals seine Einwanderung auf 150000 Personen im Jahre, wobei jedes Land einen bestimmten Anteil der bereits in der Union ansässigen Personen feiner bestimmten Rationalität zuerteilt erhielt. Diese außerordent
lich drastische Verschärfung der Cinwanderungs- geseygebung hat eine Verknappung der Arbeitskräfte in Amerika eintreten, lassen und öu gleicher Zeit zu einer Steigerung der Löhne geführt. Andererseits wurde gerade dadurch das Problem des europäischen Wiederaufbaues erschwert.
Auch in anderen jungfräulichen Ländern, die vordem große Massen von Europäern aufnahmen, ist die Rachkriegseinwanderung durch eine ungünstige wirtschaftliche Entwicklung gehemmt worden, so daß — wenn wir die Welt als Einheit nehmen — eine sehr weitgehende Beschränkung in der Ausbreitung der weißen Rasse statt- gefunden hat.
Zu gleicher Zell hat sich in Europa selbst durch die ungünstigen Derhällnisse immer mehr eine Tendenz zur Einschränkung des Bevölle- rungszuwachses bemerkbar gemacht, obwohl wir z. D. noch ein absolutes Anwachsen der Bevölkerung feststellen können. Der Weltkrieg hat viele Leben vernichtet und Reugeburten verhindert. Rach dem Kriege sehen wir die Tendenz einer bewußten Geburteneinschränkung in erhöhtem Maße auftreten. Wir können eine solche Tendenz in vielen Ländern Europas beobachten. So weisen z. B. Grohbriiann'.en, Frankreich, Holland, Skandinavien, Belgien, Italien und Spanien einen Rückgang der Geburten auf.
Wir haben daher das Bild, daß die De- völlerungszisfer in Europa zwar noch ansteigt, aber nicht in so erheblichem Maße als früher, während wir auf der anderen Selle einen Rückgang der Auswanderung aus Europa in jungfräuliche Länder und eine damit Hand in Hand gehende Verhi: bcru.ig der Ausbreitung der weihen Rasse erblicken können.
Der Faktor der Geburtenkontrolle ist für die Zukunft der Weißen Raffe in der Welt außerordentlich bedeutungsvoll. In einigen Distrikten Englands besteht bereits heute eine Geburtsrate von 12 per 1000, was kaum genügend ist, um die Devölkerungsziffer auf dem gleichen Riveau zu halten. Die allgemeine Geburtsrate in England und Wales betrug vor dem Kriege etwa 18,3 per 1000, während die Todesrate 12,2 per 1000 betrug. Rach den gegenwärtigen Anzeichen muß man annehmen, daß ein weiteres Fallen der Geburtsrate stattfinden wird. Großbritannien nähert sich also dem Zustande Frankreichs, dessen Bevölkerung stationär bleibt. In Frankreich ist die Bevölkerung heute einschlieh- lich der Bevölkerung von Elsaß-Lothringen genau fo groß wie vor dem Kriege ohne die Bevölkerung von Elfaß-Lothringen. Es sind außerordentlich ernste Anzeichen vorhanden, daß andere westeuropäische Ra - tionen denselben Weg gehen werden.
Die Tendenzen zur künstlichen E nschränkung der Devölkerungsziffer werden natürlich durch die wirtschaftlichen Folgen des Weltkrieges nur noch verstärkt. Gegenseitiges Mißtrauen ist an
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bie Stelle der früheren guten Beziehungen getreten. Hohe Zollmauern haben einen Rückgang der Handelsumlage herbeigeführt. Die Industrie ächzt unter schwerer Steuerbelastung und ist gezwungen, immer weitere Entlassungen der Ar-, beiterschast vorzunehmen. Diese Faktoren würden an und für sich schon genügen, um eine Erhöhung der Devölkerungsziffer hintanzul-allen. Wir erblicken aber, wie erwähnt, außerdem noch eine besonders starke Ausbreitung der Lehre von der künstlichen Geburteneinschränkung. d e man als einziges Mittel zu einer wirtschaftlichen Sanierung vorgibt. In den neuen Gebieten der weißen Devölkerung, vornehmlich in den Vereinigten Staaten, in Kanada und Australien ist and) die GeburtSrate stark im Sinken begriffen. I m V c r- hältnis z u anderen Rassen ist die weihe Rasse, als Einheit genommen, in einem Abstieg begriffen. Dieser Abstieg zeigt durchaus eine Verschärfung.
Es gibt noch große fruchtbare und produktive Gebiete in der Well, die der Erschließung durch den weißen Mann harren. Rord- und Südamerika, Teile von Afrika, Oluftralien, das wundervolle Reu-Seeland und andere Gebiete hab ui Ratur- schähe genug, um eine ungeheure Devölkerungsziffer aufzunehmen. Wenn die weiße Rasse es unterläßt, diese Gebiete zu bevö! m, dürfen sie deshalb unbevölkert bleiben? Diese Frage stellen, heißt sie auch gleich beantworten.
Das sind gewiß ernste Ucberlcgimgen über die Zukunft abendländischer Kultur. Sie werden noch ernster, wenn man bedenkt, daß die Völker Europas trotz Abrüstung und Völkerbund auch in Zukunft von mörderischen Kriegen bedroht sind. Der Konflikt von 1918 hat der europäischen Wirtschaft und der abendländischen Kultur einen ungeheueren Schlag verseht, von dem sie sich noch längst nicht erholt hat unö in absehbarer Zeit kaum erholen wird. Eine andere solche Katastrophe würde die Führerschaft der weißen Rasse, die jetzt bereits gefährdet ist, vollends zerstören.
Polizeibeamten - Tagung.
Der 4. ordentliche Verbands tag des Verbandes der Polizeibeamt enHes- s e n s fand vor einigen Tagen in Mainz statt.
In der Vvrstandssihung am ersten Tage wurde zunächst der Haushaltsplan auf- gestellt, darauf folgte eine rege Aussprache über die demnächst zu erwartende e i n h e i t l r ch e Uniformierung der Polizeibeam- t e n, sowie über die bevorstehende einheitliche Regelung der Dienstgradbez eichnungen und -Abzeichen für die verschiedenen Polizeiarten.
Am Vormittag des folgenden Tages versammelten sich die
Landesfachgruppen
um Bericht zu erstatten über ihre Tätigkeit während des verflossenen Geschäftsjahres. Bei der Reuwahl der Vorstände der Landesfachgruppen tourben als Vorsitzende der LanüeSsach- gruppen gewählt: „Ordnungspolizei", Polizeiinspektor Schmidt-Mainz; Schutzpolizei, Polizei-Oberleutnant Flechsenh ar - Darmstadt; Spezialpolizei, Kriminalsekretär Dräutiga m - Bad-Rauheim; vollbeschäftigte Gemeindepolizei, Oberschuhmann Meidinge r-Darmstadt; Po- lizeiverwaltungsbeamte, Polizeirat Wasch- meyer-Offenbach. Am Rachmittag fand eine Delegierten-Tagung statt. Am Abend gab die Ortsgruppe Mainz zu Ehren der Gäste im großen Saale des „Frankfurter Hof" einen „Qtbenb im goldenen Mainz", zu dessen Gelingen namhafte rheinische Künstler beitrugen.
Sonntag vormittag begann bei außerordentlich starker Beteiligung der
Derbandstag.
Als Vertreter des CefamtrninisteriumS erschien Staatspräsident Ulrich, als Vertreter des Finanzministeriums Finanzminister Henrich, als Vertreter des Innenministeriums Polizeirat Fuchs. Voin Hessischen Landtag waren zugegen LandtagZpräfident Adelung, zugleich in seiner Eigenschaft als Bürgermeister von Mainz und mehrere Landtagsabgeordnete; ferner waren anwesend Vertreter des Mainzer Stadtparlaments, der verschiedensten Polizeibehörden und -Dienst-
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„Eden ist ein Hotel. Und hier ist fein Hotel."
„Über Sturfürftenbamm, erste Etage, jeder Komfort", versicherte Lily. „Und — bedenken Sie, Mister HutchinsoN: sechs Zimmer! Sechs Zimmer in einem hochherrschaftlichen Haufe, alles first classe. Da zum Beispiel: ein Hodler —"
Der Amerikaner betrachtete das Bild.
„Gefällt mir nicht. Hodler? Kenne ich nicht."
Charles Hutchinson war der erste, der es sich nicht überlegen wollte.
Doch Lily hielt ihn zurück.
„Deshalb müssen Sie nicht davonlaufen." Sie klingelte um Likör und bot ihm Zigarren an.
Er dankte.
Lily frischte Erinnerungen an Heringsdorf auf. Dann fragte sie:
„Und meine Chance, Mister Hutchinson? Ist beim Sun-Film etwas zu wollen?" Mutig warf sie ein Bein über das andere.
„Ich bin Manager", antwortete Hutchinson. „Ich mache die Geschäfte."
„Bitte. Ich wollte Sie nicht belästigen."
Bis zu den Backenzähnen lachte der Amerikaner.
„Beleidigt, kleine Lily? Sie sollen nicht so rasch beleidigt (ein. Auch wenn Sie nicht filmen, können wir Freunde bleiben. Und sogar bessere Freunde werden — wenn Sie nicht filmen."
„Ich verzichte auf Ihre Protektion."
„Und wenn ich hier einziehe?"
Lily spielte mit dem Opal an ihrem Ringfinger. „Es ist gar nicht notwendig, daß Sie hier einziehen, Mister Hutchinson. Es gibt genug Reflektanten. Hören Sie? Den ganzen Tag hängt Mama am Apparat."
„Gut."
Auf einmal wurde der Amerikaner wieder kühl und einsilbig. Keine zehn Worte sprach er bis zum Schluß.
Nicht — nicht! sagte sich Lily, als Hutchinson gegangen war. Trotzdem sann sie ihren Plänen nach. Ging es nicht so, dann mußte ein anderer Weg gefunden werden. Nur heraus aus dieser Stickluft. Es gab ja Möglichkeiten in Fülle. Immer stand einem jungen hübschen Mädchen die Welt offen.
Oft und öfter sprach sie mit der älteren Schwester davon.
Aber Martina lehnte jede Verantwortung ab. Sie wurde ernst und in sich gekehrt, wenn von der Zukunft die Rede war. Wie aus dem Nebenzimmer (langen ihre Worte, so gedämpft und verhalten.
„Du mußt mtt dir selbst ins Reine kommen, Lily."
Fragend blickte Lily die Schwester an.
„Bist du denn mit dir im Reinen?"
„Längst."
„Was hast du vor?"
„Wir werden arbeiten", antwortete Martina. Die Verblüffung der Schwester machte keinen Eindruck auf sie. „Ja, arbeiten", nickte sie.
„Wir? Auch du?"
„Wir beide: Benno und ich."
„Wunderbar", sprach Lily in die Luft. Fest und bestimmt fragte sie dann: „Was willst du denn arbeiten, Martina?"
„Ich nehme eine Stellung an. Ist das so schrecklich?"
„Nicht schrecklich — hirnverbrannt!" Lily legte Martina die Hände auf die Schultern und lächelte dünn. „Da wäre ich wirklich neugierig: Was für eine Stellung soll das sein? Willst du Verkäuferin bei Tietz werden? Oder mit unerzogenen Rangen im Tiergarten spazieren gehen? Oder Gesellschafterin spielen mit deinem bißchen Englisch und Französisch?"
Ruhig sagte Martina: „Es gibt auch andere Arten, fein Brot zu verdienen. Ich habe mich In einen kaufmännischen Kurs einschreiben lasten."
„Das hast du? Ich dachte, du steckst jetzt immer mit Benno beisammen — statt dessen: Nein, so etwas!" Aus dem Absatz drehte sich Lily herum. „Und du denkst, daß Papa und Mama das zugeben würden?"
„Ich hoffe, daß sie keine Schwierigkeiten machen. Tausend andere Mädchen tun dasselbe. Wir leben ja in einer vernünftigeren Zeit."
Martina freute sich der Sicherheit, mit der sie all das gesagt hatte. Fast heiter war ihr zumute. Und sie lächelte, als sie nach einer Weile sprach: „Jeder nach seiner Fasson. Du träumst vom Film und vom Theater, ich bereite mich für eine Stellung in einem Bureau vor. Jeder, wie er kann und wozu er Lust hat."
„Und dann, wenn du so weit bist, wird natürlich geheiratet?" fragte Lily. „Immer vorausgesetzt, daß indessen auch Benno etwas gesunden hat. Wie steht es übrigens: Hat er konkrete Aussichten? Mir täte es leib, wenn er Sektreisender ober Reitlehrer in einem Tattersall werden müßte." Martina schwieg, und Lily fügte hinzu: „Das wirst du doch auch nicht wollen?"
Leise bewegte Martina die Schultern.
„Gar so schlimm wäre auch das nicht", sagte sie und spürte, wie ihr Kälte über den Rücken lies.
„Nicht schlimm? Furchtbar sthlimm, Martina!"
Auf einmal war es mit der Zuversicht Martinas vorbei. Während die Schwester weitersprach, stiegen schwere Bilder vor ihr auf. Sie selbst war ja entschlossen, ihren Weg zu gehen. Sie würde schon irgendwo unterkommen, wenn der Sturs zu Ende war. Verdiente man am Anfang auch nicht viel, so war es doch immerhin ein Anfang. Benno konnte sehen, daß sie sich mit Leib und Seele zu ihm be» kannte. Das mußte ihn anfpomen und mutig machen, das mußte ihm Ausdauer und Straft geben.
Trotzdem: Es konnte viele Monate dauern. Da und dort hatte Benno schon angeklopft und imnkr die gleiche Antwort erhalten. Jetzt zur Zeit der Wirtschaftskrise, im Zeichen des allgemeinen Abbaues? Man bedauerte unendlich, aber jetzt ließe sich wirklich nichts machen. Wenn das so weiter- ging?
Bis in den Traum verfolgte die Frage Martina: Was dann? Dabei lag die Gegenwart beinahe schon hinter ihr; dabei fühlte sie Tag um Tag, wie ihr alles runoum ferner und fremder wurde. Die Eltern, die Schwester, die Möbel: Alles rückte von ihr ab. Selbst die Mahlzeiten schmeckten anders; und anders schlief es sich in dem weißen Mäd- chenbctt.
Sogar dem Vater fiel ihr verändertes Wesen auf. Abgehetzt, verdrossen, hoffnungslos kam er immer erst spät abends nach Hause. Aber einmal sagte er, während er die kurzsichtigen Augen rieb:
„Es geht etwas in dir vor, Martina. Möchtest du mir nicht sagen, was in dir vorgeht?"
Marttna holte tief Atem.
„Ich will in ein Bureau, Papa", sprach sie leise. Obwohl sie alle Kraft zusammennahm, bebte ihre Stimme. „Ich will Geld verdienen, Papa."
(Fortsetzung folgt.)


