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Nr. 229 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, 50. September 1926

Der weg zur Wirtschaftlichkeit.

Don Professor Dr. Hermann L e v h, Berlin.

Wenn man von dem zerstörendsten aller nwdernen Kriege erwartet hatte, daß seine Nach­wirkungen in einer außerordentlichen Knapp­heit an Waren -- man verglich vor 1918 Die Weltwirtschaft vielfach mit geleerten Waren­häusern sich geltend machen würden, so ge­hört diese Annahme zu den vielen wirtschaftlichen Trugschlüssen, welche Krieg und Nachkriegszeit mit sich brachten. Heute wissen wir, daß das Gegenteil der Fall ist, daß die Welt­wirtschaft schon wenige Iahre nach Kriegsschluh nicht an einer Warenknappheit zu leiden hatte, sondern daß die im Kriege übersteigerten Produktionsgehäuse aller Länder sowie die nach dem Kriege einseyende Kaufkrafterschlaffung der meisten europäischen und überseeischen Staaten ein Mißverhältnis zwischen Ange- bot und Nachfrage geschaffen haben, das auch heute noch sorlbesteht. Angesichts einer sol­chen Situation gibt es für die einzelnen Wirt- schaftsstaaten, sofern sie den Ernst der Lage richtig und rechtzeitig erkannt haben, nur einen Ausweg: Einschränkung der Erzeugung auf das heute richtige Maß und Inangriffnahme aller Mittel, durch welche die Erzeugungskvsten für die"verringerte Produktion herabgesetzt werden können.

Daß man in Deutschland diese Aufgabe viel­leicht am ehesten erkannt hat, ist zum Teil das Verdienst einer wirtschaftlichen Führerschaft, pon deren Fehlen zwar häufig gesprochen wird, die aber wie die neuere Entwicklung auf allen Industriegebieten zeigt doch wohl vor­handen sein muß, und zweitens die Wirkung unserer Not, die größer war als in den anderen hochentwickelten Industrie- und Handelsstaaten. Während sich England und Frankreich allzu lange in dem Gefühl bewegten, daß die Des­organisation der Weltwirtschaft sich allmählich von selb st" beheben werde und daß dann denSiegerländern" der Anteil an dieser Ent­wicklung ohne weiteres zufallen müsse, stand man in Deutschland seit 1918 vor der Einsicht, daß, wie sich nun auch die Lage auf dem Weltmarkt gestalten werde Außerordentliches ge­leistet werden muhte, wenn die deutsche Wirt­schaft wieder emporkommen sollte.

Der Weg, der zu beschreiten war, um Pro­duktionsfähigkeit und Bedarf einigermaßen wie­der in Einklang zu bringen und die Erzeugungs­kvsten herabzudrücken, wies und weist auch heute noch Aufgaben zweierlei Art: organisato­risch e und technische. Zwischen beiden be­wegen sich Grenz-Aufgaben, die man als t e ch - nisch-wirtschaftliche bezeichnen kann. Die organisatorischen Aufgaben finden heute ihren deutlichsten Ausdruck in der neuen Konzen­trationsbewegung der Industrie, welche darauf abziehlt, nur die wirklich rentieren­den Werke am Leben zu erhalten, die Pro­duktion auf die besten Betriebe zu beschränken, den Absatz gemeinsamen Bedingungen zu unter­werfen, eine Transportverbilligung durch lleberweisung der Aufträge an die nächst­gelegenen Werke durchzuführen, eine Erleich­terung des Kredites durch gemeinsame Haftung zu erzielen usw. Dazu kommt der wei­tere Aufgabenkomplex dieser Konzenlrations- bewegung: die Nationalisierung der Er­zeugung selbst, das heißt also in erster Linie die'technischen Verbesserungen in der Industrie, mit gemeinsamen Mitteln und gemeinsamer Ini­tiative in die Hand zu nehmen. Hier also be­rühren sich die organisatorischen und technischen Aufgaben der neuen Wirtschaftlichkeit; denn es ist verständlich, daß eine gut organisierte und zentralisierte Industrie eher in der Lage sein wird, kostspielige Neuerungen in der Erzeugung vorzunehmen als eine in viele kleinere Sonder­betriebe zersplitterte.

Ist dies die große Aufgabe, die an die deutsche Industrie nach dem Zusammenbruch her- antrat, so blieb dieselbe nicht der privaten oder besser gesagt: rein-privaten Fürsorge überlassen. Wir finden vielmehr heute schon eine Organi­sation, gewissermaßen eine Spihenorganisation aller hier vorhandenen Bestrebungen vor. Diese Entwicklung begann mit der Begründung des Ncichskuratvriums für Wirtschaft­lichkeit im Iahre 1921, sie findet aber heute ihren spezifischen Schwerpunkt in der Tätig­keit einer Reihe von Organisationen, die wieder­um in zwei große Gruppen zusammengefaht wer­

den können. Die eine dieser Gruppen dient speziell und ausschließlich den sogenannten Ratio­nalisierungsarbeiten. Sie umfaßt den Ausschuß für wirtschaftliche Fertigung, den Normenaus­schuß der Deutschen Industrie, den Ausschuß für wirtschaftliche Verwaltung, den Reichsausschuh für Lieferbedingungen, den Reichsausschuh für Arbeitszeit - Ermittlung, die Hauptstelle für Wärmewirtschaft und die Hauptstelle zur Förde­rung der Altstoff- und Abfallverwertung. Zu einer zweiten Gruppe sind Organisationen zu rechnen, die neben allgemeinen technischen und wissenschaftlichen Aufgaben auch noch Arbeiten leisten, die in das Gebiet der Rationalisierung fallen, also z. B. Gesellschaften zur Förderung der Metallkunde, des Bauwesens, die technisch­wissenschaftliche Lehrmittelzentrale u. a. m. Dazu kommt noch, dah die großen Fachverbände wie etwa der Verein Deutscher Ingenieure oder der Verein Deutscher Cisenhüttenleute andauernd bemüht sind, die sie berührenden Aufgaben der Rationalisierung zu fördern.

Es ist also, wie man sieht, die Frage der Organisation der erhöhten Wirt­schaftlichkeit nicht etwa eine der vielen Fragen, bei denen lediglich eine allgemeine theo­retische Erkenntnis eine Rolle spielt, sondern

es handelt sich um einen ganzen Komplex praktischer und unmittelbar in das wirt­schaftliche Leben eingreifender oder eingriffsbe­reiter Einrichtungen, die nicht vomgrünen Tische" der blohen guten Ratschläge her ihre Existenzberechtigung herleiten. So zeigen sich denn auch in der Praxis bemerkenswerte Re­sultate technischer Vereinfachung und damit ökono­mischer Verbilligung. Ganz besonders hat man sich in der letzten Zeit der Frage der sogenannten Flieharbeit" zugewandt.*) Es ist diese, zumindest in ihrer heutigen Gestalt, eine amerikanische Ein­richtung : das sogenannteconvehor"- SHst em oder daslaufende" Band, das als Transportmittel die Materialien und Pro-

*) Vergl. auch Mangold: Rückblick auf die Kölner technische Messe in Nr. 224 des G. A. vom 24. Sept.

duktionsteile von einem Arbeitssaale zum anderen führt und damit eine ganz außerordentliche Er­sparnis an Handarbeit herbeiführt. Es ist be­kannt, dah Ford dieses System gewissermaßen zum Eckpfeiler seines Betriebes machte, aber, wenn auch durch ihn vielleicht am bekanntesten geworden, es blickt auf eine viel längere Ver­gangenheit als in der Automobilindustrie zurück. Selbstverständlich ist die Fließarbeit auch in der deutschen Industrie in weitem Ausmaße ver­wertbar.

Aber es wäre überaus voreilig und unter Umständen verhängnisvoll, zu meinen, dah wir in Deutschland nun ohne weiteres zu der Me­chanisierung des Arbeitsprozesses kommen tonnen, wie man ihn in den Vereinigten Staaten durch- geführt hat. Die Flieharbeit setzt die Verwendung von automatisch arbeitenden Spezialmaschinen voraus, die mit mehreren Werkzeugen mehrere Arbeitsstücke gleichzeitig bearbeiten und dadurch Bearbeitung und Griffzeiten verkürzen; die An­ordnung der Fabrikräume und die Verteilung der Arbeitsmaschinen und Arbeitseinrichtungen entspricht genau dem Gang der Fabrikation, mechanische Fördermittel mit Ketten, Rollen, Bändern bewirken den Transport, so dah in fliehender Arbeit das Arbeitsstück bis

zu seiner letzten Herstellungsphase wandert. Das alles seht also voraus: eine unter Umständen völlig neue Einrichtung der Fabriken, neue Maschinen und er­höhtes Kapital, alles Forderungen, die gerade heute noch in Deutschland schwer zu ver­wirklichen sind. Dazu kommt, dah häufig die Massenproduktion, die durch die Fließarbeit ent­steht. gar nicht den nötigen Absatz zu finden vermag, oder daß die europäischen Märkte für die so völlig durchstereotypisierte Ware, von der ein Stück tote das andere ist, nicht die gleiche Aufnahmebereitschaft bieten wie das schon stark an Standardproduktion ge­wöhnte Amerika.

Sind das alles nicht zu vergessende Schwie­rigkeiten auf dem Wege, so haben wir doch andererseits auch schon bei uns manches ver­heißungsvolle Beispiel des technisch-wirtschast-

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Oberhessens und des angrenzenden Lahngebietes ist der seit 176 Jahren erscheinende e

Gießener Anzeiger mit seinen anerkannt hervorragend ausgestalteten, in eigenem Redaktions- und Buchdruckereibetrieb bearbeiteten Beilagen Gießener Familienblätter Dienstags und Samstags Heimat im Bild

Donnerstags

Die Scholle

Ratgeber für Viehzucht, Feld- und Gartenbau Freitags

Bestellungen nehmen entgegen in Gießen die Trägerinnen und die Geschäftsstelle des Gießener Anzeigers, auswärts 275 örtliche Vertriebsstellen und die Post.

lichen Fortschrittes durch das Convehor-Systenu So erzählt zum Beispiel ein Fachblatt: während früher in der Einzelfertigung für die Anbringung der Kunze-Knorr-Bremse mit Dremsgestängen 159 Arbeitsstunden erforderlich waren, wurde durch Zeitstudien und Arbeitsteilung auf vier Gruppen die Arbeitszeit auf 8 5 Stun­den herabgesetzt und dann durch die Einführung von Fließarbeit auf sogar nur 47 Stunden verringert. Das sind doch ganz gewaltige nicht zu über­sehende Resultate der Rationalisierung! Hoffen wir, dah die deutsche Industrie den so erfolg­reich beschrittenen Weg zu erhöhter Wirtschaft­lichkeit ohne Ue&ertreiDüngen, aber auch mit der bisherigen methodischen Energie weitergehen möge.

Gießener Herbstpferdemarkt.

Schönes Herbstwetter begünstigte gestern den Gießener Herbst Pferde markt. Der Besuch war über alles Erwarten stark; Tausende von Zuschauern umstanden den Marktplatz gegen­über dem Güterbahnhof, dichte Scharen von Käu­fern, Verkäufern und Besuchern bewegten sich auf dem Marktplätze zwischen den Pferden. Der Auftrieb war größer als beim letzten Markte; er betrug 309 Pferde und 24 Fohlen. Zur Prä­miierung wurden 179 Pferde vvrgeführt; 25 Tiere mehr a6 beim Frühjahrspserdemarkt. Allgemein wurde das vorzügliche Pferdematerial lobend anerkannt und betont, dah es gerade die Gie­ßener Pserdemärkte sind, welche großen Ein­fluß auf die Förderung und Hebung der Pferde­zucht in der weiteren Umgebung Gießens unb den anschließenden preußischen Gebietsteilen ha- ben. Dem Bewertungsausschuß gehörten u. a. an Oberlandstallmeister Schörke, Darm­stadt, und als Vertreter der Landwirtschafts­kammer Oekoiwmierat Breidenbach. Auf dem Marktplatz herrschte buntbewegtes Leben und Treiben, lebhaftes Feilschen und Handeln. Indes war der Absatz nicht sehr grob, die Geldknapp­heit veranlaßte manchen Käufer, sich für 300 ooet 400 Mk. ein Tier zu erstehen, mit dem er sich über die schlimme Zeit hinweghelfen will. Erst­klassige Tiere standen hoch im Preise; ein solches Pferd wurde für 1250 Mk. verkauft. Die un­vermeidlichen Zigeuner fehlten natürlich nicht und boten mit viel Geschrei ihre Rößlein an. AM Eingang des Marktes hatten mehrere Firmen Wagen, Wägelchen, landwirtschaftliche Maschinen, Geräte und dergleichen ausgestellt.

Das Ergebnis der Preisverteilung:

Reitpferde, unter dem Reiter gezeigt; 2. Preis 3jähr. braune Stute Ernst Zimmer- Bingmühle mit 20 Mk., 8jähr. Rappstute Herrn. Vissel-Grindel.

Wagenschläge, paarweise zu prämiieren: 1. Preis 60 Mk. 4- und 5jähr. RappstuteN Iül. Kaufmann-Rieder-Weisel, 2. Preis 40 Mk. 5» und 6jähr. braune Stuten Sal. Michel-Gießen, 3. Preis 20 Mk. 4- und 5jähr. braune Stuten Iul. Kaufmann-Rieder-Weisel.

Arbeitsschläge (schwere), paarweise zu prämiieren: 1. Preis und 60 Mk. 4jähr. Fuchsstuten Iul. Kaufmann-Rieder-Weisel, 2. Preis und 40 Mk. 6jähr. Fuchswallach Qhtg. Frensdorf-Gießen, 3. Preis und 30 Mk. öjähr. braune Stute und Wallach Maier und Kauf­mann-Frankfurt.

Arbeitsschl äge (leichte), paarweise zu prämiieren: 2. Preis und 40 Mk. 3jähr. Fuchsstuten Iul. Kaufmann-Rieder-Weisel. 2. Preis und 40 Mk. öjähr. Fuchsstuten Sun. Kaufmann-Frankfurt; 3. Preis unb 30 Mk.

äVrjähr. braune Stute und Wallach Meier und Kaufmann-Frankfurt, 5. Preis und 20 Mk.

5» und öjähr. braune Stuten Arthur Leopold- Nidda.

Schwere Arbeitsschläge, einzeln zu prämiieren: 1. Preis 40 Mk. 4jähr. Fuchsstute Iul. Kaufmann-Nieder-Weisel, 2. Preis 30 Mk. 3jähr. braune Stute Sim. Kaufmann-Frankfurt.

Leichte Arbeitsschläge, einzeln zu prämiieren: 1. Preis 40 Mk. 3jähr. Fuchssküe Iul. Kaufmann-Rieder-Weisel, 2. Preis 30 Mk. 3jähr. brauner Wallach Aug. Frensdorf-Gießen, 3. Preis 20 Mk. öjähr. Fuchsstute Gebr. Jfen- berg-Gichen, 4. Preis und 15 Mk. öjähr. Fuchs­stute Sim. Kaufmann-Frankfurt, Anerkennungen mit je 10 Mk. erhielten 4jähr. brauner Wallach

Roda Roda.

Gruß Golk!" springt er aufs Podium, prall leuchtet die traditionelle, rote Weste aus dem Smo­king, das blanke Einglas funkelt lustig und fesch im runden Gesicht, und schon bemächtigt sich öster­reichisch-gemütliche Heiterkeit und fabulierende Er­zählfreude des andächtig und zahlreich versammel­ten Publici.

Fast zwei Stunden lang erzählt er, unermüdlich, einfallsreich, witzig, geschickt pointierend, mimisch belebt und dramatisch bewegt, Schwänke und Schnurren und Münchhausiaden, alle im weichen, leicht wienerisch akzentuierten Plauderjargon, der diesen Geschichten ihr eigentümliches Aroma ver- leiyt.

Roda Roda begann, da mir nun doch auf Tagore verzichten müssen, pietätvoll mit einer Ge­schichte aus dem Morgenlande, die zwar, entgegen seinem Versprechen (meineidig, wie ich bin") nicht von ihm selber stammt, die aber, geschwind und gesteigert oorgebracht, das Shylock-Motiv Shake­speares nach Angora verpflanzt und sehr drollig an­zuhören ist.

Dann vernahmen wir eine Tierfabel, nicht ohne satirische Lichterchen, hörten die Geschichte vom klugen Jo chkele in Wien und allerlei Anekdoten von der weiland k. und k. Armee, die teilweise ein starker Tobak waren; aber man kam aus dem Lachen nicht heraus, besonders nicht bei einer hanebüchenen Jugenderinnerung, deren oratorisches Feuerwerk natiirlid) in diesem simplen Referat nicht wieder- gegeben werden kann.

Rach der Pause konnte man einer echtwiener Gerichtverhandlung beiwohnen; im Mittelpunkt der Begebenheit ein psychiatrisches Gutachten, das sich bedauerlich im Objekt geirrt hat. (Die Anekdote ist in ähnlicher Form, in entzückenden Bildern des ver­storbenen Münchener Karikaturisten Rudolf Wilke der Nachwelt überliefert.)

Und so weiter und so weiter: Erlebnisse in Neu- york, Bonmots aus der Inflationszeit und vom König Salomo, Erinnerungen an einen Lissaboner

Germanisten und an die altösterreichische Kavallerie in Galizien, Lügenhaftes vom Bahnhofswirt Zibe- benftrudel, dem Gänsebraten und der Kontroll­kommission.

Zuletzt ein paar literarische Reminiszenzen an Frank und Tilly Wedekind, an Hartleben und Leo Fall und ein verkorkstes Wohltätigkeitsfest. Auch einer ganz unmöglichen Eulenspiegelei erinnert man sich, die man nicht gut noch einmal verzapfen kann; sie hatte aber einen ungetrübten Heiterkeits­erfolg.

Es war überhaupt ein sehr netter und amü­santer Abend.y

Der Meteor-Ärater von Arizona.

Die interessanteste Erscheinung auf der Ober­fläche unseres Planeten" hat der berühmte schwe­dische Astronom Svante Arrhenius den sog. Meteor- Krater in Arizona genannt, und zweifellos ist dieses ungeheure Erdloch ein Naturdenkmal, das der Wissenschaft seit mehr als einem Drittel Jahrhun­dert Rätsel aufgibt, an deren Lösung sich nicht nur bedeutende wissenschaftliche, sondern auch große materielle Folgen knüpfen. Ein amerikanischer In­genieur, H. I. Minhinnick, der den Krater ein­gehend studiert hat, gibt in einem interessanten Aufsatz der ZeitschriftProgressive Arizona" genau die Tatsachen an, an die sich so viele Erörterungen angeschlossen haben: ,Im nördlichen Mittel-Arizona, nicht weit von der Stadt Winslow an der Haupt­linie der Santa Fe-Eisenbahn und in der Nähe des berühmten Diablo- Canons ist ein merkwürdiger Krater, ein Erdloch, das 3950 Fuß in einem Durch­messer und 4150 Fuß in dem andern mißt, um­geben von einemRand", der sich ungefähr 130 Fuß über die Erdoberfläche erhebt. Die Tiefe des Loches vom obersten Rand an beträgt etwa 600 Fuß. Es ist nicht die kleinste Spur einer vulkanischen Tätigkeit viele Kilometer rings um den Krater festzuftellen. Die Steinschichten, sonst überall wagerecht, sind umgewühlt und an zwei Stellen tatsächlich senk- I recht. Die Ebene um den Krater herum ist dicht ] bedeckt mit großen Blöcken aus Sandstein und Kalk­

stein, von denen manche viele Tonnen wiegen. In dem Krater und ringsherum sind ungeheure Mengen vonGesteinsstaub", die aus dem Sandsteinboden zu feinstem Puder zerrieben sind. An manchen Stellen sind diese Staubmassen mehr als 10 Fuß dick. Im Krater und um ihn herum hat man mehr Meteorsteine gesammelt, als jemals sonst auf der ganzen Erdoberfläche zusammen gefunden worden sind. Diese Meteore haben ein Gewicht von wenigen Gramm bis zu 1800 Pfund. Der Krater wurde zuerst von Weißen im Jahre 1871 bemerkt. Ein Späher des Generals Crook, A. F. Banta, ent­deckte ihn und nannte ihnFranklins Loch". Seit­dem haben sich viele Gelehrte mit der Erscheinung beschäftigt; umfangreiche Grabungen und Bohrun­gen sind vorgenommen worden, um die Entstehung festzustellen."

Es gibt drei Theorien, die darüber aufgestellt worden sind. Nach der ersten ist der Krater ein Ergebnis vulkanischer Tätigkeit. Das ist aber ganz unmöglich, wie die eingehenden -Forschungen er­wiesen haben. Es gibt keine Spur von Lava in der ganzen Umgegend; die Form des Kraters wider­spricht einer vulkanischen Entstehung, und auf diese Weise lassen sich die vielen Meteorsteine nicht er­klären. Auch die zweite Annahme, die eine gewal­tige Explosion von heißem Dampf aus den unteren Schichten der Erde ist ganz unmöglich. Durch Boh­rungen bis zu einer Tiefe von 90Ö Fuß unter dem Boden des Kraters ist ein vollkommen unverletztes Bett von solidem rotem Sandstein festgestellt wor- den, während die Schichten darüber vollkommen zerschmettert sind, zumal auch durch heiße Dämpfe die Ansammlung des Gesteinsstaubes nicht zu er­klären wäre. Es bleibt also nur die Theorie übrig, nach der vor Tausenden oder Zehntausenden von Jahren ein riesiger Meteor oder vielleicht gar der Kern eines Kometen auf seiner Bahn mit der Erde zusammengestoßen ist. Diese Katastrophe, die das riesige Loch in das feste Erdgestem schlug, die FAs- schichten von ihren wagerechten in eine senkrechte Stellung verkehrte und 300 Millionen Tonnen von Trümmern aus dem'Loche herausschleuderte, wird heute von allen Forschern auf diese Weise gedeutet.

Wenn wir die Schnelligkeit wüßten, die der Meteor in dem Moment des Aufstoßens hatte, bann wäre es leicht, feine Größe zu berechnen. Lag feine Bahn in derselben Richtung wie die der Erde, so läßt sich die Schnelligkeit mit etwa 39 Kilometer m der Mi­nute annehmen. Bewegte er sich zur Erde entgegen­gesetzt durch den Raum, so wurde die Schnelligkeit sogar mit etwa 70 Kilometer in der Sekunde zu be­ziffern sein. Berechnet man danach die aufpvallende meteorische Masse, so kann sie nicht weniger als 1 Million Tonnen gewogen haben, wahrscheinlich aber fünfmal so viel.

Die wichtigste Frage ist nun:Wo befindet sich jetzt die Hauptmasse des Meteors?" Mehrere 100 000 Dollar sind bereits bei Bohrungen auf der Suche nach dem Meteor verbraucht worden. Da man zunächst meinte, daß der Meteor die Erde fast senk- recht getroffen habe, so wurde ein Schacht in der Nähe des Mittelpunktes des Kraters in die Erde gebohrt. In einer Tiefe von 225 Fuß gab man diesen Versuch auf. In neuester Zeit hat man dann an der Südseite des Randes Bohrungen bis zu einer liefe von 1376 Fuß vorgenommen und ist dabei auf eine 30 Fuß tiefe Schicht von meteor.i- schein Stoss gestoßen. Diese Bohrung hat also ein­wandfrei bewiesen, dah die Annahme einer Ent­stehung durch den Aufprall eines Meteors richtig ist, und daß sich die Hauptmasse unter dem Süd­rand des Kraters befindet. Diese Feststellung ist nicht nur für die Wissenschaft von größter Bedeutung, da sie neue Erkenntnisse für den Aufbau unseres Sonnensystems vermittelt, sondern sie kann auch sehr aroßen wirtschaftlichen Wert erlangen. Nach den Berechnungen von Prof. Elihu Thomsen enthält die meteorische Masse, die zum größten Teil aus Eisen besteht, 8 Proz. Nickel und in jeder Tonne etwa 18 Gramm Platin und Iridium. Wenn die Masse 5 Millionen Tonnen schwer ist, so würde sie 90 00 0 Kilogramm Platin und Iridium aufweisen. Bei dem große, .crt des Platins und Iridiums würde das, selbst wenn man das Ei,en und Nickel gar nicht mitberechnet eine ungeheure I Summe ergeben, die bei der Ausbeutung des Me- | teor-Kraters gewonnen werden könnte.