Nr. 150 Drittes Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Mittwoch, 30. Zum 1026
Oberhssien.
Landkreis Gießen.
X K l e i n - L i n d e n , 29. Juni. Am Sonntagabend hielt der hiesige Frauen - und 3 u n g - frauen-Derein im Saale der Kleinkinderschule die diesjährige Schluhfeier ab. Einleikend hielt Pfarrer Ackermann eine De- grühungsrede, wobei er die großen Verdienste und die Ziele des Vereins würdigte. Unter Leitung der beider, Schwestern brachten die Jungfrauen schöne Stücke mit Mandolinen- und Gi- larrebegleitung zu Gehör xmb erfreuten die Anwesenden mit prächtigen Liedern. Zum Vesten der Kleinkinderschule, die jetzt 30 Jahre besteht, sand eine Verlosung statt. Gin Kaffeekränzchen hielt die Anwesenden lange Zeit frohgestimmt beisammen.
f. K l e i n - 21 n b e n , 29. Juni. In der jüngsten öffentlichen GemeinderatSsihung stand als einziger Punkt die Beratung des Voranschlags für 1926 auf der Tagesordnung. Gin Antrag auf Aushändigung je eines Exemplarcs des Voranschlags an alle Gemeinderäte fand seitens des Bürgermeisters Ablehnung, da die Durchführung des Antrages zu viel Arbeit mache und der Antrag auch der gesetzlichen Unterlage entbehre. Mit Rücksicht auf die vorgeschrittene Jahreszeit wurde dann Die Beratung der einzelnen Positionen vorgenommen. Die rein kassenmäßige Uebernahme aus früheren Jayren beträgt 25 961 Mk.. an rückständigen und gestundeten Steuern stehen noch aus 2749,99 Mk.. Summa 28 704,10 Ml., davon find festgelegtes Betriebskapital rund 10 000 Mk., mithin gehen ins Rechnungsjahr 1926 über 18 704,10 Mk. Ein fühlbarer Ausfall für 1924 25 traf die Gemeinde durch die Rückzahlung eines Teiles der Sondersteuer aus der 3. Steuernotverordnung in Höhe von 6000 Mk., welche Summe auf für 1926 wieder in Frage kommt. Für Gebäude stehen in Einnahme 171 Mk. an Miete, an Ausgaben 1840 Mk. Grundstücke Einnahme 3734,38 Mk., Ausgaben 1400 Mk., Wag- u. Eich- anstalten je 50 Mk. Einnahmen und Ausgaben, Wasserversorgung Ausgaben 200 Mk., für Unterhaltung der öffentlichen Brunnen (der Aeubau eines Brunnens auf dem Friedhof soll dieses Jahr vorgenommen werden). Für Allgemeine Verwaltung stehen in Einnahmen 437,95 Mk., Ausgaben 12 758 Mk. Ein Antrag auf Abbau der Gemeindebeamtengehälter fand die stillschweigende Zustimmung des Gemeinderats: der Bür» aermeiftcr will bei dem endgültigen Feststehen der zu erwartenden neuen Richtlinien Vorlage machen. Für öffentliche Sicherheit sind in Ausgaben 3240 Mk. eingesetzt. Eingestellt sind ferner für öffentliche Gesundheitspflege an Ausgaben 725 Mk., Feuerlöschwesen 340 Mk., Armenpflege 2500 Mk. Schulen: Einnahmen 1330 Mk., Ausgaben 7220 Mk., Evang. Kirche: Ausgaben 543 Mark, Friedhof: Einnahmen 120 Mk. (für Erbbegräbnisse). Ausgaben 1060 Mk., Straßen: Ausgaben 6350 Mk. Landwirtschastszwecke: Einnahmen 752 Mk., Ausgaben 3184 Mk. Grenzverhältnisse: Ausgaben 1115 Mk. Ortsbürgerwesen: in Einnahmen und Ausgaben je 2394,30 Mk. (für Losholz), Bäche und Gräben: Ausgaben 500 Mk. Ruhegehälter, Witwen- und Waisen- aelter, soziale Fürsorge: Ausgaben 4041,76 Mk. Allgemeine Kriegs- und Wohlfahrtspflege: 500 Mark Ausgaben. Steuern und Abgaben: 4800 Mark Ausgaben. Kreisumlagen: je 6265 Mk. Einnahmen und Ausgaben. Sondersteuern: Ein
nahmen 900 Mk. Reichseinkommensteueranteile: Einnahmen 10 820 Mk. (die Herabsetzung der Gemeindeanteile wird in unserem Haushalt besonders bitter empfunden». Kreis» und Provinzial- umlagen: je 4633 Mk. Einnahmen und Ausgaben, Reservefonds: 2356,25 Mk. Ausgaben Mobiliarerneuerungsfonds : Einnahmen 121,68 Mk. Gemeindeumlagen: Einnahmen 30 000 Mk., Ausgaben 12 150 Mk. Kapitalien- und Cmeuerungs- sonds: je 312,93 Mk. Einnahmen und Ausgaben. Der Voranschlag schließt ab in Einnahmen und Ausgaben mit 30 812,10 Mk. Festzustellen ist eine Ermäßigung der Umlagen um rund 10 000 Mark gegenüber dem Vorjahre. Die an sich scheinbar niedrige Endsumme von 80 842,10 Mk. für einen Gemeindehaushalt bedeutet für die hiesigen Verhältnisse bei einer Einwohnerzahl von 2000 Seelen immerhin eine enorme Belastung der Steuerzahler, zumal unsere Gemarkung sehr klein ist und Waldbesih vollkommen fehlt.
XX Heuchelheim, 29. Juni. Das Korn hat in unserer Gemarkung einen guten Stand wie nur in wenigen Jahren vorher. Auch Hafer und Gerste stehen durchschnittlich vortrefflich, selbst auf wenig gutem Boden. Die Heuernte bringt reichen Vorrat, so daß gefüllte Scheunen zu erwarten sind.
t Treis a. d. L d a.. 29. Juni. Einen erhebenden Waldgottesdienst veranstaltete am Sonntag auf einem passend gelegenen, von der Oberförsterei zur Verfügung gestellten Waldstücke der hiesige über 100 Mitglieder au>s allen Ständen zählende Zweigverein des Evangelischen Bundes. Rach Gemeindegesang, Gebet und Dchriftlesung trug die 1. Schulklasse unter Lehrer Walter einen mehrstimmigen, sehr schön gesungenen Chor vor. Der Ortspfarrer hielt dann auf Grund von Eph. 5, 17 die Begrüßungsansprache, in welcher er auf den Zweck und die Grundlage dieser Feier, Gottes Wort, hinwies. Darauf folgte die markige F e strebe von Pfarrer Haupt-Gießen, des Generalsekretärs des Evang. Drmdes für Süddeutschland, der in längeren Ausführungen von der Bedeutung unb Rotwendigkeit des Evangelischen Bundes für unser deutsches Volk und die evangelische Kirche sprach und zur Treue gegen sie beide aufforderte. Seine Anregungen unterstützend folgte dann die glänzende Aufführung des Freilichtspieles „Andreas Hofer" durch einige Berufsschauspieler und einige Hilfskräfte. Die Wahl dieses Stückes ist gerade für unsere Zeit und unser Volk mit seinen vielen von fremder Knechtschaft bedrückten Brüdern sehr wichtig, lehrt as uns doch, in die Herzen dieser vom Daterlande losgerissenen Volksgenossen schauen, ihrer Leiden und Röte gedenken und sie nicht vergessen. Mit Gebet und Gemeindegesang schloß die von nab und fern zahlreich besuchte Feierstunde.
• Großen-Buseck, 29. Juni. In der Orgel unserer Kirche hat ein Rotschwänzchenpaar sein Rest gebaut und füttert trotz Orgelspiel, Gesang und Predigt unbekümmert seine Jungen. Sollten die Vögelchen aus Angst vor unerzogenen Kindern, die in der jetzigen Zeit vielfach kein Vogelnest mehr sehen können, ohne es zu zerstören, hier Schuh gesucht haben?
—: Beuern, 29. Juni. Bei der V e r st e i - gcrung des Heu- und Grummetgrases der Pfarrwiesen an der Bersröder Straße wurden für den Morgen minderwertiger Wiesen 18 bis 19 Mark gelöst. Die zur Versteigerung gebrachten
Notflaage.
Von Hans Friedrich B l u n ck.
Der Ewer lag mit dem Sternen in jeder Gischt. Die übergeschlagene Ladung drückte das Schiff vornüber. Notflaggen knatterten an seinem kahlen Großmast und am Fockstumpf.
Der Wind pflückte an den Leinwandfetzen und trieb das Fahrzeug störrisch auf die Elbbucht zu. Er gab nicht mehr viel drum, er legte es mit denen an, die ihm die See bestreiten. Um die lecke Steinladung war es doch in einer dieser Stunden geschehen.
Der Schiffer am Steuer spürte es wohl. Er starrte ohne viel Hoffnung mit übernächtigen Augen in die einförmige Fläche. In seiner tauben Müdigkeit war ihm mitunter, als führe der Ewer längst jenseits der Wirklichkeit. Um ihn war's nicht schade, wäre es schon so weit. Leid tat's ihm um seines Bruders Weib, das vor ihm an der Luke hockte, die Arme fest um die Hölzer geschlungen.
Die Notflagge hing über Hinnerk Neels. Fünf Kriegswinter hatte er verzweifelt gegen die Not über feinem Land gekämpft. Erft zum Ende, als fein Weib verhungert war, war er zusammengebrochen. Von da ab war das Leben ihm ein langsames Verdämmern geworden, das an einem dieser Tage zu Ende gehen mußte: ob jetzt, ob später, er fragte wenig danach. Der Himmel lag wie eine graue Steppe tief über’m Wasser, die Brecher, bk oor'm Wind näher tarnen, schienen aus ihm nWer zu stürzen. Mitunter sprangen ein paar helle Wege dazwischen auf, aus denen schäumende Böen übers Meer stürzten. Danach neigte sich der Ewer tiefer vornüber.
. Der Schiffer fiel wieder in fieberndes Träumen, das die Erschöpfung der Nacht in ihm weckte. Einmal dachte er an die, die vor ihm kauerte. War seines Bruders Witwe, hatte in Hamburg Arbeit suchen wollen. Sie hatte die Nacht über mit ihm wie ein Tier um ihr Leben gekämpft. Jetzt, da der Sturm nachgelassen hatte, war sie zusammenge
brochen. Er empfand ein tiefes Mitleiden mit ihr, wagte nicht, sie hinunter zu schicken, weil niemand wußte, wie rasch es mit dem Schiff zu-Ende gehen würde.
Der halbwache Schlaf kam wieder über Neels und mit ihm eine entspannende Nachgiebigkeit. Wie eine Erlösung schien ihm, wenn seine Einsamkeit mit der Tiefe eins würde. Er fühlte keinen Zwangs zu bleiben, eine bleierne Müdigkeit dämpfte seinen Willen zu den grauen Augenblicken, die über ihn kamen, wenn er die Lider schloß.
Im Westen stieg das Gewölk dunkler auf, der Himmel zerriß und zerlappte. Die Wogen brachen härter gegen das Heck: einmal leckte ein Spritzer hoch in die Notflaggen der Fock hinein. Die Frau war plötzlich aufgefahren, riß einen Augenblick verzweifelt an den Stricken, mit denen sie sich angebunden hatte, und begriff bann, wo sie war. Mühselig mit halb erstorbenen Gliedern, löste sie sich, richtete sich hoch und stierte über die graue Wüste, auf der kein Segel sichtbar war. Ihr Blick blieb fragend auf Hinnerk Neels haften. Der sah an ihr vorbei, sie störte ihn in seinen dämmernden Gedanken. Da kroch sie langsam an der Luke entlang zu ihm ans Steuer.
„Wie weit ist es?" fragte sie. Er nickte nach vorn, der Bug tauchte tiefer, warf im Aufspringen einen hohen Gischtflug übers Deck und rollte wieder in die nächste Woge hinein. Einmal schien es, als wollte eine Ohnmacht über die Frau kommen. Aber ehe der Schiffer zupackte, hatte sie selbst ein schlingerndes Tau ergriffen und um sich geschlungen.
Ihr Lebenswille rührte Neels. Er wußte, die, die zu ihm kam, kämpfte gegen das Unvermeidliche, störte ihn, der in dämmernder Müdigkeit auf das Schicksal wartete. „Hilst uns nichts," dachte er dann und biß die Zähne zusammen, „es geht aufs Ende." Aber das Weib ward wacher und das Entsetzen mit ihr. Hilfesuchend starrte sie in die Weite. Ihre Kraft schien mit der Furcht zu wachsen, ihre Augen klüf- teten durch die tiefhängenden Wolken, bohrten in die verhängten Weiten.
Wiesen, rund vier Morgen, brachten zusammen 76 Mk. ein. Die „Wehrwiese", vor dcr Neumühle am Krebsbach gelegen, total versumpft und Der« säuert, erzielte den Preis von 5 Mk.
t. Grünberg, 29. Juni. Unsere Turnhalle, die vor etwa 30 Jahren erbaut wurde, hat sich als zu klein erwiesen. Sie war ursprünglich zur Ausnahme bis zu 500 Personen berechnet. Die Inanspruchnahme zu allen größeren Festlichkeiten hat ergeben, daß sie den Anforderungen der heutigen Zeit nicht mehr genügt. Es ist deshalb vorgesehen, sie nach Westen hin zu erweitern. Vor einigen Wochen wurde bereits das Gelände, ein dem Druckereibesitzer Robert gehöriger Garten, durch Kauf erworben. Durch diesen Garten wird nicht nur die Möglichkeit für einen Anbau geschaffen, auch der Spielplatz wird dadurch wesentlich vergrößert.
t Grünberg, 29. Juni. Der Gemeinde- r a t faßte in seiner gestrigen Sitzung u. a. folgende Beschlüsse: Lieber ein Gesuch Liebmann betr. Errichtung eines S t a u b a s s i n s an der oberen Eschersbach zwecks Eis - gewinnung in den Wintermonaten soll nach einer Geländebesichtigung und einem Gutachten der Geländekominission entschieden toerben — Der südliche Giebel des Rathauses ist sehr reparaturbedürftig. Die Arbeiten will man sofort ausschreiben. — Zwei Gesuchen an die Stadt, für einige Wohnungsbauten d i e Hypothekenbürgschaft zu übernehmen, soll entsprochen werden. — Die Bauunternehmer Jäger und Bock ersuchen um die Erlaubnis zum Drechen von Bau st einen in städtischen Brüchen. Die Angelegenheit soll zur Beschlußfassung kommen, wenn über die Bedingungen eine Einigung erzielt ist. — Dem Bauunternehmer Dock wird der einzige noch vorhandene Dau platz in der Garten st raHe zwecks Errichtung eines Doppel-Familienhauses zum Preise von 1,20 Mk. je Quadratmeter überlassen. Der Dau muh bis zum 1. September in Angriff genommen werden. Die von der Stadt im vorigen Jahre gebrannten Feldsteine, etwa 100 000 Stück, stehen ihm für den Marktpreis zur Verfügung. — Im übrigen beschäftigte man sich mit kleineren Vorlagen.
bs. Bellersheim, 29. Juni. Wohl noch nie Hot unser Dorf eine so große Zahl Festgäste in seinen Mauern willkommen geheißen, als zum Sängerfeste unseres Gesangvereins „G e r m n n i a" am Sonntag. Da Feste in unserem Dorfe etwas Seltenes sind — vor 25 Jahren beging der festgebende Verein sein silbernes Jubiläum, und das war die letzte Festlichkeit hierorts — prangten die Häuser in herrlichem Festschmuck. Viele Hofreiten hatten schon in den Wachen vorher einen frischen Aufputz erhalten. Eingeleitet wurde die 5 0jährige Jubiläumsfeier, mit der auch ein Wertungssingen des Wetterauer Sängerbundes verbunden war, am Samstagabend durch eine würdig gehaltene Gedächtnisfeier am Ehrenmal der im Weltkrieg Gefallenen. Der Sonntagmorgen ließ m der Festhalle die 15 Bundesvereine sich im friedlichen Liederstreite messen, wobei als Sachverständige Musiklehrer Samper von Darmstadt und Komponist D a a b » Offenbach a. M. tätig waren. Es verdient hervargehoben zu werden, daß durchweg gute Leistungen geboten wurden, ja einzelne Vereine boten in Auffassung und Ausarbeitung Vorzügliches, was auch die beiden Werter in der nachfolgenden mündlichen Kritik anerkennend heroorhoben. Es zeigte sich, daß auch kleine Landvereine unter tüchtiger Leitung
Sie war zu ihm gekrochen. Hinnerk Neels fühlte, wie sie sich gegen ihn stemmte, er sah ihre Verzweiflung, die über die See nach Hilfe schrie. Etwas wühlte in ihm, vielleicht war's die Nacht, die sie für einander gekämpft hatten. Der Schiffer sah dumpf vor sich hin. Die Frau reckte sich, als wollte sie ihm helfen, das Ruder zu halten. Es hilft uns ja nichts, dachte er wieder. Wußte sie nicht, daß es zu Ende ging? Er sah die Sturmböen im Rücken näher kommen, wie dunkle Tücher schleppten die Regen hinter ihnen her. Kälte trieb voran, er fühlte sie schüttelnd in seinem Rücken stehen. Neels wußte, irgendwann, in Augenblicken oder nach einer Weile, mußten die Brecher das Schiff querwerfen und die Luken vollschlagen. Er hielt das Ruder in der erstarrten Faust, suchte an sein Weib zu denken, das auf ihn wartete. Langsam spürte er, wie die Erschöpfung als Dämmerung, die er nicht mehr durchdringen konnte, sich wieder um ihn wand.
Einmal fuhr er auf. Die Frau hatte das Holz in feiner Hand gesehen, schrie ihn an, er verstand es nicht. Da mies sie rückwärts. In den Böen querab stand gespenstisch ein grauer Leib, eine blasse Masse von Segeln, die oben in den Regen tauchte. Der Schiffer sah stumpf, ungläubig hinüber, wollte etwas sagen und taumelte. Der Regen war rasch, deckte wieder alles ein. Aber das Weib packte und schüttelte ihn und gab nicht nach, ihre Finger krallten sich in seine Schultern, schrill schrie sie ihn an. Der Schiffer sah noch einmal ungläubig hinüber, der Fremde kam wieder als grauer Schatten. Da verstand der Schiffer, daß es Wirklichkeit wurde. Er blickte die Frau erstaunt an, als käme das Unbegreifliche von ihr, und sah, daß der große Segler rascher zu fahren schien als die dunklen Sturmwolken, die noch im Westen umeinander kreisten. Er kämpfte um die Betäubung um sich her, wollte überlegen, aber seine Knie schwankten. Da knotete das Weib schon die Stricke auf, die ihn hielten, stieß ihn, schrie, wies zum Notsegel und packte das Ruder mit beiden Händen. Er begriff, was sie von ihm wollte, fühlte, wie fein Kopf kreiste, und kroch doch
Formvollendetes zu leisten vermögen, und daß fast überall die Schwierigkeiten der Aussprache und der Tonbildung überwunden sind. Um 1.30 Uhr ging in landgerechter Ausmachung der F e st z u g vor sich, mit anschließender Begrünung durch den Vereins- vorsitzenden Weber, Festrede des Geistlichen Göhring und Ueberreichung einer von den Frauen und Jungfrauen gestifteten Fahnenschieise durch Frl. Scheid. Der Vorsitzende des Wetterauer Sängerbundes, Lehrer Schenk von Melbach, verlieh im Auftrage des Hessischen Sängerbundes Gründungsurkunden an solche Sänger, die 40 und mehr Jahre ihre Krasl in den Dienst des Liedes gestellt hatten, und mahnte zur eifrigen Pflege des deutschen Liedes, als köstlichster Perle im Kranze des deutschen Volkstums. Auch die anschließenden Gesangsvorträge der 16 Gast vereine aus näherer und weiterer Umgebung ließen bartun, daß in unserer Gegend das deutsche Lied eine eifrige Pflegestätte gefunden hat. Als Neues für ländliche Feste wurde nach Eintritt der Dunkelheit ein Feuerwerk abgebrannt.
ld. Aus dem Riddatal, 29. Juni. Die zahlreichen R e g e n f ä 11 e dieses Sommers beginnen bereits wachstumshemmend auf d e Pflanzen einzuwirken. So kann man auf Aeckern, die infolge der häufigen Riederfchläge einen zu hohen Grundwasserstand und nur langsamen Abfluß haben, einen Stillstand oder gar einen Rückgang in der Entwicklung der Kart offelpflanzen b.obachten.
Streik Friedberg
t). Wölfersheim, 29. Juni. Im G e m e Inder a t hat man, um der wieder beginnenden W a s s e r n o t endgültig zu steuern, den Plan gefaßt, den sog. „Aemetzbrunnen" zu fassen und am Kuhweg in die Ortsleitung zu führen. Das Kulturbauamt soll um Ausarbeitung eines Kostenvoranschlags ersucht werden. Der Wasserzins für Personen und Vieh wurde in derselben Höhe festgesetzt wie im Vorjahre. — Die Stunden- gebühr der Feldgeschworenen war kürz, lich von 30 auf 50 Pst erhöht worden. Ein erneutes Gesuch forderte 80 Pf.; mit knapper Stimmenmehr, heit wurden 60 Pf. bewilligt. — Im Anschluß an die Meldung des „Gieß. Anz,", daß der selten ge* wordene Kiebitz sich noch bei Ulrichstein und Oberseemen vorfindet, ist von hier mitzuteilen, daß dieser beschopfte, scheue Sumpfvogel in ziemlich großer Anzahl auch no chauf den abgelegenen Grubenteichen zwischen hier und Echzell vor- kommt, wo er in Gesellschaft von Wildenten und Wasser- und Bläßhühnern fein Standquartier auf. geschlagen hat und durch feine tollen Flugbewegun- gen die Aufmerksamkeit der Feldarbeiter erregt.
Kreis Büdingen.
)( Ortenberg, 29. Juni. Bei der Heugrasversteigerung der Fürstlich-Sto'.berg- scheu Verwaltung wurden bei großer Beteiligung hohe Preise erzielt. Es wurden für den Morgen 25 bis 60 Mark je nach Lage, Güte und Menge bezahlt. Da bei einem Teil der städtischen Wiesen, den sog. Aehwiesen, zu niedrige Gebote erfolgt waren, kamen diese nochmals mit besseren Preisen zum Ausgebot. — Ein so schiech- tes Obstjahr wie Heuer haben wir schon lange nicht mehr erlebt. Hier und da gibt es etwas Birnen, dagegen versagt das Steinobst, sowohl wie die Aepfel in diesem Jahr vollkommen. Der Grund für diese Mißernte liegt in verschiedener» Llmständen. Einmal hat eine sehr kalte Mainacht, in der der Kältemesser aus — 6 Grad fiel, viel Blüten bzw. Fruchtansätze
über die Luke, glaubte, jeden Augenblick müsse ihn ein Brecher über Bord spülen. Aber während er das Segel packte, der Besam zu schlingern begann und mit den gelösten Tauen die Leinwand von oben stürzte, war es, als zwänge ein fremder Befehl ihn körperlich, als bewegte er sich für das Weib, mit der Kraft der Fäuste, mit der sie ihn geweckt hatte.
Das Schiff begann hilfloser zu treiben, Neels blickte zum Steuer zurück, hörte die Schreie und Ruse der Frau, er sah, wie der fremde, graue Rumpf ihnen nahe war, sah, wie er unklar wurde, und dann nach einer Weile, wie ein tanzeirdes Book auf den Gischtköpfen stand. Da kam es auch über ihn, daß das Leben noch einmal in ihm aufjieberte, er arbeitete sich mit stoßender Brust zurück, schlang die Stricke um und wartete Körper an Körper mit dem Weib auf das dunkle Boot, das sich näher und näher arbeitete. Und während er sich gegen sie lehnte, spürte er dumpf, wie ein Treiven nach Leden von ihr ausströmte.
Der Ewer stampfte und schlingerte unter den Brechern, das Deck tauchte schräg vornüber, hob sich und sog sich wieder voll in der brechenden Gischt. Es kann jeden Augenblick auch sein, dachte Hinnerk Dleels noch einmal, aber er fühlte, wie die Angst von ber anderen zu ihm kroch, die Angst um ihrer beider Leben. Ein Tau flog herüber, Schreie tarnen mit der Gischt. Er lockerte die Stricke, begann zurück zu schreien, und bann, einen Augenblick, stieß der Wille zu Leben gewaltsam in ihm hoch. Wie ein Baum reckte sich der Schiffer, faßte den Leib der Frau und warf sich, als das Boot mit einer Welle längsfeit kam, mit einem gewaltigen Satz drüben unter die Ruderer. Er schlug schwer auf, hob sich wieder: ihm war, als müss er zurück, als sei er nur aufgelebt, um die zu retten, die das Schiff gerufen hatte. Aber er fühlte, daß ihre Arme sich fest um ihn klammerten, er sah, wie Wogen und Gischt drüben um den sinkenden Ewer brandeten. Unb er fühlte ein neues, bämmernbes Bewußtsein in sich unb stöhnte tief unb glücklich bem Leden entgegen.


