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Nr. (30 Zweites vlatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Mittwoch, 30. Juni (920
Das neue deutsch-französische Handels-Provisorium.
(Don unserem Pariser ^.^.-Berichterstatter.) PariS im 3uni 1926.
Ob das geplante deutsch-französische Handelsprovisorium letzt zustande kommt oder nicht, hängt von verschiedenen älmständen ab. Eine endgültige Entscheidung darüber muh jedenfalls in den nächsten Tagen fallen, denn sonst bleibt den beiden Parlamenten keine Zeit mehr, das Abkommen zu ratifizieren. Der deutsche Reichs rag wlll in Vie Ferien gehen. Die Volksabstimmung hat die innerpolitische Lage in Deutschland schwierig gestaltet. Die Möglichkeit einer Reichstagsauflösung ist jedenfalls nicht mehr von der Hand zu weisen. Die französische Kammer tagt spätestens bis zum 15.3uli. Die neue französische Regierung wird sich von ihr die erforderlichen Vollmachten für die Durchführung der Finanzreform geben lassen und die Kammer.dann voraussichtlich bis zum Herbst in die Ferien schicken. Selbst wenn alle technischen Schwierigkeiten auch beseitigt werden sollten, so muh man doch damit rechnen, dah der neue französische Handelsminister zum mindesten einige Tage braucht, um sich in die gesamte, so überaus schwierige Vlaterie einzuark^iten. Denn seine Beamten wollen keine bindenden Entscheidungen treffen, vor allen Dingen nicht über die Listen für dieses Provisorium, die ihnen deutscherseits eingereicht wurden. Diese Listen sollen dazu dienen, einen modus vivendi, ein llebergangsstadium zu schaffen, bis die Eta- bllisieruna des Franken und der gesamte damit zusammenhängende Fragenkomplex wenigstens Änigermahen Klarheit schafft.
Die deutsche Regierung sieht sich natürlich nicht in der Lage, vor Annahme ihrer Vorschläge durch die französische Regierung diese der Oeffentlichkeit zu unterbreiten. Dah überhaupt von der Absicht, ein solches Provisorium abzuschliehen, bereits etwas durchsickerte, ist aus eine bedauerllche Iirdiskretton des bisherigen französischen Handelsministers Daniel-Vincent «rrückzuführen, der anscheinend damit im eigenen Lande persönlich Eindruck machen wollte.
Wir müssen es uns daher auch vorläufig noch versagen, über den Inhalt der deutschen Dor- schlä. eingehendere Mitteilungen zu machen, sondern beschränken uns auf Andeutungen. Das geplante Provisorium bezieht sich auf landwirtschaftliche Produkte. Industrieerzeugnisse, Chemikalien, elektrotechnische Artikel, usw.
Die gesamte Materie ist überaus schwierig. Denn man muh sich doch vergegenwärtigen, dah all solche Handelsvertoagsverhandlungen schlieh- lich hinauSlaufen auf ein reines Geschäft, das beide Teile miteinander abschliehen wollen. Zwischen Deutschland und Frankreich aber werden derartige Verhandlungen noch dadurch erschwert, dah für Frankreich gewissermatzen nur einzelne Spezialartikel für seine Ausfuhr in Frage kommen, umgekehrt aber man den deutsche Export wegen seiner überaus groben Vielseitigkeit am Treffendsten mit einem groben Warenhaus vergleichen kann.
Gs kommt hinzu, dah bekanntlich gleichzeitig von Interessentenverbänden beider Länder Son- derverhandlungen, und zwar neben den Verhandlungen der Regierungslornmissionen geführt worden. Diese privaten Verhandlungen können die offiziellen Verhandlungen unter Umständen erschweren, solange sie zu keiner Klärung geführt haben.
Man mache sich dies doch einigennahen an einem Beispiel klar: Die Verhandlungen der deutschen und sranzösischen Industriellen führen beispielsweise zur Ausfuhr einer bestimmten Menge französischen Ciseirs aus Lothringen, Luxemburg und dem Saargebiet. Dieses Eisen wird in Deutschland dank der internationalen Wmachungen nach einem vereinbarten Schlüssel Unter die in Frage kommenden Interessenten vertellt, so dah hierbei von gegenseitiger Konkurrenz keine Rede mehr sein kann. Die eisenverarbeitende Industrie aber hat ihrerseits ein grobes Interesse an der Ausfuhr ihrer Fertig- fabrifate nach Frankreich. Im Interesse der Gesamtheit aber mühten natürlich diese Einfuhrzölle von deutschen Maschinen nach Frankreich im Ge-
Der dritte Schutz.
Kriminalroman von Ole 6tef anl
25. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Sie sah wunderhübsch aus mit ihrem verweinten Gesichtchen hinter dem dunklen Schleier, und Kramer verstand Roman Molinski seyr gut, der sich beim Abschied tief über ihre kleine Hand beugte.
Der Zug fuhr ab, und nicht eher, als bis er ganz im fernen Dunst des Morgens verschwand, war Molinski vom Baynbof zu bringen.
Das Getöse der Riesenhalle umgab sie. Fortwährend wurden sie gestoßen, alle Augenblicke schob mit gellenden Rufen ein Gepäckträger feinen Karren haarscharf an ihnen vorbei.
Plötzlich tauchte im Gewühl der Menge ein bekanntes Gesicht auf. Lachner schob sich auf sie zu, im Reisemantel und mit einem yandköfferchen.
„Es ist mir lieb, daß ich Sie treffe!“ sagte er freudig. „Ich habe Sie gestern nachmittag leider verfehlt, als ich mich in der Villa Grete verabschiedete."
„Ja, roir waren im Auto unterwegs!" sagte Kramer. ,Lch freue mich ebenfalls, Sie vor Ihrer Reise noch einmal zu sehen."
„Sind die Damen gut zur Bahn gekommen? Es tat mir leid, dah die Vorbereitungen für meine eigene Fahrt mich so in Anspruch genommen haben, daß ich sie nicht an den Zug begleiten konnte. Aber ich bin das Reisen so ungewohnt und habe förmlich Reisefieber. Mein Gott, wenn nur der Dienstmann mein Gepäck richtig aufgegeben hat'."
„Aber das wird er schon getan haben. Wohin fahren Sie denn?"
.Zunächst nach Frankfurt. Dort treffe ich meinen Agenten. Dann geht es weiter." Er sah sich aufgeregt nach seinem Gepäckträger um. „Wenn der Mann nur meinen Koffer vorsichtig behandeln wollte, meine Geige ist drin!"
„Kommen Sie, ich bringe Sie zum Bahnsteig!" jagte Kramer beruhigend. „Wann fährt Ihr Zug?"
„In einer halben Stunde. Ja — lassen Sie uns zum Gepäckrauin gehen." Er wandte sich um und ging mit zagen Schritten voraus.
Kramer folgte ihm lächelnd. Sie bahnten sich mit Mühe den Weg: mehr als einmal wurde der schwächliche Alte aufgehalten, und Kramer mußte
samtrahmen der Zollverhandlunyen festgesetzt werden, um einseittge Vergünstigungen nach Möglichkeit zu vermeiden.
Heber den augenblicklichen Stand dieser deutsch-französischen Industrieverhandlungen ist auf Grund befonberer Informattonen soviel mü- zuteilen, datz sie gute Fortschritte machen, jedoch noch nicht endgültig abgeschlossen sind. Diese Verhandlungen beziehen sich bekanntlich auch auf die Dertellung der Welt-Absah-Märkte, Preis- konventtonen usw. In mahgebenden Pariser Kreisen hofft man, daß diese Verhandlungen innerhalb der nächsten Wochen zu Ende geführt werden formen.
Die kulturelle Bedeutung der elsaß-lothringischen Autonomie-
Zorderungen.
Don Dr. Karl Drill.
• Die Auseinandersetzung über Sinn, Ziel und Bedeutung der elsatz-lothringischen Heimatrechtsbewegung, wie sie nicht nur die Bundespresse, sondern auch die französische und reichsdeutsche Oeffentlichkeit zeigt, vernachlässigt über den politischen Fragen die kulturellen in bedenklicher Weise. Unb doch sind die polittschen Forderungen an sich unverständlich ohne den geistigen und seelischen Untergrund der Bewegung.
..Dollständige Autonomie im Rahmen Frankreichs" wird im Aufruf des „Heimatbundes" gefordert, eine Autonomie mit „legislativer und administrativer Selbständigkeit", die ihren Ausdruck zu finden habe „in einer vom Dolf gewählten Vertretung mit Dudgetrecht und einer Exekutivgewalt mit dem Sih in Ctratzburg". Die Begründung für diese von den Franzosen wesentlich als Staatsgefährdung betrachtete Forderung wird durchweg übersehen. Auf sie hin- zuweisen, ist nötig, um die autonomistifche Bewegung richtig zu werten: „... Sieben Jahre lang haben wir zugesehen, wie man unsere Rasseneigenschaften und Sprache, unsere Heber» lieferungen und Gebräuche zu erdrosseln suchte. Wir wissen nunmehr, daß «die Assimilattons- fanatUcr es auf Wesen, Seele und Kultur des elsatz-lothringischen Dolles abgesehen haben, wobei sie nicht einmal vor Fragen der inneren Lieberzeugung und des Gewissens Halt machen." Demgegenüber sei „die Sicherung und lebendige Auswirkung der unverjähr- baren und unveräußerlichen Heimatrechte des elsatz-lothringischen Dolkes nur garantiert“, wenn d ie E ls atz-L o th r i n g e r als nationale Minderheit die vollständige Autonomie im Rahmen Frankreichs erhalte n."
Diese „lebendige Auswirkung^ führt zu der Forderung, „datz die deutsche Sprache im öffentlichen Leben unseres Landes den Rang einnimmt, der ihr als Muttersprache des weitaus größten Teiles unseres Dolles und als einer der ersten Kultursprachen der Welt zukommt. In der Schule mutz sie Ausgangspunkt und ständiges Unterrichtsmittel und Unterrichtsfach mit abschließender Prüfung sein". And weiterhin: „Unser niedere s und höheres Schulwesen, wie unsere sonstigen Bildungseinrichtungen sollen in allen ihren Zweigen nicht gemätz Dlltat der Pariser Zentralgewalt, sondern der Eigenart und Kulturhöhe des elsaß-lo- thringischen Dolkes entsprechend ausgebaut werden, so wie es unser zukünftiges Parlament unter weitgehendem Mitbestimmungsrecht der Eltern und Lehrpersonen es verfügen wird".
Und nicht aus Eigensinn und Selbstsucht wird das gefordert, sondern es wird dieses Programm mitten hineingestellt in eine große europäische Linie: „Unser Land soll als Treffpunkt zweier großer Kulturen in die Lage verseht werden, feinen Anteil an der Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland und an der zivilisatorischen Gemeinschaftsarbeit von West- und Mittel-Europa beizutragen."
Mit dieser Betonung der „M i s s i o n", der „Aufgabe" Elsaß-Lothringens, auf Grund feiner Lage, Geschichte, Begabung, den Mittler zwi-
ihm, indem er die rücksichtslos Entgegendrängenden kräftig beiseite stieß, vorwärts helfen — was der Musiker ihm mit dankbaren Blicken quittierte. So kamen sie langsam weiter.
Molinski folgte ihnen in einiger Entfernung.
„Hier Hotel Exzelsior!" rief ein Hausdiener in die Menge. Ein Verkäufer brach sich Bahn: „Limonade, Drangen, Zigaretten!" — „Vorsicht!" schrien die Oepäcfträger. Auf einer Bank stand ein halbwüchsiger Junge, der fortwährend: „Erwin! Gr« roin!;' rief, mit feiner schrillen Stimme alle übertönend.
Der Musiker machte Kramer lächelnd auf ihn aufmerksam.
Während sie weiterschreiten, sieht der Anwalt gedankenlos auf die schmale Gestalt vor sich.
Auf einmal schießt ihm das Blut in die Stirn. Seine Miene erstarrt. Es ist, als setze der Herzschlag aus.
Unbeweglich hängen seine Blicke an Lachners Reisemantel: in gerader Reihe ist er besetzt mlfjelt» (am geflochtenen Lederknöpfen, die in der Mitte einen kleinen grauen Stein tragen.
Ohne zu wissen, was er tut, packt er den Arm des Boranschreitenden.
Der fährt unter dem Griff herum.
Sekundenlang bohrten sich die Blicke ineinander.
Das (Betriebe der f)aüe, die wirbelnde Menge um sie verschwinden aus Kramers Gesichtsfeld.
Er sieht nur mit einem Grauen, das immer eisiger tief in feinen Körper kriecht: bis es in allen Adern weht:
Wie das Antlitz vor ihm sich enkschält.
Eine Hülle nach der anderen schwindet, ein Gesicht verdrängt das andere, die milde Miene des alten Musikers gleitet herunter ... Sandbergs scharfe Falten treten hervor, verblassen ... es erlöste sich auf, an seine Stelle tritt faszinierend deut- in der Holzhütte auf Grafenwerth sah ... auch das löst sich auf, an seine Stelle tritt faszinierend deutlich, Zug um Zug. ein neues Antlitz:
„Racoszy!"
Er schreit gellend auf, wie damals. Unfähig, sich zu beherrschen.
Wortlos, mit einem jähen Ruck, schüttelt der andere feinen Arm ab. Schlüpft durch eine Lücke in der Menschenmauer. Gestrafft, größer geworden.
leben Frankreich und Deutschland zu sein oder zu werden, stellt sich der „Heimatbund" an die Seite des französisch-national wohl nicht ver- dächttgen Herrn — Painlevä, der die gleiche Forderung gerade von Straßburg aus an Pfingsten 1925 in die Welt gerufen hatte. Er stellte sich auch an die Seite der ..Menschenrechtler" und „Pazifisten", die ihn heute ebenso wild wie die Chauvinisten Frankreichs begeifern. Und er dient dem wahren Frieden, einem lebenatmenden, auf allseitiger Achtung berrchenden Dölkersrieden bestimmt mehr als etwa die elsässischen Sozialisten, die immer wieder von der „Kriegsgefahr" salbadern, die die autonomisttschen Forderungen im Gefolge hätten.
Denn es gibt doch wohl nur zwei Wege. Entweder erkennt Frankreich das Lebensrecht El sah-Lothringens an, erkennt an, dah die Elsässer und Lochringer nur Dann in ihrem neuen Staatsverband alles leisten können, wozu sie die Fähigkeit und Kraft haben, oder es bestreitet dieses Recht. Im ersten Fall muh es die „befreiten Brüder" doch wohl darüber besttmmen lassen oder wenigstens befragen, wenn sie diese Sicherung und Entfaltung ihres eigensten Wesens am wirkungsvollsten gewährleistet sehen. Der andere Fall würde bedeuten, daß ihm an1 den Elsah-Lochringern an sich überhaupt nichts liegt, sondern dah es sie nur insofern duldet, als sie sich willig umformen lassen zu Franzosen nach dem Schema F der übrigen „Com- patriotes".
Die erste Art französischer Elsah-Lothringen- Politik ist das, was die heimatred;tlerische Bewegung. was also „Zukunft", „Heimatbund" usw. verlangen und ausdrücklick) „im Rahmen Frankreichs" erstreben. In dieser humanen Art, die wiedergefundenen Provinzen sich einzugliedern, sieht aber das französische Dolk und sieht der französische Staat (als Regierung, als Parlament, als Derwaltung) eine Bedrohung der nationalen Einheit, eine Gefährdung des Staatsbaus, ein umstürzlerisches Unternehmen. Es traut also offenbar einem lebendigen, gesunden, seinen Lebensbedingungen entsprechend sich entfaltenden Elsah-Lothringerturn nicht. Daher die Bekämpfungsversuche der regierungsfrommen Blätter im Lande, wie auch der Präfekten und anderer leitender Franzosen, daher denn auch den jüngste (und nebenbei bemerkt: dümmste) Schritt von Paris aus, die Sanktionen gegen Unterzeichner des Aufrufs. Man will die autonomi- stische Bewegung gewaltsam zu einer „antinationalen Kampagne" stempeln, will „deutsche Machenschaften" hinter ihnen erkennen. Aus dieser Betrachtungsweise des elsaß-lothringischen Problems erklärt sichs also, daß Frankreich nicht den natürlichen, den menschlichen und anständigen Weg eingeschlagen, sondern dah es sich — unbeirrt durch Regierungs- und Shstemwechsel — darauf versteift hat, die „liebe elsah-lothringische Bevölkerung" umzuformen, aus ihnen Dollfranzo- fen zu bauen.
Gegen diese unmenschliche und — wie die bisherigen „Erfolge" beweisen — aussichtslose Art, elsaß-lothringische Politll zu treiben, kehrt sich der Stolz und der Lebenswille des „be-' freiten“ Dolles. Es ist ihm gerade auf Grund dieser unwürdigen Behandlung als erziehungsbedürftiges Objekt eines fremden Herrn zum De- wuhtsein gebracht worden, dah es im „Mutterland" etwas Besonderes, etwas vollhast Eigenes darstellt, und da es mit Grausen den Um verstand der Pariser und anderen „Innerfranzo- sen" erlebt, so ist es daran gegangen, fein Geschick selbst in die Hand zu nehmen. Es glaubt, über sich selbst am besten Bescheid zu wissen: es hat aus der Schule der Selbstverwaltung der „Reichsland"-Zeit nach 1871 genügend Willensschulung mitbekommen, um sich dazu fähig zu fühlen.
Die „Zukunft", die „unabhängige Wochenschrift zur Derteidigung der elsah-lothringischen Heimat- und Dolksrechte", die autonomistifche Umgestaltung großer Parteien, die Durchsetzung der großen Beamten- und Lehrerverbände des Landes und zuletzt der „Heimatbund" mit seinem klaren Programm sind der Ausdruck für diesen Anspruch eines Dolkes, sich fein Haus selbst zu bauen. Frankreich und seine (bezahlten und freiwilligen) Trabanten gehen diesem Willen mit Entstellungen, Verdächtigungen und Hohn zu
Schon mit zwei gewaltigen Sätzen ist Kramer ihm nach, hat die Hände auf feinen Schultern, da drängt sich von hinten ein Fuß zwilchen feine Beine, er verliert bas Gleichgewicht, noch im ungeheuren Anprall des Sprunges, stürzt er auf den Steinboden, schlägt hart mit der Stirn auf.
Donnernd verschwindet die Halle, es wird Nacht um ihn.
IV.
Kramer hätte ein fernes, dumpfes Rollen, das immer deutlicher wurde. Jetzt begann es zu zischen, und das Getrappel unzähliger Füße stürmt vorbei.
Er schlug verwirrt die Augen auf und sah sich in einem kleinen Raum mit wenigen weißen Möbeln.
Eine schmucklose elektrische Birne hing von der Decke herab. Er selbst lag mit geöffnetem Halskragen in voller Kleidung auf einer Pritsche, leicht mit einem Wolltuch zugedeckt. Aus dem Tisch neben dem Bett stand eine Wasserkaraffe und ein kleines braunes Medizinfläschchen.
Ein feuchtes Tuch lag über feiner schmerzenden Stirn, das einen säuerlichen Geruch ausströmte.
Neben ihm. auf den Tisch gestützt, stand ein graubärtiger Mann in Sanitäterjoppe, der ihn mit besorgten Blicken bettachtete.
Dom Fenster kam trübes Licht aus einem riesigen Raume. Wie eine Brandung rauschte es dort. Kramer erkannte die Halle des Kölner Haupt- bahrchofes.
Allmählich, langsam kam chm die Besinnung wieder.
„Wie spät ist es?" fragte er angstvoll.
„Sieben Minuten nacy neun!" sagte der Sanitäter nach einem Blick auf feine Armbanduhr.
„Mein Gott!" Kramer richtete sich auf. „Da ist der Frankfurter O-Zug schon weg?"
Der Mann brückte ihn sanft zurück. „Aber so liegen Sie doch still", sagte er mit beruhigender Stimme. „Der ist schon über zwanzig Minuten raus ... Sie liegen schon eine Stunde hier. Haben Sie Schmerzen?"
Mit schwerem Seufzer sank Kramer zurück. „Aber" — flüsterte er, „man muß telegraphieren . . . telegraphieren . . . Bitte, seien Sie doch so gut, lassen Sie sofort dem O-Zug nachtelegraphieren . . . man muß sofort verhaften . .
„Wen?"
Leibe. Sie reden von „separatistischem" Treiben und wollen im Hintergrund Gefahren für den europäischen Frieden sehen. Sie wissen wohl, dah in einem Grenzland, das beim Zusammenprall der Völler voraussichtlich am ersten und heftigsten getroffen würde, auf schwail^nde Daturen Eindruck zu machen ist. 2lbcr ihr Angst- geschrei ist entweder nur Heuchelei oder aber aus einer Verkennung der Wirklichkeit erwachsen. Rehmen wir die zweite Möglichkeit an. so darf doch wohl gesagt werden, dah die bisherige Assimilationspolitik, die Politik der Umformung und Limfälschung des Elsah-Lothringertums an Ort und Stelle eine Lage geschaffen hat, die separatistischen Rcigungen günstig ist (siehe den Zulaus der elsah-lothringischen Kommunisten mit ihrer strikten Forderung des Selbstbestimmungsrechts!). Aber weiter: Rur ein gesundes Eisah-Lothringen. das alle seine Kräfte frei entfalten kann, ist eine Dauer lösung, eine Lösung, von der wie Europa so auch Frankreich selbst den größten' Ruhen hat.
In einer Umfrage der elsässischen Zeitschrift „®er Eiserne Mann" über die Autonomie hat der frühere Chefredakteur Camille D a h l e t, ein Mann, der aus völlig französischer elsässischer Welt gekommen ist. aber seit 1918 immer „elsässischer" geworden ist, geschrieben: „Es wird sich für Frankreich kaum mehr darum hairdeln können, was das französische Vaterland im Damen abstrakter Prinzipien von den Elsässern alles verlangen könnte oder mühte, damit sie in die „Räpubliquc unie et indivisible“ hineinpassen, sondern darum, wie es sich bewerkstelligen läht, daß die Elsässer im französischen Vaterland bleiben resp. freiwillig bleiben. Demi das andere wäre ja nur eine Zeitfrage und würde sich bei der ersten günstigen historischen Gelegenheit erledigen. Die Stärke der Elsässer liegt darin, dah sie warten tonnen . . ."
Es ist also ganz einfach so: Frankreich muh Elsah-Lothringen aufriebenfteilen, muh den Gedanken des Separatismus durch die Güte der eigenen Leistung aus dem Felde schlagen. Zu dieser Defttedigung gehört aber nicht nur eine gute Verwaltung (die Frankreich nicht gebracht hat), eine Förderung und Pflege der Wirtschaft, sondern bei einem kulturell so hochstehenden Dolle wie den Elsässern und Lothringern ein „Regime", das frei geistige Entfaltung gewährleistet. Der „Heimatbund" und mit ihm Zehntausende, Hunderttausende von Elsaß-Lothringern sehen diese Gewähr nur bei einer Umgestaltung des jetzigen zentralistisch- schematischen französischen Staats, die Elsah-Loth- ringen als „nationale Minderheit" über die lebenswichtigen Dinge selbst entscheiden läßt. — Ist dos Hochverrat?
Hessischer Landgemeindetag.
Der Dor st and des Hessischen Landgemeindetags hielt am Samstag unter dem Dorsitz des Dürgernieisters Alexander- Gonsenheim im Stadthause zu Mainz eine Sitzung ab.
Reg.-Rat Dr. Ah l - Darmstadt, Dorsihender des Derwaltungsrates der Hessischen Dersiche- rungsanstalt für gemeindliche Beamte, erstattete ein eingehendes Referat über die Organisation der Dersicherungs-Anstalt und das Geschäftsgebahren derselben, namentlich im abgelaufenen Rechnungsjahre. Veranlassung zu den Ausführungen des Referenten hatte das Verlangen der Landgemeinden als Anstellungskörperschaften der in der Anstalt Versicherten nach einer Herabsetzung der hohen, von den letzteren zu leiftenfccn Umlagen zu der Versicherungsanstalt gegeben. In eingehenden Ausführungen, gestützt auf zahlenmäßige Dachweise, vermochte der Referent darzutun, dah die bisherigen hohen Umlagesätze zur Schaffung eines Grundstockes und der Bestreitung der lausenden Verpflichtungen der Versicherungsanstalt als solcher ein dringendes Bedürfnis waren. Von besonderem Interesse war die Mitteilung, dah der Verwaltungsrat hoffe, den Umlagesah, der vorläufig für 1926 auf 12 v. H. des Einkommens der Versicherten festgesetzt sei, im kommenden Jahre weiter, etwa auf 11 Prozent, ermäßigen zu können. Von feiten der Vorstandsmitglieder wurde besonders betont, tote unbedingt nötig im Interesse der Finanz-
Kramer antwortete nicht gleich, seine Zunge lag schwer im Munde.
„Wie sieht er denn aus?"
Der Anwalt lächelte mühsam. „Wie er jetzt aussieht? ... 3a — das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen."
„Nein?" sagte der Mann ratlos. „Dann kann ich aber nicht telegraphieren!"
„Nein," flüsterte Kramer, „bann können Sie nicht telegraphieren."
Er lag lange Zeit, eine Ewigkeit schien es ihm. Jetzt bin ich gestorben, dachte er.
Er erwachte, weil eine Uhr schlug.
Immer noch stand der Sanitäter unbeweglich neben seinem Bett.
„. . . Lachner, dachte Kramer. Lachner. Also Lachner war es. Da liegt das Ende des Fadens. Man zieht daran, und das Gewebe geht nun mübe- los auf. Lachner — Sandberg — Racoszy. Nun begreife ich alles. Lachner fand mühelos Zugang in die Villa Grete und wurde mit feinem milden Lächeln und durch feine musikalischen Fähigkeiten in kurzer Zeit der hefte und vertrauteste Freund des Hauses. Lachner konnte unbemerkt die Briefe in das Haus schmuggeln. Lachner schoß am Buchenplatz unter dem Drachenfels und auf den Porzellanteller im Wohnzimmer. Sandberg kam im grauen Auto und erschoß den Kommissar Brenthcim. Und Racoszy, im Bewußtsein erfüllter Rache und das Esser abgelotfte Geld in der Tasche, entfloh uns schließlich.
Aber Lachner war doch seine beste Rolle! . .
Kramer richtete sich auf. Er fühlte sich frischer. ,Hch bin gestürzt, nicht wahr?^ sagte er sinnend. ,Lch schlug mit der Stirn auf den Boden auf!"
Der Sanitäter antwortete: „Ja, das wäre aber nicht geschehen, wenn Ihnen nicht jemand ein Bein gestellt hätte."
„Wer denn?"
„Der junge Herr da drüben!"
Jetzt sah Kramer eine gebückte Gestalt vor dem Fenster sitzen. Es war Molinski.
Er sah ihn schweigend an.
,Hch wollte Ihnen zu Hilfe kommen!" antwortete der Jüngling mit erstickter Stimme. ,Zch war zu ungeschickt."
(Fottsetzung folgt.)


