Nr. 75 Drittes Blatt
Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Dienstag, 50. März 1926
29. Fortsetzung.
Nachdruck verboten.
.Mein Gott — mein
Gott!" jammerte sie. „Ich
„Wissen Sie, wen er dort besuchen wollte?" „Nein, Herr Inspektor."
„Wie lange blieb er im Hotel Ritz?"
„Ungefähr eine bis eineinhalb Stunden. Als er hcrauskam, war er sehr ärgerlich. Er fluchte fortwährend portugiesisch vor sich hin, während er in den Wagen stieg."
„So? Hm — Sie haben natürlich keine Ahnung, weshalb er ärgerlich mar?"
„Ich glaube, er hat etwas verloren — einen Brief, oder ein Dokument oder so etwas. Wenigstens sah ich, wie er immer in seinem Portefeuille und in den Rocktaschen herumkramte."
„Wohin fuhren Sie vom Hotel Ritz?"
„In die portugiesische Gesandtschaft. Dort blieb der Graf bis einhalb nach sieben Uhr, dann brachte ich ihn nach Hause. Er entließ mich, und ich ging, da ich den Abend frei hatte, in ein Kino."
Sir Walter Ryce schwieg einige Minuten. Bohrte wieder seinen Monokelblick in den Chauffeur. Teufel — Teufel--was war nur an dem Manne?
Zweifellos ein stattlicher, strammer und nicht unsympathischer Kerl. Aber doch--1 Er zuckte die
Achseln und meinte zum Inspektor:
„Ich glaube, die beiden haben alles gesagt, was sie sagen können. Meinen Sie nicht auch?"
„Viel ist es nicht, Sir Walter."
„Es scheint so, aber wir werden ja sehen." Der Chauffeur und der Diener konnten gehen, es wurde ihnen aber befohlen, sich am nächsten Morgen für die Totenschau des Coroners bereitzuhalten.
Endlich kam auch der Beamte, der die Zeitungen aus dem Hauptquartiere zu holen hatte. Er brachte einen ganzen Stoß mit, doch man brauchte nicht lange zu suchen — schon im zweiten Heft war das Bild, auf das O'Neill triumphierend seinen dicken Zeigefinger legte.
„Das ist er!" rief er.
Sir Walter pfiff durch die Zähne.
„Ei verflucht," sagte er, „Sie, O'Neill, irren Sie sich auch nicht? Bedenken Sie, dieses Bild haben Sie vor sechs Wochen flüchtig gesehen und danach wollen Sie den Mann in der Dunkelheit und im Regen wiedererkannt haben?"
Doch der Ire blieb fest. Ließ sich nicht erschüttern.
„Das ist er und kein anderer. Ich habe immer ein gutes Personengedächtnis gehabt und erkenne
Strafkammer Gießen.
* (Sieben, 26. LNärz. Ein Kaufmann aus Gießen hatte von dem hiesigen Finanzamt eine Ordnungsstrafe von 30 Mk. erhalten, weil er als selbständiger Handlungsagent unterlassen hatte, einen Gewerbeschein zu losen. Er erhob gegen den Strafbescheid Einspruch und wendete in
wußte doch, daß etwas Schreckliches passiert sein mußte! Gloria — ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen! Ich--"
(Fortsetzung folgt.)
der gerichtlichen Verhandlung ein, er sei nicht Handlungsagent, sondern Angestellter einer Bremer Kaffeefirma, er brauche daher keine Gewerbesteuer zu zahlen. 3n erster Instanz erzielte er Freisprechung, weil das Gericht für nachgewiesen hielt, daß er in der Tat nur ganz kurze Zeit Handlungsagent, im übrigen aber angestellter Reisender gewesen sei. Die Berufung der Staatsanwaltschaft gegen dieses Urteil wurde verworfen. Zwar stellte die Strafkammer fest, daß das Angestelltenverhältnis nicht von vornherein vorgelegen, also Gewerbestcucrpflicht bestanden habe: sie erfonnte aber ebenfalls aus Freisprechung. weil die Uebertretung der maßgebenden Bestimmungen des Gemeindr^imlagengesehes inzwischen verjährt sei.
Wegen Diebstahls und Unterschlagung zum Rachteil von Arbeitskollegen waren zwei Arbeiter aus Fernheide zu Gefängnisstrafen von 3 b z w. 8 Rkonateu Gefängnis verurteilt worden. Ihre Berufung wurde verworfen.
Ein Landwirt aus Oberau hatte seinen Hund in fremdem Jagdgebiet frei umherlaufen lassen und sollte deshalb von dem Jagdaufseher St. angezeigt werden. Er suchte ihn durch Anbieten von Geschenken zu bestimmen, von der Anzeige Abstand zu nehmen und wurde daher wegen Bestechung zu 2 0 0 M k. G e l d st r a f e verurteilt. Seine Berufung gegen diese Bestrafung nahm er heute zurück.
Leute nach Jahren wieder. Meine Frau und ich haben uns das Bild damals sehr genau angeguckt, weil cs doch die berühmte Skandalgeschicht'e war. Wir haben noch darüber gestritten, wer recht und wer unrecht hätte. Es gab harte Worte, Sir Walter — und deshalb habe ich mir den Mann jetzt erst recht sehr genau angesehen."
Das Bild enthielt zwei große Porträts, und zwar das Lord Haralds und der Lady Grace. Darunter stand: „Aufsehenerregender Scheidungsprozeß in der höchsten Gesellschaft Englands: Lord Harald Neville, der soeben gegen seine Gemahlin, Lady Grace Neville, zweite Tochter des Lord Cecil Burnham auf Burnham Tower, die Scheidungsklage eingereicht hat."
Sir Walter Ryce wollte aber immer noch nicht glauben. Er fuhr urplötzlich den Konstabler an:
„O'Neill, Sie sind doch ein Esel! Lord Neville kann es nicht gewesen sein, denn er ist ja gar nicht in London. Soviel ich weiß, treibt er sich irgendwo an der Riviera herum."
O'Neill gab nicht nach, Nicht wegen der Flasche Whisky, die ihm als Belohnung winkte, sondern weil er seiner Sache wirklich sicher war.
„Halten zu Gnaden, Sir Walter," erwiderte er, in strammer und fester Haltung, „der war es und kein anderer. Je länger ich mir das Bild ansehe, desto überzeugter werde ich. Meine Seligkeit verwette ich darauf. Dieses schmale Gesicht mit der langen Nase ist nicht zu verkennen."
Sir Walter Ryce wechselte einen raschen Blick mit Inspektor Gernot, der aber zuckte die Achseln und meinte:
„Man könnte ja einmal in Dover ober Folkestone anrufen, ob Lord Neville in den letzten Tagen angekommen ist."
Das geschah. Man rief zunächst Dover an, und als das dortige Paßamt keinen Lord Neville auf seinen Listen hatte, wurde Folkestone aus seiner Nachtruhe gestört. Hier kam sofort der Bescheid:
„Jawohl, Lord Neville ist heute nachmittag drei Uhr mit dem Calaisboot angekommen."
„Das sieht kritisch aus!" sagt Sir Walter und griff nach dem kleinen Revolper, der auf dem Schreibtische lag.
„G. B.I" Wieder pfiff er durch die Zähne--
G. B. Lady Grace Neville hatte vorher Grace
deutlicher wird. Wenn man einmal die elsaß-lotn- rmgiichen Lokalblätter daraufhin durchliest, so kann man sehr bald die Feststellung machen, daß von der von den Elsaß-Lothringern verlangten und nach dem Vertrage von Versailles ihnen von Frankreich auch ausdrücklich zugesagten Wahrung ihrer H e i - matrechte überhaupt keine Rede mehr i|l. Die französische Regierung hat Elsaß-Lothrmgen toi regiert und weiß nicht mehr, was sie tun soll, um der immer größer werdenden Mißstimmung im -'"ade auch wenigstens nur einigermaßen Herr zu werden. Die elsaß-lothringischen Döputes der sranzö- Ichen Kammer wurden von ihren Wählern im verflossenen Winter wiederholt zur Rechenschaft gezogen und ihnen hierbei immer wieder die Frage vörgelegt hinsichtlich der erworbenen Beamtenrechte, der besonderen Schulverwaltung, der Sozialversicherung und Invalidenrente der Arbeiterschaft usw. Die Abgeordneten konnten darauf immer nur erklären, daß fie in Paris trotz ihres guten Willens diese Frage einfach nicht vorwärts bringen konnten. UUf der einen Seite, so sagten sie, sind wir in der großen Menge der französsischen Parlamentarier nur eine verschwindend kleine Gruppe und können auf der anderen Seite bei unseren Kollegen aus dem Innern nicht genug Interesse für die elsaß-lothringischen Angelegenheiten finden. Wie ost kann man'in der Tat in der Pariser Kammer die Feststellung mack-en, daß elsaß-lothringische Fragen vor ganz leeren Bänken debattiert werden. In der berühmten Kammersitzung, die Elsaß-Lothringen das berüchtigte und inzwischen schon wieder beseitigte General- Kommissariat bescherte, waren im ganzen keine 50 Abgeordnete von 586 zugegen. Das letzte elsaß-lothringische Teilbudget wurde vor genau 19 Abgeordneten behandelt.
Die Abgeordneten des Departements Moselle, die durchweg sich den Rechtsparteien angeschlossen haben, befinden sich also zur gegenwärtigen Regie- rung in s ch ä r f st e r O p p o i i t i o n und können ihre Wunsche hinsichtlich der elsaß-lothringischen Schulfrage gegen den Linksblo'ck natürlich erst recht nicht durchdrücken. Die elsaß-lothringischen Abgeordneten stoßen also in Paris auf eine systematische Opposition, und es ist daher leicht verständlich, wenn die Wunsche der elsaß-lothringischen Bevölkerung nach einer eigenen regionalen Verwaltung immer dringlicher werden. Aber Frankreich glaubt natürlich auf keinen Fall, sich dazu entschließen zu dürfen, für Elsaß-Lothringen eine eigene beratende Körperschaft einzurichten, um alle die Fragen an Ort und Stelle zu regeln, mit denen das eigentliche Frankreich auch nicht das Allermindeste zu tun bat. Eine lothringische Zeitung schrieb hierzu in diesen Tagen wörtlich:
„Eine regionale beratene Körperschaft würde auch die Gewähr dafür bieten, daß die Gehaltsansprüche der Beamten und die Rentenansprüche der Sozialversicherten schneller und sachgemäßer geregelt werden könnten, als auf dem Umwege über Paris, wo 3- B. erworbene Rechte eines lokalen Eadres, Sprachen und Mehrarbeitszulage spanische Dörfer sind. Sozialversicherungen sind dort vollends ganz neuartige Dinge. 2kußerdcm liefen unsere Institutionen nicht immer Gefahr, bei jeder Budgetberatung in Frage gestellt zu werden."
Die Elsaß-Lothringer wünschen eine solche regionale Selbstverwaltung mit beratender Körperschaft, um leichter nachprüfen zu können, ob die Beamten, welche in den einzelnen Verwaltungszweigen ange- stellt werden, wirklich den dort obwaltenden gesetzlichen Anforderungen sowie den sprachlichen Notwendigkeiten gewachsen sind. Es könnte dann auch leicb- I ter nachgeprüft werden, ob das einheimische I Element bei der Stellenbesetzung gebührend berücksichtigt wird, was jetzt durchaus nicht immer der Fall ist. Vor allen Dingen würde dadurch auch der so unangenehme Beschwerdeweg nach Paris vermieden werden, der doch zu nichts führt, weil Opposition, Verständnislosigkeit, Interesselosigkeit und Abneigung der Regierung selbst noch so berechtigte Beschwerden schließlich doch nur illusorisch machen.
ging. Der obere und der untere Donauweg die Straßenzüge der Ostalpen, der Marchweg nach Polen und Schlesien --- sie alle gehen von aiis und treffen bei Wien zusammen.
-Sicfc tounöerbare Lage inmitten der Straßen und Dvlker wurde Oesterreichs und lange genug ^.uch Deutschlands Schicksal. Das ostelbische Flacyland hat Preußen erzeugt, durch die Strahlenlage Wiens an der Stelle, wo die Donau durch das Tor zwischen den Gebirgen Mitteleuropas in die östliche Weite hinaustritt, ist Oesterreich geschassen worden.
Wäre Deutschland ein Einheitsstaat gewesen, Wien und Oesterreich emporkamen, io hätte Ijter ein mittelalterliches Hamburg oder Venedig zu Laude entstehen können: ein großer und reicher Handelsplatz an der Ost" grcnze Deutschlands. Der Zerfall des Reiches aber verlieh dem österreichischen Territorial» furstentum, eben weil es Wien und das Donaudurchgangsland besaß, eine so starte Stellung, day von hier aus die Gründung der großen habsburgischen Hausmacht erfolgen konnte, die imftanöe war, nicht nur Ungarn und Böhmen mit Mähren an Oesterreich anzugliedern, sondern auch eine große weltpolitische Stellung zu erstreben und zeitweise zu behaupten.
Wien und die deutschen Ostalpenländer können entweder das Kerngebiet eines eigenen Grohstaates sein, dessen räumliche Hauptmaste dann aber außerhalb Deutschlands liegen muß, oder sie bilden von neuem die deutsche Südostmark und das große östliche Landtor Deutsch»- lands für den Verkehr mit den Ländern an der unteren Donau, dem Balkan und dem Schwarzen Meer. Ein Kleinstaat dagegen, der aus einem Dutzend deutscher Alpentäler und dem beherrschenden Passagegebiet zwischen Mittel- und Südosteuropa besteht, ist an sich sinnlos. Die Sinnlosigkeit wird, um mit dem Reichswehrminister ®r. Geßler zu sprechen, zu einem Verbrechen „gegen die Moral und das Selbstbestimmungsrecht", das die Wesensnatur des Versailler Friedens bildet.
Von den zwei Möglichkeiten für Wien und Oesterreich hat die eine, die großstaatbil-ende, lange genug dazu gedient, die Verwirklichung der deutschen Rationalstaatsidee hintanzuhalten. Oesterreich war zugleich Bundesgenosse des Deutschen Reiches von 1871 und Hindernis für den großdeutschen Rationalstaat. Cs ist als Großmast zuletzt an der immer schwieriger werdenden Aufgabe zugrundegegangen, mit einer deutschen Minderheit als dem einzigen Träger der Staatsidee eine widerstrebende Vielheit nichtdeutscher Völker zusammenzuhalten. Run kann es, muß es und wird es wieder zu seiner ersten Stellung und Aufgabe zurückkehren: ein bevorzugtes Stück Deutschland zu sein, und nichts weiter.
Diese Gedanken über Oesterreich mögen dazu dienen, in diesen Tagen, wo der österreichische Bundeskanzler in Berlin weilte, unsere Aufmerksamkeit auf Oesterreich von der Seite dev deutschen Volksgeschichte her zu lenken. Mögen dem Besuch Dr. Rameks gute Folgen für das gesamtdeutsche Volksinteresse entspringen!
Elsaß-lothringischer Unbehagen.
Von unserem Pariser W. S.-Korrespondenten.
Mit der Neubildung der Regierung Briand hat nunmehr auch die Oberste Leitung der elsaß-lothringischen Dienstzweige neunmal gewechselt innerhalb 71 Jahren. Jede der leitenden Persönlichkeiten war also durchschnittlich 9—10 Monate im Amte, also gerade so lange, um sich über die so überaus schwierigen elsaß-lothringiscl)en Probleme einigermaßen zu informieren. Jedesmal wurde der Pariser leitende Beamte durch einen neu en ersetzt, wenn es darauf ankam, Beschlüsse zu fassen und'zu handeln.
Bei diesem ständigen Wechsel kann natürlich ja nichts Befriedigendes für Elsaß-Lothringen herauskommen. Die meisten elsaß-lothringischen Fragen bleiben jahrelang im Stadium „eifrigster Erwägung und aufmerksamster Prüfung" und fallendänn u n t e r b e n Tisch. Die Verschleppung, die die Unbeständigkeit der obersten Stelle der elsaß-lothringischen Verwaltung mit sich bringt, ist einer der Hauptgründe für die Malaise, d. h. für die M i ß st i m - mung in Elsaß-Lothringen, die bei allen Volks- I schichten und Parteien in den letzten Monaten immer |
Die tolle Herzogin
Roman von E r n ft Klein. Copyright by Carl Sünder, Verlag, Berlin.
Ostland.
(Zum Besuch Dr. Rameks in Berlin.) Von Dr. Paul Rohrbach.
Der deutsche Volksboden hat zwei große Ostländer: O st e l b i e n und Oesterreich. Beide sind sie koloniale Siedelungsländer. Zu Karls des Großen Zeit lief die Ostgrenze Deutschlands von Kiel nach Rürnberg. Fünfhundert Jahre später lag sie hinter der Oder und Weichsel. Von dieser Ostlandkolonisation wissen alle. Es war Slawenboden, der da gewonnen und eingedeutscht wurde, und vor den Slawen hatten dort Germanen gesessen, die waren fortgezogen, das römische Reich zu zerschlagen und eine neue Welt zu bauen: das germanisch-romanische Europa, wie Ranke es genannt hat.
Wie aber war es mit Oesterreich? Merkwürdig genug und wert zu erzählen. Oesterreich ist eigentlich aus Böhmen gekommen, Böhmen ist Bojoheim, das Land der Bojer. Dio Bojer waren Kelten: nach ihnen nahmen Germanen das Land ein, die Markomannen, an deren König Marbod der Cherusker Hermann nach der Teutoburger Schlacht den Kopf des Va° rus schickte. Die Markomannen muhten aus Böhmen weichen, weil das Land offen war und fie den berittenen Avaren nicht widerstehen konnten. Die Avaren brachten Slawen als ihre Knechte mit, die späteren Tschechen, die für sie arbeiten muhten und bei deren Weibern sie schliefen. Der Abzug der Markomannen ging nach Westen über den Böhmerwald, und weil sie aus dem Bojerland hervorkamen, nannte man sie die Bojoaren. Daraus wurde Baju- und die Ostalpenländer kolonisiert und diese waren und dann Bayern.
Die Bajuwaren haben den Donaudurchgang und dio Ostalpenländer kolonisiert und diese Kolonisation ist die erste und einzige große germanische Stammessiedlung über die alten Volksgrenzen hinaus geworden. In Ostelbieu kolonisierten die Fürsten: Heinrich der Löwe, Albrecht der Bär, die Herzoge von Pommern und Schlesien und der deutsche Orden, und sie riefen die Siedeler, von wo sie kamen. Oesterreich aber, das „Ostreich", hat der bajuwarische Stamm kolonisiert und cs sind neben ihm nur einige Franken und eine kleine Zahl Alemannen dazu gekommen.
Oesterreichs Werden reicht zurück bis in die Karolingerzeit, und es ist von der Ratur von Anfang an vorgezeichnet gewesen. Die Falten- letten der Ostalpen und die Böhmische Masse, an der sie sich emporgestaucht haben, treten auf eine lange Strecke ganz nahe aneinander heran, lassen aber zwischen sich einen Durchgang, der die wichtigste Passagelandschaft in Mittel- curopa bildet: das Donautal von Passau bis. Wien. Bis Passau reicht Oberdeutschland, hinter Wien beginnt der Orient.
Als die bajuwarischen Siedeler den Donau- durchgang beseht hatten und in Wien der mächtige Fürstensitz der Babenberger entstanden war, hatte damit ein großes Stück europäischer Geschichte begonnen. Roch bevor die Ebenen von Ostelbien und die schlesischen Berge deutsch wurden, schob sich die deutsche Kolonisation in die Täler der Ostalpen. Sie stieg über den Brenner und kam bis zur Klause von Salum, dort wo die natürliche Grenze des italienischen Landes liegt. Sie nahm das kostbare Salzgebiet am Fluß des Salzlandes, der Salzach, in Besitz: sie ging? über den Semmering und machte Steiermark und Kärnten deutsch. Drei Tagemärsche von der Adria kam sie zum Stehen: seit dem 14. Jahrhundert brachte Deutschland feinen Menschenüber- schuh mehr zum Kolonisieren hervor. 3m Ostalpengebiet saßen vor den Deutschen slawische Hirten: als Slowenen hielten sie sich in Krain und Südsteiermark, sonst waren sie wenig zahlreich und wurden friedlich eingedeutscht, als die deutsche Kultur mit Pflug, Kelle und Berghaue ins Land kam.
Der Ausstieg Oesterreichs begann damals, als Deutschland ansing, aus einem Reich in fürstliche Territorien auseinanderzufallen. Wer Wien besaß, der hielt die Schlüssel des Verkehrs und die Einkünfte daraus an der Stelle in der Hand, von wo es nach Augsburg und Konstantinopel, nach Krakau, Breslau, Prag und Venedig
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Wie verbringen wir die Ostertage? Das werden sich die meisten Damen bereits überlegt haben und nunmehr hauptsächlich die Toilettenfrage erörtern. Wie die Entscheidung aber auch ausfallen mag: Vergessen Sie nicht, meine Damen, daß gepflegtes Haar der schönste Schmuck und eine wichtige Bedingung für ein anziehendes, reizvolles Außeres ist. Lockeres, seidiges Haar erhalten Sie ohne Muhe durch eine Kopfwäsche mit „Schamnpon mit dem schwarzen Kopf", dem seit Jahrzehnten bewährten, vielfach nachgeahmten, aber mc übertroffenen Haarpflegemittel.
Der Schlaf verging ihm, als er die Leiche des Grafen auf dem Sofa sah.
Der Konstabler hatte ihm augenscheinlich nichts davon gesagt, wozu man ihn brauchte. Wohl mich er mit halblautem Ausruf des Schreckens zurück, als er sich urplötzlich vor der Leiche seines Herrn sah, doch faßte er sich rasch und blickte Sir Walter erwartungsvoll an. Etwas war an ihm, in ihm, was Sir Walter veranlaßte, ihn fest ins Auge zu nehmen. Scharf funkelte ihn das Monokel an — ruhig und in durchaus ehrerbietiger Haltung hielt er stand.
„Sie find der Chauffeur des Herrn Grafen?" begann Sir Walter das Verhör.
„Zu Diensten,.Herr Inspektor!"
Gernot wollte ihn darauf aufmerksam machen, daß er es mit einer weit höheren Persönlichkeit zu tun hatte, aber Sir Walter winkte ab und fragte weiter:
„Wie heißen Sie?"
„Joe Perkings."
„Sie sind Engländer?"
„Jawohl, Herr Inspektor."
„Sind Sie schon lange im Dienste des Herrn Grafen?"
„Nein, Herr Inspektor. Erst, seit zehn Tagen. Adams, der früher Chauffeur veim Herrn Grafen war und ein Freund von mir ist, erkrankte plötzlich, und so sprang ich für ihn ein, weil der Herr Graf sonst in Verlegenheit gekommen märe. Er wollte nach Burnham Tower fahren, wo er eingeladen mar. So nahm er mich auf die Empfehlung Adams hin an, und ich führte ihn gleich hin."
„Der Herr Graf kehrte dann nach London zurück?
„Ganz recht, Herr Inspektor. Er blieb vier Tage hier. Heute kamen mir neuerdings zurück, da der Herr Graf sich beim Einsteigen in einen Wagen am Knie verletzt hatte. Er konnte nicht gehen, und ich habe ihn daher beinahe tragen müssen."
„Aber er ist doch sofort nach feiner Ankunft hier wieder weggefahren? Wohin?'
„5ns Hotel Ritz."
Büchertisch.
— Es gibt auch heute noch Gegenden, die völlig unerforscht sind und die dem vordringendeu Forscher noch genau soviel oder sogar noch mehr Schwierigkeiten entgegenstellen wie einst der schwarze Erdteil den ersten Pionieren der Entdeckung. Von einem solchen Gebiet berichtet Charles W. Domville-Fise in seinem soeben bei Brockhaus in Leipzig erscheinenden Werk „Unter Wilden am Amazona s". (36 Abbildungen und 6 Karten, Leinen 15 Mk.) Cs sind die riesigen Strecken von Llrwald und Sumpf am Ama- zonenstrom und feinen Rebenflüssen, die er sich zum Arbeitsgebiet gewählt hat. In dieses unermeßliche Gebiet hat er verschiedene Vorstöße gewagt, von denen sein Buch ein schlichter aber fesselnder Bericht ist. Fast immer als einziger Weißer seiner Expeditionen, begleitet nur von ein paar Mischlingen oder halbzivilisierten Indianern, bringt er im Kanu ober auf dem Cin- geborenenfloß in die abgelegensten kleinen Rebenflüsse vor. So kommt er mit den Llreinwohnern des Landes, wilden Indianerstämmen, in Berührung, von deren Vorhandensein man oft bisher nur vage Vorstellungen hatte. Richt weist er, wie die Wilden ihn aufnehmen, und er hat Abenteuer über Abenteuer zu bestehen, ehe er sein Ziel erreicht und dem staunenden Leser von den seltsamen und unheimlichen Bräuchen der Indianer berichten kann. Rur Kleinarbeit ist es, die der Forscher im Amazonengebiet leisten kann, denn er ist meist auf sich allein angewiesen. Die größte Schwierigkeit ist es. Träger und Kanuleute äu bekommen, sodaß die Hilfsmittel jeder Expedition beschräntt sind, die Lebensmittel nur allzubald ausgehen und eine Rückkehr zur Zivilisation oft nur eine Frage der Ausdauer und der Energie ist. Fieber und Moe- kttos find in den unendlichen Sümpfen die gefährlichsten Feinde des Weißen, die wie die tropische Dampfhitze an seiner Gesundheit zehren. Trotzdem lernte DomvUle-Fife das Land schätzen und lieben, und hier wachst seine Darstellung zu dichterischer Kraft. Der ganze Zauber der Tropennacht und die Schönheit der tropischen Wälder und Ströme enthüllt sich dem Leser, der verstehen lernt, daß es den Forscher trotz aller An-
»wbi m bi iw tamastö- j
Burnham geheißen. Der Revolver war ja auch nicht mehr als ein Mädchenspielzeug---"
„Sieht sehr kritisch aus," wiederholte Sir Walter, „hätte dem guten Harald ein solches Temperament übrigens nie zugetraut! Was doch die Weiber aus einem Mann machen können! Lady Grace ist allerdings schon ein Pflänzchen, das einen soliden Mann aus dem Häuschen bringen kann! Uebri» gens---"
Schon im Begriffe zu gehen, wandte er sich nochmals um. Nachlässig blieb sein Blick auf dem Schreibtisch und dem Rokokoschrank in der Ecke haften.
„Wir könnten eigentlich einmal nachsehen, ob wir da nicht etwas finden, was uns auf eine andere Spur bringt. Ich kann mir nicht helfen, aber Lord Harald Neville kann ich mir als alles andere eher als einen Verbrecher aus Leidenschaft vorstellen."
Die Schlüssel befanden sich an einer Goldkette in der Hosentasche des Ermordeten. Gernot öffnete alle Läden und Fächer — doch nichts Verdächtiges fand sich. Nichts — nicht einmal ein Liebesbrief von der einen ober anderen Schönen.
„Verdammt," sagte Sir Walter, „dieser Bursche sollte keine Liebeskorrespondenz geführt haben!? Ein paar Rechnungen — da, Akten über die Errichtung eines Konsulats in Liverpool — — Gernot, die Läden und Fächer find so in Ordnung, daß ich zum Schluß komme, daß hier etwas nicht in Ordnung ist!"
19. Kapitel.
Lady Grace überwand sich, stand am nächsten Morgen zeitig auf und fuhr mit dem ersten Zuge nach London. Als sie in Carlton House Terrace ankam, fand sie die Schwester im Bett und den Arzt damit beschäftigt, ihre Temperatur zu messen. Die Aufregung, die durchnäßten Schuhe und Strümpfe hatten über die starke Natur Glorias triumphiert und fie niebergeroorfen.
„Ich fürchte, es ist eine Lungenentzündung im Anzuge", sagte der Arzt.
Mit lautem Aufschrei warf sich Grace über das Bett.


