Gießener Anzeiger iGeneral-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 25 Zweites Blatt
Samstag, 50. Januar \926
Das große Heimatblatt
Das grohe Anzeigenblatt
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In diesen Vorbehalten sucht Nordamerika sich gegen alles zu schützen, was nach Bindung an den Völkerbund oder Verpflichtungen aus den Pariser Friedensverträgen aussieht. Ebenso bemüht man sich, diesen Entschluß in Uebereinstimmung mit der Monroe-Doktrin zu bringen und zu halten, d. h. mit ihrem eigenen Prinzip der Nichtinter- v e n t i o n. Keine Intervention Europas in Amerikas Sacben, keine Intervention Amerikas in europäischen Sachen — das war ja kurz gesagt Absicht und Grundsatz nach der einen Seite hin in der berühmten Botschaft des amerikanischen Präsidenten von 1823, die dessen Namen weltberühmt gemacht hat. Es wird wahrscheinlich über das Verhältnis Zwischen dieser Doktrin, der Haager Schiedsgerichtsbarkeit und der Stellung der Vereinigten Staaten zum Völkerbund noch sehr viel Tinte und Papier verschrieben werden. Aber bestimmte Dinge tragen ihre
werden. Er studierte rasch und gut und wurde 1874 vom damaligen päpstlichen Nuntius in Brüssel zum Priester geweiht. Drei Jahre später wurde er bereits Lehrer der Philosophie beim kleinen Seminar in Mecheln und dort verkündete er bald eine ganz neue philosophische Lehre, die sich aus die Theorien von Thomas von Aquino stützte.
Er hielt seine Vorlesungen in französischer Sprache und nicht, wie es bis daher üblich war, lateinisch. Er hatte, als er mit dieser Tradition brach, manchen Widerstand zu überwinden. Er siegte aber, und als kurz darauf bei der katholischen Universität in Löwen ein Lehrstuhl für die thomistische Philosophie errichtet wurde, wurde Mercier zum Professor ernannt. Er war damals 30 3ahre alt.
Heber seinen weiteren Lebenslauf ist nicht viel zu melden, aber das wenige Erwähnenswerte hat seine Bedeutung: 1906 wurde er Erzbischof von Mecheln und ein 3ahr später ernannte ihn der Papst zum Kardinal.
Mercier war eine Kampfnatur. Das hat sich am stärksten während der Besetzung Belgiens durch die deutschen Truppen gezeigt. Die ganze belgische Presse hat bei seinem Tode daran erinnert, daß er in den 50 Monaten, wo die
Deutschen in Belgien weilten, die Seele deS moralischen Widerstandes war. Fortwährend lebte er in Konflikt mit den deutschen Behörden. Freiherr von Bissing und Freiherr von Falkenhausen, die an der Spitze der deutschen Verwaltung in Belgien standen, kannten keinen erbitterteren Feind. Die ganze Außenwelt wußte, wie der Erzbischof aus Kriegsfuß mit den Deutschen lebte und als Mercier Ende 1915 einen Hirtenbrief erließ, in dem er nur zu deutlich seine antideutschen Gefühle zur Kenntnis der belgischen Gemeinde brachte, verbreitete sich sofort in ganz Europa die Nachricht seiner Verhaftung. Die Nachricht traf nicht zu, sie war eine Tendenzlüge, die um so weniger schön war, als die Deutschen dem rabiaten Kardinal Freiheiten gewährten, wie sie in Kriegszeiten weder Franzosen tiod) Engländer zugestanden hätten, noch auch bei friedlicher Besatzung gewährten. Tatsache ist nur, daß Kaiser Wilhelm sich telegraphisch beim Papst über das Benehmen des Kardinals beschwerte.
Obwohl er seinen Kamps nicht aufgab. zögerte er doch nicht, im Herbst 1915 die Reise durch Deutschland nach Rom anzutretcn. 3n Italien hat er dann während seines Aufenthaltes in verschiedenen Städten größere Reden gegen Deutschland gehalten. Sein 'Benehmen war derart, daß Freiherr von Bissing sich gezwungen fühlte, chn bei seiner Rückkehr nach Belgien ernstlich zu warnen.
Er widmete sich von nun ab dem in Belgien mit so viel Leidenschaft wbenden Kampf gegen den flämischen Altivismus. Dieser Kampf gegen die flämischen Nationalisten hat er auch nach dem Kriege noch fortgesetzt. Am meisten verfolgte er die jungen Geistlichen, die sich voller Liebe der flämischen Sache gewidmet hatten. 3m flämischen Lager, und zwar auch bei seinen eigenen Glaubensgenossen, war er nicht sehr beliebt. Man erkannte ihn als das Haupt der Kirche an, aber dabei blieb es auch!
Don seinen Verehrern wurde die Bedeutung des Kardinals auch wohl überschätzt. Wenn jetzt die belgische katholische Presse ihm huldigt als „dem größten Mann unserer Zeit", so kann man . dies nur als eine starke Tlebertrcibung empfinden. Ein großer belgischer Patriot war er unbedingt, obwohl sein Patriotismus manchmal sehr gefährlich für sein eigenes Volk zu werden drohte. 3m übrigen wußten auch seine deutschen Feinde seine guten Eigenschaften zu schätzen. So erwähnt „Nation Delge", was Freiherr von der Couden, der Führer der deutschen politischen Abteilung in Belgien, im November 1918, an Kardinal Mercier schrieb: „Sie lind für uns die Personifikation des besetzten Belgiens, dessen treuer und gehorsamster Hirte Sie sind!"
Die sozialistische Presse verneigt sich vor der Majestät des Todes, aber erinnert doch an den Kampf, den die belgische Arbeiterklasse gegen den sehr konservativen Erzbischof hat führen müssen. Er beherrschte gänzlich die belgische katholische Partei und zögerte bei einem Wahlkamps nie, die ganze Geistlichkeit mit in den Kampf zu zerren. Eine einzige Zeitung, die sozialdemokratische Antwerpener „Vollsgazet", erinnert an die guten Beziehungen, die zwischen Msar. Mercier und dem belgischen Hof immer bestanden haben. Er war es, „der seinen breiten Mantel über die letzten 3ahre des intimen Lebens Leopolds II. warf!" Auch dieses Blatt denkt aber mit Wonne der Art, in der Mercier dem deutschen Militär trotzte, und beteuert im übrigen, das Mercier nach dem Kriege nicht dieselbe erhabene Rolle wie während des Krieges gespielt hat. Denn Mercier zögerte nicht, das faschistische „Vingtieme Siöcle" zu unterstützen, und sogar den — Baron Coppee.
Nun ruht auch dieser vielseitige Mensch für immer. 3n Belgien wird man ihn nicht bald vergessen. Die nationalistischen Kreise werden lange trauern, da sie eine ihrer treuesten Stützen entbehren. Aber andere Elemente gibt es in diesem Staate, die jetzt freier atmen werden. Dies ist die junge, katholische Generation, die sich befreit fühlen wird von dem Zwange, der von dem mächtigen Mann aus Mecheln ausgeübt wurde. Dies ist das junge flämische Volk, baä so oft — und dies auch während des Krieges! — Mercier als seinen Feind betrachtet hat. Dieser Feind hat jetzt die Waffen gestreckt, ilnö ruhiger kann ein großer Teil des belgischen stehenden Kreise nie hat identifizieren können, in die Zukunft blicken. _________________
der eingesessenen Bevölkerung Bietzens, der ganzen Provinz Oberhessen und des benachbarten preußischen Lahngebiets ist der im 176. Jahrgang erscheinende Gießener Anzeiger
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beiden großen Staaten heute noch ihre Ablehnung des formellen Anschlusses an diesen Bund aussprechen und scstlegcn. Man wird bei der Beurteilung der ganzen Völkerbundsfrage auch in Deutschland daher gut tun, diese Perspektive auch nicht
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Ein Vater möchte liebevoll es ganz gut machen und verdirbt alles. Weit stärker spannte Dichtung des .weiten Jahrzehnts unseres 3ahr- Hunderts die Gegensätze. Hasenclever^ „Söhn' — um das bekannteste Beispiel zu nennen — ist bei aller Verwandtschaft des Stoffs und der Lebensfragen geradezu Gegenpol von
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ohne Ironie ist es gezeichnet. Sollen die Launen des jungen Dings ernst genommen werden? Tatsächlich wird aus der Verlobung nichts. Noch mehr: auch sonst verschärfen sich die Gegensätze. Das Mädchen verläßt das Haus, in dem sie aufgewachsen ist. Sie möchte aus eigener Kraft künftig ihr Leben bestreiten. Abermals wirken Heine Mißverständnisse, wirkt ein Wort zu viel oder zu wenig mit.
Gegensatz zwischen zwei Allersschichten spielt herein. Das Mädchen kann mit dem Mann, der sein angenommenes Kind aufrichtig liebt, sich nicht verständigen, noch weniger mit dessen Frau, die kleinbürgerlich eifert und zatokt. Seitdem das Mädchen weiß, daß die beiden nicht ihre wahren Eltern sind, fühlt es besser deren Schwächen. Die Alten schlürfen ihre Suppe so schmatzend von den silbernen Löffeln, als wären sie halbverhungerte Kesselflicker. Sie scharren mit den Löffeln und klappern mit dem Besteck: könnte eine Wirtshausspülistagd mehr Lärm machen bei ihrer Arbeit? Mit dem Messer streichen sie die Tunke vom Teller und ziehen es durch den Mund, daß man sich wundert, fein Blut fliehen zu sehen.
Es bleibt in Emil Strauß' Roman ^Kreuzungen", an dessen Anfang das alles berichtet wird, unentschieden, ob der Gegenstand zwischen jung und alt in diesem Fall auf ererbte höhere Haltung der angenommenen Tochter zurückgeht oder bloß in dein Unterschied zweier verschiedener Lebensalter wurzelt. 3mmerhin berührt hier in diesem Roman von 1904 Strauß ein Motiv, das für lange Zeit Lieblingsgegenstand 'deutscher Dichtung werden sollte. Bis zum Ueberdruß hat man es abgewandell: Die 3ugend, die unter der alleren Allersschicht leidet, die den Kamvf aufnimmt, um sich selbst 'Recht zu verschaffe, oder mindestens im Erliegen cus das Wertvollere sich erweist. Strauß darf den Anspruch ergeben, diesen Gegenstand als erster dichterisch gedeutet zu haben in einem Umfang und mit einer lählichkeit, wie das früher noch nie geschehen war. Er tat es schon 1902 in der Erzählung,
„ Freund Hcin". Strauß erweist sich als Träger einer Kunst, die nicht aus größten, sondern aus kleinsten Gegensätzen schwere Erschütterung der Geert: aBFeitet. Um 1900 herrschte noch solche Kunst. Sie hat seitdem wuchtigerer und zäherer Bewegtheit Platz machen müssen.
Strauß wollte noch das langsame Werden einer starken Wandlung im Menschen schrittweise auf zeigen und dabei in die letzten Tiefen der Seele hineinleuchtcn. Das geschieht in .Freund Hein", es geschieht ausdrücklich in den „Kreuzungen". Das Mädchen gibt nicht nur wirklich den Bräutigam auf. Sie findet auch einen, der ihr die ersten Schritte auf dem neuen Lebenspfad erleichtert. Hab zuletzt wird er ihr Lebensgefährte. Wandeln muß sich dabei auch er. Alle Liebe muß erlöschen, ehe ihm aufgeht, was ihm am besten taugt. Reizvoll ist das Hin und Her der Stimmungen aller Beteiligten gezeichnet, das zu solchem Ende leitet Wiederum ist es mit der Kunst leiser Abschattungen durchgeführt.
Kräftiger greift Strauß zu, wenn er in die Vergangenheit seiner Vaterstadt Pwrzheim zurückblickt und in seinem Roman .Der nackte Mann" von 1912 Vorgänge aus der Zell unmittelbar vor dem Dreißigjährigen Krieg mit saftigen Farben, nicht ohne Drastisches, ja Groteskes, mall. Auch sein .Engelwirt" von 1900, eigentlich eine erzieherisch gemeinte Dorfgeschichte nach der Art von 3eremias Gottheit, vertritt solche stärker bewegte Erzählerkunst, (greifbarer ist in diesen beiden GabLn das Band, das den Erzähler mit seiner engern Heimat verknüpft. Zu verspüren ist es auch sonst, llnd ganz besonders in seinen Novellen. Einzelnes aus dem Sammel- band .Hans und Grete" von 1909 erreicht beträchtliche Höhe streng sachlicher, in sich geschlossener, reitet Kunst. Wer, nachdem er eine längere Reihe jüngster Erzählungen gelesen hat, zu Emil Strauß sich wendet, mutz in den Schöpfungen des sorgsamen Gestalters eine meisterhafte Darstellergabe erkennen, die es mit ihrem Handwerk sehr ernst nimmt, viel ernster als die große Mehrheit der Erzähler von heute.
die mit einem Schlage seinem Namen einen starken Klang schenkte: in „Freund Hein".
Zweierlei verbindet sich in dieser Geschichte eines kurzen Knabenlebens: die Darstellung des Werdens und einer echten Musikbegabung und der Nachweis, tote falsche Erziehung einen Gut- veranlagten zum Selbstmord drängen kann. Dom werdenden Musiker hatte Strauß schon in einer frühen kleinen Skizze berichtet. Die letzte größere Erzählung, die er veröffentlicht hat, „Der Spiegel" von 1919, spinnt das Thema weiter. Gegensatz zwischen Erzieher und Erzogenem faßt „Freund Hein" noch tiefer an als der Roman „Kreuzungen", auch in tragischerer Gestalt. Wohl leidet der Knabe unter dem Unverstand seiner Lehrer. Allein was tatsächlich fein freiwilliges Ende bedingt, liegt an anderer Stelle. Begabung zur Musik hat sich vom Großvater und vom Vater auf ihn vererbt. Der Dawr, Rechtsanwalt von Beruf und strenger Pslicht- mensch liebt sein einiges Kind über alles, möchte es darum vor Irrwegen bewahren, yt selbst hat einst an sich erfahren, wie sthw<^ tm Ringen um ein Lebensziel Musik macyen könne. Er hat das überwunden. Er denkt, auch sein Sohn werde, zumal wenn er selbst ihn energisch führt, gleiche Selbstüberwindung erreichen. Er unterschätzt die eigentliche B gabung feinet Kin- des. Cs soll trotz allen Mißerfolgen das Gymnasium bis zum Ende durchmachen. Der Vater Yvovtonnt trvip oT Ollüfw* fein Sohn daran wen-
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bet, diesem Wunsch nachzukommen. wie er unter dem erfolgloser Streben leidet. Tcehr und mehr entfremden sich die beiden. Uno cinge» sichts eines neuen unzureichenden Ergebnisses aller dieser peinvollen Mühe nimmt der Sohn
Nuntius die Augen für immer zugcdrückt wurden. Belgien verliert an ihm eine seiner stärksten Persönlichkeiten. Deutschland verliert an ihm den Mann, der während der Besetzung Belgiens den stärksten Widerstand geleistet hat.
Mercier war französischer Herkunft. Seine Ahnen hatten sich aber schon 1640 in Belgien niedergelassen, und zwar in Nivelles, von wo sie später nach Drains l'Alleud zogen. Der Großvater des Verstorbenen war während 30 3ahren Bürgermeister dieser Gemeinde, in deren Grenzen das Schlachtfeld von Waterloo liegt
Als sein Vater starb, war Desire 3oseph Mercier noch sehr jung. Da feine Mutter mit sieben kleinen Kindern zurückgeblieben war, wurde dem zukünftigen Oberhaupt der belgischen Katholiken von einem gut situierten Oheim weiter- geholfen. Schon als Knabe wollte er Geistlicher
Emil Strauß.
Zum 60. Geburtstage des Dichters.
Von Geh.-Rat Prof. Dr. Oskar Walzel, Bonn.
Ein wohlhabendes Ehepaar nimmt ein Mädchen an Kindesstall an. Es wächst auf, ahnungslos, daß die beiden, die es Vater und Mutter nennt nicht seine wahren Eltern sind. Am Morgen der Derlobungsseier erfährt es endlich aus dem Munde des vorgeblichen Vaters die Wahrheit Es stürzt fort, schließt sich ein. Einem, der gern vermitteln möchte, ruft es zu: „Es ist unerträglich, von Eltern zu stammen, die ihr Kind weggeben —! Zwanzig 3ahre mit Leuten zu leben, die alle deine kindlichen Gefühle erschleichen — pfui Teufel! Zwanzig 3ahre lang Leute, die sich von Haut und Haaren nichts angehen, auszusaugen, nach deinen Launen tanzen zu lassen, zu malträtieren, nur weil du sie für deine Eltern hältst und sie sichs gefallen lassen..." Endlich erscheint der Bräutigam. Die Braut die nicht zur Verlobungsfeier mitkommen tollt hört ihn klingeln. Gespannt wartet sie, ob er sie in ihrem Zimmer auf suchen wirb ober nicht. Er schreitet langsam die Treppe empor und klopft an die Tür. Schon daß er nicht ohne weiteres zu offnen versucht, ärgert sie. Sie erklärt, ihn nicht sehen zu können. Dabei hofft sie, er werde die Tür gewaltsam öffnen. Daß er nur bitten und betteln kann, weckt bei ihr Enttäuschung und Entrüstung. Sie antwortet gar nicht. Er hängt no-ch ein paar Rosen an den Türgriff. Dann geht er. Kaum ist er die Treppe hinab, so öffnet sie die Tür und holl die Rosen, drückt ihr Gesicht hinein und saugt den Duft. Durch Zornestränen blickt sie die Blumen an und wirft sie in die Ecke. Wenn er die Tür eingebrochen hätte, sie würde ihm auf den Knien zugejauch t und gehäuft haben! Sie würde mit ihm sofort zur Verlobung gegangen fein und alles vergessen haben!
Elli Studienblatt von der Hand eines guten, Lines überlegenen Kenners der Frauenseele. Nicht
eigene Logik in sich! Ein Staat, der feine ganze Politik so stark nach der Richtung der Schiedsgerichtsbarkeit, der Abrüstung, der friedlichen Beilegung von Konfliktsfällen eingestellt bat, wie Nordamerikas, und der sich entschließt, trotz bekannter Bedenken dem Haager Gerichtshof beizutreten, wird damit ganz von selbst in eine bestimmte Bahn gezwungen. Eine Bahn, die schließlich, wenn sich die Dinge überhaupt friedlich weiter entwickeln, dann auch die Vereinigten Staaten in den Völkerbund oder wenigstens a n i h n heranführen wird, ebenso wie (aus anderen Motiven) Rußland, so sehr die
Außenpolitische Umschau.
Von Prof. Dr. Otto H o e tz s ch, M. d. R.
Deutsche Regierungserklärung und deutsche Re- alerunaskrise, große Finanzdebatte in der französischen Kammer, Zusammenkunft zwischen Chamberlain und Briand in Paris, italienisch-englisches Schuldenabkommen, Beitritt Amerikas zum Haager Weltgerichtshof — das ist reichlich viel außenpolitischer Stoff für eine Woche!
Die Locarnooerträge sind vom belgischen und italienischen Parlament ratifiziert worden. Es steht nur noch aus die Ratifikation durch Frankreich, wo der Auswärtige Ausschuß der Kammer die Angelegenheit schon ausführlich behandelt hat, die Kammer selbst aber erst nach Erledigung der inneren Fragen, also der Finanzfrage daran gehen will. Daß die Locarnoverträge auch von Frankreich ratifiziert werden, daran ist natürlich nicht zu zweifeln. Aber das Wichtige und Entscheidende darin ist, wann Deutschland in den Völkerbund eintritt. Erst dann tritt bas ganze Vertragswerk in Kraft, und wenn der anderen Seite, vor allem England, so viel daran liegt, daß es in Kraft trete, und Deutschland einträte, so muß sich England eben entschließen, den deutschen WünscheU entgegenzukommen und den entsprechenden Druck auf Frankreich auszuüben. In Frankreich aber hat Briand eine große Entscheidung für Europa in seiner Hand, die zugleich eine Frage seines aller- persönlichsten Prestiges ist.
Der Druck Amerikas auf Italien, indem der amerikanische Senat die Ratifikation des Schuldenabkommens mit Italien hinausschob, bis die Einigung Italiens mit England zuftandegekommen fei, hat Erfolge gehabt. Am 27. Januar ist das italienisch-englische Schuldenabkommen zustande gekommen. Es ist, wie diese Abkommen überhaupt, auf 62 Jahre geschlossen und sieht eine Min- deftzahlung Italiens von 4’ Mill. Pfd. jährlich vor, einschließlich des Verzichts auf die Zinsen für das italienische Golddepot in London, von 5,3 Millionen Pfund. Damit ist im großen und ganzen die Schuldenregelung für England beendet, das von den ver- schiedenen Schuldnern im ganzen 31 Millionen Pfd. erhält und seinerseits mit mindestens 32) Mill. Pfd. an Amerika verpflichtet ist. In diesem Schulden- abtommen Englands mit seinen Gläubigern war bas ja immer entscheidendes Prinzip, daß es nicht mehr, aber auch nicht weniger haben wollte, als es selbst an Amerika zu zahlen verpflichtet sei.
Mit dieser Einigung sowie der Ratifikation des Abkommens über die italienischen Schulden mit Amerika, die nun sehr schnell erfolgen wird, wird der Weg frei zur Stabilisierung der italienischen Währung und einer Anleihe in Neuyork. Man denkt sich diese Stabilisierung etwa auf der Grundlage eines viertel Goldfranken. Da auch der belgi - s ch e Franken auf dem Wege der Stabilisierung ist, bleiben die beiden Schmerzenskinder der Währungen: der französische Franken, um den der Kampf geht, und der polnische Zloty, den wir hoffnungslos halten. Es bleibt dann vor allem International das Schuldenabkommen Frankreichs mit Amerika, das wohl auch nur eine Frage der Zeit sein kann. Ist es erreicht, so sind die Voraussetzungen international gegeben, sowohl die Gesamtsumme der deutschen Verpflichtungen aus dem Da- wesplan festzusetzen, als auch zugleich und schleunigst an die zweite Etappe dieses ganzen Geschäfts zu gehen, nämlich an die Prüfung, ob diese Schuldenabkommeu und die deutsche Schulden- Verpflichtung aus dem Damesplan überhaupt von den Schuldnern aufgebracht werden können, d. h.: das „o b" ist überhaupt keine Frage. Denn jedenfalls für Deutschland, aber auch für einen ganzen Teil der anderen Schuldnerländer steht fest, daß diese Verpflichtungen nicht aufgebracht werden können. Diese Prüfung ist zugleich auch der Schritt zur Revision dieser Verpflichtungen, auf deren internationalen Zusammenhang und Charakter auch von uns unausgesetzt geblickt werden muß.
Zuletzt Amerikas Beitritt zum Haager „ständigen Gerichtshof für internationale Justiz". Die Behandlung dieser Frage ging bisher recht langsam, wurde von den Gegnern absichtlich in die Länge gezogen und verschleppt. Nun hat man die Debatte geschlossen, und die Entscheidung fällt im Sinne des Beitritts von Amerika zu diesem Weltschiedsgerichtshof. Das ist natürlich ein Schritt von sehr großer Bedeutung, da er zugleich auch das Verhältnis Nordamerikas zum Völkerbund doch verändert. Die Frage ist nur, ob die zahlreichen Vorbehalte, mit denen die Vereinigten Staaten sich dem Gerichtshof anschließen, eine Zusammenarbeit überhaupt möglich machen.
taMfc zu verleiben. OKI A. Gerwin, Kaiser- alleeT.___
vergessen oder zu unterschätzen!
Kardinal Mercier.
Von unserem belgischen /^.-Berichterstatter. (Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Brüssel, den 24. 3anuar 1926.
Er ist 75 3ahre alt geworden, dieser in Belgien sehr mächtige Mann, dem gestern nachmittag kurz nach 3 Uhr von einem päpstlichen
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Schr. Augeb.u.M an den Vieh. Anz.
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Nabe Ml. Kaiier- aller, 1450 qm, ganz od. geteilt, aus Tauer zu verpachten. Lchr.Ansrag.u-lW an den Vieh. Anz.
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