Nr. 364 Zweiter Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWen)Mittwoch, 29. Dezember 1926
Virtuosen des Schmucks
Die letzte Erneuerung der Dreibundes im Jahre 1912.
Von Dr. Gustav Roloff, v. Prof, Der Geschichte cm der Universität Dietzen.
Der Dreibund war im Jahre 1332 entstanden durch den Anschluß Italiens an die Mittelmächte, die sich drei Iahrc zuvor zur Vrrtti'i.iung gegen einen russisch-französischen A igri s zusammeng:- schloslen halten. QDa8 Italien hierzu bestimmt chatte, war der Gegensatz zu Frankreich im Mittelmeer. inSbesorrdere in Rerdafri a Die lranz. Besetzung von Tunis im Jahre 1831, das Regierung und Volk in Italien längst als ihre natürliche Kolonie betrachtet halten, zerriß für lange Zeit dos Tischtuch zwischen beiden Rationen HandelSschwierigleiten kamen hinzu, so daß Italien mü der Möglichkeit eine- französischen Angriffs rechnete, gegen den es allein bei den Mittelmächten Schutz finden konnte. Freilich kehlten auch Gegensätze zu Oesterreich, dem früheren Aationalfcinde, nicht. Die Irredentisten begehrten Südtirol und Triest, aus der Dalkanhalbinsel kreuzten sich die Interessen in Montenegro und Albanien Aber diese Frag n muhten jetzt zurück- treten; man brauchte die Anlehnung, und überdies konnte man hoffen, gestützt aus diesen Rück- Lalt, in anderen Kolonialgebieten einen Ersatz für Tunis zu finden, wobei inan in erster Linie an Tripolis und Abessinien dachte. Die Mittcl- mächle kamen den Italienern weit entgegen. Oesterreich-Llngorn war bereit, jeden Konflikt durch strenge Zurückhaltung auf der Valkanhdlb- insel zu vermeiden: die Erhaltung i S bestehenden Zustande- wurde hier die politisch.' Richtschnur für beide Teile, So gelang es. den Dreibund trotz mancher inneren Differenzen als Friedenshort zu erhalten: .Wir kommen immer zusammen, weil wir auseinander angewiesen sind," sagte Fürst Bismarck im Jahre 1895
Freilich eine tiefere Interessengemeinschaft »wischen Italien und seinen Bande-genossrn bestand nicht, die alten Gegensätze zu Oesterreich gewannen daher sofort wied.'r an Bedeutung, sobald jene anderen Momente durch ein« neue Entwicklung ausgehoben oder gemildert Warden, ©o wurde im Jahre 1893 der italienisch-französische Zollkrieg durch einen Handelsvertrag beendet, und drei Jahre später wurde so-gar eine Verständigung über die nordasrikanische Frage gesunden: Italien verzichtete darauf, Tunis den Franzosen streitig zu machen, und gab ihnen freie Hand in Marokko. Frankreich überlieh ihm dafür Tripolis. Frankreich hoffte hierdurch Italien zu gewinnen und fein Verhältnis zu den Mittelmächten zu lodern, und nicht ohne Erfolg: beide Mächte versprachen einander im geheimen (1932) strenge Neutralität, fall- die andere von einem ober mehreren Gegnern angegriffen werde. Es waren Verpflichtungen, die nicht dem Wortlaut, ober dem Geist deS Dreibünde- widersprachen und in Frankreich die Hoffnung erwedten, auf jeden Fall in einem deutsch-französischen Kriege auf Italiens Neutralität rechnen zu können. Die öffentliche Meinung in Italien begrüßte die Annäherung an Frankreich mit Freude und lieh bald Wünsche laut werden, um in der Dalkan- srage die strenge Defensive aufzugeben, auch die Irredento erhob wieder ihr Haupt. Zu den Mittelmächten wurden die Beziehungen merklich vihler. Der Dreibund wurde zwar immer rechtzeitig erneuert, aber stets unter Schwierigkeiten, und in Imernatlonalen Krisen stand Italien nicht auf der ©eite seiner Bundesgenossen. In der Marokkofrage z. V. im Jahre 1936 stand eS, gebunden durch daS Abkommen von 1932, quf der Seite Frankreichs, und in der Bosnischen Angelegenheit im Jahre 1908 rechnete man in Berlin und Wien gar nicht mehr auf feine Hilfe. Trotzdem fanden beide Teile ihre Rechnung noch in der Fortsetzung des Dundesverhältnisses: die Mittelmächte verhinderten, dah sich Italien ganz in die Arme ihrer Gegner warf, und Italien konnte als Dreibundglied von Frankreich gröbere Rücksicht erwarten, als wenn es allein gestanden hätte
Dieser Umstand. dah auch zwischen Rom und Paris ein volles Vertrauen nicht bestand, wurde namentlich von Bedeutung, als sich die italienische Regierung im Sommer 1911 entschloß, Tripolis dem Sultan zu entreißen und es zur italienischen Kolonie zu machen. Wie der italieir.sche Bot- schaster in Wien sagte, fürchtete man. Frankreich werde nach der völligen Unterwerfung Marokkos
Ter Schmucksinn und der Festgeist gehören iu den Urtrieben der Menschheit und sind bei den Naturvölkern häusig viel stärker entwickelt als bei den ob ihrer Vergnügungssucht und Eitelkeit so viel gelästerten Kulturmenschen. Unter den Primitiven aber zeichnen sich wieder durch «ine ganz einzigartige Ueppigkeit der Aue schwül- kung und der Festlichkeiten die Marindincsen aus, die Bewohner des südlichen Küstengebiets von Holländifch-Neuguinea. Ter bekannte Forschungsreifende Tr. Paul Wirz, der lange Zeit unter ihnen gelebt Hal. erzählt von ihren Schmuck- formen und Festen wahrhaft erstaunliche Tinge. Wenn die Marind-Männer und -Frauen .neuen Schmuck" anlegen, so haben sie damit sehr viel mehr zu tun, als die eleganteste Modedame. Sie bemalen sich von Kopf bis zu Fuh völlig schwarz oder rot. Die Haare werden zu kleinen 3öpfd)cn geflochten und dann mit zusammengedrehten Dlattstreifen oder anderen P lanzensasern verlängert. Ticse Haarverlängerungen werden ebenfalls mit Ocker oder einem schwarzen Brei gefärbt und gesalbt. Die Feste, die bei allen möglichen Gelegenheiten sehr zahlreich begangen werden, beginnen mit einer Känguruh-Jagd, die die nötigen Festbraten liefert. Die Männer erscheinen in ihrem Zestschmued in wesentlichen unbekleidet, aber mit um die Brust gekreuzten Bändern, mit reich verzierten Gürteln um den Leib, mit Ringen um Arme und Beine, mit breiten Halsketten und Rasenpflöcken. Die Ge- sänge, die angestimmt werden, sind ein tiefes, unharmonisches Gemurmel, das aber aus der Ferne etwas Ergreifendes und Unergründliches zugleich hat. Das Gebrumm schwillt fortwährend an und ab; daS Tempo wird rascher und rascher, hastiger dröhnen die Trommeln, und bald hort man nur noch ein dumpfes Keuchen, begleitet vorn raschen Auf- und Niederwiegen der von Oel und Farbe triefenden Körper und der mit reichem Federschmuck gezierten Köpfe. Die Erwachsenen tragen eigenartige und schwere Sinnbilder
sein Versprechen von 1932 vergessen und selbst die Hand nach Tripolis ausstrecken. Es galt daher, die Ernte heimzubringen, solange sie noch frei war. und gegen eine etwaige Störung durch Frankreich gab es keinen besseren Schutz als den Dreibund! ja, es schien angezeizt. den Vertrag, der 1. Iuli 1914 ablief, schleunigst über diesen Termin hinaus zu erneuern, um der Du:wes- genossen für lange sicher zu sein, falls aus der nordasrikanüchen 2ngelegcnh:it eine neue Aera der Feindschaft mit Frankreich hervergehen sollte. In dieser Erwägung regte die Italien.sche Regierung im Juli 1911. als sie die erster! Vorbereitungen zur Expedition nach Tripolis traf, eine möglichst schnelle Erneuerung des Bündnisse- ohne Aenderung an und fand in Wien wie in Berlin bereitwilligst Zustimmung. Aber ehe alle Förmlichkeiten beendet waren, begann Italien den Krceg gegen die Pforte und bemühte sich nun. des grundsätzlichen Einverständnisse- mit den. Verbündeten sicher, die Unterzeichnung hinauszuziehen: es hoffte, durch die Verhängungen über den Abschluß die Mittelmächte zur Unterstützung feiner Forderungen an den Sultan zu bestimmen.
Diese Verzögerung rief eine schwere Krisi- hervor. In Oesterreich erhob sich eine starke Opposition gegen die Fortsetzung deS Bundes» derhältniffeS. Riemand geringeres alS Conrad v. Hoetzendorsf, der Ehef des Genenrlstabes. machte gellend, dah man auf Italien nicht mehr rechnen dürfe: es fei unter der Maske eines Verbündeten der geschworene Feind Oesterreichs und sinne auf seine Zerstörung, um es in Tirol und am Balkan zu beerben. Nach der Eroberung von Tripolis werde es seinen Heber- tritt ins Lager der Feinde vollziehen. Um nicht die Schlange am Dusen weiter zu nähren, solle man das unfruchtbare Bündnis aufgeben und anstatt feiner ein besseres Verhältnis zu Ruhland suchen. Auch den Gedanken eines Präventtv- krieges unter Benutzung der augenblicklichen ita- lienischen Schwierigkeiten lehnte der General keineswegs ab. Da auch die Presse hüben und trüben gereizte, ja gehässige Artikel über die Gegensätze in Südtirol und Albanien brachte und die Truppen an der Grenze einander nahe gegen- überftanben, so lag ein Zwischenfall nicht anher dem Bereiche der Möglichkeit. „Eine u.nvorher- gcsehene Wendung im italienisch • türkischen Krieg," schrieb der Botschafter v. Tschirfchky in Wien an den Reichskanzler (23. November 1911), „ein Zufall an dec Grenze, eine Beleidigung der österreichischen Flagge bei irgendeinem Anlasse in Italien, brauchten nur einzutreten, um das Pulversah zum Explodieren zu bringen und eine völlig neue Lage zu schaffen." In dieser S'tua- tion bat der Leiter der österreichisch-ungarischen Politik, Graf Aehrenthal. in vollem Einverständnis mit Dethmann Hollweg alle kriegerischen Gedanken abgetoiefen und am Dreibund fest- gehalten. In der $at waren Conrad politische Ideen utopisch: Auhland, das unter dem Druck der panstawistischen Strömung die Zertrümmerung der Donaumonarchie erftrebte und feit Jahren eine geheime Wühlarbeit in ihren slawischen Provinzen betrieb, zu gewinnen, war unmöglich: wenn das so leicht wäre, wie Conrad glaube, sagte Aehrenthal, hätten eS Kaiser Wilhelm und Kaiser Franz Josef mit ihren vereinten Bemühungen langst fertig gebracht. Kaiser Franz Joses trat seinem Minister zu lebhafter Befriedigung der deutschen Regierung bei und gab Conrad den Abschied, um keinen Zweifel an feiner friedfertigen Gesinnung aufkommen zu lassen: eine grobe Versuchung war von den Mittelmächten damit bestanden.
Die Verhandlungen mit Italien gingen freilich den bisherigen schleppenden Gang we'ter, zumal die Besorgnis vor Frankreich sich In Ram milderte, als die Entente der Erwerbung von Tripolis nicht widersprach, vielmehr ib~e Bemühungen um Italien eifrig fortsehte. Erst eine neue Abwandlung der internationalen Lage durch den Angriff der Bnlkanstaaten auf die Türkei im Herbst 1912 brachte di: entscheidende Wendung. Dieser Fri:densbruch bestimmte allerdings ben Sultan zum Frieden mit Jtal en unter Preisgabe von Tripolis, aber er brachte für Italien die Gefahr, daß de siegreichen 'Balten- Haben alle türkischen Provinzen eroberten und bis zum Adeiet schen Meere vordrangen. Nicht nur die Hoffnungen auf eine später? Erpansion auf der Balkanhalbinsel wurden hierdurch durchkreuzt. auch die italien sche ©eeherrschaft auf
der Adria war gefährdet. Ebensowenig konnte für Oesterreich d.e Annexion Albaniens d-rch Serbien erwünscht fein, be de Bundesgenossen fanden sich daher unter eifr ger Vermittlung Deutschlands wieder zusammen: nirgends belfer als auf dem Boden de- Dreibundes konnten Jie zur Beschrä: k utg der weitgehenden Crobe.ungS- abfichten ce.bi.nd z fammento neu. Utter dem Druck der türkischen Ri.d.-r.age kam endlich die Verlängerung des Dündnistes im wesentlich n aus Grund der alten Desttmmungm am 5. Dezember 1912 zustande. Der neue Betrag sollte nach Ablauf des bestehenden am 8. Juli 1914 in Kraft treten und bis 1923 Geltung haben: falls
er ein Jahr vorher nicht gekündigt war, sollte er automatisch bis zum 8. Iuli 1926 we lerlaufcn.
Die Orlcntfrage. d.e wichtigste politische Frage der Zeit, hatte also noch einmal d e aus- einanbcrftr.ber.ben Verband ten jin.r.engcbal- tim. Die bevorstehende Schluhprb .k:1u>n deS A Swärttgen Amtes über d.e Große Polit ck vor dem Kriege wird nun ze gen. ob die Hossn:nz, von der man in Berlin und Wen auSgmg. hast der Abschluh ein vertrauensvolle- Zu'anmen- arbeiten bei der Liquidation deS Da'.kankriegeS ermöglichen und der Bund sich abermals als FriedenSdvrl bewähren werde, in Erfüllung gegangen ist.
Moderne Ernährungsprobleme.
Neue Ergebnisse der Vitaminforschung.
Da hat kürzlich daS Junggcscllenleben einen recht interessanten Beitrag zur Phyfiolog e der Ernährung gebe ed. Wer darauf an getrieben ist, tagtäglich im Restaurant Mittag zu essen, der hat sicherlich schon die Erfahrung gemacht, daß das Gasthaudessen nicht ordentlich ..vorhält". Woher kommt faß? Würde man sich beim Wirte etwa darüber beklagen, so bekäme man höchstwahrscheinlich zur Antwort, es fei Einbildung, denn fein Essen enthielte durchaus die nötigen Mengen an Fleisch, Kartoffeln, Gemüse und Fett und er fei überdies eifrig bemüht, eS fo schmackhaft zu machen wie möglich. Nun ist aber ein deutscher Forscher (Friedberger) dieser Erscheinung, die er am eigenen Leibe kennen gelernt hatte, mit den Mitteln eines Sier- experirnentes zu Leibe gerückt. Ihm schien nämlich der Hauptuntersch cd zwischen der häuslichen und der gastwirtschaftlichen Kost in der Dauer deS Kochprozesses zu liegen. Und fo hat er denn Ratten mit zwei verschiedenen Kostarten ernährt, die sich lediglich durch die Kochdauer unterschieden. Dabei ergab sich ein merkwürdiges Resultat: Die mit kurz gekochten Spesen gefütterten Ratten fraßen viel weniger als die andern und nahmen trotzdem weit rascher und stärker in ihrem K örp e t - g ew ich t z u , woraus folgt, daß kurzgekochte Speisen den langgekochten im Nährwert überlegen sind, well offenbar langes Kochen die Speisen ungünstig vecände.t.
Für die Hausfrau gerügt es, hieraus die praktische Konsequenz zu ziehen und unter allen Umständen dafür zu sorgen, daß eine Speise n i ch t länger gekocht wird a l S nötig. Für den Forscher genügte das nicht und so hat man denn eine doppelte Ursache für diese Erscheinung sestgestellt: Einmal wird durch jedes Kochen das Eiweiß der Nahrung ein wenig geschädigt, fo daß fein „Anschlagewert" sich verringert, und zum anderen zerstört der Koch- Pro,eß leichtlich die Vitamine.
War früher das alte Dolkswort „Der Mensch ist was er i ß t", auch für die Wissenschaft einigermaßen in Geltung, fo ist das heute doch wesentlich anders geworden. Zunächst einmal gibt es die merkwürdigsten Abhängigkeiten der Nahrungsmittel voneinander. Gewiß dient vorzugsweise das Eiweiß zum Aufbau des Organismus, denn unser Körper besteht ja zum großen Teile auS Eiweiß, und daS „Protoplasma" der Zelle, (unseres Baustein- chenS also, unsere- .EleinentarorganlSmus") Ist ja zum größten Teil nichts andere- als Eiweiß. Aber trotz alledem ist cS keineswegs etwa möglich, den Eiweißansatz beliebig dadurch zu steigern, daß man die Ei- weißzufuhr In seiner Nahrung vermehrt. Sondern es hat sich vielmehr gezeigt, daß nur eine bestimmte Beigabe von Ko.)lehydrctte.i (also von mehl- oder zuckerhaltiger Nahrung) und Fett dem Körper die Auswertung dieses Mehr an Eiweiß ermöglicht. Oder, um e ne andere wichtige Feststellung ähnlicher Art zu erwähnen: Der Zuckerkranke hat keineswegs etwa nur den Zucker ober dessen Vorstufen (eben jene Kohlehydrate) zu fürchten, sondern es ist durchaus nötig, ihm auch das Eiweiß und Fett in bestimmter Weise ärztlich zu „rationieren“. Denn auch diese Stosse beeinflußen die Zuckerb.ldung im Körper, ihre Mengen sind deshalb alles andere als gleichgültig für daS Befinden des Kranken.
Heutzutage nun, da sich so manche Dame ihr Dubiköpschen darüber zerbricht, wie es mög
lich fein wird, daS ..Iß gut und bleibe schlank" in die Tat umzufetzen, stehen all diese Emäh- rungsprvbleme ja wieder im Vordergrund deS Interesse-, Jede- Kind lernt bereit- in der Schule, daß die Nahrung im Körper verbrannt wird, d h., sich mit dem Luftfauerstofs chemisch vereinigt, um schließlich nur Kohlensäure und Wasser alS Spuren zu hinterlassen. Und wer lediglich einen Anhalt dafür haben will, ob die ausgenommene Nahrung ihn hinf:cht ich feiner Körperfülle gefährdet, für den genügt es tatsächlich, sich mit diesem .Brennwert" seiner Mahlzeiten zu befassen. Denn fo ist er vollauf gerüstet, um neben dem beim 5-Uhr-Tec beliebten Meinung-au-taufch üb?r Gymnastik (mit cotL praktischen Vorführungen, denn auch der Tanz ist ja schließlich eine Art von Gymnastik) beim Diner dem nicht minder geschätzten Ka- lorlen-DesellschattLfpiel zu huldigen.
Aber es gibt für die Praris der HauSfrau und Mutter mancherlei andere Situationen, in denen Die alte „kalorische" Betrachtung unserer Nahrungsmittel doch nicht mehr ausreicht. Die Vitamine z. D. haben überhaupt Linen Brennwert, auch kann man keineswegs davon sprechen, dah der Körper sie etwa .ansetzt“, d. b. ihre Substanzen zum Ersatz feiner cl-jenen benutzt. Denn ihre Menge ist hierfür viel zu gering: sie sind minimale Substanzen von unbekanntem chemischem Ausbau und gehören lediglich zu den .Betriebsstoffen" unseres Körpers. Trotz alledem spielen sie eine führende Rolle!
Die Geschichte der Medizin ist nicht unabhängig von der Weltgeschichte: Wer bei un- früher über Ditaminkrcrnkheiten berichten wollte, der muhte von fernen Ländern erzählen, bei der tropischen Reiskrankhcit, Dem lehrreichen .Deri-Beri", von fernen Seefahrten, wo auf Den Schissen „Skorbut" au-brach (den man in diesem Fall als Salzfleisch- oder Konservenkrankheit bezeichnen koimte). und von dergleichen mehr. DaS ist heute anders geworden, Demi auch unS hat die Hungerblockade die .Aaitarninosen“ kennen gelehrt, jene seltsamen Krankheiten, denen nichts andere- zugrunde liegt, als eben Der Mangel an Vitaminen. Und von der .RHachitiS“, (der englischen Krankheit), die ja bekanntlich ebenfalls zu dieser Gruppe gehört, wissen die lüft- und lichtlosen Massenquartiere der Groh- stadt mit der erbarmungStoür 'igen Ernährung ihrer Jugendlichen auch in diesen Sagen noch Trauriges zu erzählen. Aber die Rolle Der Vitamine ist anscheinend Keineswegs aus einzelne Krankheiten beschränkt, sondern weit größer: Ile betrifft daS Gebiet der gesamten Wissenschaft der Ernährung. Deshalb arbeiten Die Laboratorien der ganzen Welt heute emsig an der Erforschung der Vitamine ut> es fehlt nicht a;t Resultaten. Die geeignet sind. Die Aerzte wie auch Die Laienwelt zu frappieren.
Ein Beispiel: In sämtlichen Magazinen, in sämtlichen illustrierten Blättern sieht man in letzter Zeit daS gleiche reizende Bild: Unter den milden Strahlen der „künstlichen Höhensonne" liegt lächelnd ein munterer Säugling. Ec zeigte Anlage zur RHachitiS und wird nun auf rasche und schmerzlose W ise geheilt. Aocr waS hat denn das mit Den Vitaminen zu tun, wird man fragen. Kann diese Bestrahlung Denn Vitamine erzeugen? Und die erstaunliche Antwort heiht: Jawohl, sie kann es! Sie regt offenbar Die Haut Des Kleinen zur Vitaminbil^ung an, fo dah er auf diese Weise erhält, waS ihm fehlt. Aber damit ist des Staunens noch nicht genug, es kommt nach weit besser. Die Behcnllrlung
auf Dem Kopf. Da sieht man Vogel mit weit ausladenden Schwingen, mächtige Fische und Krokodile. Boote und Knk-spalmen. Die an langen biegsamen Latten über Den Köpfen hin- unD herschwan'en. Die wia-ligste Rolle aber spielen bei diesen Zeremonien die „Tema", halb tierische oder pflanzliche, halb menschliche Wesen, die die dämonenhaften Vorfahren der Marindincsen vcr- körpern. Diese phantastisch gelleideten Gruppen führen Szenen auS den Mythen au*, an denen die Phantasie der Marindinesen so auherordent- lich reich ist. Ihr Kostüm seht sich mit Dem übrigen Schmuck wohl aus 103 verschiedenen Stücken zusammen. Der Mensch verschwindet vollkommen unter der grotesken und verwirrendem ©chmucklast, die ihn umgibt. Die Sema-Figuren tragen bunte Faserfchur e: Brust, Rü en und Lenden sind von ausgeschnittenen, mit roten, blauen, weißen und blauschwarzen Samen beliebten Figuren bedeckt, die Tiere oder Pflanzen Darftellcn. Die Arme und Hände sind in derselben Weise verhüllt, und das Gesicht bedeckt der sog. Daten), ein orangefarbener Vogelbalg, auf dessen Rücken wie Strahlen Der Sonne Paradi es vogelsedern befestigt sind. Heber dem Haupt wölbt sich ein riesiger gitterartiger Fächer, Der wie ein schneeweißer Strahlenkranz beständig zittert. In Den Haarverlänaerungen steckt ein mehrere Meter langer elastischer Stab mit einer Feder an der Spitze, die bei jeder Bewegung hin- unD herschwingt. Die Dema werden durch Totenembleme unterschieden, die sie auf Dem Kopf, Dem Racken oder Rücken tragen.- Man kann einem Dutzend solcher Feste beiwohnen und fi > de: doch stets neue Gestaltet, di: aus der unerschöpflich rc chen Sc..muckrhantasie ausgestattct werden. Tics: Darsteller führen nun in Umzäunungen. Die wie ein Freilicht-Theater angelegt find, mythologische Szenen auf. So stellt Der Meer- oder Wellendema mit einer Schildkröte auf Dem Rücken und einer mächtigen Trommel in Der Han) eine Sturmflut Dar, indem er Kinder. Die auf einer Dank sitzen, plötzlich zu Boden wirst. Ter ©torch-Dema erhascht in einem merkwürdigen Tanz einen Fisch: „Der Känguruh-Dema
wird von Dem Dogen-Dema verfolgt und erlegt usw. Tie großartigste Figur aber i'l Die, Die das „Gari", einen ungeheuren Tan?schirm, trägt. Ciese Gestalten erscheinen in unheimlicher Größe in der Ferne am Strand, nä.;ern sich unter dumpfen Trommelschlägen, stampfen in wilder Erregung mit Den Füßen und bewegen die ungeheuren Fächer hin und her. die sie auf den Racken und Splittern tragen. Alle diese Kostüme verraten einen feinen Kunstsinn, Der Dem Ge- schmack dieser Virtuosen des Schmucks daS beste Zeugnis audftellt
Shaw contra Weihnachtsmann.
Shaw. Der große Kritiker, dessen Urteil vor nichts Halt macht, betrachtet auch das Weih- nachtssest mit skeptischen Augen, und er hat sich einem Berichterstatter des .Daily Expre >“ gegenüber unverhohlen gegen Den Weihnachtsmann ausgesprochen. So unweihnachtlich auch dieser Ton in die allgemeine Feststtmmuna hineinklingt, fo Dürfte er doch im Herzen manches stark .erleichterten" Fami ienva.ers ein Echo finden. „Auch id> muh in irgendeiner Weife Weihnachten feiern“, erklärte „G. D. 6." seufzend, .aber lieber wär's mir, ich brauchte es nccht. Man muß eben mit Den Wölfen heulen. Man kann nichts Dagegen machen. Sie Geschäfte Der Kaufleute hängen fo vielfach vom WeihnachtS- umfay ab. und wir sind die Opfer. Der Weih- nachtsrummel ist zu einem schrecklichen heidnischen Karneval ausgeartet. Ich habe übrigens nichts gegen das Heidnische," fügte er begütigend hinzu. .Im Gegenteil. Ich will auch nicht mit dem Weihnachtsmann mich herumstreiten: rch würde ja doch den kürzeren ziehen. Aber ich denke, man foLte die Weihnachtsstimmung über das ganze Jahr verteilen Es mag ja natürlich manche Familien geben, Denen es Das ganze Jahr so schlecht geht, daß sie wenigstens zu Weihnachten vergnügt fein wollen. Ich bin es auch sonst. Ich erinnere mich, daß vor 23 oder 33 Jahren von dem Sekretär einer Gesellschaft Propaganda für die Abschaffung des Weihnachts
festes gemacht wurde, und ich meine, wenn der -Daily Expreß" diesen Feldzug auf nehmen wollte, würde et die beliebteste Zeitung in der ganzen Welt werden ...“
Frankfurter Theater.
In Frankfurt am Main spielt man eine neue Oper alten StilS. .Sie Lästerfchulc" von Paul von Kl en au. Die hier zur Uraufführung kam, wirst allen Ballast moderner Jnstrumental- technll mit kühnem Schwung über Bord. Bewußte Verleugnung all r Klangerrungenschaften, um einzig und allein Der Mllodie und Der ursprünglichen Trägerin alle- Opernschaffen-. der Gesang-stimme, zu Dienen. Klenau ist kein Originalitätssucher. Konsequente Ein'achbeit ist l;m Siilprinzip, und so gibt er in seiner Dr:laft gen komischen Oper meloöisch anspr.-chen e Tonstücke, Arien, Daette. wohlklingende Ensembles. Die um ihrer selbst willen da sinD und zeitgemäßer psychologischer Illustration de- tertlichen VrrwurfS absichtlich aus dem Wege gehen. DaS Libretto stammt auS Der Feder von Rudolph Stephan Hoffmann und hat Sheridans alte Sltten- komödie .The School for Scandah“ zur Grundlage. Es kommt Der Absicht de- Komponisten mit leichtflüssigem Versbau entgegen, mehr entgegen alS der eigentlichen Bühnenwirkung Ein alter Onkel au- Indien schneit in di? wühlen c Lästergesellschaft hinein, entlarvt die Heuchelei und belohnt den gutbenigen Leichtsinn. Sie fttsche und vor allem gesanglich vorzügliche Aufführung mit Pcrmann, vom Scheidt, Jager und Deinw Ziegler, s toi? Den Samen Friedrich, Kern und Böhnicker in den Hauvt- rollen sicherte dem Werkchen freundlichen Erfolg. Krauß Dirigierte mit Glan. Waller- ftein gab Dem szenischen Rahmen, zu lern Ludwig Siewert farbenr ich? Dil e: geschahen hatte, wirksames Gepräge. Der anwesende Komponist wurde mit Den Sängern und den Leitern Der Aufführung zum Schluß mehrfach gerufen.


