Das große Würfelspiel.
k (Martina DJilemar.)
Roman von Franz Laver Kappu ».
28 Fortsetzung. Nachdruck verboten
„Sieb, nicht?" fragte Heddenhausen. „Kann es etwas Anständigeres und Solideres geben als das?"
Man trank Kaffee und aß Kuchen dazu Alle ringsum hatten Kaffee und Kuchen vor sich. Die Vorstellung mußte eben erst begonnen haben.
Stumm rührte Martino in ihrer Tasse Nur einsilbig antwortete sie auf die Fragen Heddcn- hausens. Ein Wort brannte ihr auf der Zunge. Endlich sprach sie es aus: ..Machen sie sich nicht luftig über mich. Herr Heddenhausen?
Der Mann war starr.
„Wie kommen Sie nur auf solche Gedanken, Fräulein Wilemar? Die können Sie sich |o etwas einbilden? Ein harmloser Spaß sollte es sein! Lachen sollten Sie wieder einmal!"
„Nun. ich lach- ja schon", sagte Martina er. leichtert. Auf der Bühne ahmte ein schwitzender Herr Tierstimmen nach. Wie verrückt quietschten die nicht vorhandenen Ferkel in seinem Korb. Drollig legte die unsichtbare Henne ein (Ei noch dem anderen. Zum Verwechseln naturgetreu klang das Gegacker.
Die Friedenauer Bürger bogen sich vor Der. gnügen. Ein kleines Mädchen stieg auf den Stuhl und klatschte in die Hände. Mit den Lauten einer Autohupe quittierte der schwitzende Herr den Son- derapplaus.
In der Pause phantasierte der schmale Jüngling auf dem Pianino.
Auf einmal sagte Heddenhausen stockend: „Sie haben mir das letzte Mal etwas versprochen. Fräu- lein Wilemar. (Erinnern Sie sich noch?'
Die ganze Zeit hatte Martino daran gedacht. Vielleicht kam Benno in den nächsten Tagen. Fast gewiß erschien es ihr in diesem Augenblick. Die Nähe Heddenhausens stimmte zuversichtlich. Das Klavierspiel des jungen Menschen ging angenehm ins Ohr. Zufrieden und sicher saßen die Venie ringe* um bei ihren Tischen.
„Es ist wirklich gemütlich hier", sagte Martina mehr zu sich selbst.
„Und Ihre Geschichte, Fräulein Wilemar? Die wollten Sie mir ja erzählen." Heddenhausen egte eine Hand auf die andere und ‘djaute Martina er- wartungsooll an. Als sie hartnäckig schwieg, kam er ihr zu Hilfe. „Sie können mir ruhig anvertrauen, was Ihr Herz bedrückt. Also?" Mit dem Zeigefinger wies er auf ihre Stirn. „Was geht da drinnen vor? Ober da?" Seine Fingerspitze hatte sich gesenkt, sie deutete auf die Herzgegend.
„Ich bin nämlich verlobt", sprach Mnrttna und erbebte vor dem Geständnis.
„Und wo steckt der Haken?"
Ueberrascht wich Martina zurück. Aber gleich darauf nickte sie zustimmend. Nicht schwer war cs !u erraten, daß etwas nicht klappte. Ueberh.iupt alle es keinen Sinn, alles aus sich herausziehen zu assen. Man mußte die Dinge berichten, wie sie lagen. Man wollte einen Rat, wollte sogar Hilfe. Da durfte man nicht empfindlich sein.
Heddenhausen lächelte wißend. „Machen wir es kurz, Fräulein Wilemar. Sie tonnen nicht heiraten, weil der junge Mann keine paßende Stellung hat. Oder gar keine Stellung, was eigentlich dasselbe ist."
„So ist es", sagte Martina aufseufzend.
„Was kann der junge Mann?"
Martina beeilte sich. „Er ist kommerziell gebildet", beteuerte sie warm. Und sie erzählte von dem Posten, den Benno in der Warenabteilung der Awag bekleidet hatte.
„Und sonst?"
„Vorher war ja Krieg, Herr Heddenhausen. Die ganzen vier Jahre war mein Bräutigam als Offizier dabei und fast immer an der Front."
„Also keine besonderen Kenntnisse?" Heddenhausen furchte die Stirne. Lange schaute er vor sich. „Schwer, sehr schwer." Ein paarmal setz'e er zum Sprechen an, schwieg aber. Prüfend blickte er dazwischen Martina in die Augen. Ehrliches Mitempfinden sprach aus seinen Minen. Endlich sagte er zögernd. ,Zch wüßte schon etwas, Fräulein Wilemar. Freilich dürfte es nicht das fein, was Sie er- warten."
Martina fühlte auf einmal Kälte in den Beinen.
„Immerhin, sagen Sie es, Herr Heddenhausen", lispelte sie.
Heddenhausen spannte die Schultern. Seine Züge waren plötzlich hart.
„Schluß machen!" Trocken klang das, unbarm- Uf der Bühne war der zweite Teil im Gange. Ein weißes Gesicht rollte glänzende, unwahrschein- lich glänzende Augen. Fünf gespreizte Finger verkrampften sich in eine zuckende, schwer atmende Brust. Ein kreisrunder, fast schwarzer Mund schmetterte: „Lache Bajazzo, schneide die tollsten Gri- maßen . . ."
„Das geht ja nicht, Herr Heddenhausen". sprach Martina gezogen. „Wie könnte ich denn das: Schluß machen?" Wie eine Maske läo'xlte sie. Daß man so etwas überhaupt über die Lippen brachte: unbegreiflich war es. „Nein — das geht wirklich nicht, r>err Heddenhausen!"
„Die große Liebe, nicht wahr?"
Wehrlos sagte Martina: .Wir gehören zusammen, Benno und ich."
„Immer glaubt man das, Fräulein Wilemar. Immer kann eins ohne das andere nicht leben. Je größer die Schwierigkeiten, um so hartnäckiger die Liebe. Die alte Geschichte." Heddenhausen wartete einen Augenblick. In demselben Ton setzte er dann fort: „Aber das Leben: auf Schritt und Tritt erbringt das Leben Gegenbeweise. Jeden Tag reiht es Tausende auseinander, die ohne einander nicht sein konnten. Und sie leben doch weiter, finden neue Wege und werden später sogar glücklich. Noch niemand ist an gebrochenem Herzen gestorben. Fräu- lein Wilemar.
Von der Seite blickte Martina Heddenhausen an. Plötzlich haßte sie den Mann, der über ihr Unglück wie über ein Geschäft sprach. Natürlich, der hatte leicht reden. Der war eine eigene Art Mensch. Der setzte sich mit dem Dasein auf seine besondere Weise auseinander: mit Ohrfeigen und mit überlegenen, rücksichtslosen Worten. Auf einmal kam es Martina ungeheuerlich vor. daß sie mit Heddenhausen hier saß. Wie war es nur möglich gewesen, daß sie auf die Komödie einging? Das zweitemal trieb er nun seinen Ulk mit ihr. Es sollte wahrhaftig das letztemal sein.
„Ich wußte im voraus, daß Sie jetzt verletzt Jein werden", sagte Heddenhausen. „Auch bas gehört leider dazu. Fast ausnahmslos wehren sich die Menschen gegen den Standpunkt der Vernunft. Bis bann bas Leben kommt unb sie bekehrt." Seine
Stimme wurde weicher. „Ich meine es doch gut mit Ihnen, Fräulein Wilemar.
„Ach Gott", seufzte Martina.
Heddenhausen starrte auf seine Rechte nieder.
„Vielleicht gehen wir jetzt. Herr Heddenhausen."
„Schon", lächelte er.
Auf der Bühne raffte eine üppige Brünette ihr Flitterröckchen. „Wien. Wien, nur du allein . . ." wehte es Martina nach.
Als man wieder im Auto saß, tippte Hedden- Hausen mit dem Finger auf die Glasfcheibe vor ihm. „Haben Sie den Chauffeur näher angesehen. Fräulein Wilemar? Er hat den gewißen Knick in der Mütze."
In Gedanken erwiderte Martina: „Nichts habe ich gesehen."
„An dem Knick in der Mütze erkennt man den Gentleman-Chauffeur. Sicherlich auch ein Doktor der Philosophie oder so etwas. Es wimmelt ja jetzt in Berlin von Gentleman-Chauffeuren."
„So", machte Martina uninteressiert.
„Ich kenne einen, der war früher Gardekavallerist in Potsdam, alter Adel, feudal bis in die Knochen. Jetzt hat der Herr Rittmeister feinen Standplatz vor dem Adlon. Sehr zufrieden ist er mit feinem neuen Beruf. Keinen Monat verdient er weniger als fünfhundert Mark."
Die Augen Martinas hingen an dem Nacken des Mannes vor der Glaswand.
„Warum erzählen Sie mir das. Herr Heddenhausen?"
„Vielleicht wäre das etwas für Ihren Benno."
„Chaufseur? Droschkenchausseur?"
„Warum nicht, Fräulein Wilemar?" Heddenhausen fuhr sich mit der Hand über das Antlitz. „Wenn es unbedingt sein muß, wenn ihr ohne einander nicht leben könnt: warum nicht? Gar kein übler Gedanke wäre das. Es ist der einzige Beruf, der noch Zuzug verträgt. Die Nachfrage nach guten Chauffeuren steigt sogar ständig. Ihr sollt euch das einmal durch den Kops gehen lassen."
Martina schwieg. Ihr sollt euch das durch den Kopf gehen laßen? Was war das auf einmal für eine Art, mit ihr zu sprechen? Was wollte Der gönnerhaft vertrauliche Ton oedeuten? „Nichts laße ich mir durch den Kopf gehen, gar nichts", sprach sie trotzig.
(Fortsetzung folgt.)
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Bekanntmachung.
Der diesjährige Ortenberger „Kalte Markt" findet bestimmt von Montag, den 1., bis Donnerstag, den 4. November statt, wie folgt:
am 1. und 2. November: Pferde- und Fohlenmarkt
am 2. und 3. November: Krämermarkt.
Die Anmeldung zur Verlosung der Krä uerstände werden Montag, den l. November, morgens von 9 bis 11 Uhr, im Markthause entgegengenommen, wo auch nähere Bestimmungen zu ersehen sind.
Orten berg, den 25. Oktober 1926. 8850D
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