Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Mittwoch, 29. September 1926
M. 228 Drittes Blatt
Aus dem Reiche der Frau
daß auch heute noch jeder genügend Zeit für das findet, was er am liebsten tut. Da ist so viel Zeit zum Ausgchen, Tanzen, Schundliteratur lesen usw. Da ist auch wie immer für den energisch Wollenden und Interessierten Zeit, das zu treiben, was ihm am Herzen liegt. Am Herzen sollte uns Frauen aber vor allem liegen, den Tqkt, den Rhythmus des eigenen Lebens und dadurch unserer Umgebung richtig einzustellen — und vor allem dafür Zeit zu haben.
Zeit ist nicht Geld, sie ist viel mehr als das. Geld laßt sich wiedergewinnen — verlorene Zeit ist unwiderbringlich — ist Schuld an der eigenen Seele und den uns Anvertrauten.
„Meine Zeit steht in deinen Händen," — wenn wir unsere Zeit in diesem Sinne unter das Ewige stellen, wird viel Rot gelöst, viel Anruhe gestillt werden.
Wir tragen den Kops hoch. Modeplauderei von Lisa Hvnroth-Loewe.
(Rachdruck verboten.)
In diesem Jahre werden wir Frauen, soweit wir modern sind, den Kops noch hoher tragen als sonst, wenigstens was den Hut anlangt. Aber die Herren der Schöpfung werden gerächt werden, so hoch wir ihn auch tragen, das gewichtige Material wird ihn wieder herunterdrücken. Sammet, Sammet und nochmals Sammet wird die Mode sein. And zwar nicht nur der leichte Panne, viel mehr noch schwere Sammete. Ob es schön wird, ist die Frage — aber wo die Mode dekretiert, wagen wir Frauen nicht zu widersprechen. Alle Hüte haben eine sehr strenge Linie, der Hinterrand ist weggebogen. steil steigt über dem Racken der Hut auf, wie ein Zylinder fast. Vielleicht, daß die Diedermeiermäntel mit den Kutscherkragen nicht zufällig auftauchen, sie scheinen die Diedermeiersilhouette vorzubereiten. Reben Sanimet Filz, aber auch der in gleicher strenger Form, nur durch wenige Linien belebt. Die Hüte werden das Gesicht streng, und sofern es nicht mehr jung ist, älter machen. Eine weichere Avte ergibt sich allenfalls, wenn der winzig kleine aufgeschlagene Dorderrand des Hutes aus einem anderen Material und in anderer Farbe erscheint als der Kopf und die Auhenkrernpe. Für den Dormittag und das Laufkvstüm wrrd man viel Filz- und Samnretmühen sehen, die etwas die Form der Studentenmühen aus der Sturm- und Drangperiode zeigen, diese sind schon ein wenig gefälliger. Für Umarbeitung alter Hüte ist die Zylindermode praktisch, kann man
ihm zuerst das Interesse für die alten, lieben Märchen abgewann, sie muß weiter Schritt halten mit der Geistesentwicklung ihres Kindes. Wie oft erlebt man es, daß Schulkinder, oder solche, die aus der Schule entlassen sind, alles mögliche zusammenlesen, nur, um ihre Lesesucht zu befriedigen. Da gibt es Kinder, die chren letzten Groschen in den Ramschladen tragen, um dort ein minderwertiges Buch zu leihen, einerlei, ob's schmutzig oder abgegriffen, wenn nur der Inhalt spannend ist. Da gibt es Hintertreppenromane in Fortsetzungen bis zu 100 Heften, Titelblatt und Ucbcrschrist sind dazu angetan, die Reugierde des Kindes zu reizen, und oft genug die Sinnlichkeit der Jugend wachzurufen und zu nähren.
Wir wissen es alle, daß es heute immer noch Menschen gibt, die Gewinn daraus ziehen, eine reine Kindcsseele zu verderben.
Und dies Hebel läßt sich so leicht nicht ausrotten. Wohl sind heute viele Kreise von dem Gedanken durchdrungen, daß hier Abhilfe nottut. Man hat sich auch schon von verschiedenen Stellen aus an die hohe Behörde gewandt. Soll aber das Hebel bei der Wurzel erfaßt werden, dann muß vor allem die Mutter mithelfen. Sie muß den Lesestoff ihres Kindes überwachen. Sie soll ihm aber auch, wenn in ihrem Kinde der Drang nach Lesestoff wach wird, eine Beraterin in der Auswahl der Lektüre sein. Dazu gehört allerdings, daß die Mutter auf diesem Gebiet Bescheid weiß. Hnd das ist für sie gewiß nicht schwer. Jede Buchhandlung ist gerne bereit, der Mutter ein Verzeichnis billiger, guter Iugend- sChristen auszuhändigen. Die Mühe, in der Buchhandlung anzufragen, sollte 'sich keine Mutter verdrießen lassen, denn der Einfluß schlechter Lektüre kann für ihr Kind von großem Schaden sein. Ich könnte hier eine Menge Beispiele aus einer Fürsorgeanstalt auszählen, wo mir meine Schülerinnen, es waren weibliche von 6 bis,21 Jahren, oft gestanden, daß die schlechte Lektüre viel dazu beigetragen hatte, daß sie zuletzt in einem Erziehungsheim untergebracht werden mußten. Hnd oft hat man die Mutter anklagen müssen, wenn ihr Kind verdorben wurde. Ganz gewiß trägt die Mutter nicht allein die Schuld, wohl aber einen großen Teil davon. DaS Sprichwort: „Böse Gesellschaft verdirbt gute Sitten" mag auch hier sich bewähren, wenn wir die schlechte Lektüre als böse Gesellschaft bezeichnen. Wer einmal tief hineingefchaut hat in das Elend der gefährdeten Jugend, der muß aus Liebe zu den jungen Menschenkindern aufräumen helfen an diesen Schäden und Röten.
vertraut sind. Wer Kraft hat, mag und soll darüber hinaus mütterlich wirken, wie auch der Frau, die der Arbeit im Beruf vor allem ihre Zeit geben muß. diese Ausstrahlungen, soweit sie es schaffen farm, Pflicht und Freude sein sollen.
Vor allen Dingen gilt's also. Zeit schaffen, aim Zell zu haben für das Rötige. d. h. alles weniger Wichtige und Heberflüssige abzuschieben.
Womit wir die gewonnene Muße dann ausfüllen. wo und wie wir „Duddhaluft atmen“, das ist immer nur ganz persönlich zu. finden und zu lösen — vielleicht beim Lesen eines guten Buches — vielleicht auf stillen Wegen in der Ratur, vielleicht in der Rhythmik des Turnens und Wanderns, vielleicht im einfachen Ausruhen und starken Stillewerden in der Einsamkeit.
Goethe mahnt: Man sollte alle Tage wenig" stens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.
Rur so können wir auch unsere Kinder vor der Hnruhe bewahren, die jetzt schon ihr böses Kriegserbteil ist. Auch die Jugend „soll" zu viel. Wir Mütter müssen immer wieder wissen und wannen, daß alles Wachstum Ruhe braucht und seinen eigenen stillen Weg geht. Und eine Rast in aller Hnrulje unserer Zeit sollten für Männer und Kinder immer wieder daheim zu finden sein, bei der Mutter, die „Zeit hat".
Wenn wir uns umschauen, werden wir finden,
mich zuerst das Beten! Hnd die Mutter, die ihrem Kinde die ersten Geschichten erzählte, die
dann vielleicht den Kopf nicht mehr hoch.
Was lanMeMüterzm Bekämpfung der Schundliteratur tun?
Von K. Gärtner.
Wenig, denkt vielleicht mancher: ich aber sage: viel — oft das Meiste! Hnd die Mutter selbst? Sie, die über alles Mutter und Erzieherin sein soll, glaubt am Ende noch, hier würde etwas von ihr verlangt, was im Grunde genommen doch in die Zentralstelle zur Bekämpfung schlechter Lektüre gehöre.
Rein, gerade die Mutter ist es, die hier eine große Aufgabe löst, indem sie den Lesestoff ihres
zweierlei Material für Kopf und Krempe ver° | Kindes überwacht. Was haben wir doch alles wenden. Mit dem Auspuh ist man mehr als von der Mutter gelernt! Wie fagt der Dichter, sparsam — vielleicht um den Männern zu be- | sie lehrte mich manch frommen Spruchs sie lehrte weisen, wie ökonomisch man sein kann. Höchstens, daß man aus Filz oder Sammet sparsame Ornamente von der Seite her über die Krempe legt.
gelosten Ernährungs- und Aufbaustoffe zu den Organen, zu jeder Zelle und entfernt die unbrauchbar gewordenen Abbaustoffe an den baut bestimmten Ausscheidungsorganen. Genügende Dlutmenge ist für ein Kind daher Voraussetzung ür richtigen Aufbau und Gedeihen. Von „Bleich- ucht" spricht man bann, wenn der wichtige Blut- arbstoff, das Hämoglobin, der Träger des eingeatmeten Sauerstoffes, vermindert ist. Die Dlutmenge ist dabei ausreichend, aber jedes einzelne rote Dlutkörperchen besitzt weniger Blutfarbstoff als unter normalen Verhältnissen, so daß das ganze Blut einen helleren Eindruck macht. Eigentliche Bleichsucht findet sich selten bei Kindern, dagegen häufig bei jungen Mädchen in der Reifezeit. Wie wichtig richtige Blutmenge und Blutbeschaffenheit für den wachsenden Körper sind, geht schon daraus hervor, daß beim Säugling und auch weiterhin beim jungen Kind die Menge des Gesamtblutes und die Menge des Blutfarbstoffes verhältnismäßig größer sind als beim Erwachsenen. Hm fo nachdrücklicher wird sich eine Hnstimmigkeit in der Menge- und Artbeschaffenheit des Blutes zur Geltung bringen.
Der andauernden Blässe können also Veränderungen im Blut zugrunde liegen. Rur der 2lrzt ist imstande, die wirkliche Hrsache auszu-- d^cken. Sie liegt oft in ganz überraschender Weise an anderer Stelle, als sie ursprünglich vielleicht gesucht ober gedacht wurde. Echte Blutarmut tritt nach heftigen äußeren ober inneren Blutungen auf. zumal wenn sie sich oft tmeberbolen. Rach einer einmaligen Blutung Pflegt sich das Derlorengegangene rasch wieder zu ersetzen. Die Blässe bei derartigen Vorkommnissen lst aber immer noch mit anderen Kranlheitserscheinungen vergesellschaftet: Schwächegefühl und Müdigkeit, Schwindelanfällen usw., soweit nicht Blutungen ohne weiteres nachweisbar sind. Im Verlauf und im Gefolge von fieberhaften Krankheiten ist Blasse ein häufiges Vorkommnis. Sie kann lange in bte Rekonvaleszenz hinein kundgeben, daß der Körper noch nicht seine ehemalige Leistungsfähigkeit wiedergewonnen hat. Es ist dabei nicht nötig, stets an Zerstörung von roten Blutkörperchen durch bic Bakteriengifte (bei Infektionskrankheiten) zu denken, sondern allein der lange Aufenthalt im Zimmer macht aus einem vorher frischen Gesicht ein „Krankenstubengesicht“. Die Anwesenheit gewisser Schmarotzer int Körper, etwa von Darm- Würmern, fuhrt unter Hmstanden durch unmittel-
Dus blasse Kind.
Don Dr. W. Schweisheimer.
Es gibt eine Klasse von Kindern, die eine ständige Hrsache der Sorge für ihre Eltern und Erzieher bilden. Sie sind nicht krank, wenigstens lassen sie keine besonderen Krankheitszeichen erkennen. klagen auch nicht über Schmerzen irgendwelcher Art, aber sie sehen blaß aus, daß allein schon die Gesichtsfarbe den Eindruck des Leidenden hervorruft. So kommen die besorgten Eltern in die Sprechstunde des Arztes bringen die Krankheitserkenntnis gleich mit: „Mein Kind ist blutarm", und wünschen nun ein Heilmittel zur Vermehrung des mangelnden Blutes, eine Anregung zur Dlutbildung.
In Wirklichkeit liegen die Verhältnisse nicht so einfach, wie sie dem Richtarzt erscheinen mögen. Ständig blasses Aussehen der Kinder kann auf ganz verschiedenen Hrfachen beruhen. Es kann ein Zeichen veränderter Dlutbeschaffenheit fein, kann eine ganz andere Krankheitsursache zur Grundlage haben und kann schließlich bei vollkommen gesunden Kindern Vorkommen. Die rasch und hemmungslos gestellte Diagnose „Blutarmut" läßt sich in vielen Fällen nicht aufrechterhalten. Die Erkenntnis, um was es sich eigentlich handelt, ist aber von grundsätzlicher Wichtigkeit. Denn nur nach ihrer Gewinnung und am richtigen Platz können Heilmatziiahmein Erfolg bringen.
Zunächst muh man über den Begriff „Blut- armut" einmal ins klare kommen. In vielen Gedanken ist Blutarmut gleichbedeutend mit allgemeinem Kräfteverfall, Herabsetzung des Ernährungszustandes — oder der Begriff wird im selben Sinne wie „Bleichsucht" gebraucht —-, auch ein Wort, das man sehr oft wahllos und in unklarer Weise verwenden hört. Blutarmut bedeutet an und für sich eine Herabsetzung der Dlutmenge. Bei ungenügender Füllung der Blut- aefähe in und unter der Haut ist das Durchschimmern des Blutes durch die Haut schiväcyer ab8 sonst die Farbe ist daher nicht rötlich, sondern blaß. Rur zu leicht kann auch hier der Schein trügen; denn rötliches oder rosiges Aussehen der Haut ist auch nicht selten in Fällen zu beobachten, in denen tatsächlich die Dlutmenge herabgesetzt ist. Herabsetzung der Dlutmenge wäre für das Kiitd von Rachteil. Das Blut befördert in unaufhörlichem Kreisen die notwendigen, fein
bare Einwirkung auf das Dlut gleichfalls zu hochgradiger Dläfse des Gesichtes.
Zuni Ausbau roter Dlutkörperchen ist Eisen erforderlich. Eisen ist in der gewöhnlichen gemischten Rahrung in ausreichender Weise vorhanden. Bei falscher Ernährung, wie sie namentlich bei kleinen Kindern gar nicht selten in Gebrauch ist, kann es indes zu einer Verarmung des Körpers an Eisen kommen und damit zu einer Störung im richttgen Blutaufbau. Solche Kinder fallen durch ihre Dlässe auf, die oft mit einem sichtbaren Gedunsensein gepaart ist. In dieser Hinsicht hat einseitige, allzulange fortgesetzte Milchernährung schon viel Schaden an- gerichtet. Die Milch ist ein besonders eisenarmes Rahrungsmittel, und zwar ebensowohl die Frauenmilch wie die Kuhmilch. Bei der Ernährung des jungen Säuglings fällt dieser Eisen- mangel zunächst nicht ins Gewicht; denn das neugeborne Kind kommt mit einem großen Reservevorrat von Eisen (in seiner großen Leber) zur Welt und zehrt von ihm während der Monate, da es allein auf Milchnahrung angewiesen ist. Wird aber die ausschließliche Milchernährung allzulange ausgedehnt, wird dem Kinde während des ganzen ersten Lebensjahres oder gar noch während des zweiten und dritten (!) — wie es tatsächlich vorkommt — lediglich Milch als Kost oder überwiegende Kost verabreicht, so leidet unter dem Eisenmangel die Dlutbildung, und es kommt zu der charakteristischen Blässe und zu dem Gedunsensein, zu Entwicklungsstörungen bei dem Kinde. Rechtzeitige Zufuhr eisenhaltiger Rahrungsmittel, also in erster Lime grünes Gemüse, muß der Möglichkeit solcher Schädigung entgegenwirken. 3m Lause der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres muß die Ernährungsergänzung mit Gemüse und Obst ein- gefütjrt werden. Anfängliches Widerstreben mancher Kinder wird rasch behoben, wenn man einmal eine oder zwei Milchmahlzeiten ausfallen läßt und wenn das Gemüse in geeigneter schmackhafter Form zubereitet wird. Zufuhr von andern Milchablömmlingen. Butter und Käse, von Eiern und Fleisch ist nicht imstande, den Mangel an Gemüse auszugleichen. Blaß werden Kinder auch, wenn ihnen Licht und Luft fehlen, wie Blumen leine Farbe bekommen, die in dunklem Keller aufgezogen werden. Grohstadtkinder. die in schlechten, womöglich feuchten und dunllen Raumen wohnen, fallen durch ihre typische Blasse
Es darf einer Mutter nicht gleichgültig sein, was ihr Kind lieft. Sie sehe nur ab und hu einmal die Schulmappen nach, schon manches ist da schon zutage gefördert worden. Die Mutter verschaffe sich Kenntnis davon, was im Backsisch- lränzchen gelesen und besprochen wird. Manches kommt dann, wenn man sich allein und unbeobachtet glaubt, ans Tageslicht, was im Beisein der Eltern scheu versteckt wird. Hnd immer wieder muß sich der Kamps zuerst gegen diejenigen richten, die schlechte Lektüre zum Kauf darbieten. Alle, die wir die Kinder lieben, sollten hier bewußt den Kampf aufnehmen. — Wenn ich heute von all den Eingaben lese, die man dem Reichstag vorlegt, zur Bekämpfung der Schmutz- und Schundliteratur, dann denke ich oft an das Beispiel jenes Pfarrers, der ein Mädel aus einer Erziehungsanstalt in den Dienst nahm. Das Mädel, das sich längere Zeit fleißig und brav hielt, gab eines Tages Anlaß zur Klage. Der Grund war bald gefunden! Im Dorfe hatte ein Papierwarenhändler dem Mädel billige, Lektüre schlimmster Sorte verkaust. Kurz entschlossen suchte der Pfarrer jenen Händler auf und verlangte von ihm sofortige Vernichtung sämtlicher Schund- und Schmutzliteratur, andernfalls werde er seine fämt-
auf, ebenso Kinder, die den Hauptteil des Tages in Schulräumen und Lernzimmem eingesperrt sind. Das ändert sich in kürzester Zeit, sobald solche Kinder ins Freie kommen, einige Wochen Sonne und frische Luft genießen, sich tummeln und baden können; da verliert sich ohne jedes weitere ärztliche Zutun die Bläste; die Gesichter werden braun und erhalten frische Farben. Für die Großstadtkinder, die nicht in der Lage sind. Sommerfrischen aufzusuchen, bilden geeignete Anlagen und Spielplätze daher einen unbediitzt not- wenigen, in vielen Fällen aber auch ausreichenden Ersah für Landaufenthalt.
Blässe der Kinder kann auch auf Absonderlichkeiten der Hautgefäße beruhen. Dei nervösen Kindern sind sie oft in einem Reizungszustande, der eine natürliche Erweiterung der Gefäße nicht zuläßt und das Blut daher aus der Haut mehr in die inneren Organe vertreibt. Dei einer Hebung des nervösen Allgemeinzustandes durch ge» eignete Maßnahmen wird diese Erscheinung mit* schwinden. Auch sonst muß sich die ^ehendlung kindlicher Bläste immer gegen die Hrsache rächten, also gegen eine vorhandene innerliche Erkrankung, gegen falsche Ernährungsweise, gegen zu vielen Aufenthalt im Zimmer usw. Rur auf solche Weise werden sich Erfolge erzielen lassen, keineswegs aber mit der wahllosen Verabreichung von Eisenpräparaten, wie sie als Hausmittel bei blassen und schwächlichen Kindern in vielen Kreisen betrachtet werden.
Die Darreichung von Eisen wird in ganz gewissen, vom Arzt genau abzugrenzenden Fällen von Ruhen sein; in nicht geeigneten Fällen ist es schade um die aufgewandte Mü?e
Im übrigen gibt es auch Kinder, die immer blaß aussehen, dabei kerngesund sind und sich wohlfühlen. Erwachsene behalten ja in gleicher Weise ihre bleiche Gesichtsfarbe oft nach Wochen- langem Landaufenthalte Bei. Es handelt sich da um Eigenschaften der Haut, die einerseits das Blut wenig durchschimmern läßt und anderseits nicht zur Aufnahme von Pigmentkörnern geeignet ist. Man wundert sich beispielsweise rn Italien, dem Lande der vielen Sonne, über die vielen bleichen Gesichter bei ganz gesunden viel rin Freien befindlichen Kindern. Solche Besonderheiten der Haut, wie sie häufig in ganzen Familien verbreitet sind, vermögen in keiner Weise als Zeichen herabgesehter Gesundheit betrachtet zu werden.
Zu dem hohen Hut gehört der hoheKra- gen. Kein Kleid für Vor- oder Rachmittag ist anders. Auf Kragen und Manschetten verwendet man liebevollste Sorgfalt. Alte Spitzen, Metall- inlruftationen, orientalische Goldstickereien, streng zur herrenmäßigen Krawatte gebundene Bänder — auch Lackband tritt vereinzelt wiederum auf. Einige Modelle zeigen gerüschte Kragengarnituren, in denen das Gesicht wie in einer farbigen Wolke eingebettet liegt, eine kapriziöse aöer nur für allerschlankste Gesichter erlaubte Mode. Immerhin kann man sagen, daß man in diesen hochgeschlossenen Kragen sehr angezogen aussieht und daß man mit ihnen manch unmodernes Kleid wieder modern machen kann.
Sehr modern wird die Zusammensetzung der Kleider aus zweierlei Stoff. Wobei man, nur um es eben einmal anders zu machen, das Oberteil dunkler, den Rock einen Schein Heller hält. Die Achseln werden tief heruntergezogen, der Qlermel aus hellerem Stoff wird unterhalb der Armkugel angeseht. Der Rock trägt unten einen Streifen des Blusenstoffes, die Kragen- gamierung nimmt beide Stoffarten in sich auf. Man beachte aber, daß derartige Zweistoffkleider sehr gut im Ton zueinander passen müssen — am besten zwei gleichfarbige Stoffe in verschiedenen Ruancen. Blau in zwei Schattierungen, rot in doppelter Abwandlung. Bei einigem Geschick kann man zu einem alten Stoff einen zweiten neuen in einer guten Variation finden. Auch grau eignet sich sehr schön zu dieser Verarbeitung und verliert dabei ein wenig seine Stumpfheit.
Entgegen der Gewohnheit des Sommers, zu einem Hellen Kleide einen etwas dunkleren Mantel zu tragen, nimmt man jetzt Mantel und Kleid im gleichen Ton — Wollstoff für den Vormittag, Sammet für den Rachmittag.
Große Mode find die verschiedenen bunten gewebten Stoffe, welche wie handgestrickt aus- sehen, ohne cs zu sein. Sie haben alle den großen Vorzug der Hnempfindlichkeit gegen Wetter und Schmutz, sind weich und schmiegsam; und farbig in diesem Jahre viel diskreter als früher. Kasha erscheint auch in neuen Musterungen. Die Färbstellungen sind hauptsächlich grau, herbst- laubfarben, holzfarben, weinrot, bleu. Wer für den Winternachmittag und -abend über einen Pelzmantel verfügt, dem sind diese bunten Wirkstoffe für ein Kostüm mehr zu raten als glatte Wollstoffe oder Sammete. Sie wirken immer jugendlich und fesch, ein Erfordernis, das auch die weiblichere Rote der Mode nicht beiseite schob. Auch hier verarbeitet man gerne den gemusterten Stoff mit einem genau dazu passenden glatten, man findet immer beide zusammen in den Auslagen der Geschäfte. Diese Stoffe machen sich späterhin durch ihre große Haltbarkeit sehr bezahlt, geben noch unendliche Kinder- oder Dackfischkleider. Im Augenblick der Anschaffung allerdings sind sie nicht billig, den Ehemännern geht es zwar nicht an den Kragen, aber an den Geldbeutel. Hnd auch sie tragen
Dom „Zeit haben".
Von Clara Prieß.
.Ich habe keine Zelt" - das ist eme der meiftgebraudyten, und verlogensten Phrasen unserer Zeit. Gewiß, es gibt Stunden uno Zecken, wo wir keine Zeit haben, d. h. wo eine bestimmte Arbeit oder Anforderung uns ganz braucht. Roer immer wieder kommt naturgemäß nach dieser An- ftxumung die Abspannung. Riemand halt es ohne Ruhestunden, ohne „Zeit haben" aus.
Der normale Arbeitstag sollte acht Stunden Arbeit acht Stunden Schlaf, acht Stunden Zeit für anderes haben. So weit sind wir in unserem armen Deutschland leider nicht, auch die Hausfrau und Mutter arbeitet meist weit über daS Maß hinaus. Aber gerade ihr ist es auch möglich, Ruhepausen einzuschieben, ihre Arbeit beritünftig einzuteilen und zu organisieren, so daß ihr immer noch freie Zeit bleiben kann.
Aber an dieser Einteilung und Emstellung fehlt es heute überall. Das Zeitalter der Technck hat uns eine wüste Hetze gebracht und laßt uns auch in den Erholungspausen Nicht zu Atem kommen. Man muß sich schon auf sich selbst- besinnen und sich wehren, um da sein» Seele zu retten.
Dabei ist von der allhergebrachten ruhigen Hausarbett uns Frauen von heute sv viel ab- genommen, — wir brauchen nicht mehr Brot zu backen, Lichter zu gießen, das Leinzeug zu spinnen und zu weben usw. Dafür sind freilich die Beengungen in den Wohnverhältnissen, die Rer- vosttät der hart ums tägliche Brot ringenden Männer, die Ansprüche der Kinder stark gestiegen und die äußeren und inneren Lebensbedingungen fast überall schwerer geworden.
Hm so mehr gitt's, daß wir Frauen und Mütter uns hier besinnen, Maß und Ziel suchen.
Rach einem allen Volkssprichwort ist die Frau des Hauses Herz. Wir spüren alle, wie des Herzens Rhythmus ausschlaggebend für den Körper ist — wie ein unruhevolles Herz alles unruhig macht und aus dem Takt bringt. Wir alle kennen Frauen und Mütter, die in einem tiefen seelischen
Takt und Rhythmus haben und an Mann und Kinder weitergeben. Wahrscheinlich aber kennen wir viel mehr Frauen, denen jede Ruhe und Sammmlung fehlt, die ihren Tag wie ein wildgewordenes Hhrwerk abschnurren lassen — die zu spät zu Bett gehen und zu spät aufstehen, verhetzt zum Mtttagessen kommen, immer Verabredungen und Anproben haben und überall klagen, daß sie nie Zeit hätten — — — oder andere, die immer Reinemachen oder Wäsche oder die Schneiderin Haben, die ihren Haushalt im Vorkriegstempo führen wollen und jetzt an den stark veränderten Lebensbedingungen scheitern.
Man „soll" heute so unendlich viel — das Reueste lesen und wissen, Ausstellungen besuchen, sich politisch betätigen und sozial informieren, Körperkultur, Vereinsarbeit, Elternbeirat, Kunst im Leben des Kindes treiben — überall auf dem Lausenden sein (was sehr oft im wirklichen Sinn des Wortes dann auch eintrifft).
Richt als ob all diese Betätigungen und De- ftrebuggen nicht an sich durchaus gut und wünschenswert wären — es ist nur ihre Fülle, die erdrückt, das Zuviel und Zuvielerlei.
Jedem ernsten Menschen kommt einmal der Tag des Erschreckens über all die Hetze, die Angst: „Wir bringen unsere Tage zu tote ein Geschwätz". Da heißt es sttllhalten und sich ernsthaft besinnen, wie und wo zu belfern ist. Wofür sollen wir beim eigentlich Zeit haben? Für uns selbst und die Anderen. Für uns selbst ist voranzusetzen. Wer nicht Zell findet, seiner eigenen Seele ihr Recht zu geben, wer nicht — tote die Inder sagen — täglich und sei's auch nur einen Augenblick, „Duddhaluft atmen kann", wer seinen Körper nicht so in Pflege und Ruhe hält, daß er möglichst leistungsfähig bleibt, der sündigt nicht nur an sich selbst, sondern auch an den Andern. Die „Andern" sind für die Hausfrau und Mutter zu allernächst die Hausgenossen, die ihrer Obhut und Fürsorge an-
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