Nr. 228 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)Mittwoch, 29. September Mü
Die Preisbildung in der zigarreninduftrie.
Don 'Bruno Iacubeit, Berlin.
Zur „Braunen Woche" in Frank urt a. M.. vom 26. September bis 2. Oktober 1926.
Wenn auch für die Vorkriegszeit exalte Statistiken fehlen, so geht die allgemeine Schätzung doch dahin, daß der Durchschnittspreis der Zigarren vor dem Kriege zwischen 6 und 8 Pfennig lag. Seit 1920, seitdem das derzeit gültige Tabaksteuergeseh besteht, werden von den Zollbehörden genaue Aufstellungen über die in den einzelnen Preislagen versteuerten Mengen geführt, so daß es jetzt möglich ist, eine genaue Durchschnittspreislage zu errechnen. Tut man bas, so kommt man zu dem Ergebnis, daß für Zigarren, d. h. für alle Fabrikate, die von der Zigarrenindustrie hergestellt werden, also für Zigarren, Zigarillos und Stumpen der Durchschnittspreis bei etwa 13 Pfennig liegt. Man sieht, daß der Preis gegenüber der Dorkriegszeit mehr gestiegen ist, als die allgemeine Welt-Geldentwertung ausmacht. Es wird den einzelnen Raucher sicherlich inlereffieren, wenn hier einmal die Gründe, dafür gezeigt werden.
Aach einer Berechnung der Handelskammer Berlin hatten sich im Jahre 1925 in der Zigarrenindustrie gegenüber der Borkriegszeit verteuert:
die Rohstoffe um 60 Prozent
/ die Löhne „ 50 „
die Kisten „ 60 „
Ausstattung u 10 ,,
Zölle und Steuern „ 221
Die Zahlen geben noch nicht einmal ein ausreichendes Bild. Sie sind insbesondere überholt bei den Rohstoffen. Die Tabakpreise, auf deren Gestaltung Deutschland bekanntlich keinen Einfluß hat, weil sie sich nach dem Bedarf der ganzen Welt richten und zum Teil insbesondere bei den holländischen Kolonialtabaken durch eine künstliche Einschränkung des Angebotes geleitet werden, liegen heute im Durchschnitt so, daß man sagen kann: was vor dem Kriege mit 1 Pfennig bezahlt wurde, muh jetzt mit 1 holländischen Cent bezahlt werden. Bei einzelnen Tabakssorten, insbesondere bei den Decktabaken, die für die Gestaltung der Zigarrenpreise eine besonders wichtige Rolle spielen, ist die Differenz sogar noch eine größere. Wenn nach Beginn der diesjährigen Einkaufskampagne, nämlich im März und April, vielfach Rachrichten durch die Zeitungen gehen, daß die Rohtabakpreise gesunken feren, so ist es für diejenigen, die nicht zum Gewerbe gehören, leicht irreführend. Es ist zutreffend, daß bei den sogenannten Spihen- tabalen die Preise gegenüber dem Borjahr teilweise erheblich nachgelassen haben. Das spielt aber für die Gesamtheit der Zigarrenproduktion überhaupt keine Rolle, denn von diesen Spihen- tabaken werden nicht viel mehr als 100 Ballen von Deutschland gebraucht, während gerade in den Mittel- und Unterklassen, wo die Preise gegenüber dem Dorjahre angezogen haben, Zehnlausende von Ballen gebraucht werden.
Die Angaben über die Steigerung des Lohnes zeigen nur das durchschnittliche Ergebnis. Bei den Löhnen für die billigen und Konsumpreislagen ist die Steigerung größer als 50 Proz.
Entscheidend ins Gewicht fällt die Mehrbelastung mit Zöllen und Steuern. Wie stark diese ist, geht aus den folgenden Zahlen hervor. 3m letzten Jahr vor dem Kriege war das Aufkommen aus allen Tabakabgaben, also aus Einfuhrzoll, Wertzollzuschlag, Inlandsteuer und Zigarettensteuer 186 Millionen Goldin art. Im vergangenen Jahre ist diese Summe allein aus der vom Zigarrengewerbe aufgebrachten Tabaksteuer zuzüglich des Einfuhrzolls für die von der Zigarrenindustrie eingeführten Rohtabake gezahlt worden. Da auch in den anderen Teilen des Tabakgewerbes eine entsprechende Mehrbelastung vorhanden ist, ist es nicht lveiter verwunderlich, daß die Belastung mit Tabakabgaben pro Kopf der Bevölkerung von 2,75 Mk. in der Dorkriegs- zell auf rund 11 Mk. jetzt gestiegen ist.
Aus dem Borhergesaglen erklärt sich ohne weiteres die Steigerung der Zigarrenpreise. Interessant ist nun, ju verfolgen, wie sich die Zigarrenpreise seit Abschluß der Inflation ent- toidelt haben. Die Durchschnittspreise waren,
die
1000 Stück
nn m: Gesamtmenge der versteuert.
15 Pf.
230 937
294 203
135 263
170189
314 053
343 862
382 149
361 759
2ß6 068
335 303
134 543
126 484
206 877
1 099 749
1 319 392
258 159
283 752
336 876
214 541
201 392
293 477
258 835
296 778
329 969
340 480
167 164
207 157
211 559
231 782
1 348 148
1 469 267
1 578 870
1 598 582
übrigen Preisklassen lassen werden.
Zigarren 1212110 1 228 084 1 603 790
In 10 Pf.
Dieses Ergebnis ist erzielt worden, indem sich der Konsum immer mehr auf drei Hauptpreis-
1924 April/Juni Juli/Sept. Okt.Bez:
1925 Jan. März April/Juni Juli-Sept. Okt./Dez.
1926 Jan./März April/Juni
Man sieht aus den vorhergehenden Zahlen, daß. abgesehen von anderen Preislagen, die natürlich auch noch eine gewisse Rolle spielen, besonders die drei angegebenen Konsumpreislagen von entscheidender Bedeutung sind. Bor dem Kriege hat man mit Recht gesagt, dah in keinem Land der Welt so billig und so gut Zigarren geraucht werden konnten, wie in Deutschland. Die deutsche Ziggrrenindustrie hat infolge der Tatsachen, daß 1920 bei Aushebung der Zwangswirtschaft fast gar kein Tabak mehr vorhanden war, und dah in den späteren Jahren erst langsam wieder der notwendige Tabakbestand angesammelt werden konnte, schwere Zeiten durchgemacht.
Eine hinsichtlich der Qualität dauernd gleichmäßige Fabrikation ist nur möglich, wenn die Industrie sehr große Tabakvorräte besitzt, um die entsprechenden Mischungen Herstellen zu können. Man kann wohl sagen, daß die erwähnten Schwierigkeiten, die durch die Inflation deswegen erhöht wurden, weil der weitaus größte Teil des verarbeiteten Tabaks ausländischer Tabak ist, allmählich überwunden sind. Es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß die Qualität der deutschen Zigarrenherstellung die Borkriegs- höhe wieder erreicht hat. Vergleicht man nun die jetzigen Preise mit den Preisen, die in anderen europäischen Ländern oder auch z. D. in Amerika für gleichwertige Zigarren gezahlt werden müssen, dann sieht man, dah das Wort vom billigen und guten Zigarrenrauchen in Deutschland allmählich wieder zur Geltung gekommen ist.
folgenden:
13,2 Pf., 12»/. Pf., 13»/. Pf., 12-/. Pf-
13 13 , 13»/, » 12»/z .
13 ,
lagen zusammengedrängt Hal. Die folgenden Zahlen zeigen, wieviel Stück Zigarren in den gleichen Vierteljahren versteuert worden sind in Öen Preislagen 10 Pf., 15 Pf. und 20 Pf., wobei auch noch die Mengen für die Preislagen von über 25 Pf. _beigefügt werden, während die aus Raummangel fortgc-
anaefangen mit dem Vierteljahr April/Juni 1924 und endend mit dem Vierteljahr April/Juni 1926,
Oderheffen.
Landkreis Gietzen.
ck. Heuchelheim. 28. Sept. Der Turnverein Heuchelheim hielt am Sonntag sein diesjähriges Abturnen in der Tumhalle. Besondere Bedeutung kommt dieser Veranstaltung in der Vereinsgeschichte zu, da es das erste Abturnen war, das der Verein im eigenen Vereinslokal veranstalten konnte. 56 Turnerinnen und Turner traten in 8 verschiedenen Stufen zum Wettkampf an. Hm 9 Hhr vormittags begannen in der Turnhalle und auf dem nahegelegenen Sportplatz die Kämpfe. Bei dem Schauturnen am Rachmittag und Abend zeigten die Damenriege in Frei- und Stabübungen und die aktive Riege im Turnen am Reck und Darren recht beachtliches Können. Anschließend verlebte alt und jung bei Konzert und Tanz einige gemütliche Stunden. Bei der Preisverteilung durch Frauenturnwart Fritz Rinn konnten folgende Turnerinnen und Turner mit Preisen bedacht werden: Sumerinnen- Oberstufe, Reunkampf: 1. Minna Kreiling. 159 Punkte: 2. Emilie Gilbert, 143; 3. Marie Rinn, 138; 4. Rettchen Schmidt, 135. Tume- rinnen-Hnterstufe, Reunkampf: 1. Emilie Rinn, 169; 2. Käthe Bath, 161; 3. Marie 206er, 155; 4. Else Germer. 151. Aktive Turner,
Zwölfkampf: 1. T. Rinn, 189; 2. Otto Depler. 185; 3. Wilh. R i n n. 176; 4. Karl Rinn, 149. Zöglingc-Oberstuse, Zwölfkampf: 1. Otto Rinn. 195; 2. Karl Germer. 192; 3. Paul Schmidt. 178; 4. Hans Depler. 163. Zögl.nge-Hntcrstufe, Zwölfkampf: 1. Walter Schimmel, 174; 2. Franz Hahn. 162; 3. Hans M ülle r, 156; 4. Otto Fink, 143. Schüler-Oberstufe, Zehnkampf: 1. Werner Langewohl. 122; 2. Wol'g. Kreiling, 114; 3. Heinrich Rinn, 111; 4. Heinrich Müller, 111. Schüler-Hnterstuse, Di erkämpf: 1. Arthur Kehr. 69; 2. Will). Hofmann, 60; 3. Fritz Kreiling, 51; 4. Arthur Metzler. 51. Jugend volksturner. Fünfkampf: 1. Fritz Dockstahle r. 2. Otto K e h r. 3. Otto Stein- m ü 11 e r, 4. Willy Weller.
: Beuern, 28. Sept. Aus der jüngsten Gemeinderatssitzung ist als bemerkenswert zu berichten: Für den am 1. Oktober aus dem Dienst scheidenden Gemeinderechner wurde das dienstälteste Gemeinderatsmitglied Daniel Lud
wig Soinmerlad, ernannt, der ab 1. Oktober bis zur definitiven Besetzung der RechnersteUe die Amtsgeschäfte führen soll. Die jährliche Besoldung für den neuen Rechner beträgt ab 1. Oktober 1000 Mark, die Kaution, die der neue Rechner zu stellen hat, beträgt 10 000 Mk., die in liegendem Besitz bestehen soll. — lieber die eventuell zu errichtende A u t o I i n i e von der Bahnstation Großen» Buseck nach Beuern hat die Reichseifenbahngesellschaft neue Kostenberechnungen ausgestellt. Danach betragen die täglichen Unkosten der Linie mehr als 50 Mark, für die die Gemeinde die Haftung zu übernehmen hätte, während bei dem früheren Kostenvoranschlag nur 22 Mark für den Tag aufzubringen waren. Infolgedessen betrüge nach den neuen Berechnungen der Preis für eine Wochenkarte nach Buseck und zurück 3,60 Mark, ein Preis, der entschieden zu hoch erscheint gegenüber den Arbeiter- löhnen. Auch die Einzelfahrt mit 0,70 Mark zum Bahnhof Großen-Buseck ist entschieden zu teuer. Es wird also aller Voraussicht nach ein Vertrag mit der Reichsbahngesellschaft nicht zustande kommen und deshalb versucht werden müssen, mit den Gemeinden W i e s e ck und A l t e n - B u s e ck in Verbindung zu treten wegen der Durchführung dieser Linie bis nach Beuern. Auch mit der R e i ch s p o st können Verhandlungen angeknüpft werden.
t Grünberg, 28. Sept. Bei der gestrigen städtischen Ob st Versteigerung waren die Gebote der massenhaft erschienenen Steigerer sehr lebhaft. Die Preise stiegen dementsprechend. Es wurde für einen Zentner Apfel — durchaus nicht beste Qualität — ungefähr 15 bis 18 bis 20 Mk. am Baum bezahlt. Die Kelteräpfel kosteten 4 bis 6 Mk. Birnen, die nur vereinzelt Vorkommen, waren ebenfalls gut im Preise. — Der hiesige Krieger verein veranstaltete am Sonntag ein Preisschiehen, zu dem eine Anzahl Vereine aus der Rachbarschaft erschienen waren. Der Kriegerverein Lauter war der Einladung nahezu vollständig gefolgt. Den ersten Preis erhielt Otto T r ö l l e r, Lauter, mit 97 Ringen, den zweiten Preis Otto Ma11hies, ©rünberg, mit 85 Ringen, den dritten Preis Schlosser, Lauter, mit 76 Ringen. Ferner schoß Karl Tröller, Lauter, die erste und Reinhard Haß, Grünberg, die zweite Ehrenscheibe.
ch L i ch , 28. Sept. Die S ch ü tz e n g e s e lisch a f t L i ch plant für die kommenden Sonntage auf ihren neuen Schießständen am Rodenschütt ein Preisschießen um den silbernen Pokal, den der Gießener Bruderverein der Licher Schützengesellschaft anläßlich der Einweihung der neuen Schießstände gewidmet hat. Der Preis ist als Wanderpreis gedacht und geht, nachdem er dreimal von demselben Schützen errungen worden ist, in dessen Eigentum über. Auch der Tontauben« stand soll bis dahin fertiggestellt sein, so daß auf demselben Schießübungen vorgenommen werden können. Ferner wird denjenigen Schützen, die noch nicht im Besitz der Festmünze sind, Gelegenheit gegeben, diese an den kommenden Sonntagen herauszuschießen. — Ein 16jähriger junger Mann hantierte am Montagmorgen mit dem geladenen Revolver. Plötzlich krachte ein Schuß los, und die Ladung durchschlug dem Jüngling die rechte Hand. Der schnell herbeigerufene Arzt Dr. Burger legte den ersten Verband an. Aus die in den letz- ten Wochen vorgenommenen Blutproben von hiesigen Rindviehbeständen ist den Besitzern der Tiere nichts Verdächtiges gemeldet wor-
den, so daß onzunchmen ist, daß die Lungen- s e u ch c endgültig erloschen ist.
)—( Hungen, 28. Sept. Hier tagte im Saale des „Darmstädter Hof" eine Vertreter- Versammlung des neugegründeten Hor - loff-Wettertal-Sängerbundes. Renn Bundesvereine waren vertreten. In nahezu dreistündiger Sitzung wurden die Satzungen des Bundes beraten. Da der erste Vorsitzende, Lehrer Mo x ter, Laubach, nach Dudenhoen bei Offenbach verseht worden ist, wählte man einstimmig den seitherigen zweiten Vorsitzenden, Jacob B ö- ch e r, Feldschüh in Ruppertsburg, zum ersten Bundespräsidenten. Alle anderen Vorstandsmitglieder behalten ihre Aemter.
I Lauter, 28. Sept. Unser junger Klein- kaliber-Schützenverein konnte auf dem Preisschießen in ©rünberg am Sonntag einen hervorragenden Erfolg erringen. Don den gestifteten 16 Preisen konnte unser Verein allein neun an sich bringen.
# Bellersheim, 28. Sept. Wie alljährlich, so ist auch jetzt wieder das waggonweise Verladen von Ob st an unserer Station Obbornhofen-Bellersheim in vollem Gange. Die Aepfelemte ist hier besser ausgefallen, als man anfangs annahm. Wenn oaich viele Baume völlig leer waren, so zeigten andere einen guten Behang, ja manche waren so sehr mit Früchten beladen, daß die Aeste zu brechen drohten und gestützt werden mußten. Die Dirnenernte ist sehr reichlich ausgefallen. Dagegen ist die Zwetschen- emte gering.
# Obbornhofen, 28. Sept. Hier ist die Kartoffelernte beendigt. Man ist mit dem Ertrag sehr zufrieden. Run sind noch die D i ck - Wurz, die sich ebenfalls sehr gut entwickelt haben, einzuernten, so daß dann die Erntearbeiten für dieses Jahr beendigt sind.
Kreis Büdingen.
!! Büdingen, 28. Sept. Rachdem fast alle beteiligten Gemeinden ihre Kostenanteile an der Projektierung der Kleinbahn Bübin g e n—Oberfeemen übernommen hatten, sand dieser Tage in Kefenrod eine erneute Besprechung unter dem Vorsitz des Kreisdireltors Dr. Gähner, Büdingen, statt. In dieser Versammlung wurde der Antrag gestellt, die Dahn von W e n i n g s—R iederseeme n—111 n - Hause n—F ischborn nach B i r ft e i n zu leiten und sie dort in die bestehende Kreisbahn Wächtersba ch—B i r ft e i n einmünden zu lassen. Der Antrag fand um so mehr Zustimmung, als die Gemeinde Oberseemen der neuen Bahnlinie kein allzu großes Interesse entgegenbrachte. Der seitherige Plan soll jedoch im Auge behalten werden. Weiter wurden verschiedene Wünsche hinsichtlich der Linienführung von Wenings vorgebracht, das den Bahnhof näher an den Ort haben will. — Aehnlich ist der Stand der Verhandlungen hinsichtlich des Baues der Kleinbahn Bübin ge n—H a * n a u. In diesem Falle hat vorerst das Landratsamt Hanau eine ablehnende Haltung cingenom- inien, während die hessischen Gemeinden fast durchweg die Kosten übernommen haben. — Das langjährige Gemeinderatsmitglied Iu- stizinspektor Otto Walther muhte infolge Versetzung nach Alzey aus dem Amte scheiden. An seine Stelle wurde Schlossermeister August Schulz in den Gemeinderat ausgenommen. — Gegenwärtig werden von der Reichsfinanzverwaltung zwei Wohnhäuser in Bübingen errichtet; bas eine wirb bie Dienstwohnung des Amtsvorstehers, das andere ein Beamten» haus. — Die Wasserverbesserungskommission des Gemeinderats wurde beauftragt, wegen des Erwerbs der dem Fürsten zu Psenburg und Bübingen gehörenden Pferdsbachquelle weitere Schrttte zu unternehmen.
Ribba, 28. Sept. In vergangener Woche wurde aus einer verschlossenen Schublade in einer Mansarde der Bahnhofstraße ein größerer Geldbetrag entwendet. Die Vermutung liegt nahe, daß ein Bettler, dessen Spur man verloren hat, als Täter in Frage kommt.
Kreis Schotten.
t Gedern, 28. Sept. Der Spenglermrister Jean Lerch von hier war an einem Hause in der Marktstrahe mit dem Anbringen einer Dachrinne beschäftigt. Hierbei brach b ie Leiter,
Das grotze Würfelspiel.
[ (IHartina HHlcmar.)
[ Roman von Franz Xaver Kappus.
2. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Danke", sprach der Unbekannte.
Carsten duckte sich und schwieg.
Längst zog das Flugzeug über festes Land. In friedlichem Sonnenschein lag unten die Welt. Winzige Eisenbahnzüge krochen mit dünnen Wölkchen dahin. Zwischen Feldern und dunkeln Waldbeständen klebten Fabriken, Dörfer und Städte. Zarte Flußläufe blinkten in der Ferne.
Plötzlich richtete Carsten sich auf. Das Gesicht dem Fremden zugekehrt, fragte er: „Was halten Sie von einem Menschen, der mit Grundstücken und Häusern spekuliert?"
„Es ist ein Beruf wie jeder andere. Auf die Methode kommt es an."
Unheimlich lachte Carsten.
„Da haben Sie es: auf die Methode! Wollen Sie meine Methode kennen? Sie ist erprobt und bewährt. Zwanzig Millionen hat sie mir bisher eingetragen. Eine Million in neunzehn Jahren und neunzehn Millionen in einem Jahr. Zufällig war das während der Inflation.
Die Mundwinkel des Fremden fielen herab. „Sehr nett", sagte er.
„Nun— Ihre Meinung? Ohne Umschweife, glatt heraus!" Aus dem Augenwinkel schielte Carsten nach dem anderen. „Was halten Sie von so einem?"
„Daß er ein Schurke ist."
, Bravo! Ja, ein Schurke! Und wert, an der tiefsten Stelle des Kanals zu ersaufen."
Der Unbekannte zuckte die Achseln.
„Morgen werden Sie anderer Ansicht sein. Mor> den drehen Sie eine neue Sache. Lassen Sie erst eine Nacht vergehen. Solche Reaktionen verflüchtigen sich rasch."
Langsam und mit sonderbarer Betonung sagte Carsten: „Ich glaube nicht." Während er auf einen Punkt starrte, wiederholte er immer wieder: „Ich glaube nicht."
„Abwarten."
Schwer schluckte Carsten.
„Ueberhaupt dieses Leben — ein Hundeleben eigentlich."
„Um das man zittert und bebt."
„Hihi", lachte Carsten im Diskant. „Das ist es ja. Wenn man reich ist, verwechselt man alle Begriffe. Weil man Geld hat, glaubt man selber aus Gold zu sein, so einzigartig und kostbar. Und ist in Wirklichkeit doch nur ein armseliges, jämmerliches Stück Mensch. Schauen Sie mich an, wie ich da sitze: dreiundfünfzig bin ich erst und schon ein alter, verbrauchter Mann. Seit einem Vierteljahrhundert laufe ich dem Geld nach, immerfort, atemlos. Und was hab' ich davon? Nichts. Nur immer ärmer bin ich geworden, nur immer verlassener. Je mehr einer hat, um so einsamer muh er ja sein. Nur sein Reichtum zieht an oder stößt ab. Er selbst liegt auf bem Boden, plattqebrüdt von seinem (Selb, ohne Beziehung zu den Menschen. Das ist die Geschichte."
Erschöpft sank Carsten zurück.
Stille legte sich zwischen die beiden. Stunde um Stunde hatte nur der Motor das Wort. Eintönig hämmerte der sein Lied über Berge, Täler und Städte. Dann und wann fing Carsten wieder zu reden an. Aber der Fremde antwortete nicht. Trotzdem suchte Carsten immer aufs neue den Blick dieser klaren, grauen Augen.
Knapp vor Berlin sagte der Unbekannte: „Vielleicht merken Sie sich den heutigen Tag."
„Verachten Sie mich sehr?"
„Verachten?" Der Fremde lächelte eigen. „Nicht mehr als sich selbst."
Glatt landete das Flugzeug fünf Minuten spater auf dem Tenlpelhoser Felde. Der Fremde grüßte kurz und sprang die kleine Treppe hinab. Mit raschen Sätzen eilte Carsten ihm nach. „Mit wem habe ich das Vergnügen gehabt?"
„Doktor Morell", sagte der andere und ging auf das nächste Mietauto zu.
III.
Ruhelos schritt Julie Wilemer durch die Zimmer. Nie noch war ihr die Wohnung so schön erschienen. Jedes Möbelstück hatte auf einmal sein eigenes Leben, verflochten und verwachsen mit dem ihren. Daß man das früher nicht empfunden hatte: es war unfaßbar.
Aber Lily lächelte überlegen.
„Es bleibt nichts anderes übrig, Mama: verkaufen ober vermieten. Wir werden vermieten, weil es das Vernünftigere ist." Sie trat vor die Mutter hin. „Sag doch selbst: Wozu brauchen wir jetzt zehn Zimmer? Werden wir noch Gesellschaften geben? Und das eine Mädchen — wie soll ein Mädchen die Arbeit zwingen?"
Frau Julie reckte die hohe, schlanke Gestalt.
„Wie wenig die Rolle mir liegt", sprach sie bitter. „Egal: was können die sechs Zimmer ein» bringen?"
„Fünfhundert Mark sind das mindeste. Es können aber auch sechshundert oder siebenhundert sein. Und das ist viel Geld heute. Mit siebenhundert Mark kann man zur Not leben."
„Danke für die Aussicht."
„Ich spreche von Möglichkeiten", sagte Lily. „Man muß alles ins Auge fassen. Ich glaube übrigens nicht, daß noch etwas zu wollen ist. Der arme Papa — vergeblich läuft er sich die Beine ab. Nach dem Ergebnis der Gläubigerversammlung besteht wenig Hoffnung."
„Wie leicht du das alles sagst!" Julie Wilemar ließ sich in einen Fauteuil fallen. Sie legte den Kops zurück und schloß die Augen.
Lily fragte: „Beweist das, daß ich es auch leicht nehme?"
„Es scheint so."
„Tralala! Manches scheint und ist doch anders." Die Hände hinter dem Lockenkopf verschlungen, schritt Lily mit weiten, federnden Bewegungen durch das Zimmer. „Was mich betrifft: ich finde mich nicht ab." Dor einem Spiegel blieb sie stehen und lächelte ihrem Ebenbild zu. „Was ich jagen wollte: Hutchinson ist feit vorgestern in Berlin. Vielleicht mietet er bie Zimmer. Ich will mal sehen."
Lily klingelte das Eden-Hotel an. Aber der berühmte Filmmanager war ausgegangen.
„Schade."
„Wie kommst du auf Hutchinson?"
„Seit Heringsdorf halte ich mir ihn warm. Ein paar Ansichtskarten, ein paar nette Worte dann und wann: du weißt, wie er hinter mir her war. Gestern traf ich ihn zufällig bei der Gedächtnis- lirche."
„Bleibt er lange?"
„Vielleicht drei Monate, vielleicht vier. Er hat große Dinge vor. Diese Leute stecken immer voll neuer Pläne."
Diese Leute, dachte Julie. Nun zählte man nicht mehr zu der Sorte. Nun war auch bas Plänemachen vorbei. Wenn man Zimmer vermietete, um leben zu können, hatte man kleine, erbärmliche, schäbige Sorgen. Autotouren, Heringsdorf, Ostsee — wie weit lag das alles schon zurück. Eine Welt war versunken. Noch einmal winkten festlich gekleidete Menschen Abschied. Noch einmal blitzten Edelsteine in der Ferne und erloschen wie Sternschnuppen.
„Ich will nicht, daß Hutchinson hier wohnt", sprach Julie vor sich hin. Der bloße Gedanke war ihr unerträglich. Auf großem Fuß hatte man früher gelebt, nichts war gut genug, nichts zu teuer gewesen. Und jetzt — das veränderte Bild: nein. Doch gleich hinterher lächelte Julie. Was bedeutete der einzelne Mensch? Wußten nicht alle, auf die es ankam, gerade genug? Man hatte bei den Herbstrennen in Hoppegarten und Karlshorst gefehlt; man war bei den ersten Premieren vermißt worden; man mied die Gesellschaftsabende im Esplanada und Adlon. Mit der Hand strich Julie durch die Luft. „Meinetwegen," sagte sie mit dem Blick immer auf demselben Punkt, „meinetwegen kann es auch Hutchinson sein."
Aber Lily war schon aus dem Zimmer gegangen.
Dämmerung sickerte herein.
Julie stand auf und trat an das Fenster.
Voll Menschen war der Kurfürstendamm. Hinauf und hinunter schwirrten die Autos. (Selbes und brandrotes Laub schaukelte gleichmütig nieder. Erste Lichter blinkten zwischen den halbentblätterten Bäumen.
„Du lieber Gott", seufzte Julie leise. Etwas in ihr spannte sich. Wie hatte Lily gesagt: Ich finde mich nicht ab! Und sie sollte sich abfinden? War sie schon so aÜ? War sie häßlich? Gab es nicht Dutzende, die sie begehrten? Und das pochende Blut in ihr — und draußen das heiße, drängende Leben: gehörten die zwei nicht zusammen: Man mußte nur wollen. Man durfte sich nicht unterkriegen lassen. Man durfte nicht kleinlich sein.
Doch jeder neue Tag gemahnte an bie Wirklichkeit.
(Fortsetzung folgt.)


