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Nr. I?5 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Donnerstag, 29. Juli 1926

Gichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Vrvck und Verlag . Vrühl'fche Umverfitäts-Buch' nnö Zteindruckerei R. Lange in Siehen. Lchriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für \ mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re- klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspsennig, Platzvorschrift 20°, mehr

Chefredakteur:

Dr. Friedr. Wikh. Lange. Verantwortlich sür Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriol; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An­zeigenteil Hans Füstel, sämtlich in Bietzen.

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertag». Beilagen:

Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

AronatS'Bezvgrprets:

2 Reichsmark und 20 Reichspfennig für Träger-, lohn, auch bei Richter- scheinen einzelnerRummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: öchristleitung 112, Der» lag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach­richten: Anzeiger Gießen.

postscheiNemto: Frankfurt am Main 11686.

Neue Wege zur Erforschung -er lkriegrschuldfrage.

Berlin, 28.3uli. (Wolff.) Die durch die Aktenveröffentlichung des Auswärtigen Amtes und durch das allmähliche Zutagetreten ergänzen­der Schriftstücke in anderen Ländern genährte und geförderte Untersuchung der Kriegsschuld- frage hat in der deutschen Oeffentlichkeit durch die Dorträge eine besondere Aktualität erhalten, die der amerikanische Llniverfitätsprofessor Harry Glmer Barnes, der Verfasser des WerkesThe Genesis of the World War" in den beiden letzten Tagen in Berlin hielt. Das Werk dieses Ge­lehrten, der die Kriegsschuldfrage ohne jede po- littsche Stellungnahme zum Gegenstand wissen­schaftlicher Forschung gemacht hat, wird dem­nächst in deutscher Sprache erscheinen. Seine Schlußfolgerungen, wonach Deutschland nur im geringsten Maße für den Ausbruch des Weltkrieges verantwortlich ist. während sich in die Hauptschuld Auhland und Frankreich, an zweiter Stelle Oesterreich-Tlngarn, teilen, erheben Anspruch auf vollkommenste Objektivität. 3m engeren Kreise gab Professor Barnes dann einen Tieberblick über die Ent­wicklung des Problems unter dem Gesichts­winkel der historischen Forschungsarbeit, an der übrigens Frankreichs Gelehrte überragend be­teiligt seien. Dabei wird auf die auffällige Ab­stufung hingewiesen, mit der die einzelnen am Kriege beteiligten Mächte der moralischen Forde­rung nach einer Oeffnung dieser Archive entsprechen. Es sei mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten, daß eine Vervollständigung der russi­schen Aktenstücke und ihre Zusammenstellung mit den bisher amtlich nicht herausgegebenen ser­bischen Dokumenten die Darnessche These als richtig erweisen würde, wonach z a r i st i s ch e Behörden im voraus von dem Atten­tat von Sarajewo gewußt hätten, also die bewußte Entfesselung der Katastrophe Ruß­land vollständig zur Last fiele.

Jedenfalls ist die wissenschaftliche Erforschung der Kriegsschuldfrage, die an sich mit dem deutschen Kampf gegen das Stigma des Versailler Vertrags und den auf ihm aufgebauten materiellen Folgen nichts zu tun hat, seit einiger Zeit in ein aussichts- reicheres Stadium eingetreten. Rach den Vor­schlägen des amerikanischen Gelehrten sollen die Forscher der verschiedensten Länder, die sich vom historischen und juristischen Standpunkte mit der Schuldfrage befassen, zunächst in neutralen Städten zu regelmäßigen Kongressen zusammentreten, um durch Austausch und Ergänzung ihrer Forschungsergeonisse in abseh­barer Zeit zu einem objektiven Resultat zu gelangen.

*

3n München hielt Prof. Barnes in einer vom akademischen Arbeitsausschuß für den deut­schen Aufbau und vom Arbeitsausschuß deutscher Verbände veranstalteten Kundgebung im Audi­torium Maximum der Münchener Universität ebenfalls einen Vortrag über die Kriegsschuld­frage. Er wies darauf hin. daß die moralische Reinigung Deutschlands die Straspara- graphen des Versailler Vertrages e s e i t i g e n und die Reparattonsfrage in völlig neues Licht stellen würde. Der Dawesplan sei nur ein kleines Bemühen, die Strafe eines Mannes zu vermindern, den alle als unschul - dig erkennen. Barnes trat weiter für die Rück­gabe der deutschen Kolonien unter einem Mandatssystem ein. Rotwendig werde es auch sein, die in der Ratur der Dinge begrün­dete Vereinigung Deutschlands mit Oesterreich zu gestatten, wenn diese beiden Länder die Vereinigung wünschten. Die Gerech- ttgkeit fordere es weiter, daß den deutschen Be­wohnern Südtirols ihre kulturelle persön­liche Freiheit gesichert werde. Der Kundgebung folgte ein Empfang beim bayerischen Minister­präsidenten, der auch dem Vortrage beigewohnt hatte, zu dem hervorragende Vertreter des poli- ttschen und kulturellen Lebens Bayerns geladen waren.

Ein Aufruf für die europäische Verständigung.

Berlin, 28. Juli. (Wolff.) Der Verband für die europäische Verständigung veröffentlicht einen Ausruf, in dem es heißt:

Das Zeichen für die Aussöhnung der euro­päischen Völker ist mit dem Vertrage von Lo­carno gegeben. Dieses Derständigungswerk hat selbst die Genfer Krisis überstanden. Der Ver­lauf und das Ergebnis der Versammlung von Gens haben aber dargetan, daß auch innerhalb dieses erdumspannenden Staatsverbandes der Kreis der europäischen Völker sich gesondert verständigen muß. Die Schöp­fer des Vertrages von Locarno nennen ihr Werk selber einen Anfang. Sie erklären: Die Re­gierungen können nur die Wege ebnen. Der Zusammenschluß zu posittver Zusammenarbeit muß das Werl der Völker sein. Das deutsche Volk ist bereit, seine Lebensinteressen auf dem Wege weiterer Verständigungsarbeit zu sichern. Andererseits haben die^ übrigen Döl.er beginnen, daß eine Weiterentwicklung Europas o 1) n c einen vollen Ausgleich mit Deutsch- l a n d unmöglich ist. Soll aber die neue Ordnung, die zur allgemeinen A b r u ,t u n g führen muß. von Dauer sein, so muß die (SelDiu- heil geschaffen werden, daß die moralischen Ga­rantien, die an die Stelle der militärischen treten, von keiner Seite verletzt werden. Dies kann nur durch eine Vertiefung der Gedanken des Friedens und der Solidarität sowie durch eine

der Kampf Elsah-Lothringenr um Autonomie.

Der Kampf der französischen Regierung gegen die Autonomiebe'strebungen in Elsah-Lothringen, denen durch die Gründung des elsaß-lothringischen Heimat­bundes eine festere Grundlage gegeben wurde, erhält dadurch eine besondere Rote, daß Herr P o i n c a r 6 an die Spitze der Pariser Regierung getreten ist und in einer der ersten Kabinetts­besprechungen hat beschließen lassen, daß die elsaß-lothringischen Angelegenheiten, die bisher dem Justizministerium angegliedert waren, in Zukunft direkt dem Ministerpräsidenten unterstellt werden. Das bedeutet, daß der Kampf in Zukunft mehr noch als bisher unter der Parole geführt wird, deutsche Machen­schaften steckten hinter der ganzen Bewegung. Hinter dieser Losung soll die Tlnfähigkeit der französischen Regierung verborgen werden, der es nicht gelungen ist, in sieben Jahren fran­zösischer Herrschaft eine engere Verbindung zwi­schen dem sogenannten Mutterlande und Elsah- Lothringen herzustellen.

Obgleich die französische Regierung vor sieben Jahren erbarmungslos alle diejenigen deutschen Elemente aus dem Lande entfernte, die ihr be­sonders verdächtig erschienen, weiß sie heute keinen anderen Rat, um die Bewohner von Elsaß-Lothringen gefügig zu machen, als mit den härtesten Strafen gegen alle diejenigen vor­zugehen, die offen aussprechen, wie die Dinge heute in Wirklichkeit liegen, daß die Assimila­tionsbestrebungen Frankreichs darin gipfeln, das Volkstum zu vergewaltigen. Für Paris ist es freilich äußerst peinlich, daß nun aller Welt offenbar wird, daß sich die Elsaß-Loth­ringer unter der Herrschaft Frankreichs gar nicht wohlfühlen, daß ihnen vielmehr all die Errungen­schaften, die noch von der deutschen Herrschaft herrühren, wieder geraubt werden. Beim Ein- rücken in das Land im Rovember 1918 hatten sie alle Welt glauben gemacht, daß das elsaß- lothringische Volk in seiner übergroßen Mehr­heit den Franzosen zujubele. Die Elsaß-Loth­ringer traten damals dieser Auffassung nicht entgegen, weil sie durch den jähen Zusammen­bruch des deutschen Widerstandes gelähmt waren.

Aus dieser peinlichen Lage sieht man nur dadurch einen Ausweg, daß man die Deutschen verdächtigt, sie hätten zur älnzufriedenheit mit den französischen Regierungsmethoden aufgeheht und daß man mit den strengsten Strafen gegen alle die vorgeht, die den Aufruf des Heimat­bundes unterzeichnet haben. Daß deutscher Ein­fluß die Autonomiebewegung ins Leben gerufen hat, ist ein ganz abwegiger Gedanke. Deutschland kann gar kein Interesse daran haben, sich des­wegen in Unkosten zu stürzen, da die Autonom misten ja ihre Selbständigkeit im Rahmen des französischen Staates erstreben. Aber die französische Regierung wiegt sich auch in einem falschen Glauben, wenn sie hofft, mit Gewaltmahnahmen die Bewegung aus der Welt schaffen zu können. Die Terrorakte bewirken ledig­lich. daß' sich die TInzufrfebenen, deren Zahl riesengroß ist, enger zusammenschliehen, um ge­meinsam den Kampf zu führen. Roch nie ist eine im Gefühl des Volkes begründete Bewegung durch Gewalttaten behindert worden. Das wird auch Herr Poincarö noch merken, der bei seinem Deutschenhaß der ungeeignetste Mann dafür zu sein scheint, diese Volksbewegung in Dahnen zu lenken, die Frankreich zum Vorteil gereichen kann.

Die großen Kundgebungen in Straßburg gegen die Sanktionspolitik der Pariser Zentral­regierung sind Beweis genug, daß man mit solchen Mitteln nicht toeitertemmt. Auch Herr Herriot scheint als Llnterrichtsminister nicht der rechte Mann zu fein, der durch geeignete Maß­nahmen die Wellen des Tlnwillens glätten könnte. Denn auch für ihn gibt es keine Berech­tigung der deutschen Sprache in Elsaß-Lothringen, die doch die Muttersprache der Bewohner dieser Provinzen ift Der Kampf geht unerschüt­terlich weiter, bis Frankreich einsieht, daß es auch innerhalb seiner Grenzen die völkischen Rechte der Minderheiten voll und ganz zu wah­ren hat.

Der Kolmarer Heimatbund- prozetz.

Berlin, 29. Juli. Wie die Morgenblätter aus Paris melden, hat am Mittwoch vor dem

Berslechtung der Wirtschaften erreicht werden. Für beide Ziele will der Verband für die euro­päische Verständigung alle Kreste unseres Volkes sammeln, die die Berstandigungiarbeit zu fördern bereit sind. Dieser Verbann ist soeben im Ein­vernehmen mit gleichstrebenden Gruppen anderer Völker ins Leben gerufen worden.

Der Aufruf ist von zahlreichen Persönlich­keiten aus allen Gebieten des öffentlichen Lebens unterzeichnet. Von den Unterzeichnern seien ge­nannt: Reichskanzler Dr. Marx, Reichs­außenminister Dr. S t r e f e m a n n. Reichswehr- minister Gehler, Reichskanzler a. D. Wirth, Reichsiinanzminister Reinhold, Reichsinnen­minister Dr. Külz. Reichskanzler a. D. Dr. Luther, Reichstagspräsident L ö b e, Staats­minister a. D. Prof. Lindemann (Köln), Reichsminister a. D. Koch. Reichsminister a. D. Köth, Reichsminister a. D. K ö st e r, deutscher

Bezirksgericht in Kolmar der Prozeß gegen einen der Hauptunlerzeichner des Aufrufes des Hei­matbundes, den Vorsitzenden des Elsaß-Lothrin­gischen Deamtenverbanbes Professor Rvss 4 , be­gonnen. Unter ben 40 gelabenen Entlastungs­zeugen sind auch mehrere elsaß-lothrin­gische Abgeordnete. Der Angeklagte be­stritt entschieden, daß der Aufruf einen An­griff auf die nationale Einheit dar- stelle und behauptete seinen Standpunkt nach Form und Inhalt aufs Bestimmteste. Der Adg. Müller führte als Zeuge aus, bah das Ver­langen nach einer föderalistischen Auto­nomie dem Staat kein Recht zu Ver­folgungen gebe und nichts anderes sei, als der Rot schrei einer ganz unnötig auf geopfer­ten Generation.

(Ein neuer Aufruf des Heimatbundes.

Straßburg, 29. Juli. (Priv.-Tel.) Die Leiter des Heimatbundes, R i ck l i n und K e p p i, haben eine Offensive zugunsten der elsässischen Autonomie ergriffen. Tausende von Flugblättern werden auf Straßen und Plätzen und an den Ausgängen der großen Aemter und aller großen Unternehmungen mit einem neuen Aufruf ver­teilt. Der Ausruf des Heimatbundes wendet sich an alle Elsässer und Lothringer und erinnert sie an den \jegen den Heimatbund gerichteten gewalttgen Feldzug, geführt mit den niedrig­sten Mitteln, die je im politischen Kampfe Ver­wendung gefunden haben".Warum dieser Eifer? Wozu dieser Aufwand? Man will nicht nur die Männer, die das autonomistische Mani­fest unterzeichnet haben, vom politischen Leben abdrängen, sondern auch und dies ganz besonders den Gedanken des Heimat­rechtes, den Stolz und das Selbstbewußtsein des elsaß-lothringischen Volkes, erwürgen!... Elsässer und Lothringer! Es ist Zeit, daß auch Ihr endlich ein Wörtlein in Euren eigenen An­gelegenheiten mitredet! Cure Ehre und Eure Interessen gebieten Euch in dieser Stunde Mut und Entschlossenheit. Laßt Euch nicht beirren! Seid einig gegen Eure Feinde! Tre­tet dem Heimatbunde bei!

Was will der Heimatbund?... Er will Elsah-Lothringen denElsah - Lothringern geben, ohne dadurch unsere Zugehörigkeit zu Frankreich irgendwie in Frage zu stellen. Um eine haltbare Unterlage für die Lösung der vorgezeichneten Aufgaben zu schaffen, hat er öffentlich ausgesprochen, was schon längst be­kannt war und was jeder aufmerksame Besucher unseres Landes sofort sieht, dah wir Elsah-Loth- ringer in Frankreich eine nationale Min­derheit bilden. Was ist dabei Schlimmes?

Ist es etwa nicht wahr, dah wir uns durch Sprache, Anschauungen, Sitten, Gebräuche, kurz in allem, bis zur Bauart unserer Dörfer und Städte, von den Jnnerfranzosen un­terscheiden? Das sind doch altbekannte Tat­sachen! ..."

Unterzeichnet ist der Ausruf wiederum vom Präsidenten Dr. Ricklin und vom Generalsekretär I. Keppi.

Der Frankensturz in Elfast-Lothringen.

Straßburg, 28.Juli. (TU.) Die elsaß-loth­ringische Presse bespricht eingehend die panikartigen Vorgänge, die sich in den legten Tagen beim Sturz des französischen Franken abspielten und zu den schwer st en wirtschaftlichen Störun­gen führten. Das Publikum stürmte im ganzen Lande die Sparkassen und Banken, um Geld abzu­heben und Waren einzu kaufen. So hat die Straßburger Sparkasse an einem einzigen Tage 1600 000 Franken ausgezahlt und nur 150 OOO Franken eingenommen. In sämtlichen größeren Städten Elsaß-Lothringens mußten die Sparkassen ihre Zahlungen einstellen und das Kündi­gungsverfahren einführen. In einigen Blät­tern wird die Sperrung der Grenze und die Erhöhung der Paßgebühr gefordert.

Gesandter in Riga, Staatssekretär z. D. Kemp» k e s. Reichsminister a. D. Gisberts, Gothein, Graf D e r n st o r f f, Professor Baumgarten (Kiel), Dr. Gertrud Bäumer, Ministerialrat M. d. R. Professor Albert Einstein (Berlin), Anton Erkelenz. M. d. R., Dr. Earl Fritz, Erzbischof von Freiburg L Br., Gerhart Haupt­mann. Oberprgsident H ö r s i n g, Professor Leo­pold I e h n e r, Intendant des Preußischen Staatstheaters, Gras Harry Kehler. Gesandter z. D., Th. Lei Part, Vorsitzender des Allge­meinen deutschen Gewerkschastsoundes. Ober­präsident R o s k e (Hannover). Geheimrat Fried­rich Payer (Stuttgart), Bürgermeister Peter- s e n (Hamburg), der preußische Innenminister Severing, Reichsgerichtsvräs.dent Simons. Ministerialdirektor S p i ck e r, der preuhische Han­delsminister Dr. Schreiber usw.

(Eine internationale Schuldenkonferenz.

Revision des Dawesplanes und der interalliierten Tchuldenabkoinmen.

London, 28. Juli. (111.) Die Londoner Abend­blätter veröffentlichen in großer Ausmachung eine aus Paris flammende Meldung, nach der in inter­nationalen Jinamfreiicn angeregt worden fei, eine internationale Schuldenkonseren; für Ende dieses Jahres einzuberufen. An ihr sollen England, Frankreich, Italien, Bel­gien, Amerika und Deutschland teilneh­men. Aus der Konferenz soll vor allem eine R e - oiilon des Dawesplans und der inter­alliierten Schuldenabkommen erörtert werden. Man wird dabei prüfen, wie die Fran­ken st abilisierung und die Ausgleichung des nächstjährigen englischen Budgets erleichtert werden könne. Geprüft soll auch die Frage werden, ob es möglich ist, die deutschen Eisenbahn- Obligationen zugunsten der Schuldnerslaaten der Allierten in Amerika auf dem internationalen Geldmarkt unterzubringen. Die englischen Blätter beschränken sich lediglich auf die Wiedergabe dieser Meldung. Auch in politischen Kreisen Englands übt man in der Angelegenheit starke Zurückhaltung.

Amerikas Schuldenpolitik. Kein Nachgeben in der Schuldenfrage. Amerika und Versailler Vertrag.

Baris, 28. Juli. (TU.) Rach Meldungen aus Washington hat Präsident E o o l i d g e den gegen­wärtig in der Bretagne weilenden Staatssekretär Mellon wissen lassen, er halte es für notwendig, dah Mellon nach Paris gehe, um mit der fran­zösischen Regierung Berhandlungen über die Schul­denfrage zu führen. Ferner verlautet, dah die ame­rikanischen Botschafter in London und Paris sich in der nächsten Woche nach Washington begeben, um mit Loolidge über die Schuldensrage zu verhandeln. Die Auffassung des Präsidenten Loolidge in der Schuldenfrage wird dahin gekenn­zeichnet, dah dieser das bisherige Entgegenkommen der Bereinigten Staaten gegenüber den europäischen Schuldnern für so weitgehend halte, dah ein wei­teres Entgegenkommen nicht mehr m ö g 1l dj sei. Er beabsichtige deshalb nicht, an dem bisherigen Schuldenabkommen Abänderungen oder sogar eine völlige Annullierung der Ab­kommen zuzulassen.

Auch Senator Owen wendet sich in einer Er­klärung erneut gegen die Angriffe auf die ameri­kanische Schuldenpolitik. Lr betont, dah Amerika bei den Berhandlungen in Versailles keine Repa- rationslei ft ungen verlangt habe, wie es die Alliierten getan hätten. Sie hätten die am 4. Rovember 1918 Deutfdjlanb gegebenen Verspre­chungen, durch die Deutschland zur wafsensireckung veranlaßt worden sei, mit Füßen getreten. Gerade der Versailler Vertrag verhindere den Ein­zug eines neuen vertrauens unter den Volkern Europas. Deutschland könne nicht an die Redlichkeit der Führer der ehemals feindlichen Staaten glau­ben. Amerika dürfe keine neuen euro­päischen Bündnisse wieder eiugehen. Der Weltkrieg sei nicht ein amerikanisck-er Krieg ge­wesen wie er ein englischer, französischer, italieni­scher oder russischer Krieg gewesen sei. Er habe die Welt nicht für die Demokratie reif gemacht. Am Schlüsse der Erklärung heiht es:Der Weltkrieg ist durch eine Verschwörung russischer Imperialisten mit Unterstützung französischer und britischer 3m- perialifteu entstanden."

Poineares Finanzvorlage im Kammerausschuß.

Paris, 29. Juli. (TU.) Die Finanzkom­mission der Kammer hat gestern nachmittag den Finanzminister über die Regierungstrojeite ge­hört. Poincare ergriff das Wort zu einem dreistündigen Expose, in dem er die einzelnen Paragraphen der Finanzvorlage kommentierte. Poincare erklärte, dah bei der Einbringung der Finanzvorlage die EÜenntnis maßgebend war, daß sofortige Einnahmen not tun. Die Regierung war aus diesem Grunde gezwungen, neue i ndirekte Steuern vorzuschlaqrn. Als Regierung der nationalen Einigung sah sie sich jedoch veranlaßt, diese indirelten Steuern durch die Ausstellung direkter Steuern aus­zugleichen. Poincarö hat weiterhin mitgeteilt, daß die Regierung mit der Zeit auch eine Besteue­rung des Besitzes plant. Es handelt sich hierbei nicht um eine eigentliche und direkte Kapitalsteuer, da der mittlere und kleinere B:siy von der Maßnahme verschont bleiben soll. Im Hinblick auf die Erhöhung der Beamtengehälter bemerkte Poincare, daß die Regierung die Ver­sprechungen ihrer Vorgänger halten werde und die vorgeschlagene Erhöhung keinen definitiven Charatter trage. Weiter sah sich Poincarö ver­anlaßt,

die Stellung des Kabinetts zu den Schulden­abmachungen mit England und den Vereinigten

Staaten

zu charakterisieren. Die Ratifizierung dieser Ab­machungen soll nicht vor September, also nicht vor Ende der gegenwärtigen Sestion in der Kammer beantragt werden. Im übrigen lieh es Poincare bei der allgemeinen Zusi.rerung bewenden, dah Frankreich nur nach Maß­gabe seiner Zahlungsfähigkeit die aus den Abmachungen sich ergebenden Verpflich­tungen erfüllen werde. Poincare ergänzte seine Erklärungen mit der Feststellung, dah die Re-