Das große Würfelspiel.
Martina Dilemar.)
Roman von Franz I a d e r Kappus.
27 Fortsetzung Nachdruck verboten
Zwei Finger legte Martina auf den Unterarm der Schwester. „Vielleicht ist daheim Nachricht von Benno", sagte sie und spürte, wie ihr Blut stockte. Niemals würde ja von Benno wieder Nachricht kommen. Er mußte tanzen: bis in alle Ewigkeit würde er dort unten tanzen. „Ich telephoniere rasch." .
Nach ein paar Minuten kam Martina zuruck. Ohne ein Wort setzte sie sich auf ihren Platz.
Erst nach einer Weile fragte Lily mit den Augen. „Nichts", sagte Martina still und hoffnungslos.
XXL
Nooembernebel sanken.
Berlin zeigte sein mißmutigstes Gesicht. Dicker Drei klebte auf den Gehsteigen, die Automobile schleuderten ekle Schmutzhallen, kurze Windstöße fegten um die Ecken. Bald peitschte körniger Regen das Anllitz, bald sickerte cs dicht hernieder, daß cs durch alle Kleidcr^ing, bald standen stille, schwere, undurchdringliche Mauern in den Straßen. Mühsam kämpfte die Lichtreklame mit der grauen, schwab- biqen Masse. Vorsichtig fuhren die Elektrischen, jeden Augenblick kamen die Kraftomnibusse ins Gleiten, brüsk rissen sich die Automobile mit den weiß glotzenden Scheinwerfern ihre Wege. Wie Automaten arbeiteten die Schupoleute an den Kreuzungen. In kleinen Bächen rann die Feuchtigkeit an ihren stumpf glänzenden Gummimänteln hinab. Unermüdlich hoben und strecklen sie die Arme
Immer lief Martina jetzt zu Fuß bis zum Potsdamer Platz. Die Bewegung tat wohl. Wie eingerostet waren die Gelenke nach den acht Stunden im Bureau. Das ewige Einerlei lastete noch lange auf den Sinnen. Kaum empfänglich waren Auge und Ohr für neue Eindrücke. Da war es ein angenehmes
Gefühl, so durch den Nebel zu stapfen, eingehülll in das flockende, undurchsichtige Kleid.
Aber es kamen auch Tage, an denen Martina das brauende graue Meer wie einen Kerker empfand. So eingesperrt war ja auch sie. Im engen Kreise lief ihr Tagwerk ab. Immer mehr verdichteten sich die Sorgen und die quälenden Gedanken. Bald starrten nur noch Wälle ringsum. In welche Richtung man sah: überall trostloses Mauerwerk ohne die kleinste Ritze für das Licht. War die Sonne gestorben?
Mit dem Kopf konnte man nicht hindurch. Doch vielleicht gab es andere Möglichkeiten. Vielleicht konnte man einen Verbündeten finden, der mit- half. Vielleicht war der Vater dieser Verbündete. Zuweilen schien es, als ob der Vater in seiner scheuen, wortkargen Art darauf wartete. Nur den Mund brauchte man zu öffnen. Dann würde er schon näher herankommen und mitanfassen. Vier Hönde schufen es vielleicht.
Was? Was sollten die vier Hände schaffen?
Martina preßte die Zähne in die Lippe. Staunend und zornerfüllt bemerkte sie, daß ihr die Klarheit abhanden gekommen war. Oder war es nicht nur Spiel der Gedanken, was ihr durch den Kopf ging? War es denkbar, daß man dem Vater die Augen öffnete? Warum sollte es nicht denkbar sein, überlegte Martina, warum nicht? Eine schmähliche, unwürdige Rolle war es, die der Vater spielte. Je mehr Zeit darüber hinging, um so schlimmer wurde es nur. Gewiß: es war hart — aber konnte sie dafür? Trug nicht die Mutter die ganze Verantwortung?
Man mußte mit dem Vater sprechen. Mußte ihm haarklein schildern, wie sich alles verhielt, schonungslos, ohne Erbarmen. Samt konnte man aus dem Haus. Erft dann.
Einmal, zweimal, zehnmal nahm Martina einen Anlauf.
Ernst Wilemar rieb die kurzsichtig-m Augen.
„Wo Mama die Zeit verbringt? Laste sie doch, Kind. Soll sie hier zu Hause sitzen? In dieser ver
nachlässigten, verstaubten Wohnung? Laste sie doch, Martina." Umständlich befestigte der Vater wieder den Kneifer. „Horst du noch manchmal etwas von Kreuth?" So hingesprochen war das wie die gleichgültigste Sache der Welt.
„Wenig, Papa."
Da war das andere. Die Mauern um Martina wuchsen und schlossen sich. Niemand konnte Vordringen zu ihr. Zu niemandem konnte sie hinaus. Den Verschütteten in Bergwerken mußte ähnlich zumute fein. Noch atmete man, noch lebte man. Der Körper tat seine Pflicht und ahnte kaum, was ihm drohte. Aber das Herz und die Gedanken: die rannten schon Sturm gegen die geschichteten Felsmassen. Verzweifelt hämmerten die tfäufte, aus voller Kraft brüllten die Lungen. „Hilfe! Hilfe!" Umsonst: kein Laut scholl von draußen. Nun rebellierte auch der Leib. Enger wurde die Luft, fürchterlich brannte der Durst, aufgewühlt jagte das Blut. Aber Todesangst lähmte die Arme, erstickte die Stimme. Ermattung kroch heran, Erschöpfung, Vergeblich alles. Man mußte sich in fein Schicksal ergeben. Zum letztenmal sammelte man die Gedanken. Und legte die Hände ineinander. Und betete.
Auch Martina betete in diesen Wochen.
Allmählich wuchs sie in eine fremde, harte Stille hinein. Wohl waren Dinge und Menschen wie früher: und doch hatten sie sich irgendwie verwandelt. Manchmal bestanden die Gesichter nur aus Ecken und Kanten. Spröd klangen die Stimmen der Herren im Bureau. Wie auf Glas arbeiteten die Schreibmaschinen.
Eines Tages klingelte Heddenhausen an. Sein kräftiges Lachen drang durch den Apparat. Wie es Martina immer noch ginge? Und ob sie einem Unglücklichen wieder einmal helfen wolle? Morgen fei ja Sonntag.
Martina wollte. Auf einmal blinkte ein Lichtpunkt.
Tags darauf Halle Heddenhausen eine neue verschrobene Idee.
„Wissen Sie, Fräulein Wilemar, wohin wir gehen? Sie werden staunen: in ein Familienkabarett, Nachmillagsvorstelluna. Kennen Sie die Paul- senstraße in Friedenau? Also dort spiell sich tue Angelegenheit ab. ,Das Flämmchen' heißt der Zauber."
„Höre ich zum erstenmal", versicherte Martina. Sie wußte nicht, was sie zu dem Vorschlag sagen sollte. Friedenau war weit.
Heddenhausen überlegte kurz. „Darf es eine Autodroschke fein?" Und schon winkte er den nächsten Wagen heran. „Ewig kann man ja doch nicht Rundfahrten machen", sagte er, als es durch die Kaiserallee ging. Bescheiden hatte er sich in seine Ecke gedrückt. „Ich war jetzt übrigens in Amerika", lächelte er nach einer Weile.
„Solange ist das schon her?" Verwundert blickten ihre blauen Augen. „Wann war denn das mit der Rundfahrt gewesen?"
„3m Juni, Fräulein Wilemar, am 18. Juni." Heddenhausen schüttelte den Kopf. „Die Zeit scheint Ihnen sehr rasch vergangen zu fein?" Einen Moment schwieg er. Langsam setzte er dann hinzu: „Sonderbar. In der Regel heißt es, daß nur dem Glücklichen keine Stunde schlägt."
Martina zwang sich zu einem Lächeln.
„Was haben Sie in Amerika gemacht, Herr Heddenhausen?"
„Dollar geschnorrt. Oder, wie es geschäftlich heißt: Kredite ausgenommen. Leidlich ist die Geschichte gegangen."
Sas Auto hielt vor dem „Flämmchen".
„Erschrecken Sie nicht, Fräulein Wilemar. Es ist ein Familienkabarett in Friedenau."
Das Lokal machte feinem Namen alle Ehre. Wie Flämmchen nahmen sich die spärlichen Glühbirnen an den Wänden aus. Gerade- sllmd eine kleine, viel zu geschminkte Person auf der Bühne. „Wer uns getraut . . fang sie mit spitzem Mäulchen. Ein schmaler Jüngling besorgte 'mit großartigem Ernst die Begleitung auf dem Pianino.
(Fortsetzung foiflta
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