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Das große Würfelspiel.
(Martina Wilemar.)
Roman von Franz Xaver Kappus.
1. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Benno faßte ihre Hand.
„Du sprichst wie ein Kind, Martina. Mit den armen Teufeln darfst du mich nichts vergleichen. Ich werde schon wieder etwas finden."
„Was willst du finden?"
„(fgal. Was sich bietet, nehme ich an."
„Und wenn sich nichts bietet?"
„Wär' nicht übel. Man hat ja noch ein paar Verbindungen von früher her, alte Regimentskameraden und so. Erinnere dich, wie ich zur ,2lwaa' gekommen bin. Es war die gleiche Geschichte. Irgendwo komme ich schon an. Wichtiger ist, daß du mir nicht umfällst. Du weißt doch, wie ich das meine?"
Die Tische hatten sich gelichtet. Benno rief den Kellner und bezahlte. Nur ein paar Bissen hatte er gegessen. Kalt stand der Tee vor Martina. Als ob sie sich schämte, leerte sie ihn jetzt in einem Zuge.
„Du weißt doch, wie ich das meine? Selbstverständlich werden sie auf dich einreden. Werden dir klar machen wollen, daß das keinen Sinn hat: so einer wie ich, der nichts ist, nichts hat: so einen muß man sich aus dem Kopf schlagen. Hast du daran schon gedacht, Martina?"
„Nicht nur gedacht."
„Und?"
„Sie werden mir nichts einreden, Benno."
„Dann ist's gut."
Fest drückte Benno den Arm des Mädchens an sich, als sie auf der Straße waren. „Wann sehe ich dich wieder. Liebes?"
„Uebermorgen vielleicht", antwortete Martina mit abgewandtem Antlitz. Sonderbar beklommen forschte sie auf einmal in den Zügen der vorübereilenden Menschen. Neu und gefahrdrohend schien ihr plötzlich alles. Wie Blut- und Schweißgeruch lag es in der Luft. Gewaltsam riß sie sich von jeder Gestalt los, an der ihr Auge haften wollte: von dem keuchenden Burschen, der verzweifelt sein hochbepacktes Dreirad trat, von der verhutzelten Frau mit den Blumensträußen, von dem Zeitungsoer
käufer an der Ecke. Was gingen bte fremden Menschen sie an?
Sie seufzte leise.
Benno verkürzte die Schritte. „Du glaubst doch an mich?"
„Es hängt nicht nur von dir ab", sagte sie stockend. „Man muß auch Glück haben. Es ist wie mit dem llebergang auf die andere Seite. Mancher wartet eine Ewigkeit, der andere ist im Augenblick drüben."
Benno lachte.
„Wollen mal sehen!" Kurz spähte er nach rechts und links. „Komm, Liebes." Fester schloffen sich eine Finger um ihren Arm. Ruhig und sicher tcuertc er mit Martina durch den Trubel der Kraft- ohrzeuge, Straßenbahnen und Lastfuhrwerke auf die gegenüberliegende Seite der Potsdamer Straße. „Haven wir es geschafft?" Seine starken Zähne blitzten. „So werden wir auch das andere schaffen."
Vor einem Hause mit vielen Schildchen verabschiedete sich Benno.
Wie betäubt stand Martina eine Weile.
Ein Kraftomnibus fuhr vorüber, ein zweiter, ein britetr. Die Haltestelle, dachte Martina — wo war die Haltestelle nur?
Hoch im Halse pochte ihr Herz.
II.
Donnerwetter — was war das?
Wieder neigte sich das Flugzeug zur Seite, wieder ächzte und knarrte die Kabine in allen Fugen. Stockfinster wurde es für einen Augenblick beiderseits der Fenster. Es war, als stünde der Apparat still. Doch gleich hinterher richtete er sich auf, wirbelte im Kreise und sank in einen Aogrund. Steil fuhr er dann hoch und taumelte durch schwarzes Gewölk. Regen prasselte auf das Metall nieder, verzweifelt knatterte der Motor.
Carsten umklammerte den Fuß des Fauteuils, von dem die Bö ihn geschleudert hatte. Alle Knochen schmerzten ihn. Bitterer Geschmack füllte seine Mundhöhle.
Weit riß er die Augen auf. Todesangst saß ihm in den Gliedern. Das wäre so etwas, hier zu krepieren: bei lebendigem Leib zu verbrennen oder drunten zu ersaufen. Wilde Bilder stürmten auf ihn ein.
Immer noch schlingerte das Flugzeug wie toll.
Dunkel erinnerte sich Carsten des Mannes, der in London als einziger Mitreisender eingestiegen war. Wo steckte der Mensch? Warum half er ihm nicht?
Da fühlte er sich gepackt und auf den Sitz hoch- gezogen. Sekundenlang starrte er in zwei klare, graue Augen.
„Was — was ist das?" stammelte Carsten. Dunkelblau waren seine Lippen.
Der Fremde hatte Mühe, das Gleichgewicht zu behalten. Nun schlang er die Arme um Carsten, preßte seinen Leib an die Polsterung und hielt sich mit den Händen an der Fauteuillehne fest. Körper an Körper atmeten die zwei, während der Apparat auf und nieder ging. Eine Fensterscheibe barst. Regen und Eiskörner fegten herein.
„Vielleicht ein Zyklon", sprach der Fremde.
Carsten stöhnte. Gedunsen und aschgrau war sein Antlitz.
Minute um Minute verstrich.
Um Leben oder Tod kämpfte der Pilot. Kaum hatte er die Maschine im Kurs, rang der Orkan sie ihm wieder aus der Hand. Milchiges Licht flockte in die Kabine, weiße Nebelfahnen flatterten.
Auf einmal tat sich ein Loch auf.
Carsten schrie auf, kurz, gellend. Dann wurde alles Weiche und Tiefe unter ihm.
Als er wieder zu sich kam, stand der Fremde aufrecht neben ihm. Wie auf Daunen glitt das Flugzeug durch die Luft. Helle Sonne flirrte durch die Fenster.
Langsam schraubte Carsten den Kopf hoch. Er starrte zur Decke und schaute durch das Fenster. Immer höher reckte er sich, bis er tief unten das Meer sah, das blitzende, schaumgekrönte Wellen warf.
Das Grauen schüttelte Carsten.
„Zu denken, daß man da unten —" sprach er mit schwerer Zunge.
Der Unbekannte hatte sich nebenan auf feinen Platz gesetzt. Sorgfältig verkorkte er ein winziges Fläschchen. „Nun ist es ja vorüber", sagte er, ohne aufzublicken.
Carsten murmelte etwas. Erst nach einer Weile stammelte er verworrenen Dank.
„Sie hängen wohl sehr am Leben?" fragte der Unbekannte.
„Wie denn nicht —* sagte Carsten. Verwundert sprangen seine Augen umher. „Wie denn nicht. Um ein Haar — und Sie und ich —"
Der Fremde lächelte leise.
„Vielleicht sind wir noch nicht reif für den Tod. Vielleicht ist die Rechnung, die mit dem Leben bezahlt werden soll, noch nicht abgeschlossen."
„Die Rechnung, die mit dem Leben —*
„Ihre Rechnung ober meine. Oder die des Piloten. Was weiß ich, wer noch an Bord ist."
Stumpf nickte Carsten. Kälte lief ihm durch Mark und Bein, aber er merkte es nicht. Immer enger zog er sich zusammen.
„Sie frieren ja gottsjämmerlich."
Der Unbekannte stand auf, half Carsten in den Mantel und hüllte ihn in feine Decke.
„Es wird meine Rechnung sein", sprach Carsten endlich. Gespannt hing er an den Mienen des anderen. „Meinen Sie nicht? Sie sehen nicht aus, als ob Sie bezahlen sollten. Sie hatten auch keine Angst — vorhin."
Statt zu antworten, holte der Fremde aus seiner Handtasche Kognak hervor und füllte ein Gläschen. „Es wird Ihnen gut tun."
„Bestimmt meine Rechnung."
„Einen Schluck Kognak?"
Carsten schüttelte den Kopf. „Der He-Maps, ich darf nicht." Wieder brütete er vor sich hin. Nach einer Pause sprach er wie zu sich selbst: „Bin ich ein Lump, bin ich keiner?" Ueberlcgenb schaukelte er den Oberkörper. „Wer weiß über sich selbst Bescheid? Wer kann sagen, ob das, ob das, ob das gut oder schlecht war?" Der Reihe nach faßte er die Finger seiner Linken.
„Sie müssen sich beruhigen, Herr. Morgen ist ein Tag wie jeder andere."
„Das zum Beispiel," sagte Carsten, „was ich. jetzt in London gedreht habe. Eine große Sache, aber eine gar nicht menschenfreundliche Sache. Zweieinhalb Hektar guter Boden im Weichbild von Berlin — an ein englisches Konsortium verkauft. Ist das so schlimm? Durchaus nicht. Aber auf dem. Boden steht allerlei Barackenwerk, darin Hunderte armer Teufel wohnen. Die müssen jetzt fort, da die Engländer besondere Pläne hoben. Wenn es Sie interessiert —" Er wollte noch seinem Notizbuch langen.
(Fortsetzung folgt.)
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