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Nr. 227 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Dienstag, 28. September 1926

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Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhesfen

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.TKyriot; für den übrigen Teck Ernst Dlumschein; für den An­zeigenteil i.Dertr. H.Beck, sämtlich in Gießen.

Vie Bluttat von Germersheim.

Zwei Pfälzer von Offizieren der Bcsatzungsarmee erschossen.

Speyer. 27. Sept. (IDIB.) Bereits In einem Teil unserer gestrigen Auflage veröffentlichten wir folgende qmtliche Meldung der Regierung der Pfalz:

Vergangene Rocht gegen 2 Ahr hat ein in Zivil- kleidern sich befindlicher Angehöriger der franzö­sischen Besatzung in Germersheim mit dem Revolver zunächst in der Rahe des Weißen­burger Tores den Schuhmacher Richard holz- mann schwer am Kopfe verletzt, im weiteren Verlauf des ausgebrochenen Streites vor dem Post­gebäude wurde der 22jährige Emil Müller durch Kopfschuß getötet. Der Fuhrmann Mathes Ist so schwer verletzt, daß an seinem Auf­kommen gezweifelt wird. (Er ist inzwischen ebenfalls seinen Verletzungen erlegen.) Der Täter wurde von einer französischen Wache alsbald in haft genommen. Erhebungen der deutschen und französischen Behörden sind im Gange. Ein Re­gierungskommissar befindet sich an Ort und Stelle.

*

Zu der unerhörten Bluttat erfährt diePiäl- fische Rundschau": Die Untersuchung über die Ur- ache hat ergeben, daß, als einer der Täter der französische Unterleutnant Russier vom 311. Artillerieregiment in Frage kommt. Als zweiter Täter dürfte ebenfalls ein französischer Offi­zier in Betracht kommen, der dem 171. Infanterie­regiment angehört. Die Franzosen haben bisher be­stritten, daß es sich um Angehörige der Armee han­delt, die geschossen haben. Heute morgen verlangte der Kommandant von Germersheim, daß die Leiche des Müller, der durch Herzschuß ge­tötet worden ist, herausgegeben wird, damit sie französischerseits seziert wird. Der Bruder des Getöteten weigerte sich jedoch. Nachmittags sollte von deutscher Seite eine Sezierung statt- sinden, zu der auch bereits die Staatsanwaltschaft und Aerzte hier eingetroffen waren. Im letzten Augenblick ordnete jedoch die französische Behörde in Speyer an, daß die Sezierung zu verschie­ben fei. Nach den Berichten von Augenzeugen dürfte sich der Vorfall etwa folgendermaßen abge­spielt haben: H o l z m a n n geriet durch eine bisher noch nicht festgestellte Ursache mit den beiden Fran­zosen in einen Disput, in dessen Verlauf Holzmann durch einen Schuß unter die Augen verwundet wurde. Als seine beiden Freunde Müller und Mathes gegen das Vorgehen der beiden Fran­zosen protestierten, wandten sich diese nun gegen Müller und Mathes. Während der eine der Fran­zosen das Publikum mit einer Handbewegung zu­rückhielt, jagte der andere dem Mathes zwei Schüsse in den Kopf. Einige Schritte weiter wurde dann Müller erschossen. Der eine der beiden Franzosen machte auf die Bemerkung eines dabei stehenden DeutschenNa aber, so etwas!" eine Bewegung mit dem Revolver. Als fick das Ge­schoß entladen hatte, bemerkte er zu den Umstehen­den:Sehen Sie?" Von Augenzeugen wird berich­tet, daß der eine der Täter langsam bis drei zählte, bis er den Schuß abgab. Die amt­liche Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Auch von französischer Seite wurden den ganzen Tag über Zeugen vernommen. Die deutsche Staats­anwaltschaft ist ebenfalls in Germersheim ein= getroffen.

Ueber die Personalien der Täter ist einwandfrei ermittelt, daß die beiden Leutnants Haupträdelsführer bei den schweren Aus­schreitungen der französischen Besatzungstruppen anläßlich des Kriegervereinsfestes am 3., 4. und 5. Juli d.I. gewesen sind und an der Beschimpfung der deutschen Reichsflage und der bayerischen Fah­nen einen Hauptanteil hatten.

Die politische Lage in Preußen.

Die einer Regierungsumbildung

Berlin, 27. Sept. (Wolfs.) Zwischen dem ,2lbg. Dr. Leidig und dem Mg. Dr. Heß (Zentrum) hat eine längere Besprechung über die Lage in Preußen und die Möglichkeit einer etwaigen Llmbildung der Regierung stattgefunden. Es ergab sich dabei, daß zwei Möglichkeiten vorhanden sind. Entweder bleibt die jetzige Regierung bestehen, wenn sie glaubt, der zu erwartenden Schwierigkeiten Herr werden zu können und wenn sie sich nicht von der Rotwendigkeit einer Regierungsumbildung überzeugen läßt. Die andere Möglichkeit wäre bann noch in der großen Koalition zu sehen. Lieber die großen Schwierigkeiten, die einer Lösung im Sinne der großen Koalition entgegen» stehen, bestand einmütige Auffassung. Es muß betont werden, daß es sich bei dieser Besprechung um eine private Aussprache handelte. Irgend ein Schritt von feiten der Fraktionen liegt nicht vor. Die Fraktionen treten erst am 6. Oktober zusammen und können dann selbst Stellung nehmen.

Die Besprechungen stehen vermutlich im Zu­sammenhang mit den erneut auftauchenden Ge­rüchten vom bevorstehenden Rücktritt des Innenministers S e v e r i n g , der auf seinem längeren .Urlaub sich nicht so erholt hat, daß er sich in der Lage sieht, die Geschäfte weiter zu führen. An seine Stelle soll der Demokrat Höpker-Aschoff treten, das Finanzmini­sterium ist dann neu zu besetzen.

Poincare und der Geist von Thoiry.

Eine zweite Rede des französischen Ministerpräsidenten.

Paris, 27. Sept. (Wolff.) Ministerpräsi­dent Poincare hat sich in Begleitung des Abg. Maginot heute früh nach Dar-le-Duc begeben, wo er heute mittag eingetroffen ist und vor dem dortigen Generalrat seines Heimatsdepartements eine Rede gehalten hat, in der er zunächst auf die innerpolitische und besonders auf die finanzielle Lage einging. Als er die Regierung übernommen habe, sei die politische und finanzielle Lage inj äußerster Gefahr gewesen. Angesichts dieser Ge­fahr habe es sich darum gehandelt, ein Kabi­nett der nationalen Einigung unter Zurückstellung aller persönlichen Interessen zu bilden. Er habe die Bildung dieses Kabinetts nicht ablehnen dürfen, sich aber auch feinen Illusionen darüber hingegeben, daß er sich be­wußt der Tlnpopularität aussetze. -Unpopularität sei aber unter derartigen Verhältnissen in den meisten Fällen schädlich. Es habe sich nur darum gehandelt, zu wählen zwischen einer bevorstehen­den Katastrophe ober einer Periode strenger Opfer. Die Regierung habe die Wahl getroffen. Das Schatzamt sei in einer katastrophalen Lage gewesen, zum Teil auch deshalb, weil Deutsch­land mehrere Jahre die Reparations­zahlungen verzögert hat. Seit dem 10. August sei eine Aenderung in der Lage ein­getreten. Die Erneuerung der Schahbonds sei gegenwärtig stärker, als die Zahl der Anträge auf Rückzahlungen. Ader das Vertrauen, das darin zum Ausdruck komme, bleibe trügerisch

Wan müsse eine Rückkehr der Welle des Miß­trauens voraussehen:

deshalb habe man sich entschlossen, eine allmähliche Amortisierung der Bonds vorzubereiten und zu diesem Zweck eine autonome Amortisa- tionsfaffe geschaffen. Alle diese Finanzmaß­nahmen seien unerläßlich dringlich gewesen, aber sie hätten für sich allein nicht das Ergebnis haben kön­nen, die Währungsschwankungen zu beseitigen, die wohl dem Handel und der Industrie eine vor­übergehende Scheinblüte gewährten, aber im übrigen alle Arbeit auf lange Sicht, die Erspar­nisse und den privaten wie öffentlichen Kredit z u - gründe richteten. Die Regierung hatte deshalb die gebieterische Pflicht, die Wiederher st el- lung einer gesunden Währung zu suchen. Es sei augenblicklich unmöglich, alle die Maßnah­men anzukündigen, die in Frage kommen, ohne auf den Geldmärkten die gefährlichste Spekulation zu begünstigen. Der Enderfolg hänge auch von einer Besserung in dem Ausgleich der inter­nationalen Verpflichtungen Frankreichs ab. Poincar6 verwahrte sich bei dieser Gelegenheit dagegen, daß Frankreich etwa die Schuld an der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise treffe. Er erklärte,

Frankreich frage keine Verantwortung für die schwere Belastungsprobe, die es jetzt durch­mache. Es habe keine Fehler begangen und nichts zu bereuen. Frankreich sei das Opfer einer Situation, die allein energische patriotische Begeisterung und nationale Eintracht ändern könne.

Frcurkreich fei überfallen worden. Es habe sich wunderbar verteidigt. Es habe sich in den Augen der ganzen Welt ausgezeichnet durch seinen Heroismus, aber der Sieg habe es verarmt und geschwächt zurückgelassen. Das Ausland schenke Frankreich heute nicht immer sehr wohl­wollende Aufmerksamkeit. Disweilen mußte Frankreich die Ansicht haben, daß man von gewisser Seite den Versuch machte, indiskrete B l i ck e auf die Ersparungen in dem französischen Budget und auf den Charakter der Ausgaben Frankreichs zu werfen. Er, Poincare, habe nicht nötig, zu sagen, daß Frankreich nach dem Kriege, den es nicht provozierte und nach dem Siege, den es teuer bezahlen mußte, dies für eine Ver­letzung der französischen Würde und der französischen Souveränität be­trachten würde. Frankreich sei und werde Herr seiner selbst sein und bleiben, aber das Gesicht feiner auswärtigen wie das seiner inneren Schuld zwinge Frankreich, in seinen Finanzen brutale Maßnahmen einzuschlagen.

Frankreich weigerte sich niemals, zu bezahlen. Ls habe bereits bedeutende Summen bezahlt und seine Zahlungen würden noch viel beträcht­licher gewesen sein, wenn Frankreich mit Rück­sicht daraus, daß Deutschland lange Zeit seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen wäre und nicht gezwungen gewesen wäre, selbst die Last seiner Reparationen zu übernehmen.

Für die Zukunft fei Frankreich nicht weniger ent­schlossen als bisher, loyal im Maße seiner Mög­lichkeit und in den Grenzen seiner Transfennög- lichkeit sich seiner Verpflichtung zu entledigen. Die Regierung habe dem Ausschuß in der Kam­mer bereits sämtliche notwendige Aktenunterlagen für die Prüfung dieses Problems unterbreitet, so daß zu hoffen sei, daß die Diskussion dar­über demnächst im Parlament ftattfinben könne. Es liege in Frankreichs Interesse, die Unsicher­heit. die auf Frankreichs Kredit laste, und bis­weilen der Spekulation als Vorwand diente, nicht andauern zu lassen. Cs seien pessimistische Ge­rüchte über Frankreichs Finanzlage im Umlauf, aber nichts rechtfertige diese Alarmnachrichten. Man dürfe sich aber trotzdem nicht verheimlichen, daß die einzig wirksame Maßnahme, die Frank­reich gegen die Rückkehr einer stärkeren Wäh- | rungskrise besitze, die Sicherheit sei, daß alles.

was in diesem Augenblick die Solidität der Re­gierung stören könnte, auch den Stgnd des Fran­ken gefährden würde. Man dürfe nicht Nach­lassen, zu arbeiten, zu produzieren und zu ex­portieren. Das seien die drei Hauptbedingun­gen für Frankreichs wirtschaftliche und finanzielle Wiedergeburt. Auf einem derartig vorbereiteten gefestigten Boden gedenke die Regierung die Sa­nierung vorzuschlagen.

Die Regierung werde dem Parlament ein posi­tives Programm vorlegen, das bestimmt ist, alle Kräfte Frankreichs und seines nationalen Reichtums nutzbar zu machen.

Hierzu soften auch die Kolonien und ihre Bevölke­rung herangezogen werden. Dieser weitgehende Plan der Produktion und der inneren Reformen könnte jedoch, das sei gang natürlich, nur im Fried en durchgeführt werden. Poincare fuhr fort:Frieden! Keine Ration ist ihm mehr zugetan als Frankreich, und die französische Re­publik hat alles Menschenmögliche getan, ihn zu verhindern. Keine Ration wurde schmerzlicher mitgenommen als Frankreich. Keine Ration hat so wie Frankreich das traurige Vorrecht, einige seiner reichsten Provinzen in das Schlachtfeld sämtlicher mobilisierten Völker verwandelt zu sehen. Keine Ration hat nach der Tlnterzeich- nung der Friedensverträge sich so intensiv be­müht, diese Verttäge innezuhalten und auf die Beachtung ihrer Bestimmungen durch andere zu lachten. Keine Ration hat mit mehr Initiative und mit größerer Begeisterung am Werk des Friedens mitgearbeitet.

Frankreich fordert nur die Sicherbeit für seine endgültig wiederhergefiellten Kredite und die regelmäßige Zahlung der versprochenen Re­parationen.

Frankreich lehnte es nie ab, mit Deutschland über Fragen zu sprechen, die beide Länder inter­essieren können. Frankreich habe gegenüber feinen früheren Gegnern niemals eine Politik der Ranküne oder des Hasses zu be­tteiben versucht. Es ist immer bereit, Schritte zur Annäherung zu versuchen, vorausgesetzt, daß diese sich mit den früher abgeschlossenen Ver­trägen und Frankreichs Alliancen in lieberem- stimmung bringen lassen, und daß diese nicht dazu führen, die Verantwortlichkeit der kaiserlichen Regierung am Kriege in Zweifel zu ziehen, und daß sie ferner durch die vorliegenden entscheidenden Beweise der mate­riellen und moralischen Entwaffnung Deutsch­lands gerechtfertigt sind. Cs schuldet dieses seinem Ruf der Roblesse und Generosität. Es schuldet dies dem so schwer durch den vierjähri­gen Krieg gestörten Europa, es schuldet dies den sämtlichen Völkern der Welt, die Frankreich ver­pflichten, alles zu tun, was in seiner Macht steht, nm der verstörten Menschheit eine weniger dunkle Zukunft, als die Vergangenheit war, zu bringen. Es wird diese Pflicht niemals versäumen, aber niemand wird erstaunt sein darüber, daß ange­sichts der Ungewißheit von morgen Frankreich weder seine kontraktlichen Rechte opfern, noch in seiner Wachsarnke it Nachlassen wolle.

Pariser Presseecho.

Paris, 28. Sept. (Täl.) In französischen diplomatischen Kreisen haben die heutigen Er­klärungen Poincares in Bar-le-Duc einen be­friedigenden Eindruck ^erborgenden. Es wird besonders betont, daß die Rede Poincarös m keiner Weise der Außenpolitik Briands entgegen- gerichtet oder geeignet gewesen wäre, derselben Schwierigkeiten in den Weg zu legen. Man gibt auch zu verstehen, daß der Ministerpräsident in seinen Erklärungen darauf hinwies, daß er sich hinsichtlich der Rotwendigkeit einer Ver­ständigungspolitik zwischen den beiden Ländern in grundsätzlicher älebereinstim- mung mit seinem Außenminister be­finde. Aus diesem Grunde wird der Eindruck der Rede Poincares als ein keineswegs ungünstiger bezeichnet. DerTemps" sucht im Zusammen­hang mit der Rede Poincarös nach einer Be- ruhigungssormel in der K r i e g s s ch u l d f r a g e und möchte, daß nicht mehr von ihr gesprochen werde. Das Deutschland von 1926 würde besser tun, nicht darauf zu bestehen, das Deutschland von 1914 von der Kriegsschuldfrage zu befreien. Die Annäherung vorzubereiten auf der Grund­lage eines Mißverständnisses über die Vergan­genheit wäre eine schlechte Methode. Sie wurde die Wahrheit fälschen und würde älnftimmigleiten in der Zukunft verursachen. Die beiden Völker bekämpften sich seit vielen Jahrhunderten. Sie müßten sich selbst und der ganzen Welt, die durch ihre Streitigkeiten leiden, den unendlich großen Dienst erweisen und über die Ver­gangenheit schweigen und sich selbst in Zukunft verständigen.

Der Sonntagsrede Poincares vor den Kriegsverletzten von ©t. Germain legt die Presse der Rechtsparteien große Bedeutung, bei. Der Gaulois" erblickt in der Rede eine Ver­teidigung des Krieges gegen den Pazifismus, der gewisse Franzosen dazu führe, die Deutschen zu einer Abwälzung der Schuld am Kriege auf Frankreich zu veranlassen. Der konservativeFigaro" crFIärt, Poin­care habe über die Kriegsschuldfrage in Beant­wortung der letzten deutschen Kampagne Worte

gebraucht, die man erwartet habe und die bei Be­ginn der Vorbereitung für eine deutsch-französische Annäherung die moralische Stellung Franrreichs festlegten. Die Sorge der deutschen Presse um die Änschuld Deutschlands sei nicht nur senti­mentaler Ratur. Wenn Deutschlands Ver­antwortung aufgehoben würde, ver­schwinde die Verpflichtung zu Repa­rationen. Der Versailler Vertrag schiene Deutschland für feine Riederlage zu bestrafen. Wenn man den Artikel 231 auch nur durch ileber- gehung abzu schaff en scheine, so bedeute dies, daß der Angreifer vom August 1914 sich vorbereiten könne, seinen Platz wieder einzunehmen. Der Ab enir" (Millerands Blatt) ist der Ansicht, Poincarö habe mit Takt (!) unterstrichen, daß Deutschland für den Krieg berant» wörtlich bleibe. Mit Würde habe Poin­care die undankbare Aufgabe erfüftt, den Kriegs­beschädigten zu erflären, daß ihre Leiden nicht umsonst seien. Damit habe er korrigiert, was in der sentimentalen Rede Driand in Genf unange­bracht gewesen sei und er habe da? so koürei't> getan, daß sich Driand nicht berletzt fühlen könne. Es sei nötig, daß sich Stresemann Rechenschaft dabon ablege, daß Frankreich ttotz seiner Armut nicht geneigt sei, seine Ehre und seine Anabhängigkeit dem Gelde zu opfern.

DerQuotidien", das führende Blatt des Linkskartells, schreibt: Das mußte ksmmen, welche Meinung man auch über den Ursprung des Konflikts haben mag. Die Zulassung Deutsch­lands konnte nicht die Bedeutung haben, die üjr Stresemann in Genf gegeben hat. Sie be­deutet nur, daß die Mitgliedsstaaten des Völker­bundes die Stellung Deutschlands in Europa anerkannt und daß es sich bon dem Haupturheber des Krieges entfoijparifiert hat, weil es das kaiserliche Regime stürzte, um eine demokratische Republik an seihe Stelle zu setzen. Aber der rednerische Erguß Strese- manns mußte Folgen haben. Wir haben sofort vorausgesehen, daß Poincare antworten werde. Da Poincare jetzt anerkennen will, daß es zwei D e u t f ch l a n d gibt, und daß fried­liche seine Verfassung in Weimar zemacht hat. Ist das nicht eine genügende Desavouierung? Frankreich will sich bei den alten Polemiken nicht aufhalten, auch nicht mehr an das denken, was die beiden Völker getrennt hat. Es hat den loyalen Willen gegenüber Deutschland, wenn dies den gleichen hat, eine neue Politik und eine friedliche Zusammenarbeit zu betreiben. Das verlangt nicht das Vergessen der Trauer, aber wohl das Vergessen der Beleidigungen. Die Rede Stresemanns hat die Rede Poincares nach sich gezogen. Runmehr Friede! Der sozialistische Peupl e" schreibt: Poincare steht ni$)t mehr auf der Politik desVerboten!", der fortgesetzten Verneinung, die er der Politik der deutsch­französischen Annäherung entgegenftellte. Das ist schon etwas, das ist fog-tr im Grunde ge­nommen viel, weil es genügt, um zu erreichen, daß die Politik von Thoiry nicht durch eine systematische Opposition sabotiert wird.

Der Eindruck in Vertin.

Zu der Rede Poincares in Var-le-Duc schreibt dieKreuz zeitun g, daß ein deutsch- französischer Ausgleich nur dann im Bereiche der Möglichkeiten liege, wenn sich auf franzö­sischer Seite der Wille zu einer Ver­ständigung zu kommen, in ganz ander er Weise auswirtt, als es in den Worten Poin- carös der Fall ist. In derD. A. Z." heißt es: Die Kriegsreden Poincares verklingen in einer einigermaßen friedlichen Atmosphäre, der der französische Ministerpräsident notgedrungen wird Rechnung tragen müssen. Man darf aber seinen möglichen Einfluß auf den Gang der deutsch-französischen Verhandlungen nicht unter­schätzen. DieTägl. Rundschau" sagt: Poincare hat erftärt, Frantteich wrrde seine vertraglichen Rechte nicht opfern. Darin wird man nicht eine Absage an das Derstän- digungsprogramm von Thoiry zu suchen haben. Eine vorzeitige Räumung des besetzten Gebietes liegt durchaus innerhalb der Möglichkeiten des Versaifter Verttages. DasBerliner Tageblatt" schreibt: Den Anstrengungen Poincares zur Rettung des Franken und zur Sanierung der Finanzen wünschen wir aufrichtig Erfolg. Aber zu einem Ergebnis können sie wohl am besten führen, wenn man die not­wendige Friedensatmosphäre möglichst wenig durch die giftigen Gerüche der Kriegs­ranküne verdirbt. Der V vrwärts" sagt: Man kann es als einen Erfolg betrachten, daß Poincare in seinen zwei Reden nichts kaput ge­macht hat. Zum Glück werden wir es bei den Verhandlungen nicht mit Poincar 6 . son­dern mit Driand zu tun haben, den eine ganze Welt des Temperaments von seinem Mi­nisterpräsidenten trennt.

3u?ammentritt des Auswärtigen Ausschusses.

Berlin, 28. Sept. (EU.) Rach derTägl. Rundschau" verlautet in parlamentarischen Krei­sen, daß der Auswärtige Ausschuß des Reichs­tages am 7. Oktober zu einer Sitzung zu­sammentreten wird.