Sturm in Schmalsheck
Roman von Sophie Kloerss.
Copyright 1926 by Aug. Scherl G . m. b. H., Berlin.
8. Fortsetzung. _ Nachdruck verboten.
Angeline Eggers wutschte oben in der Küche herum und schwatzte mit Mile. Mile war ihre Eou- sine, und diese Verwandtschaft, wenn sie auch Frau Schulmeister geworden war und Mile Köchin geblieben, die kultivierte sich doch. Es war eine nahrhafte Sache. Sjatte der alte Pastor auch nur seine Pension — der Sohn hatte die gute Praxis, und seine beiden Frauen halten viel Geld mitgebracht. Wer mal die Ilse heiratete--. Bisweilen spann
Madam Eggers an tollen Träumen. An so tollen, daß sie nicht einmal zu Mile davon sprach. —
Aber wenn einer Prediger ist — man hat doch Beispiele von Exempeln.
Die Schwester von Herrn von Krog — adelig mar die doch sogar — hatte einen Professor der Theologie in Kiel geheiratet. War ihr Fiete schlechter als der? —
„Mile," sagte sie und roch an der Essigflasche, ..ich mach' hier die Platmenage in Ordnung. Aber euer Essig — der ist jawoll fanifl? — Du, sag' mal, will der Neffe von Krogs eigentlich bei ihnen bleiben? Ist doch auch man -sipsig."
'.Fipsig? Schlank ist er, das ist gerade sein." Sie trug ein Tablett mit Tassen in die Eßstube, und als sie zurückkam, höpte man die vielen Stimmen in lebhafter Unterhaltung.
„j)ie reden ja heut' so viel, Mile. Spielen sie gar nicht?"
„Ja, die haben die Rosen vor und den Kanter. Daß die noch miteinander in der Welt Herumreisen. Na ja, was sollen sie nicht, so viel Geld, wie sie hat! Und er mutz sich doch auch etwas überspart haben. Gibt ja den ganzen Tag Musikunterricht!"
„Hat Ilse noch immer Gesang bei ihm? Ist doch man schade um das schöne Geld! Das könnt' der Doktor doch lieber anders anlegen, daß sie da mal was von der Aussteuer hat!"
„Die hat ja so viel Geld: was soll sie da noch mehr von sammeln?"
„Nee, was einmal verrückt geht das zu in der Welt! Eggers sagte immer, ist alles gegen die christ
liche Lehre. .Wer da zwei Mäntel hat —' Sag' mal, hat der Doktor woll nid) mal wieder 'ne abgelegte Hose? Ich kann Fiete rein nick mehr zusamincn- flicken. Was der wächst! Der wird wie fein Daker. Sein Vater war ein stattlicher Mann. Was, Mile?"
„Weih ich nicht. Als ich ihn sah, wie ihr Hochzeit machtet, da war er schon tüchtig zusammengefallen. Da haben wir uns alle über gewundert, wie daß er —"
„Da war gar nichts zu wundern!" sagte Madam Eggers, und ihre Augen wurden so spiiz wie ihre Stimme. „Ich weiß, wo du raus willst. Aber wirtschaft' du mal sieben Jahre beim ledigen Manns- mcnschen! Und er hat auch aewußt, was er an mir hott'. Und wenn ich man ’ne Wirtschafterin war, er hat immer gesagt, den Sinn fürs Höhere, den hätt' ich mitgcbracht. Den könnt' er nur fördern, sagte er. All seine Briefe an die Schulbehörde hab' ich geschrieben in den letzten Jahren, als er so doll die Gicht in den Fingern hott'. Ich schreib' noch 'ne feine Hand, Mile!"
Auf dies Thema ging das Mädchen nickt ein: denn die eigenen Künste im Lesen und Schreiben waren sehr gering. „Gib mal die Petersilie rüber, Line. Hier untern Schinken muß noch so was."
„Angeline heiß' ich."
„Weiß ich. Steht ja auf deinem Schild. So, trag mal eben die Teller rein, ich will nu decken."
„Reintragen tu' ich nicht. Ich Helf' dir aus Gefälligkeit, aber das ist mir gegen den Stand, daß ich Teller reintrag'. Nee. meine liebe Mile, ick) bin die Frau von einem —"
Die dicke Mile hörte nicht mehr zu, sie war schon mit ihren Tellern verschwunden. Angeline verhalf sich noch zu einem Paar belegten Brötchen, die für die Jugend bestimmt waren, trank aus einer henkellosen Tasse — ein Glas war nicht zur Hand — einen ordentlichen Löffel heißen Punsd) und hing das bunte Umschlagetuch über die mageren Schultern. Ohne Tuch über den Markt zu gehen — das war auch gegen den Stand. Unten begegnete ihr Eitel Bostrup.
„No, Marn Eggers, wie geht es? Was macht der Jung? Geht er noch immer auf Eiern? Neulich hab' ich ihn mal im Homer Holz erwischt, da hockte er zeichnete ’ne alte Kiefer ab. Gar nicht übel. Soll ich ihn mal mitnehmen, wenn ich mit meinen Schülern zeichnen geh'?^
„Daß er noch mehr Allotria in den Kopf kriegt, was?" Dor Eitel Bostrup hatte Madam Eggers gar keinen Respekt. Er war der Küstersohn aus ihrem Heimatdorf. „Soll er vielleicht auch durch die Beine kucken? Wo einmal kann so'n gesetzter Mann so einen groben Unfug angeben?"
„Ich bin noch gar fein gesetzter Monn, Marn Eggers."
„Denn sollten Sie zusehen, daß Sie — und werden das bald. Die Jahre hätten Sie woll dazu. Eitel Bostrup!" Ganz krötig, die Nase spitz in die Luft gehoben, ging sie über den Markt.
„Geht er noch immer auf Eiern?" murmelte sie vor sich hin. „Dummer Snack. Mein Fiete ist noch lange so gut als ihr. Und der kann noch ganz was anderes werden als so'n poveren Zeichenlehrer!"
Die Türglocke zeterte ordentlich, als sie in ihr Haus trat.
*
Wie die Nachtigallen schlugen. Drunten an der Schmale hatten sie seit hundert Jahren ihr Licbes- reid). In allen Bäumen und Büschen der Gärten und jenseits an den Buchenhecken zwischen den Wiesen bauten sie Nester und schmetterten und jauchzten in die hellen Sommernächte hinein.
Jlsebill konnte nicht schlafen. Morgen wurde sie einundzwanzig Jahre. Einundzwanzig! Was für ein Alter — einundzwanzig, und man hatte noch nichts geleistet und eigentlich auch noch nichts erlebt.
Die Kinderjahre waren so hingegangen wie ein Weg in ebenem Lande hingeht zwischen Wiesen und Garten, und die Mädchenzeit war nur die Fort setzung gewesen. Alles so nett, alles so freundlich und alles so ein ganz klein bißchen langweilig. Ach ja, wenn man allein in seinem Stübchen im Bette lag, konnte man sich das ruhig eingestehen, ein bißchen langweilig war es. Bis vor zwei Monaten. Bis sie zu Onkel Dithmer nach Kiel fuhr, um Georg Grützmann aus dem Wege zu gehen, der etwas dringlich geworden war.
Da war das Abendessen bei Propst Lilie. — Sie hatte nicht mitwollen: „Was soll ich zwischen den alten Herrschaften?" und war mitgegangen, weil die Tante darauf bestand. Hatte den einzigen jungen Herrn, einen Verwandten der Pröpstin, zum Tisch- nachbar gehabt, — hatte ein paar spitzbübisch ehr- bare Augen gesehen und eine höchst ehrbare Ansprache vernommen: „Gestatten mir das Fräulein
Rottmann, zu fragen, sind immer noch so viele Kaulquappen im Büffelteich jju Schmalebeck?" Und dann Lachen und Dergnügtsem.
Ja, das war einmal etwas anderes gewesen, als sie auf der großen Viehweide Indianer spielten, drüben in Eichtal, wo der dänische Neffe die Kaulquappen fing im Wasserloch und sie die kleinen Scheußlichkeiten im weißen Spitzenkleid sammelte und so zu den Damen auf die Veranda trug. Dies Entsetzen der Schnäpels und der Moorwood. Und dies Lachen von Krogs. Und Hanse immer zwischen Lachen und Merger.
Aber nun war es eine zu nette Erinnerung. Man fing gleich da wieder an, wo man vor acht Jahren ausgehört hatte, und aus der Vergangenheit stieg frohe Gegenwart, und aus der Gegenwart spannen rosenrote Fädchen hinein in eine noch viel rosigere Zukunft.
Und über die heimlichen Träume ging das Liebeslied der Vögel. Die Linden rauschten. Nur gerade so viel, daß es den Sang wie ein tiefer Harfenton begleitete, der Mond sah zwischen ihren Kronen hindurch, füllte die Stube mit bläulichem Licht, — irgendwo rauschte cs wie ein Brunnen, irgendwo war es wie Lachen, — jetzt ein leises Schurren an der Hauswand, — da liefen wohl die Igel und raschelten im Efeu — halb schon im Traum war es noch, als hörte man eine sehr liebe Stimme sagen: „Ilse! Süße Ilse--" und unter
Lächeln glitt die junge Seele in Schlaf.
Einmal das Wiehern eines Pferdes vom Flusse her Ein leises Plantschen, ein leichtes Klappern auf Kieseln im halbleeren Bachbett--irgendwo durch
den Mondschein glitt ein Reiter, verschwand im Dämmer der Hecken, tauchte auf am Haferfelde, — hob sich in den Bügeln, stieß einen Jauchzer aus, der etwas ganz Fremdartiges war in dieser Gegend und zu dieser Stunde, — dann war wieder Nacht und Ruhe, und nur die Nachtigallen fangen unermüdlich, bis das Licht aufging im Osten.
Ilse hob den Kops ein wenig, denn es schauerte kühl herein in das weit offene Fenster, und da spürte sie Rosenduft und setzte sich in die Höhe. Fuhr mit der Hand über die schlafschweren Lider, sah zum Fenster, blinzelte, ein letztes Müdesein in den Augen zu verscheuchen--immer sah sie bas gleiche:
dort auf dem weißen Holz Rosen--Rosen--
(Fortsetzung folgt.)
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