Nr. 201 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhejsen)Samstag, 2P. August 1926
Vie Entstehung des Battankrieges im Zahre 1912. Don 5)r. Gustav Rolofs. p. o. Professor der Geschichte an der Universität Gießen.
Der Krieg der vereinigten Serben. Bulgaren, Griechen und Montenegriener gegen die Pforte ist aus zwei Gründen von besonderem Interesse: einmal weil er mit seiner Derschärfung der Feindschaft Rußlands und Serbiens gegen Oesterreich einen Schritt weiter zum Weltkrieg bedeutet, zweitens weil er kennzeichnend ist für die Machtlosigkeit des in sich gespaltenen Konzerts der Großmächte gegenüber elementaren nationalen Bestrebungen kleinerer Mächte. Allen Mächten war der Gedanke an einen Angriff der Balkan- staaten auf die Pforte widerwärtig. Die Mittel- möchte lehnten ihn von ihrer grundsätzlichen Friedenspolitik aus ab: Rußland wollte nichts davon denspolitik auö ab: Rußland wollte nichts vermeidlichen Umgestaltung der Machtverhältnisse im Orient einen allgemeinen Krieg zur Folge haben könnte, und die russische Arinee hierauf noch nicht völlig gerüstet war. Wenn es zum großen Zusammenstoß kommen sollte, wollte Rußland selbst das Signal zum Kampfe geben, cs aber nicht won den kleinen Balkanstaaten erhalten. Rußlands Haltung war im wesentlichen für Frankreich und England maßgebend. Trotzdem gelang es nicht, den Krieg zu verhüten, obgleich den Großmächten die darauf abzielcnden Dewe- gungcn längst bekannt waren.
Seit dem Frühjahr 1909 verhandelten Bulgarien und Serbien über den Abschluß eines Bündnisses, das die Dalkanprobleme im Sinne der Balkanstaaten, d. h. durch Aufteilung Maze- , doniens und Albaniens lösen sollte, also von vornherein eine aggressive Tendenz hatte. Aber dieser Ossensivcharakter des keimenden Bündnisses richtete sich nicht allein gegen die Pforte, sondern auch gegen Oesterreich. Rach Rußlands Willen sollte der bulgarisch-serbische Block eine wertvolle Hilfe bei dem in Petersburg für un- venneidlich betrachteten Zusammenstoß mit den Mittelmächten bringen: hatte doch der Zar persönlich dem serbischen Ministerpräsidenten die Lrw-erbung serbischer Provinzen der Donaumonarchie versprochen (April 1909). Auch die bulgarische Regierung hatte keinen Zweifel, bah der Abschluß des Bündnisses den Frieden gefährden werde. Einerseits muhte dadurch die Angriffslust der Serben gegen Oesterreich gestärkt Leiden, andererseits mußten Oesterreich, die Pforte und Rumänien in einem slavischen Block eine feindliche Macht erblicken. Der bulgarische Ministerpräsident Geschow fragte deshalb während der Dündnisverhandlungen in Petersburg an. ob man auf Rußlands Schuh rechnen dürfe, falls cs zwischen diesen Mächten und dem fünf* ligen Balkanbund zum Konflikt komme (Sommer 1911). Die Antwort, die wir noch nicht kennen, muß günstig gelautet haben, denn Bulgarien, das sich bisher gegen seinen serbischen Rachbar argwöhnisch zurückgehalten hatte, lieh seitdem seine Bedenken allmählich fallen und schloh endlich am 13. März 1912 mit ihm das Geheimbündnis, daß unter allerlei Verschleierungen den gemeinsamen Angriff auf die Pforte in Aussicht nahm. Rußland wurde in alles eingeweiht: feierlich versprachen die neuen Bundesgenossen, nichts ohne Zustimniung des Zaren unternehmen zu wollen. Die Petersburger Regierung triumphierte. Sie glaubte die Dalkanrneute an der Kette zu haben und sie je nach Bedarf gegen die Pforte oder Oesterreich loslassen zu können.
Bon diesen unterirdischen Vorbereitungen hatte man in Berlin im allgemeinen Kenntnis. Man wußte, daß unter russischer Mitwirkung an einer offensiven 'Dalkanallianz gearbeitet wurde, und man erfuhr auch sehr bald die Tatsache des Abschlusses, wenn auch nicht den Wortlaut des Bündnisses. Man konnte also wohl mit der Gefahr einer Friedensstörung im Orient rechnen. Schon im Herbst 1911, nach der Kriegserklärung Italiens an die Türkei, hatte man aggressive Schritte der Balkanstaaten befürchtet: sogleich waren die Großmächte mit Mahnungen zur Ruhe in Sofia und Belgrad zur Stelle, und zunächst noch mit Erfolg, weil ja das Bündnis noch nicht abgeschlossen war. Den ganzen Winter hindurch hielten diese Beschwichtigungsversuche an, und es ist dabei von Interesse, daß niemand geringeres als Poincare, seit Januar 1912 Minister des Auswärtigen, ausdrücklich erklärte, eine Friedensstörung drohe allein von den Dalkanstaa- ten, also den Schützlingen seines russischen Freundes: als der russische Minister Sassonow der WicnerRegierung eigensüchttgeAusdehnung ihres Balkaneinflusses zuschreiben wollte, lehnte er die Verdächtigung als grundlos ab. Gewiß ein unverdächtiges Zeugnis für die Friedenspolittk der Mittelmächte.
Im Laufe des Frühjahrs und Sommers 1912 begann die Lage aber bedenklicher zu werden. Die Fortdauer des italienisch-türkischeiz Krieges versetzte die Gemüter der Balkanslaven in starke kriegerische Erregung: immer deutlicher äußerte sich das Verlangen, die günstige Gelegenheit nicht vorübergehen zu lassen. Wenn auch das Bündnis nach wie vor geheim blieb, so fühlte die Bevölkerung doch, daß die Beziehungen unter den Rachbarn enger als früher seien, und daß der Bruch zwischen der Pforte urid einem Balkanstaat sofort andere hineinziehen werde. In der Tat trat auch Griechenland dem Bunde bei, und von Montenegro war ein Mitgehen ohnehin selbstverständlich. Der Hauptherd der kriegerischen Agitatton war Bulgarien. Schon jahrelang hatten ja Banden in dem bulgarischen Teile Mazedoniens, unterstützt von natimvalen Vereinigungen im Königreich, den Kleinkrieg gegen die lürkische Regierung betrieben: jetzt nahmen diese Kämpfe zu und führten zu gewaltsamen Maßregeln der türkischen Truppen gegen die bulgarische Bevölkerung, was natürlich der kriegerischen Propaganda in Bulgarien willkommenen Stoff gab: man müsse einen Krieg zur Befreiung der unterdrückten Glaubens- und Stammesbrüder eröffnen, hieß es.
Trotz dieser Anzeichen wollten die Mächte, namentlich auch die deutsche Regierung, nicht an eine akute Kriegsgefahr glauben. Da man auf offiziellem und inoffiziellem Wege erfuhr, daß Rußland in Bulgarien dringend zum Frieden mahnte, und da bei einer Zusammenkunft zwischen den Monarchen und leitenden Staatsmännern Deutschlands und Rußlands in Dalttsch-Port «Juli 1912) der Zar wie Sassonow aufs bündigste für die Aufrechterhaltung des Balkanfriedens zu wirken versprachen, so setzte das Auswärtige
Amt seine Hoffnung auf die Wirkung der russischen Roten nach Sofia und Belgrad, ihn so mehr wurde man in diesem Vertrauen bestärkt, als der deutsche Gesandte in Sofia die kriegerische Stimmung in der Bevölkerung nicht hoch an- schlug und auch der Regierung, sowohl dem König Ferdinand wie seinem Minister Geschow. die ehrliche Absicht, den Frieden wahren zu wollen, zutraute. Es war ein großer Irrtum: die kriegerische Begeisterung hatte alle Dolksteile ergriffen, und die Regierung konnte und wollte sich ihr nicht widersetzen. Auch Staatssekretär Kiderlen- Wächter, der lange Zeit Gesandter in Bukarest gewesen war und den Orient aus eigener Anschauung genau zu kennen meinte, lieh sich täuschen.
Erst im August begann man in der europäischen Diplomatie die Lage pessimistischer zu betrachten. Oesterreich war zuerst mit einem Vorschläge auf dein Plan. Es regte an, die Großmächte füllten sich über gemeinsame Schritte bei den Balkanstaaten und der Pforte verständigen: die unruhigen Kleinstaaten sollten zur Ruhe gemahnt und die Pforte aufgefordert werden, durch eifrige Fortsetzung einer soeben begonnenen Reformaktion in Mazedonien den Balkanstaaten jeden Vorwand zum Angriff zu nehmen.
Dieser Vorschlag, der eine lebendige Erörterung und mehrere Gegenanträge hervorrief, zeigt nun die Unfähigkeit der Großmächte, auf einen gemeinsamen Boden zu treten und wirklich durchgreifende Maßregeln, im Rotfall Zwang gegen die Kriegstreiber in Serbien und Bulgarien anzuwenden, zu ergreifen. Denn sobald es ernst wurde und diese Konsequenz von ferne erschien,
Es kam aus den vielerlei Verhandlungen nichts heraus als die lahme Erklärung, daß die Großmächte eine gewaltsame Veränderung des bestehenden territorialen Zustandes nicht dulden würden, wer auch immer Sieger bleibe. Ratür- lich haben die Ballanstoaten diese Drohung nicht ernst genommen. Wie hätte die russische Regierung es vor ihrer Ration verantworten können, den siegreichen Slawenbrüdern den Siegespreis zu entreißen ober durch andere entreißen zu lassen?! Sie haben daher die Roten der Mächte in den Wind geschlagen, und die Folge zeigte die Richtigkeit ihrer Rechnung.
Die Jahre 1911 und 1912 bilden somit gewiß kein Ruhmesblatt für die Diplomatie der Großmächte. Keine von ihnen hatte ein richtiges Urteil über die Lage am Balkan zu gewinnen vermocht, und am schwersten hatte sich die russische Regierung getäuscht: sie hatte gehofft, die Politik der Balkanstaaten dirigieren zu können und mußte anstatt dessen ihnen freie Hand lassen und später sogar die Folgen dieser Selbständigkeit vor den Mächten vertreten.
Latein-Amerikaner Völkerbund und U.5.A.
Von unserem 21. G. A.-Berichterstatter.
(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Reuhork. 15. August 1926.
Am „Runden Tisch für Latein-Amerikanische Angelegenheiten", einer der vielen Konferenzen des gegenwärtig in Williamstown, Massachusetts.
Nicht ttfitoe Stetlame
auf den Straßen und in den Gaststatten durch Gelegenheitsmittel oder Anschlag belebt das Geschäft, f»iti>een
Leistungsfähigkeit, dem Käufer in feinem Heim planmäßig nahe gebracht durch die JeßtungsameLger
mußte sich Rußland versagen. So widerwärtig der Petersburger Regierung die selbständige frie- gerische Politik der kleinen slawischen Bolkan- völker war, so verlor doch die (Stimmung der russischen Ration, ihnen in den Arm zu fallen: die die öffentliche Meinung beherrschenden panslawistische Agitation begrüßte das Vorhaben der Balkanstaaten durchaus als einen Teil ihres eigenen Programms, und die russische Regierung war viel zu schwach, um einen Konflikt mit dieser nationalen Strömung wagen zu können. In der russischen Öffentlichkeit wußte man auch genug davon, daß die Regierung durch ihre Bündnispolitik auf dem Balkan die bulgarisch-serbischen Vergrößerungsgelüste genährt hatte: wie sollte sie jetzt ohne großen Verlust an Ansehen ihr eigenes Werk wieder zerstören? Daher wollte Sassonow bei einer diplomatischen Intervention am Balkan den Rachdruck auf die Forderung an die Türkei legen, sogleich eine weitgehende Autonomie für die christlichen Völkerschaften in Mazedonien einzuführen. Dieser Weg war aber für die Mittelmächte ungangbar, weil, wie Kiderlen-Wächter mit Recht ausführte, ein solches Verlangen an die Pforte in diesem Augenblick die bulgarisch-serbische Begehrlichkeit geradezu anstacheln werde anstatt sie zu dämpfen, so daß der Krieg gewiß 3um Ausbruch kommen werde.
So hatte sich Rußland durch sein eigenes Tun die Hände gegen die ungehorsamen Balkanstaaten gebunden, und sein Bundesgenosse Frankreich bemühte sich je länger desto weniger um die Erhaltung des Friedens. Für Poincar6 hatte mittlerweile die Möglichkeit eines Balkanbrandes und weiterer Verwicklungen ihren Schrecken verloren. Vor einem halben Jahr hatte er in einem Balkankrieg eine Kraftverschwendung erblickt, da den französischen Rationalwünschen nur ein Krieg mit der Spitze gegen Deutschland Erfüllung bringen konnte: im Laufe des August hatte er während eines Aufenthaltes in Petersburg erkannt, daß ein Krieg, der am Balkan seinen Ursprung nahm, mit großer Wahrscheinlichkeit Rußland mit Oesterreich und infolgedessen auch mit Deutschland in Konflikt bringen konnte: damit war für Frankreich die Möglichkeit desEinschrei- tens gegeben. Ec hat seitdem nicht mehr ernstlich für die Erhaltung des Balkanfriedens gearbeitet und systematisch versucht, den Gegensatz zwischen den europäischen Mächtegruppen zu vertiefen, wobei er auch unehrliche Mittel nicht scheute: Deutschland gegenüber erklärte er sich dafür, daß alle Maßregeln am DaUan von allen Großmächten gemeinsam unternommen werden mühten, tatsächlich bemühte er sich, gesonderte Vereinbarungen des Dreiverbandes ohne Rücksicht auf die Mittelmächte zustande zu bringen. Bezeichnet wird seine Wandlung noch durch das Versprechen, daß er Sassonow in Petersburg gab, die dreijährige Dienstzeit wieder einzuführen: er muß also den großen Zusammenstoß für nahe bevorstehend angesehen haben. Denn lange konnte Frankreich diese neue Last nicht tragen.
Unter diesen Umständen war ein gemeinsames Handeln des europäischen Konzertes unmöglich.
tagenden internationalen „Instituts für Politik", hielt am 9. August der frühere griechische Außenminister und Vertreter Griechenlands in Paris, Rikolaus P o l i t i s, der als Autorität in Sachen des Völkerbundes gilt, eine Ansprache, die, dem aus der hiesigen Presse widerhallenden Echo nach zu urteilen, wenigstens gewissen Amerikanern zu denken gegeben hat. Insbesondere deshalb weil schon einige Tage zuvor der Direttor der Pan-Amerikanischen Union, Dr. L. S. R o w e, der an diesem Runden Tisch den Vorsitz führt, sich über dasselbe Thema in ähnlicher Weise ausgelassen und seinen Landsleuten einige Wahrheiten gesagt hatte.
Dr. Rowe hatte erklärt, die Monroe-Doktrin habe die latein-amerikanischen Länder aller Furcht vor einem Angriff irgendeiner Ration „mit Ausnahme der Vereinigten Staaten" enthoben. Unablässig zögen die lateinamerikanischen Völker die Absichten der Vereinigten Staaten ihnen gegenüber in Frage, namentlich wenn sie sich gewisser Beispiele erinnerten. die dartäten, in welcher Weise starke Völker ihre Macht zur Unterwerfung kleinerer Rationen in Anwendung gebracht hätten. Es seien zwar im Verlauf des letzten Dierteljahr- hunderts erhebliche Fortschritte auf dem Wege der Verständigung erzielt worden: aber er hoffe, daß in dieser Verständigung ein etwas lebhafteres Tempo eingeschlagen werde. Jede hierzu dienliche „legitime Methode" solle angewandt werden: Professorenaustausch zwischen den altangesehenen Universitäten Latein- und denen Rordamerikas; Stipendien für latein-amerikanische Studenten, die nördliche Hochschulen zu besuchen wünschten und für Amerikaner, die im Süden ihren Studien obliegen wollten, usw. Er wies darauf hin, daß gerade das Gebiet der Wissenschaften der fruchtbarste Boden für die Verständigung der Völker untereinander sei. daß die nordamerikanischen Hochschulen von zahlreichen Latein-Amerikanern besucht würden, ebenso wie die Techniker-Institute und andere höhere Lehranstalten, und daß die Zweifel an den Absichten der Vereinigten Staaten um so eher schwinden würden, je lebhafter der geistige Austausch zwischen Rord und Süd sich gestalte.
Herr Politis dagegen stellte sich auf den praktischen Boden der Wirklichkeit, auf dem sich jetzt schon Resultate Erzielen lassen, ja erzielt worden finb. Er erklärte dem Institut für Politik rund heraus, daß ein beträchtlicher Teil der latein-amerikanischen Delegation zum Völkerbund dort ein starkes Gegengewicht gegen die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten in der Reuen Welt erblickten, daß sie im Völkerbund eine in jeder Hinsicht unparteiische, unvoreingenommene, selbstlose Instanz sähen, der alle Meinungsverschiedenheiten aller amerikanischen Rationen (der latein-amerikanischen untereinander wie mit Nordamerika) zur Schlichtung unterbreitet werden könnten, da die alte Methode direkter gegenseitiger Unterhandlung „dem internationalen Leben dieser Völler mehr und mehr zur Gefahr geworben sei."
In der Erwartung, führte Herr Politis aus, daß ihre wachsende Prosperität den Reid her weniger erfolgreichen Rationen anfachen werde, rechneten die Völker Südamerikas damit, daß sie eventuell einen starken militärischen Verteidigungsapparat aufzubauen gezwungen sein könnten. Dies hofften sie durch Erlangung weitgehender Sicherhcits-Garxantien seitens einer „starken internationalen Organisation" zu vermeiden. Im Völlerbundc erblickten sie die Anfänge einer solchen Organisation, und auf Grund dieser Ueberzcugung seien sie bereit, den Aufbau der Liga durch tatkräftige Mitarbeit zu fördern.
Ob gerade die letzterwähnte zuversichtliche Hoffnung des Herrn Politis, bei der offensichtlich der Wunsch des Gedankens Vater war, 'ich verwirklichen wird, dürfte sich schon in der Septembertagung in Gens zeigen Als der griechische Staatsmann nach Beendigung (einer Ansprache gefragt wurde, ob die Völkerbunds- Delegation der latein-amerikanischen Rationen darin einen Vorteil erblickte, daß die Vereinigten Staaten außerhalb der Liga stehen, erklärte er, zwei oder drei Staaten erblickten darin möglicherweise einen Vorteil, die Mehrzahl sei jedoch der Ansicht, daß die Zugehörigkeit der Vereinigten Staaten zum Bunde der Schlichtung rein amerikanischer Fragen einen mehr internationalen Charakter verleihen und eine unparteiischere Anwendung internationaler Regeln ermöglichen würde.
„Die latein-amerikanischen Staaten", führte Herr Politis aus. „verdanlen allerdings der Monroe-Doktrin viel. Diese Doktrin ermöglichte ihnen die Erlangung und Wahrung ihrer Unabhängigkeit. Sie ist heute noch ein großer Schutz für sie: aber sic beginnen sich zu fragen, ob dieser Zustand von Dauer sein wird. Die Vorherrschaft der Vereinigten Staa- t c n auf dem amerikanischen Kontinent ist so offensichtlich, daß sie ihnen gelegentlich Besorgnis einflößt. Instinktiv fudyen sie nach einem Gegengewicht, und es ist ihre 2lnsicht. daß sie mit dem Erstarken des Völlerbundes in diesem ein solches finden würden. Dies ist mir in Genf öfters zum Bewußtsein gekommen. Im Gespräch mit Delegierten vieler amerikanischer Rationen habe ich erfahren, daß sie bedauern, nicht jetzt schon in der Lage zu fein, Streitfragen mit ihren Rachbarn dem Völkerbünde zu unterbreiten."
Die völkerbundfreundliche „Reuyork World" bemerkt hierzu, redaktionell: „Dies war seit geraumer Zeit ersichtlich, wir haben ihm nur zu wenig Beachtung geschentt. Seit einem Menschenalter — seitdem Olney (Staatssekretär im zweiten Amtstermin Clevelands) in dem Grenzstreit zwischen Venezuela und Britisch-Guayana (1895) verkündete, daß die Vereinigten Staaten heute faktisch souverän sind auf diesem Kontinent und ihr Gebot Gesetz ist — seitdem haben die Monroe- doktrin und die daraus basierenden amerikanischen Anmaßungen in Südamerika immer mehr irritiert. Es ist ganz natürlich, daß die Latein- Amerikaner sich der Liga als ehret Art Zuflucht zuwandten.
„Für die Unbeliebtheit der Monroe-Doktrin bei Den stärksten latein-amerifanifdjen Rationen liegen zwei Hauptgründe vor. Die Doktrin ist eine Politik internationaler Beziehungen, die ihnen aufgezwungen wurde, ob sie sie wollten oder nicht. Der Völkerbund dagegen ist ein Kooperativ-Verband, an dem die Beteiligung freiwillig ist, und in welchem diese Rationen zwei Ratssihe hatten. Dann aber ist auch die Monroe-Doktrin wi^>erholt ausgedehnt worden, um Eingriffe in latein-amerikanische Angelegenheiten zu bemänteln, bis schließlich die Idee des „amerikanischen Schuhmanns" in höchstem Grade abstoßend wurde. Wir machen viel schone Redensarten über 2kchtung vor der politischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit Latein-Amerikas: aber San Domingo, Haiti und Mittelamerika sind Beweise dafür, daß wir in der Wahl unserer politischen Mittel nicht sehr penibel sind..."
„Trotz einiger Reibung steigt der Völkerbund eher in der Gunst Latein-Amerikas, als er fällt. Man erwartet, daß Argentinien tatkräftige Mitgliedschaft wieder aufnimmt: Brasilien mag Spaniens Beispiel folgen und seine Sezrs- sions-Geste in Wiedererwägung ziehen. Zwei tüchtige Brasilianer haben nachrinauder Sitze im Welt-Schiedsgericht inne gehabt, und die kleineren Rationen haben ein reges Interesse an Genf kundgetan. Wir dürfen erwarten, daß die Liga in der Reuen Welt eine immer größere Rolle spielt, und wir ü>äreu schlecht beraten, würden wir uns den Anschein geben, als hätte diese Rolle für unsere eigene „Pan- Amerika"-Theorie keinerlei Bedeutung."
Das Recht des Volksbegehrens.
Von Generalsekretär K o 11 b a ch, Darmstadt.
Unsere innerstaatlichen Verhältnisse tragen unverkennbar die Merkmale der Uebergangszeit. Hierzu gehören auch die sich mehrenden Volksbegehren im Reich und in den Ländern. Hier soll keine grundsätzliche Betrachtung über den Wert oder Unwert dieser neudeutschen Einrichtung angestellt, noch die Frage beantwortet werden, wann man „im Recht ist", ein Volksbegehren in die Wege zu leiten. In den Mittelpunkt unserer Darstellung wollen wir vielmehr die rein juristische Seite des Problems stellen.
Gegenwärtig erregt das von dem „Hess. Wirtschasts - u n t> Orbnungäbtocf“ veranstaltete Volksbegehren auf Auflösung des Landtags, die allgemeine Aufmerksamkeit in besonderem Maße. Das hängt nur zum Teil damit zusammen, daß die innerpvliti- schen Zustände Hessens seit der Revolution den latenten Dpannungszustand nicht zu übertoinben vermochten und zudem zum ersten Male das Doll vor ein hessisches Volksbegehren gestellt wurde: die geradezu leidenschaftliche Anteilnahme rührt in der Hauptsache von der furchtbaren Steuernot und der chedrohlichen Lage der he,- sischen Staatsfinanzen her, Dinge, die in der deutschen Oefsenlllchkeit, namentlich im letzten Jahre, wieder holl vermerkt worden sind.
Die im „Hess. Wirtschafts- und Ordnungsblock" vereinigten Parteien haben mit ihrem Volksbegehren rund 160 000 Unterschriften hessischer Landtagswähler aufgebracht. Zunächst wurden dann diese Unterzeichnungs listen 6 Wochen lang von einem besonderen Landesabstim- mungSleiter, dem MinisterkrkVat 'Bofite*


