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Nr. 122 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

greitag, 28. Mai 1926

Der Ehausseegraben.

Don F. 21. Fahlen.

Der riesige, tabakbraune Mercedeswagen glitt lautlos durch das altertümliche gotische Tor des Rheinstädtchens und hielt vor demGoldenen Wein­stock". Die beiden Herren stiegen aus, und als der Oberkellner die Damen ausschreiben lieh, stellte es sich heraus, dah es zwei gewaltige Geldmagnatcn waren, der Generaldirektor einer bekannten Elck- Irizitälsgesellschast und der Beherrscher eines welt­umspannenden Tabaktrustes. Sie nahmen die ganze Etage, um sicher zu sein, dah sie am anderen Mor­gen nicht von lästigem Lärm geweckt würden. Dann zogen sie den Herrn Wirt beiseite und erkundigten sich, ob an dem hiesigen Gymnasium noch ein ge- wisser Dr. Drihbank als Lehrer unterrichte. Don der Antwort, dah er jetzt sogar Direktor sei, aber bald in den Ruhestand treten werde, schienen sie sehr befriedigt und fragten, ob der Herr ausgehe. 2llS sie hörten, dah er regelmähig zweimal die Woche gerade heute und am Sonnabend, einSchöpp. chen Wein imGoldenen Weinstock" zu trinken pflegte, lachten sie und verlangten nun vom Wirte, dah er es fertig bekommen müsse, diesen Direktor Dr. Brttzbank, ohne ihren Damen zu nennen, an ihren Tisch zu bringen, damit er es sich einen Abend mit ihnen gemütlich mache.

And dann widmeten sie der Zusammenstellung des Abendessens geraume Zeit: obwohl an ver- zwickten Schlemmereien fehlte, keine Dustern, keine Hummern, lieh sich doch aus seiner, gediegener Küche und auserlesenem Rheinwein, Burgunder und Schaumwein ein köstliches Mahl zusammenstellen.

Die Herren gingen noch einmal um zu sehen, wo und wie der Wagen untcrgebracht war, die Frau Wirtin kochte mit Genuh ihre besten Dinge und btt Wirt zum Gpldnen Weinstock leuchtete mit ddr Kerze in die letzten Winkel deS Kellers, wo Ble uralten Eqchen lagen, denn eines war klar, Geld spielte bei denen keme Rolle. Dabei überlegte er sich die Angelegenheit mit Direktor Britzbank und kam zu dem Schluß. dah der allerdings ängst-

Windischgraetz als Friedensvermittler.

Unveröffentlichtes aus den Umsturztagcn.

(Don besonderer Seite.) Budapest, Ende Mai 1926.

Des Hauptangeklagten im Budapester Fran- kenfälschungsprozesse, Ludwig Prinzen Windisch- S:aet), buntbewegte Bergungenheit ist bekannt, iner Episode in seinem Leben wird aber nur wenig oder gar nicht gedacht. Sie war so kurz und fiel in eine so aufgeregte Zeit, dah sie der Aufmerksamkeit der Oefsentlichkeit entging oder nicht in ihrem Gedächtnisse haften blieb. Der Prinz war, als der Krieg seinem Ende zuneigte, Diplomat und in dieser Eigenschaft berufen, einen Frieden zu vermitteln, der dem­jenigen, der dann in Paris ausgearbeitet wurde, nicht geglichen hätte. Als Graf Andrassy im Oktober 1918 zum letzten k. und k. Minister deS Aeuheren ernannt wurde, nahm er sich den ehemaligen ungarischen Ernährungsminister Lud­wig Prinzen Windischgraetz als Sektionschef in daß Haus am Dallhausplatz mit. Hnb in dieser Eigenschaft wurde der Prinz in den ersten Dovem- bertagen 1918 beauftragt, in der Schweiz den Faden einer Friedensverhairdlung aufzunehmen, die von^ englisch-französischer Seite angeregt wor­den war. Aus den Erinnerungen des Prinzen ist nur wenig über seine Schweizer Tätigkeit zu entnehmen. Unb doch gibt es eine, ursprünglich für den Grafen Andrassy bestimmte Auszeichnung des Prinzen über die in der Schweiz gepflogenen Unterhandlungen.

3m nachstehenden fei nun zum ersten Male einiges aus diesem hochinteressanten Dokumente mitgeteilt. Windischgraetz schrieb:

Am 1. Dovember nachmittags, nach der bei Seiner Majestät erfolgten Besprechung mit die» dem, Andrassy und mir erfolgte meine Abreise nach der Schweiz. Am 31. Oktober war eine Dachricht aus Bern eingetroffen, welche von der französisch-englischen Dachrichtenstelle aus Tho- non die Mitteilung brachte, dah das alliierte Oberkommando seine Geneigtheit ausgesprochen habe, mit dem Wiener Kabinette in Der Handlung bezüglich sofortiger Wafsensttllstands- und Frie­densbedingungen einzutreten. Inzwischen war der neuerliche Umschwung in Ungarn ein getreten. Die ungarische Regierung hatte sich von ihrem Eid entbinden lassen, um sich als republikanische Regierung zu konstituieren. Damit war eine jede Möglichkeit der weiteren Funktionierung des Ministeriums des Aeußern als gemeinsame Be­hörde ausgeschlossen und Andrassy erklärte dem Monarchen, dah er unter allen Bedingungen von der Leitung zurücktrete.

Dachdem Seine Majestät kurz erllärt h«tte, dah er keinesfalls dem Throne -u «mtssg-en ge­denke, wurde beschleusen, d-ch ich noch am sekbe^ Abend nach der Schweiz fahren soll, um vorerst in Erfahrung zu bringen:

1. ob und inwieweit die Alliierten geneigt sind, in Derhandlungen mit Kaiser und König Karl bezüglich des Waffenstillstands und Friedens einzutreten:

2. aber festzustellen, dah er. der Monarch, seine Person und Dynastieinteressen absolut in den Hintergrund zu stellen beabsichtigt, seiner­seits nur das Wohl der Staaten und Böller der 2Nonarchie wahren möchte und zu diesem Zwecke bereit sei, an der Friedensarbeit mit­zuwirken.

(Windischgraetz berichtet nun über sein Ein­treffen in Bern sowie seine ersten Schritte und fährt dann fort.)

Am 6. Dovember abends langte Graf Mens- dorff in Bern ein, welch letzterer aber nur mit der Instruktion gekommen war, Bespre­chungen mit den hiesigen Vertretern der Entente anzubahnen. Bemerkenswert ist, dah sowohl der französische Botschafter Dutasta, als auch der englische Gesandte im Borhinein erklären liehen, sie wünschten keine Konversation zu führen, son­dern möchten konkrete Vorschläge der Regierung Kaiser und König Karls entgegennehmen.

Ich bemerke, dah inzwischen die Dachricht eingetroffen war, dah der vom Armeeoberkom­mando verlangte Waffenstillstand durch die Ita­liener genehmigt worden war. Außerdem traf am 6. Dovember ein chiffriertes Telegramm des Ministeriums des Aeuhern ein, welches die älebcrgabe des Chiffrendepartements in Wien

sowie aller Geheimakten in die Hände des deutsch-österreichischen Dationalrats mitteilte.

Hiermit war eigentlich für meine Demarche und deren praktische Auswertung eine jede Mög­lichkeit genommen, nachdem ich selbst als un- aarischer Beamter des Ministeriums des Aeu- hern nicht mehr in der Lage war. gemein­samen Behörden direkt Dachrichten zukommen zu lassen, ohne dah dieselben in die Hände des Dattenalrates gelangt wären. Dachdem jedoch inzwischen die Zustimmungen der Enlenteregie- rungen. dah ihre Btzrtretungen mit mir in Bern in Verbindung treten mögen, eingelangt waren, habe ich am 6. Dovember nichtsdestoweniger die von mir in Aussicht genommenen Demarchen bei allen drei Gesandtschaften unternommen.

Ich war zuerst beim englischen Gesandten Rumbold. Derselbe hörte meine Ausführungen an und erklärte, dah die erste und Hauptfrage sei die Versorgung der Monarchie mit Lebens­rnitteln. Bezüglich der Rolle des Kaiser und König Karls meinte er, dah diese sich von selbst finden werde und die Hauptsache sei derzeit die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und die Versorgung der Massen, welche beide in Wahrscheinlichkeit im Wege der einziehenden Ententetruppen erreicht werden können. An­sonsten sprach sich der Gesandte über die Pläne der Entente äußerst zurückhaltend aus und ich hatte den Eindruck, daß die englische Regierung mit ihren Alliierten noch nicht im reinen sei, welche Stellung die (sic) der Monarchie gegen­über einzunehmen gedenkt.

Bei dem Botschafter Dutasta hatte ich in einer P _> Stunden währenden Besprechung nicht nur Gelegenheit, meine Erklärungen bezüglich der Stellungnahme Kaiser und König Karts darzulcgen, sondern der Botschafter sprach sich au, das ausführlichste über die Absichten und Standpunkte seiner Regierung mit mir aus. Er erklärte vorerst, dah man in Frankreich dem jungen Monarchen die allergrößten Sympathien entgegenbringe und seine Bemühungen im Inter­esse des Friedens voll und ganz würdige. Es handle sich vorerst darum, im Innern bet Donau­monarchie jene wirtschaftlichen unb politischen Berührungspunkte festzustellen, welche von selbst ein gemeinsames Verhandeln nötig machen. Er meinte, dah der Standpunkt richtig ist, die Er­haltung eines Staatengebildes in Zentraleuropa unter allen Bedingungen zu unterstützen, man sei in Frankreich vollkommen im klaren, dah dies einzig und allein unter Mitwirken der Dynastie geschehen könne. Heber die ungarischen Verhält­nisse meinte Dutasta, daß Ungarn in seiner hi­storischen Königstreue den König Karl in seiner aus den Frieden gerichteten Tätigkeit unterstützen werde. Der Botschafter meinte weiter, daß mit allen Mitteln dem sich immer mehr zeigenden Bolschewismus entgegengearbeitet werden müsse, dessen Provenienz wie man in Frankreich überzeugt sei von Deutschland herstammt. Deutschland habe den Frieden mit dem bolschewisti- schen Rußland geschlossen. Deutschland wolle die bolschewistischen Tendenzen dazu benützen. Deutsch­österreich in Gegensatz zum Kaiser zu bringen unb Deutschland werde daher auch daran arbeiten, die deutschen Provinzen Oesterreichs an sich zu fetten. Der Botschafter richtete mir die Grüße des mir bekannten französischen Ministers des Aeuheren Pichon aus und gab der Hoffnung Ausdruck, mich in Kürze in Paris begrüßen zu können: er versicherte mich noch der Sym­pathien Frankreichs für unseren Monarchen unb wiederholte mir, dah in Paris die beste (sic) Absicht und der französischen Regierung gelingen werde, Zentraleuropa vor den Schrecken der bolschewisti­schen Revolution zu bewahren.

... Dachdem die Proklamierung der Republik in Ungarn erfolgte, hielt ich es für angemessen, noch am 8. Dovember um meine Enthebung als SektionSchef des Ministeriums des Aeuheren ein­zukommen, welche Enthebung mir am 9. Dovember auf telegraphischem Wege zugestellt wurde. Hier­mit war naturgemäß meine offizielle Tätigkeit in Bern zu Ende.

Am 10. Dovember suchte ich neuerdings den französischen Botschafter auf, welcher mir sein Bedauern ausdrückte, daß die von uns in Aus­sicht genommene Aktion durch den vollkommenen Zusammenbruch und die Desorganisatton der Monarchie zur Unmöglichkeit geworden ist. Er wiederholte mir, daß in Paris die beste (sic) vorgelegen war, die Bestrebungen Kaiser unb König Karls zur Führung georbneter Verhand­lungen mit allen Mitteln zu unterstützen. Dutasta sagte auch, man hätte auf feiten der Entente er­

liche und zurückhaltende alte Herr große Schierig- leiten nicht machen werde, wenn man richtig einfädele. Es handele sich um Erinnerungen aus alter Zeit, hatten die Herren gesagt. Dor allem würde das nicht er, sondern seine Frau besorgen, der schlage Britzbank so leicht nicht etwas ab. Es wurde also in dieser Frage so lange geschoben, ver­handelt, überredet und zugesprochen, bis der Herr Direttor in seinem abgeschabten Gehrock, mit geputz­ten Brillengläsern und einer aufrechten Haltung im Honoratiorenstübchen an dem Tisch bei den beiden Magnaten sah, deren Dame er bei der Vor­stellung nicht recht verstanden hatte und die mit ihren lockerwolligen, hellen Reiseanzügen, den rasier­ten runden Gesichtern und ihren kuhlbeobachtenden Augen wie zwei Musterbeispiele einer neuen Welt­ordnung aussahen, wie zwei braunkarierte Heber­menschen, die ein vorsündflutigeß Fundstück mit einem satten Interesse betrachteten. In bunter Reihe erzählten sie die neuesten Schlager aus Hamburg, sprachen von amerikanischen Tricks, 2öaumwollpreisen, der Einkreisung eineß Londoner Börsenspielers, den drei Zwergpudeln der Filmdiva Lola Lolettt, einem geschickten Gesundbeter, ein paar Anekdoten, die man sich von einem Berliner Theaterdirektor zu- raune, Weltmarktverschiebungen, den Häuserpreisen in Pariß. Dabei fütterten sie den Herrn Britzbank, der, wie sein Hals in seiner erschreckenden Mager­keit offenbarte, zu Hause nicht gerade an den Fleisch­töpfen sah, mit lauter Leckerbissen, und, indem sie ihrer weltmännischen Geschicklichkeit alle Zügel schie­ben liehen, gaben sie ihm auch ein Glas nach dem anderen, Ehateau Latour, Scharlachberger und die Witwe, alles in guter und richtiger Reihenfolge und Temperatur, bis der Herr Direktor heller wurde, harmlose Geschichten aus seinem Leben erzählte, Schulwitze von Anno dazumal, Schulwitze, die man selbst in Sextanerkreisen wegen ihrer Altertümlich- keit nicht ohne Erröten weitergegeben hätte und schliehlich war er in gewünschter Form unb sang, wie seiner Zeit als Student, wenn er über die Stränge schlagen wollte, mit zerknitterter Stimme baß Heckerlied.

wartet, mit Andrassy weiter verhandeln zu kön­nen. Er bezeichnete es als für die Ententere­gierungen ganz unmöglich, sich mit den einzelnen Sonderregierungen ins Einvernehmen zu setzen. Er sagte, die Entente wird mit keinen wie immer gearteten Regierungen verhandeln können, welche sich nicht auf eine durch das ganze Land gewählte vertretende Körperschaft stützen könne. Heber den Grafen Michael Karolyi sagte er. derselbe hätte seinerseits in Frankreich einige Sympathien be­sessen, dah das Vorgehen her ungarischen Re­gierung unb der Partei des Grafen Karolyi im allerletzten Momente nichts weiter als ein bolschewistischer Putsch war. der die Ordnung und Qlutorität im Lande selbst unmöglich machte unb der Entente in feiner Weife sympathisch sein könnte.

Hebrigenß bat mich her Botschafter, auf privatem Wege mit ihm in Verbindung zu bleiben und ihm Dachrichtea über die Entwicklung der Dinge in Hngam zukommen zu lassen."

Aabinettswechsel iit Belgien.

Belgien leibet ebenso wie Frankreich unter bet Frankenentwertung. Da es bem Kabinett Poullet-Danbervelbe im Laufe seines einjährigen Bestehens nicht gelungen war, bem Abwärtsgleiten des Franken Einhalt zu tun unb eine Auslandanleihe für bie Frankenstabilisie­rung herbrizuschafsen. würbe er gestürzt, obwohl bie Linke, die baß Kabinett gebildet hatte, über die Mehrheit verfügte. Die Regierung, bie auS Sozialisten unb linkLIatholischen Gruppen bestand, ist durch den Kamps der Hochfinanz gefallen, die sich den Stabilisierungsversuchen beß Finanz­ministers wibersehte. Die Verhandlungen über eine Auslanbanleihe scheiterten, weit bie belgi­schen Danken nicht bie notigen Garantien über­nehmen wollten. So muhte er nach langwierigen Verhanblungen im Inland zur Rückzahlung der kurzfristigen Verbindlichkeiten einen Vorschuß bei der Dationalbank fordern, um später erst die Billigung beß Parlaments einzuholen. Damit war ein weiterer Schritt auf bem Wege ber Frankenentwertung getan.

Dach wechselvollen Versuchen, eine neue Re­gierung zustande zu bringen, ist es dann Jasper, der den konservativen Katholiken an- gehört, gelungen, ein Kabinett zu bilden, an dem sich auch die Sozialisten nach längerem Zögern beteiligt haben. Vandervelde hat wieder das Außenministerium übernommen, außerdem gehören noch drei Sozialisten dem Kabinett an, das sich außerdem auß vier konservativen Katho­liken, einem Liberalen unb einem Dichtparla­mentarier, dem Vertrauensmann der Danken Franc q ui, zusammenseht, der das Schatzamt übernommen hat. Mit dieser Zusammensetzung, die nahezu alle Parteien außer den katholischen Demokraten umfaßt, ist eine vorläufige Heber­brückung ber Krise gelungen. Ob sie von langer Dauer fein wird, muß abgewartet werden. Sehr viel Wahrscheinlichkeit liegt aber nicht vor, da die Gegensätze zwischen rechts und links doch bald zu einem Zusammenstoß führen müssen, da kaum anzunehmen ist, baß die Methoden ber Rechten, Belgien auß ber Finanzkrise herauszuführen, die 23Uligung ber Linken finden werden, hat doch gerade die von den Sozialisten gestützte ©teuer- uni) Finanzpolitik zum Sturz der Regierung ge­führt.

Eine Stabilisierung des Frankens wird auch ber neuen Regierung kaum gelingen, da die Be­dingungen des Auslandes für eine Anleihe u. a. auch eine Verpfändung ber Eisen­bahnen vorsehen, die auch für die Rechte unannehmbar ist. Hnb die Sanierung aus eige­ner Kraft wirb, wie in Frankreich, scheitern müssen, wenn nicht ganz burchgreifende Maß­nahmen ergriffen werden, zu ber die Rechte vorläufig nicht fähig ist, weil sie nicht über die parlamentarische Mehrheit verfügt. Vielleicht wäre die von der Rechten erstrebte Wirt- schaftsdiktatur ein gangbarer Ausweg aus ber Krise. Eine Lösung, wie sie Mussolini in Italien gelungen ist, schwebt auch ben belgischen Rechtskreisen vor. Ihre Durchführung wäre aber wohl auch an bie politi sche Diktatur geknüpft, bie weitgehende Unterstützung bei ber Finanz unb Industrie finden, aber den scharfen Kampf ber Linken auslosen würde. Alle Bestrebungen, aus der Krise herauszukommen, die Suche nach Mitteln unb Wegen muß über kurz ober lang ben Kampf zwischen der Rechten unb ber Linken zum Ausbruch bringen unb dieses Kabinett ber sogenannten nationalen Einigkeit wieber zu Fall

Da lachten die Beiden, baß sie schütterten.

Britzbank schaukelte ausgelassen auf seinem Stuhl, den er auf einem Bein hin unb her drehte: er hatte in diesem Augenblick das Gefühl, restlos glücklich zu sein.

Da rückten die Beiden näher zu ihm heran, stießen mit ihm an und äußerten, als ob das etwas Selbstverständliches sei:Sehen Sie, Herr Direktor, ist das nicht hübsch hier im Ehausseegraben?"

Dazu ein brüllendes Gelächter der Braunkarier­ten: Britzbank dachte, er hätte nicht gut verstanden und lachte eifrig mit.

Solchen Ehausseegraben lobe ich mir, machen sie sich nur nicht zu staubig, Herr Direktor!" be- metlte der Andere: dabei waren die runden Augen ber Beiden mit einem etwas schadenfrohen, gespann­ten Spott auf ihn gerichtet.

.Wie meinen Sie?" fragte Britzbank ein wenig lleinlaut.

Wir sagen, hier im Ehausseegraben ist doch nett, da können Sie unß Gesellschaft leisten!"

Wieder daß Gelächter wie auf dem Theater, Gemecker ordentlich.

Der Direkwr begann, sich trotz aller Weinschwere zu fürchten, er dachte an geheimnißvolle Irrsinnige, von denen man gelegentlich hörte, von rätselhaften Morden. Die ganze Sache kam ihm unheimlich vor, sein Glück erschütterte.

Ehausseegraben? Ich verstehe Ehausseegraben!" murmelte er unsicher.

Richtig, richtig, Ehausseegraben!" glucksten die 4g>d Magnaten überaiiß fröhlich.Prosit auf den Ehausseegraben!"

Britzbank dachte beCommen, o fürwahr, wäre ich auf der Straße!

Aber die Beiden ließen ihn mit dem verfluchten Wort nicht loß, bis endlich der Eine anfing:Er­innern Sie sich eigentlich eines gewissen Wanders, Frank Wanders, Direktorchen?"

Der unglückliche Direttor schnappte nach Luft: Ja, ja, warten Sie, vor zwanzig Jahren, in Hnter- sekunda sitzen geblieben, faul und verlottert!"

Wieder Gemecker­

bringen, baß nur eine Zwischenlös ung sein kann. Aus tvclcben Grünben sich die Sozialisten überhaupt beteiligt haben, ist nicht recht ersicht­lich, vielleicht um die Weiterführung der Außen­politik zu garantieren. Denn auch ihnen muh es tlar fein, daß die Gegensätze in ber Auf­fassung über die ßanicrungßmetboben zwischen Rechts und Links so groß sinb, baß eine Zu­sammenarbeit auf bie Dauer unmöglich ist.

Zaglul Paschas Sieg.

Die Parlamentßwahlen in Aegyp- ten haben zu einem überwältigenden Sieg der Partei Zaglul Paschaß geführt, ber um so bemerfenßtoerter ist, als er auf Grund eineß abgeänderten Wahlgesetzes erfolgte, auf Grund dessen eine englandireundliche Mehrheit im Parlament erreicht werden sollte. Dach fast einjähriger parlamentloser Zeit wird also Qkghby ton wieder ein Parlament haben, dessen Bestand aber vielleicht wieder nur von titrier Dauer ist, weil es noch weniger, als nach den Wahlen im Frühjahr 1925, den Wünschen der Regierung entspricht. Damals konnte die Partei Zagluls 101 Sitze erlangen, während die anderen Par­teien, die eine englandfreundliche Politik befür­worteten, über 105 Sitze verfügten. Liber diese, wenn auch geringe Heber lege nheit, brachte der Regierung Ziwar Paschas eine große Enttäu­schung. Bei der Wahl des Kammerpräsidenten unterlag der Kandidat bet Regierung gegen­über Zaglul Pascha, ber 125 Stimmen auf sich vereinigen konnte. Der König zog daraus bie Konsequenzen und loste die Kammer erneut auf und regierte ein Jahr lang ohne Parla­ment. Die Hoftnung, bei der jetzigen Wahl durch baß veränderte Wahlrecht eine Mehrheit für sich zu gewinnen, wurde aber getäuscht. An sich sind sich Ziwar Pascha und Zaglul einig in ihrer Gegnerschaft gegen die englische Regierung: ber Unterschieb liegt nur darin, daß Ziwar auf dem Verhandlungswege etwas zu er­reichen ßofft, während Zaglul Pascha auf un- bebmgten Widerstand besteht. Die Erbitterung ist besonders darauf zurückzuführen, baß von England anläßlich der Ermordung des SirdarS über die Bestrafung der Täter hinaus noch weitgehende Genugtuung und eine Sühnesumme von 500 000 Pfund verlangt wurde. England hatte die Gelegenheit benutzt, um seine Herr­schaft in Aegypten neu zu festigen, ohne dabei zu berücksichtigen, daß sich dadurch nur bie Stimmung mehr noch gegen seine Oberherrschast wenden würde. Die Unabhängigkeitß- betoegung ist auß diesem Grunde auch immer mehr angewachsen, da sich bet ben Aeghptern der Gedanke an ein angetanes Hnrecht, an eine Vergewaltigung immer mehr festsetzte. Duc so läßt sich ber große Wahlsieg ber Zaglulpartei erklären, die im neuen Parla­ment über eine arbeitsfähige Mehrheit ver­fügen wird. Trotzdem beabsichtigt Zaglul eine Äoalitionßrcgierung zu bilden, an der er selbst nicht einmal beteiligt ist. Als Dachfolger Ziwar Paschas werden Adü) Pascha und der liberale Führer Sarwat Pascha genannt. Datürlich würde baß keine Schwächung des Ansehens oder des Einflusses Zagluls bedeuten. 3m Gegenteil, er wird nach wie vor die Zügel der Partei in der Hand behalten unb natürlich auch seinen Einfluß jederzeit auf die Regierung gellend ma­chen. Daß er eine Koalition mit Den Liberalen sucht, ist scheinbar darauf zurückzuführen, daß er alle Fälle vermeiden will, die zu einem Ein­greifen Englands führen könnten. In London hat zwar der Erfolg Zagluls überrascht, aber man ist der Ansicht, daß sich keine direkten Schwierigkeiten ergeben werden, weil man Lord Lloyd für kräftig genug hält, die Lage zu beherr­schen. Vor allen Dingen rechnet man auch da­mit, daß Zaglul aus den Erfahrungen seit 1924 gelernt hat, und deshalb alles vermeidet, was zu direkten Konflikten führen konnte. Das wird natürlich den Führer ber Wahlpartei nicht hin­dern, sein altes Programm, toerm auch mit einigen Abänderungen, wieder aufzustellen

Kirchliche Nachrichten.

Israelitische Gemeinden.

3fr. ReNg'.onSgemeinde. Gottesb. i. d. Synagoge (Eüdanlage). Samstag, den 29. Mai 1926. Voraod 7.45, morgens 8.30, abends 8.40 und 9.20.

Gottesdienst der tfr. DeltgionSgefellfchaft. Sabbatfeier, den 29. Mai 1926. Freitag abbß. 7.40, Samstag vorm. 8.00, nachm. 4.30, Sabbatausg. 9.20. | Wochengottesdienst: morgens 6.30, abends 7.15.

Da mischte sich auch der Zweite ein:. Hnd eines gewissen Holzem, Friedrich Holzem?"

Datürlich," antwortete Britzbank lebhafter,daß war doch ber Freund des Wanders, noch unnützer, Griechisch ungenügend!"

Richtig, richtig, und wissen Sie noch, was Sie den Beiden einen Tag, ehe sie ihnen das Zeugnis gaben, das ihnen baß Einjährige verweigerte, sag­ten?" Der Direktor war nun ganz unsicher, der Wein, die sonderbare Lage, baß kuriose Gramen, er schüt­telte nur den Kopf unb starrte ble Beiden an.

Sie, Wanderß, sagten Sie, und Sie, Holzem, Sie beide werden sich mal im Ehausseegraben treffen, Sie kommen vor die Hunde, Sie werden Landstrei­cher! Hnb nun, hier sind wir, Wanders und ich, ganz tüchtige Männer geworden, PinkePinke und so, wir haben unseren Weg gemacht, daß wollten wir 3hnen nur zeigen!"

Der Direttor sah maßlos verlassen und verstört auß; er machte einige Verbeugungen unb suchte sich zu fassen.

Ja", lachten die Beiden aus vollem Halse, wir wollten 3hnen nun zeigen, wie hübsch im Ehausseegraben ist, und daß auf bie Verba auf mi und die lateinischen Aufsätze doch nicht an- kommt. Sie sehen, mit Ihrer Vorhersage vom Ehausseegraben ist Essig, wirklich klarer Essig!"

Die Beiden sahen in diesem Augenblick wie zwei Kuchenteigmänner auß, die der Bäcker zu sehr hat aufgehen lassen.

Alß daher ber Eine bekräftigend seinem Freund auf den feisten Rücken klopfte und wiederholte: Dein, bringen Sie mit Ihrer lateinischen Wort- reiterei es erst einmal so weit!" erhob sich der Direkwr Britzbank zuerst mühsam, stand ernst zwischen ben Beiden, deren Lachen erftarrte, richtete sich auf unb sagte tonlos: .Man nennt dies Hybris, Hebermut gegen bas Schicksal... unb hoffen wir, baß Sie ben Ehausseegraben wirklich nicht kennen lernen!"

Hnb ging mit einer linkischen Verbeugung in die sternentiefe, rheinische Dacht hinaus.