Nr. 122 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Zrettag, 28. Mai 1926
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
druck mid Verlag: vrühl'fche Univerfitätr-Vuch- uud Stetatruderei R. Lange in Sieben. 5chriftlettung und Seschästrftelle: §chnlftratze7.
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Dr. Friedr. Will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An- zeigentcil Hans Füstel, sämtlich tn Bietzen.
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Nach der Kapitulation Abd el Krims.
Triumph in Paris und Madrid.
Paris. 27. Mai. (MTV.) wie haoas aus Fe; berichtet, hat sich Abd e l Krim gestern früh gegen 3 Uhr nach Jsmaruen nördlich von Targuist begeben, wo er sich mit feinem (Befolge und General 3bos dem Kommandanten der Marokkodivision und dem Oberff Coraf stellte. Er wurde sofort nach vurod geführt, um von dort nach Ia;a weitergeleitet zu werden, wo er morgen eintreffen wird. Lk wird berichtet, daß Abd el Krim nur von dem Cherif hamidu Uedzani vom Stamme der Sanbas begleitet gewesen sei. hamidu lledzani sei eine der Persönlichkeiten, die die Unterwersung Abd el Krims bewerkstelligt hätten. Abd el Krim habe als Mohammedaner bei seiner Ankunft vollkommen seine Ruhe bewahrt und keinerlei (Erregung an den Tag gelegt Die Eingeborenen aus der Umgebung. die noch vor einigen lagen Untertanen Abd el Krims gewesen seien, seien in einer dem Anschein nach gleichgültigen Haltung in ihre Wohnungen zurückgekehrt. — Der Rifführer wird nicht vor Samstag in Taza eintreffen» Hebet fein künftiges Schicksal befragt, erklärte Kriegsminifter painlev 6, die französische Regierung müsse sich vor allem hierüber mit der spanischen Regierung ins Einvernehmen sehen.
Die Lage im Rif.
Paris, 27. Wai. (W.D.) Wie Havas aus Rabat berichtet, stellt das amtliche Kommunique fest, daß die Unterwerfungen zunehmen. Die Hauptteile des Stammes der Deni Zerucrl und Teile der Deni Tlriaghel — man spricht von zwei Teilstämmen von fünf bestehenden — sowie eine ganze Anzahl weiterer kleinerer Stämme, die bis jetzt niemals unterworfen gewesen seien, hätten sich unterworfen, doch scheine es, bah die verschiedenen Stammesführer durch den Verzicht Abd el Krims, weiter zu kämpfen, ihre Unabhängigkeit gegenüber den eigentlichen Risleuten wiedergewonnen hätten, und es sei wahrscheinlich, daß gewisse von ihnen versuchen würden, ihrerseits einen Widerstand zu organisieren, so vor allem die drei nicht unterworfenen Stämme der Beni Uriagfjel und ein Teil der Beni Mestara im Borden von Tlezzan. Sine weitere Meldung besagt, daß der Stamm, dem Abd el Krim angehört, die Deni Tlriaghel, sich gegen ihn erhoben haben. Treu geblieben seien ihm nur einige ältere Stammesangehvrige, darunter Aserkan. Die anderen Stämme hätten sich Abd el Krims Todfeind. Amar Hamid, angeschlossen, der ihnen verschiedene Vorteile, darunter auch die Beteiligung an der Ausbeutung der Bodenreichtümer des Rifgebietes, versprochen habe.
Besprechungen am Quai d'Orsay.
Paris, 28. Mai. (DTB.-Funkspruch.) „Journal" berichtet, daß Marschall p e f a i n gestern eine Besprechung mit dem Generalsekretär am Quai d'Orsay über die zwischen Frankreich und Spanien angesichts der kapitulierung von Abd e l Krim eingeleiteten Verhandlungen hatte. Frankreich würde feine Zone in Frankreich neu besehen können, sollte aber die Besetzung der spanischen Zone, die fast das ganze Risgebiet umfasse, auf sich warten lassen, mühte man Mittel suchen, um die wichtige Pazifizierung der Stämme zu organisieren und Garantien gegen eine neue Agitation zu erhalten. Außerdem sei die genaue Festsehung der französisch-spanischen Grenze in Marokko zu erörtern. Alle diese Fragen würden auf einer bald flaftfinbenben Konferenz behandelt werden. — Ueber die Lage im Rifgebiet berichtet der Korrespondent des „petit parifien“ in Rabat: Der ganze Osten des Rifgebietes fei unterworfen, aber im Westen fei unmöglich, oorauszufehen, wie sich die Gebirgsstämme verhalten würden.
Zranzöstsche prefsestimmen.
Paris, 27. Mai. (WD.) Die gesamte Mor- genpresse begrübt die ilntertoerfung Abd el Krims. Der »M a t i n" schreibt, diesmal sei es wirklich das Ende. Frankreich habe das Recht, mit Freude und Stolz das glücklichste Ereignis der Rachkriegszeit zu verzeichnen, nämlich seinen vollständigen Sieg in Marokko. Die, die in der Welt gehofft hätten, Frankreich werde sich lange Zeit noch in einem blutigen, kostspieligen und endlosen Krieg erschöpfen, seien enttäuscht worden. Die radikale „Ere Rouvelle" schreibt, der Sieg Painleves, der den Franzosen Marokko gesichert habe, habe nicht nur eine weitgehende nationale Bedeutung, sondern auch einen ausgesprochenen demokratischen Sinn. Der ehemalige Ministerpräsident habe bewiesen, daß es möglich sei, in den französischen Kolonien die Militärgewalt durch die Zivilgewalt zu ersehen, ohne dah daraus in militärischer Hinsicht selbst irgendwelche für das Prestige der französischen Waffen unangenehmen Folgen in die Erscheinung treten. Das »Oeuvre" schreibt: Abd el Krim ergibt sich! Primo de Rivera wird ihn zwar nicht, wie er sich gerühmt hat, an den Ohren nach Madrid führen, aber das wesentliche Ergebnis ist erreicht. Es bleibt nur noch übrig, die letzten Unterwerfungen entgegenzunehmen. Dann allerdings muh unser Sieg organisiert werden, und die ernsten Angelegenheiten werden beginnen. Das „E ch o de Paris" schreibt: Die Unterwerfung Abd el Krims ist das glücklichste Ereignis, das einzig günstige Ergebnis für unsere Sache auf dem Gebiet der Außenpolitik, das sich seitdem gezeigt hat, seitdem das Kartell der Linken am Ruder ist. Der »Petit Parifien" schreibt, ehe sich Abd el Krim in5 Exil begebe, werde er vielleicht gezungen sein, eine Tat zu vollbringen, die zwar sehr opportun erscheine, die ihm aber bei seinem Hochmut gewiß nicht leicht fallen werde, nämlich sich dem Sultan, dem Souverän, gegen den er noch mehr als gegen die Franzosen und Spanier die Rebellion im Rifgebiet organisiert habe, zu unterwerfen. »Journal" endlich meint, es müsse ein neues französisch-spanisches Abkommen ausgearbeitet werden, um das endgültige Regime für Marokko und die Grenze zwischen beiden Zonen festzulegen. Rach der Unterwerfung Abd el Krims könne von einem eigentlichen Rifstaat keine Rede mehr sein. Als Autorität im Rifgebiet dürfte jedoch vor allem der Kaid Haddu in Frage kommen.
Der Jubel in Madrid.
Madrid, 27. Mai. (TU.) Die gesamten Morgenblätter feiern in überschwenglichem Triumph die Uebergabe Abd el Krims. Damit sei endlich der bisherige „Marokko-Alp" von Spanien genommen. »Dabate" und »ABE", die konservativen Wortführer, nennen diesen Abschluß der Marokkokampagne einen glänzenden Erfolg der Diktatur. »Ration" stellt Primo de Rivera als den Rationalheros hin, dessen Energie und staatsmännischen Klugheit es gelungen sei, die Fehler der parlamentarischen Marokkopvlitik wieder gutzumachen. »Abd el Krim war ein Koloß auf tönernen Füßen", sagt das Blatt. — Primo dr Rivera überbrachte die Rachrichl von der Kapitulation Abd el Krims persönlich dem König.
Wie das »Journal" aus Madrid meldet, hat sich der Ministerrat gestern abend mit dem Bericht des spanischen Botschafters in Paris über die Kapitulation Abd el Krims beschäftigt und beschlossen, die französische Regierung zu diesem Ergebnis zu beglückwünschen. Rach Meldungen aus Melilla ist der französische Oberkommandierende durch die Unterwerfung Abd el Krims nicht überrascht worden. Ein Torpedobootszerstörer liegt schon seit längerer Zeit an der Küste bereit, um Abd el Krim und feine Familie für den Fall seiner Unterwerfung aufzunehmen. Man ist der Ueberzeu- gung, daß die Unterwerfung der Stämme
in der spanischen Zone mit der Kapitulation! Abd el Krims noch nicht ihr Ende gefunden hat, während in der französischen Zone die Kriegsoperationen beendet sind. Man vermutet. daß die Zusammenarbeit der französischen und spanischen Truppen aufrechterhalten bleibt, bis auch in der spanischen Zone völlige Ruhe hergestellt ist.
Stimmen des Auslands.
Der „Sortiere della Sera" beschäftigt sich mit der baldigen Beendigung des Rifkrieges. Man tue gut, wachsam zu bleiben, denn in Afrika seien sehr wohl neue Überraschungen möglich. Jede Aenderung des spanischen Maroklo-Protek- torats habe Rückwirkungen auf die allgemeine Lage in Rordafrika und deshalb interessiere diese Frage Italien besonders als afrikanische und als Mittelmeermacht.
Die „Time s" sagen in einem Leitartikel zur Unterwerfung Abd el Krims: Richt nur allein in Marokko werde die Rachricht von dem Sturz dieses fähigen, hartnäckigen, ehrgeizigen und rücksichtslosen Führers einen ftarten' und ernüchternden Eindruck machen, sondern auch bei den europäerfeindlichen Elementen in den mohammedanischen Mittelmeerländern, unter den indischen Kalifatanhängern und in Rußland. Bezugnehmend auf ein Telegramm ihres Korrespondenten in Tanger kritisierte die „Times" scharf diejenigen Europäer, die zur Befriedigung persönlicher Interessen oder politischen Grolls Abd el Krim angestachelt haben, kernen Frieden mit Frankreich oder Spanien zu schließen.
Hetze gegen Deutschland.
Berlin, 28. Mai. (TU.) Halbamtlich wird mit« geteilt: Der Berliner Korrespondent des „Petit Pa- rifien", Herr Loutre, übermittelt seinem Blatte folgende Meldung:
„Die Waffen slreckung Abd el krims Hai in Deutschland ein Gefühl fielet Enttäuschung hcrvorgerufen. Die Blätter verbreiten sich in aufgeregten Berichten über die Niederlage des Rifführers und geben ihrem Erstaunen Ausdruck, daß er nur drei Wochen nach dem Abbruch der Verhandlungen von Udjda besiegt worden ist. Die presse der Rechten feiert ihn als einen Mann, der Afrika vom frsrnzösischen Ioch befreien sollte, und sie schreibt, Laß er militärisch nicht besiegt worden ist. Man kobgt sich in Berlin, was aus den deutschen Genermslabsoffizieren werden soll, die den Kampf der Kabylen gegen Frankreich und Spanien leiten."
Es ist unnötig, hervorzuheben, daß diese Behauptungen des Berliner Korrespondenten des „Petit Parifien" der Wahrheit widersprechen. Die endliche unvermeidliche Kapitulation Abd el Krims ist von der deutschen Presse ohne Gehässigkeit gegen Frank- reich zur Kenntnis genommen worden. Herr Loutre hat sicherlich in Berlin niemanden gefunden, der schriftlich oder mündlich Besorgnisse über die an- geblichen deutschen Generalstabsoffiziere geäußert hat, die den Kampf gegen Frankreich und Spanien im Rifgebiet geleitet haben sollen, schon deswegen nicht, weil es solche Generalstabsoffiziere nicht gibt. Bedauerlich ist, daß Herr Loutre die ihm gewährte Gastfreundschaft dazu benutzt, um durch solche offensichtlich unrichtigen und tendenziösen Behauptungen weite Kreise des französischen Volkes gegen Deutsch- land aufzuhetzen.
Die Dokumente Abd el Krims.
P a r i s, 28. Mai. (£il.) Ein Teil der Abendpresse berichtet, dah Beauftragte des Ministeriums des Auswärtigen am Donnerstag nach Marokko aufbrachen, um an Hand der von Abd el Krim ausgelieferten Dokumente die ausländischen Persönlichkeiten aussindig zu machen, die den Widerstand Abd el Krims in militärischer und politischer Hinsicht gegen Frankreich und Spanien organisiert haben
Die internationale Arbeitskonferenz.
Genf, 27. Mai. Der heutigen Vollsitzung lag ein Antrag der Arbeitgebergruppe vor, in dem die Kompetenz der internationalen Arbeitskonferenz für die Behandlung der Emigranteninspektion bestritten wird. Die Vollsitzung soll diesen Punkt nicht zur Debatte stellen Dieser Antrag wurde von dem englischen Arbeitgebervertreter in einer längeren Rede begründet, wobei eine lebhafte Debatte entstand. Der französische Regierungsvertreter erklärte, eine Zurückziehung der Behandlung der Emigrantenkontrolle auf der Konferenz sei nicht mehr möglich. Die Arbeitgeber hätten lediglich die Möglichkeit, nach der Annahme dieses Punktes eine Klärung der Kompetenzfrage durch den Haager internationalen Gerichtshof zu verlangen. Rach einer Rede des französischen Arbeitgebervertreters ergriff der französische Arbeiterführer Jouhaux das Wort zu einer temperamentvollen Rede, in der er darauf hinwies, daß nach dem Versailler Vertrag daS internationale Arbeitsamt verpflichtet sei, sich auch mit den gesamten Lebensbedingungen der Arbeiter zu befassen. Der deutsche Regierungsvertreter, Ministerialrat Hering, gab eine Erklärung ab, aus der hervorgeht, daß die deutschen Regierungsvertreter sich an den Beratungen über die Emigranteninspektion sachlich beteiligen werden. Aus dieser Beteiligung dürfe nicht der Schluß gezogen werden, als bejahten die deutschen Regierungsvertreter damtt allgemein die Zuständigkeit der internationalen Arbeitskonfe- renz. Für alle Fragen des Auswandererwesens, auch wenn diese Fragen keine besondereDeziehung für die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Lohnarbeiter haben. Darauf wurde der Antrag der Arbeitgeber mit großer Mehrheit abgelebt Ferner wurden die Präsidenten der drei Gruppen der Arbeitskonferenz gewählt. Die Gruppe der Regierungsvertreter erklärte den Belgier Carlier zum Vorsitzenden, die Gruppe der Arbeitnehmer den polnischen Vertreter beim Völkerbund, Sokal und die Arbeitervertreter den belgischen Arbeiterführer Ertens zum Vorsitzenden.
Die Handelskonferenz.
London, 27. Mai- (TU.) In der heutigen Rachmittagssihung der internationalen parlamentarischen Handelskonferenz wurde der Kapitalumlauf besprochen. Ausführlich erörtert wurde vor allem die Jnflationsfrage. Der ehemalige italienische Finanzminister Crispi und der Franzose Stern bezeichneten die Inflation als eine Folge der Spekulation in den Währun- gen der betreffenden Länder, die besonders vom Ausland betrieben werde. Sie forderten eine internationale Aktion zur Bekämpfung der Geldentwertung. Rach ihnen sprach für die deutsche Delegation Herr von Raumer. Er wies darauf hin, daß die Jnflatton nur von den einzelnen Staaten und Rationen selbst bekämpft werden könne. Ehe man die,Währungen stabilisiere, könne man keine Anleihen im Ausland aufnehmen. Die Ausführungen des Herrn von Raumer wurden besonders von englischer Seite lebhaft begrüßt.
Die Delegierten der Internationalen Handelskonferenz wurden heute vormittag in feierlicher Audienz durch den englischen König empfangen, der eine bemerkenswerte Begrüßungsadresse verlas. Darin zeichnete er den älnterschied der letzten Tagung der Konferenz 1918, wo nur die alliierten Staaten vertreten waren, und der augenblicklichen Tagung, bei der 40 Rationen vertreten seien. Cs sei dieser Aufschwung wohl der beste Beweis dafür, dah allgemein in der Welt der Wunsch nach sachlicher Zusammenarbeit sich durchschlagende Geltung verschaffe.
Die Stabilisierung der Währungen.
Internationale Zusammenarbeit der Banken.
Paris, 27. Mai. (WTB.) Der Berichterstatter des „Petit Parifien" in Washington meldet, daß in amerikanischen Finanzkreisen aufs neue der Plan der Zusammenarbeit der großen Kreditinstitute zur Stabilisierung der Währung erörtert wird. In diesem Zusammenhang weist er auf die Zusammenkünfte der Leiter der Emissionsbanken in London hin. Die amerikanische Mitarbeit werde fidjjn der Form einer Verständigung zwischen der Federal Reserve Bank, die im Namen der übrigen amerikanischen Kreditinstitute handelt, der Bank von England und der Bank von Frankreich zeigen, und sich bann auch auf Italien und Deutschland ausdehnen. Washington sei der Ansicht, daß diese Zusammenarbeit, wenn sie durchge- suhrt werden könne, außerhalb jedes politischen Ein- fluffes bleiben müsse. Aus diesem Grunde legt man den Erklärungen des Weißen Hauses große Bedeutung bei, wonach der Präsident seine Haltung gegenüber der Federal Reserve Bank geändert habe. Ein Vertreter des Präsidenten erklärte nämlich, die Federal Reserve Bank müsse gänzlich unabhängig von der amerikanischen Regierung und von jedem politischen Einfluß bleiben. Man könne noch nicht sagen, so fährt der Berichterstatter fort, welche Form die Zusammenarbeit im Laufe der gegenwärtigen Verhandlungen einnehmen werde, aber sicher fei, daß Verhandlungen eingeleitet seien, und wenn ein Einverständnis erzielt werde, würden sie aktiver und deutlicher hervortreten. Rach dieser ersten Etappe werde inan in die zweite der internationalen Finanzorganisation eintreten. Sodann werde nicht nur eine
neue Prüfung der interalliierten Schulden, sondern vielleicht auch eine neue Prüfung des deutschen Zahlungsplanes erfolgen.
Die französische Finanzkrisis.
Paris. 28. Mai. (TU.) Der Wochenbericht der Dank von Frankreich weist eine Erhöhung der Vorschüsse der Bank an den Staat von 8 Millionen aus. In den Kreisen des französischen Finanzministeriums wird darauf hingewiesen, daß diese Erhöhung lediglich durch den Derkaufstermin vom 20. Mai hervorgeru^en wurde. Die Rückepstatlungsanträge betrugen am 20. Mai 3 160 000 000. Davon wurden 1 Milliarde gegen Bons der nationalen Verteidigung ausgetauscht. 800 Millionen Schatzanweisungen wurden bar ausgezahlt und der Rest blieb im Depot. Der Finanzminister hat im Gespräch mit Zeitungsvertretern darauf hingewiesen, daß der Wochenbericht der Dank von Frankreich keinen Anlaß zum Pessimismus geben dürfte. Der Wochenbericht müsse vielmehr als günstig aufgefaht werden, da nach den optimistischen Veranschla- I gungen mit neuen Vorschüssen der Dank an den Staat in Höhe von 11,5 Milliarden gerechnet 1 werden mußte,
Unter den Plänen der französischen Regierung zur Bekämpfung der Währungskrise steht die Schäftung des Sachverständigenausschusses gegentoärtig im Vordergrund. Dieser Ausschuß, der unter der Leitung des früheren Gouverneurs der Dank von Frankreich. Sergent, stehen soll, wird ein neues Arbeits-Programm des Finanzministers erhalten. Der Ausschuß soll jedem politischen Einfluß entzogen werden. Seine Entschließungen haben vorläusig nur beratenden Charakter. Weiter wird die Regierung besonders auf eine Rückwanderung der E? por t d e v i s e n nach Frankreich hinarbeiten. Die Exporteure werden darauf aufmerksam gemacht, dah vom 5. Juni ab die Kontrolle über die ausländischen Guthaben der Exporteure verschärft wird. Die Exporteure werden von diesem Zeitpunkt ab eine monatliche Erklärung über die Hereinbringung ihrer Devisen nach Frankreich machen müssen.
Wiederzusammentritt der ftanzösischen Kammer.
Paris, 27. Mai. (WTB.) Die Kammer hat heute nachmittag ihre Arbeiten wieder aufgenommen. Briand ersuchte die Kammer, da die Finanzlage noch schwierig fei, und durch eine sofortige Dis
kussion nur große Ungelegenheiten enfttehen könnten, die Festsetzung der Diskussion zu vertagen. Der sozialistische Abg. Vincent A u r i o 1 wendet sich gegen diesen Vorschlag, ebenso ein sozialrepublikanischer Ab- geordneter, der Radikale Bonnet, ehemaliger Staatssekretär der Finanzen, und der Marineminister des Kabinetts PainlevLs, Morel. Die Stellungnahme der Radikalen und Sozialrepublikaner erregte Aufsehen. Briand begründete nochmals seine Ansicht. Die Regierung arbeite Gesetzentwürfe aus, bei deren Beratung die Kammer in voller Freiheit diskutieren könne. Ein Vermittlungsvorschlag, man solle die Diskussion über die Wahlreform solange aufschieben, bis die Finanzlage geklärt sei, wird von Briand a b» gelehnt. 320 Abgeordnete sprachen sich für die Vertagung und 209 dagegen aus. Die Vertrauensfrage wurde also bejaht. Der Innenminister beantragte dann, die Kammer möge die Diskufsion über die Wahlreform auf Dienstag, 2. Juni, fcstzusetzen. Die Mehrheit der Generalräte habe sich für die Rückkehr zur Arrondissementwahl ausgesprochen, so daß eine Entscheidung über diese Frage erforderlich sei. Die Kammer lehnte mit 283 gegen 263 Stimmen den Antrag ab.


