Ein deutsches Stockholm.
WSR. Frankfurt a. M., 27. April Die alte deutsche Reichs- und Krönungsstadt Frank- furt a.M. stehl im Zeichen einer denkwurblgen ökumenischen Tagung, die gestern abend mit einem zwanglosen Treffen der Teilnehmer in der Loge „Einigleit" ihren Anfang nahm. Die deutsche Vereinigung des Weltbundes für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen wird hier in dreitägigen Verhandlungen die große Stockholmer Debatte vom August vergangenen Jahres weiterführen. Eine Reche bekannter Führer des in- und ausländischen Protestantismus sind Gingetroffen.
Heute vormittag wurde in Anwesenheit kirchlicher und staatlicher Behörden sowie führender Vertreter protestantischer Auslandkirchen die stark besuchte Jahresversammlung in der Loge „Einigkeit" von dem Vorsitzenden D. Spieker (Berlin) eröffnet. Vertreten sind u. a. der Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau und der Regierungspräsident in Wiesbaden, die Universität Frankfurt durch ihren Rektor, der Deutsche Evangelische Kirchenausschuß in Berlin, die Landeskirchenbehörden in Wiesbaden und Frankfurt durch ihre Präsidenten, die Stadt Frankfurt, die Landesvereinigungen des Weltbundes in Deutschösterreich und der Schweiz u. o. Der bekannte Führer der Stockholmer Weltkonserenz, Erzbischof Soederblom (Upsala) und der Senior der deutschen Wissenschaft, Adolf Harnack, haben schriftlich Grüße gesandt.
Der Sprecher des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses, Geh. Rot Dr. Titius (Berlin), betonte die durch die Sache gegebene Zusammen- arbeit zwischen den Deutschen Landeskirchen und der Deutschen Vereinigung des Weltbundes. Die Wünsche des Obernräsidenten in Kassel und des Regierungspräsidenten in Wiesbaden überbrachte in besonders herzlichen Worten Regierungsrat Ufer. Für die Universität Frankfurt die leider noch eine theologische Fakultät entbehre, verwies ihr Rektor Professor Em b den auf die Gemeinsamkeit in dem Bemühen der Wisscnschoft und der Kirche um eine Verständigung der Völker. Der Präsident der Frankfurter evangelischen Landeskirche D. Bornemann sprach non den ungeheuren Schwierigkeiten, die sich der Arbeit für eine Völkerversöhnung entgegenstellen, sie müssen zu um so ernsterer Inangriffnahme der Aufgabe an- spornen. Als Gast aus Deutsch-Oesterreich grüßte Unioersitätsproiessor D. Beth (Wien) die große Versammlung.
Rach den Begrüßungen, auf die der Vorsitzende dankend erwiderte, wurde in den ersten Beratungsgegenstand eingetreten „Die soziale Er- Neuerung der Menschheit als Aufgabe des Christentum s". Der erste Redner, Prof. Dr. Titius (Berlin), der als Präsident der in Stockholm gebildeten sozialen Forschungskommis- sion besonders berufen ist, zu dieser Frage '2Bort zu ergreifen, w-es hin auf die ungeheure Problematik, die in dem Thema liegt. Zum Sck;luß machte der Redner bemerkenswerte Mitteilungen über den Stand der Arbeiten für das in Stockholm beschlossene Forschungsinstitut, die in vollem Gange sind und in ihren Anfängen voll befriedigen. Der zweite Redner, Pfarrer D. Keller (Zürich) er- bfittt ein Kennzeichen der neuen Zeitlage vor allem in dem sozialen Erwachen der Kirchen und in der Tatsache, daß die Aufgabe der sozialen Erneuerung heute von allen Kirchen als gemeinschaftliche Arbeit ausgenommen wird in den großen internationalen Zusammenschlüssen.
"m Anschluß an eine geschlossene Mitgliederversammlung, die sich mit internen Organisations- fragen beschäftigte, trat die Deutsche Rationalvereinigung heute abend mit einer zahlreich besuchten Kundgebung in der deutschreformierten Kirche an die brtzite Öffentlichkeit. Zur Versöhnung der Klassen rief in packenden Worten Arbeitersekretär Springer (Stuttgart) auf. Die Versöhnung der Völker behandelte der durch sein Liebeswerk für hungernde deutsche Kinder befannt gewordene Bischof 1). Qiu elfen (Zürich). Als letzter sprach Pfarrer lic. Wallau (Frankfurt a. M.) über die Versöhnung der Konfessionen.
Oberhesisn.
$Iugtag in 2ich.
) L i ch, 27. April. Ein historisches Ereignis für unsere Stadt versammelte am Sonntagnachmittag hier eine nach Tausenden zäh-
Das lachende Haus.
Roman von Sophie K l o e r ß.
4. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Meine Zeit kann nicht besser angewandt werden. Außerdem muß ich zur Elbe. Wir laden unten ben ersten Roggen."
Fünf Minuten später gingen sie durch den warmen Maimittag. Die beiden Hunde, die schwarzbraune Kora und die kleine, hellere Dina, liefen den Weg zwanzigmal um ihre Füße. Die Alte ruhig, spürend, jeden Maulwursshaufen anstoßend, jedes Heckentor beschnüffelnd, das Kleine sich überstürzend vor Eifer, kläffend, jiefend, selig in seiner jungen Freiheit. Es hallte weithin über die Felder. Die Lust läutete den Schall zurück, Tyora lachte hell auf, und der lange Heider stimmte behaglich bei.
Ihm war sehr wohl. Um ihn die sonnige Weite, neben ihm das Mädchen, das ihm lieb war, der Tag so hell, die Ferne so blau, sein Herz warm und stark, das Leben hatte doch gute Stunden.
Drüben zwischen den junggrünen Hecken ging Christian Polematz und sang. Er hatte einen ganx netten Bariton und ließ ihn gern hören. Natürlich Löns.
„Du hast gesagt, du willst nicht lieben, Willst dich um keinen Mann betrüben —"
,Hören Sie nur, Fräulein Thora? Wird Ihr Herz nicht weich?"
Kleine Spur. Mein Herz fühlt sich sehr wohl, es trägt nicht das geringste Verlangen nach Der- änberung."
Der Heckenweg lief mit der Straße parallel, Christian begleitete sie in gleicher Entfernung.
„Der Birnbaum blüht nicht nur zur Freude, Er blüht nicht nur zur Augenweide, Kommt seine Zeit, kommt seine Zeit, So steht er voller Süßigkeit."
„Rührt Sie auch dieser Vergleich nicht?"
„Im Gegenteil, ich sehe nutzt ein, warum die Süßigkeit meiner Birnbäume ausgerechnet Christian Polematz zugute kommen soll."
„Da haben Sie allerdings recht!" rief der lange Heider begeistert.
Aber sie sah ihn gar nicht an. „Und überhaupt war er mir als Junge viel lieber, als wir noch
lenke Menschenmengen der von dem Hessen- Flieger-Verein für Luftfahrt ve anstalt.Ke Flugtag in Lich. Als Flugplatz war das Wiesengelände im Wettertal zwischen Lich und Rieder-Bessingen ausgewählt toorben.. Aus allen Himmelsrichtungen strömten die Zuschauer mit der Bahn, dem Auto. Motorrad. Fahrrad. Kutsche oder zu Fuß herbei, und auf dem Hauptzugangsweg zum Flugplatz, der Straße nach Rieder-Bessingen, setzte eine wahre Völkerwanderung ein. Das Fluggelände war durch Schutzpolizei und die hiesige fre willige Feuerwehr in mustergültiger Weise abgesperrt. Auch d'.e hiesige freiwillige Sanitätskolonne war zur Stelle. Die Hessen-Flieger waren mit 3 Flug- -eugen (ein Ein- und zwei Doppeldeckern), geführt von den Piloten Fährling. Basch und Kalbfleisch, zur Stelle und zeig'en bei strahlend blauem Himmel bewunderungswür>'g' Leistungen im S p o r t f l u g. Besonderes I resse war dem Fallschirmabsprung des Piloten Beutler aus einer schätzungsweisen Höhe von 500 Metern gewidmet. Der Sprung gelang vorzüglich und wurde sehr beifällig ausgenommen. Dem Verkehrsflug war leider keine Rechnung getragen, so daß eine größere Zahl Flug- lustiger unverrichteter Sache wieder heimkehren mußte. Anfälle irgendwelcher Art waren glücklicherweise nicht zu verzelchner. Im Anschluß an diese Veranstaltung fand zu Sbren der Gäste ein Festabend statt, an dem sich neben dem Verein für Lustfahrt der gesamte Stadtvorstand beteiligte. Bürgermeister Völker wies in einer Begrüßungsansprache auf die Bedeutung des Tages für unser Heimatstädtchen hin und überreichte den vier Piloten als Andenken je eine Federzeichnung von Lich. Dieser Tag dürfte auch in geschäftlicher Hinsicht alle Erwartungen erfüllt staben, die auf ihn gesetzt waren.
Laudkrris Gießen
n. G r o ß en - L in d e n. 27. April. Vor etwas mehr als 100 Jahren tonnte man in hiesiger Gegend noch keine befestigten Wege. Rach mündlicher älebetlieferung wurde die durch die hiesige Stadt führende Straße Kassel- Fr a n l s n r t a. M. unter Rapoleon erbaut. Die Straßen mußten bann von Zeit zu Zeit mit Kleinschlag eingesteckt werden, der nach der Einführung der Dampfwalze festgewalzt wurde. Zur Zeit sind diese Ausbesserungsarbeiten wieder im Gange. Zwar gibt sich die Kreisbauverwaltung in anerfennendtoettcr Weise alle Mühe, die Straße mustergültig herzurichten, sie kann aber feinen großen Fehler nicht wieder beseitigen, den man vor Jahrzehnten begangen hat. Es mußte nämlich vor der Pflasterung der Lückenbergkopf entsprechend abgetrogen werden. Don Großen-Linden aus steigt die Straße 2 Proz. und fällt sie wieder 5*/8 Proz. Oben mußte abgetragen und unten im Tale Erdmassen aufgefüllt werden, dann hätte die Fahrbahn ein mäßiges Gefälle bekommen. Rapoleons Mitarbeiter gaben schon einen Hinweis, sie machten oben, wenn auch ungenügend, einen Einschnitt von etwa 2 Meter und füllten mit der gewonnenen Erdmasse die Straße im Tale auf. Schade, daß später der Ortsvorstand nicht rechtzeitig eingriff.
n Lich. 27. April. Rachdem um die Weihnachtszeit der gesamte Grohviehbestand des Fürstlichen Hofguts der verheerenden Lungenseuche zum Opfer gefallen und kurz darauf außerdem auch der Viehbestand des Landwirts Zimmer in der Schloßgasse davon heimgesucht worden war, ist jetzt die Deuche erneut ausgebrochen. Sie ist von der Veterinärbehörde in der ebenfalls in der Schloßgasse gelegenen Hvfreite des Landwirts K. Al von festgestellt worden, dessen Rindviehbestand von sieben Stück abgeschlachtet werden muß. Zwei weitere Gehöfte in der Schloßgasse gelten als seuchenverdächtig: soeben wurde sogar verlautbart, durch Blutproben sei auch hier — es handelt sich um die Viehbestände der Landwirte Roth und G l ü ck e r — die Lungenseuche bereits nachgewiesen. Wenn auch auf Grund des Seuchengesetzes der Staat für den Schaden auskommen wird, ist die Seuche für die betroffenen Landwirte doch eine sehr mißliche Sache.
t ©rünberg, 27. April. Der hiesige Gewerbeverein hielt dieser Tage seine übliche Versammlung ab. An Stelle des bisherigen ersten Vorsitzenden Leonhardt, der 19 Jahre sein Amt verwaltete und im Hinblick auf seine Verdienste zum Ehrenvorsitzenden ernannt wurde, wählte man Heinrich Schmidt II.
gute Kameraden waren. Aber Männer können keine Kameradschaft halten."
„Stopp, stopp! Wie waren wir durch Flanderns Schlammgräben und die Hölle von Verdun gekommen, wenn nicht die große Kameradschaft gewesen wäre, Kameradschaft auf Not und Tod?"
„Ja, unter einander, das mag sein. Aber gegen uns Mädchen —"
„Es gibt auch keine Freundschaft zwischen Mann und Weib."
„Ach, die alte, dumme Rede."
„Oder doch nur bann, wenn in einer Ehe Mann und Frau zugleich Kameraden geworden sind, die zusammen durch dick und dünn gehen, lleberhaupt nennen die Frauen das Wort so oft ohne seinen Begriff zu verstehen."
„Na, erlauben Sie mal! — Wir drei Scchvestern sind Kameraden, wie es sie nicht besser geben kann. Zwischen uns gibt es keine Geheimnisie, kein Mein und Dein —"
„Well noch kein Mann in Ihrem Leben steht."
„Wir werden sorgen, daß auch keiner hinein- Eommt. Wir teilen alles miteinander, Arbeit und Vergnügen. Zanken uns, lieben uns, und wenn wir alt geworden, sitzen wir behaglich zusammen in unserem Iungfernturm."
„Und das lachende Haus?"
„Wird eben der Iungfernturm. Ich kann Ihnen sagen, es wird ein reizendes Leben bei uns allen Fräuleins. Und wenn Sie als Tapergreis mal zum Whist kommen —"
„Skat"
„Bewahre. Wir find so fein auf unsere allen Tage, wir spielen nur Whist. Ja, dann sollen Sie mal sehen, wie behaglich das bei uns ist"
„Und jetzt soll ich es nicht sehen? Sie haben mich ja ewig lange nicht eingeladen. Dienstag fahre ich noch Hamburg, was soll ick; da Fräulein Ille für den Garten mitbringen?"
„Kommen Sie Sonntag zum Kaffee und holen sich ^Bescheid. Aber Ihren quasi Deller, Herrn Drock-
„Er ist auch quasi mein Detter nicht"
,.Desto bester. Dann werden Sie ihn ja wohl von selber nicht mllbringen."
„Seien Sie unbesorgt. Der kommt mit mir gewiß nicht"
zum ersten Vorsitzenden. Für das verstorbene VoZtand;. igi.d Walter, Llueaborn, wurde Arc, lieft Jäger von dort in den Vorstand berufen. Bei ver Besprechung von Vereinsange- legenheilen wurde eine regere Tätigkeit des De- zirksvcrbandes ge ünscht, außerdem wurde gefordert, daß die Hand.'eckskammer-Rebenstefte in Gießen auch in Grünberg von Zeit zu Zeit einen Ge erbetaq abfoa?‘e. um die hiesigen Gewerbe.rei eiben fei i ee ®* e enpei zu beraten.
e. Stockhausen, 27. April. Die Gewerkschaft Luise hat den Betrieb wieder z. T. a u f f> c n o m ni c n. Die Gruben der Gewerkschaft Luise mit dem Sitze in Nieder-Ohmen, auf denen über 600 Bergleute aus der Umgegend von Mücke beschäftigt waren, stehen noch still. Mit Sehnsucht erwartet man auch den Beginn der Arbeiten an diesen Gruben.
Krcis Friedberg.
Gpw. Bad-Rauhcim, 27. April. Die rührige Fechterriege des hiesigen Turnvereins von 1 860 (Turngau Hessen) weilte am Sonntag in Hanau bei dem befreundeten Turn - und Fechtklu b (Gau Offenbad)- Hanau). Es galt, den Huckkampf im Fechten auszutragen, während im vergangenen Jahr die Hanauer hier zum ersten Städte mann» schaftskampf geweift haben. Die Leitung hatte der Fechtwart der D. T. Stassen (Hanau) übernommen. Als Kampfrichter waren auserlesene Kräfte tätig, darunter auch Fechtlehrer Karl Roll (Gießen). In Florett siegte Hanau mit dem Punktverhäftnis 9:7, t>. h. mit 9 Siegen, (35 Treffern) gegen Bad-Rauheim, das 7 Siege (29 Treffer) aufzuweisen hatte. 3m leichten Säbel ging Bad-Rauhe im mit 5 Siegen (31 Treffer» als Sieger hervor, während der Fechtklub es nur auf 4 Siege (34 Treffer) brachte. Der Beranstaftung wurde seitens der Hanauer Bevöllerung das größte Interesse entgegengebracht Zur Erinnerung an den Freundschaftskamps wurde der Bad-Rauheimer Riege von dem Fechtwart des Fechtklubs, Fabricius, eine kunstvolle Radierung des Hanauer Rathauses überreidyt.
2$. Rad-Rau heim, 27. April. Die Ortsgruppe Dad-Rauheim des Hessischen I a g d- klubs veranstaltete am Sonntag auf den Ock- städter Schießständen ihr Frühjahrskugel- schiehen, an dem etwa 40 Schützen teilnahmen, darunter auch eine Reihe von Einzelmitgliedern des Iagdllubs aus der Gießener Gegend. Es wurde in drei Abteilungen geschossen: auf die 24er Ringscheibe aus 100 Meter Entfernung, auf den stehenden Bock und den lausenden Keiler in 65 Meter Entfernung. Die kunstvolle Meist e r s ch e i b e, ein Werk des bekannten Iagd- inalers Geilfuh, erhielt für die beste Gesamtleistung der Meister des Tages, Zahnarzt Dr. Haustein von hier, der mit 116 Ringen die höchste Gesamtpunktzahl erreicht hatte (Ringscheibe 63, Bock stehend 16, Bock kniend 19, laufender Keiler 18). Von den übrigen Siegern nennen wir nur je die drei ersten und außerdem noch die Erfolge einiger ober hessischer Förster aus der Umgebung Gießens: Laufender Keiler: 1. Preis Förster Butron, (Röthges),65 Ringe, 2. Dr. Henrich (Dad-Rauheim), 24 Ringe, 3. Konditor Franz Müller (Dad-Rauheim), 22,7 Ringe: Ring-- und Dockscheibe insgesamt: 1. Preis Pensionsinhaber Rickel (Dad-Rauheim), 99 Ringe, 2. Dr. Hanstein (Dad-Rauheim), 93 Ringe, 3. Pächter Reif (Hof Hasselheck), 93 Ringe, 6. Forster Textor (Lich) 80 Ringe, 8. Förster Reuß (Wetterfeld), 77 Ringe, 17. Förster Dutron (Röthges), 67 Ringe.
"" Gambach, 27. April. Am Sonntag veranstaltete der Gesangverein „Harmonie" einen Volksliedernachmittag. Es wurden Chore von Silcher, Sonnet, Pauli u. a. vortrefflich zum Vortrag gebracht, die zeigten, daß der Verein mit seinen Leistungen auf beachtenswerter Höhe steht. Ein gutes Orchester füllte die Pausen zwischen den einzelnen Liedern mit ausgezeichneten Darbietungen aus. Die Leitung der Veranstaltung lag in den Händen des Dirigenten Gg. S a m e s, Holzheim.
Kreis Büdingen.
△ Ridda, 27. April. Die Erben des dahier verstorbenen Lehrers Ludwig U h l von Michelnau verkauften das am Marktplatze gelegene Wohnhaus an Bäckermeister Hermann Rul Im ann hier für 14000 Mark.
■+• Aus dem Niddatal, 26. April. Die Preise für Ferkel und fette Schweine de-
Sie waren am Schulhause. Vater Kallies, klein und windschief, hackte am Rosenbeet. Seine Frau in ihrer ganzen schwerfälligen Massigkeit sah ihm von der Tür aus zu. „Pass' auf, Vater. Die (Ein- fassung!"
„Passiert ihr nichts, mein Küken. Deine Feder- nelken sind mir heilig."
Er lachte, Mutter Kallies lächelte nur ein wenig. In ihren Augen blieb immer ein dunkler Schein. Jetzt nickten sie beide den jungen Leuten zu, und Thora hätte wortwörtlich die Gedanken wiedergeben können, die ihnen dabei durch den Sinn gingen. Man kannte sich sehr genau im Weltwinkel.
„Philemon und Baucis", sagte der lange Heider. „Wie die zwei zusammen leben. Vorbildlich."
,La, aber sie kann nicht mehr lachen."
„Wie?"
,Haben Sie nicht gesehen? Sie lächelt nur ganz wenig. Ein rechtes Lachen bringt Muller Kallies nicht mehr heraus, feit Gesine tot ist."
„Ihre Tochter?"
„3a, sie haben nur die eine gehabt. Klein wie der Vater, zierlich, allerliebst. So was, was gefällt. Sie war zehn Jahre älter als ich, ich kann mich noch aut an sie erinnern. Sie ging nach Hamburg in Stellung, weil es ihr hier zu langwellig war. Dann kam sie immer seltener, dann halle Mutter Kallies verweinte Augen, zuletzt hörte man nichts mehr von ihr. Und bann kam das Seltsame —"
„Was kam?" Heider sah gespannt auf seine Begleiterin.
„Wir reden nicht gern davon. Aber Sie gehören ja schon hierher zu uns, nicht wahr?"
Heider versicherte begeistert, daß er ganz und gar hierher gehöre.
„Wir waren bei Kallies'. Ostersonntag, zum Kaffee. Mutter Kallies ging in die Küche, den Kaffee zu holen. Von da aus sieht man die Elbe und un» seren Heckenweg. Ganz schnell kommt sie wieder herein und sagt: ,Wo ist Gesine?' — Wir sehen sie alle an. — ,Sie kam doch eben den Weg heraus von der Elbe und stand auf dem Hof und ging hier in das Haus. Sie muß doch hereingekommen sein in die Stube. —/ Bon uns allen konnte keiner ein Wort sprechen. — Zuletzt aber sagte Vater Kallies so ganz behutsam: ,Mutter, wie konnte sie denn? Sie geht doch von der Elbe her über ’ne Diertel-
wegen sich eben in vollständig entgegengesetz- t e m Verhältnis. Die einen sind ständig im Steigen, die anderen im Fallen begriffen. Während für Ferkel von 6 Wochen 45 Mk. und mehr bezahlt werden, haben sich die Ladenpreise für das Pfund Schweinefleisch von 1,40 Mk. auf 1 Mk. gesenkt. Die Ursachen zu diesem Mißverhältnis sind leicht gefunden. Der größere Teil der Landwirte pflegt um diese Zeit seinen Ferkelbedarf zu decken, so daß die Nachfrage groß ist. Da aber infolge der stark auf- getretenenen Maul- und Klauenseuche viele Gegenden, die sonst den Markt beliefern, als Absatzgebiet nicht in Frage kommen, ist man nur auf die heimische Zucht angewiesen, die natürlich die Nachfrage nicht beliebigen kann, was sich in ben hohen Ferkelpreisen auswirkt. In fetten Schweinen herrscht Ucberangebot. Die reiche Kartoffelernte bcs letzten Jahres, die den Preis stark druckte, gab der Landwirtschaft Veranlassung, ihre Vorräte durch Schweinemast besser zu verwerten. So gelangen viele fette Schweine, die noch vor Eintritt der heißen Zeit abgesetzt werden sollen, an den Markt und drücken die Preise. Auch die Eier sind auf den Stückpreis von 8 Pfennig zurückaegangen.
—/— Ortenberg, 21. April. Die Verhandlungen mit der Postbehörde wegen Errich- tung eines neuen Postamts durch die hiesige Gemeinde stehen vor dem Abschluß. Das neue stattliche Gebäude mit einer Front von 27 Meter kommt in den Herrngapten zu stehen. Die Ausschachtungsarbeiten haben bereits begonnen. Der Bau soll bis zum Herbst fertig werden und wird, den Plänen nach zu urteilen, eine neue Zierde unserer Stadt heben. Der eine Flügel wird das Postamt, die Wohnung deS Amtsvorstehers und eine Wohnung für einen Postbeamten aufnehmen, der andere Flügel soll zwei Vierziminerwohiumgen enthalten. Rach Errichtung des neuen Postamts wird das Fernsprechamt nach dem Selvstschiltshstem für daS Ortsnetz eingerichtet.
Kreis Schotten.
|~l Laubach, 26. April. Ein seltener Kunstgenuß wurde am Samstag der hiesigen Bevölkerung geboten. Die Konzert- und Dortragsver- etnigung hatte den Bauers chen Gesangverein in Gießen zu einem Liederabend eingeladen. Das Konzert fand im „Solmser Hofstatt. Zahlreiche Zuhörer aus der Stadt und älmgegend hatten sich eingefunden. Die Leitung hatte Herr Otto Görlach; am Klavier sah Herr Otto Gutjahr, außerdem wirkte mit Herr Kurt Richter (Tenor), sämtlich au8 Gießen. Die Vortragsfolge war gut gewählt. Zum Vortrag kamen Kreutzer, C. M. v. Weber, Maillart, Beethoven, E. Wendel usw. Das Konzert fand in allen Teilen dankbarsten Beifall. 3n Privatquartieren wurde die über 100 Mann starke Eängerschar untergebracht. Gestern wirkten die trefflichen Sänger in der Stadt- kirche mit und verschönten den Gottesdienst. Sodann wurden unter Führung von Professor Dr. R o e s ch e n die Sehenswürdigkellen der Stadt in Augenschein genommen. Auf diesem Gange erfreuten die Sänger die Bevölkerung durch verschiedene Chorlieder. Aus dem Marktplatz, int Schlohhof und im Park erschallten stimmungsvolle Weisen. Besonders dankenswert waren zwei Vorträge vor den Fenstern des Krankenhauses des Johann-Friedrich-Stiftes. Rach einem Abschiedstrunk im „Solmser Hof" nahmen die Sänger, voll befriedigt von der gastlichen Aufnahme, mit dem Abendzug Abschied vom lieblichen, in voller Dlütenpracht stehenden Wettertal. — Der Voranschlag der Stadt Stadt Laubach beläuft sich in diesem Jahre auf 141 834,64 Mk. Er ist 2561,62 Mk. niedriger, als derjenige des verflossenen Jahres. Eine Umlage von 10 000 Mk. wird wieder, wie im Vorjahre, erhoben. Der Ertrag aus den Waldungen beläuft sich auf 81 450 Mk.; fast die Hälfte dieser Summe wird aus Ausgaben für die Waldungen verwandt. Die allgemeine Verwaltung erfordert 15 000 Mk. Für die Schulen werden 14 457 Mk., für die Straßen 10 954 Mk. verausgabt. Eine weitere Rate von 3000 Mk. wurde für das Ehrendenkmal bewilligt. An äleber- weisung von Steueranteilen sind 12 260 Mk. eingesetzt. — Gestern wurde ein lebhafter Flug der Maikäfer sestgestellt; besonders an den Hängen des Ramsberges, an der Grenze des Buchenwaldes, schwirrten die Käfer in ungemein hoher Zahl.
)—( Laubach, 27. April. Lehrer Moxter, der im letzten Vierteljahre die Stelle eines
stunde/ — ,Nein, nein, sie kam ganz schnell. In einem Augenblick' — und sie schlägt die Schürze vor das Gesicht und fängt an zu zittern und zu schluchzen. — Wir sind beklommen nach Hause gegangen. — Zwei Tage später aber schrieb die Polizei aus Hamburg, Gesine Kallies hatte sich an jenem Nachmittag in der Elbe das Leben genommen."
Eine Stille zwischen den beiden. — Und wieder nach einer Weile jagte Thora: „Das ist jetzt sechs Jahre her, aber seitdem kann Mutter Kallies nicht mehr lachen."
„Ich hab' oft von solchen Sachen gehört. Ich hab' sie immer für Unsinn gehalten."
„Unsinn? — Wenn unsere Mutter fern von uns ist, spürt sie es, wenn einer von uns etwas geschieht. Und wenn wir als Kinder nachts Schmerzen hatten, Zahnweh oder Kopfweh, und konnten nicht schlafen, stand sie plötzlich in unserem Zimmer neben unserem Bett und fragte: ,Was hast du denn? Was fehlt dir denn?' — Sie hatte unsere Unruhe mitten im Schlaf gespürt. — Ich glaube, es gibt zwischen Mutter und Kind unsichtbare Faden, die gehen über Meer und Land lind zerreißen nicht."
Wie Thora das sagte, war etwas Heüiges in ihrem Gesicht. Heider Steffen hätte am liebsten beide Hände an ihre Wangen gelegt und sie leise und doch ganz heiß auf die ernsten Augen geküßt. — Aber so etwas wagte man nicht. Bei den Bunsenrnädchen war immer eine große Vorsicht geboten.
Die Hunde strichen weitab. Auch Christian Polematz war irgendwo in Feldern und Hecken untergetaucht. Jetzt kam seine Stimme einmal wieder von fernher:
„Du, du liegst mir im Herzen , Du, du liegst mir im Sinn.
Du, du machst mir viel Schmerzen —"
Sie lachten beide. — „Sonntag können Sie ihn mitbringen, wenn er Ihnen gerade über den Weg läuft", sagte Thora. „Wir setzen ihn an das Klavier, da ist er unschädlich. Komm, komm, kleine Sina, nun muß ich dich doch auf den Arm nehmen, daß du deiner Mutter nicht nachläufst." Sie trug das Tierchen in das Haus. Heider Steffen ging zufrieden den Heckenweg hinab zum Strom — der Hund würde sie immer an den Herrn erinnern.
(Fortsetzung folgt)


