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Sein oder Nichtsein.
Lin Kriminalroman von dec Wasserkante.
Bon Moritz Schäfer.
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Um aber einen Charakter von der Kompliziertheit Mühlfelds restlos zu zergliedern, fehlte es der |d)önen Hamburgerin an Welterfahrung. Ihre Skepsis schwand mehr und mehr, da Fedor peinlidj vermied, die Grenzen des guten Tones zu überschreiten, und Andrea merkte gar nicht, wie ihr der Roue trotzdem täglich um Haarbreite näher tarn. Ein Flirt im gewöhnlichen Stil hätte Andrea verscheucht und Mühlfelds Position untergraben; deshalb versuchte er es mit neuen Nuancen und hatte den Erfolg auf seiner weite. Er sang das Hohelied der Ehe, malte in leuchtenden Farben das Glück eines harmonischen Lebensbundes und beklagte sich selbst als einen Enterbten, dem dieses Paradies auf ewig verschlossen sei. „9a, sehen Sie mich nur verwundert an, schöne Frau! Sie meinen, zwischen Worten und Taten klaffe ein unlösbarer Widerspruch. Aber gerade ich, der die Ehe zu schätzen weiß wie fein Zweiter, bin verdammt, mich als Junggeselle allein zum Grabe zu schleifen. Ihnen darf id) gestehen, was ich aller Welt verberge: Heines Asra ist in mir wiederauferstanden!"
Da mußte Andrea denn doch trotz des schwermütigen Tones, in dem diese Bekenntnisse fielen, laut auflachen. „Nehmen Sie mir’s nicht übel, Herr Mühlfeld/ entschuldigte sie sich, „aber ausgerechnet in der Rolle des Asra — der Gedanke ist doch zu grotesk!“
„Sie verkennen mich, gnädige Frau", sagte er mit tiefem Ernst, und seine Stimme vibrierte leise. „Sie verkennen mich, wie alle Welt. Gewiß, ich leugne nicht, was öffentliches Geheimnis ist. 9ch gaukle wie ein Schmetterling von Blüte zu Blüte und nasche Honig, wo sich mir ein Kelch erschließt. Aber was haben diese Aventuren mit Liebe zu tun? Ich muß mich betäuben, das ist alles! Id) muß Lethe trinken, sonst zermalmen mich die Gedanken! Einmal," und seine Stimme klang wie ein flüsternder Hauch, „einmal ist die große, jauchzende, himmlische Liebe in mein Herz eingezogen. Aber da war es zu spät! Das Weid, das mich groß
gemacht hätte, groß und gut, ist mir unerreichbar! 9d) muß an meiner Liebe verbluten! Lachen Sie, Andrea," fuhr er leidenschaftlich fort, „das Lachen kleidet Sie besser, als der schwermütige Ernst, der in der letzten Zeit Ihr Leben beherrscht! Und wenn Sie glücklich sind, denken Sie zuweilen an den Asra!"
Hastig erhob er sich und ging. Andrea lachte nicht mehr. Eine Glutwelle war in ihr Gesicht geschossen, Empörung wallte in ihrer Seele auf, denn sie hatte begriffen. Mühlfelds Partie stand aus Biegen oder Brechen. Einen Augenblick war Andrea entschlossen, den Vermessenen nie mehr zu empfangen. Dann aber senkte sich die Wagsmale allmählich zugunsten Fedors. Bist du denn sicher, ob er d i ch meint? so fragte sich Andrea, und kam zu dem Schluß, daß ihr da impulsiv die Eitelkeit einen Streich gespielt habe. War es nicht Beleidigung des Mannes und schließlich ihrer eigenen Person, anzunehmen, daß nur sie gemeint sein könne? Ja, ja, es war möglich, wahrscheinlich sogar, daß eine Frau, die sie nicht kannte, Herz und Sinne Mühlfelds in Besitz genommen hatte. Kein Blick, keine Miene hatte Andrea Andeutung gemacht, daß er sie selbst begehre. Sie atmete auf, die Unmutsfalte schwand von ihrer reinen Stirn, und ein Lächeln drängte sich auf ihre Lippen. Nein, dieser Mensd) war besser als sein Ruf! Sie wollte ihm auch nichl mehr mit Boreingenommenheit begegnen, wollte sein Vertrauen ehren und seine besseren Instinkte fördern und nähren. Ein heißes Mitleid wallte in ihr auf. Fedor war ein Unglücklicher, und wenn es in ihrer Macht lag, wollte sie ihm helfen. Vielleicht konnte er vergessen, vielleicht gab es in ihrem Bekanntenkreise ein Mädchen, das ihm Ersatz bieten konnte für die, die ihm unerreichbar war; vielleicht konnte sie dem Hilflosen eine Retterin zuführen, die ihn zurückleitete aus Sumpf und Morast in reinere Höhen. Die Freude am Ehestiften, die schließlich in jeder Frau zum Lichte bränat, regte sich, und rasch ließ Andrea die jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft vor ihrem geistigen Auge Revue passieren. Doch feine schien ihr geeignet, die Sendung zu erfüllen, den „armen Heinrich" zu erlösen. Margot? Nein, das war unmöglich! Die Blinde verharrte in ihrer Abneigung gegen Mühlfeld, die nahezu an Unart grenzte. Freilich, wie konnte das Kind wissen, daß tief versteckt unter tau
bem Gestein geheime Bronnen sprudelten! Aber Andrea nahm sich vor, nicht mehr voreingenommen zu fein, sondern ohne pharisäischen Dünkel den Menschen im Menschen zu suchen. Ob sie dem armen Irregeleiteten werde helfen können, stand freilich dahin.
In der Reinheit ihres Herzens ahnte die junge Frau nicht, daß sie nach wohlüberlegtem Plane einem Schurken anheimfiel. Mit kalter Berechnung nahm der Rou6 die Psyche der schönen Frau aufs Korn, eine Bresche zu legen in ihre Vernunft und schließlich die stolze Feste zu Fall zu bringen.
Bis Ende April hatte Lorenzen von dem Mühl- seldlchen Depot nod) 150 Millionen abzutragen. Das übrige war ersetzt, aber das war nicht ohne Mühe erzielt worden. Die geschäftliche Krise wirkte nach, und es konnte nicht verhindert werden, daß im Publikum allerlei vage Gerüchte von einem Wackligstehen des Bankhauses umliefen. Lorenzen kam aus den Sorgen nicht heraus, und die eheliche Spannung wuchs. Eine nervöse Gereiztheit herrschte bei dem Bankier vor und übertrug sich auf Andrea. Auch Margot fühlte instinktiv die wachsende Entfremdung zwischen den Gatten, und so oft sie konnte, floh sie die freudlosen Räume des väterlichen Hauses. Bei ihrem alten Freunde Hinriks fand sie stets, was sie suchte: Wärme, Vertrauen und Güte.
So kam der Mai, und auf der Barnstorfer Rennbahn sollten die Frühjahrsrennen gelaufen werden. Am 17. des Wonnemonats war der erste Renntag. Ein Morgen von strahlender Helle war gekommen, und Margot faß in einem Schaukelstuhl, den die durch die Gardinen dringende Sonne mit mannen Lichtern überflutete.
Da trat die alte Hausmagd Etta, die schon bei Lebzeiten der Mutter Margots in die Familie gekommen war, ins Zimmer, und Margot rief ihr entgegen:
„Es muß ein herrlicher Tag fein heute, nicht wahr, Ella!"
Die Alte goß die Zimmerttnde auf dem Blumentisch und erwiderte:
„Ach Gott, Fräuleinchen, zu schön ift's draußen. Wenn Sie's nur sehen könnten!"
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in das Licht. „Wenn ich's auch nicht sehen kann," antwortete sie, „so fühl' ich's doch. Ach, dieser warme Sonneilschein, wie wohl dos tut nach all den Regentagen."
Ella trat an den Schaukelstuhl und streichelte sanft über den Arm ihrer jungen Herrin. „Draußen haben auch schon die Rosenknospen angesetzt", sagte sie. „Eine ist schon am Aufgehen. Wenn wir sie in eine Vase stellen, wird sie morgen blühen und duften. Ich hab' Ihnen die Knospe mitgebracht, Fräuleinchen."
„Wo ist sie, Ella? Bitte, geben Sie her."
„Hier, Fräuleinchen! Es ist eine gelbe Teerose, wie sie der junge Herr Wallot so gern hatte."
Mit zärtlichen Fingern tastete Margot über die Rosenknospe hin, während ein Zug stiller Wehmut in ihre Mienen trat.
„Stellen Sie die Knospe ins Wasser, Ella!" bat sie dann, und die Alte tat, wie ihr geheißen. Noch einen liebevollen Blick warf sie auf ihre junge Herrin, bann ging sie geräuschlos.
Aber Margot blieb nicht lange allein. Der Vater trat ein und legte die Hand auf den Scheitel seiner Einzigen. „Mein liebes Kind!" sagte er mit Warme.
"Du bift’s, Vater?" Angeregt richtete sich Margot in dem Schaukelstuhle auf. „Ach bitte, setz' dich em wenig zu mir und laß uns plaudern "
„Gerne, Kind." Er nahm Platz und fuhr fort: ,,9d) hab ja auch eine Neuigkeit für dich!"
„Was denn, Vater?"
„Denk' dir, Heinz Wallot kommt zurück!"
Heftig fuhr Margot auf „Heinz kommt - von Aegypten?
z.9a, Kind. Er hat feine Studien in der Augenklinik zu Kairo beendet und ist Assistent bei Professor Langen in Berlin geworden. Soeben habe ich eine Depesche aus Hamburg erhalten; er ist bereits an Land gegangen und wird heute noch zu uns kommen."
Margot strahlte „Heinz ist Assistent bei Professor Langen — sag', Vater, das ist wohl ein großes Glück?"
„9ch hoffe, Margot. Er hätte es reichlich verdient."
„Und du sagst, daß er zu uns kommt?"
„Er will vor Antritt seiner Stellung ein paar Wochen in Rostock und Kiel verweilen. Freut dich das, Margot?"_______________(ffn-t—folgt)
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