Ausgabe 
27.12.1926
 
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Nr. 302 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefftn)

Montag, 27. Dezember (926

Italien und das italienische Problem in Europa.

DoN * , *

Don einem viel in Italien lebenden und put informierten Kenner italienischer Verhältnisse geht uns die obenstehcnde Arbeit zu. Wenn wir vielleicht auch in diesem oder jenem Punkt nicht ganz die Auffassung des Derfas- lers zu teilen vermögen, so erscheint es uns doch angebracht, die in dein Artikel niederge­legten Gedantengänge unseren Lesern zur Kenntnis zu bringen.

Al» sich, vor mehr als Jahresfrist, eine schlecht beratene deutsche Presse auf Anregung gewisser französischer Kreise hin dazu bestimmen liefe, den Faszismus al|o eine imperialistische Angelegen« beit weit schärfer in den Mittelpunkt ihrer Kritik zu rücken, als cs dcm außenpolitischen Interesse Deutschlands dienlich war, erwies es sich, wie leicht es auch heute noch ist, durch ge­schickte Stimmungsmache Strömungen der öffent- lichen Meinung hervorzurufen, die sich bis zur Gefahr schlimmster und nachhaltigster Verblendung auswachsen können. Es erwies sich desgleichen, baß politische Vernunft zu allen Zeiten nicht nur im Kriege, wo bekanntlich der Säbel den An­spruch auf das Regiment erhebt eine äußerst sel­tene Eigenschaft ist.

Kaum eine von den Zeitungen, die damals so scharfe Töne anschlugen, war sich bewufet, dafe sie das Geschäft jener französischen Kreise besorgte, die ein Interesse an Unordnung in Italien und un- freundlichen Beziehungen zwischen diesem Land und Deutschland halten, um desto üppiger den eigenen Weizen blühen zu sehen. Es war sehr naheliegend, da» deutsche Gefühl auf die Tiroler Frage zu Hetzen und bann aus all den erregten Erbitterungen den Nutzen zu ziehen, den man wollte. Es war im voraus zu berechnen, bis zu welchen Graden sich die einmal erweckten Leidenschaften auf beiden Seiten nach erfolgter Kampfansage auswachsen und wie schwer sie zurückzudämmen sein würden. Alles kam genau so, wie es die Drahtzieher wollten, !a e» kam noch viel bester: denn es war nicht vor- auszusehen gewesen, dafe sich Mussolini, der Staats­mann, zu einer so unstaalsmännttchcn Rede würde hinreifeen lasten, wie er sie im Februar hielt. Es war aber auch nicht vorauszufehen, dafe Stresemann, der Staatsmann, eine so außerordentlich kluge staatsmännische Entgegnung geben würde, die das Echo der italienischen Senatsopplause für Mussolini ganz beträchtlich in allen europäischen Staaten her- unterdämpfte und dem ganzen handel das Giftige und Gehässige fortnahm, indem es ihn in die Gren­zen verwies, in die er politisch gesprochen gehörte.

Südtirol ist durch den Friedensvertrog von St. Germain an Italien gefallen, also Bestandteil des italienischen Reiches. Oesterreich Hot es ver­loren, nicht das Deutsche Reich, und zu Oesterreich, nicht zum Deutschen Reich, gehört noch heute Nord- ttrol, das bekanntlich an Oberbayern grenzt. Um dieselbe Zeit, als Stresemann die um Tirol ent­standene deutsche Bewegung in ihre erträglichen Maße zurückdämmen mußte, fand der österreichische Bundeskanzler Ramek Worte für Italien, die ganz und gar nicht unfreundlich waren. Er dachte gar nicht daran, sich zum Sprachrohr der deutsck)en Äuf- regung zu machen und was er den Rordtirolern au verstehen gab, ist nicht weiter in die Oessentlich- feit gedrungen. Immerhin mag es politisch nicht unklug gewesen sein, und ganz bestimmt war cs sehr liebenswürdig und väterlich zur Vernunft mah- nend. Denn der Oesterreicher hatte, im Gegensatz zu dem Deutschen, eigentlich nie recht Lust, sich den Kopf an Mauern einzurennen, in die mit Gewalt ohnehin keine Bresche zu legen war, auch dann nicht wenn es um eigentlich immerhin noch politisch gesprochen österreichische Dinge ging.

Natürlich wußte man in Wien sehr genau, dafe es in SüdtirolRunfte gab die einer grundsätzlichen Regelung bedurften: dafe cs da eine Minoritälen- frage gab, welche deutschsprachige, frühere öfter» reichische Staatsangehörige betraf. Man wußte auch, daß das Deutsche Reich moralisch gesprochen an dieser Frage nicht uninteressiert fein konnte noch bleiben würde: aber Oesterreich war ja schon im Völkerbund, wußte, daß der (Eintritt Deutschlands nur eine Frage weniger Wochen ober Monate sein würde, und daß man ja, nach einmal erfolgtem (Eintritt, nirgendswo bester als im Rahmen des Völkerbundes Seite an Seite (um nicht zu sagen Schulter an Schulter) mit dcm früheren Bundes- genoffen die Frage der deutschen Minoritäten in

Südtirol in gewählterer Form und trotzdem mit viel mehr Nachdruck wurde anschneiden können.

Diese Wiener Austastung war und ist natürlich nicht nur die weit klügere, sie war und stt auch die politisch einzig mögliche. Denn es stehen im Vorder- 8rund europäischen Geschehens zunächst Angelegen- eiten weit größeren Formats, und «mar solche, deren Erledigung automatisch und selbstverständlich die Lösung auch der kleineren Fragen noch sich ziehen wird.

Für Italien selbst steht aus dem ersten Plan alles politischen Interesses die Frage der foszistischen Kon- lolibierung beziehungsweise Evolution im Sinne von Ausbau, Verfeinerung. Belebung. Liberali­sierung.

Es ist ganz erstaunlich, wie oberslächlich und töricht der italienische Faszismus auch von solchen Menschen gesehen und beurteilt wird, die oft genug (Belegenheit ixibcn, sieb auf italienischem Boden auf- zuhatten.Mussolin, hat Ordnung geschaffen": wei- ter wissen von hundert Leuten fünfundneunzig nichts zu sagen. Und dabei denken sie heimlich im Hinter- gründe:Daß wir selbst zu Hause doch auch einen solchen Ordnungsmacher hatten!" Mit anderen War- len: sic haben vom Faszismus absolut aar nichts verstanden, ihn von einer rein mechanischen Sette aufgefafet und nur eben diejenige seiner Erschei­nungsformen opperzipiert, die ihrem eigenen Be­dürfnis nach politischer Verantwortungslosigkeit ent- spricht. Sie haben vollkommen übersehen, daß in der Deutschen Republik vollkommene Ordnung herrscht, daß dort feine noch so stramme äußere Zucht die inneren Probleme eines auf seinen eigenen geschichtlichen Vorbedingungen ruhenden Staates lösen wird, d. h. daß, was im Augenblick für Italien das einzig mögliche ist, für Deutschland das unmöglichste, ja die vollkommene Katastrophe fein würde. In Deutschland ist es heute so, dafe leber Versuch einer Diktatur unweigerlich zum so- fertigen Bürgerkrieg oder zum mindesten zu schwerer und langer Unordnung führen müßte (man gebe sich doch darüber keinen Illusionen hin), in Italien ober traf ein aus tiefem sozialem Gefühl erwachsener diktatorischer Wille auf so geringen Widerstand aller Schichten, die sich hätten wehren müsten, dafe er aus gerade dieser Tatsache seine wich­tigste Bestätigung und Rechtfertigung vor sich selbst ableitet. In der (übrigens schwachen und verschwom- menen) neuesten Schrift des italienischen Exminister- Präsidenten Nitti (Bolschewismus, Faszismus und Demokratie") ist am Schluß das faszistische Pro­gramm vom März 1919, so wie es von Mussolini selbst entworfen wurde, veröffentlicht. Es besteht kein Grund, an der Echtheit dieses Dokumentes zu zweifeln, und man braucht auch nicht anzustehen, es als einenAusdruck der demokratischen Hyper­trophie" zu bezeichnen: so unsäglich weitgehend ist es in seinen geradezu utopistischen Forderungen, so entgegengesetzt zu allen Aeußerungen des faszistischeti Systems, wie es sich uns heute barftcUt. Es ist ba bie Rede von Abschaffung der politischen Polizei, des Senates undjeder willkürlichen Beschränkung der Dolksherrschaft", der Dienstpflicht, von absoluter Gedanken- und Gewissensheit, Unterdrückung der Bankspekulation usw. Kurz: es ist das Programm eines politischen Idealisten, wie es großzügiger und lcidenschaftlick-er nicht gedacht werden kann. Diese Tatsache darf unter keinen Umständen außer acht gelassen werden, wenn man versucht, eine objektive Stellung gegenüber dem Faszismus einzunehmen.

Warum und wieso der Faszismus fett feiner Inthronisierung als Staatsgewalt also seit Ende 1922, drei Jahre nach der Ausstellung seines ersten Programmes eine so entscheidende Wendung nach rechts genommen hat, kann nicht hier in so engem Rahmen eingehend untersucht werden und würde auch eine so genaue Kenntnis aller internen Vor­gänge in der Bewegung selbst erfordern, wie sie wohl auch faszistische Führer nur zum allergering­sten Teil besitzen. .

Entscheidend für uns ist, daß bie Wenbung nach rechts eintrat unb baß auch sie von ber Opposition nicht verhindert werden konnte. Auf Mussolini aber fiel, in dem Augenblick, wo er die effektive Gewalt innehatte, fo wie sie nun einmal war, die ungeheure Verantwortung für das zunächst materielle Wohl des Staates, der in ihm fein Symbol und feine bannende Mitte sah. Es steht für mich außer Frage, daß Mussolini heute weit mehr ein Ge­zwungener als ein Zwingender ist, und daß gerade aus der Erkenntnis dieser unleugbaren Tatsache ihm bie allerschwerste und fast übermenschliche Ausgabe erwächst, mit äußerster Zähigkeit, äußerstem diplo­matischem Geschick die treibenden und aufbegehren­den Kräfte vor allem die uttraradikalen (Ele­mente fo weit zum Ausaleich zu führen, baß er selbst roieber als aktiver Gestalter an ihre Spitze

Tycho Brahes Werk und Schicksal.

Don Walther Heering.

Sie Sterne sollen einen'besonderen Stand ge­habt habe t, a's in den D y?:r.bertag n des Jahres 1546 auf dem dänischen Herrensitz Knadstrup der Srofec Astronom Tycho Drahe geboren wurde. Leiche weltbewegenden Ereignisse und welchen Reichtum geistigen Geschehens hatten die atzten Jahrzehnte gebracht! Die Erfindung der Duch- bruckerkunst und der Fall des byzantinischen Deiches, Renaissance und Amerikas Entdeckung lagen zurück. Das Jahr 1543 hatte des Koperni- ?us weltändemdes Werk geb-'cht. Luther hatte es noch verlacht:Der Darr will die gan^e Kunst QI ft ronomiä umkehren! Ab r wie Die Heilige Schrift anzeigi. so hieß Josua die Sonne still- fiehen und nicht das Erdreich" Jetzt sind es drei Jahre später, Martin Luthers Todesjahr, anno Domini 1546. Es war wie ein Symbol: im Todesjahr Luthers wird Tycho CB rat); geboren, auf die Reformation der Theologie folgt die Deformation der Astronomie.

Lind wenn nun der erstaunte Leser nach dem Werk dieses großen unbekannten Astronomen fragt: es war eben mit den letzten Worten ge­nannt Kein Geringerer als der große Kepler hat eS einmal ausgesprochen, daß die Refor­mation der Astronomie im Jahre 1564 durch Tycho begonnen und beschlossen wurde. Erst feine heuen Instrumente und fein ungeheures De- Dbachtungsmaterial ermöglichten es seinem grö- fteren Nachfolger, die Geheimnisse der Planeten­bewegung zu entdecken und das von KopernikuS Begonnene Werk zu vollenden. Tychos Stolz war fehl Weltsystem, das die Erde doch wieder in den Mittelpunkt der Welt und sch damit dem koperni- lonischen entgegen stellte. Aber es hat dessen 'Sieg nicht verzögert, sondern diente vielmehr als in Liebergang vom ptolemäifchen -um koperm-

kanischen System. Mit seinem 'Weltsystem, mit der Konstruktion feiner neuen Jnftrumente und durch feine zahlreichen genauen Beobachtungen ist Tycho der Johannes der Läufer der abendländischen Astronomie. Es gilt von ihm das Wort aus der Stunde feines TodeS: ne frustra vixisse videar, er hoffe nicht vergebens gelebt zu Haben-

Aber an den Hamen Tycho Brahes knüpft sich nicht nur diese wissenschaftliche Bedeutung innerhalb der Astronomie, sondern auch das Schicksal seine- Lebens. Es steht um ihn ähnlich wie um Giordano Bruno. Er hat zwar nicht wie dieser fein Leben, dafür aber die Heimat ver­lieren müssen. Er war von 10 Kindern einer altadligen Familie der älteste Sohn. Mit drei­zehn Jahren studiert er bereits in Kopenhagen Rhetorik und Philosophie, bald Astronomie und Mathematik. Damit beginnen seine studentischen Wanderjahre: 1562 ist er in Leipzig und stellt die ersten astronomischen Beobachtungen an heim­lich, während der ihm zur Aufsicht mitgcgebene Freund schläft! Darauf finden w'.r ihn in Witten­berg und Rostock, Basel und Augsburg. Hier läßt er kaum 23jährig nach seinem Entwurf den ersten großen Quadranten bauen, den 20 Mann kaum fortbewegen können. Dann lebt er wieder auf dem väterlichen Sitz Änubftrub und in der Olbtei HeridSvad, wo er sich ein chemi­sches Laboratorium einrichtet. Das Jahr 1572 bringt ihm erneut zur Astronomie. Es ist ein neuer Stern erschienen von den Wissenschaftlern vielfach als der wiederkehrende Stern von Bethle­hem. als das Zeichen von der Wiederkunft Christi gedeutet, so daß Calvins Rachfolger schon ein Gedicht auf das nahe Welt ende verfaßt. Im folgenden Jahr erscheint Tychos Schrift über diesen neuen Stern; fein Rame ist nicht mehr un­bekannt, und sein Ruhm beginnt.

Tycho Drohe glaubt nicht an das nahe Welt­ende, seine Glückssterne leuchten ihm jetzt am hellsten, und das Schicksal gibt ihm die schönste Zeit seines Lebens. Im Jahre 1576 belehnt ihn König Friedrich II. von Dänemark mit der herr­lich gelegenen einsamen Insel Hveen im Sund

rückt unb eine seinen eigensten (Brunbibeen ent­sprechende Politik treiben kann. Denn es kann sich für ihn, den staatsmännischen Geist, ber bie Rela­tivitäten des politischen Lebens kennt unb weih, baß Schiffbruch leiben muß, wer nicht mit ihnen rech­net, bestimmt nicht darum handeln, bie Ideologien seiner Heißsporne zu Überspannen, sondern zunachsl nur. gegen diese und gegen feine prinzipiellen Feinde zugleich, mit HUfc der großen Sympathien, bie ihm weiteste Teile auch nicht ausgesprochen faszistischer Kreise entgegenbringen, einen Stur; feiner Herrschaft zu oerhinbern. Icber denkende Menfch in Italien weiß, fei er nun für ober miber Mussolini, baß dieser Sturz in dem Lande eine für alle Volksschichten gleich entfetzcnsvolle Katastrophe hcrbcifuhren. ja vielleicht sogar Angriffskriege gegen Italien provozieren würde, das bei seinem östlichen unb westlichen Nachbar nicht gerade beliebt ist. Es hängt also heute tatfächlich mag man die Sache drehen unb wcnbcn wie man wolle das Schick­sal Italiens an der Person Mussolinis. Das wird auch von denen begriffen, die nicht zu seinen Freunden gehören, unb bas ist der Grund, warum selbst die drakonischen Sicherheitsgcsetzc, die am 8. November nach dcm Bologneser Attentat in Wir- kung traten, mit soviel Ruhe von dem gesamten Volke hingenommen wurden. Man darf sich zu ihrer Beurteilung nicht durch die Kommentare der seindlich gesinnten Auslandpresse bestimmen lasten. Sie entsprechen bestimmt nicht ber ursprünglichen Anlage Mussolinis, noch seinem Segnff von Herr- schcrtum: sie finb entsprungen aus ber richtigen Bewertung ber ungeheuren nationalen Gesahr, welche ber ssdurch ein Attentat heroorgerufene Tob Mustostnis nach sich ziehen müßte, unb bienen zu nichts weiter, als, wenn biefer Ausdruck gebraucht werden kann, der progressiven Aplanie- rung ber foszistischen Bewegung behilflich zu sein. Sie sind aus fünf Jahre in Wirkung gesetzt; was einen Schluß auf die Dauer der Zeit zuläfet, die man für die vollkommene Beruhigungsaktion nötig zu haben glaubt.

Die eigentliche Größe Mussolinis wird sich erst dadurch erweisen, wie ihm diese Aplaniervng ge­lingt unb wie er nach ihrer Vollziehung im Sinne seiner politischen Grunbinstinkte innerpoli- tisch schöpferisch wird, d. h. wie er seinem System bis in bie entferntesten Enden Belebung unb Be­seelung einzuhauchen imstanbe ist. Die eigentliche Arbeit des Faszismus, zum mindesten die Fcin- arbeit, wirb jetzt erst beginnen Die europäische Welt ist barauf qefpannt, welche Ergebnisse sie zei­tigen wirb. Sie ist vor allen Dingen daraus neu­gierig» ob ber Faszismus eine Staatsform schaffen wirb, bie sich den übrigen europäischen Systemen angleichen kann: ober ob bie enbgültige Prägung bes foszistischen Staates Italien in eine noch größere (Entfernung zu ben anders regierten Nationen (Euro­pas rückt, als es im Augenblick ber Fall ist. Ich selbst hatte es nicht für ausgeschlossen, baß Musso­lini ist erst einmal bie wirkliche Gefahrzone burdj- laufen sogar zu einer Reihe seiner ursprüna- lichen Ibeen zurückgreifen unb sich selbst bie post, tinen Antworten auf Fragen geben wirb, bie ihm bestimmt am Herzen liegen unb nur um härterer Notwenbigkeiten willen noch nicht gelöst werden konnten. Ich hatte ihn für weniger starr, für weniger ideologisch als seine Feinde ihn hinstellen; unb ich glaube, daß er feinen staatsmännischen Instinkten größere Bebeutung zumißt als ber ihm nun ein­mal anhaftenden Geste desDuce*. Er ist weit menschlicher als es manchmal scheinen mag, unb bie Liebe einer für ihn vorbehaltlos begeisterten Ju­gend gilt mindestens so sehr feinem Herzen als seinem Genius.

Was nun diese Jugend angcht, so sei noch ein kurzes Schlußwort über sie gesagt.

Es ist unmöglich, die Hingabe so vieler junger Menschen an die faszistische Idee rational zu er. klären. Der melapysischc Hintergrund gerade dieser gewaltigen Begeisterung wird jedem klar, ber Ge- legenheit hatte, mit jungen Italienern ber verschie- dcnsten Schichten in Verkehr zu treten. Schildern, beschreiben, mit Begriffen festlegen läßt er sich nicht. Man muß ihn fühlen, spüren, wittern an ber selb [am glühenden Atmosphäre, die um alle diese jungen Menschen ist, sei es in Palermo, in Rom, In Florenz, in Mailand, in irgendeiner Provinzhaupt- stabt ober in kleinen Landstädtchen. Und wenn es heute in Deutschland innerhalb der nationalifti- schen Verbände sehr naive unb schlecht unterrichtete junge Leute gibt, die sich gern italienischen Faszisten vergleichen und sich vielleicht im stillen schon eine Art von dcutschfaszistischem Programm auf ben Leib schreiben: So möge ihnen in aller Freundlichkeit gesagt sein, daß ein unüberbrückbarer Abgrund klafft zwischen deutscher rechtsradikaler unb italienisch-

unb gibt ihm reichliche ©clbmittel. fo bah er ungestört dem Himmel und den Sternen leben kann. Auf Hveen erbaut er sich das tvettberühmt gewordene Schloß Uraniborg und stattet eS mit den besten von ihm selbst konstruierten astronomi­schen Instrumenten aus. Während er hier in der Stille der einsamen Insel den größten Teil seines Lebenswerkes vollbringt, wird er als der be­rühmteste Astronom Europas von Wissenschaft­lern und Fürsten von nah und fern aufgesucht. 20 Jahre ernster Arbeit waren ihm hier be* schieden, dann kamen die Enttäuschungen seiges Lebens. 1588 war sein königlicher Gönner ge­storben und bald mußte der große Astronom, nicht ohne Schuld seines herrischen, rechthabe­rischen Temperamentes, die ihm liebgewordene Insel und die Heimat verlassen. 1597 98 lebt er auf dem Schloß Wandsbeck bei Hamburg; im folgenden Jahr setzt ihm Kaiser Rudolf II. ein ansehnliches Jahresgehalt aus und schenft ihm daS Schloß Denatky. Hier auf Schloß Benatky und dann in Prag führte ein seltsames und für die Wissenschaft bedeutendes Schicksal die beiden Männer zusammen, aus deren gemeinsamer Ar­beit sich die Befestigung und Begründung der kopernikan. schen Theorie ergab: Ty-cyo Drahe und Kepler. Tychrs Marsbeobachtungen führten Kep­ler zur Entdeckung der Gesetze der Planeten­bewegung. In feiner Sterbestunde am 24. Oktober 1601 sah Tycho beruhigt und voll (Bert rau en auf seinen großen Rachfolger und Erben seine-wissen­schaftlichen Reichtums, der als Freund und Schü­ler bei ihm war. .Tycho Drahe gab Kepler den Platz, auf dem er stehen konnte, und Stehler be­wegte die Well!"

Die besten Bücher des Jahres.

Der Londoner Dibliothekar Dr. Hagberg Wright machte vor einiger Zell den Vorschlag, alle Rationen. Die dem Dölkerbund anzehörten, sollten unter der Leitung des Dölkerbund-Aus­schusses für geistige Zusammenarbeit die Tttel

faszistischer Mentalität. Die italienifche Faszisten Hymne hat als ttagende Inhalte giovinczw und bellezzi: Jugend und Schönheit was man aber bei unseren Hitzköpfen und Draufgängern singt, da» wollen wir hier lieber nicht auszahlcn. Italienische« Faszismus kann nicht zum Vergleich mit deutschei» Bewegungen herangezogen werden. Die Herkünfti sind zu verschieden. Er kann auch nicht nach außen- italienischen Maßstäben beurteilt werden. Er ist ein« Erscheinung von äußerster Wichtigkeit, ein Faktor mit dcm auch außenpolitisch gerechnet werden muß Doppelt und dreifach von dem, denen die Schaffung (Europas am Herzen liegt

Um den Rhein!

Don Dr. jur. Paul Moldenhauer, o. Professor an der Universität Köln, M. d. R.

Die Verhandlungen in Gens haben die Entschei- duna über die Räumung dco Rhemlandes nicht ge­bracht, ja, in den osfiziellen Debatten ist die Frage der vorzeitigen Räumung de- besetzten Gebietes ganz in den Hintergrund getreten. Trotzdem be­deuten die Eenjer Verhandlungen einen wertvollen Schritt nach vorwärts. Unzweideutig ist sest- geletzt worden, daß bie entmilitarisierte Zone am Rhein nicht anders zu behandeln ist, als das übrige Deutschland und insbesondere Frankreich kein Recht hat, nach Räumung des besetzten Gebietes dort die sogenannten Wernenis stablcs zurückzulassen, die doch nichts anderes bedeuten, als eine verkappte weitere Besatzung. Aber die Zähigkeit, mit der Frankreich um diese Frage gekämpst hat, zeigt, daß Frankreich von dem Grundgedanken seiner Rheinlandpolitik auch heute noch nicht ge­lassen hat.

Das darf nicht »unternehmen, wenn man be­rücksichtigt. daß feit Jahrhunderten zum feststehenden Bestandteil der französischen Außenpolitik die For­derung gehört, den Rhein unmittelbar ober mittel­bar zu beherrschen. Immer ist Frankreich in Zeiten von Deutschlands Schwache in dieser Richtung vor geflohen, über Metz unb Straßburg ging ber Weg an den Rhein, bis die Fluten der französischen Rc oolution an dem ganzen linken Ufer des Rheins brandeten und schnell genug französische Heere auch das rechte Rheinufer betraten. Denn niemals ist der Rhein wirklich eine Grenze gewesen, wie auch heute noch seine Ufer von ber Quelle bis zur Mün­dung nur von beulschen Stämmen bewohnt werben Im ganzen 19. Iahrhunberl hat bie Hoffnung, wie- der ben Rhein zu beherrschen, nicht geruht, wenn sie auch nach 1871 zunächst aussichtslos erschien Wir wissen, wie zähe nach Abschluß bes Weltkriegen bei den Verhandlungen von Versailles Frankreiä, um bie Losreißung des linken Rhcinufcrs gerungcr hat. nadjbem bereits im Januar 1917 Briand ih einem Bries an ben französischen Botschafter ih London, Cambon, die Lostrennung des Rheinlande-, von Deutschland als das wichtigste Ziel ber französi­schen Politik bezeichnet hatte.

Frankreich unterlag ben (Englänbem unb Ame rifa in seinen letzten Forderungen, aber setzte Besatzung durch uab hoffte, mit Zuckerbrot uni Peitsche bie Bevölkerung bazu $u bringen, einen un abhängigen Rheinslaat zu errichten, ber wie einff ter Rheinbund unseligen Angedenkens unter fron zosischer Herrschaft gestanden hätte. In dem Ruhr­einmarsch Poincarös und den ihm folgenden Sepa ratislenunruhen hatte feine Politik ihren Höhepunkt erreicht. Die politische Isolierung, in bie Frankreich durch diese Politik geriet, unb der Sturz des Fran­ken nötigten zu einem Rückzug, zugleich kam unter der Wirkung dieser Rückschläge icne Richtung in Frankreich ans Ruder, die im (tzegensatz zu bet imperialistischen mehr zu einer Verständigung mit Deutschland geneigt ist. Das Londoner Abkommen der Pakt von Locarno, bie Besprechungen von Thoiry sind Etappen einer neuen Entwicklung.

Aber schon machen sich in Frankreich bie Gegen -bewegungen bemerkbar. Der Mann bes Ruhrein bruchs, Poincar 6 , ist wieder am Ruder, unb wenn er sich auch mit Rücksicht auf bie Gesamtlage und fein Weik ter Stabilisierung des Franken äußerste Zurückhaltung auferlegt, wir merken doch feittem er wieder an der Spitze fleht, den wach-sen- ben Wiberftanb in Frankreich. Die letzten Wahlen bürfen nicht darüber täuschen, daß der nationalistische Einfluß im Wachsen ist. So erklärt cs sich, dafe auch Briand. der an sich einer Verständigung mehr geneigt erscheint, doch der augenblicklich herrschen­den Strömung Rechnung tragend, mit großer Zähigkeit um die dl^ments stablcs gekämpst Hal, um so auch in dem zu räumenden unb dem geraun ten Teil des besetzten Gebietes ben französischen Einiluß aufrechtzuerhallen, ber jeden Augenblick verstärkt

der besten Dächer auSwählen. die in jedem Staat im Laufe eines Jahres erschienen fttid Je nach seiner Erzeugung sollte der einzeln? Staat das Recht haben. 2 bis 40 Werke zu nennen. D.r erste Drrsuch dieser Art ist jetzt ersch enen. Richt alle zum Dölkerbund gehörenden Staaten sind vertreten, auch Deutschland nicht, das zu der Zell der Zusammenstellung der Listen noch außerhalb des Völkerbundes stand. Deutschland wird aber schon im nächsten Derzeichn.s derWertvollsten Dächer" vertreten fein, und zwar ist d e Auswahl der Werke der Preußischen Staatsbibliothek in Derlin und der Deutschen Dächerci in Le pzig ge­meinsam übertragen worden. Die Listen einzelner Länder sind besonders interessant. So sind b.c Vereinigten Staaten mit 38 Titeln vertreten, von denen 15 auf schöne Literatur. Diograph en und Kunst entfallen. Darunter befinden sich d e Lebensbeschreibung Mark Twains, d.e er selbst verfaßt hat, eine Diograph e W.lsons von W. A White und ein Duch über den bekannten Jour­nalisten und Zeit ngsverleger Pülcher. Frankreich hat seine wissenschaftliche L teratur stark betont unb aus den Gebieten der Geschichte unb Archäo­logie, der Sozialwissenschaften. Philosophie, Theo­logie und Äaturwissenschaften namhafte Werke angeführt. Unter den vier besten Däch'rn der schönen Literatur worden von Großbrilann en ShawsHeilige Johanna". GalsworthySWeißer Affe" und Kennedys »Treue Ryrnphe" angeführt Unter den englischen Werken über Philosophie finden sich zwei, die sich mit Kani und Hegel be­schäftigen. Die russische Auswahl ist nicht von einer amtlichen Sowjetstelle, sondern von einer gelehrten Körperschaft in Laus arme vorgenommen unb berücksichtig! daher auch die außerhalb Ruß­lands erschienenen Bücher. In der tschechischen Liste find auch deutsche Derfafier berücks cht gt. fo Alois Johns Werk über Sitte unb Drauch der Sudetendeutschen und HinS Watziiks L'egenbm .An GotteS Drunnen". Di? Italien sche A strahl trägt einen betont nationalen Tharafter z"r Schau, und eS werden nicht weniger als drei Werke von Mussolini aufgeführt.