Ausgabe 
27.12.1926
 
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Nr. 502 Erstes Blatt

176. Jahrgang

Montag, 27. Dezember 1926

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GietzeimAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Dr Friede Will) Lange. Verantwortlich für Dohuli Dr. Fr Wilh Lange, für Feuilleton Dr tz.Tkyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumfchein; für den An­zeigenteil i.Bertr. H.Beck. fümtlich in Biegen.

Marx über Stresemann.

Berlin, 24. Dez. Reichskanzler Dr. Marx stellte dem Korrespondenten derHcue.i Freien Presse" die folgenden Aeuherungen zur Q3er- fügung:Es ist zur Zeit noch unklar, wie die Regierungskrise sich auswachsen wird. Bei der ganzen Entwicklung unserer auswär- tigen Politik halte ich es unter allen Um- ständen für ersorderlich. dah E t r c s e - mann dem neuen Kabinett angehört. Denn damit wird ausgesprochen, das) wir an der bisherigen Linie unserer auswärtigen Po­litik festhalten. Was ich tun kann, werde ich tun.

Denn es Ist meine feste Ueberzeugung, bah alles, was bt:her durch Slrefcmcnn in der aus­wärtigen Politik auLgeführl ist. zum Guten gewesen ist.

Soweit es von mir avhängt. wird an der aus­wärtigen Politik Deutschlands nichts geändert werden. Darum bedauere ich gerade von meinem Emp'inden aus ganz außerordentlich das Urteil des französischen Kriegs- gerichts in Landau. Was sich jetzt in Germersheim und Landau abgespielt hat. beweist, dab ein friedliches Zusammenarbei­ten zwischen Deutschland uni) Frankreich nicht

Zwischen den Jahren.

Die kurze Zeit, die das Weihnachtssest von dem Jahresende trennt, gilt nach altem Brauche weniger dem aktiven Handeln, als der stillen Betrach­tung. Wir freuen uns, dah wir. wenn auch nicht als Volk, fo doch als einzelne Familie wieder in der Lage waren, das Weihnachtssest in traulicher Behag- lichieit feiern zu können. Wer denkt noch daran, daß wir vor drei Jahren gerade am Ende der Infla­tion standen, die uns hart an die Auszehrung un­serer Kräfte heranführte? Aber wenn fo für den ein­zelnen am häuslichen Herd der Abglanz der Ver- gangenheit wieder beginnt, fo ist für die Welt trotz des Weihnachtsfestes die Zeit Immer noch u n f r i e b bi d): wir leiden und werden auf Jahre roin- aus leiden an dem Vertrag von Versailles. Und die Franzosen haben ja hinreichend dafür ge­sorgt, doh uns alle in den Weihnachtstagen dieses Damoklesschwert, das über ganz Europa schwebt, ins Gedächtnis zurückgerufen wird. Es war eine schwarze Stunde, in der das Kriegsgericht von Landau sechs unschuldige Deutsche zu schwerer Strafe verurteilte, wahrend es den fron- Aösischen Mörder sreifprach. Selten wohl hat sich cie innere Ungerechtigkeit und UnHalt­barkeit eines Systems, das 8 Jahre nach dem Kriege noch mit Krregsrecht regieren will, fo stark gezeigt, wie hier. Aber nicht nur bei uns, auch in rankreich sind skeptische Stimmen laut gewor- den, um zum erstenmal wieder haben die Kartell- »arten d e r L i n k c n sich in der Ablehnung eines Derartigen Ucbernationalismus zusammengesunden. Auf ihren Druck ist es wohl auch zurückzuführen, dah ter französische Ministerrat die ver­urteilten Deutschen begnadigt hat. Die Freilassung ist am Weihnachtsabend erfolgt, das Be­gnadigungsdekret ist vom Präsidenten der französi­schen Republik am ersten Weihnachtstage unterzeich­net worden. Damit ist eine schöne Geste gemacht; d,e Politik hat sich bemüht, die Wunde zu heilen, die von der Gewalt geschlagen wurde. Aber ein Gnadenakt kann wohl die Ausführung eines Unrechts verhindern, kann jedoch das Unrecht selbst nicht aus der Welt schaffen. Die Tatsache, bleibt nach wie vor be­stehen, daß deutsche Bürger von französischen Offi­zieren nach Kriegsrecht behandelt und bestraft war- den sind. Darum kommt auch Herr 2 r i a n b nicht darum. Er muh wissen, bah bie Schüsse bieses R v ü- zier nicht nur bie Deutschen trafen, fonbern ins Zentrum ber ganzen Lorarnopolitik hineinge- schossen wurden, und bah beshalb, wenn man ben Grunbgebanken der Locarnopolitik gelten lassen will, nur bie eine Möglichkeit übrig bleibt, bah bie französische Besatzung Jo bald w i e möglich vom beutschen Boben ver- s ch w i n b e t. Sonst kann ieben Tag ei" neuer Rou- zier ausstehen, ber brutal alles kaputt schießt, was bie Diplomaten in mühsamer Arbeit aufgebaut haben.

Die Verurteilten von Landau begnadigt.

Paris. 25. Dez. (Wolfs.) Der Präsibent ber Republik hat heute mittag bas Dekret unterzeichnet, burch bas sämtliche vom Kriegsgericht in Landau verurteilten Deutfchen begna­digt werden. Die noch in Hast befindlichen Deut­schen find inzwischen sreigelafsen worden.

Die D. D. P. Hessens gegen das Schand-Urteil von Landau.

Aus Anlaß des unerhörten Schandur­teils von Landau haben die deutschvolks- larteilichcn Abgeordneten Dr. Decker und Dingeldey alsbald nach dem Drlanntwerden dieses Urtext« den nachstehenden drahtlichen Protest an die Parteileitung der Deutschen Dolkspartei in Berlin gerichtet: »Wir bitten dringend. namens des Partrivorstanb^ und der AeichStagsfra'.tion scharfen ö fentlichrn Ein. fvuch gegen den unerhörten Justizskandal i n 2 a n d a u einzulegen, gleichzeitig im Reichs t a Q eine Interpellat ion wegen dieses Ge­genstandes und der baldigen Räumung des befehlen Gebietes zu veranlassen.

Dr. Decker. Dingeldeh."

weihnachtskundgeb ungen der Staatsmänner.

Der Reichskanzler an das deutsche Volk.

Berlin. 24. Dez. Reichskanzler Marx hat am Heiligabend solgenden Weihnachts­wunsch an das deutsche Volk veröffent­licht':

Wechnachten. das Fest der Liebe, findet auch in diesem Jahre weite Kreise unseres Dol- keS in wirtschaftlicher Rot und schwerer seelischer Dedrängnis. Unsere ökonomische Lage hat zwar seit Jahresmitte eine erfreuliche Desserung erfahren, trotzdem ist sie noch unsicher und un­übersichtlich, wenn wir auch wohl auf eine lang­sam fortschreitende Belebung der Wirtschaft hof­fen dürfen. Damit bleibt vor allem das drän­gendste Problem unserer Gegenwart und näch­sten Zukunft: die große Arbeitslosig­keit. Hier alle öffentlichen und privaten Mög­lichkeiten einer Milderung auszuschöpfen, ge­bieten Staatsklughcit und soziales Berantwor- tungsgefühl. Darüber hinaus sindet sich ferner gerade für die Betätigung der öffentlichen und privaten BolkswohlfahrtS- pflege im Sinne sozialer Pflicht und christlicher Nächstenliebe ein unabsehbares und sruchtbares Arbeitsseld; denn noch sind die traurigen Rach- wirkungen des Krieges auf die Gesundheit unserer Bevölkerung nicht behoben, wer- den sich zum Teil Wohl überhaupt nicht völlig überwinden lassen. Mutterschutz.:g.'ingspslege, Schutz der Kranken und Schwachen, Erhaltung und Ertüchtigung der Gesunden riefengrob und erdrückend stehen die Probleme vor uns! Sie der Lösung nahezubringen, ist nicht nur eine Frage geldlicher Mittel. SozialesDer- st ä n d n i s, tiesinnerstes sitt.iches Pflichtbewußt-' sein, nie verzagende Menschenliebe müssen sich die Hand reichen, das Werk zu vollbringen. Möchten darum die Wechnachts- glocken unsere Herzen mahnen und wecken, tätig zu fein im Dienste am Menschen, im Dienste der Wohlfahrt unferes ganzen großen DolkeS!

Siresemann und Vriand an Amerika.

Paris, 24. Dez. (WTD.) Der .Reuyvrk Herold" Pariser Ausgabe bringt heute Weibnachtsbotschaften, die verschiedene ausländische Staatsmänner durch dieses Organ an das amerikanische Dolk richten und die heute gleichzeitig von dem »Reuyvrk Hrrald" in Amerika veröffentlicht werden, zum Abdruck. Darunter befindet sich auch eine Aeutzerung des ReichSauhemninister Dr. Stresemann. der nach einem Hinweis auf die fruchtbrin­gende Zusammenarbeit Deutsch­lands mit seinen ehemaligen Fein­den und auf seine Zusammenarbeit mit Brian d erklärt, leider habe Driand sowohl wie er mit einer starken Opposition zu kämpfen. Aach einem Kriege, wie dem zurück­liegenden, sei es aber nicht leicht, allen Ele­menten in einem Lande wie Deutschland ver­ständlich zu machen, dah es k.'ug sei. eine Poli­tik gegenseitiger Verständigung mit den großen Aationen, mit denen Deutschland im Kampfe stand, zu betreiben. Indessen mache dieses Be­kenntnis mit der Zeit sich immer mehr geltend.

Auch Brian d erklärt in seiner Botschaft nach einem Hinweis auf das Zustandekommen der Locarnopolitik: Ein sehr g'ücklicher Umstand besteht für mich in der Tatsache, dah ich in Dr. Stresemann einen Staatsmann gefunden habe, der vollkommen die Lage verstand.

Führende Amerikaner an Deutschland.

Washington. 24. Dez. kW. T. D ) Dem hiesigen Vertreter von Wolfss Telegraphischem Bureau wurden von amerikanischen Persönlich­

keiten folgende WeihnachtS- und Aeujahrsarühe für das deutsche Dolk zur Derfügung gestellt:

W. R. E a st l e jun. AbtcilungSchef für west­europäische Angelegenheiten im Staatsdeparte­ment. erklärte: Der rasche Fortschritt Deutsch­lands während des abgelaufenen JahreS in Aich- tung auf seine wirtschaftliche Stabilität erregte die größte Defriedlgung in Amerika; Zufrieden­heit und Stärkebewuhtsrin pflegen bekanntlich Optimismus zu erzeugen, und eine solche opti­mistische Stimmung führt zu internatio­nalen Berständigungen und freund­schaftlichen Deziehungen. die die Grundlage deS Friedens bilden. Ich freue mich daher, diese Gelegenheit zu haben, dem deutschen Volk Worte der D e g l ü ck - wünschung zu widmen anläßlich des von ihm erreichten wirtschastlichen Fortschritts während des vergangenen Jahres. uns insbeson­dere für den seinen Sinn, den seine Dertreter für die Verständigung und die internationale Zu- sammenarbeit bekundeten. Ich bin überzeugt, daü neue Jahr bringt noch bemerkenswertere Lei- ft ungen.

Senator Dorah änderte sich folgender- mahen: Wir haben erfahren, dah Deutschland in glänzender Weise seiner Wiei-erech-lung ent- aegengeht; Deutschland hat fähige Führer ge­habt und sein Volk hat grobe Geduld. Jnitta- tive und Mut gezeigt, deren Früchte jetzt geerntet werden. Ich hoffe aufrichtig, dah Deutsch­lands Wachstum und Entwicklung unablässig weitergehen, und ich bin überzeugt, dah dies auch der Wunsch des ameri­kanischen Dolkes ist. Ich verkenne natürlich nicht die grohe Last, die Deutschland noch zu tragen hat. und die Hindernisse, die es überwinden muh, aber die Errungenschaften der Vergangen­heit geben eine Sich.r(eit für die Zukunft. Das auffälligste moralische Dergehen im Versailler Vertrag ist die Aufbürdung der Verantwortung für den Welt­krieg auf Deutschland allein; nur we­nige glaubten dies zur Zeit, als eS in den Vertrag hineingefchrieben wurde, und noch we­niger glauben heute dav an. Ich hoffe, die Zett ist nicht mehr fern, wo diese über- aus ungerechte Anklage umgeftohen und ein für allemal verworfen wird.

DaS Kongrehmitglied Stephan Porter. Vorsitzender des Auswärtigem Ausschusses des Repräsentantenhaus?s. führte aus: De Demobili­sierung der deutschen Armee am Ende des Welt­krieges sandte in daS bürgerliche Leden gegen 12 Millionen Männer zurück, wovon viele infolge ihrer Jugend oder des langen Dienstes im Heere ohne 'Beruf und Beschäftigung irgendwelcher Art waren. Diese Situation in Verbindung mit an­deren ernsten Problemen erheisch:e die voll­endetste Staatslunst. Grlegrnt ich müres Be uch « in Deutschland vor drei Jahren war ich über­rascht, die Eisenbahnen. Fabriken und Privat­wohnungen in der Stadt und aus dem Lande in einem Zustande zu sindm. der die Dorkriegs- mahstäbe von Leistungsfähigkeit und Ordnung übertraf. In meiner Unterredung mit S);. 6 tre­te m an n erfuhr ich dah dies: Ergebnisse die Folge der Entschlcs.ercheit der deutschen Regie­rung waren, ein demoralisierendes 11 n terstützungsshstem zu vermeiden und jedermann zur Arbeit hrranzuziehen. Ich verlieb Deutschland vollkommen überzeugt, dah es nur eine Frage der Zeit sei, bis das arbeit­same und genügfame deutsche Dolk sein Land wiederher stellen werce, und es erfüllt mich mit Freude, den groben Fortschritt sestzu- stellen, den dieses Dolk gemalt hat. Ais über­zeugter Anhänger der Selbsttegierung bedeutet es für mich eine doppelte Genugtuung, dah all fr.eJc konstruktive Arbeit geleistet wurde, seit Deutsch­land Republik wur'.e, wodurch ein to.iterer Dr- tociS geliefert ist, dah eine Regierung durch das Dolk die besten Ergebnisse hervorbringt. In diesen Tagen ergebender Z eierlagssttmmung sende ich der deutschen Republik und dem deutschen Dolke meine aufrichtigen Glückwünsche.

eher möglich ist, als bis die Besetzung d e u t- schen Gebietes durch fremdländische Trup­pen vollständig beseitigt ift.

Deutsche Einigung mit der Votschafterkonfersnz.

Paris, 26. Dez. (WTD.) Die Verhandlungen, bie Botschafter o. Hoesch und Geheimrat För­sterin letzter Zeit mit ber B o t s ch a f t e r k o n f e - r e n z über gewisse Re st punkte desEntwass- nungsprogramms, nämlich Polizeifragen, vorübergehende Einstellung in die Reichswehr unb Sportoerbänbe, geführt hatte, haben zu folgenbem Ergebnis geführt:

Die Polizeifrage ist burch einen Noten­wechsel zwischen ber Botschaftenonserenz unb Herrn u. Hocsch endgültig geregelt worden. Die deutschen Polizeikräfte sind damit auf insgesamt 140 000 Mann festgesetzt, davon 105 000 Mann staatliche Polizei und 35 000 Mann Kommunal­polizei. Dabei hatte aber bie Botschasterkonferenz ausdrücklich anerkannt, daß gewisse polizeiliche Hilfskräfte, die in der Note von Boulogne noch in die Zahl der eigentlichen Poüzei'räfte eingerechnet worden waren, nicht als solche anzusehen sind unb | daher zu der Zahl von 140 000 hinzukommen. Dazu

ift zu bemerken, dah die Note von Boulogne die Zahl dieser Hilfskräfte auf 15 000 bemessen hatte. Er ergibt sich also eine Vermehrung ber zu gelasse­nen eigentlichen Polizei fräste um 5000. Auch die Frage der Anreck'. :ng der Polizei ber Hansestäbte bei der Verteilung der staatlichen und Kommunal­polizei ist in einer den deutschen Belangen Rech­nung tragenden Weise gelöst.

Ferner ist hinsichtlich der vorübergehen­den Einstellung in die Reichswehr unb der Berbanbsfrage eine völlige Einigung erzielt worben.

Der Austausch ber im Entwurs bereits vor- liegenben Noten wirb voraussichtlich in ber ersten Januarwoche stattfinden. In beiden Fragen hat sich die Botschasterkonserenz von den ihr von ber beutschen Regierung tr.itgekilten Mah- nahmen, bie sich im Rahmen des allgemeinen deut­schen Rechtes halten, befriedigt erklärt. Insbe­sondere hat sie oon der früher gestellten Forderung einer Auflösung von Verbänden Ab- ft a n b genommen unb bas Vertrauen ausgespro­chen, daß, wenn sich etwa in Zukunft die getrof­fenen Maßnahmen nicht als ausreichend erweisen sollten, die deutsche Regierung f <* f b ft bas Nötige veranlassen wird.

(Eine litauische Herausforderung.

Die Deutschensreundlichkcit ber neuen litaui­schen Regierung scheint nicht weit her zu fein, obwohl in offiziösen Auslassungen nach Cent 12mstürz wiederholt daraus hingewirscn worden war, hab sich die Regierung in e.n sreundschast- licheres Verhältnis zu Deutschland zu setzon ge­denke. Ja. französische Blätter, die 5):rrn Poincar 6 nahestehen, hatten sich anlabllch des Umsturzes sogar zu der üblen Brhaupttmg versttegen. daß Deutschland hinter den Putschisten stehe, natürlich in der Absicht. Frank­reichs Bundesgenossen an ber Ostgrenze Deutsch­lands. den Polen. Hilfsstellung bei der Hetze gegen Deutschland zu leisten. Die jetzigen D o r- gange im Memelgebiet strafen ii: Hetze Lügen und beweisen mehr als alle Proteste, daß Deutschland nicht die geringsten Beziehungen zu den Putschisten unterhalten hat. zumal ja auch rein innerpolrtische Angelegenheiten den Grund für den Umsturz abgaben. Die neue Re­gierung in Litauen schlägt vielmehr einen immer d eutschseindlicheren Kurs ein. der in der Ausweisung Reichsdeut­scher aus dem Memelgebiet seinen AuS- druck findet, verdienter deutscher Redakteure und anderer Reichsdeutscher, deren einzigesVer­brechen" darin besteht, dab sie ihrem Volks­tum treu gedient haben. Der Willkür­akt wird dadurch besonders gekennzeichnet, dab man es nicht einmal für.ig gehalten hat. dem AuSweisunzLbesehl eix* Begründung beizufügen. Die Vorgänge erwecken peinliche Erinnerungen an dir polnischen Methoden. denen c5 die litauische KrlegS» , kommandantur scheinbar glcichzutun brabichtist. Scheinbar beabsichtigt man, durch diese Mast- nähme auch den deutschen Zütungm im Memel- gebiet einen schweren Schlag zu versehen, da natürlich Ersatz für die Ausgewiesenrn in Mcmil- gebiet nicht zur Verfügung steht und an Ein- iciseerlaubnis für Ersatzleute unter diesen Um­ständen nicht zu denken ist. Dielleicht steckt hinter diesem Willlürakt ein Racheakt des neuen Innen­ministers MurteikiS. der mehrere Jahre Leiter der Stan rolizei des MemelgebieteS war. Die unoerantü ilichen Handlungen f ine» Poli­zei waren in der mein.'Händischen Presse wieder­holt einer scharfen Kritik unterzogen und ac- brandmartt toerbtn. Außerdem hat er eine Er­klärung angelündigl. dab er daS Land von .störenden Elementen" befreien werde. Die Ausweisung würde bestätigen, dah er seine T rohungen auch wahr machen will. Dab die Veröffentlichung der Meldung durch die Presse verboten wurde, zeigt deutlich genug, mit welchen Mitteln' jetzt Im Memelgebiet gearbeitet werden soll. Allerdings ist noch nicht ge'.lürt, ob der Jnnenministe. wirklich hinter diesen Ausweisun­gen steckt, ober ob die Militärbehörden nur unter dem Schutz der Drohungen des Innen­ministers diesen Akt übelster Willkür begangen habe:u Auf alle Fälle ist es Sache der neuen Regierung in Kowno. diesen Schritt rück­gängig zu machen, wenn sie verhindern will, dah die deutsch-litauischm Dez e':u gen durch diele Tat getrübt werden, zumal das Dorgehrn nicht in Einklang zu br ngen ist mit der Erklärung des Ministecpräs.decken und A brn-nin'.sterS W o l d < m n r a s. die er am 20. Dezember d n Vertretern der Presse in Kowno gab und in d r er zum Ausdruck brachte, dab nach Hier Auf­fassung die Umwälzung den weiteren Dezi'hunaen zu Deutschland nur förderlich sein tarne. Der Außenminister hat jetzt Gelegenhe't. die Richtig­keit seiner Andeutungen zu beweisen.

Woldemaras über die Meme^racte.

Kowno, 24. Den. (TU.) In einer Unter­redung mit einem Pressevertreter gib der litaui­sche Ministerpräsident Woldernaras der An­sicht Ausdruck, deh die erste Fühlungnahme mit Vertretern des Me me lge b i e t e s zu ben Hoffnung Anlah gehe, dab eine gern: nfame Sprache gefunden werden könnte. Rach Weihnach­ten werde er Memel besuchen und sich en Ort unb Stelle über die Memelfrage unterrichten. Zu ben in ber aus ländischen unb brsonoers in der französischen Presse erichenenen Gerüchten über eine Deutscherientierung ber neuen Regierung er­klärte ber Ministerpräsident, dir Regierung werbe eine litauische Orientierung einschagen. Das Hauptziel L.tauens sri bie Zurückerlan- gung WilnaS. Aus b.esem Grunde werde Litauen mit denjenigen zusammengehen, die ihm Wilna zuerkamck hätten unb ihm zu seiner Erlan­gung brhllflich fein könnten.

Reichslagseinberufung vor dem 19. Sentier?

Berlin, 26. Dez. Wie berMontag Morgen' aus parlamentarischen Kreisen hört, soll Re.chclags- Präsident Lobe oon sozialbernokratifcher Seite zur Einberusung des Reichstags vor b e m 19. Januar zwecks Beschleunigung ber Regie­rungsbildung aufgeforbert werden.

Das Iechenbach-Ur^eil aufgehoben.

Berlin, 24. Dez. Das Reichsgericht hat, wie bieDossifche Zeitung" melbct, bas Urteil bes Canbfleridjts München gegen F e - chenbach, soweit es sich auf die Veröffentlichung des Ritter-Telegramms bezieht, ohne erneute Ha pt- Verhandlung endgültig ausgehoben. Die Kosten hat ber Staat zu tragen. Das Lsnbgericht München hatte feiner Zeit auf 10 Jahre Zuchthaus unb Tragung ber Kosten gegen Fechenbach erkannt.