Nr. 502 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Montag, 27. Dezember 1926
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Marx über Stresemann.
Berlin, 24. Dez. Reichskanzler Dr. Marx stellte dem Korrespondenten der „Hcue.i Freien Presse" die folgenden Aeuherungen zur Q3er- fügung: „Es ist zur Zeit noch unklar, wie die Regierungskrise sich auswachsen wird. Bei der ganzen Entwicklung unserer auswär- tigen Politik halte ich es unter allen Um- ständen für ersorderlich. dah E t r c s e - mann dem neuen Kabinett angehört. Denn damit wird ausgesprochen, das) wir an der bisherigen Linie unserer auswärtigen Politik festhalten. Was ich tun kann, werde ich tun.
Denn es Ist meine feste Ueberzeugung, bah alles, was bt:her durch Slrefcmcnn in der auswärtigen Politik auLgeführl ist. zum Guten gewesen ist.
Soweit es von mir avhängt. wird an der auswärtigen Politik Deutschlands nichts geändert werden. Darum bedauere ich gerade von meinem Emp'inden aus ganz außerordentlich das Urteil des französischen Kriegs- gerichts in Landau. Was sich jetzt in Germersheim und Landau abgespielt hat. beweist, dab ein friedliches Zusammenarbeiten zwischen Deutschland uni) Frankreich nicht
Zwischen den Jahren.
Die kurze Zeit, die das Weihnachtssest von dem Jahresende trennt, gilt nach altem Brauche weniger dem aktiven Handeln, als der stillen Betrachtung. Wir freuen uns, dah wir. wenn auch nicht als Volk, fo doch als einzelne Familie wieder in der Lage waren, das Weihnachtssest in traulicher Behag- lichieit feiern zu können. Wer denkt noch daran, daß wir vor drei Jahren gerade am Ende der Inflation standen, die uns hart an die Auszehrung unserer Kräfte heranführte? Aber wenn fo für den einzelnen am häuslichen Herd der Abglanz der Ver- gangenheit wieder beginnt, fo ist für die Welt trotz des Weihnachtsfestes die Zeit Immer noch u n • f r i e b bi d): wir leiden und werden auf Jahre roin- aus leiden an dem Vertrag von Versailles. Und die Franzosen haben ja hinreichend dafür gesorgt, doh uns alle in den Weihnachtstagen dieses Damoklesschwert, das über ganz Europa schwebt, ins Gedächtnis zurückgerufen wird. Es war eine schwarze Stunde, in der das Kriegsgericht von Landau sechs unschuldige Deutsche zu schwerer Strafe verurteilte, wahrend es den fron- Aösischen Mörder sreifprach. Selten wohl hat sich cie innere Ungerechtigkeit und UnHaltbarkeit eines Systems, das 8 Jahre nach dem Kriege noch mit Krregsrecht regieren will, fo stark gezeigt, wie hier. Aber nicht nur bei uns, auch in rankreich sind skeptische Stimmen laut gewor- den, um zum erstenmal wieder haben die Kartell- »arten d e r L i n k c n sich in der Ablehnung eines Derartigen Ucbernationalismus zusammengesunden. Auf ihren Druck ist es wohl auch zurückzuführen, dah ter französische Ministerrat die verurteilten Deutschen begnadigt hat. Die Freilassung ist am Weihnachtsabend erfolgt, das Begnadigungsdekret ist vom Präsidenten der französischen Republik am ersten Weihnachtstage unterzeichnet worden. Damit ist eine schöne Geste gemacht; d,e Politik hat sich bemüht, die Wunde zu heilen, die von der Gewalt geschlagen wurde. Aber ein Gnadenakt kann wohl die Ausführung eines Unrechts verhindern, kann jedoch das Unrecht selbst nicht aus der Welt schaffen. Die Tatsache, bleibt nach wie vor bestehen, daß deutsche Bürger von französischen Offizieren nach Kriegsrecht behandelt und bestraft war- den sind. Darum kommt auch Herr 2 r i a n b nicht darum. Er muh wissen, bah bie Schüsse bieses R v ü- zier nicht nur bie Deutschen trafen, fonbern ins Zentrum ber ganzen Lorarnopolitik hineinge- schossen wurden, und bah beshalb, wenn man ben Grunbgebanken der Locarnopolitik gelten lassen will, nur bie eine Möglichkeit übrig bleibt, bah bie französische Besatzung Jo bald w i e möglich vom beutschen Boben ver- s ch w i n b e t. Sonst kann ieben Tag ei" neuer Rou- zier ausstehen, ber brutal alles kaputt schießt, was bie Diplomaten in mühsamer Arbeit aufgebaut haben.
Die Verurteilten von Landau begnadigt.
Paris. 25. Dez. (Wolfs.) Der Präsibent ber Republik hat heute mittag bas Dekret unterzeichnet, burch bas sämtliche vom Kriegsgericht in Landau verurteilten Deutfchen begnadigt werden. Die noch in Hast befindlichen Deutschen find inzwischen sreigelafsen worden.
Die D. D. P. Hessens gegen das Schand-Urteil von Landau.
Aus Anlaß des unerhörten Schandurteils von Landau haben die deutschvolks- larteilichcn Abgeordneten Dr. Decker und Dingeldey alsbald nach dem Drlanntwerden dieses Urtext« den nachstehenden drahtlichen Protest an die Parteileitung der Deutschen Dolkspartei in Berlin gerichtet: »Wir bitten dringend. namens des Partrivorstanb^ und der AeichStagsfra'.tion scharfen ö fentlichrn Ein. fvuch gegen den unerhörten Justizskandal i n 2 a n d a u einzulegen, gleichzeitig im Reichs t a Q eine Interpellat ion wegen dieses Gegenstandes und der baldigen Räumung des befehlen Gebietes zu veranlassen.
Dr. Decker. Dingeldeh."
weihnachtskundgeb ungen der Staatsmänner.
Der Reichskanzler an das deutsche Volk.
Berlin. 24. Dez. Reichskanzler Marx hat am Heiligabend solgenden Weihnachtswunsch an das deutsche Volk veröffentlicht':
Wechnachten. das Fest der Liebe, findet auch in diesem Jahre weite Kreise unseres Dol- keS in wirtschaftlicher Rot und schwerer seelischer Dedrängnis. Unsere ökonomische Lage hat zwar seit Jahresmitte eine erfreuliche Desserung erfahren, trotzdem ist sie noch unsicher und unübersichtlich, wenn wir auch wohl auf eine langsam fortschreitende Belebung der Wirtschaft hoffen dürfen. Damit bleibt vor allem das drängendste Problem unserer Gegenwart und nächsten Zukunft: die große Arbeitslosigkeit. Hier alle öffentlichen und privaten Möglichkeiten einer Milderung auszuschöpfen, gebieten Staatsklughcit und soziales Berantwor- tungsgefühl. Darüber hinaus sindet sich ferner gerade für die Betätigung der öffentlichen und privaten BolkswohlfahrtS- pflege im Sinne sozialer Pflicht und christlicher Nächstenliebe ein unabsehbares und sruchtbares Arbeitsseld; denn noch sind die traurigen Rach- wirkungen des Krieges auf die Gesundheit unserer Bevölkerung nicht behoben, wer- den sich zum Teil Wohl überhaupt nicht völlig überwinden lassen. Mutterschutz. Sä:g.'ingspslege, Schutz der Kranken und Schwachen, Erhaltung und Ertüchtigung der Gesunden — riefengrob und erdrückend stehen die Probleme vor uns! Sie der Lösung nahezubringen, ist nicht nur eine Frage geldlicher Mittel. SozialesDer- st ä n d n i s, tiesinnerstes sitt.iches Pflichtbewußt-' sein, nie verzagende Menschenliebe müssen sich die Hand reichen, das Werk zu vollbringen. Möchten darum die Wechnachts- glocken unsere Herzen mahnen und wecken, tätig zu fein im Dienste am Menschen, im Dienste der Wohlfahrt unferes ganzen großen DolkeS!
Siresemann und Vriand an Amerika.
Paris, 24. Dez. (WTD.) Der .Reuyvrk Herold" — Pariser Ausgabe — bringt heute Weibnachtsbotschaften, die verschiedene ausländische Staatsmänner durch dieses Organ an das amerikanische Dolk richten und die heute gleichzeitig von dem »Reuyvrk Hrrald" in Amerika veröffentlicht werden, zum Abdruck. Darunter befindet sich auch eine Aeutzerung des ReichSauhemninister Dr. Stresemann. der nach einem Hinweis auf die fruchtbringende Zusammenarbeit Deutschlands mit seinen ehemaligen Feinden und auf seine Zusammenarbeit mit Brian d erklärt, leider habe Driand sowohl wie er mit einer starken Opposition zu kämpfen. Aach einem Kriege, wie dem zurückliegenden, sei es aber nicht leicht, allen Elementen in einem Lande wie Deutschland verständlich zu machen, dah es k.'ug sei. eine Politik gegenseitiger Verständigung mit den großen Aationen, mit denen Deutschland im Kampfe stand, zu betreiben. Indessen mache dieses Bekenntnis mit der Zeit sich immer mehr geltend.
Auch Brian d erklärt in seiner Botschaft nach einem Hinweis auf das Zustandekommen der Locarnopolitik: Ein sehr g'ücklicher Umstand besteht für mich in der Tatsache, dah ich in Dr. Stresemann einen Staatsmann gefunden habe, der vollkommen die Lage verstand.
Führende Amerikaner an Deutschland.
Washington. 24. Dez. kW. T. D ) Dem hiesigen Vertreter von Wolfss Telegraphischem Bureau wurden von amerikanischen Persönlich
keiten folgende WeihnachtS- und Aeujahrsarühe für das deutsche Dolk zur Derfügung gestellt:
W. R. E a st l e jun. AbtcilungSchef für westeuropäische Angelegenheiten im Staatsdepartement. erklärte: Der rasche Fortschritt Deutschlands während des abgelaufenen JahreS in Aich- tung auf seine wirtschaftliche Stabilität erregte die größte Defriedlgung in Amerika; Zufriedenheit und Stärkebewuhtsrin pflegen bekanntlich Optimismus zu erzeugen, und eine solche optimistische Stimmung führt zu internationalen Berständigungen und freundschaftlichen Deziehungen. die die Grundlage deS Friedens bilden. Ich freue mich daher, diese Gelegenheit zu haben, dem deutschen Volk Worte der D e g l ü ck - wünschung zu widmen anläßlich des von ihm erreichten wirtschastlichen Fortschritts während des vergangenen Jahres. uns insbesondere für den seinen Sinn, den seine Dertreter für die Verständigung und die internationale Zu- sammenarbeit bekundeten. Ich bin überzeugt, daü neue Jahr bringt noch bemerkenswertere Lei- ft ungen.
Senator Dorah änderte sich folgender- mahen: Wir haben erfahren, dah Deutschland in glänzender Weise seiner Wiei-erech-lung ent- aegengeht; Deutschland hat fähige Führer gehabt und sein Volk hat grobe Geduld. Jnitta- tive und Mut gezeigt, deren Früchte jetzt geerntet werden. Ich hoffe aufrichtig, dah Deutschlands Wachstum und Entwicklung unablässig weitergehen, und ich bin überzeugt, dah dies auch der Wunsch des amerikanischen Dolkes ist. Ich verkenne natürlich nicht die grohe Last, die Deutschland noch zu tragen hat. und die Hindernisse, die es überwinden muh, aber die Errungenschaften der Vergangenheit geben eine Sich.r(eit für die Zukunft. Das auffälligste moralische Dergehen im Versailler Vertrag ist die Aufbürdung der Verantwortung für den Weltkrieg auf Deutschland allein; nur wenige glaubten dies zur Zeit, als eS in den Vertrag hineingefchrieben wurde, und noch weniger glauben heute dav an. Ich hoffe, die Zett ist nicht mehr fern, wo diese über- aus ungerechte Anklage umgeftohen und ein für allemal verworfen wird.
DaS Kongrehmitglied Stephan Porter. Vorsitzender des Auswärtigem Ausschusses des Repräsentantenhaus?s. führte aus: De Demobilisierung der deutschen Armee am Ende des Weltkrieges sandte in daS bürgerliche Leden gegen 12 Millionen Männer zurück, wovon viele infolge ihrer Jugend oder des langen Dienstes im Heere ohne 'Beruf und Beschäftigung irgendwelcher Art waren. Diese Situation in Verbindung mit anderen ernsten Problemen erheisch:e die vollendetste Staatslunst. Grlegrnt ich müres Be uch « in Deutschland vor drei Jahren war ich überrascht, die Eisenbahnen. Fabriken und Privatwohnungen in der Stadt und aus dem Lande in einem Zustande zu sindm. der die Dorkriegs- mahstäbe von Leistungsfähigkeit und Ordnung übertraf. In meiner Unterredung mit S);. 6 trete m an n erfuhr ich dah dies: Ergebnisse die Folge der Entschlcs.ercheit der deutschen Regierung waren, ein demoralisierendes 11 n• terstützungsshstem zu vermeiden und jedermann zur Arbeit hrranzuziehen. Ich verlieb Deutschland vollkommen überzeugt, dah es nur eine Frage der Zeit sei, bis das arbeitsame und genügfame deutsche Dolk sein Land wiederher stellen werce, und es erfüllt mich mit Freude, den groben Fortschritt sestzu- stellen, den dieses Dolk gemalt hat. Ais überzeugter Anhänger der Selbsttegierung bedeutet es für mich eine doppelte Genugtuung, dah all fr.eJc konstruktive Arbeit geleistet wurde, seit Deutschland Republik wur'.e, wodurch ein to.iterer Dr- tociS geliefert ist, dah eine Regierung durch das Dolk die besten Ergebnisse hervorbringt. In diesen Tagen ergebender Z eierlagssttmmung sende ich der deutschen Republik und dem deutschen Dolke meine aufrichtigen Glückwünsche.
eher möglich ist, als bis die Besetzung d e u t- schen Gebietes durch fremdländische Truppen vollständig beseitigt ift.“
Deutsche Einigung mit der Votschafterkonfersnz.
Paris, 26. Dez. (WTD.) Die Verhandlungen, bie Botschafter o. Hoesch und Geheimrat Försterin letzter Zeit mit ber B o t s ch a f t e r k o n f e - r e n z über gewisse Re st punkte desEntwass- nungsprogramms, nämlich Polizeifragen, vorübergehende Einstellung in die Reichswehr unb Sportoerbänbe, geführt hatte, haben zu folgenbem Ergebnis geführt:
Die Polizeifrage ist burch einen Notenwechsel zwischen ber Botschaftenonserenz unb Herrn u. Hocsch endgültig geregelt worden. Die deutschen Polizeikräfte sind damit auf insgesamt 140 000 Mann festgesetzt, davon 105 000 Mann staatliche Polizei und 35 000 Mann Kommunalpolizei. Dabei hatte aber bie Botschasterkonferenz ausdrücklich anerkannt, daß gewisse polizeiliche Hilfskräfte, die in der Note von Boulogne noch in die Zahl der eigentlichen Poüzei'räfte eingerechnet worden waren, nicht als solche anzusehen sind unb | daher zu der Zahl von 140 000 hinzukommen. Dazu
ift zu bemerken, dah die Note von Boulogne die Zahl dieser Hilfskräfte auf 15 000 bemessen hatte. Er ergibt sich also eine Vermehrung ber zu gelassenen eigentlichen Polizei fräste um 5000. Auch die Frage der Anreck'. :ng der Polizei ber Hansestäbte bei der Verteilung der staatlichen und Kommunalpolizei ist in einer den deutschen Belangen Rechnung tragenden Weise gelöst.
Ferner ist hinsichtlich der vorübergehenden Einstellung in die Reichswehr unb der Berbanbsfrage eine völlige Einigung erzielt worben.
Der Austausch ber im Entwurs bereits vor- liegenben Noten wirb voraussichtlich in ber ersten Januarwoche stattfinden. In beiden Fragen hat sich die Botschasterkonserenz von den ihr von ber beutschen Regierung tr.itgekilten Mah- nahmen, bie sich im Rahmen des allgemeinen deutschen Rechtes halten, befriedigt erklärt. Insbesondere hat sie oon der früher gestellten Forderung einer Auflösung von Verbänden Ab- ft a n b genommen unb bas Vertrauen ausgesprochen, daß, wenn sich etwa in Zukunft die getroffenen Maßnahmen nicht als ausreichend erweisen sollten, die deutsche Regierung f <* f b ft bas Nötige veranlassen wird.
(Eine litauische Herausforderung.
Die Deutschensreundlichkcit ber neuen litauischen Regierung scheint nicht weit her zu fein, obwohl in offiziösen Auslassungen nach Cent 12mstürz wiederholt daraus hingewirscn worden war, hab sich die Regierung in e.n sreundschast- licheres Verhältnis zu Deutschland zu setzon gedenke. Ja. französische Blätter, die 5):rrn Poincar 6 nahestehen, hatten sich anlabllch des Umsturzes sogar zu der üblen Brhaupttmg versttegen. daß Deutschland hinter den Putschisten stehe, natürlich in der Absicht. Frankreichs Bundesgenossen an ber Ostgrenze Deutschlands. den Polen. Hilfsstellung bei der Hetze gegen Deutschland zu leisten. Die jetzigen D o r- gange im Memelgebiet strafen ii: Hetze Lügen und beweisen mehr als alle Proteste, daß Deutschland nicht die geringsten Beziehungen zu den Putschisten unterhalten hat. zumal ja auch rein innerpolrtische Angelegenheiten den Grund für den Umsturz abgaben. Die neue Regierung in Litauen schlägt vielmehr einen immer d eutschseindlicheren Kurs ein. der in der Ausweisung Reichsdeutscher aus dem Memelgebiet seinen AuS- druck findet, verdienter deutscher Redakteure und anderer Reichsdeutscher, deren einziges „Verbrechen" darin besteht, dab sie ihrem Volkstum treu gedient haben. Der Willkürakt wird dadurch besonders gekennzeichnet, dab man es nicht einmal für nö.ig gehalten hat. dem AuSweisunzLbesehl eix* Begründung beizufügen. Die Vorgänge erwecken peinliche Erinnerungen an dir polnischen Methoden. denen c5 die litauische KrlegS» , kommandantur scheinbar glcichzutun brabichtist. Scheinbar beabsichtigt man, durch diese Mast- nähme auch den deutschen Zütungm im Memel- gebiet einen schweren Schlag zu versehen, da natürlich Ersatz für die Ausgewiesenrn in Mcmil- gebiet nicht zur Verfügung steht und an Ein- iciseerlaubnis für Ersatzleute unter diesen Umständen nicht zu denken ist. Dielleicht steckt hinter diesem Willlürakt ein Racheakt des neuen Innenministers MurteikiS. der mehrere Jahre Leiter der Stan rolizei des MemelgebieteS war. Die unoerantü • ilichen Handlungen f ine» Polizei waren in der mein.'Händischen Presse wiederholt einer scharfen Kritik unterzogen und ac- brandmartt toerbtn. Außerdem hat er eine Erklärung angelündigl. dab er daS Land von .störenden Elementen" befreien werde. Die Ausweisung würde bestätigen, dah er seine T rohungen auch wahr machen will. Dab die Veröffentlichung der Meldung durch die Presse verboten wurde, zeigt deutlich genug, mit welchen Mitteln' jetzt Im Memelgebiet gearbeitet werden soll. Allerdings ist noch nicht ge'.lürt, ob der Jnnenministe. wirklich hinter diesen Ausweisungen steckt, ober ob die Militärbehörden nur unter dem Schutz der Drohungen des Innenministers diesen Akt übelster Willkür begangen habe:u Auf alle Fälle ist es Sache der neuen Regierung in Kowno. diesen Schritt rückgängig zu machen, wenn sie verhindern will, dah die deutsch-litauischm Dez e':u gen durch diele Tat getrübt werden, zumal das Dorgehrn nicht in Einklang zu br ngen ist mit der Erklärung des Ministecpräs.decken und A brn-nin'.sterS W o l d < m n r a s. die er am 20. Dezember d n Vertretern der Presse in Kowno gab und in d r er zum Ausdruck brachte, dab nach Hier Auffassung die Umwälzung den weiteren Dezi'hunaen zu Deutschland nur förderlich sein tarne. Der Außenminister hat jetzt Gelegenhe't. die Richtigkeit seiner Andeutungen zu beweisen.
Woldemaras über die Meme^racte.
Kowno, 24. Den. (TU.) In einer Unterredung mit einem Pressevertreter gib der litauische Ministerpräsident Woldernaras der Ansicht Ausdruck, deh die erste Fühlungnahme mit Vertretern des Me me lge b i e t e s zu ben Hoffnung Anlah gehe, dab eine gern: nfame Sprache gefunden werden könnte. Rach Weihnachten werde er Memel besuchen und sich en Ort unb Stelle über die Memelfrage unterrichten. Zu ben in ber aus ländischen unb brsonoers in der französischen Presse erichenenen Gerüchten über eine Deutscherientierung ber neuen Regierung erklärte ber Ministerpräsident, dir Regierung werbe eine litauische Orientierung einschagen. Das Hauptziel L.tauens sri bie Zurückerlan- gung WilnaS. Aus b.esem Grunde werde Litauen mit denjenigen zusammengehen, die ihm Wilna zuerkamck hätten unb ihm zu seiner Erlangung brhllflich fein könnten.
Reichslagseinberufung vor dem 19. Sentier?
Berlin, 26. Dez. Wie ber „Montag Morgen' aus parlamentarischen Kreisen hört, soll Re.chclags- Präsident Lobe oon sozialbernokratifcher Seite zur Einberusung des Reichstags vor b e m 19. Januar zwecks Beschleunigung ber Regierungsbildung aufgeforbert werden.
Das Iechenbach-Ur^eil aufgehoben.
Berlin, 24. Dez. Das Reichsgericht hat, wie bie „Dossifche Zeitung" melbct, bas Urteil bes Canbfleridjts München gegen F e - chenbach, soweit es sich auf die Veröffentlichung des Ritter-Telegramms bezieht, ohne erneute Ha pt- Verhandlung endgültig ausgehoben. Die Kosten hat ber Staat zu tragen. Das Lsnbgericht München hatte feiner Zeit auf 10 Jahre Zuchthaus unb Tragung ber Kosten gegen Fechenbach erkannt.


