Nr. 278 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Samstag, 27. November 1926
Frau und Staatskunst.
Königin D'ctoria von England und Disraeli. - Die „Fee" an der Wiege des britischen Imperialismus.
Bei S. Fischer. (Berlin, ist die deutsche Ausgabe von Lytton Strachey: „Queen Victoria" erschienen. Diese erste, glanzend geschriebene Biographie der Königin hat in England grobes Aufsehen erregt. Wir entnehmen der deutschen Ausgabe das besonders fesselnde Kapitel, das den Eintritt des Lord Beaconsfield in den Gesichtskreis der Königin und in die grobe Politik des englischen Weltreichs anschaulich schildert.
Disraeli — Lord Beaconsfield — diese erstaunliche Persönlichkeit, die nun endlich, im Alter von 70 Fahren, nach einem Leben voll auberordentlicher Kämpfe seine phantastischsten Kindheitsträume verwirklicht sah, verstand es, sich daS Herz seiner höchsten Herrin, deren Diener und Meister er auf so wunderbare Weise geworden war, ausschlieblich und vollkommen zu eigen zu machen. 3n Frauen herzen hatte er stets wie in einem offenen Buche gelesen, seine ganze Karriere hatte sich um diese merkwürdigen Wesen gedreht: und je merkwürdiger sie waren, desto vertrauter schienen sie für ihn zu sein. Lady Beaconsfield aber, mit ihrer tollen Abgötterei, und Mrs. Drydgee-Wiliiams mit ihren Leberschuhen, ihrer Korpulenz und ifjrem Vermächtnis waren dahin. Eine noch viel bemerkenswertere Erscheinung nahm jetzt ihren Platz „ein. Mit den Augen D4s wohlerfahrenen Meisters überblickte er den Schauplatz und war nicht einen Augenblick in Verlegenheit. Er vergegenwärtigte sich alles — die tausenderlei Beziehungen von Situation und Charakter, den Rangstolz, der sich mit persönlicher Arroganz untrennbar mischte, die überschwengliche Rührseligkeit, die Raivität der Anschauungsweise, die Gründlichkeit, die arbeitsame Solidität,die mit tem- peramentvoller Sehnsucl t nach Farbigem und Seltsamem so seltsam gemischt war: die merkwürdige intellektuelle Begrenztheit und das geheimnisvolle, wesentlich weibliche E'ement. das jedes kleinste Teilchen des Garzen durchsetzte.
Ein Säbeln huschte über seine undi rchdring- lickrn Füge; er taufte Viktoria „die See“. Der Rame entzückte ihn. denn et brachte mit sener epigrammatischen Doppelsinnigkeit, di: er so liebte, fein» Dvrste'lung von der Königin aufs genaueste zum Ausdruck. Die „Fee“, so entschied er. sollte von nun an ihren Zrr» bcr'tab für ihn allein schwingen.
Dom ersten Augenblick an hatte er begriffen dost die geeignete Annäherungsmethode der „Fee" gegenüber das gerade Gegenteil der Glabstoneschen war: und eine solche Methode lag ihm von Ratur. Es war nicht seine Gewohnheit, feierliche Ansprachen zu halten und in amtlicher Gewissenhaftigkeit sich weitläufig auszulassen. Er liebte es, Blumen auf den Pfad der Pflicht zu streuen, ein wichtiges Argument in einen hübschen Satz zu kleiden und feine Absichten m't der Miene der Freundschaft und vertraulichen Artigkeit zu insinuieren. Er war nichts, wenn er nicht persönlich wirkte, und er hatte bemerkt, dab das Persönliche- der Schlussel war, der bas Herz der „Fee" öffnete. Demgemäß wich er niemals auch nur für einen Augenblick im Umgang mit ihr von dem persönlicl>en Ton ab: er umkleidete alle Staatsgeschäfte mit dem Zauber vertraulicher Plauderei: stets war sie die königliche Lady, die angebetete und verehrte Herrin, er der ergebene und relpe'tvolle Freund. Als das persönliche D:rßä't"is erst einmal lest begründet war. schwand jede Schwierigkeit. 'Mer um dieses Verhältnis ununterbrochen glatt und hemmungslos in Gang zu halten, beöurHe es besonderer Sorgfalt. Die Achsen muhten fleißig geölt werden. Disraeli war sich auch keineswegs im Zweifel über die Ratur des erforderlichen Schmiermittels.
„Du hast gehört, daß man mich einen Schmeichler nennt“ sagte er zu Matthew
Händels „Samson".
Zu ter am Mittwoch, dem 1. Dezember, stattfint enden Aufführung von Händels „S a m s o n" durch t en hiesigen „Sänger- kranz" wird uns geschrieben:
Han' e'S „Samson" nimmt unter seinen Oratorien infolge seines auherordentlich dramatischen Gehaltes eine hervorragende Stellung ein. Hier entfaltet Handel seine ganze Kunst: ergreifendes Schicksal und elementare Gegensätze zu schildern, sowie Ideen der Weltgeschichte zu beleben. — Der Text — von Rewton Hamilton, nach Miltons Gedicht von Samson Agonistes — ist wohl ter vollendetste, der Händel je vovgelegen. ein Muster echt oratorischer Gestaltung.
Das Werk beginnt mit einer Ouvertüre im französischen Stil, der sich ein reizeirdes Menuett anschlieht. Zwischen die an Seelenkonflikten so übervollen Sologesänge tritt eine Reihe prächtiger Chöre von denkbar verschiedenstem Ausdruck. Kraftvolle, kriegerische Sätze der Da- gonpriester wechseln mit frommen, zuversichtlichen Gesängen der Israeliten ab. Bon betonterer Wirkung ist die Anrufung des „erst- geschaffcnen Strahls". Rach einem wie andächtig dahinceftammelten dreistimmigen: ,.O recht- geschaffener Strahl, du grohes Wort!" und nach dem unifonen. fanfarenartigen A-cappella-atuf: „Es werde Licht" bricht auf den Worten: „Und Licht ward überall" der Gesamtchor und das Orchester in Hellem Glanze herein. Gewaltig toirlen auch Die Chöre: „Ehret in seiner Herrlichkeit" und der Schreckensrus der Philister: „Dagon. hör' mein Geschrei", sowie: „Im Donnersrurm erschein, o Herr!" — Die beiden solistischen Hauptstücke des Werkes, die Arie des Samson: ..Rächt, schwarze Rächt" und das Gebet Michas: „O komm, du Gott des Heils", sind wohl die innigsten und ergreifendsten Gesänge. die Händel überhaupt geschrieben hat. — Im Gegensatz dazu stehen die Arien Der Dalila, von lenen die Taubenarie von besonderem Reiz ist. während in dem Schmeichellied „Vertrau mir doch, o Samson" dcr verführerische Ton des falschen Weibes glänzend getroffen ist. In dem prahlerischen Riesen Harapha finden wir in gewisser Beziehung eine Aehnlichkeit
geht, muh man mit Der
Mauerlelle ouf-
Arnold, „und das ist wahr. Jeder liebt Schmeichelei; und wenn man zu Königen
tragen.“
Was er predigte, setzte er in Die Tat um. Seine Schmeicheleien waren ohne Ende, und er gebrauchte Die dicksten Töne. In diesen erfahrenen Händen schien Die Mauerkelle gleichsam zum stolzen freimaurerischen Symbol zu werden — zum kunstvollen und glänzenden Instrument, das Wahrheiten vermittelt, die den Profanen verborgen sind.
Was Viktoria betraf, so schluckte sie alles — Komplimente, Schmeicheleien, elisabethanische Prärogativen — ohne die geringste Magen- störung. Rach dem langen Dunkel ihrer Verlassenheit, nach der Kälte der Gladstoneschen Pedanterie, ging sie unter den Strahlen von Disraelis Ergebenheit auf wie eine Blume in
Der Sonne Die Veränderung ihrer Sage war in der Tat märchenhaft. Run war sie nicht länger dazu verurteilt, stundenlang über Den verwickelten Einzelheiten Der Geschäfte zu grübeln, jetzt fragte fic nur Mr. Disraeli um eine Erklärung, und er gab sie ihr in Der kürzesten und amüfan*eften Weise. Run wurde sie nicht mehr durch beunruhigende Neuerungen geplagt; nun brauchte sie sich nicht mehr von einem ehrerbietigen Herrn mit hohem Kragen behandeln zu lassen, als ob sie ein verkörperter Präzedenzfall mit klassischer Kenntnis des Griechischen wäre. Lind ihr Befreier war zweifellos Der bezauberndste aller Männer. Sie war berauscht, hingerissen; da sie alles glaubte, was er ihr über ihre eigene Person sagte, gewann sie ihr Selbstvertrauen, das sie während der düsteren Periode, die auf Alberts Tod gefolgt war, verloren hatte, vollkommen zurück.
Eie schwoll in neuerstandenem Selbstbewußt- fein. wenn er. wunDrrbare mvrgen'ändische Visionen herauVefchwörrnd l^re Augen m't einer kaiserlichen Größe blendete von der sie nur dumpf geträumt hatte.
Unter diesem zwingenden Einfluß änderte sich sogar ihr Benehmen. Ihre kurze, beleih e Gestalt, in Falten schwarzen Samtes, mit wehenden Musselin bändern und schweren Perlen um Den fetten Hals, nahm ein fast drohendes Aussehen an. Auf ihrem Gesicht, dem der v°au6er Der Jugend längst entschwunden und das vom Alter noch nicht sanft geworden war, waren die Spuren des Grams, der Enttäuschung und des Verdrusses noch sichtbar, aber sie wurden überdeckt durch Die Maske Der Anmaßung und durch die scharfen Linien gebieterischen Hochmuts. Rur, wenn Mr. Disraeli erschien, änderte sich ihr Ausdruck augenblicklich, und das abweisende Gesicht erfüllte sich mit Lächeln. Für ihn war sie zu allem bereit. Seiner Ermunterung folgend, begann sie aus ihrer Zurückgezogenheit aufzutauchen: sie erschien in kleiner Gala in London, in Hospitälern, Konzenen: sie eröffnete das Parlament; sie besichtigte Truppen und verteilte in Aldershot Denkmünzen. Aber Derartige offizielle Zugeständnisse waren geringfügig im Vergleich mit ihren privaten Gunstbezeugungen. Während der Stunden seiner Audienz konnte sie kaum ihre Aufregung und ihr Entzücken meistern. „Ich kann meinen Empfang nur beschreiben,“ schrieb er gelegentlich einmal einem Freund, „wenn ich Dir sage, daß ich tatsächlich dachte, sie würde mich umarmen. Sie war mit Lächeln gespickt und flatterte beim Sprechen wie ein Vogel im Zimmer umher.“ In seiner Abwesenheit sprach sie ununterbrochen von ihm, und in ihrer Sorge um seine Gesundheit lag eine ungewöhnliche Wärme. Sie sandte ihm oft Geschenke; zum Weihnachtsfest (am regelmäßig von Windsor ein illustriertes Album für ihn an. Mer ihre wertvollsten Gaben waren die Früh- lingssträuße die von ihr und ihren Damen in den Wäldern von Osborne gepflückt, in
mit dem Polyphem in „Acis und Galathea". Plastisch tritt die Gestalt des Manoah, des greifen Vaters Samsons mit Den Gesängen „Dein Heldenarm war einst mein Sang“ und „Wie willig trägt mein Daterherz" hervor.
Rach dem berühmten Trauermarsch und Den Zrauergefängen Des Chores schließt das Wer> mit der glänzenden Sopranarie: „Kommt all ihr Seraphine", in Der Die Singstimme mit Der Solo-Tromrete wetteifert. Anschließend folgt der Chor: „Saut stimme ein Die ganze Himmels- schar" und beschließt Damit das Werk in glän- zenDster Weise. — Händel hat Den „Samson" im Jahre 1741, kurz nach Der Vollendung des „Messias", innerhalb 5 Wochen geschrieben. —
100-Iahrfeier
der Universität München.
In diesen Tagen, am 26. und 27. Rovember begeht die Universität München die Feier ihres hundertjährigen Bestehens. Die Festlichkeiten wurden am 26. Rovember abends mit einem großen Empfang in der Universität eingeleitet, an den sich ein Fackelzug der Studentenschaft zu Ehren der im Weltkrieg gefallenen Kommilitonen anschloß. Am 27. Rov. findet um 11.30 Ahr nach Festgottesdiensten in Den Kirchen Der verschiedenen Konfessionen im Rationaltheater ein Festakt statt, bei Dem Der Rektor Der Unioerfität, Prof. Dr. Doeberl, Ministerpräsident Dr. Held. Bürgermeister Scharnaglwa. m. sprechen werden. Arn Rach- mittag findet im Hofbräuhaus ein von Der bayerischen Staatsregierung veranstaltetes Festbankett und am Abend ein Festkommers im Söwenbräukeller statt. Folgende Herren sind zu Ehrendoktoren ernannt worden: Don Der theologischen Fakultät Prof. Joseph 2ta u n (München). Pfarrer Anton Doeberl in Wiesen bei Regensburg und Heinrich Held, erzbischöflicher Archivar in München, von der juristischen Fakultät Hofrat Oswald Redlich, ordentlicher Llniversitätsprofesfor, Präsident Der Akademie der Wissenschaften in Wien, Prof. Dr. jur. und Dr. phil. Senator a. D. R a b b e. Axel Freiherr von W r e d e, Kanzler der Abo-Akademie in Abo. von der staatswissenschaftlichen Fakultät Minister-
besvnderer Weise die Wärme und Zärtlichkeit ihrer Gefühle zum Ausdruck brachten.
Lln'er diesen, erklärte er, wären Die Primeln feine besonderen Sichlinge. S.e wären, Tagte er, ..Die AbgesanDten des Frühlings, Die EDelsteine und Juwelen Der Ratur". ..Sie zeigen," schrieb et ihr, „daß Euer Majestät Zepter dir verzauberte Insel berührt hat." Bei Tisch saß er zwischen üppig gefüllten Blumenva en und erzählte feinen Gästen: „Sie sind mir alle heute morgen aus Osborne von der Königin geschickt worden, da sie weih, daß es meine Sichlings- blumen sind."
Mit Der Zeit, als es klarer und klarer wurde, daß Die Versklavung Der Fee eine vollständige war, wurden seine Be^uerungen immer b!ü e '.Der und rückhaltloser. Zuletzt nagte er es,in seineSchmeiche- rückhaltloser. Zuletzt wagte er es, in seine Schmeicheleien einen Ton von Anbetung zu legen. Die na! c^u unverhohlener Minnedienst war.... Sie schickte ihm Schneeglöckchen, und seine Gefühle strömten über von Poesie. „Gestern abenD“, schrieb er, „kam in Whilehall Gardens ein zier'iches Kästchen mit königlicher Aufschrift an, und a's er es öffnete, glaubte er zuerst, daß Euer Majestät ihm gnäDigft Die Sterne zu Euer Majestät höchsten Orden verliehen hätten." In Der Tat war er so DurchDrungen von dieser anmutigen Illusion, daß er, da er gerade ein Bankett gab. auf dem sehr viele Sterne und Bänder zu sehen waren, der Versuchung nicht widerstehen konnte, einige Schneeglöckchen an feinem Herzen zu befestigen, um zu zeigen, daß auch er von einer allcrgnädigsten Herrscherin geschmückt sei.
Ünö Doch hieße es vorschnell urteilen, wenn man annehmen toürDc, daß all seine glühenden Erklärungen nicht aufrichtig gemeint waren. Er war Schauspieler und Zuschauer zugleich, und diese beiden Rollen waren in seinem seltsamen Charakter so miteinander verschmolzen, daß sie eine untrennbare Einheit b lDeten, und man hätte unmöglich sagen können, daß die eine weniger echt gewesen wäre als Die andere.
Er konnte mit dem einen Teil seines We'ens die geistigen Fähsgkeit-n der Fce kaltblütig absckähen und — nicht vbne einige Hebet» raschung — etwa gelegentlich anmerten, daß sie „interessanter und unterhaltender" gewesen sei, um Dann Den Dienst mit der Mauerkelle mit ironischer Feierlichkeit wieder aufzunehmen: während et mit Dem anderen Teil aufrichtig schwelgen konnte, in Der Vorstellung des uralten Glanes d's Königtums und, durchdrungen von dem Gesühl seiner eigenen wunderbaren Erhöhung, fich in üppige Phantasien von Ruhm, Macht und ritterlicher Liebe hineinträumen konnte.
Indessen, er hatte ihr eine Sehre erteilt, Die sie mit beunruhigender Schnelligkeit erlernt hatte. Eine zweite Gloriana nannte er fle? Gut, sie wollte ihm zeigen, daß sie dieses Kompliment verdiente. Besorgniserregende Symptome zeigten sich bald. 2m Mai 1874 war Der Zar, dessen Tochter gerade mit Viktorias zweitem Sohn, dem Herzog von Edinburgh, verheiratet worden war, in Son Don. und durch einen leidigen Irrtum war es so eingerichtet worden, Daß seine Abreise erst zwei Tage nach dem Tage Tta'tfinDen sollte, Den seine königliche Wirtin als Das Datum ihrer Abreise nach Balmoral bestimmt hatte. Ihre Majestät weigerte sich, ihre Pläne zu ändern. Es wurde ihr nahegelegt, Daß Der Zar sicherlich beleidigt sein würde, daß die ernstesten Folgen Daraus entstehen könnten: Lord Derby protestierte, Sord Salisbury. Der S'aatssekretär von Indien, war sehr beunruhigt; aber Die Fee blieb gleichgültig Dagegen; sie hatte festge'eht, am 18. nach Balmoral zu reifen, und Dabei sollte es bleiben. Endlich gelang es Disraeli mit Aufbietung seines ganten Einflusses, sie zu über» veden. zwei Tage länger in London zu bleiben.
Das waren be’-eidjnenDe Episoden; aber ein noch weit ernsthafterer Ausbruch von Viktorias
Präsident Dr. Phil. h. c. Heinrich Held in München. Geheimer Justizrat Wilhelm K i ß k a 11. Vorsitzender der Gesellschaft der Freunde und Förlerer dcr Universität München. Geheimrat Ümversitätspro'essor Dr. H. Dietzel in Bonn, Professor Sidney Webb in London, Frau Dr. Beatrice Webb in London. Dr. Paul Hänsel, Pro e'sor der F nanzwissenschaft an Der Universität Moskau. Dr. Henrik H e s s e l m a n n. Vor- stanD Der Stutens Ekogs'orsock-Anstalt in Stockholm. von Der tierärztlichen 5aM*ät Ministerialrat im Ministerium des Innern Prof Dr. Robert v. O st e r t a g (Stuttgart), von der philosophischen Fakultät 1. Sektion Geheimrat ordentlicher Professor des römischen Rechts an Der Universität Wien Dr. Leopold Wenger, von Der philosophischen Fakultät 2. Sektton Oberstudienrat Pros. Rikolaus W ü h r e r in München, außerdem, wie bereits gemeldet, von Der medizinischen Fakultät Staatsrat im S taals rninisterium für ftlnterricht und Kultus Jakob Korn in München, Hochschulprofessor Sandtagsabgeordneter Domprobst Dr. Georg W o h l m u t h und Der Präsident des Bayerischen Landtags, Heinrich Königsbauer.
Frankfurter Theater.
Gasttpiel des Hessischen Sandesthea- ters Darmstadt mit Bertold Brechts Lustspiel „Mann ist Mann" im Frankfurter Schauspielhaus. Dieses merkwürdige ^Lustspiel" von Der ^Verwandlung des Packers Galy Gay in den Militärbaracken von Kilkoa" enttäuscht gewaltig, wenn man die Kritiken Der Darmstädter Uraufführung vorher gelesen hat. Die Handlung ist Dünn, Die Lustigkeit forciert und Der hinter Dem gewaltsamen Lachen hervor- schauende Gedorcke ist nicht durchgreifend genug zur Dramatisierung; vielleicht ist auch Die hier fehlende, schöpferisch gestaltende Kraft an Der Regierung der 3Dee schuld. Wie Dem auch sei, Die BilDerreihe (es find ihrer acht) ermüdet im Laufe des Abends, daS Interesse erschlafft. Da es sich immer nur um den guten, nicht neinsagen könnenden Galy Gay Dreht, Der am Morgen ausging, seiner Frau einen Fisch zu laufen, biS zum Abend Soldat wurde und kriegerisch eine tibetanische Festung in Grund und Boden
Temperament erfolgte im nächsten Jahre, während Der Krise. Die den Höhepunkt und Die Krönung von Beaconsfields Leben bLDetc. Sein wachsender Imperialismus, sein Wunsch, die Macht und das Prestige Englands zu stärken, sein Beharren auf einer ..herzhaften Außenpolitik", hatte ihn mit Rußland in Kollision gebrach'.. Die schrcckttchc östlich: Frage tauchte auf; und als Krieg zwischen Rußland und der Türkei auSbrach, wurde die Lage außerordentlich ernst. Die Politik des Premierministers war voller Schwierigkeiten und Gefahr. - - Aber an Rerven hatte cs ihm nie gefehlt. Er begann feinen diplomatischen G.crta.iö mit größter Sicherheit. Er mußte jedoch bald entdecken, daß außer der russischen Regierung, außer Der liberalen Partei und Mr. Gladstone noch zwei andere Gesahrzcntren Da waren, mit Denen er zu rechnen haben würde. Erstlich war eine starke Partei im Kabinett vorhanden unter Der Führerschaft Lord Derbns, des Außenministers, Die nicht getril.t war, das Risiko eines Krieges auf sich zu nehmen; seine allergrößte Sorge aber war die Fee.
Dom ersten Augenblick an war ihre Haltung jeglichem Kompromiß abgeneigt.
Ter alte Haß gegen Ruhlanb vom Krimkrieg her glühte wieder in ihr auf, sie erinnerte sich an Alberts langgehegten Groll/ sie fühlte den Stachel ihrer eigenen Größe und stürzte sich mit leidenschaftlicher Olut in Den Tumult.... Rie in ihrem Leben, nicht einmal bei Der HofDamenkrifis hatte sie sich als eine wütendere Parteigängerin gezeigt.
Der unglückliche Premierminister, auf Der einen Seite von Viktoria zu Gewaltsamkci'en gedrängt, hatte andererseits mit einem Außenminister zu rechnen, der von Grund auf gegen jede Politik aktiven Eingreifens war. Zwischen der Königin und Lord Derby hatte er einen schweren Stand.... Richt nur ein- oder zweimal, sondern viele Male zückte sic die fürchterliche Drohung ihrer Mdankung über seinem Haupte. „Wenn England", schrieb sie an Beaconsfield, „Rußland die Füße küsse, wolle sie an Der Demütigung Englands nicht teilhaben, und deshalb ihre Krone nicDerlegen.“ „Sie fühlt," wiederholte sie. „daß sie, wie gc'agt, nicht die Herrscherin eines Landes bleiben kann, das sich dazu herabläht, Den größten Barbaren, die es je gegeben hat, den Henkersknechten aller Freiheit und Zivilisation, Die Füße zu küssen." Als Die Russen das WeichbilD Konstantinopels erreichten, feuerte sie an einem Tage Drei Briese ab, Die nach Krieg schrien; und als fie erfuhr. Daß das Kabinett nur beschlossen hatte, Die Flotte nach Gallipoli zu senden, erklärte fie. „ihr erster Impuls sei gewesen, ihre Dornenkrone niederzulcgen, Da ihr wenig Daran liege, sie zu behaften, wenn Die Sage des Sandes so bliebe wie jetzt." Man kann sich leicht vorstellen, wie aufregend ein solcher Briefwechsel für Beaconsfield war. Das war nicht mehr die Fee, daS war ein böser Geist. Den er vorschnell aus seiner Flasche befreit hatte, und der nun Darauf versessen war, feine übernatürliche Macht zu zeigen.
Er hielt jedoch durch, um zuletzt siegreich aus allem hervorzugehen. Die Königin war besänftigt. Lord Derby wurde durch SorD Salisbury ersetzt; und auf Dem Berliner Kongreß fcMe Der „alte Jude" alles durch, was er wollte. Im Triumph kehrte er nach England zurück und versicherte der entzückten Viktoria, Daß fie bald „Diktatorin von Europa" sein würde, wenn sie es nicht schon wäre.
Svrcrftftunden der Webnftion.
12 bis 1 Uhr mittags, 5 bis 7 Uhr nachmittags. Samstag nachmittag geschlossen
Jüt unverlangt eingefanbte Manuskripte ohne beigefügtes Rückporto wird keine Gewahr übernommen
schoß, gänzlich seines sanften, früheren „Jchs“ Dergeffenb. Um diesen Mittelpunkt Galy Gay kreisen Den ganzen Abend Drei englische Soldaten einer Maschinengewehr-Abteilung. Die ihren vierten Mann vorsichtshalber nach einem Raubüberfall bei Dem Bonzen ein?r tibetanischen Pagode zurücklassen mußten. Diese Drei, auf Der Suche nach einem Ersatzma.rn, verwandeln nun mit Sift und Gewalt Den Galy Gay in Dem fehlenden Ieraiah Iip. Daher der Tftcl .Mann ist Mann"; aber Die zweite Lehre des Abends: Lustspiel ist nicht immer Lustspiel. — Anders war es mit der Aufführung und Inszenierung. Jakob Geis hat versucht, durch famose Spieler und gute Regieeinfälle das Stück inhaltlich auf- zufüllen und spaßhafter zu machen. Seine Regieleistung und Die ausgezeichnete Gesamtdarstellung! mit Ernst Legals prächtigem Galy Gay ergaben Den künstlerischen Wert des Abends. Das Publikum schien, soweit es Das Lustspixl betraf, aus nicht ersichtlichen Gründen hingerissen, Bertold Brecht konnte sich beifallumraufd;! berneigen. L. W.
Austauschgaftspie^e.
3m Hessischen Sandestheater in Darmstadt fand dieser Tage ein Gastspiel des Frankfurter Schauspielhauses statt; am gleichen Tage gastierte Das Schauspiel des Landesthecrters in Frankfurt. In Darmstadt wurde Paul Kornfelds Komödie „Äilian oder Die gelbe Rose" gegeben, und in Frankfurt führten Die Darmstädter „Mann ist Mann" von Bert Brecht auf. Es handelt sich hier um das erste von einer Reihe geplanter Austauschgastspielen, Die nach dessen Erfolg wohl auch zustande kommen werden. Die Vorteile dieses Systems liegen auf Der HanD, Denn es wird die Mühe Der E.n- studierung unD die Ausstattung gespart, zügle ch gewinnt Das Publikum einen Einblick in Die schauspielerischen Leistungen Der Rachbarbühne. Der Austausch soll sich m erster Linie auf Die Stücke Der Uraufführungen beziehen. Paul Kornfelds KomöDie erwies sich zwar als stark redselig, was zahlreiche Längen verursachte Doch war Der Erfolg durchschlagend. Auch den schauspielerischen Leistungen und der Inszenierung versagte DaS Darmstadter Publikum nrcht seine lebhafte 2liu erlenmmg.


