Ur. 278 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesfeu)
Frankreichs Finanzlage und seine Zukunft in Europa.
-Son Joseph Eaillaux, ehern. Mmisterprä fidenten und Finanzminister der fraiy. Republik.
Der Verfasser des folgenden Aussatzes gehört der radikalen Partei an, er ist mehrmals Finanzminister und Ministerpräsident gewesen und gilt als einer der fähigsten Köpfe Frankreichs, namentlich auf wirtschaftspolitischem und finanztechnischem Gebiet. Seine interessanten und fesselnd geschriebenen Ausführungen zur Frankenlrisis verdienen größte Beachtung.
Lieser Aufsatz zerfällt in zwei Teile: der erste stellt ein dokumentarisches Expose dar. in dem Genauigkeit — fast möchte ich sagen: Gewiß- t-eit - ein leichtes ist, der andere dagegen enthält fast nur Hypothesen oder läßt zum mindesten strittige Vermutungen und Dehaup. iungen zu. Trotzdem wage ich mich kaum auf dies letztere Gebiet, und wenn, so jedenfalls mit äußerster Vorsicht.
Ich halte mich nicht mit langen Entwicklungen auf, smrdern komme sofort auf den Kern meines Gegenstandes: die finanzielle Situation der französischen Republik.
Lariiber wird viel hin und her geredet, sowohl im Ausland als auch besonders in Frankreich selbst. Rur wenige Menschen ermessen die Lage genau. Ich will versuchen, sie darzustellen, wobei ich mich davor hüte, den Leser mit einem Schwall von Ziffern zu überschwemmen. Ich gebe Zahlen nur, soweit sie für die Klarheit meines Berichtes unentbehrlich sind.
(Zunächst das V u d g e Frankreichs Budget oefindet sich, was man sonst dagegen sagen mag. im Gleichgewicht, ja sogar in einem Lieber- gleichgewicht: das heißt der mögliche. nicht übertrieben geschätzte Steuerertrag übersteigt die Höhe der Staatsausgaben um ein beträchtliches. Diese Situation, so könnte man einwenden, besteht erst fett kurzem. Ich bestreite dies nicht und darf wohl daraus huUveisen, daß ich als erster bei meiner Rückkehr ins Finanzministerium Ende April 1925 Alarm geschlagen und darauf hinge- wiefen habe, daß das Budget, trotz allen trügerischen Anscheins, um mehrere Milliarden im Defizit war. Anfangs nahm man mir meinen Freimut übel, da man ihn für zu schroff hielt. Rachher hat man mir folgen müssen, was nie geschehen wäre, wenn ich nicht so laut die Stimme erhoben hätte. Meine Rachfolger haben sich dann mit großem Mut daran gemacht. vom Parlament die Bewilligung zu Steuererhöhungen zu erlangen, und zwar mit Erfolg. Fast möchte ich meinen, dieser ihr Erfolg sei zu groß gewesen. In der Tat befürchte ich, daß Herr Poincars letzten August den Ton etwas z u h o ch genommen und gewisse Steuern in übertriebene Sätze hiTraufgeschraubt hat. Doch das sind Einzelheiten: mit den Steuersätzen kann man immer leicht heruntergehen.
Ist nun das endlich erreichte Dudgetgleich- gewicht u n st a b i l. wie man hie und da befürchtet? Wird ein neuer Frankensturz durch ein Anwachsen der Ausgaben etwa das mühsam auf- gerichtete Gebäude umwerfcn? Solche Befürchtungen sind unbegründet: denn ein Fallen der Währung würde zwar ohne Zweifel vermehrte Lasten verursachen, aber zugleich Mehreinkünfte aus dem Steuerertrag mit sich bringen, die den Zuwachs an Ausgaben reichlich ausgleichen dürften. Es liegt nahe, einzuwendcn, daß bei alledem das Budget beinahe 40 Milliarden Franken im Jahr erreicht. Zugegeben, allein es handelt sich um Papierfrankcn. nicht um Goldfranken. 40 Milliarden in Papier sind nach einem Kurs von 160 Franken für das Pfund etwa 6 Milliarden in Gold. Run überschritt aber das französische Budget schon vor 6cm Krieg 5 Milliarden Goldfranken. Es besteht also kein Anlaß, über die jetziacn Ziffern groß zu erschrecken.
Dasselbe gilt für die innere Schuld, die eine runde Summe von 300 Milliarden ausmacht. 300 Milliarden Pavierfranken — das heißt 40 bis 50 Milliarden Goldfranken! 1914 beliefen sich die Gesamtverpflichtungen Frankreichs auf über 30 Milliarden in Gold. Auch von dieser Seite liegt kein Grund zur Beunruhigung vor, unter der einen Bedingung, daß man sich zur Stabilisierung entschließt und sich damit abstndet, sie auf einem nicht zu hohen Stand zu vollziehen.
Stabilisierung? Jedermann versteht heutzutage, was dieses Wort bedeutet. Es will heißen, daß man sich entschließt, preiszugeben, was nicht mehr zu retten ist, daß. um ein konkretes Beispiel zu nehmen, Frankreich die Verschlechterung seiner Währung gesetzlich anerkennt und durch Dekret bestätigt, der Frank sei nur noch 15 oder 20 Centimes wert, und daß die Finanzen und die Wirtschaft der Ration sich entsprechend einrichten. Gewiß ist es peinlich für ein großes siegreiches Land, derart zum äußersten zu kommen. Aber was bleibt anderes übrig? Die bloße Verzinsung der inneren Schuld würde, wenn sie in Goldfranken erfolgte, den Franzosen eine dreimal so große L a st wie das gesamte Vorkriegsbudget auf- erlegen. Eine solche Eventualiät läßt sich kaum auch nur ausdenken. Indessen nützt es nichts, sich die Wirllichkeit zu verheimlichen. Die Wirklichkeit der Stabilisierung best ehtdarin, daß sie auf eine Zwangsreduzierung der Renten aller Staats-. Gesellschafts- und Privatgläubiger hinausläuft. Die Leute mit festem Einkommen, also hauptsächlich, ja fast ausschließlich der Mittelhand, sind die Opfer des Verfahrens. Sie bezahlen leider in allen Ländern die Linsinnigkeiten der Kriegs- unö Rachkriegszeit. Mit Rücklicht auf ihr Llnglück und im Gedanken an die Erbärmlichkeit der Tatsache, daß die Menschen, die ihrem Canö Vertrauen geschenkt und in schweren Tagen ihr Spargut auf dem Altar des Vaterlandes niedergelegt haben, jetzt die Hauptleidtragenden sein sollen, möchte man fast wünschen, daß die Stabllisierung zu einem dem Paristand möglichst nahekomtttenden Kurs geschehe. Allein so bedauerlich es ist, man muh dieses natürliche Mitgefühl unterdrücken und begreifen. daß das Gemeininteresse der Ration, vor dem die Interessen irgendeiner auch noch so ehrenwerten sozialen Schicht zurüctzutreten haben, di« Frankenstabilifierung bei einem genügend niedrigen Stand erfordert, damit die Lasten von Budget und Schuld nicht zu schwer für das Land werden und die wirtschaftlichen imb finanziellen Tatbestände nicht, wie dies vor etwa
einem Jahr in Belgien dec Fall gewesen ist. das neue Währungsgebäude umstürzen. Ich bin überzeugt. daß Frankreichs Regierungen nach einiger Llnficherheit einigen Tastversuchen diesen Weg gehen werden imb das; mit Llnterstützuna auswärtiger Kredite — ich sage nicht: Anleihen — die Stabilisierung sich halten wird.
Die könnte allerdings gestört werden, und zwar höchst wahrscheinlich, wenn wir g^wungen wären, jedes Jahr allzu große Abgaben ans Ausland zu leisten. Hier lege ich den Finger auf zwei Probleme: die Frage der internationalen Schulden und das Problem der französischen Produktion, oder, genauer gesagt, der allgemeinen Zahlungsbilanz meines Landes. Don den interalliierten Schulden, die Frankreich gegenüber seinen Verbündeten von gestern eingegangen ist. will ich nicht weiter reden. Ihre Last ist furchtbar trotz der recht beträchtlichen Ermäßigungen, die uns zugestanden worden sind. Aber dem entsprechen auf der Gegenseite die Zahlungen. die Deutschland uns nach dem Dawesplan zu leisten hat. Das gefährliche Passivum wird also durch ein wenigstens gleiches Aktivum ausgeglichen sein bis zu dem Tag. wo man überall einsieht, daß der Transfer von Volk au Doll eine unendlich verwickelte, auf die Dauer fast unmögliche Sache ist und den Gläubigernatio- nen genau ebensoviele Rachteile bringt wie den Schuldnernationen. An diesem Tag. den ich sehn- lichst herbeiwünsche, wird in gemeinsamem Ein-
verständins der Schwamm über diese unselige Kreideschrift gehen. Zwar weiß ich kaum, wann dieses Ereignis eintritt. Aber auf die Gefahr, als Optimist zu gelten, bin ich durchaus sicher, daß wir so weit kommen werden.
Ich wollte, ich wäre gleich sicher darüber, ob die allgemeine Zahlungsbilanz meines Landes im Gleichgewicht ist. Diese Formulierung mag rätselhaft erscheinen und bedarf jedenfalls der Erläuterung. Der rascheren Klarheit halber nehme ich einen schon einmal gebrauchten Vergleich wieder auf. Ein Land stellt, toenn man es als wirtschaftliche Ganzheit betrachtet. ein großes Handelshaus dar, dessen Cln- nahmen und Ausgaben sich aus der Gesamtheit der Einnahmen und Abgaben der einzelnen zusammensetzen. Diese Riesenfirma kann nur dann gedeihen, wenn sie mehr einnimmt a I s a u s z a h l t, wenn ihre Waren- unZ> Güterausfuhr jeder Art die Einfuhr übertrifft. Vor dem Krieg war Frankreich vollkommen „in bonis“, wie der lateinische Ausdruck lautet. Es führte zwar ohne Zweifel viel mehr Waren ein als aus, aber es zog gewaltige Einkünftei aus den Ausgaben der Fremden auf seinem Boden und vor allem aus feinen Guthaben im Ausland (etwa 50 Milliarden Goldfranken). Der Wirbelwind des Krieges hat dieses prachtvolle Auslandsguthaben verweht, von dem nur noch klägliche Reste übrig sind, und ich zweifle sehr, ob der Ausfall durch das — allerdings unleugbar vorhandene — Anwachsen der von Fremden in unserem Land gemachten Ausgaben ausgeglichen wird. Kurz, ich befürchte, daß die Zahlungsbilanz meines Vaterlandes ein momentanes Defizit aufweist. Ich schreibe „momentan", denn ich kenne die Vorzüge meiner Landsleute, besonders die wundervolle Sparkraft des französischen Volles, zu gut. um nicht überzeugt zu sein, daß es die geschwundenen Guthaben sehr bald wieder auffüllen wird. Immer unter einer Bedingung allerdings! Rämlich, daß ihm eine Atempause gegönnt wird, daß die stabilisierte Währung dank der Stützung durch bedeutende und wiederholte auswärtige Kredite den Stößen zu widerstehen vermag, denen sie zwangsläufig ausgesetzt bleibt, solange das Gleichgewicht der allgemeinen Zahlungsbilanz nicht völlig wieder- hergestelll ist. Diese schwer zu überwindende Periode wird nicht sehr lange währen, wenn Fcank- reich nicht allein seinen inneren Reichtum, der bei seiner Armut an Bodenschätzen kaum eines raschen Wachstums fähig ist, sondern vor allem seinen kolonialen Reichtum zu entfalten versteht, wo ungeheure Möglichkeiten ruhen.
Ein Rationalökonom von hohem Rang aus einem Land Mitteleuropas sagte mir kürzlich:
-Sie französischen und die englischen Kolonien sind Europas Zukunft." Bedarf es noch langer Ausführungen? Bedarf es noch eines Hinwm'es darauf, daß alle Länder, die den Weltkrieg mit- gemacht haben. Amerika ausgeiwmmen. i n g l c i • cher Weise gelitten haben, daß selbst manche Reutrale nicht verschont geblieben sind und ganj Europa sich in einem Tiefstand befindet, in hem seine Beteiligung am Welthandel, axmn ich mich recht erinnere, sich nicht einmal auf 15 Prozent mehr beläuft? Soll ich so vielen an- deren nachsprechen, daß Europa im Laufe des 19. Jahrhunderts eine große Fabrik geworden war. die die ganze Welt mit Industrieerzeugnissen versorgte und feine über die Blaßen angewachsene Bevölkerung mit den Verdiensten ernährte, die ihm die anderen Erdteile einbrachten? Brauche ich noch daraus zurückzukommen, daß sich bieje anderen Erdteile während unserer Wirren ausgerüstet haben, um den Wegfall ihrer großen Lieferanten zu ersetzen, und daß Europa so ein gut -teil seiner Kundschaft verloren hat? Frankreich und England vermögen durch ihre Kolonien der europästchen Fabrik die mangelnden Rohstoffe, ja mit der Zeit sogar neue Konsumenten, zu verschaffen.
Die herrlichen englischen Kolonien liegen recht weit ab. Die meisten von ihnen genügen sich selbst, bilden beinahe Welten für sich. Iedenftills tendieren sie dahin, sich von Europa zu entfernen. Asiatische und australische Kolonien verlegen ihr Leben mehr und mehr in eine andere Hemisphäre,
in die Hemisphäre der Pazifik, welche das Schicksal zum Schauplatz großer Sträfteoer- schiebungen, großer Ereignisse vorbestimmt. Die Bande zwischen der pazifischen und der atlantischen Welt werden aller Wahrscheinlichkeit nach wenn schon nicht zerreißen, so doch wenigstens sehr nach- lafsen, und Europa wird eine wirtschaftliche — vielleicht sogar politische — Hilfe nur in Afrika finden können, wo wiederum das französische Gebiet durch seine Nahe und seinen Menschenreichtum ihm mehr wert ist, als der englische Besitz. So hat denn das kontinentale Europa Frankreich nötig. Ebenso aber braucht Frankreich die Völker, die es umgeben und mit ihm in Methoden, deren Verwirk- lichung in naher Zukunft ich ooraussehe, an der Auswertung des afrikanischen Reseroebehälters arbeiten können.
Wir müssen nur unser Spiel, das große Spiel der Menschheit, recht verstehen. Bieten wir unseren Nachbarn die Mittel zu wirtschaftlicher Entwicklung und — was noch wertvoller ist — die Gelegenheit zu gemeinsamer Arbeit auf jener Erde, von der uns nur der mittelländische See — dieser ruhmredig vergrößerte Genfer See — trennt. Führen wir die große und edle Politik fort, die die Anfänge der französischen Revolution auszeichnete. Reichen wir zu allen Verbindungen, zu allen Interessenoerschmel- zungen und Befriedungen die Hand . . . Welche große Rolle wartet bann im europäischen Rahmen unserer Nation, die nach dem hochherzigen Ausspruch Gambettas zu allen Zeiten „la nourrice des idees g^rales du monde“ gewesen ist.
Die deutschen Schulen in Böhmen
Der Abgeordnete H o d i n a (Bund der Landwirte) wies im Abgeordnetenhaus auf di« LI n t e r d r ü ck u n g der Sudetendeutschen im Schulwesen hm, dem auf tschechischer Seite der Ausbau des Schulwesens mit etwa 17 000 Volksschulen und 500 Bürgerschulen gegenüberstehe. In den für t f ch e ch i s ch e Kinder eingerichteten Minderheitsschulen seien zum großen Teile deutsche Kinder eingeschult. Der Durchschnittssah der tschechischen Kruder betrage sieben Kinder für jede Schule. Die Minderheitsschulen dienten in erster ''fiinie Tschechin sierungszwecken. Rach Feststellung des kommunistischen Abgeordneten Wünsch gibt es nicht weniger als 2000 beschäftigungslose» sudetendeutsche Lehrer. Der sozialdemokratische Abgeordnete K i r p a l stellte fest, daß dec Klassenabbau auf tschechischer Seite fünf, auf deutscher Seite neun Prozent betrage. 3m Vorjahre seien etwa 8000 deutsche Kinder in tschechischen Volks- und Bürgerschulen erngeschult gewesen.
Vorankündigung
an die Landwirtschaft und Gartenbau betreibende Bevölkerung im Verbreitungsgebiet des Gießener Anzeigers
Zur Förderung des öffentlichen Austausches und der Auswertung von Beobach- hingen und Erfahrungen auf allen Gebieten der heimischen Landwirtschaft, der Vieh, zücht und des Gartenbaues wollen wir während des Monats Dezember eine Reihe von Preisaufgaben in unserer landwirtschaftlichen Beilage „Die Scholle" stellen. Je eine oder mehrere Aufgaben werden jeweils Freitags in der Scholle veröffentlicht werden. Das
Preisausschreiben
mit den näheren Bedingungen erscheint anfangs Dezember an dieser Stelle. Wertvolle Preise zum Gebrauch im landwirtschaftlichen Betrieb sind vorgesehen; sie sollen rege geistige Mitarbeit in landwirtschaftlichen Fragen während der betriebsstillen Winterzeit lohnen.
Wir laden schon heute die in Betracht kommenden Bezieher des Gietzener An- zeigers und alle, die es zum Dezember werden wollen, zu nutzbringender Beteiligung an dem geplanten Preisausschreiben ein. Die Wertung geeigneter Arbeiten und deren Besprechung durch Sachkenner wird in der Scholle, die Veröffentlichung des Gesamt' ergebnisses und der Preiszuteilung im Gietzener Anzeiger erfolgen.
Verlag und Redaktion des Gießener Anzeigers.
Samstag, 21. auoember (926
Vie Schuidlüge als die List der bdee
Von Dr. Paul Rohrbach.
Eduard v. Hartmann, der Philosoph des Unbewußten, bat von der .List" der Idee gesprochen, die sich durchsetzt, indem sic den Menschen gegen seinen Willen verleitet, bei der Verfolgung eines Zieles Handlungen zu begehen, die diesem Ziel ent- gegenlausen und vielmehr der Idee dienen, der da» verfolgte Ziel widerspricht. Dieser Satz ist eine der geistreichsten Entdeckungen, die je gemacht worden sind, und er bewährt sich auf politischem Ge- biet nicht weniger als in den übrigen Regionen der menschlichen Erfahrung. Auch bei der Achuldlüge der Alliierten sehen wir ce. Es gibt eine große und eine kleine Schuldlüge, und an beiden trifft der Satz von der List der Idee zu. Die große Schuldliige ist die, Deutschland habe den Weltkrieg gewollt, ihn planmäßig vorbereitet und ihn zu einem Zeitpunkt, den cs für günstig hielt, entfesselt. So lautet die Formulierung in dein bekannten Ultimatum der Alliierten, durch das sie die Untersuchung des Fricdens- diktats erzwangen. Leute, die es lieben, sich selbst ju tauschen, weifen darauf hin, dies Ultimatum sei nicht der foaenannte Vertrag über den Frieden selbst, und daher auch nicht von Deutschland als „Bekenntnis" unterzeichnet. Diese Unterscheidung ist darum ohne Werl, in praktischer wie in ideeller Bc- Ziehung, weil die Gegenseite nicht nur zugestanden, sondern wiederholt betont hat, daß die Härte der Friedensbedingungen durch die schwere moralische Verfehlung Deutschlands, „das größte Verbrechen der Weltgeschichte". bedingt und gerechtfertigt worden fei. Auf diesem „moralischen" Fundament ruht unsere Entwaffnung, ruht unsere Verpflicht tung zu den sog. Reparationen, ruhen alle sonstigen Demütigungen und Einschränkungen unserer Sou- oeränität Aus diesem Grunde weigern sich auch die Gegner noch heute, die Schuldthese auszugeben. Das Wort: „Fällt Deutschlands Schuld, so fällt der Friedensvertrag", stammt von niemand anderem als von P o i n c a r 6.
Die kleine Schuldlüge bezieht sich auf die deutschen Kolonien, oie sollte dazu dienen, den Wortbruch der Alliierten gegenüber dem fünften der Vierzehn Punkte Wilsons zu rechtfertigen, worin eine gerechte und unparteiische Schlichtung aller Colonialen Ansprüche (d. h. der Ansprüche Deutschlands und seiner Gegner) versprochen mar. Deutschland, so heißt es gleichfalls in dem erwähnten Ultimatum, haben jeden Anspruch auf Kolonien verwirkt, da es sich durch Mißhandlung seiner kolonialen Gingeborenen eines solchen Besitzes unwürdig gezeigt hat!
Die große wie die kleine Schuldlüge sind wirkliche Lügen, d. h dem besseren eignen Wißen entgegen behauptete Unwahrheiten, die zum Zweck der Täuschung ausgesprochen und verbreitet wurden. Der französischen wie der russischen Re fl i e r u ii g ist es heute dokumentarisd) nachgcwie^ sen, daß sic den Krieg vorbereitet und gewollt, und daß sie die Erhaltung des Friedens verhindert Haden. Die französische Regierung hat außerdem durch den Mund ihres eigenen Kriegs- Ministers ihre „gehobene und herzliche" Entschlossen- heil zum Kriege bekannt, noch bevor ein deutscher Soldat mobil gemacht worden war, und was England anyeht, so wäre es eine Beleidigung seiner Staatsmänner, ihnen die Dummheit zuzutrauen, daß diese Dinge ihnen verborgen geblieben sein sollten.
Dasselbe gilt von der kleinen Schuldlüge. Jedermann wußte, daß Händeabhacken und ähnliche Grausamkeiten zwar im belgischen und französischen Kongo verübt waren, nie aber auf deutschem Ko- lonialgebiet, Und daß die deutsche Verwaltung in Afrika, wie es Engländer selbst ausgedriickt haben, in bezug auf Eingeborenenpolitik „die reinsten Hände von allen" besaß. Hierfür sind die Beweise aus dem Munde der späteren Feinde so erdrückend, so zahlreich und so bekannt, daß cs nicht nötig ist, einzeln auf sie zurückzukommen.
Warum wagten es die Alliierten nicht, so wie es jahrtausendelang bei der Beendigung von Kriegen geschehen ist, einfach zu erklären: Wir haben den Krieg gewonnen, dem Sieger gehört die Beute, also muß der Besiegte hergeben, was er nicht mehr uer- leidigen kann!? Weil ihre Forderungen so ungeheuerlich waren, daß cs ihnen nötig schien, sie „moralisch" zu verankern. Damit aber sind sie der List der Idee erlegen. Die Idee, die von ihnen verletzt wurde, war die der Menschlichkeit. Sie gab es den Feinden Deutschlands ein, sich auf sie zu berufen, damit sie ihres Raubes sicher wären: indem sie ihnen aber das eingab, zog sie ihnen im voraus den Boden der Rechtfertigung unter den Füßen weg: für den Augenblick, wo die Lügenhaftigkeit der großen wie der kleinen Schulthese offenbar werden würde.
Das Delphische Orakel gab einmal einem Manne, der anfragte, ob cs ihm erlaubt sei, einen falschen Eid zu schwören, um eine Summe Geldes zu be- halten, die Antwort. „Schwöre nur, auch den gerecht Schwörenden ereilt der Tod. Aber es gibt einen Sohn des Meineids, einen Namenlosen, ohne Hände und Füße, der dennoch, rasch dahereilend, Geschlecht und Haus des Frevelnden austilgt!" Die populäre Erfahrung des Sprichworts sagt einfacher: U n - recht (3 u t gedeihet nicht! Weder das Delphische Orakel noch der Volksmund vertreten ha^ mit aber die Meinung, daß die Aufgabe des Ge- schädigten nur darin besteht, zu sitzen und zu warten, bis der Namenlose ober die List der Idee von sich aus ihr Werk beenden. Es gibt keine Aufgabe der deutschen Politik, die dankbarer wäre vis die Bundesgenosienschaft mit den unsichtbaren Mächten, die, wenn man es recht besieht, schon erstaunlich schnell gearbeitet haben. Man spürt das daran, daß sich heute das Verhältnis zwischen Angriff und Verteidigung in der Schuldfrage schon umgekehrt hat. Deutschland ist nicht mehr in den Defensive, sondern die Alliierten sind es, vor allem der Alki- ierte mit dem schlechtesten Gewissen, Frankreich! Der gemeinsame Antrag der bürgerlichen Parteien des Reichstages, die Satzungen des Völkerbundes und des Haager Gerichtshofes mögen daraufhin geprüft werden, ob sich mit ihrer Hilfe eine < natürlich internationale und öffentliche) Verhandlung der K r i e g s s ch u I d f r a g e erreichen läßt, ist daher aufs höchste zu billigen. Solch eine Verhand'ung, ja selbst schon ihre bloße Möglichkeit, wäre das schärfste moralische Druckmittel zugunsten Deutschlands und zuungunsten der Gegner in allen schwe- benden Fragen.
Auch die kleine Schuldfrage darf nicht oernach- lässigt werden. In diesem Herbst hat die sogenannte Livingstone-Konferenz, an den Viktoria- fällen des Sambesi, getagt, auf der alle englisch-ost- afrikanischen Lander vertreten waren, auch Ian- ganyika, das alte Deutsch-Ostafrika. Zu den Hauptzielen dieser Besprechung gehörte cs, durch Maßnahmen der Verwaltung, des Eisenbahnbaus usw. dies Land endgültig aus der Anfpruchmosse des


