Nr. 252 Zweiter Blatt
Mittwoch, 27. Oktober 1926
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Ost- und westoberschlesische Sorgen.
, Don Dr. Dr. Friedrich Lange.
Sorgen hat sowohl das an Polen ausgelieferte Ostoberschlesien als auch das beim Reich belassene Westoberschlesien, aber sie sind von verschiedener Art. Ostoberschlesiens Gebieter fürchten die Früchte ihrer Unterlassungen, Mißbräuche und gebrochenen Versprechungen, während Westoberschlesien sich K, wie es immer mehr zu einer Musterzelle chen Wiederaufbaues und einem Schmuckkästchen wird, das zu den abgetrennten Ostoberschle- siern beider Zungen einladend hinüberlugt.
Die polnisch gewordene Woiwodschaft Schlesien, zu der auch die früher österreichischen Gebiete von Bielitz und Teschen bis nahe an den Jablunkapaß gehören, fiebert vor Unruhe. Die bevorstehenden Gemeindewahlen, die ersten unter polnischer Herrschaft, werfen ihre Schatten voraus, befürchtet man doch trotz aller möglichen Einschüchte- rungen und Ausweisungen für eine ganze Reihe von Gemeinden deutsche Mehrheiten. Die über Erwarten zahlreichen Einschreibungen für die deutschen Schulen sind ein warnendes Menetekel. Der weltliche und der geistliche Oberhirte der Woiwodschaft haben gewechselt. Der Woiwode Mieeyslaw Bilski muhte yehen, sein Nachfolger Dr. Graeznnski, seines Zeichens Professor der Rechtswissenschaft, ist auf dem Gebiete der Staats- Verwaltung ein unbeschriebenes Blatt. Er gilt als Vertrauensmann der „moralischen Sanierung"; dah eine solche notwendig ist, zeigt allein der Umstand, dah Graezynski der 5. Woiwode in fünf Jahren ist! Nach oben gefallen ist der wegen seiner Deutschenverfolgungen berüchtigte Kattowitzer Bischof Dr. August Hlond, der zum Erzbischof von Posen- Gnesen und Primas von Polen ernannt wurde. Er war zehn Jahre lang bis zum Ende des Krieges Rektor des Instituts der Salesianer in Wien und hat sich dort den Rus eines loyalen österreichifch- und deutschtreuen Priesters zu erwerben gewußt, bis er nach dem Kriege feine polnische Seele und Abstammung entdeckte. Aus feinem Wirken bringt von besonderer katholischer maßgebender Seite die Deuchener „Ostdeutsche Morgenpost" eine ganze Liste von Ungesetzlichkeiten, die das Leben der deutschen Katholiken Ostoberschlesiens zu einem wahren Martyrium machen. Seine rechte Hand war der noch im Amte befindliche, kaum 32jährige Ge- neralvikar B r o m b o s z c z, der im Land« und in der Presie ungestraft und unwidersprochen der Wechselreiterei beschuldigt wird. Als ein Hauptherd der ^Korruption wird der K or f a n t y s ch e Kreis an» 'gesehen, sofern man das immer mehr schwindende Häuflein seiner Anhänger noch so bezeichnen kann. Dieser Mann, der als der Hauptschuldige an der Zerreißung Oberschlesiens und der Zuteilung seiner östlichen Hälfte an Polen anzusehen ist, verfällt immer mehr der allgemeinen Verachtung. Die jüngste Hauptversammlung des Verbandes der Aufständischen bezeichnete ihn als „destruktives Individuum" und forderte für ihn wegen Mißbräuche zum Schaden des Staates die T o d e s st r a f e durch Erhängen I Und mit Korfanty ift f e i n 61) ft e m gerietet: fünf Jahre Polenherrschaft bedeuten fünf Jahre Rückschritt. Daran ändert auch nichts die augenblickliche Besierung der Wirtschaftslage. Denn sie ist im wesentlichen nur ein Ergebnis des englischen Kohlenstreiks, mit seinem Ende wird das alte „Don der Hand In den Mund"-Leben, die alte Ungewißheit, kurz die sprichwörtliche polnische Wirtschaft zurückkebren. Daß weiß jeder vis zum letzten ungelernten Arveiter und stellt sich innerlich darauf ein. Auch Ostoberschlefien will wieder heim ins Reich!
Welch anderes Bild bietet dagegen das reichs- deutsch gebliebene Westoberschlefien. Zielbewußtsein, frohes Schaffen, Wiederaufbau sind allgemein anzutreffen, obgleich gerade yier der Unsegen der Landzerreißung und der unmöglichen Grenzziehung besonders schwere Wunden geschlagen hat. Die hierdurch entstandenen Riesenaufgaben auf dem Gebiete des Wohnungs- und Schulwesens, der Hygiene und des Verkehrs sind trotz ihrer Verschärfung durch die unfreiwillige und teilweise leider auch freiwillige Zuwanderung aus den abgetrennten Gegenden nicht nur richtig erkannt, sondern großenteils schon nach einheitlichem Plan in Angriff genommen. Die neuen Schuleröffnungen in Gleiwitz und Hindenburg, die Parkanlagen in Stadt- und Landkreis Beutyen, das neue Schlachthaus in Rati- bor, die überall entstehenden neuen Sportplätze und Badeanstalten, die Bahnhofsbauten in Beuthen und Gleiwitz, der Bau der Grenzumgehungsbahn Mikultfchütz—Brynnek, die Einrichtung neuer Autobusverbindungen, die Ausbesserung fast aller wich
tigen Landstraßen, die Aufttellung des neuen Rundfunksenders in Gleiwitz sind nur einige Beispiele Dafür. Westoberschlesiens Tatkraft hat sich im letzten Jahre bereits einen europäischen Ruf erworben. Aus zahlreichen Ländern sind kommunal-, staats- und kulturpolitische Führer herbeigeeilt, um dieses Wunderwerk typisch-deutschen Wiederaufbaues zu studieren. Die Grenzlabdfahrt des Deutschen Schutzbundes zu Pfingsten dieses Jahres eröffnete einen ganzen Reigen von Besichtigungen durch die verschiedensten Sachverständigen und Führer erster Ordnung. Erst jüngst kamen durch die Vereinigung für staatswissenschaftliche Fortbildung 400 höhere Derwaltungsbeamte, etwa gleichzeitig mit einem Massenbesuch von Bürgermeistern ausland- deutscher Städte, an dem neben Abgesandten des Verbandes der deutschen Selbstverwaltungen in der Tschechei und anderer gemischtsprachiger Staaten sogar der estnische und der finnische Städtetag, sowie der ungarische Städtekongreß sich beteiligten. Besonders fruchtbar war auch der Besuch der 470 Landrate aus allen Kreisen des preußischen Staates .. .
Westoberschlesien wünscht aber nicht nur Bewunderung, sondern auch tatkräftige Hilfe durch das deutsche Binnenland, als dessen Bor» poften es sich fühlt und betätigt. Es will Unterstützung haben für eine weitere zeitgemäße Aus- bildung des Schulwesens, für schleunige Abhilfe der Wohnungsnot ufw. Es braucht eine andere Einstufung in die Ortsklassenliste für die Beamten, ferner noch mindestens zwei weitere Grenzumgehungs- bahnen und vor allem den seit 20 Jahren als nötig erkannten G r o h s ch i f f a h r t s w e g vom In- buftrjegebiet zur Oder. Das sind bescheidene Forderungen, die auf die allgemeine Wirtschaftslage des Reiches durchaus Rücksicht nehmen. Deshalb erwartet Oberschlefien hier keine schönen Worte, sonder Taten, und solche ist das gesicherte Binnen- deutscktum seinem doppelten Grenzland voll und bald schuldig.
Das neue tschechische Kabinett.
Don unserem p.-Korrespondenten.
Prag, 24. Ott. 1926.
Die neue tschechisch-deutsche Regierung wurde vom Ministerpräsidenten S v e h l a dem Abgevrd- netenhause vorgestellt und von einer Regierungserklärung begleitet, die insbesondere den Gedanken der demokratischen Zusammenarbeit betonte. Ihr folgte ein Exposö des Finanzministers Dr. Englisch zum (Äacttsvoranschlag. Zn der Debatte, die bisher ruhig verlief, ist insbesondere eine Rede des Vertreters der ungarischen Rationalpartei Abg. Szentivanhi bemerkens- wert, der für seine Partei, obzwar diese mit den in der Regierung vertretenen deutschen Agrariern fusioniert ist, erklärte, einen abwartenden Standpunkt einnehmen zu wollen, ohne sich zur Llnterstützung der Regierungsmehrheit zu verpflichten. Die Partei nehme zwar die Regierungserklärung zur Kenntnis, wolle aber dadurch nur ihre Bereitwilligkeit zur konstruktiven Arbeit ausdrücken. Die ungarische christlich-soziale Partei zeigt sich demgegenüber nicht gewillt, die Regierungsmehrheit zu unterstützen.
Tleberhaupt ist die Frage der Regierungsmehrheit noch nicht völlig geklärt. Die slo wa- kische Dolkspartei, deren FührerHlinka erst in den nächsten Tagen aus Amerika zurückkehrt, und ohne den die Partei keinen deftnitiven Standpunkt einnehmen möchte, fordert für ihre Teilnahme an der Mehrheit eine Reihe bedeutender Zugeständnisse. Da ohne die Slowaken eine bürgerliche Regierungsmehrheit unmöglich, ist zu erwarten, dah diese Forderungen in ihrem Großteil Gehör finden werden. Auch die Haltung der tschechischen Rationalpartei innerhalb der Mehrheit läßt Schwierigkeiten befürchten. Der rechte Flügel dieser Partei, der sich durchaus im faszistischen Fahrwasser befindet, will sich mit einem tschechisch-deutschen Zusammengehen nicht einverstanden erklären und agitiert in Versammlungen und Presse gegen die Haltung der Rationaldemokratie. Rach der Auffassung dieser faszistischen Gruppe gefährdet die gegenwärtige Politik die Idee des tschechischen Rationalstaates und schädigt die tschechischen Minderheiten im deutschen Gebiet. Raturgemäh wird durch dieses Verhalten des in der letzten Zeit an Bedeutung gewinnenden faschistischen Flügels die Stellung der tschechischen Rationaldemvkratischen Partei in der Mehrheit wesentlich beeinflußt und erschwert.
Auf dem in Znaim in Mähren stattgefundenen Parteitag der deutschen Rational
Partei, an dem auch Vertreter der befreundeten Parteien aus Deutschland teilnahmen, wurde eine Entschließung angenommen, die sich gegen die Teilnahme der deutschen aktivistischen Parteien an der Regierung richtet. Die deutsche Rationalpartei steht nach wie vor auf dem Boden des Selbstbestimmungsrechtes der Sudetendeutschen.
Trotz der noch nicht abgeschlossenen Verhandlungen über die Mchrheitsbildung wird erwartet, dah die Regierungserklärung angenommen werden wird. Die Prognosen lauten auf eine ver- hältnismähig ruhige Abwicklung des vorgesehenen Parlamentär schen Programms (StaatLvoranfch'ag, Militärvorlagen usw.), und es wird angenommen, dah das gegenwärtige Regime mindestens bis zum Frühling des nächsten Jahres am Ruder bleiben werde. Allerdings ist nicht vorauszusehen, welche Entwicklung die Verhältnisse in den linksstehenden Oppositionsparteien angesichts der Wirtschaftskrise nehmen werden und in welcher Weise die praktischen Erfolge der. Zusammenarbeit zwischen tschechischen und deutschen bürgerlichen Parteien der gegenwärtigen Mehr- heitskombinativn Dauer verleihen werden. Das Gesamtinteresse der öffentlichen Meinung ist auf die innerpolitischen Vorgänge konzentriert, während der Außenpolitik fast gar keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die Vertretung des auf Urlaub befindlichen Außenministers Denesch hat der Ministerpräsident Svehla übernommen, während Gesandter K r o f t a, von dem es hieß, dah er Denesch ressortmäßig vertreten werde, wieder an seinen Amtsort Berlin zurück- gekehrt ist.
Der Kamps gegen die Kriegsschuldlüge.
3n Don n veranstaltete der Deutsche Frauen ausschuh zur Dekämpsung der S ch u l d l ü g e eine Schulungstagung, auf der die Gründerin und Vorsitzende des Ausschusses, die Reichstagsabgeordnete Frau Klara Men de die Rotwendigkeit betonte, auch im Rheinland, in dem wegen der Desetzung bisher auf diesem Gebiet nichts geschehen formte, Aufklärung zu verbreiten darüber, daß die Behauptung von der Allein- schuld Deutschlands am Kriege eine Lüge, die von Deutschlands Unfähigkeit, zu kolonisieren, eine Verleumdung und die von unerhörten deutschen Kriegsgreuel eine Schmähung unseres Heeres sei. 3m ersten Vortrag behandelte dann Professor Dr. Rothfels, Königsberg, die Vorgeschichte des Krieges. Weder die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, itoch sein Streben nach Weltgeltung habe zum Kriege geführt. Die politische Spannung, die schließlich eine Entladung notwendig gemacht, habe sich auf dem Kontinent entwickelt. England habe sie durch seine Einkreisung der Mittelmächte gefordert. Frau Dr. E. Voigt- l ä n d er, Derlin besprach die Lüge von Versailles. Die Schuldlüge stehe nicht nur in dem berüchtigten Artikel 231, sie ziehe sich durch den ganzen Vert-mg hindurch. Riemals sei vorher ein Friede geschlossen worden mit der Feststellung, daß einer der Kriegführenden ein Verbrecher sei. Wenn das diesmal geschehen sei, so habe man den Kampf aller gegen einen rechtfertigen, den Unwillen der ganzen Welt gegen den Krieg auf Deutschland ab wälzen wollen. Frau K a l ä h n e, Danzig, sprach über .Der deutsche Osten und der Friedensvertrag". Frau Reichstagsabgeordnete Klara M e n d e verbreitete sich dann über die Stellungnahme des Auslandes zu Deutschland. Frau Mende bedauerte, dah die Deutschen in Amerika sich viel zu wenig als Deutsche,_ viel zu viel als Angehörige der deutschen Stämme fühlen, erklärte das aber damit, daß die größte deutsche Auswanderung zu einer Zeit erfolgte, wo das Deutsche Reich noch nicht ober erst kürzlich gegründet worden war. Die Deutschen, die nach dem Kriege herübergekommen seien, hätten ihr Vaterland leider nicht immer würdig vertreten, meistens zu wenig ihr Deutschtum betont. Und doch sei es so, daß jemand drüben um so mehr geachtet werden und um so erfolgreicher für sein Vaterland wirken könne, je mehr er sein Volkstum betone. Die Rednerin forderte, dah auch Frauen im diplomatischen Dienst verwandt werden sollten. Professor Dr. Raab (Gießen) erläuterte die Bestimmungen und Folgen des Dawes-Abkommens und kam dabei zu dem Schluh, dah es trotz allem wünschenswert sei, die Zahlungen, soweit wie nur irgendmöglich, zu leisten, bis die Gegner um ihres eignen Vorteils willen eine für
unS günstige Aenderung wünschten. Ueber b:n Stand der Kriegsschuldforschung referierte schließlich noch Frau Abg. Mende. Sie wies auf das umfangreiche Material hin. das mittlerweile zur Beurteilung der wirklichen Sachlage sich angesammelt habe. Don grohter Wich^akeit seien davon natürlich die Veröffentlichungen von Akten: die deutschen Akten seien in weitem Umfange bekannt, von den belgischen diejenigen, die während des Krieges in unsere Hände gekommen seien. Sonst sei von den feindlichen Akten nur wenig bekannt geworden. Die englischen seien nur mangelhaft veröffentlicht worden, insbesdndere fehle alles, was die Einkreisimg betreffe. Die serbischen Akten fehlten ganz und die französischen in fast noch höherem Grade. Als drei wichtige Ergebnisse der bisherigen Arbeit in der Schuldftage betonte Frau Mende: 1. Die Schuld der serbischen Regierung am Mord in Serajewo sei nicht mehr zu bestreiten. 2. Weder Deutschland noch Oesterreich hätten vor dem Kriege irgendeine Gebietserweiterung angestrebt. 3. Die SiricgS- erklärungen Deutschlands an Rußland und Frankreich seien kein Beweis für die Schuld am Kriege. Als beschämend bezeichnete die Rednerin die Gleichgültigkeit weiter deutscher Kreise und die Schwäche unserer Regierung. Sie schloß m t einem warmen Aufruf zur Mitarbeit an das gesamte deutsche Volk.
Ieitungsschau.
3m Anschluß an die Debatte über angebliche Rückkehrgedanken des ehemaligen Kaisers nach Deutschland schreibt die .Tägliche Rundschau": .Es ist Zeit für ein ernstes Wort. Vor einigen Monaten veröffentlichte das „Berliner Tageblatt" das vertrauliche Schreiben einer Vereinigung von Männern, die sich Gärtner nennen, deswegen, weil sie sich die Pflege des monarchi- schen Gedankens zur Aufgabe gemacht haben. 3hr Werbeschreiben für Wilhelm II. wurde von einigen mit Ramen genannten, sehr konservativ gesinnten Männern aufs entschieden st emih- billigt. Wenn Wilhelm 11. heute noch wie St Zeit seiner Regierung nut den „Lokal- lueiger“ unzerschnitten liest, so sind ihm vielleicht solche Stimmen nicht zugeklungen. Es wäre aber sehr angebracht, dah ihm seine heutigen, Ratgeber mitteilen, wie sehr der „Vorwärts" mit seiner Behauptung vom Schweigen der Rechtspresse die Wahrheit trifft. Man wende nicht ein, es sei kein Grund für die Rechtspresse zu irgendeinem Bekenntnis. Seit vielen Tagen ist in der in- und ausländischen Presse die Rede von Heimkehrplänen des Kaisers, und man weih, dah Wilhelm II. fetqe Abdankung nicht als sein letztes Wort betrachtet. 3eder Monarchist, der seine Hoffnungen auf Wilhelm 11. und nicht auf seine Rachkommen setzt, mühte in diesen Tagen offen erklären, ich wünsche seine Rückkehr als regierender Kaiser, wenn die ©tunbe geschlagen hat. Die Wahrheit ist aber, dah alle Rechtsblätter schweigen, und schweigen werden, auch wenn der Anlah zu einem Ruf nach Wilhelm II. noch dringlicher wird. Es gibt eben fast keinen Monarchisten in Deutschland, der nicht fühlt, dah Wilhelm II. die Krone nicht mehr tragen tarnt Um nur zwei Dinge zu nennen, die am tiefsten in der Seele breimen: Wilhelm II. wollte sein eigener Generalstabschef sein und als unsere Schicksalsstunde an der Marne schlug, war er nicht da. Er horte meist nur auf sich, selten auf gute Ratgeber, arS es aber im Rovember 1918 galt, nur auf die Stimme seines eigenen königlichen 3nnern zu Horen, horte er andere, verlieh sein Heer und nahm seine Zuflucht in Holland. Groß ist gewih auch die Schuld des Volkes, dah sich nicht zur rechten Zeit sein Mitbestimmungsrecht gesichert hat, aber für Wilhelm II. gilt das .Wort, dah eine Krone, die in solcher Weise verloren gegangen ist, nie wieder von ihrem Träger aufgesetzt werden kann. Wenn die heutigen Ratgeber Wilhelms II. ihn über die Stimmung kxrs deutschen Volles nicht genügend unterrichten, so muh die Presse dafür sorgen, dah der Kaiser aufgeklärt wird. Wenn Wilhelm II. nach 3ahren, in ruhigeren Zeiten, als wirllicher Pr vztmann heimzukehren wünscht, wird ihm die Heimkehr wohl nicht verwehrt werden. Als Kaiser, der ein Anrecht auf die Krone geltend macht, will ihn niemand, der nach einem gekrönten Haupte in Deutschland verlangt. Keine (Stimme ermutigt die Ratgeber Wilhelms II. das Gegenteil zu glauben."
Molttes philosophisches Vermächtnis.
Sine merkwürdige Zeit, in der wir leben. Man möchte glauben, sie sei die Folge von Krieg und Revolution, wenn man nicht der kulturellen Erscheinungen gedächte, die lange vor dem Kriege in den letzten 3ahrzehnten des vorigen 3ahr- Hunderts dem Tieferblickenden manche schwere Sorge bereiteten: Die Religion verflacht, die Kirchen immer leerer — der Sekten immer mehr. Mystizismus statt der tiefen lebenwirkenden Mystik eines Eckhart.
Die Wissenschaft, einerseits durch zu gefälliges Popularisieren dem Dilettanttsmus preisgegeben, andererseits durch zu scharfes Spezialisieren der nüchternsten, verstandesmäßigsten Einsettigkeit, daneben ein Strebertum, das zu Sensationsgelüften, zur inneren Llnwahrhaftig- feit und Zersetzung führte, ein Versagen uralter, rnorschgewordener Werte — eine Technik, die den Menschen in ihre Dienstbarkeit zwang und daneben der wachsende Wohlstand in breitesten Schichten, die Freude am Schonen, das zunehmende Verständnis für Farbe und Form, eine Verfeinerung der ganzen Lebensführung.
Lind dann der Krieg, der furchtbare Krieg, der die Herzen der Menschen wieder liebefähig und opferbereit machte, der zu eigenem Denken und Handeln zwang; der die Rotwendigkeit und den Adel der Arbeit hell ins Licht setzte, der aber gleichzeitig ohne Rücksicht auf dies und jenes alle Schäden erbarmungslos bloßlegte, der wie Scheidewasser wirkte und fein säuberlich die bleibenden Werte von den Scheinwerten schied, der den Menschen die Augen öffnete und feine «Abgründe sehen ließ.
Dies alles war zu viel für die Masse. Sie geriet in Verzweiflung und Aufruhr. Die Revolution brach herein wie eine gewaltige Flut,
die sich zerstörend über das Land ergoß und toegfegte, was sich ihr hemmend in den Weg stellte.
Die Uebriggebliebenen, die Verarmten und Beraubten, unser ganzes heimgesuchtes Doll, unsere zukunftsträchttge 3ugend trat dies Chaos als Erbe an.
Diel tüchtige, fleißige Pionierarbeit ist feit- dem geleistet; Der suche über Versuche find gemacht, damit der Volkskörper gesunde, unsere 3ugend erstarke, unser Wirtschaftsleben sich hebe. Viel ist erreich: in unermüdlicher Arbeit und großer Sparsamkeit. Reformen aller Art werden erstrebt. Qlber ist es ein Wunder, wenn nach einem derartigen Zusammenbruch, nach so vielen Jahren bitterer Rot, sich auch vieles regt, das überwunden werden muß — ist es nicht begreiflich, wenn die Geister oft noch in rechter Zerfahrenheit durcheinanderwirbeln, mit Schlagworten um sich werfen, sich in Unrast und Diel- ftrebigkeit verzehren und sich im Tiefsten doch sehnen nach einem Zentrum, von dem aus sie sich zu bleibenden Werten durcharbeiten könnten, nach einem Führer, der fähig wäre, als Wegweiser zu dienen in all dieser Wirrnis?
Aus solchen Erwägungen heraus hat Max Wieser im Reichl - Verlag, Darmstadt ein wertvolles Büchlein herausgegeben: Moltkes philosophisches Vermächtnis. (544)
Die kurzen Aufzeichnungen der greifen Feldherrn sind aus seiner Sonderart und dem tiefen Erleben seiner Zeit hervorgegangen. Eie sind zeitlos, dem Ewigen entsprossen und in die Ewigkeit mündend.
Dieser große Mann, den man den Schweiger und Denker nennt, dieser Mann der Tat, der aus scharfer Konzentration heraus die Plane entwarf, nach denen er in möglichst hnger Zett und mit möglichst wenig Verlust an Menschen seine Feldzüge schlug und seine Siege erfocht, dieser Stratege, der durch seine zielftchere Tatttt
zu den größten Feldherren aller Zeiten gehört, hat nie dem Ehrgeiz gestattet, seine lauteren Motive zu trüben.
Er war ein treuer Diener seines Herrschers und seines Volkes — aber der Herrscher, dem er sich in erster Linie verpflichtet fühlte, war sein Gott, das Heiligste und Unantastbare war ihm sein Menschentum.
Er seht sich auseinander mit dem eigentlichen 3ch, dem Geist oder der Vernunft und mit der Behausung dieses 3ch, dem Körper. 3n dem Geist erkennt er den Träger des Willens, der durch Seele und Empfindung unterstützt oder irregeleitet werden kann, dessen Streben aber stets die Wahrheit und damit das Göttliche bleibt. Moltke sieht im Körper nicht nur die schützende Hülle, sondern auch alle Begierden und Unzulänglichkeiten, die den Menschen oft kopfüber in allerlei Torheiten und Verwickelungen stürzen. Aber die Vernunft, das göttliche 3ch, läßt sich die Zügel nicht auf die Dauer entgleiten. Der Körper, welcher der Erde entstammt, kehrt in all feinen Bestandteilen zu ihr zurück und wird bis ins lleinste von ihr chemisch umgewandelt und verwertet.
Die Religion jeder Konfession ist ihm ein treuer Berater der Menschen; als Kernpunkt aller Religion aber gilt ihm die Moral, und doch liebt er nicht die Prediger, die mit ihren billigen Moralpredigten die Leute zur Kirche hinauspredigen statt sich mit ihnen voller Demut vor Gottes Angesicht zu stellen und ihnen das Verständnis zu erschließen für seine Wege und Ziele.
Für alle diese Unzulänglichkeiten der einzelnen Konfessionen und ihrer Verkündiger weist et auf die direkte Verbindung des Menschen mit seinem Gott hin — auf die Stimme des Gewissens, die zu den wilden Vollern spricht so gut wie zu den Kulturvölkern. zu den einfachsten Menschen so gut wie zu den gelehrtesten
und gebildetsten. Die (Stimme des Gewissens sagt unbestochen jedem, was Gott von ihm fordert. Der Mensch darf nur sein Ohr nicht gegen diese ferne Stimme verschließen, er muh nur lernen, den Eigenwillen dem göttlichen Wlllen unterzuordnen, der sich ihm durch das Gewissen offenbart.
Ein Mann, der diese Lieberzeugung hatte und sein Leben vom innersten Kernpunkt bis zur äußersten Peripherie darnach einstellte, mußte an das Fortleben der Seele glauben. Moltke stand mit beiden Füßen fest auf der Erde und führte doch feine Seele suchend und sehnend der Ewigkeit entgegen.
Wir hören gern, daß Moltkes Ehe durchdrungen war von feinem gegenseitigen Verstehen, von zartester Rücksichtnahme und männlicher Festigkeit. Lind uns wird warm ums Herz, wenn wir uns daran erinnern, daß der kinderlose und doch so kinderliebe Mann fast täglich die Kinderschwester seines Gutes im Kreise der Kleinen besuchte, von allen Kindern mit 3ubel und naiver Vertraulichkeit begrüßt.
Töricht die Frage, was bei diesem seltenen Manne höher stand — fein Feldhermtalent oder fein einfach menschliches Leben. Aus seinem vom Mttlichen durchleuchteten Menschentum erwuchsen die Erkenntnisse und erftarften die Gaben, durch welche er zu den berühmten Führern seiner Zeit gehörte. Ob nur seiner Zeit?
Sollte diese Schlichthett, dies Wirken vom Göttlichen aus, diese tiefe Demut und Wahrhaftigkeit, diese Freude an allem Ratürlichen und Echten neben seinen großen Leistungen nicht auch unserer Zett noch vi^l zu sagen haben?
Mochte sein ehrliches, vom Geiste wahren Lebens durchdrungenes Vermächtnis vielen zur Anregung werden, um sich von seinem Standpunkt aus mit unserer Zett und ihren Forderungen auseinanderzusehen. P. L.


