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Nr. 200 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)

Spaniens Ansprüche.

Don unserem v. U.-St.-Berichterstatter. (Nachdruck, auch nut Quellenangabe, verboten!)

Madrid, 23. August 1926.

Primo de Rivera und der spanische Außenminister, Sr. V a n g u a s - M ess i a^haben in den Eommerschlununer der spanrschen Potttu eine überraschende Bewegung gebracht. Der ganz unerwartet abgeschlossene s p a n i f q) i1 a 11 c - nische Schiedsgerichts' und Neutra» litätsvertrag und namentlich die tonende Erklärung des Diktators, daß die angerz o n e der spanischen Hoheit einverleibt werden mußte, andernfalls in Kürze schwere internationale Der» Wicklungen zu erwarten seien, hat nicht nur das Madrider Kabinett, sondern auch die diplomati» schen Kanzleien Europas aufgerüttelt. Primo de Rivera sagt, Spanien sei es überdrüssig, von Europa als Fußball betrachtet und hcrumge- schleudert zu werden, Spanien will seine An­sprüche zur Geltung bringen-und den ihm gebüh­renden Platz unter der Sonne einnehmen. Rach langen Jahren der Zurückgezogenheit beginnt also hier eine Periode aktiv st er. wenn nicht aggressiver, internationaler Poli­tik f<ür Spanien. Der Außenminister Sr. Panguas versammelte in der Sommerrcsidenz von San Sebastian nicht weniger als 15 Botschafter und Gesandte um sich und legte ihnen sein Pro­gramm vor. Die Einzelheiten dieser Besprechun­gen sind nicht veröffentlicht worden, das aber, was den Zeitungen mitgeteilt wurde, geht über das Riveau des Selbstverständlichen nicht hinaus und lüstet nur sehr wenig den Schleier, der über das diplomatische Hervortreten Spaniens gebreitet ist.

Es versteht sich von selbst, daß der Minister den spanisch-italienischen Reutralitätsvertrag als ein Friedensinstrument bezeichnet, das niemand bedroht und gegen niemand gerichtet ist, daß es ferner keine Geheimtlauseln enthalten und daß Spanien bereit sei, mit Frankreich einen ähnlichen Dertrag abzuschließen, daß also in dem Abkom­men keinerlei Spitzen gegen Frankreich vermutet werden dürfen, und auch die Möglichkeit eines französisch-italienischen Vertrages vorgesehen sei, so daß dann die drei Mittelmeermächte durch gleichlautende Reutralitäts- und Schiedsgerichts­verträge untereinander gesichert seien. Es ist nun zu bemerken, daß im spanisch-italienischen Vertrage, der jetzt im Wortlaut vorliegt, zum ersten Male die üblichen sogenannten Ehren- klauseln sortgelassen sind, d. h. daß sich Spanien und Italien in einem Streitfälle, auch in einem solchen, in dem die nationale Ehre auf dem Spiele steht, verpflichten, den Konflikt einem Schiedsgericht, bzw. dem internationalen Tribunal im Haag zu unterbreiten. Bei den vielen Reibungsflächen. die zwischen Italien und Frankreich bestehen, und bei dem aggressiven Patriotismus beider Länder ist es kaum denkbar, daß auch Frankreich in einem Schiedsgerichts- Verträge nftt Italien bereit wäre, auf die Ehren­klauseln zu verzichten.

Wenn natürlich auch nichts ähnliches im Vertrage ausgesprochen worden ist, so liegt doch in der spanisch-italienischen Bindung ein Ab­rücken von Paris, oder wenigstens der Anfang einer Befreiung von der Bevormundung des Quai d'Orsay, die sich nach Abschluß des französisch-spanischen Vertrages von Madrid be- sonders bemerkbar gemacht hatte. Aber da man in Paris keineswegs einen Schatten auf die spanisch-französischen Beziehungen fallen lassen pzöchte, so macht man dort eine möglichst gute Miene zum nicht ganz guten Spiel und zeigt sich mit dem Abschluß des Vertrages zufrieden.

Im Vordergrund steht aber augenblicklich die T a n g e r f r a g e deren Aufrollung durch Primo de Rivera in allen Ländern, aber ganz besonders in Frankreich, eine große lle&er- rafchung ausgelöst hat. Besonders der Hinweis des Diktators auf drohende internatio­nale Verwicklungen, falls man den spa­nischen Ansprüchen auf Tanger nicht gerecht werde, mußte beunruhigen. Run sind ja zwar die Worte Primo de Riveras nicht immer auf die Goldwage zu legen, das Temperament des Südländers geht bei ihm leicht durch, aber da auch der ruhige Außenminister, Sr. Vanguas, Primo de Rivera beipflichtete, so müssen die spanischen Ansprüche diesmal sehr ernst ge­nommen werden. Sie Tatsache bleibt, daß wie­derum Tanger, wie vor 20 Jahren, die euro­päischen Kanzleien in Atem hält.

Es ist natürlich schwer, den Ausgang dieser Verhandlungen voraussehen zu wollen, jedoch ist vorauszusehen, daß Spanien seine kategorischen Erklärungen bezüglich Tangers nicht ohne diplomatische Vorbereitungen abge­geben haben wird. Alle interessierten Mächte werden zugeben müssen, daß die augenblickliche Lage in Tanger keineswegs befriedigend ist. Fast alle gegen den spanischen Besitz gesponnenen Intrigen und alle Verschwörungen, die in der

spanischen Zone angezettelt werden, nehmen in Tanger ihren Ursprung. Allerlei Abenteurer haben sich dort auherhalv der Reichweite deS spanischen Armes angesiedelt. Von dort auch wird hauptsächlich der Waffenschmuggel nach dem noch nicht unterworfenen Teil der Rif- zone geleitet. Die internationale Kommission be­rücksichtigt die spanischen Interessen in Tanger wenig, und, trotzdem Spanien in ihr vertreten ist, bleibt es fast immer in der Minderheit. Aus Tanger selbst kommen fortlaufend Rachrichten, daß die Bevölkerung mit dem herrschenden Statut unzufrieden ist und dem Mendub (d. h. dem Vertreter des Sultans), eine Denkschrift über­reicht hat, in der sie die Abschaffung des Statutes fordert. Die Lage der Arbeiter und Angestellten ist sehr schlecht, und die spanische Handelskammer, sowie alle Ladenbisitzer haben an die Madrider Regierung ein Schreiben ge­richtet, worin sie feststellen, daß nur die An­gliederung Tangers an Spanien sie vor dem Untergänge und dem Ruin in der in Wahrheit von aller Welt abgesperrten kleinen 3c,te retten könnte. Man braucht in diesem Rot schrei nicht unbedingt eine bestellte Arbeit zu sehen. Der Anschluß an Spanien würde der Ent­wicklung Tangers, das in seinen engen Grenzen erstickt, natürlich nur zum Vorteil gereichen.

Sollte Spanien mit seinem Verlangen durch­dringen, so wird es selbstverständlich gewisse

Verpflichtungen übernehmen müssen. Eng­land würde niemals zulassen, daß Tanger, ähn­lich wie Ceuta befestigt und zu einer mili­tärischen Basis ausgebaut werde, daß es ge­wissermaßen zu einer Gegenfestung zu Gibraltar ausgenuht würde. Auch Frankreich wird seine Forderungen stellen und schließlich hat auch der Sultan, unter dessen nomineller Oberhoheit ja Tanger steht, noch ein Mort zu sagen, das allerdings kaum gehört werden wird. Aber Spa­nien ist bereit, hier Zugeständnisse zu machen, wenn nur die augenblickliche Lage zu seinen Gunsten abgeändert wird. Ein außerordentlicher Ministerrat hat sich in Madrid unter Vorsitz des Königs, der nur zu diesem Zweck auf einen Tag seine Sommerresibenz verlieh, versannnelt. In ihm werden u. a. auch die Richtlinien zur Durch­setzung der spanischen Ansprüche festgesetzt. Spa­nien will den ihm gebührenden Platz unter der Sonne erringen.

Die Bedeutung der industriellen ttonzentrationsbewegung.

Don Professor Dr. Hermann Levy, Berlin.

Keine Erscheinung des wirtschaftlichen Wieder­aufbaues und der Reorganisation der deutschen In­dustrie ist im Augenblicke wohl interessanter und beachtlicher als die rasch fortschreitende Konzentra­tionsbewegung. Typische und besonders hervor­ragende Beispiele sind hierfür die Bildung der In­teressengemeinschaft der deutschen Farbenindustrie und die Gründung der Vereinigten Stahlwerke in Düsseldorf, die heute schon vielfach als ein Ebenbild des amerikanischenStahltrusts" bezeichnet wird. Aber es gibt tatsächlich wenige Industriezweige, in welchen man seit etwa Jahresfrist nicht ein starkes Zunehmen der Fusions- und Verschmelzungsten­denzen hätte bemerken können, wobei nur an die oberschlesischen Großeisen- und Hüttenunternehmun- gen, an die Mühlenindustrie (Miag), an die Zu­sammenfassung der süddeutschen Zuckerfabriken, die Margarineindustrie, die Zündholzindustrie, die Ze­ment-, Kali-, Automobil (Daimler-Benz)-Jndustrie usw. erinnert zu werden braucht. Die Direktion der

DlSkonto-Gejctljch.ift hat in ihrem Wirlschastsbe- richt vom 1. August dieses Jahres allem 1OU Vor­gänge namhaft gemacht, welche bedeutende Konzen- lrationsbcwcgungcn auf allen möglichen Gebieten der deutschen Großindustrie darstellen und daran einen für die Aussichten unserer zukünftigen In- dustricorganisation günstigen Kommentar geknüpft.

Das ist es denn audi, was die heutige Konzentra tionsbewcgung in der Industrie, die in erster Linie eine Horizontalkombination, d. h. eine Zusammen- fassung Gleiches-Produzierenden Unternehmungen, von den Zusammenschlüssen der Inflationszeit unter­scheidet. Denn in der damaligen Zeit wurden Un­ternehmungen von zum Teil völlig heterogenem Charakter aus anderen, als rein technisch-organisa­torischen Motiven miteinander verschmolzen. Des­halb ist auch die Beurteilung der heutigen indu­striellen Konzentrationen eine andere als damals, ja selbst eine andere als zur Zeit der großen Kartel­lierungen und Fusionen der Vorkriegszeit. Während man in den damaligen Vorgängen häufig genug eine Tendenz der Monopolisierung der Industrie häufig genug auch mit Recht erblickte, die unter Umständen volkswirtschaftliche Bedenken Hervor­rufen möchte, erscheint heute das monopolistische Moment dieser Neugründungen bei deren Beurtei­lung stark in den Hintergrund gedrängt. Man kann hier eine Autorität wie Professor Mar Gering zi­tieren, dessen wissenschaftliche Sachlichkeit stets an­erkannt worden ist und der heute in seiner Schrift

überDie deutsche Wirtschaftskrisis" ausdrücklich darauf hinweist, daß die neue Konzentrationsbe­wegung in der Großindustrie Deutschlands eine ganz spezifisch wirtschaftsorganisatorische Aufgabe zu er­füllen habe: Beschneidung der Betriebe auf das rechte Maß im Verhältnis zum Absatzmarkt und In­dustriekapital, äußerste Rationalisierung der Pro­duktionsmethoden unter Herstellung weniger Typen in höchster Vollendung, Konzentration der verfüg­baren Mittel auf Höchstleistungsbetriebe und Still­legung der anderen. Diese Formulierung ist im übrigen nicht ein bloß theoretisches Programm, son­dern sie geht auf den Bericht einer Mitgliederver- sammlung des Vereins deutscher Maschinenbauer zurück, in welcher das Vorhandensein vieler, un­rationell arbeitender Mittelunternehmungen sich ge­rade besonders ungünstig fühlbar gemacht hat. Aber auch die Vertreter der Arbeiterkreise nehmen der heutigen konzentrativen Entwicklung der Großindu­strie gegenüber keine feindselige Stellung mehr ein. Der Reichstagsabgeordnete Erkelenz, der gewißlich nicht als Unternehmer-Vertreter anzusehen ist, hat am 25. Mai d. I. einen höchst beachtlichen Vortrag über Rationalisierung der Wirtschaft vor dem Ge- werkverein deutscher Metallarbeiter gehalten, in welchem er die Einzelheiten der Rationalisierung aenau besprochen hat; er rechnet unter diese Einzel­heiten: eine Zusammenfassung gleichartiger Betriebe im Sinne der Spezialisierung, eine Kontingentie- rungsoereinbarung solcher Betriebe, die an ein und demselben Produkt beteiligt sind zur Teilarbeit an diesem Produkt, also ein Zusammenschluß, dem jedoch eine sinngemäße Rationalisierung zugrunde liegen muß.

Während die deutsche Industrie richtig erkannt hat, daß das große Leiden der Nachkriegszeit in einer Uebererzeugung besteht, und daß dieser nur durch eine gemeinsame Aktion der Unternehmungen einzelner Zweige zum Zwecke stärkerer Vereinheit- lichung und Konzentration auf die leistungsfähigsten Unternehmungen vorgebeut werden kann, haben wir in den schweren Konflikten des englischen Kohlen­bergbaues das entgegengesetzte Beispiel. Obschon der englische Bericht über den Kohlenbergbau vom Frühjahr dieses Jahres den Nachweis erbrachte, daß dieser Gewerbezweig in geradezu verhängnisvoller Weise in unzählige, zum Teil kleinste Einzelunter-

Die AeitmrsSameise belevi das Geschifft!

Römische Bäder.

Don Gustav W. Cberlein, Rom.

In Italien gibt es keinen »italienischen Salat". Es heißt hier russischer. In Rom gibt es keine römischen Bäder. Man schwitzt gratis. Allerdings gab es einmal Thermen, doch das ist lange her Parlamentarier und Zeitungen versichern, Italien könne von niemanden etwas lernen, von keinem Land, von keiner anderen Zivilisation. Wozu also moderne Badeanstalten? Rom hat doch seine grandiosen Ruinen.

Mussollni liebt das Ausgraben. Das Gräber- ausreißen, um die Zeugen der antiken Größe als Zeugen für die Größe des heutigen Rom auf- bleten zu können. Aber zweierlei bringt er nicht fertig: die Abschaffung des Singvogelmords und die Errichtung von hauptstädtischen Bädern. Un­sterblich würde er seinen Hamen machen, so be­schwor ihn ein großer Mann, wenn er durch das Mordverbot aus Italien das natürliche Vogel­paradies machen würde, das es sein könnte. Und alle Sommer staunen die Fremden über die Un- möglichkeit, ein Schwimmbad zu nehmen. Umsonst. Rom war einmal berühmt wegen seiner groß­artigen wassergesegneten Marmorhallen. Genügt das nicht?

Dem braven Quiriten genügt's. Er hat ja seine Brunnen. Den Trevibrunnen zum Beispiel könnte man ganz gut Fontan de Trevi les bains nennen. Man sitzt den Fröschen oder Molchen gleich um die weiten Wasserbecken herum, hört

es rauschen und plätschern, man plaudert und faulenzt gibt es etwas Schöneres? Wozu denn immer gleich schwimmen?

Und dann die allsommerliche Sensation, der Uomo nudo! In jedem Brennpunkt des Ver­kehrs steht so ein geeigneter römischer Brunnen mit einem mächtigen Decken, auf der Piazza Esedra, auf der Piazza Colonna, auf der Piazza di Spagna. Straßenbahnen wie Automobile ha­ben diesen erstklassigen Gelegenheiten für groben Unfug auszuweichen, wie im alten Bern den Brunnenfiguren. Um es gleich nackt zu sagen: Plötzlich wirft also ein Mann die Toga ab und schwingt sich, kühner entblößt als Perseus, ins Planschbecken. Per bacco, dieser Jubel! Schämig halten die Damen die Hand mit ge­spreizten Fingern vor die Augen, die Männer sind entrüstet und nach einiger Zeit requiriert das Auge des Gesetzes die nächstbeste Pferde­decke. Adam wird zur Wache gebracht und die Zeitungen holen das pikante Entrefilet aus dem Eisschrank: Verrückt oder ?

Kein Kunstbrunnen aber reicht mit seinen Vorzügen an die Trevifontäne heran. Hier sitzt es sich nicht nur am bequemsten, hier holt man auch das beste, das kalkfreie Wasser. (Das haupt­sächlich Verbreitete Acqua Marcia läßt schon in einem kleinen Topf eine hübsche Kalkkruste zurück.) Und dann müssen bekanntlich hier alle Fremden vor der Abreise erscheinen, um das Geldstück, das ihnen die Rückkehr nach Rom verbürgt, ins Wasser zu werfen. Immer stehen ein paar Dengel bereit, um ihnen zu zeigen, wie man das am besten macht. Der Soldo muß näm­

lich mit einer Oberarmhebung von neunzig und einem Handgelenkschwung von beinahe 360 Grad, den stumpfen Winkel am Handrücken gemessen, geschleudert werden, wenn er so kunstgerecht fallen soll, daß ihn ein normal gebauter Junge nach dem Abzug der Fremden schon mit einer Stange herausholen kann. Im Sommer aber dürfen die stranieri nach Herzenslust die Sehne spannen, bis zu den Kaskaden hinüberzielen jetzt haben die Jungens ja Badehosen an. Drei Päpste haben an diesem herrlichen Freibad ge­baut, keiner ahnte wohl, welch ein Rivalismus zwischen den soldfischenden regazzini und den fontanieri, den beamteten Drunnenreinigern um den Obolus der Miß wie der Demoiselle, des Fräuleins wie der Geisha entbrennen mußte.

Eine Zeitung hat sich kürzlich, aus Rücksicht auf den Fremdenverkehr, bitter darüber beklagt, daß gelegentlich das prächtige Decken nicht nur von dem üblichen nackten Mann, der mit seiner Extratour eine geistige Störung vortäuschen möchte, um nicht nach Tripolis verschifft zu werden oder um eine drohende Bestrafung herum- zrckommen, besucht werden, sondern auch von Menschen, die darin herumschwimmen wollen. Wie die Fische! Schwimmen!

Die Zeitung wußte nicht, daß unter dem herumsihenden Doll plötzlich das Gerücht herum- lief, es gäbe Länder auf der Erde, wo die Menschen sogar in den Städten (!!) Gelegenheit zum Schwimmen fänden, wo Schwimmhallen extra gebaut würden--! Phantastereien, die offen­

bar den Trevischwimmem in den Kopf stiegen, so

§:eitag, 27. August 1026

nehmungen zersplittert ist, die einfach unter den heu­tigen AbsatzverlMnissen und den erhöhten Produk- nonskosien nicht mehr rentieren können, haben sich die englischen Kohlcngrubenbesitzer nicht entschließen können, durch einen konzentrativen Zusammenschluß dieses organisatorischen Mißständen entgegenzu­treten. Da andererseits die englischen Arbeiter wie­der auf die kurze Arbeitszeit im Bergbau (Sieben­stundentag) nicht verzichten wollten, so hat sich der für die englische Wirtschaft so überaus verhängnis­volle und letzten Endes alle Schichten, Produzenten, Arbeiter und den Konsumenten gleichmäßig schädi­gende Zustand eines außerordentlich langen Streiks ergeben.

Man darf freilich bei Beurteilung der Konzentra­tionsbewegung unserer Industrie zweierlei nicht ver­gessen: erstens darf man auf sie, wie auch der Be­richt der Diskonto-Gesellschast heroorhebt, nicht gleich die Hoffnung setzen, daß es nun gelingen wird, die deutsche Wirtschaft etwa nach dem Stil der Ameri- lancr durchzurationalisieren. Die starke Vereinheit­lichung, Typisierung, Standardisierung der amerika­nischen Industrieerzeugung, so wie' das jetzt so viel erörterte System der Fließarbeit man ver­gleiche hierfür unter anderem die ausgezeichnete Arbeit von Arthur FeilerAmerika-Europa" (Frankfurter Sozietätsdruckerei) beruht zu einem großen Teile auf den speziellen Vorbedingungen des schon vereinheitlichten und konzentrierten amerika­nischen Massenabsatzes, das heißt eines Binnenmark­tes, der gewissermaßen schon in sich einen wirtschaft- liefenWeltteil" darstellt. Selbstverständlich wird und muß das Ausmaß der Rationalisierung bei uns ein anderes sein als dort. Man kann vielleicht annehmen, daß sie sich in Deutschland stärker auf die Organisation der Unternehmungen, Ersparnisse an Generalunkosten, Reklame, Rayonnierung des Ab­satzes-und zweckmäßige Anordnung der Verfrachtung erstrecken wird als auf die rein technische Produk­tionsmethode in der Fabrik selbst. Das jetzt jedoch den Wert der Konzentrationsbewegung nicht herab. Zweitens wird man sich darüber klar werden müf- sen, daß jede Konzentration, die auf eine Einschrän­kung der Erzeugung hinausläuft, zunächst unter Umständen zu einer verstärkten Arbeitslosigkeit füh­ren muß. Hierin liegt eine berechtigte Sorge. Allein, da der Endzweck richtig durchgeführter Konzentra- tionspolitik darin zu ließen hat, schließlich ein bil­ligeres Erzeugnis zu liefern, so wird damit wieder nach einiger Zeit eine Belebung des Verbrauches und im Zusammenhang mit dieser wieder ver­st ä r k t e r Arbeiterbedarf zu erwarten sein. Bis zu diesem Punkte muß die öffentliche Fürsorge Opfer für die Arbeitslosen bringen, die wie das Beispiel des englischen Kohlenstreiks zeigt oft das geringere Hebel gegenüber einer verheerenden Ueberzeugung zersplitterter Unternehmungen sind. Alles in allem bleibt die Konzentrationsbewegung, wenn richtig durchgeführt, eine der Hoffnungen auf dem Wege der deutschen Industrie und damit der deutschen Volkswirtschaft.

Schöffengericht Gießen.

1. Ein Arbeiter aus Frankfurt hatte von dem Wagen eines hiesigen Spediteurs ein Paket gestohlen und dessen Inhalt in einer hie­sigen Schankstelle zum Verkauf angeboten. Strafe: 5 Monate Gefängnis mit Rücksicht darauf, daß es sich um einen rückfälligen Dieb handelte.

2. Wegen Urkundenfälschung stand ein In­genieur aus Reichelsheim vor Gericht. Er hatte eine mit einem falschen Ramen unterzeich­nete Eingabe an die Staatsanwaltschaft gerichtet, in der er eine Frau und ihren Mann aus> Reichelsheim des Verbrechens gegen das kei­mende Leben beschuldigte. Es wurde auf drei Tage Gefängnis erkannt.

3. Ein Iustizinspektor aus Büdingen hatte eine Verfügung deS Richters in Privatklageal-en gefälscht und war daher wegen qualislzic'tcr Urkundenfälschung angeklagt worden. Rach län­gerer Verhandlung wurde erzueinemMonat Gefängnis verurteilt, die nach dem Gcld- strafengefeh in eine Geldstrafe umgewan­delt wurde. Die Privatklage war von dem Iustizinspektor selber erhoben worden.

Rundfunk-Programm

des Frankfurter Senders.

(Aus der »Radio-Umschau".) Samstag, 28. August.

3. 30 bis 4 Uhr: Die Stunde der Jugend. 4.30 bis 5.45 Uhr: Konzert des HauSorchcsters: Zu Goethes Geburtstag. 5.45 bis 6.05 Uhr: 'Die Lesestunde. 6.30 bis 7 Uhr: Der Briefkasten. 7 Uhr: ilebertragung aus dem Stadttheater Salz­burg (im Rahmen der Salzburger Festspiele): Die Entführung aus dem Serail". Fällt die ilebertragung infolge von Störungen ungenügend aus, so tritt folgende Aenderung im Programm ein: 7.30 Uhr: ilebertragung aus dem Frank­furter Opernhaus:Die verkaufte Braut". An- schließend bis 12 Uhr: ilebertragung von Berlin: Tanzmusik der Berliner Funkkapelle.

daß sie sich vor Begeisterung nicht mehr halten konnten.

Wieviele Deutsche leben in der Welt?

Die Zahl der Deutschen auf der ganzen Welt schätzt man auf 90 bis 95 Millionen. Die Volks­zählung am 16. Juni 1925 ergab mit dem Saar­gebiet 63 225 000 Seelen. In dem stammverwandten Oe st erreich wohnen 6,6 Millionen Menschen, darunter aber andere Rassen. In der Tschecho­slowakei leben 3,3, in der Schweiz 2,6, in Polen rund 2, in Rußland ungefähr 1,5, in Rumänien 1, in Südslawien 0,5, in Un­garn und Frankreich je 1,55, in Italien 0,25 Millionen Deutsche. Geringere Mengen leben in Belgien, Holland, Dänemark und anderen Staaten. Die Schätzungen in den Vereinigten Staa- t e n von Nordamerika schwanken zwischen 3 und 10 Millionen, weil sich nicht feststellen läßt, wieviele noch deutsch fühlen. In Kanada ist die Zahl der Deutschen durch Einwanderung auf 400 000 ange­schwollen. In Chile 35 000 und in Mexiko 30 000 Deutsche: in Südafrika zählte man früher 40 000 und in Australien 100 000. Die heutigen Ziffern stehen nicht fest, ebenso in Sibirien, wo es früher 12 000 Deutsche gab. Zur Zeit der Römer- Herrschaft in Deutschland wurden 5 Millionen Deutsche gezählt, zur Zeit der Reformation 15 Mil­lionen, im Jahre 1800 waren es 24, 1871 41,1, 1880 45,2, 1890 49,4, 1900 56,4, 1910 64,9 und am 1. Juli 1914 67,8 Millionen Deutsche.